Der Hasser - Joachim Jorga - E-Book

Der Hasser E-Book

Joachim Jorga

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Beschreibung

Der Gymnasiallehrer Leonard ertappt in seinem Schrebergarten am Stadtrand von Hannover einen Einbrecher beim Diebstahl von Chemikalien, die Leonard zum Restaurieren alter Möbel benötigt. Als Lehrer für Chemie weiß er, dass sich daraus auch Acetonperoxid, ein gefährlicher Sprengstoff, herstellen lässt. Sofort kommt ihm das Nagelbombenattentat des Nationalsozialistischen Untergrunds in den Sinn, bei dem dieser Sprengstoff verwendet wurde, wie auch die Anschlagspläne der vier Dschihadisten, die man vor einiger Zeit im Sauerland verhaftet hat. Mit einem kühnen Handstreich gelingt es Leonard, den Einbrecher zu überwältigen. Doch anstatt ihn der Polizei zu übergeben, will er gegen den mutmaßlichen Neonazi oder Dschihadisten auf eigene Faust ermitteln. Als Mitglied eines Vereins von Sportfischern hat er Zugang zu einem einsam an einem See gelegenen Anglerheim. Dort kommt es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf Leonard den Mann niederringt und fesselt. Unterdessen recherchiert seine Tochter Wibke zu Hause im Internet über den Verlauf der Ereignisse in der Ukraine. Sie befindet sich in der Ausbildung und ist mit dem Libanesen Fouad befreundet, dessen Familie nach der Zerstörung ihres Hauses bei einem Luftangriff der israelischen Armee aus Beirut nach Hannover geflohen ist. Wibke ahnt nicht, dass Fouads Bruder als Salafist verdächtigt und vom Staatsschutz beobachtet wird. Sie käme nie auf den Gedanken, dass auch ihr Vater in diese Sache verwickelt ist. Während sie im Internet unterwegs ist, entlockt Leonard dem gefesselten Einbrecher Stück für Stück dessen Identität, bis er erkennt, dass ihm dieser Mann nicht fremd ist. Aus Erinnerungsfetzen formt sich schemenhaft eine Gestalt, die Kontur annimmt, als Leonards Unterbewusstsein eine bestimmte Szene preisgibt, ein Schlüsselerlebnis. Plötzlich weiß er, wer in sein Gartengrundstück eingebrochen ist.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Joachim Jorga

Der Hasser

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Hasser

I

II

III

IV

V

VI

VII

Impressum neobooks

Der Hasser

Eine Erzählung

I

Der Frost hockte im Boden wie ein starrsinniger Alter, der weiß, dass es mit ihm zu Ende gehen muss und sich doch mit all seiner ihm verbliebenen Kraft ans Leben klammert. Er scherte sich nicht darum, dass dem Kalender nach seit einer Woche der Frühling zu herrschen hatte und hielt verbittert die Krokusse in der Erde fest und das drängende Grün in den Knospen der Hecke am Rande des Platzes. Mit seinen eisigen Fingern griff der Frost in die kahlen Bäume, als wolle er sie mit sich ins Grab reißen. Doch er hatte schon keine Macht mehr über ein Elsterpärchen, das Zweige zu einem dieser Bäume trug, um ein Nest zu bauen für die Zeit nach dem starrsinnigen Alten. Ohnmächtig musste der Frost zusehen, wie das Nest zu einem stattlichen Reisighaufen heranwuchs. Die Elstern ließen sich weder von ihm noch von einem Eichhörnchen stören, das täglich den Platz inspizierte, und auch nicht von den beiden Krähen, die das Nest im Ahorn für sich in Besitz nehmen wollten. Heftig zeternd flatterten sie um den Haufen Reisig herum, bis die Krähen entnervt davon flogen.

Der Mann am Fenster blickte hinaus zu dem Ahorn und auf den Vogel, der gerade wieder einen Zweig herantrug, um ihn in das Nest einzupassen. Er balancierte ihn wild mit den Schwingen schlagend in seinem Schnabel zu dem Reisig, flog den Haufen von oben her an, ließ sich darauf nieder und schob ein Ende des Zweiges hinein. Sogleich jedoch zog er es wieder heraus, hüpfte zu einer anderen Stelle des Nestes und wiederholte den Versuch. Irgendwie unzufrieden mit dem Ergebnis ließ er den Zweig schließlich fallen. Der Mann am Fenster neigte bei solchen Beobachtungen dazu, den Elstern eine gewisse Intelligenz zuzusprechen. Ihm schien, sie hätten einen Plan im Kopf, wie ihr Nest auszusehen habe. Er blickte dem Vogel nach, der zu einem der benachbarten Bäume flog, um einen anderen Zweig abzubrechen, als er von der Küche her die Stimme seiner Frau hörte. Sie rief ihn zum Frühstück.

