Der Hausmann - Wilko Weiss - E-Book

Der Hausmann E-Book

Wilko Weiss

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Beschreibung

EIN MANN GUCKT AUS DER WÄSCHE. Die turbulenteste Familienkomödie des Haushaltsjahres. Ben Breuer macht seine Sache ordentlich. Er ist schließlich Controller. Als seine Firma pleitegeht und seine Frau Marie ein interessantes Job-Angebot bekommt, ist es für ihn keine Frage: »Wir sind ein modernes Paar, da bleibe ich jetzt bei den Kindern und arbeite nebenher von zu Hause.« Das ist fair, spannend, erfüllend und überhaupt kein Thema! Oder? »Wirklich superlustig.« SWR 3 »So schnörkellos, lustig und treffend wurde der Heimarbeit-Wahnsinn selten aufgeschrieben.« Für Sie »Da haben wir im Bus so einige Blicke geerntet, als wir uns vor Lachen nicht mehr halten konnten.« Vital »Lustig-romantische Familienkomödie!« Lisa »Ein Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.« Südhessen Woche

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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Wilko Weiss

Der Hausmann

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Der Mann im Haus – sucht Antworten auf die wirklich entscheidenden Fragen:

- Sind Katzen die besseren Chefs?

- Wie lange darf man Schwiegermütter am Computer spielen lassen?

- Muss auch die Liebe manchmal in die Wäsche?

- Und warum haben eigentlich nur die Kinder den echten Durchblick?

 

»Ein Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.« Südhessen Woche

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

Coverabbildung: bürosüd°

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2011

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-401410-4

 

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Inhalt

Ich danke meiner Familie.

Der Controller

Die Trophäe

Der Rollentausch

Die To-do-Liste

Der Kinderstrom

Die Pommes im Wok

Die Notengerechtigkeit

Das Dauerfeuer

Das Outsourcing

Der Kochschüler

Die perfekte Putzfrau

Der Reflex Man

Der Mopp

Der Nazi

Der Steinschlag

Der Nachtgärtner

Die Familienschlägerei

Die Ballsucht

Das Maisfeld

Das Barbecue

Das Asyl

Die Obdachlosen

Die Ortung

Das Turnier

Die Haushaltshilfe

Der Unterricht

Der Kinderwunsch

Der Vätertag

Die Flucht

Der Weltstar

Der Einsatz

Der Aufbau

Das Krankenzimmer

Die Firma

Epilog

– LESEPROBE –

Der Haustausch

Ich danke meiner Familie.

Der Controller

Meine Aufgabe ist wichtig.

Controller … ich mag dieses Wort. Ich denke dabei an meine Kinder, wie sie mit den weißen Bedienknüppeln der Spielkonsole vor dem Fernseher stehen und die kleinen Männchen mit den großen Köpfen tanzen lassen. Der Controller lenkt das Geschehen. Ohne den Controller würden die Männchen bloß doof in der Gegend rumstehen.

»Früher nannte man das einfach Buchhalter«, sagt mein Kumpel Gregor gerne, obwohl er genau weiß, dass wir Controller mehr tun. Wir lenken und planen die Route, während der Buchhalter nur aufzeichnet, wo man bereits langgefahren ist.

Ich schaue runter auf den Parkplatz. Der Wagen des Chefs steht nicht in der reservierten Lücke. Nur ein verwehter Prospekt liegt dort und ein altes Brötchen, in dem eine Taube herumpickt. Auf dem weißen Schild ist das Wort Geschäftsleitung aufgedruckt, ohne Namen. Einen Namen fand der Chef immer zu protzig. Der Gute. Herr der Einbauküchen und Schlafcouchen, König des Möbelhauses Ritter auf der grünen Wiese. Am Wochenende fährt das Volk hier hinaus, um seine bescheidenen Gemächer neu einzurichten. Es geht uns immer noch gut, trotz der schwedischen Konkurrenz mit den vier gelben Buchstaben. Der Chef meint, das liegt an den vielen Bratwursttagen, die wir anbieten. Wurst für 50 Cent, Bier für einen Euro, große Hüpfburg für die Kinder und eine Cover-Band, die genau das spielt, was die Menschen hören wollen. Natürlich weiß mein Chef, dass es noch viel mehr daran liegt, dass er ein exzellentes Controlling im Haus hat. Gerade eben sitze ich an der strategischen Planung, also der Vorausschau auf die nächsten fünf Jahre. Punkt für Punkt. Zahl für Zahl. »Trocken wie Holzmehl«, würde Gregor sagen, aber hinter jeder Zahl steht eine Wirklichkeit. Ein sonniger Tag, an dem Kinder in der Hüpfburg hüpfen. Ein Tag, an dem die Bagger das Fundament für eine neue Filiale ausheben, nächstes Jahr, wenn alles gutgeht.

 

Ich beginne, die Formblätter zu sortieren, auf denen die verschiedenen Abteilungen des Hauses ihre Absatzplanung für das kommende Jahr eintragen müssen. Es geht schnell, denn außer dem Einkauf hat noch niemand »den Wisch« an mich zurückwandern lassen. So nennen das die Kollegen immer. Den Wisch! Das muss man sich mal vorstellen! Ohne diese Formblätter komme ich nicht weiter. Ich werde sie mir selbst holen müssen. Ich seufze und stehe auf.

Ich beginne meine Suche im Büro des Vertriebs. Die Schreibtische sind verwaist. Ein Telefon klingelt ins Leere; auf dem Monitor daneben ist eine Webseite mit Fußballtipps geöffnet. Herr Mutz setzt 15 Euro darauf, dass St. Pauli am Wochenende den FC Bayern schlägt. Im Kaffee von Frau Wiener schwimmt ein Keks. Er saugt sich langsam voll und wird in naher Zukunft versinken. Herr Hüls hat sich auf YouTube Zeichentrickvideos von »Simon’s Cat« angesehen.

Ich verlasse das Büro und versuche es beim Marketing. Auch hier ist niemand zu Hause. Dafür surrt und fiept es im Kopierraum.

»Herr Breuer!«, begrüßt mich Herr Öllich etwas zu enthusiastisch, als ich die Nase in das kleine Zimmer strecke. Er will davon ablenken, dass er soeben 200 Farbkopien für private Einladungskarten macht. Langsam quälen sich die teuren Hochglanzpapiere aus dem Gerät.

»Ich brauche Ihr Formblatt«, sage ich, und er merkt, dass ich auf den Ausgabeschacht des Kopierers schiele. »Ja, äh, kommt sofort, wenn ich wieder im Büro bin!«

Ich nicke, tue so, als ob ich verschwinde, drehe mich in der Tür noch mal um und sage: »Und, ach, Herr Öllich?«

»Ja, Herr Breuer?«

»Wenn Sie das Formblatt noch mal zur Hand nehmen, korrigieren Sie die Absatzerwartung um 98,50 € nach unten. Schreiben Sie daneben: Privatentnahme für Farbkopien.«

Er wird rot.

 

Ich stapfe über die Treppen ins Erdgeschoss, um mir die Zahlen aus der Produktion zu holen. Hoffentlich haben wenigstens die ihr Formblatt ausgefüllt. An der Tür des Büros hängt ein Klebezettel: Bin gleich wieder da! Clasvogt

»Der sitzt auf dem Thron!«, poltert hinter mir unsere Putzkraft. Sie fügt hinzu: »Und das kann dauern.« Sie unterstreicht ihre Äußerung mit Daumenbewegungen auf einem imaginären Game Boy. Ich atme schwer aus und gehe selbst auf die Toilette, um mir Wasser ins Gesicht zu werfen. Hinter der Tür der Kabine höre ich tatsächlich die Melodie von Tetris, begleitet von »Uff!« und »Ach!«, wenn sich bei Herrn Clasvogt ein Klötzchen verkeilt. Durch das auf Kipp stehende Milchglasfenster wehen Zigarettengeruch und Smalltalk-Fetzen herein. Die drei Mitarbeiter vom Vertrieb stehen im Hof und rauchen. Ich gehe hinaus, baue mich vor ihnen auf und will gerade »Formblätter!!!« schreien, als ich Herrn Rabe aus der Qualitätssicherung an seinem PKW sehe. Von dem habe ich bislang noch nicht mal die Frühjahrszahlen, geschweige denn die Vorausschau bekommen. Ich lasse die Raucher stehen, gehe zu ihm und traue meinen Augen nicht: Der Mann putzt gerade sein Auto. Ein Eimer mit Schaumwasser steht neben der Tür, ein Handstaubsauger liegt auf dem Beifahrersitz, Fensterputzmittel steht auf der Motorhaube. Soeben entfernt Rabe mit einem Mikrofasertuch die feinen Staubpartikel, die sich zwischen den Tasten des Radios sammeln.

»Sie reinigen Ihr Fahrzeug?«

»Hallo, Herr Breuer! Klar mache ich das. Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als seine Dinge in Ordnung zu halten.«

Das habe ich eben nicht gehört.

