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Die extravagante, unkorrekte Komödie aus Dänemark: »Herrlich absurd und wahnsinnig lustig – die verrückte Geschichte über eine Frau, die alles auf eine Karte setzt für eine zweite Chance.« Litteratursiden Sie ist herzlich, patent und am Tiefpunkt: Helle hat mal Tiermedizin studiert, dann ist sie Metzgerin geworden, eine Meisterin ihres Fachs. Doch jetzt steht sie ohne Job da, statt Liebe gibt es nur – na ja, und ihre 18-jährige Tochter spricht nicht mehr mit ihr. Da wird Helle zu einem Aushilfsjob ins Krankenhaus geschickt. Anstelle eines Tranchiermessers, hat sie plötzlich ein Skalpell in der Hand und rettet damit Leben. Helle macht weiter – weil sie es kann. »Der Helle Wahnsinn« von Marie-Louise Tüxen und Anders Morgenthaler ist eine berauschend witzige Betrugsgeschichte um eine Frau, die versucht, ihr Leben, ihre Würde und ihre Tochter zurückzugewinnen.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2022
Anders Morgenthaler | Marie Louise Tüxen
Eine Frau schneidet auf
Tief fallen und hoch stapeln: Die verrückte, unkorrekte Komödie aus Skandinavien
Sie ist herzlich, patent und am Tiefpunkt: Helle hat mal Tiermedizin studiert, dann ist sie Metzgerin geworden, eine Meisterin ihres Fachs. Doch jetzt steht sie ohne Job da, statt Liebe gibt es nur – na ja, und ihre 18-jährige Tochter spricht nicht mehr mit ihr. Da wird Helle zu einem Aushilfsjob ins Krankenhaus geschickt. Anstelle eines Tranchiermessers, hat sie plötzlich ein Skalpell in der Hand und rettet damit Leben. Helle macht weiter – weil sie es kann.
Eine berauschend witzige Betrugsgeschichte um eine Frau, die versucht, ihr Leben, ihre Würde und ihre Tochter zurückzugewinnen.
»Herrlich absurd und wahnsinnig lustig – die verrückte Geschichte über eine Frau, die alles auf eine Karte setzt für eine zweite Chance.« Litteratursiden
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Marie Louise Tüxen ist Autorin, Journalistin, Radiomoderatorin und Podcasterin. Anders Morgenthaler ist Autor, Zeichner, Regisseur und Gründers des Comic-Kollektivs WuMo, für das auch Tüxen schreibt.
Ein dänisches Wahnsinns-Duo, das sich blendend ergänzt: Aus vereinten Kräften entstand der Helle-Kosmos, der wilder, überraschender und liebevoller nicht sein könnte. Marie Louise Tüxen zeichnet als aufmerksame Beobachterin mit Liebe zum Detail die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander. Anders Morgenthaler liebt es, überraschende Geschichten auszutüfteln und entwirft die Handlung. Gemeinsam haben sie eine Figur geschaffen, von der wir uns mit Vergnügen eine Scheibe abschneiden: Die Anti-Heldin Helle ist eine starke Frau mit Schwächen, die Fehler und vieles richtig macht, die sich wehrt und für sich einsteht.
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Erschienen bei FISCHER E-Books
Die dänische Originalausgabe erschien
2019 unter dem Titel »Helle Eroberen« beim Verlag Gyldendal.
© Anders Morgenthaler, Marie Louise Tüxen og Gyldendal, 2019
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2022 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,
nach einer Idee von Morten Gorm unter Verwendung von Fotos von Soldi & Donadello
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491229-5
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[Metzgerwürde]
[Kündigung]
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
[Instagrambeitrag]
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Epilog
DANK
Metzgerwürde 2013
Metzgermeisterin Helle Anja Janning,
Skyttemarkens Metzgerei
Begründung:
Helle Anja Janning trägt der edlen Traditionen des Metzgerhandwerks Rechnung und versteht es gleichzeitig, in neue Richtungen zu denken. Sie besitzt umfassende Kenntnisse der tierischen Anatomie und hat Zerlegungstechniken entwickelt, die die Stücke auf vorbildliche Weise nutzen und Schwund reduzieren. Sie vermag es, ein Eisbein auszulösen, als wäre es eine Kunst. Ihre kreativen Initiativen erstrecken sich unter anderem auf den phänomenalen Flap-Steak-Schnitt, der dem Fleischstück mit seiner schnurartigen Faserstruktur eine rote, samtene Oberfläche verleiht und es wie ein Stück Himmel schmecken lässt. Darüber hinaus hat Helle Anja Janning basierend auf traditionellen italienischen und dänischen Rezepten eine Reihe von Gourmetprodukten kreiert, die schon heute als Klassiker anerkannt werden müssen. Helles fürsorgliche Art reicht weit über Sorge um die eigene Familie hinaus, was sich an den durch sie herbeigeführten Verbesserungen der Arbeitsroutinen im Betrieb zeigt, die zu einer erheblichen Reduzierung krankheitsbedingter Fehltage geführt haben. Helle Anja Janning gehört zu den Metzgerinnen, die die Zukunft unseres Handwerks sichern. Obwohl sie noch so jung ist, ist sie schon eine wahre Meisterin. Sie weiß, wie man das Messer schwingt, und sie weiß, wie man den Leuten Heißhunger auf einen Wiener-Würstchen-Salat macht. Daher gebührt ihr die Metzgerwürde 2013.
Eingereicht von Metzgermeister Laust Meisner
Skyttemarkens Metzgerei
Skyttemarksvej 21
4700 Næstved
Landwirtschaft & Lebensmittel
(Das Preisgeld der Metzgerwürde wird vom Schweineabgabefonds sowie dem Rinderabgabefonds finanziert.)
BJ Kanzlei/Bent Jensen
Ramsherred 17, 2. OG
4700 Næstved
Helle Anja Janning
Hvedevænget 37
4700 Næstved
Næstved, 12. Januar 2016
KOPIE
Kündigung
Hiermit teile ich Ihnen mit, dass das zwischen Ihnen, Helle Anja Janning, und dem Unternehmen Skyttemarkens Metzgerei bestehende Arbeitsverhältnis außerordentlich und mit sofortiger Wirkung gekündigt wird.
Grund für die Kündigung ist ein schwerwiegender Vertrauensbruch, der das Unternehmen finanziell erheblich geschädigt hat und Sie damit für den Arbeitgeber untragbar macht.