Die Kaffeemaschine zischte noch, als er am Tisch Platz nahm. Doreen hatte für drei gedeckt, doch Wibke ließ ihre Mutter wissen, dass sie lieber im Bett bliebe. Schließlich habe sie Ferien und wolle mal so richtig faulenzen.

Vom Flur her war ein leises Tapsen zu hören. Belfer kam heran, wedelte mit dem Schwanz und lief zu seinem Futternapf. Leo, sagte Doreen, du könntest eigentlich mal rausfahren zum See und sehen, ob ein Karpfen beißt. Karfreitag isst man Fisch.

Der Mann sah seine Frau an. Keine schlechte Idee, dachte er. Mal rausfahren zum See, ein Loch ins Eis bohren, sich auf den Klappstuhl setzen und warten, bis einer beißt. Die Gedanken schweifen lassen, nachdenken über dies und das, auch über das Gespräch gestern mit Wibke. Standortermittlung eines Mobiltelefons durch Funkzellenabfrage. Wibke hatte behauptet, man könne den Standort eines Handys auch dann bestimmen, wenn gar nicht telefoniert wird. Es gäbe die Möglichkeit, die Funkzellenabfrage mit einer sogenannten Stealth Message durchzuführen. Das Telefon empfängt die Message, ohne eines Mucks von sich zu geben. Der Empfang wird weder akustisch noch optisch signalisiert. Beim Staatsschutz bediene man sich dieser Methode. Wie das denn ginge, hatte er Wibke gefragt. Dann müsste das Telefon doch auf irgendeine Weise verdeckt antworten können. Also, auf dem Eis würde er sich diese Sache noch einmal in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Außerdem könne nicht irgendeine Behörde, auch nicht der Staatsschutz, so einfach das Fernmeldegeheimnis verletzen. Oder doch?

Er nickte. Keine schlechte Idee, sagte er, mal rausfahren zum See. Warme Kleidung würde er anziehen müssen, vielleicht auch den kleinen Flachmann voll Rum füllen. Er sah Belfer herankommen und kraulte ihm den Nacken. Da hatte der Hund plötzlich die Vorderpfoten auf dem Tisch und schnappte nach einem Zipfel Leberwurst. Blitzschnell kam ihm der Mann zuvor. Er konnte sich noch immer auf seine schnellen Reflexe verlassen wie damals, da er als Judoka auf der Matte stand. Beim Wettkampf augenblicklich auf die Bewegung des Gegners reagieren und sie für sich selbst ausnutzen. So hatte er es bis zum schwarzen Gürtel geschafft und schließlich bis zum vierten Dan. Als Wibke geboren wurde, nahm er Abschied vom Sport. Fast achtzehn Jahre sind seither vergangen. Er drohte Belfer mit dem Finger.

Im Radio lief die Informationssendung des Deutschlandfunks. Doreen fragte ihren Mann, ob er noch einen Kaffee möchte. Der nickte und hielt ihr die leere Tasse hin. Er würde noch Boilies aufkochen müssen, bevor er zum See fährt. Boilies sind gut fürs Angeln auf Karpfen, da gehen kaum andere Fische ran. Er gab einen Schuss Milch zum Kaffee und rührte ihn um. Draußen auf der Parzelle, in der Laube lag sein Angelzeug, in dem Biedermeierschrank, den ihm Sulzmacher zum Restaurieren gegeben hat. Er wird ihn herrichten, wenn es wärmer geworden ist. Bei dieser Kälte macht es einfach keinen Spaß, im Freien diesen unsäglichen Anstrich aus Ölfarbe abzubeizen, dass wieder die Maserung des Holzes zur Geltung kommt, vielleicht auch Intarsien sichtbar werden. Abbeizen, Grobschliff, Bleichen, Schadstellen ausbessern, Feinschliff, eventuell Grundieren und schließlich Wachsen. Sulzmacher will nicht kleinlich sein.