Mir steht der Mund offen.

Ich sage: »Wir haben hier Arbeitszeit, und Sie entstauben in aller Ruhe die Taste zwischen WDR2 und WDR3?«

Herr Rabe dreht sich in seinem Sitz zu mir um, wuchtet seinen Körper zurecht, lacht kehlig und sagt: »Ja, Herr Breuer, wann soll ich das denn bitte sonst machen? Sie wissen doch, wie das ist: Zu Hause kommt man zu nichts!«

Vor dem Eingang zünden sich die drei vom Vertrieb eine neue Runde Zigaretten an. Hinter dem Klofenster ertönen Jubelgesang und eine Kasatschok-Melodie.

Herr Breitling aus dem Einkauf betritt den Hof und hält nach etwas Ausschau. »Da«, sage ich zu dem waschenden Clasvogt und zeige auf Breitling, »das ist mal ein Kollege. Der hat mir wenigstens sein Formblatt ausgefüllt. Als Einziger!«

»Gern geschehen, Herr Breuer«, sagt Breitling und macht ein freudiges Gesicht, als ein Transporter vorfährt. Die Türen öffnen sich, und zwei Männer beginnen, sieben riesige Kartons auszuladen, während Breitling die Lieferung gegenzeichnet.

»Was ist das?«, frage ich.

»Eine Grillsauna.«

»Eine bitte was?«

»Eine Grillsauna. Der letzte Schrei aus Norwegen. Wir könnten für die anstehende Sommersaison fünfzehn Stück bestellen, aber dieses Muster hier bekommen wir zum Schnäppchenpreis. Zum Austesten, ob die Kunden es annehmen.«

Ich überschlage im Kopf die Kalkulationen und die geplanten Neuerungen im Sortiment. »Was soll das denn?«, frage ich.

»In der Mitte ist ein Grill, Sie sitzen auf Bänken drum herum, und statt einfach nur zu schwitzen, essen Sie heiße Würstchen und trinken kühles Bier.«

»Nein, ich meine, was soll diese Bestellung? Die ist nicht abgesprochen. Wir machen Möbel für den Innenbedarf. Wir haben nur eine rudimentäre Außenabteilung. Was sollen die Dinger überhaupt kosten?«

Breitling nennt mir den Preis.

Ich schlage die Hand vor den Kopf: »Herr Breitling, das rechnet sich doch niemals! Gucken Sie sich doch mal die Kartons an, da muss der Kunde ja einen Schwertransport bestellen, um sein Produkt überhaupt nach Hause zu kriegen.«

»Wir müssen auch mal neue Wege gehen«, sagt Breitling. »Das sind die Worte des Chefs.«

»Ja, sicher, aber die neuen Wege müssen mit mir abgesprochen werden! Ich habe hier die Zahlen im Griff zu halten. Wir machen doch keine Ausstellung hier, sondern ein Möbelhaus, das sich rechnen muss.«

Breitling hört mir gar nicht mehr zu, sondern versucht verzweifelt, die Packer davon abzuhalten, mangels bereitgestellter Transportkarren die sieben Riesenkartons einfach auf dem Parkplatz vor der Tür zu lagern. Genau das machen sie aber.

»Und wenn es heute Nacht regnet?«, schimpft Breitling den Männern hinterher, aber es ist zwecklos. Er schüttelt den Kopf und verschwindet im Haus.

Ich schaue zu Herrn Rabe, der immer noch seelenruhig sein Auto wäscht, sage nichts mehr und gehe gemessenen Schrittes ins Haus zurück. Herr Clasvogt kommt aus dem Klo und rennt mir vor die Füße. »Herzlichen Glückwunsch«, sage ich und steige die Treppen wieder hinauf, vorbei am Kopierraum, wo immer noch Öllichs Einladungen produziert werden. In der Küche nehme ich mir einen Kaffee. Auf den Hängeschrank über der Maschine ist mit Tesafilm ein Zettel geklebt worden. Darauf steht:

Jeder Mensch kann beliebige Mengen Arbeit bewältigen, solange es nicht die Arbeit ist, die er eigentlich machen sollte.

»Lustig, was?«, sagt ein junger Mann von 16 Jahren im Türrahmen. Unser Praktikant Gero. Er geht auf mich zu und hält mir ein Blatt hin: »Hier, ein Formblatt. Ich weiß, die Abteilung Praktikant hat eigentlich keine Absatzerwartung, aber ich würde gerne mal wissen, ob ich das richtig ausgefüllt habe. Ich will hier ja auch was lernen. Ich habe mir Einsparpotentiale ausgedacht. Wussten Sie, dass der Duftstein Ozeanbrise in den Toiletten 15 Cent teurer ist als der Duftstein Zitrusfrische vom gleichen Hersteller? Ich meine, für das Geschäft im Geschäft muss doch auch Zitrusfrische reichen, oder? Das große Geld besteht aus vielem kleinen Geld. Halten Sie das nicht zusammen, können Sie auch gleich ein Haus ohne Fundament bauen.«

Ich sehe den jungen Mann an und spüre, wie mir die Tränen in die Augen schießen. Langsam gehe ich auf ihn zu, umarme ihn und drücke ihn. Ganz, ganz fest.

Ich bin Controller.

*

»Ja, entschuldigen Sie mal, das war doch alles schon vor Monaten abgesprochen!«

»Das mag sein, Frau Breuer, aber nachdem der Entwurf durch den Ausschuss musste …«

»Der Ausschuss! Noch ein Ausschuss!«

»Ja, Frau Breuer, so ist das eben in der Demokratie …«

Das Atelier meiner Frau Marie ist ein Anbau unseres Hauses, den man nur über einen langen Flur erreicht, aber die Stimmen klingen trotzdem bis an die Haustür. Kaum habe ich das Haus betreten, hängt mein Sohn Tommy an meinem rechten Hosenbein. Das linke Hosenbein umstreift unsere Katze Vinci. Sie hat Hunger. Meine Tochter Lisa schaut sich das Geschmuse ihres kleinen Bruders und ihrer großen Katze einen Augenblick an, lächelt nachsichtig und sagt: »Mama streitet sich mit einem Mann von der Stadt.«

»Das höre ich«, sage ich und wuchte mich zur Garderobe, was nicht so leicht ist mit einem Achtjährigen am Bein und einer Katze, die um das andere schnurrend ihre Kreise zieht.

»Mama ist sauer«, sagt Lisa.

Ich hänge mein Jackett auf.

Marie sagt im Atelier: »Sie wollen mir also jetzt, nach zwei Monaten Arbeit, allen Ernstes sagen, dass das ganze Konzept mit den Wasserläufen wieder verworfen wurde?«

»Frau Breuer, was heißt verworfen, es war ja nie hundertprozentig zugesagt. Der Ausschuss …«

Marie unterbricht den Mann: »Ich wiederhole noch mal. Sie wollen mir jetzt, nach zwei Monaten Arbeit, sagen: ›Frau Breuer, entschuldigen Sie, aber im Grunde wollen wir den Kindergarten komplett ohne Wasserläufe‹?«

»Sollen wir boxen?«, fragt Tommy, lässt mein Bein los und läuft ins Wohnzimmer zum Fernseher, ohne eine Antwort abzuwarten. Die Videospielkonsole ist bereits eingeschaltet. Kleine Männchen mit großen Köpfen warten wackelnd auf ihren Einsatz. Mein Sohn gibt mir den weißen Controller. In ihm steckt noch ein kleinerer Knüppel für die linke Hand, schließlich boxt man nicht einhändig. Unsere Katze maunzt, weil ich sie nicht erst mal füttere, bevor ich boxe. Lisa sagt: »Ich glaube, Mama würde diesen Mann am liebsten umhauen …«

Tommy sagt »Los!«, und hat mir auf dem Bildschirm bereits eine verpasst.

Der Beamte sagt im Atelier: »Ja, Frau Breuer, das klingt jetzt sehr radikal, wie Sie das sagen. Der Ausschuss …«

Jetzt hören wir trotz der lauten Geräusche des Boxspiels, wie Marie im Atelier nach Luft schnappt. Sie macht ein paar Schritte, schnappt noch mal, bleibt stehen und sagt: »Bei allem Respekt, Herr Steinhoff, aber wenn Sie noch ein einziges Mal das Wort ›Ausschuss‹ erwähnen, werfe ich Ihnen diesen Locher an den Kopf.«

»Frau Breuer, wie lange arbeiten wir jetzt schon zusammen an kommunalen Projekten?«

»Seit zehn Jahren, Herr Steinhoff.«

»Eben, Sie wissen doch, wie das läuft, meine Liebe. Ich kann doch auch nichts daran ändern. Denken Sie, ich hätte das Konzept mit Wasser nicht auch schöner gefunden?«

»Also, sag ich’s doch! Sie wollen es komplett ohne Wasser!«

»Pamm! Gewonnen!!!«, jubelt Tommy, und mein Boxer geht auf dem Bildschirm zu Boden, weil ich nicht aufgepasst habe.