Des Weiteren habe ich Sie darüber zu informieren, dass der Vorfall wegen Betruges gemäß § 279 StGB zur Anzeige gebracht wurde.
Mit freundlichen Grüßen
BJ Kanzlei
Bent Jensen
im Auftrag von
Metzgermeister Laust Meisner
Skyttemarkens Metzgerei
Skyttemarksvej 21
4700 Næstved
Helle hat mit toten Körpern gearbeitet. Früher war ihr Arbeitsplatz eine Blutlache, und einmal hätte sie sich beim Ausweiden fast erwürgt. Trotzdem hat sie noch nie solche Angst gehabt wie heute in der gelben Gruppe des Kindergartens Himmelsschiff.
»Kaj hat eine Parfümallergie. Schon von Geburt an. Seine Haut wird rot und wund, wenn du die Feuchttücher statt der weichen Baumwolle nimmst«, erklärt Karin eindringlich.
Karin ist die stellvertretende Leiterin des Himmelsschiffs und hat es Helle jetzt schon dreimal eingeschärft, wenn man ihren mahnenden Blick mitzählt, den sie Helle zuwirft, als sie Kaj an der Hand nimmt und zum Wickelraum geht. Es ist Helles erster Tag als pädagogische Hilfskraft im Himmelsschiff. Kaj ist dreieinhalb und kann weiß Gott allein aufs Klo. Er ist zu groß für die Windel. Da sind sich die Erzieher einig. Helle ist neununddreißig und findet nicht, dass Kaj ein sonderlich reizendes Kind ist. Sie versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Weder Kaj noch den anderen Erziehern gegenüber, schließlich ist es ihr erster Tag.
Kaj liegt auf dem Wickeltisch und probiert, mit den Fingern an seinen Po zu kommen, Helle beginnt zu schwitzen. Sie hätte keinen Wollpulli anziehen sollen, jetzt, wo sich der April von seiner warmen Seite zeigt. Mit einer Hand hält sie Kajs Füße zusammen, während sie mit der anderen versucht, ein Baumwolltuch über dem Waschbecken auszuwringen. Kajs Kacke ist hart. Kleine Kügelchen, die in der Windel herumkullern und aussehen wie Falafel. Eine einzelne Kugel rollt aus der Windel, sie rollt über den Tisch und hinunter auf den Linoleumboden. Mit dem Ellbogen schiebt Helle Kajs Fummelfinger, so gut sie kann, von seinem Hintern weg. Kaj lässt sich nicht abbringen, im Gegenteil, er hält dagegen. Ein kleines, bleiches Mädchen aus der roten Gruppe, Vita, kommt herein und deutet auf die braune kleine Kugel am Boden.
»Wir brauchen hier kurz ein bisschen Ruhe«, sagt Helle mit gepresster Stimme.
Stellvertreter-Karin kommt dazu. Sie zieht ein Papiertuch aus ihrer Jackentasche und wischt damit über Vitas Nase, ehe sie die Kleine wegschickt. Dann verlässt auch sie den Raum. Als sie schon fast die Schiebetür hinter sich zugezogen hat, steckt sie noch mal den Kopf durch den Spalt und fragt: »Kommst du klar?«
Helle ringt sich ein munteres Lächeln ab. »Jep. Er strampelt nur ein bisschen.«
»Denk dran, kein Parfüm«, mahnt Karin und klopft zweimal gegen die Schiebetür, bevor sie sie ganz zuzieht.
Ein leises Klingeln in den Ohren, schwarze Punkte am äußeren Rand des Sichtfelds – Helle kennt die Symptome einer sich anbahnenden Panikattacke. Zum Glück hat sie ihren »Notfallkoffer« von damals, als sie am Kurs ÜberLebe den Alltag! teilgenommen hat, und macht einen der guten, tiefen Atemzüge. Sie hält immer noch Kajs Knöchel fest, aber der windet sich allmählich aus ihrem Griff. Helle versucht, ein weiteres parfümfreies Pflegetuch aus der Plastikpackung zu ziehen. Sie erwischt ein ganzes Bündel, der Rest der Packung landet auf dem Boden. Kaj hat sich jetzt so weit verdreht, dass er auf dem Bauch liegt, seine Hände greifen die Kante des Wickeltischs. Kai ist ein kräftiger Junge. Robust. Ein Klebestreifen der Windel pappt an seinem speckigen Oberschenkel. Helle kriegt die Enden nicht zusammen, um die Kacke einzupacken. Die Windel rutscht herum. Die harten Kugeln sind doch gar nicht so hart wie gedacht. Wieder und wieder versucht sie, mit dem kleinen Finger den Verschluss zu erwischen, sie macht einen Schritt zurück, ihr Fuß landet mit eleganter Präzision auf dem verirrten Kügelchen am Boden, rutscht weg, und Helle verliert das Gleichgewicht.
Für eine Millisekunde lässt sie Kajs Knöchel los, um sich am Wickeltisch festzuhalten. In diesem Augenblick drückt sich Kaj von der Tischkante ab. Er rutscht über die Kante. Im Sturz rammt er die Ecke eines Metalldrahtkorbs. Die Ecke, an der die Schutzkappe fehlt. Seine Augenbraue platzt auf, als das spitze Metall über seine Haut schrammt und einen langen Schnitt hinterlässt. Er fällt weiter, dreht sich dabei und landet auf dem Linoleumboden. Erst mit dem Rücken, dann mit dem Kopf. Ein Geräusch wie von einer Melone, die aus einer Einkaufstüte fällt. Dann Stille. In gewisser Weise bleibt die Zeit stehen. Helle blickt auf ihre Hände. Sie sind braun. Sie atmet nicht, es macht auch nicht den Eindruck, als ob Kaj es täte. Helle sieht sich selbst von außen, alles wie in Zeitlupe. Sie kniet sich neben Kaj und beugt sich über sein Gesicht. Wartet voller Angst. In keinem ihrer Selbstcoaching-Kurse hat man sie darauf vorbereitet, mitten im Alltag den Tod zu bewältigen.
