Der Haka-Tänzer - Petra Augstein - E-Book

Der Haka-Tänzer E-Book

Petra Augstein

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Beschreibung

Ein wiederkehrender Traum macht Miriam Angst: Ein tätowierter Mann zeigt ihr einen hakenförmigen Jadeanhänger und flüstert Worte in einer ihr unbekannten Sprache. Nachdem sie herausfindet, dass der Traum etwas mit Neuseeland zu tun haben muss, entschließt sie sich, das Land zu bereisen, um der geheimnisvollen Botschaft auf die Spur zu kommen. Sie erfährt, dass Hinemoa, eine weise Maorifrau, das Symbol für sie deuten kann, und macht sich auf die Suche nach dieser Frau. Unterwegs begegnet sie dem Neuseeländer Marc. Aus unterschiedlichen Beweggründen suchen sie von da an gemeinsam nach Hinemoa. Die beiden geraten in ein Reiseabenteuer durch den Urewera Nationalpark, über die Cook Strait zur Westküste der Südinsel, von dort in die Weinlandschaft der Ostküste und zurück in die Gegend von Rotorua. Als sie endlich Hinemoa treffen, entfaltet sich ein Geheimnis aus einem früheren Leben….

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Petra Augstein

Der Haka-Tänzer

Ein Neuseeland-Roman

Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Impressum:

© Verlag Kern GmbH, Ilmenau

© Inhaltliche Rechte beim Autor

1. Auflage, Dezember 2022

Autorin: Petra Augstein

Cover/Layout/Satz: Brigitte Winkler, www.winkler-layout.de

Bildquellen Cover: adrenalinapura / stock.adobe.com,

Marina Storm / stock.adobe.com

Lektorat: Heike Funke

Sprache: deutsch

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

ISBN: 978-3-95716-380-6

ISBN E-Book: 978-3-95716-401-8

www.verlag-kern.de

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Entnahme von Abbildungen, Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, Speicherung in DV-Systemen oder auf elektronischen Datenträgern sowie die Bereitstellung der Inhalte im Internet oder anderen Kommunikationsträgern ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags auch bei nur auszugsweiser Verwendung strafbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Prolog

Der Haka-Tänzer

Prolog

Es ist eine Freude, in einer Zeit zu leben, in der sich viele Menschen um das Verstehen der Seele bemühen. Jahrtausende lebten Menschen in Angst, ob ihre Seelen im Jenseits Himmel oder Hölle zu erwarten hätten oder sie in einem späteren Leben für ein schlechtes Leben büßen müssten.

Vieles spricht dafür, dass sich individuelles Leben über Jahrtausende mittels vieler Inkarnationen entwickelt. Aus der Praxis der Rückführungstherapie, auch unter dem Begriff Reinkarnationstherapie bekannt, kann ich bestätigen, dass Menschen mit jeder Inkarnation versuchen, in ein Machtgleichgewicht zu kommen und früheres Fehlverhalten und dessen Ursachen zu korrigieren. Meistens geschieht das unbewusst und vollzieht sich entsprechend langsam. In diesen Tagen jedoch benutzen viele Menschen die bewusste Rückschau, um Vergangenes aufzuarbeiten, damit sie ihr Leben in der Gegenwart ins Gleichgewicht bringen können.

Der Haka-Tänzer

„Hei Matau, Hei Matau, Hei Matau …“, flüsterte ein braunhäutiger, alter Mann mit blau-schwarzen Gesichtstattoos, während er Miriam einen dunkelgrünen Jadeanhänger an einem glatten, schwarzen Band vor die Augen hielt. Der Anhänger erschien zuerst rund mit einer seitlichen Öffnung. Bei genauerer Betrachtung sah er aus wie ein schön gearbeiteter, flacher, glatter Haken.

Die seltsame Vision wurde akustisch von Meeresrauschen untermalt.

Miriam lag auf dem Rücken, als sie erwachte, ihre Hände waren zu Fäusten verkrampft. Sie brauchte eine Weile, um sich in der Gegenwart zurechtzufinden. Hatte sie sich alles nur eingebildet? Der große Schweißfleck auf ihrem sandfarbenen Baumwollkopfkissen bewies ihr, dass sie emotional an dem Traum stark beteiligt gewesen war. Es kam ihr seltsam vor, dass sich der gleiche Traum in den vergangenen Monaten mehrfach wiederholt hatte. Obwohl Miriam sich sehr intensiv mit Traumdeutung beschäftigte, konnte sie die gesehenen Bilder nicht deuten. Sie verglich den heutigen Traum mit den vergangenen Eintragungen in ihrem Traumtagebuch, das immer neben ihrem Kopfkissen lag, konnte aber keine Unterschiede zu den vorherigen Träumen feststellen. Die Bildfolge war immer dieselbe. Was sie in dem Traum sah und hörte, war an sich nicht beängstigend. Die begleitende Angst, Unruhe und Verkrampfung mussten andere Ursachen haben. Ihr fiel auf, dass dieser Traum immer im Zusammenhang stand mit angstvollen Ereignissen, die ihren Freund Christian, genannt Chris, betrafen.