»Mann, Papa, mach richtig!«, sagt Tommy, als er merkt, dass ich nur dem blöden Beamten lausche, der meiner Frau wieder mal alles Kreative aus ihrem Entwurf streichen muss, weil der Bauausschuss es so befiehlt. Marie liebt ihren Beruf als Architektin, den sie neben Kindererziehung und Haushalt vom heimischen Atelier aus führt, aber wer auf diese Weise arbeitet, kann eben nur ab und zu Kindergärten oder Hallenbäder für die Kommune und den Kreis entwerfen. »Das ist so, als würde man Eric Clapton dazu zwingen, für Andrea Berg Gitarre zu spielen!«, hat Marie mal geschimpft, und so sauer sie auch war, für diesen Vergleich musste ich sie sofort küssen.

»Papa, machst du jetzt ernst oder nicht?«, quengelt Tommy.

»Mauuuuuu!«, quengelt Vinci.

»Frau Breuer, was soll ich denn machen?«, quengelt Herr Steinhoff.

»Am besten, Sie gehen jetzt und lassen mich in aller Ruhe meine Wasserläufe wieder abreißen!«, sagt Marie.

Wenig später passiert der Mann die Wohnzimmertür, sagt »Guten Tag, Herr Breuer«, und ist schnell aus der Tür.

Ich lege den Controller ab und gehe auf meine Frau zu.

»Drei Monate arbeite ich daran, einen Kindergarten mit Wasserläufen und Teichen zu entwerfen, und am Ende wollen sie doch wieder nur einen Schuhkarton mit Spielgerät.«

»Ich weiß«, sage ich und nehme sie in den Arm.

Sie legt den Kopf auf meine Schulter, und ich streichele ihr durchs Haar. »Gideon und Stefan sind gerade unter den letzten drei Bewerbern um den Auftrag für das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Zürich«, sagt sie.

»Ich weiß«, sage ich und drücke sie fester. Gideon und Stefan haben mit Marie damals das Studium abgeschlossen und betreiben heute eines der angesagtesten Architekturbüros in Deutschland. Marie hat den Newsletter abonniert und verfolgt ständig, was die beiden tun. Gideon und Stefan haben niemals Kinder bekommen oder geheiratet. Die Absendezeit ihrer Newsletter beträgt häufig 3:35 Uhr in der Nacht.

»In Zürich darf man Wasserläufe machen«, sagt Marie, aber ihr Tonfall wird in meinen Armen bereits weicher. Sie klingt jetzt nicht mehr wie eine wütende Frau, sondern wie ein trauriges kleines Mädchen. »Den Zürichern könnte man einen Teich mit Seerosen mitten im Konferenzraum präsentieren, und sie würden sagen: ›Frau Breuer, wenn Sie die Tische noch unterbringen, machen wir das!‹«

»Ich weiß«, sage ich.

Marie sagt nichts mehr.

Ich drücke sie ein wenig fester und zähle im Stillen sechs Sekunden ab. Das ist exakt die Zeitspanne, in welcher der Körper bei einer liebevollen Umarmung beginnt, Glückshormone auszuschütten. Ich habe das nachgeschlagen. Ich will so was wissen, ich bin Controller. Marie weiß davon nichts, aber nach exakt sechs Sekunden seufzt sie laut und herzzerreißend. Nicht nach fünf, nicht nach sieben, nein, nach genau sechs Sekunden. Ich lächele. Sie löst sich ein wenig und schaut mich an.

An meinem Bein streift die hungrige Vinci grimmig ein Pfund ihrer Kopfbehaarung ab.

»Die Katze hat Hunger«, sagt Marie.

»Ich weiß«, sage ich.

Dann gehe ich die Katze füttern.

Und Marie streicht alle Wasserläufe aus dem Kindergarten.

Die Trophäe

Es ist erst 7:15 Uhr, als ich vor der Firma vorfahre. Ich will heute früher anfangen, weil die strategische Planung ein paar Überstunden erfordert. Ich mag den Morgen. Das Gebäude ist noch still, und alle Telefone schweigen. Ich schaffe viel und komme trotzdem früh genug nach Hause, um mich von meinem Sohn auf dem Nintendo windelweich prügeln zu lassen. Der Parkplatz ist wie erwartet noch leer.

Fast leer.

Vor dem Eingang liegen immer noch die sieben Riesenkartons der Grillsauna, und dort, wo gestern die Taube pickte und wo eigentlich der Wagen des Chefs seinen Platz hat, steht eine schwarze Limousine. Ich steige aus. In meiner Etage ist Licht. Wer ist denn so früh in der Firma? Und parkt auf dem Stellplatz des Chefs?

Ich betrete das Gebäude und gehe Stufe für Stufe schneller die Treppen hoch. Im Flur sehe ich einen Mann, der beiläufig den Kopierer einschaltet, lacht und zu seinem Kollegen sagt: »Schau mal, Wolfgang, Papierstau!«

Wolfgang – ein langer Typ im Armani-Anzug – schmunzelt und sagt: »Provinzklitsche …«

Dann bemerkt er mich.

»Oh …«

»Ja, oh …«, sage ich und gehe auf ihn zu, als hätte ich Hausrecht.

Habe ich ja auch.

Ich bin der Controller.

»Und Sie sind?«, frage ich.

»Ja, guten Morgen, wir sind Stölz und Schwarz von der Firma Blackwater.«

»Tatsächlich?«, sage ich.

Was zur Hölle geht hier vor?

»Und Sie?«

»Ben Breuer, Controlling«, sage ich und drücke die Hand von Herrn Schwarz ein wenig zu fest. Er honoriert meine Aggression mit einem Lächeln, als sei ich bloß ein Sparringspartner, aber immerhin kein schlechter. Dann lässt er die Hand los und nimmt eine Tasse Kaffee, die er auf meinem Schreibtisch abgestellt hat. Sie hinterlässt einen braunen Rand auf einem Ausdruck der Bilanzen.

»Die Espressomaschine brauche ich Ihnen wohl nicht mehr zu zeigen«, gifte ich.

Herr Schwarz ignoriert meine Bemerkung, wartet einen Augenblick, als würde er überlegen, und sagt dann zu seinem Kollegen: »David, holst du Herrn Breuer bitte auch einen Kaffee?«

David nickt und verschwindet, aber nicht wie ein Unterstellter, eher wie einer, der ein festgeschriebenes Drehbuch abspult.

Herr Schwarz schluckt und kaut einen Moment auf seiner Zunge herum. Er blättert an einem kleinen Wandkalender die Motive auf, wie um nachzusehen, ob es sich lohnen würde, das Ding zu klauen und die Landschaftsfotos für die Kinder auszuschneiden. Dann sagt er: »Herr Breuer, wie soll ich Ihnen das schonend beibringen?«

Mir wird heiß im Magen.

Ich weiß nicht, ob ich den Mann schlagen oder mir die Ohren zuhalten soll.

»Es ist im Grunde gut, dass Sie als Erster hier im Hause sind. Ich meine, immerhin sind Sie das Controlling, und womöglich können Sie uns helfen, den einfachen Mitarbeitern nachher die Sachlage mitzuteilen.«

»Was reden Sie denn da?«, sage ich und merke, dass meine Stimme zittert.

»Unsere Firma, Blackwater, vielleicht haben Sie schon von uns gehört?«

Ich antworte nicht.

»Na, jedenfalls, wir sind ein Investment-Unternehmen. Wir kaufen Firmen fast jeder Größe, die in Schwierigkeiten geraten.«

»Wir sind nicht in Schwierigkeiten!«, sage ich mit einem Blick auf den Kaffeetassenrand auf meinen Papieren. Ich sitze gerade an der strategischen Planung der nächsten fünf Jahre. Würstchentag. Einbauküchen. Expansion. 2012 wollen wir eine neue Filiale bauen. Den unsinnigen Einkauf der Grillsauna werden wir verschmerzen. Ich weiß das doch, ich bin der Controller.

Herr Schwarz überhört meinen Widerspruch und fährt fort: »Manchmal sanieren wir die Häuser, die wir übernehmen. Manchmal aber müssen wir sie leider … nun ja, schnell und effizient abwickeln. Selbst da verdienen wir noch was dran.«

Jetzt ist mir nicht mehr heiß im Magen, jetzt verbrenne ich.

»Aber ich kenne doch die Zahlen!«, sage ich.

Herr Schwarz sagt: »Ja, aber kennen Sie auch Ihren Chef?«

Ich runzele die Stirn.

»Ich meine, kennen Sie ihn wirklich?«

»Ich arbeite seit zehn Jahren mit ihm zusammen, natürlich kenne ich meinen Chef!«

»Dann wussten Sie von seinem heimlichen Hobby?«

»Was?«, frage ich frotzelig, »dem Jagdclub?«

Herr Schwarz lächelt. »Nein …«

»Ja, reden Sie«, sage ich.

