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Es war keine taktisch wichtige Aufgabe, einen schwerverwundeten Offizier zu bergen. Im Gesamtbilde des Krieges würde diese Episode vollkommen verschwinden. Und doch: Wenn es ihnen einst beschieden sein sollte, heimzukehren, davon würden sie erzählen. Darin würde sich für sie der Sinn dieses furchtbaren Kampfes verkörpern, daß sie ihren Hauptmann dem Feinde entrissen, dem Feinde, der ebenso hartnäckig sich darauf versteift hatte, sich seiner zu bemächtigen.
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Hauptmann
Eine Erzählung aus dem Weltkriege
von
Armin Steinart
_______
Erstmals erschienen bei:
J. G. Cotta’sche Verlagsbuchhandlung Nachfolger,
Stuttgart und Berlin, 1916
__________
Vollständig überarbeitete Ausgabe.
Ungekürzte Fassung.
© 2018 Klarwelt-Verlag
ISBN: 978-3-96559-105-9
www.klarweltverlag.de
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
as Gefecht war zum Stehen gekommen. Auf beiden Seiten schwiegen die Geschütze. Nur vereinzelte Gewehrschüsse fielen, und gleich dem Sausen einer Riesenpeitsche riss sich das Zischen der Geschosse durch die Stille.
Die zweite Kompanie grub sich ein, um das im Sturm gewonnene Gelände zu verteidigen. Nur hundertfünfzig Meter vom Feinde entfernt wuchs die Brustwehr des neuen Schützengrabens aus der Erde. In fast lautloser Arbeit. Nur zuweilen hörte man das Klingen eines Steines gegen den Spaten, das Rascheln der rutschenden Erde, ein Flüstern oder ein leises Kommandowort.
Hauptmann v. Rech leitete die Arbeit selbst. Lag doch in der Art, wie die Erdwerke gebaut wurden, ein Teil der Entscheidung über das Schicksal seiner Leute. Die Kompanie war in gefährlicher Lage, wenn sie sich auf dem vorgeschobenen Posten nicht halten konnte.
Vor drei Stunden erst hatte das Regiment gestürmt. Die zweite Kompanie, mit Hauptmann v. Rech an der Spitze, war dem fliehenden Gegner über das Dorf A. hinaus gefolgt, bis er in vorbereiteten Stellungen von seinen Reserven aufgenommen wurde. Hier war ein weiteres Vordringen unmöglich, aber es war gelungen, das gewonnene Gelände zu behaupten. Für den Ausbau der neuen Stellung konnte man verlassene Gräben und Unterstände des Feindes benutzen.
Mannschaften und Offiziere waren bis zur Erschöpfung übermüdet. Die letzten Tage hatten fast Unmögliches von ihnen gefordert.
In des Hauptmanns Haltung freilich sah man die Ermüdung nicht. Sie war fest und beherrscht wie immer. Er saß auf einem Stein hinter der Brustwehr eines schon nahezu fertigen Grabens und sah in die Vollmondnacht hinaus. Sein herrisches Profil war von einer Linie weißen Mondlichtes nachgezeichnet und hob sich scharf gegen den helldunklen Himmel ab.
Er war in jenem Zustande äußerster Ermüdung, in dem die Seele den Körper fast nicht mehr empfindet. Kein kleinster Laut drang mehr aus der Werkstatt des Leibes an sein Bewusstsein. Sein Körper war gleichsam aufgelöst, wie zerflossen in den kalten Flimmer der Mondnacht um ihn her.
Auch was er sah, schien das körperliche verloren zu haben. Geisterhaft verändert schien ihm alles. Das war nicht mehr die weite, wellenlose Ebene, in der er jeden Baum und jedes Haus kannte; ein uferloser Raum war es, den er irgendwann und irgendwo einmal im Traume gesehen hatte. Jedes Ding war zum Rätsel geworden, das sein Nachdenken gleichzeitig anzog und zurückstieß. Wie dunkle Fragen schwammen die Schatten der Pappeln über dem Nebel, der sich aus dem Kanal über die Ebene hinzog. Fremd, traumhaft, verzaubert, diese Fülle von kaltem Licht um ihn her, und er selbst nur ein dumpfes Gefühl, ein verlorener Ton, der im All verklingt.
Fast durchsichtig waren die Schatten der arbeitenden Leute. Als könne man durch ihren Körper in die Seele hineinsehen. In diesen furchtbaren Kampf des Lebens gegen den überall lauernden Tod, der Menschen zwingt, in Gräbern Zuflucht zu nehmen vor Vernichtung und Zerrissen-werden.
Und alles dies Entsetzliche geschaffen von Menschenhand.
Wochenlang lagen sie sich nun schon in zwei langen Reihen gegenüber und lauerten einer auf den Tod des anderen. Des anderen, den sie nie gekannt, den sie vielleicht lieben und mit eigener Gefahr verteidigen würden, wenn er nicht ein Glied seines Volkes wäre. Kämpften hier nicht Gedanken gegen Gedanken, halbwache Begriffe gegen warmes, sehnendes Leben? Menschen, die sich ihres Vaterlandes vordem kaum bewusst geworden waren, sie gaben einander in seinem Namen den Tod!
Unfassbar war es, Gestalt und Gedanke gewordene Kälte, die sich in schauernden Wellen um ihn herum schlich und in Fluten von blaufahlem Licht über der Ebene schwamm.
Linker Hand bauten acht Mann unter Leitung eines Unteroffiziers den Unterstand für ihren Hauptmann. Zwei Meter tief war die Erde ausgehoben, Bretter, Türen und Fensterläden wurden als Decke darüber gelegt und eine Lage Erde darauf geschichtet. Die Arbeit rückte rasch voran, denn man hatte einen verlassenen feindlichen Unterstand benutzen können, den man nur weiter auszuschachten und in Stand zu setzen brauchte.