Leo, hatte Doreen ihn eines Tages gefragt, kannst du Omas alte Truhe ein bisschen aufmotzen? Wuchtige Neogotik mit kitschigen Verzierungen, dieses Erbstück. Aus der Arbeit war ein Hobby geworden. Seitdem nutzte er die Laube draußen am Kleefeld als Werkstatt, gelegentlich zum Ärger der Nachbarn, die sich über Lärm und üble Gerüche beschwerten. Dabei bediente er sich keinerlei maschineller Hilfsmittel, alles war solide Handarbeit. Der Mann fuhr mit den Fingern durch Belfers gekräuseltes Fell und erhob sich vom Tisch, um die Thermounterwäsche und Wollsocken herauszusuchen. Als Eisangler muss man sich warm anziehen.

Während die Boilies kochten, kam er auf die Idee, bei Schenderlein vorbeizufahren. Er ging in sein Zimmer, wo das Telefon lag, und suchte die Nummer des Platzwartes heraus. Im vergangenen Winter war im Bootsschuppen eingebrochen worden, wahrscheinlich neugierige Kinder, die übers Eis gekommen waren. Ihre Spuren im Schnee führten auch zum Anglerheim. Sie hatten sich an der Tür zu schaffen gemacht, aber offensichtlich ohne Erfolg. Er würde also bei Schenderlein vorbeifahren, sich die Schlüssel geben lassen und auf dem Grundstück nach dem Rechten sehen. In einer Stunde etwa, sagte er ins Telefon hinein. Er nahm die Boilies vom Herd, goss das Wasser ab und ließ sie abkühlen. Vom Schlafzimmer her hörte er seine Frau, die sich für ihr Stübchen zurechtmachte. Doreens Nähstübchen in der Oststadt. Kurzwaren, Stoffe und Maßanfertigung. Überm Ladentisch hing ihr Meiserbrief, für den er einen schönen Rahmen angefertigt hatte. Rosenholz mit gelblicher Streifung. Trotz der gewachsten Oberfläche war der Duft erhalten geblieben und lag fein über dem kleinen Verkaufsraum. Weiter hinten in der Nähwerkstatt roch es eher nach Mottenpulver. Doreen konnte nicht klagen über einen Mangel an Aufträgen. Es gab nicht viele Maßschneiderinnen in der Oststadt.

Der Deutschlandfunk brachte Nachrichten. Die Bank of Cyprus will alle Guthaben über einhunderttausend Euro mit einer Sonderabgabe von bis zu vierzig Prozent belasten. Seit Tagen haben auf Zypern die Banken geschlossen und an den Geldautomaten kann man nur kleine Beträge abheben. Frankreich und Großbritannien bekräftigen ihre Absicht, die syrische Opposition mit Waffen zu beliefern. Der Mann schüttete die abgekühlten Boilies in ein Plastikeimerchen. Das sollen die lieber sein lassen, dachte er. Was vor zwei Jahren in Tunesien und Ägypten seinen Anfang genommen hatte, dieser Arabische Frühling, setzte sich in Libyen fort und entfesselte dort einen Bürgerkrieg. Auf Seiten der Rebellen griffen Franzosen, Briten und die Amerikaner in die Kämpfe ein, später auch die Nato. Die Afrikanische Union und einige islamische Staaten protestierten erwartungsgemäß gegen die Intervention. Schließlich waren die Aufständischen in Tripolis eingezogen und bald darauf starb Gaddafi eines mysteriösen Todes. Inzwischen hat dieser Arabische Frühling Syrien erreicht. Vorgestern erst attackierten Rebellen einen Stadtteil von Damaskus mit Mörsergranaten. Einige davon waren in ein Hotel eingeschlagen, worin sich Beobachter der Vereinten Nationen aufhielten. Der Mann schüttelte den Kopf. Wohin soll das führen? Er dachte an Fouad, in den sich Wibke verknallt hat, ein Libanese mit deutschem Pass an derselben Schule wie sie und im selben Lehrjahr. Die Familie war vor ein paar Jahren von Beirut her nach Hannover gekommen. Wohin das nur führen soll? Beirut liegt keine hundert Kilometer von Damaskus entfernt. Er ging zum Kühlschrank, strich Fleischsalat auf zwei Brötchen und umwickelte sie mit Aluminiumfolie. Beim Angeln auf dem Eis wird man hungrig. Es kann Mittag werden, bis er einen Karpfen am Haken hat. Karpfen sind vorsichtige Fische. Er würde noch die Staumeldungen abwarten und dann ins Heideviertel fahren, wo Schenderlein ein kleines Einfamilienhaus bewohnt.

