Der Hellseher - Norbert Radler - E-Book

Der Hellseher E-Book

Norbert Radler

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Beschreibung

In Höxter verschwindet die Tochter eines angesehenen Geschäftsmannes. Kriminal­haupt­­kommissar Erwin Brixmeier ist alles andere als begeistert, „für irjendwelche verzogenen Luxusblagen dat Kindermädchen zu spielen“. Dann wird dem ostwestfälischen Original mit Oberkommissarin Katja von Sternberg auch noch eine junge Kollegin zur Seite gestellt, die so gar nicht zum antiquierten Frauenbild Brixmeiers passt. Zwar bleiben Reibereien zwischen den beiden Ermittlern nicht aus, aber der Fall des verschwundenen Mädchens bekommt durch den Erpresserbrief eines Entführers eine eigene Dynamik. Als schließlich eine Tote entdeckt wird, muss das Ermittlerteam alle Register ziehen ...

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Seitenzahl: 447

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Norbert Radler

Der Hellseher

SOKO HX

KriminalromanVerlag Jörg MitzkatHolzminden 2017

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978-3-95954-040-7

E-Book-Ausgabe

© Norbert Radler

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

www.mitzkat.de

Verlag Jörg Mitzkat

Holzminden 2017

www.mitzkat.de

Prolog

Liebe Mama, lieber Papa,es tut mir leid, wenn ich Euch einen so großen Schrecken eingejagt habe. Aber Ihr braucht Euch keine Sorgen um mich zu machen. Ich habe es in dem kleinbürgerlichen Mief einfach nicht mehr ausgehalten, und jetzt geht es mir so gut wie nie zuvor in meinem Leben. Hier habe ich einen netten, jungen Amerikaner kennengelernt. Wir werden zusammen nach Australien oder Neuseeland gehen und dort ein neues Leben beginnen. Bitte sucht nicht nach mir.Ich werde mich wieder bei Euch melden.Alles Liebe, Eure Alex

„Endlich ein Lebenszeichen von ihr. Und das nach so langer Zeit. Schatz, unsere Tochter lebt. Und vielleicht kommt sie sogar zu uns zurück. Ich habe es immer gewusst.“ Alexandras Mutter kann ihre Freudentränen nicht zurückhalten. Sie ist überglücklich. Ihr Mann nimmt sie sanft in den Arm und streichelt ihr zärtlich über das Haar. Er sagt nichts, aber sein Gesicht wirkt grau – wie versteinert. Auch er hat die Zeilen gelesen, und er ist sich jetzt ganz sicher, dass er seine Tochter niemals wiedersehen wird.

Die Neue

„Jou, ich werd mich drum kümmern. Jou, sofort. Se könn sich drauf verlassen, Herr Kriminalrat“, bellt Brixmeier, dann knallt er wütend den Hörer auf den Apparat.

„Verdammte Hacke“, poltert er weiter, dabei rennt er wie ein angeschossener Tiger im Büro hin und her. „Wir ham hier weiß der Deiwel Wichtigeres zu tun. Jetz solln wir auch noch für irjendwelche verzogenen Luxusblagen dat Kindermädchen spieln. Solln die hohen Herrschaften doch besser auf ihre verwöhnten Bälger aufpassen. Aber nein! Bloß weil der Herr Versicherungsfuzzi mit dem Landrat Cholf spielt, wird chleich die Kavallerie in Alarmbereitschaft versetzt. Ich brauch jetzt ersmal chanz dringend frische Luft, sonst platzt mir chleich der Kragen.“

Kriminalhauptkommissar Brixmeier von der Kriminalpolizei Höxter wendet sich ab und hetzt zur Tür hinaus. Dabei rennt er fast eine junge Frau um, die ein paar Augenblicke zuvor unbemerkt das Büro betreten hat und unfreiwillig Zeugin von Brixmeiers Wutausbruch geworden ist.

„Tach“, würgt Brixmeier hervor, wobei er sich keine Mühe gibt, seine schlechte Laune vor der Besucherin zu verbergen. „Der junge Kolleje da wird sich um Sie kümmern.“ Dann fliegt auch schon die Bürotür krachend hinter ihm zu.

„Ist der immer so?“, fragt die junge Frau.