Helle bleibt über Kaj gebeugt sitzen. Sie meint, einen schwachen Luftstrom aus seiner Nase spüren zu können. Sie rückt noch etwas näher heran und kann nun mit Sicherheit feststellen, dass ein Atemhauch ihre Lippen streift. Vorsichtig schiebt sie die Hände unter Kaj und hebt ihn an ihre Brust. Kajs erstarrter Körper löst sich in einem heftigen Krampf, gefolgt von einem lauten Heulen, Weinen, Brüllen. Die Zeit beginnt wieder zu laufen. Was auch immer mit ihm ist, jedenfalls lebt er, und Helle hört sich erleichtert aufseufzen. Kajs Wunde blutet stark, aber das kann sie nur als Bagatelle ansehen. Wenigstens wird sie nicht auf der Titelseite der Boulevardzeitungen landen. Helle hat es schon vor sich gesehen, sie in Großaufnahme, wie sie in ihrer ausgeblichenen roten Windjacke unter der Fahrradüberdachung vor dem Himmelsschiff steht und an ihrer E-Zigarette zieht, darüber die Schlagzeile in passendem Rot: Das ist Kajs Mörderin!
Kajs Schrei verebbt und geht in ein Schluchzen über, das eine gefühlte Ewigkeit andauert. Helle stehen die Tränen in den Augen. Sie drückt den Jungen an sich und steht auf. Wiegt ihn beruhigend in den Armen. Sie weiß, dass er nicht sterben wird. Doch die Freude darüber hält nicht lange an. Wie zur Hölle soll sie die Situation erklären?
Karin scheint über eine Art siebten Sinn zu verfügen, denn genau in diesem Augenblick reißt sie mit großen Augen die Schiebetür auf.
»Kaj hat sich gestoßen«, sagt Helle mit einer Stimme, die sie nicht wiedererkennt.
Jetzt wird Kajs Schluchzen von einem schrillen Weinen abgelöst. Karin tritt in den Raum, bildet sich mit einem Blick ein Urteil, sagt kein Wort und entreißt Kaj Helles Armen. Kaj hat immer noch keine Windel an, er ist nicht gewaschen und weint so jammervoll, dass Kinder und Erwachsene in der Tür zusammenströmen.
»Was ist denn nur passiert? Was hast du getan?« Auch Karins Stimme kommt von einem unbekannten Ort.
»Er hat sich über die Kante gezogen, er ist runtergefallen. Ich habe ihn nicht mal eine Sekunde losgelassen, ich wollte nur die Windel wegwerfen«, stammelt Helle.
Karin sieht Helle an, wie man ein kleines Kind ansieht, das man gleich ausschimpfen wird. Dieser Blick ist entschieden schlimmer, wenn man erwachsen ist.
»Wie ist er auf dem Boden aufgekommen? Woher kommt die Wunde?«, fragt Karin.
»Er ist gegen die Ecke des Metallkorbs da gestoßen, und dann, dann ist er auf dem Rücken gelandet … und auf dem Kopf.«
Den letzten Satz sagt Helle, so leise sie kann. Karin und die anderen Erzieher scheinen über ein verblüffend scharfes Gehör zu verfügen, und ein Raunen geht durch die Zuschauer.
Karin streicht Kaj mit der Hand über den Hinterkopf. Er wurde als Säugling offensichtlich nicht auf die Seite gelegt, denn sein Hinterkopf ist platt wie der Boden einer Kähler-Vase. Oder besser gesagt, war es, denn jetzt wächst dort eine beachtliche Beule. Der Anblick lässt Helle an ihren eigenen Hinterkopf denken. Sie hat sich seit drei Tagen nicht die Haare gewaschen, und ihr angeborener Nackenwirbel ist zu einem durchgehenden Scheitel mutiert, der in einer senkrechten Linie von der Schädelspitze bis zum Haaransatz im Nacken verläuft. Die fettigen Haare haben sich willig seitlich angelegt, ganz wie bei einem Zweimannzelt, bei dem der Reißverschluss geöffnet ist und die Stoffbahnen an beiden Seiten befestigt sind. Helle fährt sich mit der Hand durch die Haare, um den Scheitel verschwinden zu lassen.
Kajs Weinen ist menschlicher geworden, hat aber nicht an Intensität verloren. Adam von der Regenbogengruppe hält seinen Kopf, während Karin mit sanften Bewegungen beginnt, erst das blutige Gesicht und anschließend den Po zu säubern. Karins Hände wissen, was sie tun. Kajs Weinen ist fast verstummt. Carina aus der orangefarbenen Gruppe mit der feschen Kurzhaarfrisur, für die sie von allen Seiten Komplimente bekommt, hat bereits die 112 angerufen. Wenn sich kleine Kinder den Kopf stoßen, kann man nicht vorsichtig genug sein. Außerdem muss die Wunde bestimmt genäht werden. Karin sagt, es wäre schneller, mit dem Taxi zur Notaufnahme zu fahren, als auf den Krankenwagen zu warten. Sie sagt, die Vorstellung sei jetzt vorbei, und alle könnten wieder zurück an die Arbeit gehen.
Karin hüllt Kaj in eine Fleecedecke und reicht ihn an Carina weiter, damit sie sich ihre Jacke anziehen kann. Carina hat ein Pappbilderbuch hervorgeholt und liest Kaj mit sehr hoher Stimme daraus vor. »Und was glaubt der Kaj, was sich da hinter der Klappe versteckt, ist das vielleicht eine Muh-Kuh?«
Ihr Gesichtsausdruck zeugt von größtem Einfühlungsvermögen. Es scheint, als ob sich die dreieinhalb Jahre Erzieherstudium in dieser einen Performance manifestierten.
Helle beginnt, nach der Misere sauberzumachen, da kommt Karin zurück. Seit Kajs Sturz hat keiner mehr ein Wort mit ihr gesprochen.
»Kommst du?«, fragt Karin.
»Äh … soll ich?«
»Aber natürlich, meine Liebe. Du bist schließlich die Einzige, die weiß, was genau passiert ist. Ich werde Kaj halten, bei mir fühlt er sich sicher, aber wir brauchen dich, damit du dem Arzt erzählen kannst, was vorgefallen ist. Und wenn Kajs Mutter kommt … Sie wird sicher einige Fragen haben, sie ist eine sehr … engagierte Mutter.« Karin schaut Kaj an, während sie mit Helle redet.
»Okay?« Helle versteht nicht ganz, was Karin meint.
»Ich habe ihr am Telefon gesagt, dass es Kaj den Umständen entsprechend gut geht, aber sie war sehr aufgebracht. Was nur verständlich ist«, erklärt Karin.