»Es hatte mit einer anderen Art von Kugeln zu tun«, sagt Herr Schwarz, »silbernen Kugeln, die auf einer Drehscheibe herumsausen und dann klackernd in ein Loch fallen. Und mit kleinen weißen Karten, bedruckt mit roten und schwarzen Damen und Königen und Buben.«

Es ist, als würde mir der Mann erzählen, dass ich die ganze Zeit in einer Theaterkulisse gelebt habe. Als hätte die Taube auf dem Parkplatz ein Gestänge in ihrem Vogelkörper und wäre ferngelenkt.

»Mein Chef …«

»Ihr Chef ist weg«, sagt Herr Schwarz, und sein Kollege Stölz reicht mir nun tatsächlich einen Kaffee, als wäre ich zu Gast in deren Firma. »Und um sich privat zu retten, hat er uns seine Firma verkauft.«

Herr Schwarz reicht mir eine Mappe.

Ich stelle den blöden Kaffee ab und nehme die Mappe an mich. Halte sie in den Händen und starre auf die Paragraphen, Sätze und Unterschriften. Es sind Fakten, an denen ich nichts mehr ändern kann. Ich kann nur noch feststellen, was ist. Wie ein Buchhalter. Der Chef hat über Nacht seine Firma verkauft. An Blackwater.

Ich lasse die Mappe sinken.

»Sie sagten, Sie würden nur manche Häuser sanieren?«

Herr Schwarz presst die Lippen zusammen, als bedauere er, was ich gerade eben begriffen habe. Dieses Haus wird er nicht sanieren. Dieses Haus wird er schnell und effizient abwickeln. Wie hat er es noch vor zehn Minuten am Kopierer genannt? Provinzklitsche …

»Sie und alle anderen Mitarbeiter bekommen natürlich eine gute Abfindung. In den nächsten zwei Wochen helfen Sie uns bitte, den Restbestand zu verkaufen. Ein schöner Schlussverkauf, erst 25, dann 50 und dann 80 % Rabatt. Dazu Würstchen, Hüpfburg, Livemusik. Sie kennen das. Wir haben uns vorgestellt, dass wir diese ehemalige DSDS-Kandidatin mit ihrer Band hierherholen, na, wie heißt die noch? David, sag schnell!«

»Annemarie Eilfeld.«

»Ja, genau, die meine ich. Die kriegt man heute richtig günstig, aber die zieht immer noch gut Publikum. Wie sagt man? Saukram vor die Säue!« Schwarz lacht dreckig.

Vielleicht träume ich ja.

Vielleicht liege ich noch im Bett, Marie neben mir und Vinci auf den Beinen, und das Ganze ist nur ein Albtraum. Ich bin doch Controller, ich habe doch die Firma gelenkt.

»Helfen Sie uns dabei, das würdevoll über die Bühne zu bringen, Herr Breuer?«, fragt mich Herr Schwarz von Blackwater, und ich nicke nur, obwohl ich das gar nicht will. Ich nicke und plane innerlich schon den Schlussverkauf und den Auftritt des C-Promi-Casting-Stars. Ich kalkuliere bereits alles im Kopf durch, obwohl ich diese Männer eigentlich mit Schwert und Rüstung aus unserem Schloss jagen müsste. Tue ich aber nicht. Ich überlege, welchen Würstchen-Caterer ich anrufe, ob Annemarie ihre Anlage selbst mitbringt und auf welchem Wege wir den Schlussverkauf bewerben, so dass er ein Maximum an Einnahmen abwirft, obwohl die nicht mal in die Taschen der Mitarbeiter fließen werden. Ich bin gerade feindlich übernommen und abgeschossen worden, und schon plane ich innerlich die letzten 14 Tage.

Ich kann nicht anders.

Ich bin Controller.

Herr Schwarz schaut sich die Kaffeetasse in seiner Hand genau an. Wie ein Porzellansammler. »Eine Frage habe ich, Herr Breuer. Diese Kartons unten auf dem Hof. Was ist das?«

»Eine norwegische Grillsauna«, sage ich.

»Wirklich?«, sagt er, und seine Augen blitzen. »David, kannst du mal checken, ob wir einen großen Transporter kriegen?« Herr Schwarz beugt sich vor und lächelt breit, die Augen schmal wie ein chinesischer Detektiv. Er sagt: »Normalerweise sammele ich von den Firmen kleinere Objekte, wissen Sie? Aber eine Grillsauna gibt’s nicht alle Tage.«

»Sie nehmen die Sauna für sich selber?«

»Äh, ja? Es ist jetzt meine Firma. Und ich habe Regeln. Pro Firma nur eine Trophäe.«

Ich starre ihn mit halboffenem Mund an. Hat er eben wirklich Trophäe gesagt?

»Transporter ist kein Problem«, sagt sein Kollege, die Finger auf der Tastatur seines Blackberrys.

»Gucken Sie mich nicht so an, ich habe diese Firma nicht verzockt«, sagt Herr Schwarz, und obwohl ich ihn am liebsten würgen würde, steigt in mir ein Gedanke auf, den in dieser Lage nur ein Controller haben kann: Ich muss die Grillsauna nicht rausrechnen, weil sie noch gar nicht eingebucht wurde. Und das freut mich auch noch.

Ich kann nicht anders.

Ich bin Controller.

*

Ich habe keine Ahnung, wie ich es Marie sagen soll.

Da sitzt sie, hinter der hohen Fensterfront, den Zeichentisch voller Bögen, und trinkt Tee, während sie am Schreibtisch daneben auf den Bildschirm starrt. Ich stehe im Garten vor dem Anbau. Ich habe mich um das Haus herumgeschlichen, da ich zuerst mit ihr reden will. Meine Kinder würden mir sofort anmerken, dass etwas nicht stimmt. Die Katze würde ungebremst fressen wollen, das teure Futter, kiloweise, der brauche ich mit Argumenten gar nicht zu kommen, die schaltet schon beim Wort »Abfindung« ab.

Ich schleiche auf die Terrassentür zu und klopfe zaghaft ans Glas.

Wie ein Kater, der rein will.

Marie macht auf, küsst mich und sagt: »Schatz, was kommst du denn durch den Garten?«

»Ich, äh, hab nur nachgesehen, was die Narzissen machen.«

»Aha«, sagt Marie und schließt die Tür hinter mir.

Sonst sagt sie nichts.

Das ist ungewöhnlich.

Der Teebeutel, den sie aus der Tasse geholt hat, ist neben dem Unterteller gelandet. Ein wenig Flüssigkeit läuft auf dem Schreibtisch unter ihre Tastatur.

Ich will gerade ansetzen, da sagt sie: »Ben, ich muss dir etwas sagen.«

»Äh, du auch?«

»Wieso, du …«

»Du zuerst!«, sage ich schnell und hämmere mir ein Lächeln ins Gesicht.

Marie macht ein paar Schritte, bemerkt das Malheur mit dem Tee, ohne es zu beheben, und streicht mit den Fingern über die Bögen auf dem Zeichentisch. Kindergarten. Ohne Wasser.

Sie sagt: »Gideon und Stefan haben den Auftrag für Zürich bekommen.«

»Das ist schön für sie«, sage ich.

Marie beißt sich auf die Unterlippe.

Es sieht süß aus, macht mich aber auch misstrauisch.

»Na ja … sie … Ben, wie soll ich …? Sie haben mir eine Mail geschrieben.«

»Ihren Newsletter? Um drei Uhr nachts?«

»Nein. Keinen Newsletter.«

Sie schaut zögernd zum Monitor.

Sie kaut ihre Lippe.

Sie sieht mich an wie ein Mädchen, das etwas Unanständiges getan hat. Oder das sich noch überlegt, etwas Unanständiges zu tun.

Ich gehe zu ihrem Schreibtisch, setze mich, fasse unachtsam mit der linken Hand in die Teepfütze und scrolle mit der rechten Hand den Mailtext durch, den Marie von ihren alten Studienkollegen bekommen hat.

Was ich da lese, verwirrt mich komplett. Diese paar Zeichen und Wörter lassen tausend Gefühle und Gedanken gleichzeitig anspringen. Nervosität. Erleichterung. Stolz. Ich weiß auch nicht, was noch alles.

Gideon und Stefan fragen meine Frau Marie, Erbauerin grauer Kindergartenkästen für die Kommune, ob sie Interesse hätte, ihr Team zu verstärken. Sie hätten sie immer schon im Hinterkopf gehabt, seit dem Studium, und ja, sie wüssten, sie hätte Kinder und eine Familie. Sie haben mitbekommen, wie Maries Ideen aussehen, bevor die Ausschüsse sie zerschlagen, sie haben ihre Ohren schließlich überall, wo es um Stadtentwicklung geht, sei sie privat bezahlt oder staatlich. Sie wollen, dass Marie bei ihnen einsteigt, erst mal »nur« für das Projekt Zürich, wobei dieses »nur« sich hinziehen kann. Und ich kann mir denken, was mit einer Architektin passiert, die das neue Museum für zeitgenössische Kunst in Zürich mitgestaltet. Sie wird sich vor Folgeaufträgen nicht retten können.