Es war kurz vor zwei Uhr in der Nacht, aber Miriam konnte jetzt nicht mehr schlafen. Sie öffnete das Fenster und holte sich aus der Küche einen heißen Hibiskustee. Was war nur los? Miriam betrachtete die Hibiskusblüten auf der Teepackung. Herrlich, dachte sie. Ein Südseeurlaub wäre fantastisch. Um sich etwas von ihrem Traum abzulenken, kramte sie einige Kataloge für Fernreisen aus einer Kommode. Unter dem Stichwort Südsee sah sie alle Angebote für die kommende Wintersaison durch. Am interessantesten fand sie eine Rundreise über Los Angeles, Nandi, Moorea, zurück über Kuala Lumpur. Miriam hatte schon viel über Fidschi, Tahiti und Neuseeland gelesen, Dokumentationen im Fernsehen verfolgt und immer gehofft, dass ein beruflicher Auftrag sie einmal dort hinbringen würde, aber bisher hatten ihre Klienten immer andere Reiseziele ausgewählt. Miriam begleitete als Organisatorin und Übersetzerin besonders ältere oder behinderte Menschen in andere Länder. Im Rahmen dieser Tätigkeit hatte sie schon viel gesehen, aber es blieb ihr dabei selbstverständlich kaum Gelegenheit, in einem Land auf eigene Faust loszuziehen und sich zu vergnügen. Von daher wäre es sowieso aufregender, ihre bevorzugten Reiseziele als individuellen Urlaub zu buchen.

Miriam hatte vor Kurzem einen Betrag geerbt, von dem sie sich diese Reise leisten konnte. Warum und für wen sollte sie sparen? War es nicht wichtiger, sich mit dem Geld schöne Erlebnisse und außergewöhnliche Erfahrungen zu kaufen, statt es planlos auf einem Konto zu horten? Der Gedanke, eine so fantastische Reise zu unternehmen, inspirierte sie und nahm ihr die Belastung des rätselhaften Traums. Um sich noch mehr auf ihr Südseevorhaben einzustimmen, rieb sie ihre Arme mit Kokosnussöl ein. Der Duft nach Sommer, Strand und Urlaub ließ sie lächelnd einschlafen.

***

Miriam hatte die Städte Hamilton und Cambridge schon hinter sich gelassen. Es war noch immer ungewohnt, auf der linken Straßenseite zu fahren. Die Fahrt vom Flughafen Auckland betrachtete sie als Übungsstrecke. Verkrampft hielt Miriam das Lenkrad und achtete konsequent auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Geschwindigkeiten. Vor ihr fuhr ein Pick-up. Sechs junge Maorimänner in schwarzen Shirts und mit tätowierten Armen saßen auf der Ladefläche und winkten ihr lachend zu. Miriam hätte zu gern überholt, traute sich aber nicht. Als auch noch ein Polizeiauto hinter ihr auftauchte, drohten ihre Nerven zu zerreißen. Es war, als müssten alle Verkehrsteilnehmer erkennen, dass sie zum ersten Mal in einem Land mit Linksverkehr am Steuer saß.

Ein mit Äpfeln bemaltes Schild und der Aufschrift „Orchard“ veranlasste sie, ihren Blinker links zu setzen und in den Kiesweg einer Plantage einzubiegen. Pink-violette Bougainvilleas umrandeten einen großen freien Parkplatz. Miriam atmete mehrmals tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. Die lange Anreise mit einem Zwischenstopp in Los Angeles machte ihr noch zu schaffen. Zwar konnte sie sich im Flughafen von L. A. eine saubere Schlafkabine mieten, aber an Schlaf war in dem extrem klimatisierten Raum nicht zu denken. Nach fünf Stunden fühlte sie sich darin trotz Decke wie tiefgefroren. Auch jetzt waren ihre Beine noch geschwollen und die niedlichen Ballerinas schienen zwei Nummern zu klein zu sein. Mühsam stieg sie aus dem weißen Toyota und lief langsam auf das grüne Hofgebäude zu. Miriam bestellte im integrierten Coffeeshop einen Kaffee und zwei Blueberry-Muffins. Zum Mitnehmen wählte sie Braeburn-Äpfel und ein Glas Manukahonig. Ein blonder, sommersprossiger Verkäufer verstaute ihren Einkauf in einer Papiertragetüte und wünschte ihr einen angenehmen Nachmittag.

Es war inzwischen Spätnachmittag. In der Ferne sah Miriam eine mittelhohe Bergkette, überzogen von dünnen weißen Wolken an einem postkartenblauen Himmel. Er kam ihr viel klarer und blauer vor als ein Sommerhimmel in Deutschland. Das Weideland auf der einen Seite und die Obstbaumwiesen auf der anderen erschienen ihr grüner und die Menschen, denen sie bisher begegnet war, aufgeschlossener als zu Hause. Sie fragte sich, ob ihre Einschätzungen realistisch waren oder ob es nur daran lag, dass sie endlich Urlaub hatte.