Ihre Frage richtet sie an Kriminaloberkommissar Antonius Allwisser, der von seinem Schreibtisch aus die ganze Szene sichtlich vergnügt beobachtet hat.

„Nein, nicht immer“, antwortet er grinsend, „hin und wieder hat er auch mal schlechte Laune.“

„Uups ..., dann muss ich wohl froh sein, dass er heute keine schlechte Laune hat“, gibt die Besucherin – die, wie Toni Allwisser erfreut feststellt, verdammt gut aussieht – lachend zurück.

„Da haben Sie recht. Wenn er schlecht gelaunt ist, ist er wirklich unausstehlich. Aber darf ich fragen, was Sie zu uns führt?“ Das Gesicht des Oberkommissars nimmt plötzlich einen dienstlichen Ausdruck an.

„Oh, Entschuldigung, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist von Sternberg, Katja von Sternberg.“

„Und was kann ich für Sie tun, Frau von Sternberg?“

„Kriminaloberkommissarin Katja von Sternberg. Ich bin – wie sagt man so schön – die Neue.“

Oberkommissar Allwisser guckt etwas ungläubig. „Aber wir dachten, Sie würden erst ...“

„... morgen anfangen“, fällt sie ihrem zukünftigen Kollegen ins Wort. „Ja, das ist richtig. Eigentlich trete ich erst morgen den Dienst hier an. Aber ich bin schon fast zwei Wochen in Höxter. Die habe ich damit verbracht, die Stadt ausgiebig zu erkunden. Außerdem habe ich ein paar Ausflüge in die Umgebung gemacht. Es ist wirklich sehr schön hier. Heute habe ich mir gesagt: Guck dir doch mal deine neue Dienststelle an – und hier bin ich.“

Nach dieser unerwarteten Information schaut Toni noch einmal genauer hin. Ihm bleibt glatt die Spucke weg. Die neue Kollegin sieht ganz und gar nicht wie eine Polizeibeamtin aus. Sie hat eine Figur, die jeden Mann ins Schwärmen bringt, ein Gesicht wie eine griechische Göttin, lange schwarze Haare und braune Augen – ein südländischer Typ. Kurz: Sie ist einfach der Hammer.

„Und mit wem habe ich das Vergnügen?“, unterbricht sie die vorübergehende geistige Abwesenheit ihres Gegenübers.

„Allwisser, Antonius Allwisser, Kriminaloberkommissar. Die meisten hier nennen mich Toni“, stellt sich der Beamte hinter dem Schreibtisch vor.

„Allwisser!? Ein ... ungewöhnlicher Name.“ Katja von Sternberg kann nicht verhindern, dass ihr ein spitzer Lacher rausrutscht.

„So heiße ich nun mal. Meine Eltern hießen auch Allwisser und meine Großeltern auch“, erklärt der Oberkommissar achselzuckend. „Aber nehmen Sie doch Platz, Frau Kollegin.“

„Danke!“ Katja setzt sich auf einen freien Bürostuhl. „Ich weiß ja nicht, wie Sie es hier halten, aber in meiner alten Dienststelle haben wir uns geduzt ...“

„Ähm ... das halten wir hier eigentlich genauso, also ich bin Toni.“

„Freut mich. Ich bin Katja.“

Die beiden stehen auf und geben sich über den Schreibtisch hinweg die Hand. Für einen Moment herrscht abwartendes Schweigen. Katja nutzt die Gelegenheit, um sich ihren neuen Kollegen ein wenig genauer anzuschauen. Groß, sportlich, ein markantes, aber sympathisches Gesicht, ein gewinnendes Lächeln und betörend grau-grüne Augen. Ein Typ, bei dem Frau schon mal weiche Knie kriegen kann.

„Sag mal, Toni, wo finde ich eigentlich ...“, Katja kramt einen Zettel raus und wirft einen verschämten Blick darauf, „... Kriminalhauptkommissar Brixmeier?“

„Ich fürchte, du hast ihn schon gefunden“, antwortet Toni mit einem seltsamen Unterton in der Stimme.

Die Oberkommissarin schaut sich um. Ist außer ihnen noch jemand im Büro? Nein. In ihr keimt ein fürchterlicher Verdacht. „Lass mich raten – groß, etwas korpulent, silbergrauer Lockenkopf?“, beginnt sie ihre Personenbeschreibung.