Ich schlucke schwer.

Marie lässt ihren Kleinmädchenblick und sagt: »Du schluckst.«

Sie ist sauer.

Ich sage: »Ja, aber nur, weil …«

»Na toll«, sagt sie, als stünde Publikum auf der Terrasse. »Er schluckt!«

»Ja, aber Marie, ich weiß, was das für ein Angebot ist, es ist nur …«

»Nein, du brauchst gar nicht weiterreden, Ben, ich versteh schon. Die Frau soll zu Hause bleiben und weiter Schuhkartons bauen.«

»Marie …«

»Die Frau hat ja nicht etwa vor zehn Jahren gesagt: ›Okay, wenn jetzt das erste Kind kommt, gehe ich in die Teilzeit und arbeite von zu Hause, erst mal, man kann ja sehen, was dann passiert.‹ Die Frau hat ja nicht gesagt, dass sie irgendwann in ihrem Leben wenigstens mal wieder die Chance haben will, etwas Interessantes zu bauen.«

»Marie …«

»Es geht gar nicht darum, ob ich das wirklich machen will, Ben! Ich werde das nicht machen. Ich mache Tommy und Lisa nicht zu Schlüsselkindern. Aber dass du von vornherein, innerhalb einer Millisekunde, ganz selbstverständlich davon ausgehst, dass daran nicht mal ein Gedanke verschwendet werden darf, ja? Nicht mal ein Gedanke! Das regt mich auf!«

»Marie!!!«

Ich stehe auf, gehe auf sie zu und halte ihre Arme fest. Ich atme ein und sehe ihr in ihre wunderschönen Augen, kristallgrün wie ein Bergsee.

»Marie«, sage ich, langsam und mit meiner tiefsten Stimme, »ich bin in zwei Wochen arbeitslos.«

»Was?«, sagt sie, und ihre Gesichtsmuskeln spielen verrückt.

Ich lasse sie los, weil ich herumlaufen muss, wenn ich davon erzähle. »Du weißt, wenn eine Firma in die Insolvenz geht, muss der Besitzer nicht mit seinem ganzen privaten Vermögen haften.«

»Ja, und?«

Ich atme verächtlich aus. »Aber wenn ein Besitzer, dem du zehn Jahre lang vertraut hast, wenn der ein Doppelleben führt und privat siebenstellig Schulden macht, weil er mit seinem Arsch in Kasinos und in Pokerzimmern sitzt …« – ich schlage laut auf ihren Zeichentisch und schreie, so dass Marie zusammenzuckt –, »… sorry … dann jedenfalls, wenn dieser Mann, dieses miese, verlogene Arschloch, seinen privaten Hintern retten will, dann kann es passieren, dass er seine ganze Firma mal eben an eine Heuschrecke zum Frühstück verkauft.«

»Nein!«, sagt Marie, aber es liegt nicht nur Entsetzen und Mitgefühl in ihrer Stimme, sondern auch ein wenig Hoffnung.

Ich höre es.

Ich weiß, was in ihr vorgeht.

Ich weiß, was auf ihrem Bildschirm steht.

»Oh, Ben, komm her …«, sagt sie und nimmt jetzt mich in den Arm, wie ich sie gestern getröstet habe. Ich lasse mich drücken. Ich spüre sogar, wie mir die Tränen kommen wollen, weil ich vom Chef so verraten wurde. Nach exakt sechs Sekunden muss ich ganz schwer seufzen. Nach acht Sekunden stehen unsere Kinder und unsere Katze in der Tür zum Atelier.

Lisa sagt: »Wir haben dich brüllen gehört!«

Tommy sagt: »Gehen wir boxen, Papa?«

Vinci sagt: »Mauuuuuuuuuuuuu!«

Ich löse mich von Marie, sehe sie an, und wir beide wissen, dass wir heute kein Wort mehr über die Lage verlieren werden, da wir beide erst mal in Ruhe nachdenken müssen.

Ich gehe die Katze füttern.

Dann gewinne ich gegen meinen Sohn beim Nintendo-Boxen, weil ich mir vorstelle, dass ich auf Herrn Schwarz, Herrn Stölz und auf meinen ehemaligen Chef einschlage.

Der Rollentausch

Ab und zu hat man Geburtstag.

Das ist nun mal so. Den Kalender interessiert es nicht, ob du gerade deine Tage damit verbringst, deine ehemalige Firma abzuwickeln. Operative statt strategische Planung. Planung für 14 Tage. Noch billigere Würstchenlieferanten angefragt hast und die komische Eilfeld mit ihrer Band. Der Kalender sagt: »Juchhu, Geburtstag, ihr müsst feiern!«

Aber das macht nichts, denn in der letzten Woche haben Marie und ich einen Entschluss gefasst, und den werden wir unseren Gästen heute Abend im Wohnzimmer bei Bier und Bowle verkünden.

 

Die Runde ist überschaubar. Maries Mutter Thea sitzt in der Rundecke der Couchlandschaft und streichelt die schnurrende Katze. Unser Nachbar, Rolf Heyerdahl, schenkt seiner Frau Rita gerade Bowle ein. Sein Trizeps zeichnet sich schon ab, wenn er nur die Schöpfkelle in die Hand nimmt. Er ist braungebrannt und haarlos, aber auf die männliche Weise. Er ist das Gegenteil meines alten Kumpels Gregor, der zischend sein fünftes Kölsch öffnet und mit seinem Schnauzer und seiner Armbehaarung aussieht, als sei er aus einem alten Film mit Burt Reynolds gesprungen. In der Anlage läuft Hard Knocks, die brandneue Platte von Joe Cocker. Gregor hat sie mir geschenkt. Schwiegermutter hat Aftershave gekauft, die For-Men-Ausführung der Parfümmarke, die Marie trägt. Die Kinder haben mir eine edle Monopoly-Sonderedition überreicht, ein dezenter Hinweis auf ihre eigenen Bedürfnisse. Vinci hat uns heute Morgen erst um 6:15 Uhr statt um 6 Uhr zum Füttern geweckt, und die Heyerdahls beglückten mich mit einem 14-Tage-Gutschein für ihr Fitnessstudio.

Während Joe Cocker zum fünften Lied ausholt, werfe ich Marie einen Blick zu, und sie nickt.

Ich stehe auf, klimpere an meinem Glas und sage: »Ihr Lieben! Danke, dass ihr gekommen seid und mich so nett beschenkt habt!«

Allgemein gutmütiges Grummeln.

»Ich will keine große Rede halten, aber Marie und ich haben euch als unserer Familie und engsten Freunden eine wichtige Mitteilung zu machen.«

Tommy und Lisa kichern und wippen nervös auf der Couch herum. Sie können es nicht erwarten, dass Papa endlich öffentlich macht, was sie schon seit ein paar Tagen wissen. Dass fortan schon mittags geboxt werden kann.

»Also …«, sage ich, »Marie und ich werden ab der kommenden Woche die Rollen tauschen.«

Jetzt ist es so still, man könnte eine Stecknadel fallen hören.

Die Heyerdahls schauen mich neugierig an, die Schwiegermutter schiebt die Katze von sich, und Gregor runzelt die Stirn und trinkt nicht mal an seinem Bier weiter.

»Leider ist es so, dass das Möbelhaus Ritter von seinem Besitzer verkauft wurde und schon jetzt, in diesem Moment, von einer Investmentfirma ausgeschlachtet wird.«

Meine Schwiegermutter hält sich die Hand vor den Mund wie eine echauffierte Hofdame. Die Heyerdahls senken die Köpfe, als müssten sie in Deckung gehen, und sperren zugleich Münder und Augen auf. Gregor dreht den Kopf zur Seite wie ein Gewerkschafter, der die Scheiße schon immer geahnt hat.

Ich sage: »Der Zufall wollte es, dass Marie zur gleichen Zeit das Angebot bekommen hat, bei einem der besten Architekturbüros des Landes einzusteigen. Womit sie endlich den Bau von Hallenbädern für die Kommune hinter sich lassen könnte.«

Die Heyerdahls drehen die Köpfe und nicken anerkennend. Thea weiß nicht, ob sie sich für ihre Tochter freuen darf, wenn sie zugleich wegen ihres Schwiegersohnes betroffen sein muss.

»Das war ein Wink des Schicksals«, sage ich, und Gregor zischt leise, was mich kurz irritiert. Doch ich fahre fort: »Marie wird jeden Tag nach Düsseldorf ins Architektenbüro fahren, und ich werde fortan meinen Beruf als Controller hier weiterführen – mit dem Haushalt als Betrieb.«

Die Heyerdahls schmunzeln über dieses Bild, Joe Cocker fräst sich durch einen Refrain, und Tommy kann nicht länger an sich halten: »Papa ist dann jeden Tag zu Hause!!!« Er hüpft wild auf der Couch herum, so dass Vinci murrend herunterspringt.