»Ja.«
»Man erschrickt natürlich«, fügt Karin hinzu und blickt Helle prüfend an.
Helle möchte gern das Richtige sagen. »Natürlich«, erwidert sie daher. »Es ist ja ihr Kind.«
Die Wunde ist geschlossen und die Beule abgeschwollen. Es gibt keine Anzeichen für eine Gehirnerschütterung. Karin, Kaj und Helle sitzen zu dritt auf dem langen Gang vor dem Behandlungszimmer, wo Kaj von einem Arzt untersucht wurde und die Wunde geklebt bekommen hat. Der Gang ist mit ein paar vereinzelten Stühlen versehen. Zwei Krankenbetten auf Rädern warten darauf, dass die darin liegenden Patienten im Gesundheitssystem weitergerollt werden. Die Wände sind zweifarbig gestrichen, eine Art beige Pflasterfarbe oben und ein staubiges Grün unten. Das Grün ist bestimmt praktisch, es versteckt Schmutz und Kratzer. An der Wand hängt etwas, das zweifellos als Kunst eingekauft wurde, allerdings nicht im Entferntesten danach aussieht, sondern eher den Kreationen im Kindergarten gleicht, die ausschließlich die Bewunderung einiger überbegeisterter Eltern ernten. Das Einzige, was Helle darin erkennen kann, sind Tod, Depression und Zerstörung. Aber das kann man vielleicht nicht allein der Kunst zuschreiben.
Kaj sieht rotbackig aus. Außerdem wirkt er auffallend fröhlich, als sei er so viel Fürsorge gar nicht gewohnt und genieße die Aufmerksamkeit. Zufrieden blättert er in dem Pappbilderbuch. Sie warten auf Kajs Mutter.
Drei Kittel kommen auf sie zu. Sie erinnern Helle an eine Szene aus ihrer Lieblingsserie Grey’s Anatomy. Statt Clogs tragen sie Sneakers in Knallfarben. Der Mann hat hübsche Haare und sagt offenbar etwas Lustiges, denn die beiden Frauen lachen. Sie gehen an Helle vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen, versunken in ihre eigene Welt, und obwohl Helle bemerkt, dass eine der Frauen trockene Haut am Schienbein hat, ist Helles Bewunderung für sie ungebrochen. Ärzte sind wie Einhörner – Phantasiewesen mit der Lizenz, Rezepte für Pilzcremes auszustellen. Ihre Funktion im Leben ist so erhaben, und trotzdem finden sie Gelegenheit zum Lachen.
»O nein, da war ja diese Sache mit dem Eisregen«, reißt Karin Helle aus ihren Gedanken.
»Eisregen?«, fragt Helle.
»Es war in dem Winter, als wir so wechselhafte Temperaturen hatten, dass sich eines Morgens überall dicke Eisplatten gebildet hatten und weder die Streumaschinen noch die Schneepflüge hinterherkamen. Als Kajs Mutter ihn abliefern wollte, wäre sie vor dem Tor fast gestürzt. Das hat sie uns nie verziehen. Sie hat etliche Mails an mich, die Kindergartenleitung und die Gemeinde geschrieben. Und Leserbriefe, du weißt schon. Dann hat sie zwei gelbe Warndreiecke gekauft, die sie jetzt immer bei Minusgraden vor dem Kindergarten aufstellt.«
»Das heißt, sie ist durchgeknallt?«, fragt Helle, während sie an einem braunen Fleck auf ihrem Pulli kratzt.
Aber Karin versichert ihr, dass die Frau bloß eine liebevolle Mutter sei, die das Beste für ihr Kind wolle. Das könne man wohl niemandem verdenken. Ob es ihr nicht genauso gehe?
Helle hält nicht viel von dieser Art Kommunikationsstrategie, die sie aus einem ihrer Kurse wiederzuerkennen meint:
A, Karin, spricht in Gegenwart von B, Helle, schlecht über C, Kajs Mutter.
A sorgt dafür, es so zu verpacken, dass sie, wenn B es direkt anspricht, um den genauen Grad von ›schlecht‹ zu verstehen, ihre Aussage zurückziehen und fast verärgert reagieren kann, weil B so schlecht über C denkt. Dann sagt A etwas wirklich Nettes über C.
Helle durchschaut Karins Manöver durchaus. Aber sie steht unter Druck. Durch ihr Verschulden hat sich ein Kind verletzt. An ihrem ersten Tag im Himmelsschiff. Helle konnte Kaj von Anfang an nicht leiden. Sie fragt sich besorgt, ob das vielleicht unbewusst mit reingespielt hat.
Vom Ende des Ganges hören sie absurd laute Schritte näher kommen. Schritte, die verlangen, dass man zur Seite weicht und Platz macht. Klack. Klack. KLACK.
Karin hält Kaj noch immer im Arm. Helle und Karin springen auf. Helles Stuhl kippt um. Hastig bückt sie sich, um ihn wieder aufzustellen, daher will es das Schicksal so, dass ihr Hintern in die Luft gereckt ist, als Kajs Mutter sie erreicht. Das bedeutet, dass Helles Hintern Kajs Mutter zuerst begrüßt. Helle richtet sich wieder auf, dreht sich um und beschwört ein Lächeln herauf, das mitfühlend aussehen soll. Kajs Mutter schaut nur Karin an.
»Es geht ihm wieder gut, er hat nichts«, sagt Karin rasch.
»Er ist traumatisiert, Karin. Das nennst du nichts?«, erwidert Kajs Mutter. Könnte Helle doch nur wie Forrest Gump einfach davonlaufen und niemals anhalten. Aber Helle ist nicht Forrest Gump.
Karin tut ihr Bestes, um die Wogen zu glätten, und erzählt, dass die Schnittwunde laut Arzt keine Narbe zurücklassen werde.
»Sie sind wirklich kompetent hier«, fügt sie hinzu.
Kajs Mutter nimmt ihren Sohn auf den Arm, für Kaj macht es keinen Unterschied, er blättert ungerührt weiter in seinem Bilderbuch, das eigentlich nur aus dreizehn dicken Seiten besteht. Der Junge hat Schaden genommen, denkt Helle.
»Ich spreche nicht von äußeren Narben«, faucht Kajs Mutter.