Rech rief den Unteroffizier mit halblauter Stimme an: „Hören Sie hier einstweilen auf! Ich will nicht, dass mein Unterstand eher fertig ist als die anderen. Helfen Sie beim dritten Zug, die sind noch im Rückstand. In zwei Stunden können Sie hier weiter arbeiten!“
„Hier aufhören, dritten! Zug helfen, in zwei Stunden weitermachen!“ wiederholte der Unteroffizier.
Wieder versank der Hauptmann in seine Grübeleien, während die acht Mann an ihm vorbei zum Graben des dritten Zuges hinüberkrochen. Seine Gedanken schritten die Reihen der Kompanie ab. Von den zweihundert Mann, mit denen die Kompanie ausgezogen war, befanden sich etwa noch sechzig bei den Fahnen. Die anderen waren tot, verwundet, krank, vermisst. Freiwillige hatten die Reihen aufgefüllt. Nun kämpfte ihre junge Begeisterung Tag für Tag mit der Ernüchterung, mit der kalten Grausamkeit dieses Alltages, der so ganz anders aussah, als sie es sich daheim gedacht hatten.
Aber es waren Helden darunter. Helden in einem neuen, größeren Sinne, als ihn die Welt vorher gekannt hatte. Männer, die der Gnade des Kampfesrausches entbehren mussten und dennoch mit wachen, klaren Sinnen dem Tode ins Auge sahen. Nicht einmal nur, sondern zehnmal, hundertmal!
Wie etwas Unbegreifliches reckte sich das Rätsel solchen Lebens vor ihm auf. Wie war es möglich, das; Menschen, die zuvor kaum ernstlich an Krieg und Vaterland, an Tod und Vernichtung gedacht hatten, zu Helden wurden, denen Ehre und Zukunft der Heimat alles war? Woher auf einmal diese sieghafte Kraft des Gedankens, diese Opferfreudigkeit, die nichts anderes will, als ihre äußerste Pflicht tun? Woher nahmen diese Hunderttausende die ungeheure Kraft, freiwillig und in voller Klarheit das Opfer ihres Lebens zu bringen? — —
Er stand auf. Irgendetwas Lebendes musste er sehen, um sich von dem Druck dieser Gedanken zu lösen.
Mit unglaublicher Schnelligkeit war die neue Festung aus dem Boden gewachsen. Stand doch der Tod hinter den Ermatteten und zwang den letzten Rest von Kraft aus ihnen heraus. Hier und dort war freilich einer zusammengebrochen und schlief den totenähnlichen Schlaf der tiefsten Erschöpfung. Die anderen ließen ihn gewähren. Der von der Hand des Schlafenden umklammerte Spaten sagte es ihnen deutlicher als alle Worte, dass er am Ende seiner Kraft war. Schweigend übernahmen sie seine Arbeit mit.
Der Mond sank über der Baumreihe des fernen Kanals, und im Osten begann eine braunrote Dämmerung den Flimmer der Mondnacht zu verdrängen. Ein Meer von Kälte flutete der Sonne voraus.
Der Unterstand des Hauptmanns war, entgegen seinem Willen, doch zuerst fertig geworden. Die Leute ließen sich nichts befehlen, wenn es ihren Hauptmann galt. Auch von ihm selbst nicht. So streng er war und so jähzornig er sein konnte, sie liebten ihn alle, denn er war gerecht und dachte zuerst an seine Kompanie und dann erst an sich selbst. Niemand hatte ihn schlafen sehen, wenn sie selbst wachen mussten. Beim Angriff war er immer der erste und beim Rückzug der letzte. Und in seinem Wesen lag die Kraft des geborenen Herrschers, der nicht um seiner Person willen herrschen will, sondern weil es sein Beruf ist zu befehlen, wie es der ihre war zu gehorchen. — —
Es wurde langsam Tag. Die Engländer auf der andern Seite feuerten von Zeit zu Zeit eine Salve, um die Arbeit zu stören; dann warf man sich hin und ließ die Kugeln über sich hinwegzischen. Verletzt wurde niemand, und die Arbeit ging ihren Gang.
Als die Sonne blutrot hinter Förderturm und Esse des nahen Hüttenwerkes ausging und die beiden Gleise der dorthin führenden Anschlussbahn wie in Rotglut aufleuchteten, waren die Erdarbeiten nahezu vollendet. Eine neue Festung war über Nacht aus der Erde herausgewachsen.
Das Feuer des Feindes hatte eine Stunde lang ganz geschwiegen. Jetzt flackerte es heftig auf. Zwischen das hellere Knattern der englischen Schüsse klang vereinzelt der dumpfere Knall und das schärfere Zischen aus deutschen Gewehren. Kurz darauf meldete sich Leutnant Knappe mit einer Patrouille bei Hauptmann v. Rech zurück. Ihm hatte offenbar das feindliche Feuer gegolten, und seine Leute waren es gewesen, die darauf geantwortet hatten. Sie kehrten alle wohlbehalten zurück. Nur ein Mann war leicht verwundet und hatte sich bereits selbst verbunden.
Rech begrüßte den Ankommenden in seiner kurzen, sachlichen Art. Leutnant Knappe meldete, was er erkundet hatte. Im Schutze des Eisenbahndammes hatte er sich in die Flanke des Feindes geschlichen und festgestellt, dass sich hinter dem ersten, unmittelbar sichtbaren feindlichen Graben ein zweiter, wesentlich stärkerer, befand. Ein dritter Graben, der die beiden anderen flankierte, wurde soeben gebaut. Es war ihnen gelungen, unbemerkt ganz nahe an den Feind heran zu kommen. Erst auf dem Rückwege, als es heller geworden war, hatten sie Feuer bekommen.