Toni nickt zustimmend.

„Eine Stimme wie ein Presslufthammer und heute Morgen fast gut gelaunt ...?“

Toni nickt wieder.

„Hat mich eben beinahe über den Haufen gerannt, um an die frische Luft zu kommen, weil ihm sonst der Kragen platzt?“

Toni mimt den Wackeldackel.

„Toni!“

„Katja?“

„Hör bitte sofort auf zu nicken und sag mir, dass das nicht wahr ist.“ In Katjas Stimme schwingt eine Spur Resignation mit.

„Es tut mir aufrichtig leid ...“, sagt Toni mitfühlend. „Weißt du“, fährt er nach einer kurzen Pause fort, und es hört sich an, als sollte nun ein längerer Vortrag folgen, „Hauptkommissar Erwin Brixmeier ist ...“

In dem Augenblick wird die Tür geöffnet und ein Mann von etwas gedrungener Gestalt und mit Halbglatze betritt das Büro. Sein tadellos sitzender Anzug sowie sein ganzes Auftreten lassen vermuten, dass es sich um ein höheres Tier handelt.

„Guten Morgen“, grüßt er freundlich.

„Guten Morgen, Herr Kriminalrat“, grüßt Toni zurück.

Auch Katja erwidert den Gruß freundlich lächelnd.

„Wo steckt Brixmeier?“, will der Kriminalrat wissen.

„Der ist draußen – braucht frische Luft, hat er gesagt“, gibt Toni bereitwillig Auskunft.

„Wenn er wieder hier aufkreuzt, sagen Sie ihm bitte, dass er sofort in mein Büro kommen soll. So, nun will ich nicht weiter stören. Sie haben zu tun, wie ich sehe.“

„Einen Moment, bitte, Herr Kriminalrat.“ Toni muss sich beeilen, weil der Angesprochene die Türklinke schon in der Hand hält.

„Ja?“

„Darf ich bekannt machen“, Toni deutet mit einer dezenten Handbewegung auf seine Besucherin, „Kriminaloberkommissarin Katja von Sternberg – unsere neue Mitarbeiterin.“

Der Kriminalrat guckt zunächst etwas verdutzt, doch seine Miene hellt sich sehr schnell auf.

„Oh, Frau Oberkommissarin. Ich bin hocherfreut, Sie hier in unserer bescheidenen Hütte begrüßen zu dürfen.“ Über das ganze Gesicht strahlend, geht der Kriminalrat auf Katja zu und schüttelt ihr ausgiebig die Hand. „Lange, Cornelius Lange. Ich bin hier der Dienststellenleiter. Sie sehen mich allerdings etwas überrascht. Wir haben eigentlich erst ...“

„... morgen mit mir gerechnet“, wirft die Oberkommissarin lachend ein. „Ich weiß, aber ich habe mir gedacht, es kann nicht schaden, wenn ich mich heute schon mal hier umsehe.“

„Das dürfen Sie natürlich gern“, meint Kriminalrat Lange. „Und ich würde Sie ja liebend gern auf ein Tässchen Kaffee in mein Büro einladen, aber leider ... dringende Termine ... Sie verstehen?“

„Selbstverständlich, Herr Kriminalrat. Wenn man unangemeldet erscheint, sollte man nicht mit einem roten Teppich rechnen“, antwortet Katja gut gelaunt.

„Sie sagen es, Sie sagen es. Aber morgen holen wir das nach, das mit dem Kaffee, versprochen!“

„Ich freue mich darauf.“

„Ich freue mich auch. Ach, Frau von Sternberg, haben Sie auch schon Hauptkommissar Brixmeier kennengelernt?“ Kriminalrat Lange schaut die neue Kollegin nun mit einem forschenden Blick an.

„In gewisser Weise schon“, antwortet die Oberkommissarin mit süßsaurer Miene.