Der Sprecher im Radio gab bekannt, dass sich das unbeständige Wetter der letzten Tage fortsetzen wird. Im Norden sei mit Schneefall zu rechnen. Es folgten die aktuellen Temperaturen einiger Landeshauptstädte. Für Hannover wurden minus sieben Grad angegeben. Der Mann ging zum Fenster und blickte auf das Thermometer. Am Weißekreuzplatz waren es sogar minus acht Grad. Während der Staumeldungen zog er sich die Thermowäsche an. Der stockende Verkehr am Kreuz Ost ging ihn nichts an. Er packte Fellhandschuhe in einen kleinen Rucksack, eine dicke Pudelmütze und die beiden Brötchen. Ehe er in den mit Daunen gefütterten Anorak kroch, verabschiedete er sich von seiner Frau. Sobald er einen Karpfen angelandet habe, würde er Bescheid geben. Er steckte das Telefon in die Innentasche des Anoraks und ging zum Auto.

II

Schenderlein öffnete im Morgenrock. Vor kurzem war der Platzwart des Anglervereins in Rente gegangen und genoss es, im Bett zu bleiben, bis in ein triftiger Grund daraus vertrieb, zumeist der morgendliche Hunger. Guten Morgen Leonard, sagte er und zeigte mit der Hand hinein in die gute Stube, wie er sein Atelier nannte. Als pensionierter Ingenieur konnte er sich nun ganz seinem Hobby widmen, der Malerei. Kaffee oder Tee, fragte er und hielt dem Besucher einen Kleiderbügel für den Anorak hin. Eigentlich weder noch, sagte Leonard, aber wenn es sein muss, dann Tee. Er zog die Schuhe aus, griff nach den ihm hingestreckten Pantoffeln und folgte dem Alten ins Atelier.