Der Hauptmann und sein Leutnant — Knappe war jetzt der einzige Leutnant der Kompanie — gingen dem eben fertiggestellten Unterstande zu. Hinter dem reckenhaften Hauptmann dahinschreitend, erschien Leutnant Knappe fast unsoldatisch. Seine mädchenhafte Gestalt war beinahe zu zart für die Strapazen des Krieges, und die kindlichen Formen seines Gesichtes schienen eher geschaffen, Frauen zu entzücken als Untergebenen zu befehlen. Aber die zahllosen Fältchen um beide Augen, die tiefen Schatten darunter und der meist energisch zusammengepresste Mund belehrten eines Besseren.
Sie sprachen von den Mannschaften, die an der Patrouille teilgenommen hatten.
„Wie waren Sie mit den Leuten zufrieden?“ fragte v. Rech.
„Im Allgemeinen waren sie ordentlich. Meinicke hielt sich meist nahe bei mir.“
„Ja, ist ein Streber, man muss ihn unten halten.“
„Hatte ich, offen gesagt, auch schon gedacht. —
Der Bergmann ist recht und hat uns einmal vor einer Falle bewahrt. Er hatte seine Augen offen und war bei der Sache.“
„Ein Frommer. Mir zu sehr, aber echt!“
„Dagegen ist mit Fier nichts anzufangen.
Hat eine miserable Angst in den Knochen. War immer der letzte. Wiederholt haben wir warten müssen, um ihn nicht zu verlieren.“
„Einziger Sohn, Mutter ist Witwe. Wollen sehen, dass wir ihn zur Feldküche abschieben. Ist hier nicht zu gebrauchen.“
„Am besten war wieder Wehrlin. Augen wie ein Luchs und unerschrocken wie kein zweiter. Ich möchte Herrn Hauptmann bitten, wenn wieder — wenn wieder ein Kreuz zu vergeben ist, — er hätte es verdient!“
„Ist auch mein Eindruck! Ist zwar herzlich dumm und im Frieden wahrscheinlich an irgendeiner Maschine noch mehr verstumpft, aber — weiß der Teufel, wo er seine Begeisterung her hat! Es trifft sich ja ganz gut, ich habe noch zwei Eiserne da, die ich nach eigenem Ermessen vergeben kann. Soll eins haben! Und das zweite? Hätten Sie jemand vorzuschlagen?“
„Meinicke vielleicht?“
„Der geht mir zu deutlich darauf aus. Sollen mal sehen, wie der nachlässt, wenn er es hat. Aber ich sollte denken, der Professor — —“
„Ach ja, der Professor, ich hatte nicht an ihn gedacht! Aber er hat es verdient. Er ist ja nicht gerade — —“
„Nee, ein Mustersoldat ist er nicht“, lachte der Hauptmann. „Aber wenn man bedenkt, dass er im Frieden nichts getan hat, als über Büchern sitzen und Sanskrittexte oder wie das Zeug heißt zu entziffern — und jetzt doch immerhin — er leistet uns doch recht gute Dienste, und an Mut lässt er es wahrhaftig nicht fehlen.“
„Ja allerdings, wenn man bedenkt, dass der Herr Professor jetzt mit Mühe und Not gerade Unteroffizier ist, so könnte man ihm abgesehen von allem anderen schon eine kleine Anerkennung und Aufmunterung gönnen. — Er hat außerdem einen großen Einfluss auf die Leute — —“
„Ich glaube, es würde gerecht sein, wenn er es bekäme. Zudem verwendet er jetzt jede freie Minute dazu, um den Aufruf an die Inder in drei indischen Dialekten auszuarbeiten! — Können Sie verstehen, wie sich jemand mit so was beschäftigen kann? Allerdings, jetzt kommt es uns zugute. Da drüben sollen etwa ein Drittel Inder und zwei Drittel Engländer sein. Und wie die Herrn Inder über die Herrn Engländer denken, das haben wir ja von Gefangenen zur Genüge erfahren. Wenn die Sache mit seinem Aufruf glückt, dann werden sie sicher in Massen zu uns überlaufen. — Na also gut, Knappe! Wollen’s so machen. Schicken Sie mir mal den Wehrlin in einer kleinen halben Stunde und den Professor auch. Sie sollen das Kreuz haben. Wenn’s der Wehrlin hat und er nicht — ist so ‘ne Sache. Wenn ich er wäre — mich würde es ärgern. Also die beiden, sagen wir mal acht Uhr fünfzehn Minuten. Und Sie selbst legen sich jetzt schlafen. Ihr Unterstand ist soweit fertig, habe selbst danach gesehen. Die Herrn Franzosen und Engländer hatten ja die Güte, uns vorzuarbeiten. Können sich unbesorgt hinlegen. Wie lange, das kann ich Ihnen allerdings nicht verraten.“
„Danke gehorsamst, Herr Hauptmann. Müde bin ich hinreichend.“
„Sind doch auch etwas mitgenommen von der Geschichte — es werden allmählich etwas viele Gefechtstage bei dieser Art Krieg. Wie viele sind es denn nun nachgerade geworden?“
„Mit gestern achtunddreißig, Herr Hauptmann!“
„Donnerwetter ja! Wenn man früher gedacht hätte — na ja, es werden ja auch mal bessere Tage kommen.“
„Man glaubt’s fast nicht mehr, Herr Hauptmann!“
„Ich hoffe doch — schließlich auf die Dauer ist dieses Dasein — — Na Morgen, Knappe. Also den Wehrlin und den Professor!“
Knappe entfernte sich grüßend, und v. Rech wandte sich zu seinem Feldwebel, der mit einem Stoß von Befehlen und Umdrucken auf ihn wartete. Der roh gezimmerte Tisch im Unterstande war eben fertig geworden. Ein Brett, das man davor in die Wand eingelassen hatte, diente als Bank. Der Hauptmann setzte sich und sah die Papiere durch, während der Feldwebel, hinter ihm stehend, von Zeit zu Zeit mit ausgestrecktem Zeigefinger auf besonders bemerkenswerte Einzelheiten hinwies.