Beim Rückweg zu ihrem Wagen wurde Miriam immer langsamer und ihre Beine wurden schwerer. Sie entschloss sich, jetzt alle Sorgen abzustreifen und sich auf einen langen, erholsamen Urlaub einzulassen. Schließlich war sie ja schon im Land ihrer Träume angekommen. Mythen und landschaftlicher Zauber, übermittelt durch Bücher und Filme, formten ihre Fantasie schon, lang bevor sie sich auf den Weg gemacht hatte.

Sie ließ sich in den grauen Velourssitz ihres Wagens sinken. Nur kurz die Augen schließen … Hinter ihren geschlossenen Lidern tanzten die zarten Blüten der Bougainvilleas im leichten Sommerwind. Das milde Licht- und Farbenspiel wirkte auf Miriam wie eine sanfte, einlullende Hypnose. Nur kurz ein wenig entspannen …

Wieder erschien vor ihr das übliche unheimliche Traumbild mit den Worten „Hei Matau …“

Als es mehrmals mit Nachdruck gegen die Seitenscheibe ihres Autos klopfte, war die Sonne bereits am Untergehen.

„Hallo, sind Sie okay? Kann ich etwas für Sie tun?“

Miriam erschrak und musste sich erst besinnen, wo sie sich befand.

Eine etwa 60-jährige Maorifrau stand mit besorgter Miene auf dem Kiesweg. Als sie sah, wie Miriam die Augen öffnete, lächelte sie erleichtert.

Miriam öffnete ihr Seitenfenster und erklärte, dass sie wohl ungewollt eingeschlafen war.

„Kein Problem. Ich bin froh, Sie frisch und gesund zu sehen! Ich hatte schon Angst, Sie wären ohnmächtig.“

„Nein, nein, danke für Ihre Fürsorge. Das war sehr lieb von Ihnen. Ich habe einen langen Flug hinter mir und bin wahrscheinlich deshalb ein wenig von der Rolle.“

„Sie sprechen einen leichten Akzent, aber ich kann nicht erkennen, aus welchem Land Sie kommen.“

„Ich komme aus Deutschland.“

„Sind Sie zum ersten Mal in Neuseeland?“

„Ja, aber das Land kommt mir bereits sehr vertraut vor. Es ist herrlich und ich habe die Fahrt von Auckland hierher sehr genossen.“ Den Stress mit dem Linksverkehr verschwieg Miriam lieber.

„Ich bin Keri“, stellte sich die Maorifrau strahlend vor, worauf Miriam ebenfalls ihren Vornamen bekannt gab.

„Wo willst du heute noch hin?“, wollte Keri wissen.

„Ich möchte in die Gegend von Rotorua und mir dort irgendwo eine Unterkunft suchen.“

„Oh, meine Liebe, das ist noch weit. Du bist müde und kennst dich nicht aus. Ich schlage dir vor, mit zu meiner Farm zu kommen und bei mir zu übernachten.“

„Aber Keri, du kennst mich doch gar nicht.“

„Vor 20 Minuten kannte ich dich noch nicht, aber jetzt schon. Wir Neuseeländer sind weltoffene, gastfreundliche Menschen, und ich sehe doch, dass du dich kaum noch hinter dem Lenkrad aufrecht halten kannst.“

„Ja, okay, dann nehme ich dein Angebot gern an. Danke für dein Entgegenkommen“ erwiderte Miriam mit einem matten, aber warmen Lächeln.

„Folge dem alten, grünen Honda“ forderte Keri sie auf, indem sie auf ein klappriges Fahrgestell zeigte. „Wir brauchen für die Strecke etwa 20 Minuten. Fahr nach dem Einbiegen in die Old Mill Road bitte besonders vorsichtig. Es gibt dort viele Schlaglöcher.“

Dieser Hinweis stellte sich als sehr zutreffend heraus. Nachdem Miriam Keris krächzendem, angerostetem Honda zehn Minuten gefolgt war, bogen sie in einen holprigen Weg ein. Tiefe Fahrrillen in getrocknetem Lehm mit steinigen Abschnitten boten einer straßenverwöhnten europäischen Städterin nicht das gewohnte Fahrvergnügen.

Das mit weißen Schindeln verkleidete Farmhaus schien mindestens dreimal so alt wie Keris Auto zu sein. Die Eingangsfront samt Terrasse war nach Norden ausgerichtet und somit ganztags der Sonne ausgesetzt, wovon die gebleichte und bröckelige Holzvertäfelung zeugte. Rund um das Farmhaus reihten sich Gemüsebeete, unterbrochen von blühenden Zierpflanzen. Erst in weiter Ferne konnte Miriam eine große Rinderherde ausmachen. Ein alter Hund, der keiner Rasse zuzuordnen war, bewegte sich langsam von der Rückseite des Hauses zur Terrasse, ohne Miriam zu beachten. Er kämpfte sich drei Treppenstufen nach oben und machte es sich auf der Terrasse auf seiner Filzdecke gemütlich.