Während Schenderlein in der Küche Wasser für den Tee aufsetzte und mit Geschirr klapperte, warf Leonard einen Blick auf die Staffelei. Eine begonnene Winterlandschaft war da zu sehen, eine flache Welle verschneites Heideland. Im Vordergrund stemmte sich ein gedrungener Baum kahl gegen einen grauen Himmel, aus dem jeden Moment Schnee fallen musste. Neben der Staffelei lag auf dem Sitz eines Stuhles ein gerahmtes Foto. Der auf der Leinwand noch kahle Baum war mit dunklem Weiß überpudert. Wirr standen ihm die Äste vom Stamm ab, der sich kurz über dem Erdboden mehrfach teilte und so einem hoch aufragenden, dickarmigen Busch ähnelte. Neben ihm und in die Tiefe der Landschaft hinein zeigte das Foto zwei weitere derartige Büsche, geduckte Wesen in schmutzigem Schnee. Dazwischen ein dürrer Stamm mit schwindsüchtigen Ästen. Die wirken wie Ausgestoßene, dachte Leonard, vier Wanderer in einer verschneiten Wüste. Vielleicht eine Allegorie auf den Mensch der Moderne. Vielleicht auch ein Gleichnis auf Schenderleins Weg durchs Leben. Er wusste so einiges von diesem Leben, das drei Jahre nach dem Ende des Krieges in Eisenach begann. Als Schenderlein zum ersten Mal davon erzählte, lag die Stadt noch jenseits von Mauer und Stacheldrahtzaun. In Eisenach, das wusste man auch im Westen, wurde Bach geboren und auf der Wartburg hat Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt. Manchmal gab Schenderlein Lehrstunden in Heimatkunde, draußen auf dem See, im Kahn und mit der Angel in der Hand. Thüringen im Wandel der Zeiten. Einwanderung der Slawen, Aufstand gegen die Franken, Feldzug gegen die Awaren, Christianisierung unter dem Benediktiner Bonifatius, Gründung eines Klosters in Ohrdruf. Der geächtete Martin Luther als Junker Jörg auf der Wartburg. Luthers Schmähschrift gegen die aufständischen Bauern und seinen Widersacher Thomas Müntzer. Müntzers Hinrichtung nach der Niederlage der Bauern bei Frankenhausen. Wenn Schenderlein so richtig in Fahrt kam, legte er die Angel beiseite und rief mit einem Fingerschnippen Zeitzeugen der Lokalgeschichte herbei. Wallenstein zieht als Heerführer des Kaisers mordend und plündernd durch die thüringischen Lande. Schwedens König Gustav Adolf rückt mit seiner Armee in Erfurt ein. Kurz darauf fällt er in der Schlacht von Lützen. Die Schweden gehen, die Schweden kommen zurück. Sie bleiben auch nach dem Ende dieses Dreißigjährigen Krieges im Land. Napoleon betritt die Bühne thüringischer Geschichte und brüstet sich mit seinem Sieg über die Preußen bei Jena und Auerstedt. Jena an der Saale. An seiner Universität wirkten Schiller und Hegel. Weimar an der Ilm. Herder und Goethe in Weimar. Liszt und Nietzsche in Weimar. Eisenach an der Hörsel. Schenderlein winkte ab, als Bach und Luther sich in den Vordergrund schieben wollten. Er rief einen Burschenschaftler herbei, der die Fahne Schwarzrotgelb zum Zeichen seiner patriotischen Gesinnung schwenkte. Bebel kam aus dem Gasthof Goldener Löwe herbei gerannt. Mit lauter Stimme verlas er das Protokoll der Verhandlungen zur Gründung einer sozialdemokratischen Arbeiterpartei im deutschen Reich. Der Sozialdemokrat Baudert erschien und berichtete von der Gründung des ersten thüringischen Arbeiterrats in Eisenach infolge der Novemberrevolution. Die Schrecken des Weltkrieges staken ihm noch in den Knochen. Als Schenderlein ihn entließ, machte er sich unverzüglich auf den Weg nach Weimar, wo die Nationalversammlung tagte und über die Verfassung einer nun endlich zu gründenden deutschen Republik beriet. Leonard wurde in solchen okkulten Momenten manchmal ganz schwindelig und dann war er froh, wenn Schenderlein wieder zur Angel griff. Irgendwann war der Platzwart auf sich selbst zu sprechen gekommen und auf das Eisenach seiner Kindheit. Geboren am Kupferhammer zwischen der Eisenbahnlinie und dem Flüsschen Hörsel einerseits und der Mühlhäuser Straße und dem Eisenacher Motorenwerk andererseits, wuchs er im Spannungsfeld zwischen einem evangelischen Vater und einer katholischen Mutter auf. Als Fünfjähriger hörte er von einem Streik im Motorenwerk. Es war der siebzehnte Juni dreiundfünfzig. Zehn Jahre später starb der Vater bei dem Versuch, den Grenzzaun nach Hessen zu übersteigen. Schenderlein faszinierten die alten Sprachen und hatte den Wunsch, Philologie zu studieren. Da war es sein Glück, dass es in Eisenach eine Schule gab, an der nicht nur Latein, sondern auch Griechisch unterrichtet wurde. Kaum das Abitur abgelegt, griff die Nationale Volksarmee nach dem Wehrpflichtigen. Im Herbst nach der Entlassung wollte Schenderlein sein Studium beginnen. Doch im Sommer dieses Jahres waren Panzer des Warschauer Vertrages in die Tschechoslowakei eingerückt, um dort eine Konterrevolution zu verhindern. Es hatte Tote gegeben. Schenderlein glaubte an die sozialistische Idee. Er glaubte jedoch nicht an einen sozialistischen Internationalismus, mit dem die Intervention begründet wurde. Aus Sympathie mit dem überfallen Land heftete er dessen Flagge an einen Besenstiel und stellte ihn am Burschenschaftsdenkmal auf. In Eisenach war daraufhin der Teufel los. Schenderlein kam mit einem blauen Auge davon, doch mit dem Studium war es vorerst vorbei. Er musste sich in der Produktion bewähren, im Lausitzer Braunkohlerevier. Ein Knochenjob im Tagebau. Er durfte dann doch noch studieren, allerdings nicht Philologie. Also Studium des Maschinenbaus und schließlich ein Diplom als Ingenieur in der Tasche. Als solcher zurück in den Tagebau, später ins Gaskombinat Schwarze Pumpe. Auf Ulbricht folgte Honecker. Schenderlein meinte, es ginge nun aufwärts mit diesem sozialistischen Staat. Das Westfernsehen war nicht mehr verboten und in Kunst und Literatur sollte es keine Tabus mehr geben. Doch dann bürgerten die hohen Genossen einen Barden aus, der ihnen allzu frech erschien. Biermann durfte nach einem Konzert in Westdeutschland nicht in die Heimat zurückkehren. Daraufhin bekundeten einige der bedeutendsten Künstler und Schriftsteller des Landes ihre Solidarität mit dem Verfemten. Andere stellten Ausreiseanträge in dem Westen. Später auch der Ingenieur Schenderlein. Da war klar geworden, dass die Leute im Politbüro mit Gorbatschows Glasnost und Perestroika nichts zu tun haben wollten. Als Schenderlein im Westen eintraf, fühlte er sich wie ein Ausgestoßener.