Währenddes wartete der Bursche Gremmelsbacher darauf, seinem Herrn zwei Briefe abgeben zu können, die vor wenigen Minuten mit den Feldküchen angekommen waren. Der Küchenunteroffizier brachte morgens und abends die eingelaufene Post mit dem Essen zur Kompanie. Gremmelsbacher rauchte wie immer seine Pfeife, die ihm ein für alle Mal in Gegenwart seines Hauptmanns zu rauchen gestattet war. Seine hübschen, gutmütigen, immer etwas verträumten Augen sahen nachdenklich in die Ferne. Von Zeit zu Zeit blickte er verstohlen auf einen der beiden Briefe nieder. Der Hauptmann brauchte es nicht zu wissen, dass er den Absender kannte. In den ersten Wochen des Krieges waren solche Briefe täglich gekommen. Dann waren sie seltener geworden, und zuletzt blieben sie ganz aus. Das war seit drei Wochen wieder der erste Brief. Der Bursche erinnerte sich, seinen sonst so unnahbaren Herrn zuweilen fast fröhlich gesehen zu haben, wenn ein solcher Brief angekommen war. Einmal hatte er ihn sogar gefragt, ob er einen Schatz habe, der ihm schreibe — das war in der dritten Kriegswoche gewesen. Er wusste es noch wie heute. Und nun war der Hauptmann schon seit langem so, als ob es Derartiges überhaupt nicht mehr auf der Welt gäbe.
Der Feldwebel wurde entlassen, und in militärischer Haltung reichte der Bursche die Briefe hin. Unwillkürlich suchte er den Eindruck zu erspähen, den der eine der beiden hervorrief. Doch in des Hauptmanns Gesicht regte sich nichts. Er war wie immer undurchdringlich.
„Es ist gut, Gremmelsbacher, du kannst mir nachher meinen Schlafsack richten!“
„Jetzt gleich, Herr Hauptmann?“
„Nachher!“
Rech öffnete den einen Brief und las ihn stehend, dann setzte er sich mit dem anderen an den Tisch. Langsam las er ihn. Zeile für Zeile. Und als er am Schluss der vierten Seite angekommen war, las er ihn von neuem. Dann nahm er aus seiner Kartentasche Bogen, Umschlag und Papier und begann zu schreiben. Es waren gerade, feste Schriftzüge, die in stetem Fluss unter seiner Feder entstanden, als habe er schon hundertmal überlegt, was er jetzt schrieb.
Als er mit seinem kurzen Namenszug geschlossen hatte, las er noch einmal durch. Diesmal blieben seine Gedanken an einer Stelle haften, die ihm auf dem Papier so unendlich grausam erschien, obgleich er sie wohl tausendmal und unter Schmerzen gedacht hatte: „Du zweifelst an meiner Liebe, weil Du meine Liebe danach beurteilst, wie andere lieben. Du klagst, dass meine Briefe gefühllos seien, und vergleichst sie mit den Briefen, die Deine Schwester von ihrem Bräutigam bekommt. Und deshalb zweifelst Du! Aber zweifeln heißt in diesem Falle, dass Du meine Art nicht verstehst, nicht liebst! In so harter Zeit wie dieser muss für Menschen, die ihren weiteren Lebensweg zusammengehen wollen, eines über jedem Zweifel stehen: das Bewusstsein der gegenseitigen Liebe. Dieses Leben kostet so unendlich viel Kraft, dass Zweifel an Selbstverständlichem nicht auch noch daran zehren dürfen. Wodurch die Gewissheit uns verloren gegangen ist, das weiß ich nicht, denn meine Liebe ist unverändert. Verloren ist sie. Lass uns deshalb unseren Briefwechsel jetzt abbrechen. Deine Briefe nehmen mir Kraft und Sicherheit, die ich nötiger brauche als das liebe Brot. Ich hoffe, dass wir nach dem Kriege den Weg zueinander zurückfinden. Meine Gedanken werden auch jetzt unverändert bei Dir sein, wenn ich Zeit dazu finde — —“
Rech schloss den Umschlag mit einer raschen Bewegung. Es musste sein. Er durfte nicht weich werden. Jetzt konnte er diese steten Zweifel nicht ertragen. Und wenn er es für sich allein gekonnt hätte — um seiner Leute willen musste er fest bleiben. Denn in seiner Hand lag ihr Schicksal, von seinen Befehlen hing die Entscheidung über Leben und Sterben ab. Er musste seiner Kraft gewiss sein können. Liebessorgen durften ihm nicht seinen klaren Blick trüben.
Er stand auf, um den Brief selbst zum Feldwebel zu bringen, der ihn dem Befehlsempfänger mitgeben sollte, wenn er zum Regiment fuhr.
Als der Hauptmann zu seinem Unterstande zurückkehrte, warteten schon die beiden von Leutnant Knappe geschickten Leute auf ihn. Wehrlin und Unteroffizier Günther, der Professor. Beide sahen ihm gespannt entgegen. Wehrlin mit einem guten, dumpfen Vertrauen in den groben, ehrlichen Zügen, der Professor ein wenig unsicher und blinzelnd. Er konnte sich noch immer nicht recht in die militärischen Formen finden und war in steter Angst, anzustoßen. War er doch, seit er die Schule verlassen hatte, ganz sein eigener Herr und niemand verantwortlich gewesen als sich selbst. Und während des Einjährigenjahres hatte er immer für einen rettungslos schlechten Soldaten gegolten. Nicht nur, dass er am Reck niemals den Aufzug fertig brachte, dass sein Gruß trotz aller Arbeit immer so aussah, als halte er sich die Backe, dass sein Koppel über dem stark entwickelten Leib immer schief hing und die Knöpfe selten so blank waren, wie sie es sein sollten — er hatte auch jene unmilitärisch vertrauliche Gemütlichkeit, die trotz aller Anstrengungen, es zu verbergen, zu den Vorgesetzten insgeheim „Du“ sagt. So hatte er es auch nur bis zum Gefreiten gebracht, und als Gefreiter der Landwehr war er in den Krieg gezogen. Vor zwei Wochen erst war er zum Unteroffizier befördert worden.