Helle sollte etwas sagen, die Situation menschlicher machen. Kajs Mutter ist aufgebracht und schwitzt ganz offensichtlich in ihrem Regencape. Das ist nicht verwunderlich, es reicht ihr bis zu den Knien, und der Taillengürtel ist straffgezogen. Sie steht jetzt so nah, dass Helle die feinen Spuren des Lippenstifts erkennen kann, der in die Fältchen um ihren Mund gezogen ist. Sie sehen aus wie ein Wegenetz.
»Es tut mir wirklich leid, was passiert ist. Ich wollte Kaj wickeln, da hat er sich losgestrampelt«, erklärt Helle.
»Er ist drei, wie kann er sich aus dem Griff einer erwachsenen Frau befreien? Sie müssen entschuldigen, aber ich bin ziemlich fassungslos. Ich habe Sie noch nie gesehen. Inwieweit sind Sie überhaupt qualifiziert, sich um kleine Kinder zu kümmern?« Kajs Mutter mustert Helle abschätzig von Kopf bis Fuß, als wolle sie sich versichern, dass es Helle auch ja bemerkt. Ihre Stimme ist kalt, beinahe tonlos.
Helle macht einen kleinen Schritt nach vorn. All ihre Unsicherheit kristallisiert sich in diesem einen Augenblick. »Also, ich bin gelernte Metzgerin. Vorher habe ich Tiermedizin studiert, aber leider musste ich …«
»Mich interessiert vor allem, weshalb Sie heute hier stehen, mit meinem Kind?«
Helle lässt die Schultern hängen. »Das war …« Sie räuspert sich. »Eine Aktivierungsmaßnahme. Vom Jobcenter. Sie meinten, es wäre etwas für mich.«
»Da haben die sich wohl vertan. Und mein Sohn musste nun den Preis dafür zahlen. Eine Metzgerin, die sich um Kinder kümmern soll, das ist ja völlig grotesk«, schnaubt Kajs Mutter.
Helle spürt, wie sich große rote Flecken auf ihrem Hals ausbreiten. »Ich bin selbst Mutter, ich weiß durchaus, was es heißt, auf ein Kind aufzupassen. Das Ganze war ein Unfall, und es tut mir aufrichtig leid.«
Karin, die sich bislang im Hintergrund gehalten hat, tritt vor.
»Kaj ist wohlauf, das ist doch die Hauptsache. Wir alle bedauern, dass er sich weh getan hat.«
Kajs Mutter zieht Kaj die Jacke an. Er fängt an zu weinen. Auf seiner Hose ist irgendetwas Braunes. Kajs Mutter hebt ihn an ihre Nase.
»Er ist ja voll mit Kacke!«
Das hatten sie nicht bemerkt. Helle sieht durchaus ein, dass es besser gewesen wäre, wenn sie ihm eine saubere Hose angezogen hätten.
Kajs Mutter schüttelt entsetzt den Kopf. »Ich kann diesen Vorfall nicht einfach stillschweigend hinnehmen. So etwas darf nicht passieren, wenn man sein Kind in die Betreuung gibt. Es ist ein Kind, kein Tier!«
»So groß ist der Unterschied zwischen Kindern und Tieren auch nicht«, sagt Helle.
Denn Helle ist Helle. Und sie weiß, dass beispielsweise Schweine einen IQ haben, der dem eines dreijährigen Kindes entspricht. Karin schaut sie an. Es ist kein freundlicher Blick.
»Weißt du, Anastasia …« Es ist das erste Mal, dass Karin Kajs Mutter mit dem Namen anspricht. »Wir sind alle so froh, Kaj bei uns zu haben, er hat unglaubliche Fortschritte gemacht, Anastasia.« Karin spricht mit sanfter Stimme und legt besondere Betonung auf die zweite Silbe von unglaublich. Und dann noch mal dieser bescheuerte Name, Anastasia. Helle hört ihr Blut in den Ohren rauschen.
Karin führt ihre beschwichtigende Rede fort, offenkundig nicht, um Helle beizustehen, sondern wohl eher, um die drohende Klage bei der Aufsichtsbehörde abzuwenden, auf die die Situation gerade zusteuert.
»Ich finde, wir sollten jetzt alle nach Hause gehen und uns von dem Schreck erholen, und dann würde ich dich bitten, Anastasia, an die e-nor-me Entwicklung zu denken, die Kaj gemacht hat, seit er bei uns ist.«
Wieder eine deutliche Betonung auf der zweiten Silbe, bemerkt Helle.
»Außerdem bin ich nicht sicher, ob Helle hier so ganz am richtigen Ort gelandet ist. Das empfindest du sicher genauso, Helle.« Den letzten Satz sagt Karin direkt an Helle gewandt.
Helle ist wie vor den Kopf geschlagen.
»Das war ja ein ziemlich aufregender Probetag.«
Anastasia sieht etwas besänftigter aus. Sie und Karin sind jetzt im selben Team.
Helle muss zugeben, dass Karin heute schon zum zweiten Mal mit einem kommunikativen Geniestreich überrascht. Mit dem Klassiker schlechthin, bei dem A in die Ecke gedrängt wird und daher skrupellos B an den Pranger stellt, um auf diese Weise denjenigen auf seine Seite zu ziehen, der die Macht hat. Also C. Oder, um es klar zu sagen: Anastasia.
Anastasia drückt ihre Nase an Kaj. »Haben Sie Parfüm benutzt? Sie wissen, dass er hochallergisch ist? Er macht deshalb sogar eine spezielle Anti-Entzündungsdiät.« Anastasia schaut Helle an. Um genau zu sein, schaut sie knapp über sie hinweg, auf ihre Stirn.
»Das mit dem Parfüm habe ich Helle mehrmals gesagt«, rettet sich Karin ein weiteres Mal selbst.
»Und ich habe es jedes Mal verstanden«, erwidert Helle trocken.
Ihr ist bewusst, dass sie nun allein in der Ecke steht.
»Dieser sarkastische Ton ist auch so eine Sache. Sarkasmus und Ironie sind im Umgang mit kleinen Kindern unangebracht. Sie verfügen noch gar nicht über die Werkzeuge, um solche rhetorischen Mittel decodieren zu können«, fährt Karin fort.
Dieser Satz bringt Helles inneren Geduldsdamm zum Bröckeln. Sie ballt die Fäuste, so dass die Knöchel weiß hervortreten, und ihre Kiefer spannen sich an, bis die Muskeln gefährlich zucken. O Karin, du beflügelter, pädagogischer Übermensch.