»Papa wird Hausmann!«, sagt Lisa, und bei ihr klingt es nicht so blind euphorisch wie bei ihrem kleinen Bruder, sondern eher amüsiert. Als wolle sie sagen: ›Da bin ich ja mal gespannt …‹

»Wobei!«, hebe ich die Stimme noch mal, »ich nebenher weiter von zu Hause arbeiten werde. Buchhaltungen für Selbständige. Finanzplanung für Freiberufler. So was. Marie hat ja auch Haushalt und Heimberuf zusammenbekommen.«

Ich lächele sie an.

Vinci springt wieder auf die Couch zurück.

»Ja, dann Glückwunsch, Marie, und alles Gute für den neuen Hausmann!«, sagt Rolf und hebt das Glas.

 

Eine halbe Stunde später erwischt mich Gregor, als ich in der Küche neue Bierflaschen hole. Ich reiche ihm eine und mache mir selbst auch ein Kölsch auf. Wir stoßen an. Er sagt, an die Anrichte gelehnt: »Hast du dir das gut überlegt?«

Gregor ist ein Skeptiker.

Er hat vor ein paar Jahren eine 13-jährige Ehe hinter sich gelassen. Seither lebt er wieder wie ein Junggeselle, auf 40 Quadratmetern, mit Klappbett und Tiefkühlpizza. Er hat sich im Internet einen Fußballschal mit dem Schriftzug Ein freier Mann bedrucken lassen. Untertitel: Eheknast 1994–2007. Seinen Job bei einer großen IT-Firma hat er gekündigt, da er als kinderloser Einzelgänger kaum Geld benötigt. Sobald ein Mann in seinen »Naturzustand« zurückfällt, sänken die Kosten um 90 %, hat Gregor mir damals erklärt. Dann ist er losgezogen und hat als Allererstes eine Kicker-Sonderausgabe mit der Stecktabelle gekauft, in der man mit kleinen Vereinswappen den aktuellen Stand der Bundesliga abbilden kann. Er hat sie über den Küchentisch seiner neuen Bude in einem Hochhaus in Riehl gehängt. Das Geld für sein bescheidenes Leben verdient er, indem er schwarz Computer repariert. Meistens tauscht er nur den RAM-Chip aus, reinigt den Ventilator und sagt dem Kunden: »Sie haben viel zu viel auf der Festplatte!«

Ich sage: »Ja, ich habe mir das gut überlegt, Greg!«

Er macht schmale Augen. »Ben, ich weiß, ihr seid ein modernes Paar und so, aber … ein Mann kann nicht so einfach seinen Beruf aufgeben, ohne dass ihm was fehlt.«

»Ach, Greg, das sagt der Richtige …«

»Ich habe meinen Beruf nicht aufgegeben, Ben. Ich habe ihn bloß in die abgabenfreie Zone verlagert.«

»Ich gebe ihn auch nicht ganz auf«, sage ich. »Ich mache das im Grunde wie du. Du reparierst den Leuten den Rechner, und ich mache ihnen die Kalkulationen und Papiere fertig.«

»Ben, ganz ehrlich«, sagt Gregor, »das wird nicht gutgehen, glaub mir. Wenn Marie nach Hause kommt, ganz ausgefüllt vom Karriereglück, und du stehst da und hast nicht mal die Wäsche geschafft.«

»Ich schaffe die Wäsche.«

Gregor fährt fort, den Blick auf dem Whiskas-Kalender an der Küchenwand: »Elternsprechtage, Schulaufgaben, Gartenpflege, Kochen, Putzen, Spülen …«

»Ach, Greg …«

»Preise beim Edeka vergleichen, Haushaltsbuch führen … und dann auch noch Buchhaltung für andere!«

»Greg, es gibt niemanden, der besser dafür geeignet ist, ein Haushaltsbuch zu führen und Preise zu vergleichen, als ich. Ich bin Controller, Mann!«

»Ja, sicher. Controller für den Hausgebrauch.«

Ich werfe ein Spültuch nach ihm: »Du Arsch!«

Er lächelt, legt das Spültuch zur Seite und sagt: »Ben, bei unserer dreißigjährigen Freundschaft. Frauen können so ein Multitasking. Männer können das nicht. Es entspricht nicht ihrer Natur. Nicht so. Nicht mit Haushalt. Ich wette mit dir um hundert Kästen Reissdorf, dass diese Hausmanngeschichte nicht klappt!«

»Einhundert Kästen?«

Er nickt. »Einhundert Kästen! Ich trage sie dir persönlich ins Haus. Mit nacktem Oberkörper. Gregor, der Bierlieferant!«

Ich halte ihm die Hand hin: »Abgemacht! Flosse drauf!«

Es dauert nicht mal eine halbe Sekunde, da spüre ich schon seine Hand in meiner.

Und das, nun ja, das macht mich doch ein kleines bisschen nervös.

Die To-do-Liste

»Kliiiing, ping, krrrrring«, macht es aus der Küche. Die Löffel der Kinder schlagen an das Steingut der Müslischalen, und trockene Futterbröckchen der Katze purzeln beim Fressen in die Keramik des Napfes zurück. Der Napf hat die Form eines Katzenkopfes. Die Müslischalen offenbaren auf ihrem Boden ein idyllisches Landschaftsbild mit Hof und Reetdach. Während die drei Mäulchen in der Küche kauen, suche ich nach der Schrifttype, in der ich am besten meine erste To-do-Liste ausdrucke. Ethnocentric ist stark, aber sie hat nur Großbuchstaben, ebenso wie Good Times. Die Schriften Arial, Courier oder Times New Roman sind mir zu alltäglich für meinen ersten Tag als Hausmann. Meine To-do-Liste ist lang und durchdacht. Ich bin Controller.

»Papa, wir gehen dann jetzt!«, ruft Lisa nach ein paar weiteren Minuten, und ich nehme kurz entschlossen die Schrift HG Heisei Minchotai W3, drucke die Liste aus und gehe in den Flur, wo sich meine Kinder bereits ihre Jacken anziehen. Marie ist schon vor einer Stunde nach Düsseldorf ins Architektenbüro gefahren.

»Was hast du da?«, fragt Lisa.

»Eine Liste mit allem, was im Haus zu tun ist«, antworte ich und halte sie ihr hin. »Ich werde heute richtig fleißig sein, siehst du?«

Lisa überfliegt die Punkte und runzelt ihre süße kleine Stirn, als glaube sie nicht, dass ich das alles schaffe. Sie sagt: »Da steht kein Kochen drauf.«

Ich drehe die Blätter und schaue darauf wie ein Tennisspieler, der sich fragt, ob seine Bespannung einen Riss hat. »Lisa, Süße, Kochen ist doch selbstverständlich!«

Sie lächelt: »Na, dann! Bis heute Mittag, Papa!« Sie gibt mir einen Kuss und schiebt ihren kleinen Bruder aus der Tür, der vor 8 Uhr morgens im Stehen weiterschläft, bis frische Luft sein Gesicht trifft. Kurz bevor die beiden hinter dem Haus der Heyerdahls außer Sichtweite geraten, winken sie noch mal, und ich spüre eine merkwürdige, stolze Wärme in meinem Bauch. Das ist jetzt mein Haus, ich bleibe hier, stehe auf der Treppe und winke den Kindern zum Abschied.

Mein Haus.

»Neeeeein!«, sage ich mit langem pädagogischen »ei« in der Mitte, als Vinci durch meine Beine nach draußen schleichen will. Dann huschen die Katze und ich wieder hinein, um unser Tagwerk zu beginnen.

 

Der erste Punkt auf meiner Liste sieht vor, im Schlafzimmer die Betten zu machen. Das ist ein guter Anfang. Wenn Marie heute Abend nach Hause kommt und frisch duftende Wäsche vorfindet, wird sie sich freuen. Womöglich freut sie sich so, dass die Wäsche eine Stunde danach nicht mehr frisch ist. Ich lächele, ziehe das erste Kissen ab und öffne das Fenster, um Luft reinzulassen. Von unserem Schlafzimmer aus fällt der Blick auf das Haus und den Garten der Heyerdahls. Ein Garten wie ein Landschaftspark, mehrstufig gestaltet mit Wasserläufen, die in einen großen Teich münden. Kleine Wege führen durch abwechslungsreiche Busch-, Beet- und Blumenlandschaften und münden in einer Holzbohlenterrasse am Wasser. Vor der geöffneten Garage steht das knallrote, perfekt gepflegte Chevrolet Cabrio. Sehe ich dieses Kunstwerk, habe ich den Rock ’n’ Roll der fünfziger und sechziger Jahre im Ohr und die Dramen mit James Dean oder die Komödien mit Elvis Presley vor Augen. Rita und Rolf pflegen ihren Garten, ihren Oldtimer und ihre Körper so vollendet, dass ich mich frage, wie sie es schaffen, auch noch arbeiten zu gehen. Ihr Sohn Maik pflegt neben seinem Zeugnis nur seine Muskeln und ist ein kleines, kurzhaariges, unzerstörbares Kraftpaket.