Noch ein Dritter wartete auf den Hauptmann. Ein Reservist, der soeben an seiner rechten Hand verwundet worden war, als er sie unvorsichtig ein wenig über der Brustwehr hatte sehen lassen. Drüben waren zwei Schüsse gefallen, und eine Kugel hatte ihm die Hand durchschlagen. Sie schossen gut, die Engländer. Der Verwundete war von einem Sanitätsunteroffizier vorläufig verbunden worden. Jetzt wollte er sich melden, um zum Verbandplatze zurückgehen zu dürfen.
Der Hauptmann fragte ihn kurz aus, wie er zu seiner Verwundung gekommen war, dann schickte er ihn zurück. Wieder ein Gewehr weniger!
Dann heftete er mit einigen anerkennenden Worten den beiden Ausgezeichneten das Kreuz an. „Es freut mich ganz besonders, Ihnen beiden diesen schönen Orden überreichen zu können. Und gerade Ihnen beiden gleichzeitig. Sie werden mich verstehen, Unteroffizier Günther, wenn ich sage, dass Sie beide ungefähr die größten persönlichen Gegensätze bilden, die sich denken lassen. Aber Sie haben sich beide in der gleichen Weise ausgezeichnet, durch Pflichterfüllung und Unerschrockenheit vor dem Feinde. Tragen Sie es in Ehren!“
Rech war gegangen, und Wehrlin war in seiner Freude sofort zu den anderen hinüber gelaufen. Der Professor stand noch immer regungslos, als könne er nicht fassen, was geschehen war. Er hatte das Eiserne Kreuz bekommen! Er! Behutsam hob er das schwarze Kreuz mit dem silbernen Rande schräg von seiner Brust ab, um es sehen zu können. Wie oft hatte er es nun schon bei anderen gesehen, und an dem seinen würde auch nichts Besonderes sein — aber dies war dennoch nicht ein Eisernes Kreuz wie alle anderen, es war sein Kreuz, sein Eisernes Kreuz! Das blinkende Metall verschwamm vor seinen Augen. Er fühlte, dass ihm die Tränen kamen. Vergeblich suchte er sich zu wehren. Es war stärker als er.
Aber dann riss er sich zusammen. Die gewaltsame Spannung machte sich in einem Stöhnen Luft, und seine großen, fleischigen Hände ballten sich zur Faust. Dann — gleichsam aus Scham über sein Glück, an das ihm niemand mit neugierigen Augen tasten sollte — schob er das Kreuz zwischen dem zweiten und dritten Knopf hinein und ging mit den selig unsicheren Augen eines großen Kindes zu seinen Leuten zurück.
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auptmann v. Rech war von Leutnant Knappe gebeten worden, am Graben des zweiten Zuges noch einige Einzelheiten zu besichtigen. Er war dort gewesen und hatte die nötigen Anordnungen getroffen. Jetzt kehrte er zu seinem Unterstande zurück, um, wenn es möglich war, noch eine Stunde zu ruhen.
Vor einem scharfen Winkel des Grabens blieb er jedoch plötzlich stehen. Vor ihm streckte sich eine ausgespreizte Hand über die Brustwehr hinaus. Das konnte nicht Zufall, das musste Absicht sein. Aber was sollte es bedeuten? Irgendein verabredetes Zeichen, eine törichte Wette oder ein kindlicher Unfug? Er hatte schon ein scharfes Wort der Zurechtweisung auf der Zunge, aber er unterließ es, denn mit einem sichtbaren Erschrecken war ihm der Zusammenhang klar geworden. Vorhin der Verwundete, der in die Hand geschossen war, und nun diese Hand, die sich so absichtlich über die schützende Brustwehr hinausstreckte! Von englischer Seite fielen kurz hintereinander vier Schüsse. Im gleichen Augenblick pfiffen vier Kugeln über ihm hinweg. Die Hand blieb ausgestreckt, wurde auch nicht zurückgezogen, als drüben ein wahres Schnellfeuer begann und die Kugeln rechts und links in der Brustwehr einschlagen.
Mit einem raschen Schritt trat Rech um die Ecke herum und riss die ausgestreckte Hand mit hartem Griff zurück. Im gleichen Augenblick fühlte er einen Schlag gegen die eigene Hand, als er sie nur den Bruchteil einer Sekunde über die Brustwehr hinausgestreckt hatte. Er war getroffen. Aber er kümmerte sich nicht darum. Seine Augen bohrten sich in das Gesicht des Freiwilligen, der zitternd und zu Tode erschrocken vor ihm stand. Das volle Geständnis lag in dem fast irren Blick des jungen Menschen. Ein kaum achtzehnjähriger war es, der vom Gymnasium weg ins Feld gezogen war. Rech kannte ihn wohl. Er war abgemagert bis auf die Knochen und sah jämmerlich aus in der viel zu weiten Uniform. Die letzten Wochen im Schützengraben hatten ihn derart mitgenommen. Als er zur Truppe kam, war er ein frischer junger Mensch, in dessen Augen die helle Begeisterung gestanden hatte. Und jetzt das!