Keri half Miriam beim Hereintragen ihres Gepäcks und führte sie in ein Zimmer auf der Südseite des Hauses. Es war angenehm kühl, schlicht und freundlich ausgestattet mit einem Pinienholzbett, einem doppeltürigen Schrank sowie Tisch und Stuhl aus gleicher Holzart. Ein grün lackierter Rattan-Schaukelstuhl komplettierte die grüne Bettdecke und den grünen Wollteppich. Da Miriam bereits am kommenden Morgen weiterreisen wollte, hielt sie sich nicht mit dem Auspacken ihrer Taschen auf, sondern ließ sich von Keri die Dusche zeigen. Miriam genoss das warme Wasser und den English-Rose-Duschschaum, bevor sie sich in einen kuscheligen königsblauen Frottee-Anzug packte, um sich mit Keri auf der Terrasse zu treffen.

„Mein Bruder Feleti wird gleich nach Hause kommen. Er war heute in Cambridge und hat sich Rassepferde angesehen. Es spukt in seinem Kopf herum, unsere Rinderfarm zu verkleinern und Pferde zu züchten. Ich kann mich damit nicht so richtig anfreunden.“

„Kannst du reiten?“

„Ja, selbstverständlich. Wir sind mit allerlei Tieren groß geworden, aber deshalb will ich nicht gleich Pferde züchten. Reitest du?“

„Bin bisher nur auf Kamelen geritten“, erinnerte sich Miriam schmunzelnd.

„Erwähne das bloß nicht bei Feleti, sonst kommt er noch auf die Idee, Kamele und Dromedare vor unser Haus zu stellen“, lachte Keri, während sie den Tisch mit Bratkartoffeln, Toast, Bohnen in Tomatensoße und einem duftenden Braten deckte. Gerade als sie eingedeckt hatte, erschien ein dunkelgrüner Jeep und parkte neben Miriams Auto. Ein großer, kräftiger Mann mit anthrazitfarbenem Haar und dunkler Haut stieg aus und lief mit ausholenden Schritten zur Terrasse. Rocky, der alte Hund, klopfte freudig mit dem Schwanz auf seine Decke, hob den Kopf und genoss das Streicheln und Beklopfen seines Herrchens.

„Kia ora, ich bin Feleti, Keris Bruder. Du kannst mich Fel nennen.“

„Hallo, ich bin Miriam. Keri hat mich vorhin in der Plantage aufgesammelt und zu eurem Haus gebracht.“

„Schön, dich kennenzulernen. Ich hoffe, es gefällt dir bei uns.“

Inzwischen stemmte Keri mit ihrem linken Arm die Terrassentür auf. Ihr Tablett war beladen mit Gläsern, Eiswasser und einer Flasche Chardonnay.

„Die passt zwar nicht ganz zu Bohnen“, meinte sie, „aber ich habe schon so lang auf eine Gelegenheit gewartet, sie zu öffnen, sodass die Flasche jetzt dran ist.“

„Keri lässt keine Gelegenheit für einen guten Wein aus.“ Ihr Bruder lächelte verständnisvoll.

„Cheers, ihr Lieben“, prostete Keri den beiden zu. „Auf einen schönen Abend mit unserer netten Besucherin aus Übersee.“ „Cheers“, stimmten Miriam und Fel ein.

„Das ist ja ein köstlicher Tropfen.“ Da es inzwischen zu dunkel war, um im Kerzenschein das Etikett zu lesen, fragte Miriam, aus welchem Anbaugebiet der Wein komme.

„Er stammt aus der Nähe von Blenheim. Unser Cousin Hone ist bei einem in Neuseeland lebenden deutschen Winzer ausgebildet worden und hat später ein eigenes Anbaugebiet gekauft“, berichtete Fel stolz.

„Wenn du vorhast, zur Südinsel zu fahren, solltest du sein Weingut besuchen. Es wird dir gefallen“, fügte Fel hinzu.

„Das werde ich sogar sehr gern besichtigen. Ich freue mich schon darauf, euren Cousin kennenzulernen.“

„Er wird sich auch freuen, wenn du ihn besuchst. Ich werde ihn in den nächsten Tagen sowieso anrufen und ihm von dir erzählen. Hone sucht eine Frau. Vielleicht gefällt dir der Bursche ja.“

„Fel, rede keinen Unsinn!“ Keri verdrehte die Augen.

„Du kannst Miriam doch nicht mit unserem redefaulen Cousin verkuppeln.“

„Weißt du“, sagte Keri an Miriam gewandt, „Hone ist ein wirklich lieber und fleißiger Kerl, aber für die meisten Frauen sicher zu langweilig. Er geht nicht tanzen, in kein Theater, nicht mal in ein Kino. Dazu ist er extrem schweigsam, redet wirklich nur das Allernötigste. Du stellst dir bestimmt einen anderen Mann als Lebenspartner vor. Außerdem wissen wir gar nicht, ob du schon einen Partner hast …“

Keri wartete gespannt auf eine Äußerung.

„Ja, da gibt es schon jemand in meinem Leben, aber es ist nicht einfach mit ihm, und ich weiß nicht, wie es mit uns weitergehen wird“, entgegnete Miriam mit einem Seufzen und Wehmut in der Stimme.