»Ich habe wohl keine Wahl, Karin«, zischt Helle.
Welche Schlagkraft es hat, die Leute in einem Gespräch beim Namen zu nennen! Ein weiteres herzliches Dankeschön an den Kurs ÜberLebe den Alltag!
»Aber lasst uns deswegen nicht streiten, ich werde gehen, ohne eine Szene zu machen«, sagt Helle und macht eine Szene. Ihre Stimme kommt tief aus dem Bauch, der Damm ist gebrochen. »Nur damit du’s weißt, Karin, das heute war der beschissenste Tag meines Lebens. Da hatte ich ja mehr Spaß, als ich im Kühlraum vom Schlachthof gearbeitet habe. Auf diesen bescheuerten Ministühlen zu hocken und Brote mit Feigenaufstrich zu essen, fand ich total ätzend. Und ich musste fast kotzen, als Carina aus der orangen Gruppe so aufreizend mit den Kindern getanzt hat, damit Viljes hübscher Vater sie auch ja bemerkt. Und Anastasia! Ihr Kaj ist zu alt für die Windel, er lechzt nach Aufmerksamkeit, weil sie und sein Papa keine Zeit für ihn haben. Wahrscheinlich stecken Sie gerade mitten in der Scheidung oder so. Er verträgt ganz sicher normales Essen und Feuchttücher genauso. Die einzige Allergie, an der er leidet, kommt von zu wenig Zuwendung. Tja, sorry, aber das ist meine Einschätzung nach fünf Stunden in seiner Gesellschaft und einer Begegnung mit seiner Mutter.«
An dieser Stelle drückt Helle Anastasia einen festen Finger auf die rechte Brust, eine Handlung, die große Bedeutung für ihr künftiges Verhältnis zu den Behörden haben wird. Aber es ist zu spät, der Finger hat das Seine getan, und Helle fuchtelt mit den Armen, ihre Haut ist puterrot vom Schambein bis zu den Wangen.
»Wer kauft denn bitte seine eigenen Warndreiecke und stellt sie bei Frostwetter auf? Vor einem Kindergarten?! Ihr könnt mich alle mal! Und vielen Dank für den Fleck auf meinem neuen Pulli!«
Helle zieht ihren Pullover auseinander, um den Fleck vorzuzeigen. Es ist ihr Abschiedssalut. Kaj erwidert ihn, indem er ein bisschen mit dem Finger in der Kacke auf seiner Hose herumschmiert. Er lächelt Helle an und deutet mit braunem Finger auf ein Küken in seinem Pappbilderbuch: »Piep, piep!«
Diesmal reicht es Helle nicht aus, einen liebevollen Gedanken an Forrest Gump zu schicken, sie muss selber laufen. Die Gänge des Krankenhauses entlang, um Ecken herum und Treppen hinab, bis sie endlich durch die Schwingtür stürzt. Für einen Augenblick ist sie frei.
Es regnet.
In der Linie 602 ziehen die Tropfen breite Spuren die Scheiben hinunter, all der Schmutz mischt sich mit dem Wasser. Häuser und Rasenflächen wirken wie bematscht und erinnern an einen deprimierten Regenbogen. Die Busfahrt zurück zum Himmelsschiff dauert lang, und Helle ist durchnässt vom Regen, vielleicht auch von Schweiß.
Der Bus hält an, und Helle steigt inmitten des graubraunen Regenbogens aus. Mit einem Frösteln geht sie auf den … nennen wir es einfach Tatort zu. Sie huscht durch das Tor zum Kindergarten, um ihr Fahrrad zu holen. Keiner bemerkt sie. Die Kinder tanzen Stopptanz in ein paar riesigen Pfützen, Carinas schicke Kurzhaarfrisur klebt ihr im Gesicht, dann stimmt sie eine hysterische Up-tempo-Version von Aramsamsam an.
Helle schnappt sich ihr Fahrrad und schleicht am Zaun des Spielplatzes entlang. Sie muss jedes Mal stehen bleiben, wenn die Musik stoppt, weil ihr alter, verrosteter Drahtesel so laut quietscht. Ihre Beine schmerzen, während Carina an ihrem Handy herumfummelt, das sich weigert, die Musik abzuspielen. Die Konzentration der Kinder lässt nach, Helles Beine zittern, Carina zwirbelt sich hektisch die Haare im Nacken. »Dulli, dulli, dulli, ramsamsam …« Endlich kann Helle weiter, und sie erreicht die Straße. In Sicherheit.
Sie steigt auf ihr Fahrrad und fährt langsam nach Hause. Die Luft ist kalt und feucht. Auf der einen Straßenseite erstreckt sich eine weitläufige Grasfläche. Eine Frau schleppt zwei schwere Tüten einen braunen Trampelpfad entlang, wie man ihn immer auf solchen Wiesen findet.
Helle macht vor Skyttemarkens Metzgerei halt. Sie steht auf der anderen Straßenseite, verborgen im Schutz einer ausgeblichenen Markise. Das Schaufenster sieht einladend aus mit seiner appetitlichen Auswahl an Spezialitäten und Klassikern. Helle wartet, bis ein Taxi über die Bodenschwelle gerollt ist. Dann überquert sie die Straße. Sie kann ihren ehemaligen Kollegen Pelle sehen, der über die Aufschnittmaschine gebeugt ist. Er schneidet viel zu dicke Scheiben. In alten Tagen hätte sie ihm kameradschaftlich auf die Schulter geklopft und die Maschine einen Ticken runter, auf »Italienische Tradition« gestellt, damit die hauchdünnen Wurstscheiben leicht vom Messer fallen konnten. Heute muss sie warten, bis Pelle etwas im Hinterraum zu erledigen hat. Wäre der alte Metzgermeister Laust im Laden, käme sie gar nicht erst auf die Idee hineinzugehen. Laust war fast wie ein Vater für sie, damals, als sie bei ihm in die Lehre ging. Zufälligerweise weiß sie, dass er zweimal die Woche zum Osteopathen geht, um seine chronischen Schmerzen in Nacken, Rücken, Ober- und Unterarmen, Handgelenken und Leisten zu lindern.