Rech war fast ebenso erschrocken wie der andere. So etwas war möglich? Und in seiner eigenen Kompanie? Ein Schlag war das, der einen Augenblick alle seine Kraft lähmte. Aber dann kochte mit dem zunehmenden Schmerz in der rechten Hand der Zorn in ihm auf. Der Jähzorn überwallte ihn mit einer heißen Welle, und einen Augenblick darauf sah er die Backe des Burschen von dem Blute seiner verwundeten Hand gezeichnet.
„In einer Stunde bei mir melden!“ schnaubte er ihn an. „In einer Viertelstunde, verstanden?“ Dann ging er an ihm vorüber. Nach ein paar Schritten erst kam ihm voll zu Bewusstsein, was geschehen war. Es würgte ihn, wie ein Ekel. Aber dann stand auf einmal wieder der Blick dieses jungen Menschen vor seinen Augen. Dieses irre Elend. Wie der Ausdruck eines Sterbenden — nein, noch furchtbarer. Wie konnte man wissen, wie er dazu gekommen war — —
Er wandte sich zurück und sah, wie der Freiwillige mit hängendem Kopf noch immer an der gleichen Stelle stand. Die Hand an die Backe gepresst, wie ein geschlagenes Kind. Aber dann schien etwas in ihm klar zu werden. Er nahm die Hand herunter und sah sie an. Es war Blut daran. Aber nicht sein Blut. Das Blut seines Hauptmanns. Da warf er wie von Sinnen den Kopf hintenüber, maß die Wand des Grabens vor sich mit einem irren Blick und sprang dann mit einem Satz an ihr hinauf. An der Seite nach dem Feinde zu. Es war kein Zweifel, was er vorhatte.
Da erreichte ihn das donnernde „Zurück!“ seines Hauptmanns, der mit wenigen Schritten wieder neben ihm stand.
„Sind Sie denn des Teufels, Loos! Haben Sie denn keinen Funken Ehre mehr in den Knochen! Sie haben kein Recht über Ihr Leben! Es gehört nicht Ihnen!“
Noch ein Blick wie von einem wunden Tier, und der Freiwillige sank zu seinen Füßen zusammen.
Er war nicht tot. Rech rief einen Unteroffizier heran und bemühte sich mit diesem um den Ohnmächtigen. Erst als er wieder Lebenszeichen von sich gab, ging er zu seinem Unterstande, um sich dort verbinden zu lassen.
Der Arzt, Oberarzt der Reserve Doktor Bornemann, war bald zur Stelle. Es war nur ein leichter, wenn auch schmerzhafter Streifschuss, der durch den Daumenballen gegangen war, ohne den Knochen zu verletzen.
Rech war noch immer außer sich und ließ dem Oberarzt gegenüber seiner Entrüstung freien Lauf. „Ehrloser Lump das! Ich kann ja verstehen, dass einer froh ist, wenn er seine Verwundung weg hat und nach Hause kommt. Dem anderen vorhin sah man die Freude deutlich genug an. Schön ist das ja auch nicht, obgleich man selbst zuweilen von solchen Gedanken versucht wird. Aber selbst was dazu tun — Pfui Deibel! Verflucht, Doktor, binden Sie nicht so fest!“
„Tut’s denn so weh?“
„Ach was weh! Man los, machen Sie fertig! Pfui Teufel, so ein Lump! Vor’s Kriegsgericht bringe ich ihn. Ist einfach Selbstverstümmelung. Gleich nachher wird der Tatbericht eingereicht!“
„Vielleicht sind Herr Hauptmann doch zu hart. Die Sache selbst verdient gewiss jedes scharfe Wort. Aber der Mensch, der’s tat? Ich kenne den Loos. Er hat wirklich das letzte hergegeben, was er an Kraft besaß, und viel ist das bei ihm nie gewesen. Jetzt kann er nicht mehr, und so ist es gekommen. Krank melden wollte er sich nicht, das widerstrebte seinem Ehrgefühl — und da hat er zu diesem törichten Mittel gegriffen.“
„Einerlei! Ich verstehe das nicht, will das nicht verstehen! — Hatte sich so gut geführt, dass ich ihn befördern wollte! Und nun das! Er ist und bleibt ein ehrloser Lump! Es ist eine bodenlose Schweinerei!“
„Es — ja, Herr Hauptmann! Aber er ist deshalb noch kein ehrloser Lump. Sonst würde er seine Schmach nicht so lebhaft empfunden haben, dass er aus dem Graben herauswollte. Er muss es in einem Verzweiflungsanfall getan haben.“
„Ihr Ärzte! Bei euch wird auch immer krumm gerade! Und Disziplin und Ordnung und ——“
Das Gespräch wurde unterbrochen. Der Freiwillige meldete sich im Dienstanzuge. Er war leichenblass und schien seine letzte Kraft zusammenzunehmen: „Freiwilliger Loos meldet sich zur — zur Bestrafung“ Er brachte die Worte kaum heraus. Mit weit offenen entsetzten Augen starrte er auf die weißverbundene Hand seines Hauptmanns. Dann konnte er sich nicht mehr beherrschen, er weinte laut heraus: „Herr Hauptmann — ich bitte Herrn Hauptmann — ist es schlimm, die Hand —? Ich bin ja daran schuld, ich bin ja daran schuld!“
Rech wurde wider Willen weich, so verhasst ihm alle Rührszenen waren. „Es ist noch mal gut gegangen, Loos, darüber können Sie sich beruhigen!“
„Gottseidank, Gottseidank, ich würde ja nie wieder einen Menschen ansehen können! Ich kann es ja auch so nicht, ich kann es ja auch so nicht!“
„Zusammennehmen, Loos! Keine Heulszene! Freuen Sie sich, dass es noch so abgelaufen ist und ich noch im letzten Augenblick dazu kam. Sonst wären Sie jetzt zwar auf dem Wege zur Heimat, aber Ihre Ehre wäre zum Teufel!“
„Das ist sie ja auch so! das ist ja das Furchtbare! Herr Hauptmann wissen ja alles!“
„Ich weiß gar nichts! Ich weiß nur, dass Sie in einem Augenblick der — Verzweiflung — — ein Soldat hat nicht zu verzweifeln, merken Sie sich das — — dass Sie in einem Augenblick der Verzweiflung etwas Blödsinniges tun wollten. Das habe ich verhindert. Ihre Ehre — Ihre Ehre — ist in meinen Augen — nicht verletzt.“ Der junge Mensch sah einen Augenblick fassungslos in die strengen Augen seines Hauptmanns. Dann stürzte er sich auf seine Hand, um sie zu küssen.