Die Stimmung war damit umgeschlagen. Keri und Fel bedauerten, dass sie offensichtlich ein heikles Thema angeschnitten hatten, und Keri versuchte, die Situation aufzulockern.

„Mach dir keine Sorgen, Liebes. Sicher wird sich einiges während deines Urlaubs in unserem schönen Land wie von selbst klären. Go with the flow!“

Miriam versuchte zu lächeln. „Sicher“, flüsterte sie verzagt. „Ich denke, ich sollte jetzt schlafen gehen. Es war ein anstrengender Tag. Wann steht ihr morgen auf?“

Keri und Fel lachten. „Auf alle Fälle zu früh für dich. Wir gehen zwischen vier und fünf Uhr zum Melken auf die Weide. Schlafe du dich bitte aus. Wir stellen dir ein Frühstück auf die Veranda.“

„Das ist ganz entzückend von euch“, sagte Miriam gerührt. „Ihr seid beide sehr lieb und ich danke euch ganz herzlich für eure Gastfreundschaft.“

„Das ist doch selbstverständlich“, erwiderte Keri. „Schlafe gut und süße Träume! Du weißt, dass sich der erste Traum in einem anderen Haus erfüllt.“

„Das sagt man bei uns auch. Schlaft auch gut. Ich freue mich schon auf morgen.“

„Nite, nite!“

Miriam ließ das Fenster ihres Schlafraums geöffnet und genoss den sich vermischenden Duft des Gartens und der Weidewiesen, den eine sanfte Abendbrise hereintrug. Nachdem sie im Bett die Augen geschlossen hatte, zogen noch mal viele Bilder des Tages vorbei, bis sie in einen tiefen Schlaf fiel.

Es war stockfinster, als Miriam verschwitzt aufwachte. Erst nach einer Weile wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Sie tastete nach ihrem Reisewecker. Die beleuchtete Anzeige ließ zehn Minuten nach zwei Uhr erkennen. Wieder einmal hatte Miriam ihren Standardtraum ertragen müssen. „Hört das denn nie auf?“, fragte sie sich selbst. Miriam drehte ihr Kissen auf die trockene Seite und versuchte, wieder einzuschlafen. Sie hatte völlig vergessen, Chris eine SMS zu senden, dass sie gut angekommen war. Er hatte sich allerdings auch nicht gemeldet.

Es war nicht die Beziehung, die sie sich gewünscht hatte. Chris war Architekt. Nicht etwa einer von der praktischen Sorte, der Einfamilienhäuser und Garagen in heimeligen Vororten entwarf. Nein, er war eher der Künstler, der das Außergewöhnliche kreierte und sich mit seinen extravaganten Einfällen für alle Zeiten Denkmäler setzen wollte. Dabei hatte er dafür keinesfalls die nötige kapriziöse Klientel. Dadurch hing er oft genug seinen Eltern und Miriam auf der Tasche. Immer wieder schaffte er es, sie mitleidig zu stimmen und ihr Geld abzuschwatzen. Der nächste Auftrag würde bestimmt alle Verluste wieder einfahren, war seine Denkweise. Wenn tatsächlich ein seltener Auftrag erfolgte, hatten sich zwischenzeitlich so viele Schulden angehäuft, dass Chris erst seine Gläubiger abfinden musste und für Miriam zur Rückzahlung nichts mehr übrig blieb. Natürlich brauchte er aus repräsentativen Gründen ein Auto der gehobenen Klasse, eine Wohnung in bester Citylage mit integriertem, modern gestyltem Büro, Designer-Mobiliar nur vom Feinsten und für die Verkostung seiner eventuellen Kunden Fünf-Sterne-Restaurants.

Für Miriam hatte er nie viel Zeit investiert. Er kam, wenn er Lust auf sie hatte, und blieb so lang oder kurz, wie es ihm passte, ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse zu nehmen. Miriams Freunde hatten ihr oft geraten, sich von ihm zu trennen, und ihre Logik gab ihnen recht. Sie hatte schon einige Trennungsversuche unternommen, ihn dann aber jedes Mal schmerzlich vermisst. Chris ging es offenbar ebenso, aus welchen Gründen auch immer. Einer von beiden rief dann wieder an oder sie trafen sich an den unterschiedlichsten Orten – wie von magnetischen Kräften angezogen.