Ich öffne den Kleiderschrank, um die neue Bettwäsche auszusuchen. Mir fällt auf, dass das Scharnier der Schranktür zu locker sitzt. Auf dem Boden stapeln sich die Garnituren. Die dunkle Wäsche ist zu warm für den Mai, die aus Satin wäre zu offensiv für den ersten Tag als Hausmann, und bei der blau-weißen mit den Kordeln statt den Knöpfen fehlt ein Kissenbezug. Ich notiere mir auf meiner Liste die Punkte »Kissenbezug besorgen« und »Scharnier festziehen«. Draußen fährt ein grob tuckerndes Auto vor. Der Paketdienst. Er versucht sein Glück bei den Heyerdahls. Dann klingelt er bei uns. Ich gehe die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und öffne die Tür.

»Ja?«

»Oh, damit habe ich ja gar nicht gerechnet!«, sagt der Paketbote. Auf seinem Namensschild steht Georgios Galanis. Ein Grieche von GLS. Dreitagebart, lachende Augen, viele weiße Zähne. »Sind Sie der Mann?«

»Ich bin der Mann.«

»Ihre Frau macht mir nie auf.«

»Jetzt ist hier der Mann.«

»Sehr schön. Kann ich dann ein Paket für die Heyerdahls hierlassen?«

»Neeeeeeeeein«, sage ich, als spräche ich zu einem debilen Kind. Der Grieche runzelt die Stirn.

»Nicht Sie, die Katze«, sage ich.

Der Grieche guckt nach unten. »Ach so.«

Er dachte wohl schon, bei uns würde den Griechen nicht geholfen.

»Unterschreiben Sie hier«, sagt er, blendend weiß lachend.

»Sicher.«

Ich unterzeichne, und er schiebt den großen Karton in unseren Flur.

Kaum ist er drin, klingelt das Telefon.

Vinci rennt ins Wohnzimmer, ich gehe in die Küche zur Anrichte neben dem Herd und nehme den Hörer auf, der dort liegen geblieben ist.

»Ja, Breuer?«

»Hier ist die Schwiegermutter!«, sagt meine Schwiegermutter. »Wie geht es dir?«

Ich überlege kurz. »Gut, gut, mache gerade Hausarbeit.« Während ich spreche, fällt mir auf, wie dreckig das Vlies der Dunstabzugshaube ist. Ich streiche mit dem Finger über das Gitter, das den weißen, flauschigen Fettfänger hält, und habe sofort einen Schmierfilm auf der Kuppe.

»Schön«, sagt meine Schwiegermutter, »ich will dich auch gar nicht lange stören, aber meine Punkte sind weg.«

»Wie, deine Punkte sind weg?« Ich stelle die Schwiegermutter laut, lege den Hörer neben den Herd und beginne, das Vliesgitter zu lösen.

»Na, die Punkte beim Mah-Jongg. Auf dem Computer.«

Ich breche mir fast den Nagel ab, lasse das Gitter los und notiere mir auf einem Post-it-Zettel, dass ich die Aufgabe »Vlies austauschen« auf meiner To-do-Liste nachtragen muss. Die liegt schließlich noch oben auf der Fensterbank.

»Ich hatte 3752 Punkte, das musst du dir mal vorstellen!«

»Das ist schön, Mutter«, sage ich, entdecke endlich die Aufhängung des Gitters und nehme es mitsamt dem triefenden Vlies ab. Ich entferne das Vlies, werfe es weg und lasse Spülwasser ein, um das Gitter zu reinigen.

»Der Computer ist einfach mitten beim Spielen von selber runtergefahren«, sagt meine Schwiegermutter, während mir auffällt, dass man auch die Abzugshaube selbst reinigen muss. Ich tauche einen Lappen ins Spülwasser und fange damit an, derweil Schwiegermutter weiterspricht. »Er ist dann von selber wieder hochgefahren, aber die Punktestände sind weg.« Fettiges Wasser spritzt mir ins Gesicht, während ich verrenkt unter der Haube hänge und schrubbe. Mein Gott, hat die viele Kanten und Ecken! Klobige Kreuzschlitzschrauben, in denen sich das Fett besonders gut einnisten kann. Und Ritzen. Jede Menge schmaler Ritzen. Wer baut denn so was? Das können nur Männer erfinden!

»Da war auch ganz kurz ein kleines Fenster mit so einer Meldung. Ich hab versucht, mitzuschreiben, aber das war zu schnell weg. Ben? Bist du noch da?«

Ich nestele meinen Kopf wieder unter der Haube hervor und huste. Im Flur schreitet Vinci zum Katzenkasten im Gäste-WC, klettert hinein und scharrt sich eine schöne Stelle frei.

»Ja, Mutter, ich bin noch da.«

Ich wringe den Lappen aus. Jetzt fällt mir wieder ein, warum das alte Vlies so lange drin war. Marie hatte mich gebeten, von der Arbeit ein neues mitzubringen, da wir die Dinger in der Küchenabteilung des Möbelhauses haben. Oder besser: hatten. Das war vor ungefähr vier Wochen. Oder sechs. Oder acht.

»Ich hab der Marlies dieser Tage noch davon erzählt. 3752 Punkte, Marlies, stell dir das vor! Wenn du Freitag kommst, zeig ich es dir.«

»Mutter, so aus der Ferne kann ich dir nicht sagen, was das ist. Ich kann den Gregor fragen, aber …«

Im kleinen WC höre ich ein panisches Bumpern. Vinci kommt aus dem Katzenklo geschossen und versucht, ein Häufchen abzuschütteln. Jemand, der keine Katze hat, kann sich diese Situation nicht vorstellen – und sie steht in keinem Whiskas-Kalender. Es läuft so: Das Tier schluckt aus Versehen ein langes Haar der Gattin. Der Kot sammelt sich nun im Darm um das Haar, so wie sich Perlmutt um einen Fremdkörper in einer Auster sammelt und so nach und nach eine Perle formt. Nur dass das Ergebnis in diesem Falle nicht ganz so wertvoll ist. Geht die Katze dann aufs Klo, bleibt das Häufchen gnadenlos an einem Lasso aus Haaren hängen, dessen Ende noch in ihrem Leib steckt. In Panik versucht das Tier, sich zu befreien, und springt durchs Haus, den Kotklumpen am Heck baumelnd wie die Konservendosen an einem Hochzeitsauto. So wie jetzt gerade, im Moment.

»Vinci, stopp!«, rufe ich und laufe der Katze hinterher nach oben.

»Das ist eine gute Idee, den Gregor zu fragen!«, ruft meine Schwiegermutter unten im Hörer.

Vinci rennt schnurstracks, duftende Spuren hinterlassend, über das Ehebett in den noch offen stehenden Kleiderschrank. Im weichen Nest der sauberen Bettwäsche gelingt es ihr, die braune Perle abzustreifen.

»Ben?«, ruft Schwiegermutter von der Anrichte. »Ben? Haaallo??«

Ich lasse sie rufen, gehe zur Fensterbank, wo mein Blick wieder auf das idyllische Parkgelände unserer Nachbarn fällt, und notiere auf der To-do-Liste die zusätzlichen Punkte »Vlies kaufen«, »Vlies montieren« und »sämtliche Bettwäsche waschen«.

Im Telefon unten macht Mutter nur noch »Hm …«. Dann piept es.

Als Controller halte ich fest:

10:30 Uhr

Erledigte Aufgaben: 0

Neu hinzugekommene Aufgaben, inklusive Scharnier und fehlendem Kissenbezug: 5

Ich lege den Kuli ab.

Nur die Katze hört mein Seufzen.

*

Wie Marie strahlt, als sie nach Hause kommt. Wie ihre Augen glänzen, so voller Leben und Lust und Begeisterung … wann habe ich das zuletzt bei ihr gesehen? Im Urlaub, denke ich, damals in Rom. Es war Hochsommer, fünf Uhr morgens. Wir hatten die Nacht durchgemacht und gingen im Morgengrauen auf die Piazza, wo sich um diese Zeit außer uns nur ein paar Tauben einfanden. In einem unbeschreiblichen Licht.

So sieht Marie mich jetzt an. »Das Atelier, die Größe, die Möglichkeiten, die Umgangsformen«, sagt sie, während sie nach oben geht, um es sich bequem zu machen. Ich folge ihr. »Ben, ich sag dir, ich habe die Freiheit gesehen! Den Raum, den Gideon und Stefan für die Präsentation der Modelle haben, ist alleine so groß wie hier mein ganzes Atelier! Und was das Beste ist: In dieser Welt sagt dir niemand, irgendwas müsste noch durch einen Ausschuss. Und Geld spielt auch keine Rolle. Diese Schweizer, das ist unglaublich.« Sie hält inne, bemerkt die Betten, dreht sich um, schlingt ihre Arme um mich, gibt mir einen Kuss und sagt: »Schlafen wir heute ohne Bettwäsche?«

Das Ehebett ist komplett abgezogen, und die Schranktür steht noch offen, alles herausgeräumt, als wären spezialisierte Wäsche-Einbrecher hier gewesen.