Rechs Stimme brachte ihn mit dem gewohnten Befehlsklange zum Bewusstsein: „Das ist alles sehr unmilitärisch, Loos, auch Ihre Dankbarkeit! So etwas zeigt man nicht. Im Übrigen haben Sie in Herrn Oberarzt einen Fürsprecher gehabt. Herr Oberarzt hat mich überzeugt, dass Sie krank sind. Sie werden sich spätestens um sechs Uhr abends — Bornemann, Sie schreiben wohl das Attest — beim Feldlazarett — drei ist es ja wohl — — also Feldlazarett drei melden!“
Der junge Mensch war ehrlich erschrocken. Er wehrte heftig ab: „Ich bin nicht krank, Herr Hauptmann, ich bin nicht krank!“
„Das zu entscheiden ist nicht Ihre Sache. Herr Oberarzt hält Sie für krank, und ich bin seiner Ansicht.“
„Aber dann kann ich ja nicht — — —“
„Wieder gut machen? doch, das können Sie, aber erst, wenn Sie wiederkommen.“
Der Freiwillige wollte von neuem widersprechen. Aber v. Rech entließ ihn mit einem kurzen Wink: „Um sechs Uhr beim Feldlazarett drei, melden Sie sich rechtzeitig beim Herrn Oberarzt, dass er Ihnen das Attest mitgibt. Ich erwarte, dass Sie meinen Befehl pünktlich ausführen — —“
„Zu Befehl, Herr Hauptmann!“
Mit einer Kehrtwendung trat der Freiwillige ab. Er ging nur wenige Schritte bis zu der nächsten Schulterwehr, die ihn den Blicken des Hauptmanns entzog. Er war wie benommen von dem Unfasslichen, das da eben geschehen war. Der furchtbarste Tag dieses schrecklichen Krieges war es heute gewesen, und so hatte er geendet! Noch vor wenigen Minuten hatte er geglaubt, dass er nicht mehr leben könne — nicht mehr leben dürfe. Und nun hatte ihm sein Hauptmann d a s gesagt! Unter aller seiner Verwirrung regte sich ein immer klareres Gefühl der Dankbarkeit, das ihn mit einer Befreiung ohnegleichen erfüllte. Unendlich leicht kam er sich vor. Wie von der Erde aufgehoben. Und die Luft war so rein, dass er meinte, der übertiefe Atem müsse seine Lunge sprengen. Er hätte gleichzeitig beten, jauchzen und schluchzen mögen. Zum ersten Male in seinem Leben hatte er etwas ganz Großes erlebt. Etwas so Gewaltiges, dass er selbst zu einem Nichts wurde. Und doch fühlte er sich reich wie nie zuvor. Eine grenzenlose Dankbarkeit war in ihm gegen diesen Großen, der ihm sein Leben doppelt geschenkt hatte, der ihm sagte, dass seine Ehre nicht verletzt sei — das freilich wusste er besser — er — er hatte sie doch verletzt — aber nicht vor den anderen, auch nicht vor seinem Hauptmann — dann war es ja wieder gut zu machen. Es war ihm, als müsse er sich allein aus dem Graben dem Feind entgegenstürzen, als müsse ein Wunder geschehen und er allein den Feind aus seiner Stellung werfen können. Zu was fühlte er sich jetzt nicht fähig! Es war ja nichts unmöglich, wenn sein Hauptmann das zu ihm sagen konnte! —
Aber er sollte ja zurückgeschickt werden. Zurück aus der Front. Und wenn er wieder kam, ob er dann wieder zur zweiten Kompanie kommen würde? und ob —— nein, Gott verhüte, dass das geschehen könnte. Der Hauptmann durfte nicht fallen. Niemals! Und er würde sich überhaupt nicht zurückschicken lassen. Er würde den Hauptmann so lange bitten, bis er ihm erlaubte, dazubleiben, er würde — er würde — —
Mit ein paar hastigen Schritten ging er wieder auf den Unterstand des Hauptmanns zu. Der Hauptmann würde ja dort sein, gleich jetzt wollte er ihn bitten —
Da sah er in großer Eile eine Ordonnanz ankommen und nach dem Hauptmann fragen. Man war ihm zuvorgekommen. Er musste warten.
So blieb er in der Nähe stehen. Der Hauptmann empfing den Boten und las den schriftlichen Befehl, der ihm überbracht war, halblaut durch. Es schien ihn nicht zu erfreuen, was er las. Er schüttelte sogar leicht den Kopf und rief dann laut der Gefechtsordonnanz zu: „Ich lasse die Herren Zugführer bitten.“
Wenige Minuten darauf trafen sie bei ihm ein. Leutnant Knappe hatte man aus dem ersten Schlaf geholt. Auch die beiden anderen, die Vizefeldwebel Degenhardt und v. Soltmann, sahen übermüdet aus. Rech las ihnen den eingetroffenen Befehl vor. Der Freiwillige bemühte sich, keine Silbe zu verlieren, und bald hatte er verstanden, worum es sich handelte.