„In gewisser Weise also ... verstehe.“ Der Kriminalrat nickt nachdenklich. Mit deutlich leiserer Stimme fährt er fort: „Unser lieber Brixmeier ist ein ganz hervorragender Ermittler, aber er ist auch – wie soll ich sagen – etwas speziell. Sein Umgang mit Menschen ist gewöhnungsbedürftig. Kollege Allwisser kennt ihn recht gut. Er kann Ihnen sicher ein paar ganz brauchbare Tipps geben, wie Sie am besten mit diesem ostwestfälischen Dickschädel klarkommen. Und wenn es gar nicht geht, kommen Sie einfach zu mir.“

„Ich denke, das wird nicht nötig sein“, erwidert Katja selbstbewusst. „Auch wenn ich nicht aus Ostwestfalen komme: Ich kann auch ein ganz schöner Dickschädel sein – verlassen Sie sich drauf. Und wenn er beißt, dann beiße ich zurück.“

„Bravo, das ist genau die richtige Einstellung. Also, willkommen an Bord. Und jetzt muss ich mich leider für heute von Ihnen verabschieden – die Termine.“ Der Kriminalrat dreht sich um und verlässt eilig das Büro.

„Ich glaube, bei dem hast du mächtig Eindruck gemacht“, bemerkt Toni mit einem verschmitzten Grinsen.

Katja verzieht das Gesicht, sagt aber nichts dazu. Sie weiß aus Erfahrung, dass ihr Anblick bei leicht ergrauten Männern in Führungspositionen nicht selten einen zweiten Frühling auslöst. Ab heute ist ihr klar, dass auch kleine Männer mit Halbglatze zu diesem Personenkreis gehören.

„Sag mal, Toni“, wechselt sie das Thema, „wolltest du mir vorhin – bevor Kriminalrat Lange reinkam – nicht etwas über Hauptkommissar Brixmeier erzählen?“

„Ja, das wollte ich tatsächlich.“ Toni macht eine kleine Pause und denkt nach. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Über Erwin Brixmeier und seine Macken könnte man stundenlang reden, ja, sogar Romane schreiben. Ich fürchte aber, dass er schon sehr bald wieder hier reinschneien wird. Deshalb erstmal das Wichtigste in Kürze. Also, Erwins Frauenbild ist – könnte man sagen – nicht gerade zeitgemäß. Das schlägst du am besten in einem Geschichtsbuch nach. Spätes neunzehntes bis frühes zwanzigstes Jahrhundert.“

„Verstehe, die Frau zu Hause bei Herd und Kind. Abends, wenn der Herr des Hauses fix und foxi von der Arbeit kommt, das Essen auf den Tisch und die vorgewärmten Pantoffeln vor die Füße“, bringt es Katja auf den Punkt.

„Besser hätte ich es auch nicht sagen können.“

„Was noch?“

„Eine Frau ist weder physisch noch mental in der Lage, ein Kraftfahrzeug sicher durch den immer unübersichtlicher werdenden Straßenverkehr zu bewegen.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ Ein Lacher bleibt Katja im Halse stecken.

„O-Ton Erwin Brixmeier“, bekräftigt Toni.

„Ich glaube, wir werden viel Freude miteinander haben.“ Katja lässt einen Stoßseufzer los. „War das alles zum Thema Frauen?“

„Leider nein!“, antwortet der Gefragte. „Frauen haben im Polizeidienst nichts zu suchen. Nun ja, bei Schreib- oder Reinigungskräften sieht es der Herr Hauptkommissar nicht ganz so eng. Aber im Außendienst ...“ Toni schüttelt den Kopf. „Und bei der Kriminalpolizei schon mal gar nicht. So, und wenn dir das noch nicht reicht, kommen wir zum vielleicht heikelsten Punkt.“

„Mach hinne, Toni, ich ekel mich vor nichts.“

„Wie du willst. Kommen wir also zu Erwin Brixmeier und seinen Partnern: Bis vor ungefähr einem halben Jahr hat er mit Hauptkommissar Riepschläger zusammengearbeitet. Die beiden waren ein Arsch und ein Kopp – wenn du verstehst, was ich meine. Und das seit mehr als fünfzehn Jahren. Zwei westfälische Dickschädel pur, stur, kauzig, unausstehlich, aber überaus erfolgreich.“

„Und was ist aus Hauptkommissar Riepschläger geworden?“, fragt Katja neugierig.