»Das ist … äh … kompliziert.«

Im Keller brummt die Maschine. Marie hört es, als wir beide einen Augenblick schweigen.

Sie zuckt mit den Schultern, küsst meine Nase, lässt mich los und beginnt, ihr Kostüm auszuziehen. Tommy ist bei seinem Kumpel Flo, und Lisa löst in ihrem Zimmer freiwillig mathematische Rätsel. Ihr Buch mit Rechenrätseln und Zahlenquadraten ist so abgegriffen wie bei anderen Mädchen die Vampirromane. Das macht mich stolz. Marie entkleidet sich, und ich schlucke, als sie nur noch in Höschen und BH dasteht. Ich schleiche mich an sie heran, werfe sie aufs wäschefreie Bett und flüstere: »Wir haben’s zwar schon in der Garage, aber noch nie in einem Bett ohne Wäsche gemacht!«

Sie lacht, hält meine Handgelenke fest und sagt, den Finger und die Augenbrauen hebend: »Und das aus gutem Grund!«

Ich verstehe sie ja, schließlich bin ich Controller und weiß, dass wir nach wildem Sex auf Matratzen ohne Bezug viel Geld für neue ausgeben müssten. Aber trotzdem …

»Außerdem«, sagt Marie, »habe ich den ganzen Tag fast nichts gegessen.«

Sie zieht sich eine leichte weiße Hose und ein T-Shirt über und geht in die Küche.

»Es steht noch Auflauf im Ofen, habe ich warm gehalten«, sage ich. Ich habe den Auflauf heute Mittag gemacht, in allerletzter Minute, nachdem ich das Dunstabzugshaubenvlies eingekauft hatte. Bio-Kartoffeln, Bio-Spinat, Bio-Schafskäse und Bio-Streugouda, alles nach Maries Vorgaben. Das ist das Einzige, was sie mir genau aufgeschrieben hat. Eine Liste aller Nahrungsmittel, die Tommy und Lisa nicht vertragen, sowie die oberste Order: so viel Natur wie möglich! Darauf hat sie sehr geachtet, als sie selbst noch kochte. Heute habe ich es hinbekommen, aber wenn ich ehrlich sein soll, hat Lisa den Auflauf zubereitet, während ich ihr assistiert und nebenher das neue Vlies montiert habe.

»Wow, du hast das Vlies ausgetauscht!«, sagt Marie, und ich bin erstaunt, dass sie es augenblicklich bemerkt. Sie hat doch wochenlang nichts gesagt. »Und du hast sogar im Gehäuse gewischt.«

»Das kann man doch gar nicht sehen«, sage ich.

»Aber sicher kann man das«, sagt Marie. »Da sind sogar die Ritzen sauber.«

Sie nimmt sich einen Teller aus dem Schrank. »Was ist das für ein Paket da im Flur? Hast du an deinem ersten Tag als Hausmann direkt einen neuen Fernseher gekauft?«

»Das ist für die Heyerdahls. Habe ich angenommen.«

»Vom Griechen?«

»Ja.«

Sie beugt sich runter zum Ofen, das warme Licht färbt ihre rechte Gesichtshälfte goldgelb, als sie mich ansieht: »Überleg dir gut, ob du dich auf den Griechen einlässt, Ben. Das bleibt nicht bei einem Mal Helfen.«

Sie öffnet die Klappe des Ofens. Es klackert, denn die Griffleiste ist locker. Das ist mir heute Mittag auch schon aufgefallen. Marie lässt die Klappe wieder zuschnappen. »Ach, Ben, ehrlich, weißt du eigentlich, wie lange die Ofenklappenschraube schon locker ist?«

Warum sagt sie das so genervt? Wochenlang war doch auch nix. Und immerhin habe ich das Vlies ausgetauscht und die Ritzen gereinigt! Ich antworte ihr nicht, doch sie sieht mir an, dass mir die Bemerkung nicht passt. Ich wiederum sehe ihr an, dass ihr nicht passt, dass ich pampig gucke. Sie schüttelt den Kopf, holt sich den Auflauf heraus, stellt die Form auf ein Brettchen, füllt sich einen halben Teller daraus auf und sagt, wieder um Wärme in der Stimme bemüht: »Danke für den Auflauf. Duftet gut.«

Ich lächele.

Marie geht an mir vorbei ins Wohnzimmer, um auf der Couch zu essen. Sie sagt: »Aber bitte, Ben, ganz im Ernst, zieh die Ofenklappenschraube an.«

Aha.

Also doch.

Meine Schonzeit ist vorbei.

Jetzt bin ich hauptberuflich Hausmann.

Und sie hat ja recht: Wenn etwas der Beruf ist, gibt es für Schlampereien keine Entschuldigungen mehr. Verdammt.

Ich muss besser werden.

Der Kinderstrom

»Ich weiß auch nicht, aber am Ende des Jahres bleibt einfach zu wenig hängen. Außerdem nervt mich der Papierkram. Ich will einfach nur gute Bilder machen.« Das sagt Ricky, der erste Kunde, dem ich nebenberuflich die Finanzen mache. Gregor hat ihn mir vermittelt. Sie kennen sich schon länger. Er macht ihm den Computer, und hin und wieder gehen sie gemeinsam einen trinken in einer dieser Eckkneipen, in denen die Fensterbänke unter den qualmgelben Vorhängen zuletzt anlässlich der Wiedervereinigung gewischt wurden. Ich muss mir gut überlegen, ob ich Marie erzähle, was für ein Fotograf dieser dunkelhaarige Mittdreißiger ist. An den Wänden seiner Wohnung posieren leicht- oder gar nicht bekleidete Mädchen auf Autokalendern oder in gerahmten Geschichten aus Magazinen wie Penthouse oder Hustler. Die Druckseiten der Magazine, für die der Mann sonst noch so schießt, hat er nicht öffentlich an seine Wand geklebt. Sie liegen verschweißt in Tankstellen, damit LKW-Fahrer sie erst nach dem Erwerb hinter dem Schlafkabinenvorhang öffnen können. Ich hole die Papiere bei ihm ab, weil ich seine Wohnung sehen wollte. Ich muss meine Kunden kennenlernen, wenn ich sie gut beraten will.

»Noch einen Kaffee?«, fragt Ricky und schenkt mir ein, kaum dass ich genickt habe.

»Wie trinken Sie den unterwegs, auf Reisen?«, frage ich.

»Schwarz!«, sagt er und meint es ernst.

»Das meine ich nicht«, sage ich. »Nehmen Sie ihn in der Thermoskanne mit? Schnorren Sie ihn bei Konferenzen?«

»Coffee to go«, sagt er. »Und bitte duz mich. Ich heiße Ricky.«

Ich halte nicht viel von vorschnellem Duzen, aber wenn der Kunde es wünscht …

»Du kaufst den Kaffee an Frittenbuden? Für 80 Cent?«

»Auf Rasthöfen«, sagt er. »Für 2,50 €.«

Ich überschlage im Kopf. Dann denke ich laut: »100 Mitnehmkaffee im Rasthof pro Jahr macht 100 mal 2,50 €, macht allein 250 € im Jahr.«

»Da musst du aber die 50-Cent-Pipi-Gutscheine von abziehen«, entgegnet er.

Ich seufze. So sind die normalen Menschen. Bezahlen 50 Cent fürs Pinkeln und denken, sie haben 50 Cent geschenkt bekommen.

Ich sage: »Bekommst du fürs Pipimachen sonst 50 Cent ausgehändigt?«

»Äh …«

»Und für das große Geschäft kriegst du fünf Euro? Oder geht das nach Volumen?«

»Bitte?«

»Bei Dauerdurchfall wären wir dann alle wohlhabend …«

»Also … Herr Breuer«, sagt der junge Mann, muss allerdings dabei lachen.

»Ich heiße Ben«, sage ich.

Ich packe die Papiere zusammen und räume sie in den großen Umzugskarton. Es ist ein Chaos, das bei den meisten Menschen Panik auslösen würde. Bei mir löst die Aussicht darauf, es wieder in Form zu bringen, Vorfreude aus.

Ich schaue auf meine Uhr. Gleich viertel nach eins. Die Schule meiner Kinder liegt ganz in der Nähe. Heute überrasche ich Tommy und Lisa und hole sie ab. Sonst fahren sie immer mit dem Schulbus.

»Ich melde mich«, sage ich und reiche Ricky die Hand. Er drückt sie. Ich klopfe auf den Karton. »Das kriegen wir schon hin.«

Er lächelt dankbar. Dann geht er zu einem Regal, nimmt ein paar der Magazine heraus, für die er arbeitet, legt sie obenauf in den Karton und sagt: »Für zwischendurch, wenn du mal verzweifelst!«

Ich grinse verlegen, nehme das Geschenk aber an. Ich bin Controller.