Jetzt zögert Helle doch und will schon wieder auf ihr Fahrrad steigen, als ihr Blick auf einen italienischen Rollbraten fällt. Eine handgerollte Porchetta aus einem vierzehn Tage am Haken gereiften dänischen Schwein. Es ist ihre Erfindung für den Laden und ihr Rezept. Sie lächelt und stellt das Fahrrad ab.
Vorsichtig öffnet sie die Tür und stellt sich hinter eine Kundin.
»Schweinebäckchen sind heute im Angebot. Fünfhundert Gramm nur hundertneunundvierzig Kronen«, sagt eine junge Verkäuferin.
»Entschuldigung?«, ruft die Kundin vor Helle.
»Fünfhundert Gramm Schweinebäckchen nur hundertneunundvierzig Kronen«, wiederholt die Verkäuferin, etwas lauter diesmal.
»Wie bitte!« Die Kundin, eine betagte Dame, nimmt Verteidigungshaltung ein.
»FÜNFHUNDERT GRAMM SCHWEINEBÄCKCHEN NUR HUNDERTNEUNUNDVIERZIG KRONEN!« Die Stimme des Mädchens überschlägt sich, als stünde sie mitten in einer Trennungsszene mit ihrem Freund.
Die Frau schaut sie pikiert an.
»Ich brauche nur ein halbes Pfund, und es gibt keinen Grund, so zu schreien«, erwidert sie kühl.
Helle ist dran.
»Ich hätte gern zweihundert Gramm Schinkensalat und anderthalb Kilo Schweinebauch. Sie brauchen ihn nicht einzuritzen, das erledige ich selbst.«
Das Mädchen macht sich wortlos an die Arbeit.
»Schönen Tag noch«, sagt sie, als sie zwei weiße, mit Küchengummis zusammengebundene Päckchen auf die Theke legt.
Ohne Helle anzusehen, ruft sie mechanisch den Nächsten auf.
Helle nimmt ihr Fleisch und schielt hinüber zu Pelle. Er steht da und starrt sie an. Fast kommen ihr die Tränen. Zögerlich hebt er die Hand zum Gruß. Helle schaut weg. Sie macht zwei Schritte rückwärts und stolpert mit ihrem Vorrat an Schwein aus dem Laden.
Helle muss auf dem Sofa eingeschlafen sein. Der Fernseher läuft, sie ist voll bekleidet, und es sind nicht nur ein paar Stunden vergangen, sondern eine ganze Nacht, denn durch den Spalt im Vorhang fällt ein Lichtstreifen. Hinter ihr in der Küche enthüllt das Licht eine Spüle voller schmutziger Teller mit halb abgelösten Essensresten, die wirken, als hätten sie die Hoffnung, jemals wieder sauber zu werden, lange aufgegeben. Helles Gedanken sind bereits wach und schwirren herum, aber sie bleibt regungslos liegen, versucht angestrengt, die Augen geschlossen zu halten, obwohl das Sonnenlicht die Lider zum Zittern bringt.
Die Episode mit Kaj jagt ihr durch den Kopf. Sie wäre gern so jemand, der die Ruhe bewahrt und besonnen handelt, wenn ein Unglück geschieht. So war sie doch auch mit ihrer eigenen Tochter. Als Michelle fast an einer Karotte erstickt wäre, wusste Helle ihren Heimlich-Griff anzuwenden, während Michelles Vater nur dastand und mit merkwürdiger Stimme herumschrie und auf dem Boden aufstampfte. Und dann war da Helles Umgang mit Tieren. Sie war geschickt und resolut und hatte ein Auge dafür, wie sie zu handhaben waren. Aber bei Kaj. Und Karin und Anastasia. Helle war die Situation aus den Händen geglitten. Sie, die frühere Ansprechpartnerin für die südseeländischen Metzgereibetriebe, besitzt keine Autorität mehr, wurde zur Seite geschoben wie ein angebrochenes Glas Gewürzgurken, das niemand mehr haben will.
Es klopft an der Tür. Helle rollt sich vom Sofa. Sie hat keine Ahnung, wie spät es ist. Das Haus sieht furchtbar aus, sie schaltet den Fernseher ab. Auf dem Weg in den Flur kickt sie ein Paar Schuhe an die Wand, was den allgemeinen Zustand des Hauses allerdings nicht nennenswert verbessert. Helle fällt auf, dass sie sich nicht erinnern kann, wann sie zum letzten Mal Gäste gehabt hat.
»Guten Tag, Helle, ich komme vom Vollstreckungsgericht in Næstved.«
Helle blinzelt. Vor ihr steht eine Frau mit schmalen Schultern und einem Hüftumfang, der sich nicht mit schlechter Ernährung erklären lässt, sondern starken Genen geschuldet sein muss. Sie hat die Sonne im Rücken.
»Heißt du nicht Marlene? Du warst doch in meiner Parallelklasse«, ist das Erste, was Helle einfällt.
Marlene lächelt vorsichtig. Sie sieht aus wie eine Ärztin, die eine sehr unangenehme Antwort bezüglich einiger Laborwerte formulieren muss.
»Ich erinnere mich auch an dich, ja. Ich bin heute hier, um dir eine Zahlungsaufforderung, also einen Mahnbescheid deines Vermieters in Folge deines Mietrückstandes zuzustellen.«
»Was?«
»Du hast deine Miete nicht bezahlt.«
Marlene war eine der Ersten gewesen, die mit dem Rauchen anfingen. Das war in der Sechsten. Helle weiß noch genau, wie beeindruckt alle waren, weil sie die spektakulärsten Rauchringe zustande brachte und dadurch unheimlich erfahren wirkte. Sie hatte etwas Verruchtes an sich. Jetzt steht sie hier und spricht mit verblüffend gedämpfter Stimme. Sie ist in erster Linie sanft und rücksichtsvoll.
»Darf ich einen Augenblick reinkommen? Ich möchte so eine sensible Angelegenheit ungern zwischen Tür und Angel besprechen.«
Helle nickt kurz und tritt zur Seite. Marlene zieht sich im Flur die Schuhe aus.
»Das ist wirklich nicht nötig«, sagt Helle, aber Marlene macht unbeirrt weiter.