„Tja, der hat das Mindesthaltbarkeitsdatum für den aktiven Polizeidienst überschritten und wurde in den wohlverdienten Ruhestand versetzt“, erklärt Toni. „Seitdem ist Brixmeier durch den Wind. Mehrfach wurden ihm neue Partner zugeteilt, aber keiner von den männlichen Kollegen hat es lange mit ihm ausgehalten, und die holde Weiblichkeit hat sich aus bekannten Gründen von vornherein geweigert, mit ihm zusammenzuarbeiten. Lieber hätten sie sich nach wer weiß wo versetzen lassen.“

„Sieht ganz so aus, als hätte ich exakt den Job gefunden, den ich mir in meinen verwegensten Träumen schon immer gewünscht habe“, stellt die attraktive Oberkommissarin mit einem dezent sarkastischen Grinsen fest.

„Tut mir wirklich leid.“ Toni zuckt mit den Schultern.

„Bist du ihm denn auch mal als Partner zugeteilt worden?“

„Nein, ich bin nämlich ...“

Weiter kommt Toni nicht, denn in diesem Augenblick wird die Tür schwungvoll geöffnet, und Hauptkommissar Brixmeier tritt ein. Die frische Luft scheint ihm wirklich gut getan zu haben, denn der Polizist macht einen deutlich entspannteren Eindruck als vorhin.

„Wird höchste Zeit, dass du kommst“, quatscht ihn Toni gleich an. „Der Chef hat Sehnsucht nach dir, sollst sofort in sein Büro kommen.“

„Hat sich erledicht“, knurrt Brixmeier. „Hab chrade mit ihm jesprochen. Is höchstens ’ne Minute her.“

„Und, was wollte er?“

„Cheht um diese verschwundene Göre. Ich fahr mal zu ihrer Familie raus. Mal sehn, vielleicht chibt es irjendwelche Hinweise“, erklärt Hauptkommissar Brixmeier. „Ach, Toni ..., der Chef hat mir jesacht, dat unser neuer Kolleje schon da is. Ein Oberkommissar Stein... Steinbeiß oder so ähnlich. Er meinte, ich würde ihn hier bei dir finden. Wo isser?“

„Erwin ...“ Toni spricht nun sehr langsam. „Ich fürchte, du hast da was falsch verstanden.“

„Wieso?“

„Hier gibt es keinen Oberkommissar Steinbeiß oder so ähnlich.“

„Also, ich werd ja wohl noch wissen, wat Lange mir chrade eben vor eine Minute jesacht hat“, poltert Brixmeier los. „Oder chlaubst du, dat ich schon verkalkt bin?“

„Nein, Erwin, das glaube ich nicht. Aber darf ich dir deine neue Partnerin vorstellen?“ Toni deutet zu Katja hinüber. „Frau Oberkommissarin Katja von Sternberg.“ Bei den letzten Worten gelingt es Toni trotz größter Anstrengungen nicht mehr, sein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken.

Brixmeier steht da wie vom Blitz getroffen. Er guckt wie ein Neandertaler, der sich ein komplettes Wildschwein am Stück in den Hals geschoben hat und nun unter massiven Schluckbeschwerden leidet.

„Wollt ihr mich verarschen?“, dröhnt er lautstark los.

„Es freut mich auch, Sie kennenzulernen.“ Katja gibt sich betont, ja schon fast provokativ freundlich.

„Ne neeeee, Leute ... So nich ... Nich mit mir ...“ Die Züge des Hauptkommissars verfinstern sich zusehends. „Dat kläre ich ... jetz sofort ... auf der Stelle ... Dat könnt ihr mit mir nich machen. Mit mir nich ...!“

Brixmeier dreht sich auf dem Absatz um, und eine Sekunde später fliegt die Bürotür ein weiteres Mal krachend ins Schloss.

„Das ist wohl der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, meldet sich Toni zu Wort.

„Ja, sieht ganz so aus“, bestätigt Katja.

Die beiden Beamten sitzen eine Weile schweigend im Büro und harren der Dinge, die da kommen. Es dauert gar nicht lange, da ist auch schon Brixmeiers dröhnende Stimme auf dem Flur zu hören – und sie kommt schnell näher. Offenbar wird er von jemandem begleitet, dem er unüberhörbar sein Leid klagt.

Dann fliegt die Tür auf.

„... chrade mal vonne Polizeischule jekommen und meinen, se können schon bei den Chroßen mitspielen“, ereifert sich der Hauptkommissar mit hochrotem Kopf. Obwohl die erste Hälfte des Satzes nicht zu verstehen war, ist unschwer zu erraten, wovon Brixmeier redet.