Seine Vorzüge: Chris war eine sehr männliche Erscheinung. Miriam konnte sich keinen Mann vorstellen, der mehr auf sie wirkte als Chris. Er konnte sehr charmant sein, wenn er sie wollte, aber auch sehr kalt, abweisend und verletzend, wenn er auf sich selbst bezogen war. Chris war ein intelligenter, gut informierter Unterhalter, wortgewandt, amüsant, zuweilen sarkastisch. Nie zuvor war für Miriam Sex aufregender gewesen als mit Chris. Er war einfallsreich, ausdauernd, tierisch und in seiner Bettsprache aufreizend ordinär. Miriam konnte mit ihm Sex hemmungslos genießen, ihre geheimsten Fantasien erproben und ausleben, und sie war sich bewusst, dass ihm das unendlich imponierte und heißmachte. Man musste eigentlich von einer starken gegenseitigen Abhängigkeit sprechen. Was er Miriam nie bieten wollte, war Herzenswärme, Unterstützung und Sicherheit. Das hinterließ in Miriam eine große Sehnsucht und die Problematik, damit umzugehen. Wenn in ihrem Alltag alles glattlief, konnte sie sich einreden, dass sie dieses ganze Paargetue, das sie sonst bei anderen beneidete, gar nicht brauchte und eine feste Bindung sie nur einengen würde. Das wechselte mit Zeiten, in denen sie sich auf vielfältige Weise seine Zuwendung mit Tricks erschleichen wollte. Half das nichts, zog sie sich trotzig zurück und verweigerte sich, bis das Verlangen nach ihm so groß wurde, dass sie sich wieder vereinten. Manchmal nannte sie ihn spöttisch ihren Teilzeit-Lover. Leider konnte sie diese lockere Haltung nicht lang aufrechterhalten. Dann versuchte sie, ihm ihre Situation zu erklären, in der Hoffnung, dass er sie verstand und ein Einsehen hätte – aber er wollte nicht verstehen. Ihr war nicht klar, ob er darüber wirklich so zornig war, wie er immer vorgab, oder ob ihm seine Machtposition guttat und er sie deshalb noch mehr demütigte. Es war ein teuflischer Kreislauf, aus dem Miriam keinen Ausweg fand. Die Reise nach Neuseeland war für sie auch eine Auszeit, um Luft zu holen, innere Klarheit zu bekommen und vielleicht eine Lösung zu finden. Im Moment zweifelte Miriam an einer Lösung ihres Problems. Neuseeland war ein fantastisches Land, aber schließlich hatte sie ihre Sorgen mitgebracht und konnte sie nicht an der Grenze abgeben. So entschloss sie sich dazu, den Dingen ihren Lauf zu lassen und zu beobachten, was geschehen würde. Wie Keri so schön gesagt hatte: „Go with the flow.“ Mit diesem Gedanken beruhigte sich Miriam und schlief wieder ein.

„Hi, Miriam, gut geschlafen?“, rief ihr Fel von seinem Quad gut gelaunt zu.

Er kam gerade von der Weide zurück. Es war kurz nach sieben Uhr. Miriam staunte, wie er und Keri diese langen Tage durchhalten konnten, da sie ja offensichtlich schon einige Stunden auf den Beinen waren und es gestern Abend spät geworden war.

„Ja, super, danke. Wo ist Keri?“

„Sie holt etwas bei unserer Tante im Dorf für dich und bringt bei dieser Gelegenheit auch gleich frische Brötchen mit.“ In diesem Moment bog ein lauter Motorroller in die Hofeinfahrt.

Ein rothaariger Junge von circa 16 Jahren schob eine Zeitung in das dafür vorgesehene Aluminiumrohr.

„Guten Morgen, Luke!“

„Hallo, Fel, kommst du heute Abend in das Pub? Wir proben für Teds Geburtstag. Ein paar neue Songs stehen auf dem Programm.“

„Werde mich bemühen, es zu ermöglichen.“

„Würde mich freuen“, erwiderte Luke, während er seinen knatternden Roller wieder auf den steinigen Weg lenkte.

Fast zeitgleich mit seinem Wegfahren erschien ein blauer Kombi und zwei Frauen in grünen Overalls brachten einige Steigen mit blühenden Zierpflanzen.

„Irgendwann wird Keri mit diesem Zeug die komplette Einfahrt zugepflanzt haben, und wir müssen zum Haus fliegen“, brummte Fel vor sich hin.

„Das habe ich gehört“, knurrte Keri vorwurfsvoll zurück, die inzwischen vom Dorf zurückgekommen war. „Du hast keine Ahnung von Wohnkultur. Nur weil unsere Eltern keine Blumen gepflanzt hatten, müssen wir es nicht auch so machen.“ „Das war schon immer ein Streitthema zwischen uns“, erklärte Keri, an Miriam gewandt, schelmisch schmunzelnd. „Dafür hat Fel seine Pferde.“

„Ich dachte, er will sich erst welche anschaffen“, wunderte sich Miriam.

„Ja, für die Züchtung, aber er hat bereits zwei Reitpferde auf der Koppel. Wenn du magst, kannst du sie dir nach dem Frühstück anschauen.“

„Sehr gern“, antwortete Miriam, während Keri die duftenden Brötchen in einem Weidenkörbchen auf den bereits gedeckten Tisch stellte.

Miriam war froh, dass sie nicht gefragt wurde, was sie geträumt hatte. Obwohl ihr durch die nächtliche Grübelei etwas Schlaf fehlte, fühlte sie sich frisch und unternehmungslustig. Keri stellte ein Glas Instantkaffee und den mit heißem Wasser gefüllten elektrischen Wasserkocher auf den Tisch. Miriam wunderte sich etwas, dass es keinen Filterkaffee gab, aber es sollte sich später herausstellen, dass der Instantkaffee zu den neuseeländischen Gepflogenheiten gehörte.