Zusammen gehen sie ins Wohnzimmer, Krümel knirschen unter Helles nackten Füßen und Marlenes beigefarbenen Strümpfen. Helle weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Aber Marlene zeigt sich unbeeindruckt von den Dreckklümpchen unter ihren Füßen und lächelt nur, als sie sich den Finger anleckt und durch einen Stapel Papiere mit unbehaglichen Logos blättert. »Die Tatsache, dass du deinen Vermieter von dir aus kontaktiert und dich um eine Ratenzahlungsvereinbarung bemüht hast, stellt einen mildernden Umstand dar, allerdings hast du auch die Raten nicht bezahlt, daher ist dein Vermieter ermächtigt, dir eine außerordentliche fristlose Kündigung zu schicken. In diesem Fall würde dein Mietvertrag mit sofortiger Wirkung aufgehoben und du müsstest die Mietsache räumen.«
Jetzt ist Helle wach. »Marlene, was passiert hier? Setzt du mich auf die Straße?«
Helle hört ein Geräusch aus dem ersten Stock, und ihr wird klar, dass Michelle noch gar nicht gegangen ist. Schnell fasst sie Marlene am Arm und führt sie mit sanftem Druck in die Küche zu einem Stuhl, weg vom Durcheinander ums Sofa, weg von Michelle. Der Zustand der Küche erzählt dieselbe Geschichte wie der des Wohnzimmers.
»Könnten wir die Sache diskret halten?«, fragt Helle. »Ich möchte meine Tochter nicht beunruhigen.«
Marlene senkt den Blick, es ist eine heikle Situation. Ihre Stimme wird noch leiser, sie beugt den Kopf, während sie Helle jetzt in die Augen schaut. Ihr entschuldigender Ausdruck hat etwas Prinzessin-Diana-Haftes. Helle versucht, Marlenes Blick zu erwidern, und nimmt dieselbe gebeugte Haltung mit dieser recht bittenden Miene ein.
»Also, Helle, es ist leider eine solche Situation, wo man …«
Helle unterbricht sie spontan, indem sie Marlene den Zeigefinger an die Lippen hält.
»Ja aber, was soll ich denn tun? Wie schnell muss ich bezahlen?«, flüstert sie.
Marlene passt sich Helle an und hält sich ihre kleine Hand vor den Mund, bevor sie zurückflüstert. »Wenn du einen Teil der Forderung noch heute ausgleichst, ist dein Vermieter bereit, dir für die Zahlung des gesamten ausstehenden Betrags weitere acht Tage Zeit zu geben. Andernfalls wird er ein Räumungsurteil erwirken und mich mit dessen Vollstreckung beauftragen.«
»Vollstreckung. Was ist das denn bitte für ein groteskes Wort? Ich werde das Geld schon beschaffen. Kannst du nicht das Auto nehmen? Du ahnst nicht, was ich gestern für einen Tag hatte. Das ist alles vollkommen irre. Und wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich eigentlich nicht, dass ich eine Mahnung bekommen habe.«
»Okay, was das angeht, kann man sagen, doch, hast du. Ich werde niemals grundlos kontaktiert. Aber keine Sorge, wir pfänden keine Sach- und Vermögenswerte, die zur Aufrechterhaltung eines bescheidenen Heims und eines bescheidenen Lebensstandards für den Schuldner und seinen Hausstand notwendig sind.«
»Ist mein Heim bescheiden?« Helle sackt in sich zusammen.
Marlene hat einen Krümel vom Esstisch gepickt und dreht ihn zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her. »So beurteile ich es. Und darüber solltest du nicht traurig sein, im Gegenteil, in dieser Situation ist es von Vorteil.«
Helle schielt zur Treppe, als oben eine Tür geschlossen wird und Schritte näher kommen. Sie steht auf und macht eine schnelle Drehung um sich selbst. »Das ist alles zu viel für mich.«
»Du hast ein kleines Zeitfenster, um deine Schulden zu begleichen. Hast du etwas Bargeld da?«
Helle blinzelt verwirrt. Sie will Marlenes Frage bereits verneinen, aber da fällt ihr die Sonnenöltraum-Sparbüchse ein. Sie muss es tun, sie hat keine andere Wahl.
»Moment, ich hab tatsächlich was.«
Marlene lächelt extrem liebenswürdig.
»Hier sind siebentausend Kronen«, sagt Helle und zieht ein Bündel Scheine aus der Sparbüchse, dem heiligen Gral, physisch manifestiert in einer Vintage-Keksdose.
Marlene mustert die Scheine, dann hält sie sie gegen das Licht.
»Prüfst du, ob sie echt sind?« Helle wird das Herz schwer.
Marlene legt die Scheine in eine Mappe mit Helles Namen darauf. Sie wirkt erleichtert. »Puh, was? Das ist doch echt super«, sagt sie.
»Super ist vielleicht ein bisschen übertrieben«, murmelt Helle und sieht das Geld verschwinden.
»Du hast eine Woche. Genau sieben Tage, Helle.«
Helle schaut an die Decke, und ihr Mund formt sich zu einem kleinen zusammengekniffenen Hühnerarsch. »Ich kann so schnell einen Untermieter kriegen.« Sie schnipst mit den Fingern.
Marlene lächelt Helle mütterlich an.
»Großes Zimmer, eigenes Bad. Ich muss bloß Michelles Schminkzeug rausräumen. Kaution, bumm.«
Marlene lächelt unbeirrt weiter und betrachtet Helle. Sie ist Diana an einem guten Tag. Strahlt. »Das ist keine schlechte Idee, aber ich muss betonen, dass du einen unterschriebenen Vertrag brauchst und das Geld binnen der sieben Tage überweisen musst.«
Schritte auf der Treppe.
»Hi, mein Schatz, hi. Machst du dich auf den Weg?«
Michelles Augenbrauen sehen aus wie markante, schwarze Knicke. Sie ist achtzehn und macht gerade eine Ausbildung zur Make-up-Artistin. Sie ist wirklich geschickt im Umgang mit ihren Pinseln und Primern. So geschickt, dass sie sich nur schwer im Zaum halten kann, findet Helle.
Helle macht eine Geste in Richtung Marlene, die vom Stuhl aufgestanden ist und vollkommen gelassen scheint.
»Das ist Marlene, wir waren zusammen in der Schule.«
Marlene reicht Michelle die Hand.
Helle redet eifrig weiter. »Wir haben gerade, ja, wie soll ich sagen … wir waren gerade dabei, diese … dieses … wie heißt es noch mal …«
Marlene tritt vor und übernimmt für einen Moment das Gespräch: »… das Jubiläumsfest zu planen, für unseren Jahrgang.«