Der Platzwart hatte sich inzwischen angekleidet und trug auf einem Tablett Tee und Kekse herein. Wie lange die Ferien dauern, wollte er wissen. Bis kurz nach Ostern, antwortete Leonard.

Was er lieber unterrichte, fragte Schenderlein, Mathematik oder Chemie? Er ließ den Tee langsam in die zierlichen Tassen laufen.

Leonard zuckte mit den Schultern.

Kommt auf die Schüler an, sagte er. Mal das eine, mal das andere. Aber eigentlich Chemie. Wenn sie experimentieren, ist man näher an ihnen dran.

Schenderlein nickte. Was macht die Tochter?

Liegt faul im Bett herum. Hat auch Ferien. Ansonsten mal Berufsschule und mal im Labor. Hat noch anderthalb Jahre bis zur Gesellenprüfung.

Er nippte an dem heißen Tee und griff nach einem Keks.

Auf was er angeln will, fragte Schenderlein.

Auf Karpfen für Karfreitag. Doreen will Fisch essen. Soll angeblich ein christlicher Brauch sein.

Der Alte nickte.

Fisch heißt auf griechisch Ichthys, sagte er. Ist eine Art Kryptonym. Iesos Christos Theou Yios Soter. Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter. Am Tag der Kreuzigung des Herrn isst man kein Fleisch, sondern Fisch. Ob Doreen sehr fromm sei?

Nee, aber Fisch am Karfreitag war schon Brauch in ihrem Elternhaus wie die Gans zu Weihnachten. Leonard blickte auf die Uhr. Er müsse jetzt eigentlich zur Laube, das Angelzeug einpacken.

Schenderlein schüttelte den Kopf.

Bist selten genug hier, da bleibste mal ne Weile.

Leonard ging zur Staffelei. Ob der Baum etwas mit ihm selbst zu tun habe?

Der Alte blickte erstaunt auf. Wieso?

Nur so, sagte Leonard. Sieht aus wie der Exodus eines Widerborstigen. Ein Emigrant wider Willen. Er zeigte auf das gerahmte Foto. Trotzig widerstehen die Bäume dem Winter.

Der Platzwart schmunzelte. Er nahm das Foto aus dem Rahmen und dreht es um. Lies das mal, sagte er.

Dezember achtundsiebzig, Laßzinswiesen.

Na und? Leonard hob fragend die Schultern.

Schenderlein legte das Foto zurück in den Rahmen.

Du kannst nicht wissen, was das heißt. Dezember achtundsiebzig in den Laßzinswiesen heißt Schnee auf magerem Gras, der Anfang des Monats gefallen war. Nicht viel Schnee, aber die Wiesen waren weiß davon. Drüber ein Himmel grau und schwer wie Blei. Tagelang keine Sonne. Zu dieser Zeit entstand das Foto.

Der Alte zündete sich eine Zigarette an.

Am Heiligen Abend kam Tauwetter, sagte er. Eine Woche später fiel erneut Schnee. Am Sylvestermorgen war alles wieder weiß. Es schneite den ganzen Tag über und bis in die Nacht hinein. Die Flocken fielen nicht einfach vom Himmel, ein scharfer Wind riss sie zu Boden. Leonard, das heißt ein Meter Schnee auf den Laßzinswiesen und verwehte Straßen in der Lausitz und anderswo. Nicht einfach verweht, sondern zugeweht. Es gab keine Straße mehr. Im Norden war es noch schlimmer. Auf Rügen schickte die Armee Panzer in eingeschlossene Ortschaften, um die Menschen herauszuholen. Doch der Schnee war nur das eine. In dieser Sylvesternacht sackte die Temperatur auf minus zwanzig Grad ab.