Fel holte eine Straßenkarte und erklärte Miriam den Weg nach Rotorua.

„Du kannst gern noch ein paar Tage bei uns bleiben. Wir zeigen dir das Farmland und stellen dich unseren Nachbarn vor“, bot Fel ihr herzlich an.

„Ihr seid so goldig“, antwortete Miriam mit ihrer weichen Stimme. Das Gefühl, willkommen zu sein, tat ihr gut. „Ich fühle mich sehr wohl bei euch, werde aber nachher losfahren. Selbstverständlich sehe ich mir vorher noch Fels Pferde an. Wenn es euch recht ist, besuche ich euch noch einmal auf meinem Rückweg.“

„Jederzeit sehr gern“, bestätigten beide wie aus einem Mund. „Du bist uns immer sehr willkommen, und falls du während deines Aufenthalts irgendwelche Probleme hast, rufe uns bitte an. Wir haben im ganzen Land Verwandte und Freunde und können sicher helfen.“

„Ihr gebt mir dadurch viel Sicherheit und Geborgenheit. Ich danke euch beiden ganz herzlich.“

Nach dem Frühstück reichte Fel ihr ein Paar Gummistiefel. „Mit deinen Schühchen kannst du nicht über die Weide laufen!“

Miriam zog sie gehorsam an, obwohl sie ihr nicht gefielen, und folgte Fel auf einem Weg, der ihr bisher noch nicht aufgefallen war. Er nahm hinter einem Pohutukawa-Baum seinen Anfang. Der Boden war übersät von federleichten, roten Pohutukawa-Blüten. Danach setzte der Pfad sich entlang eines Holzzaunes fort. Sie liefen etwa 40 Minuten bis zu einer von Erlen umgebenen Koppel. Zwei Pferde grasten im Schatten der Bäume. Als Fel durch die Finger pfiff, spitzten sie die Ohren und trabten munter auf ihn zu.

„Das sind Leila und Shirin, beides Araberstuten“, erklärte Fel stolz.

„Oh, herrliche Tiere“, sagte Miriam mit aufrichtiger Bewunderung.

Sie waren nicht so hochbeinig wie die Pferde, die sie von zu Hause kannte. Ihr haselnussbraunes Fell glänzte seidig und ihre großen, dunklen Augen waren sanft und feurig zugleich. Shirin duldete Miriams streichelnde Hand und drückte zustimmend ihren schlanken, kurzen Kopf gegen ihre Handfläche. Die etwas zurückhaltende Leila traute sich schließlich auch in Miriams Nähe und stupste mit ihren Nüstern Miriams Arm.

„Von diesen Tieren geht so eine liebevolle Energie aus“, schwärmte Miriam.

„In der Tat“, bestätigte Fel. „Wenn ich einen schlechten Tag hatte und mich zu den Pferden zurückziehe, spüren sie es und trösten mich mit ihrer Zuwendung. Es ist, als würden ihre liebevollen Augen in meine Seele blicken.“

„Vermutlich ist das auch so. Ich habe ein Buch von Rupert Sheldrake gelesen und einen seiner Vorträge in Frankfurt besucht. Tiere können sogar in einer großen Distanz viel mehr von uns Menschen wahrnehmen, als wir uns vorstellen können. Alle Lebewesen sind auf wundervolle Weise miteinander verbunden.“

„Ich kenne Rupert Sheldrake nicht, aber wir Maori sind von dieser Einstellung überzeugt. Es ist schön, dass du in diesem Punkt nicht wie die meisten Pakehas denkst“, antwortete Fel. „Was sind Pakehas?“, wollte Miriam wissen.

„Die Weißen“, antwortete Fel ohne weitere Erklärungen und klopfte wohlwollend Leilas Rücken.

Um das Schweigen zu brechen, fragte Miriam: „Planst du, Araberpferde zu züchten?“

„Eigentlich bin ich mir noch gar nicht sicher, ob ich überhaupt Pferde züchten werde. Ich informiere mich diesbezüglich in alle Richtungen, aber vielleicht bleibt es auch nur ein Traum“ antwortete Fel, indem er sich mit der rechten Hand nachdenklich über sein Kinn strich.

„Wäre doch schön, diesen Traum zu realisieren. Vielleicht ist die Zucht von Araberpferden etwas Neues in Neuseeland.“ „Nein, es gibt bereits eine große Araberzucht und überhaupt sind diese Pferde in Neuseeland schon lang bekannt. Die ersten kamen mit einer Schiffsladung Merinoschafe auf der Südinsel an. Das erste reinrassige Araberpferd wurde 1840 in Neuseeland registriert. 1875 kam das berühmte Pferd Hadj Baba nach Canterbury und 1878 Arab Child zur Hawke’s Bay“, erzählte Fel.