Rech las: „Brigadebefehl: Die Brigade greift heute Nachmittag vier Uhr dreißig in ganzer Front an. Von vier Uhr bis vier Uhr dreißig wird die gesamte Artillerie die feindlichen Stellungen unter Feuer nehmen. Vier Uhr dreißig fällt der letzte Schuss der Artillerie, und die Infanterie wird zum Sturme vorgehen‘, — Das Folgende geht uns besonders an, meine Herren: Bataillonsbefehl: Die zweite Kompanie, Führung Hauptmann v. Rech, wird flankierend gegen den vor ihr liegenden Abschnitt angesetzt. Sie hat diesen zu besetzen und möglichst auch die Schützengräben zweiter Linie zu nehmen‘, — Also, meine Herren: wir sollen angreifen! Ganz will mir das offen gestanden nicht in den Sinn, denn die Leute sind erschöpft, und statt zweihundert Gewehre haben wir nur hundertundzwanzig —“
Degenhardt, der Führer des ersten Zuges, schien die Ansicht des Hauptmanns zu teilen. Soltmann dagegen gab unverhohlen seiner Freude Ausdruck. Für ihn waren Schlacht und Angriff kein notwendiges Übel, sie waren sein Element, sein Leben. Das Abenteurerblut alter Rittervorfahren rollte in seinen Adern. Je wilder es um ihn zuging, desto mehr war er mit Leib und Seele dabei. Er entwickelte sofort einen Angriffsplan, den er mit eifrigen Worten vortrug. Er fand Zustimmung. Rech traf die erforderlichen Anordnungen, dann entließ er seine Zugführer. Als sie schon gegangen waren, rief er sie indessen noch einmal zurück: „Vor allem, meine Herren, sorgen Sie bitte dafür, dass die Leute noch etwas Ruhe bekommen bis dahin. Nur der fünfte Mann am Gewehr. Die anderen ruhen. Für Durchführung der Alarmbereitschaft mache ich Sie verantwortlich.“
— — Jetzt wäre für den Freiwilligen, der noch immer in einen Winkel des Grabens gedrückt stand, der Augenblick gekommen, sich bei seinem Hauptmann zu melden. Er machte auch einen Schritt auf dessen Unterstand zu, dann aber schien er sich anders zu besinnen. Wozu sich melden? — Er wusste ja, was er zu tun hatte, und dem entsprechend würde er handeln. Es war schließlich noch ein Glück gewesen, dass er gerade noch mit der Ordonnanz zusammengetroffen war und nun wusste, was heute Nachmittag bevorstand.
—— Bis drei Uhr blieb alles ruhig. Nur vereinzelte Schüsse von beiden Seiten. Gegen ein Uhr hatten die Essenholer Essen für die Kompanie aus dem rückwärts gelegenen Dorfe A. geholt. Sie waren auf dem freien Stück zwischen der Stellung und dem Dorfe heftig beschossen worden. Aber niemand wurde getroffen. Nur in eins der Kochgeschirre war eine Kugel geschlagen, so das; ein Teil des Essens auslief. Der Mann ging noch einmal zurück und holte Ersatz.
Im Schützengraben sah es aus wie jeden anderen Tag. Nur wurde weniger gearbeitet als sonst. Die Leute sollten Ruhe haben. Rech hatte den Angriffsbefehl noch nicht bekannt gegeben. Aber auch wenn es geschehen wäre, viel hätte sich das Bild dadurch nicht geändert.
In regungsloser Aufmerksamkeit standen die Posten neben den Schießscharten. Von Zeit zu Zeit sahen sie hindurch, und wenn ein Ziel sich bot, fielen ein oder auch zwei Schüsse. Die Engländer unterhielten von Mittag ab ein langsames Feuer auf die Schießscharten. Gelegentlich fuhr auch ein Geschoss durch eine der schwarzen Lücken hindurch. Glücklicherweise ohne Schaden anzurichten. Einem Landwehrmanne wurde auf diese Weise der rechte Ärmel seines Mantels von einem Querschläger zerrissen. Er ließ sich durch einen Kameraden ablösen und setzte sich in aller Ruhe hin, um ihn zu flicken. Jetzt stand der Reservist Korn an seiner Stelle. Ein Riesenmensch, dem alle Entbehrungen des Krieges bisher nichts hatten anhaben können. Nur seine frische Gesichtsfarbe hatte er in den feuchten Nächten des Schützengrabens verloren. Sie war grau geworden, die Haut rissig, und Lehmspritzer klebten ihm an den Haaren. Sein gutmütiges Gesicht hatte etwas Drohendes bekommen. Dumpfe, verhaltene Naturkraft, so stand er jetzt neben seinem Gewehr, und fast mechanisch schoss er zuweilen ein paar Schuss ab. Nur als drüben die Engländer Flaschen an Stöcken über dem Grabenrande schwenkten, geriet er in Wut. Ein scharfes Visieren, der Knall des Abschusses, und drüben ging die Flasche in hundert Scherben: „Euch will ich’s zeige, ihr Dreckspatze, dass hier auch noch Leut’ die Schützeschnur habe!“
Der kleine Jude Wolf an der nächsten Schießscharte sah bewundernd zu seinem riesigen Nachbarn in die Höhe: „Gott, Herr Korn, was können Se schießen! Ich glaube, ich habe im ganzen Kriege noch niemand getroffen“
„Das kannst du jetzt nachholen! Siehst du dort den Khakimann?“
„Gott strafe mich, der ist frech! Die ganze Brust kann man sehen!“
„Los, putz ihn weg!“
„Nee, machen Sie’s, Herr Korn! Ich weiß nich — wenn nachher — ich habe noch nie gesehen, dass ich jemand getroffen habe. Schließlich: er ist auch ein Mensch —“
Neben ihm krachte ein Schuss. Korn hatte geschossen und gefehlt.
Man sah, wie drüben der Engländer seine Mütze höhnend um den Kopf herumwirbelte.