„Sehr interessant. Welche Rassen werden hier sonst noch gezüchtet?“

„Grundsätzlich ist Neuseeland mit seinen riesigen Weideflächen und dem günstigen Klima für alle Pferderassen ein ideales Land. Beliebt sind die europäischen Warmblutzuchten aus Deutschland, Holland, Frankreich und Irland. Ich habe mir bereits belgische, schwedische und russische Warmbluter angesehen.“

„Ein spannendes Thema“, stellte Miriam fest. Sie wunderte sich über die eigene Begeisterung, die das Gespräch über Pferde in ihr auslöste. Irgendwie kam ihr das alles sehr vertraut vor, obwohl sie von Haus aus keine Berührungspunkte zu Pferden hatte. Sie sah sich in Gedanken über sanfte grüne Hügel reiten und verspürte dabei ein Gefühl von Freiheit und Entspannung.

„Wo könnte man sich noch mehr Informationen einholen?“, wollte sie wissen.

„Hm, das kann ich dir so ad hoc nicht sagen. Es gibt einen Sir Patrick Hogan. Er gilt als King of down under horse breeding“, sagte Fel lachend. „Vielleicht kann er dir helfen.“

„Danke“, meinte Miriam schmunzelnd. „Mit einer Dilettantin wie mir wird er sich wohl kaum abgeben.“

„Wenn du dich so sehr für Pferde interessierst, würde dir sicher der Melbourne Cup gefallen“, fuhr Fel mit dem Thema fort.

„Es wäre eine Überlegung wert. Vielleicht im nächsten Urlaub, denn Australien interessiert mich auch. Ich glaube, ich sollte mich jetzt allmählich auf den Weg machen, sonst komme ich heute wieder nicht nach Rotorua.“

„Okay, Miriam, wir machen uns auf den Rückweg.“ Sie streichelte die beiden Pferde zum Abschied, während Fel seine Lieblinge mit ein paar Karotten fütterte. Auf dem Weg zum Farmhaus waren beide schweigsam. Miriam war gedanklich und gefühlsmäßig mit Pferdefantasien beschäftigt und fragte sich selbst, warum sie das alles so vertraut und wohltuend berührte. Es kam ihr sogar in den Sinn, ob sie mit einem Mann wie Fel ihr Leben verbringen könnte. Miriam hatte in ihrem Leben schon mehrere Ansätze zu einer passenden Beziehung unternommen, aber immer kam etwas Unglückliches dazwischen. Wie oft hatte sie es erlebt, dass Männer voller Bewunderung für sie waren, und plötzlich ereignete sich etwas Seltsames und alles löste sich wie eine Fata Morgana auf. Sie mutmaßte, dass sie vielleicht deshalb Chris nicht loslassen konnte. Vielleicht hielt sie nur die Angst bei ihm, keinen passenden Partner mehr zu finden. Verstärkt wurde diese Furcht von ihrer Vorstellung, sie wäre zu dick und unförmig. Komplimente für ihr Aussehen konnte sie nicht ernst nehmen.

Sie hatten wieder den rot blühenden Pohutukawa-Baum erreicht. Es kam Miriam vor, als wäre sie mit dem Verlassen dieses Weges aus einer anderen Welt in das aktuelle Leben zurückgekehrt. Als sie in die Nähe des Farmhauses gelangten, umwehte sie würziger Grillduft. Keri hatte die beiden schon von der Terrasse aus gesehen und winkte sie fröhlich heran.

„Miriam, du wirst jetzt noch mit uns zusammen zu Mittag essen! So viel Zeit hast du noch! Es gibt Brathähnchen und Nudelsalat“, befahl Keri. Ohne auf eine Antwort zu warten, schob sie Miriam zum gedeckten Tisch, sobald sie die Stufen zur Terrasse heraufgekommen war.

Miriam wollte etwas antworten, aber Keri schnitt ihr wohlwollend das Wort ab:

„Setzen, Widerrede zwecklos!“ Mit diesen Worten platzierte sie ein halbes Hähnchen neben einem Nudelsalathügel auf Miriams Teller.

„Bevor ich mich schlagen lasse“, willigte Miriam munter ein. Ihr tat die Selbstverständlichkeit, mit der Keri sie bemutterte, sichtbar wohl.

„Mich bevormundet Keri auch ständig“, meinte Fel grinsend. „Am besten, du machst, was sie sagt, um Ärger zu vermeiden.“

Keri klatschte ihm, Zorn vorspielend, auch ein halbes Hähnchen auf den Teller.

„In diesem Fall lasse ich mich wirklich sehr gern bevormunden. Das Essen ist einfach köstlich. Ich bin froh, mit euch essen zu dürfen. Der göttliche Hähnchenduft hätte mich noch bis Rotorua sehnsüchtig gestimmt.“

Nach der fröhlichen Mahlzeit bestand Keri noch auf ein gemeinsames Tässchen Kaffee. Das ‚Tässchen‘ war ein Riesenbecher. Keri reichte Miriam das Glas mit Instantkaffee und wartete bereits mit dem Wasserkocher, um ihr heißes Wasser in den Becher zu gießen.

„Hier haben wir noch etwas zum Abschied für dich. Es soll dir Glück bringen!“ Mit diesen Worten schob ihr Keri eine kleine Schachtel zu, die sie in eine feine seidige, mit Rosen bedruckte Serviette gepackt hatte.

„Für mich? Aber …“