„Erstens“, entgegnet Kriminalrat Lange forsch, „kommt sie nicht frisch von der Polizeischule, und zweitens spielt sie schon eine ganze Weile bei den Großen mit – und das äußerst erfolgreich. Ihre Beurteilungen sprechen eine eindeutige Sprache.“

„Ach, chehn Se mir doch wech mit Ihre Beurteilungen. Die sind nur Papier, und Papier is cheduldich“, keift Brixmeier zurück.

Kriminalrat Lange reagiert nicht auf den Einwand. Mit einem freundlichen Lächeln wendet er sich an Katja. „Frau Oberkommissarin, Sie sind heute ja noch nicht im Dienst. Hätten Sie vielleicht dennoch Lust, Hauptkommissar Brixmeier zu einer Befragung zu begleiten?“

„Mit dem allergrößten Vergnügen.“ In Katjas Gesicht zeigt sich ein durchaus dämonische zu nennendes Grinsen.

„Kommt char nich infrage. Ich erledige dat allein“, lässt Brixmeier die Umstehenden wissen.

„Frau von Sternberg, Sie werden Hauptkommissar Brixmeier begleiten“, stellt Kriminalrat Lange klar.

„Abba ...“

„DAS IST EIN BEFEHL!“, würgt der Kriminalrat Brixmeiers Widerspruch eiskalt und lautstark ab.

Katja bemerkt, dass in diesem Moment ein Ruck durch Kriminalrat Langes Körper geht. Der gerade mal einen Meter fünfundsechzig große Vorgesetzte steht nun dem fast dreißig Zentimeter größeren Untergebenen gegenüber und schaut ihm direkt in die Augen. Eigentlich ein fast absurdes Bild. Aber Kriminalrat Langes Körperhaltung, seine Mimik, sein stechender Blick, seine Stimme – überhaupt sein ganzes Auftreten lassen ohne jeden Zweifel erkennen, wer hier das Sagen hat. Nie hätte Katja gedacht, dass ein so kleiner Mann eine derartige Autorität ausstrahlen kann. Sie ist zutiefst beeindruckt.

Brixmeier grummelt etwas Unverständliches in seinen Bart und verlässt missmutig das Büro.

Katja versteht es als Aufforderung, ihm zu folgen. Sie geht mit ihm zum Parkplatz und nimmt kurz darauf auf dem Beifahrersitz von Brixmeiers Dienstwagen – einem alten Ford Granada – Platz.

„Fahren alle hier so extravagante Einsatzfahrzeuge?“, versucht Katja einen Smalltalk zu beginnen.

„Ne!“, grunzt Brixmeier und gibt Gas.

„Was für ein Baujahr?“

„Sechsunsiebzich.“

„Sind Sie immer so redselig?“

„Ja.“

„Soll ich besser die Klappe halten?“

„Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar.“

Was für ein unerwartetes Erfolgserlebnis: Er hat einen ganzen Satz gesagt, denkt Katja und hält die Klappe.

Wenig später hält der silbergraue Wagen in einem der vornehmsten Wohnviertel Höxters. Die Polizeibeamten steigen aus und gehen auf eine prachtvolle Jugendstilvilla zu. An der Haustür angekommen, drückt der Hauptkommissar auf den Klingelknopf, worauf sich der schwermütige Ton eines Gongs im Haus ausbreitet. Es dauert fast eine Minute, bis sich etwas rührt. Dann öffnet ein hochgewachsener, gut aussehender Mann mittleren Alters die Tür. Er ist auffallend elegant gekleidet – Typ erfolgreicher, aalglatter Geschäftsmann – und hat etwas Überhebliches an sich.

„Herr Franz-Josef Bering?“, fragt der Hauptkommissar.

„Ja, wer will das wissen?“

„Hauptkommissar Brixmeier, Kriminalpolizei Höxter.“ Beide Polizeibeamten zücken ihre Dienstausweise. „Ach ja, und dat is meine Kollejin Fräulein Sternberch. Chuten Tach. Wir kommen wegen Ihre Tochter.“

Katja fühlt sich, als hätte ihr jemand eins mit dem Baseballschläger übergezogen. Sie kann gut damit leben, wenn jemand das von in ihrem Namen vergisst. Selbst das abfällige „Ach ja“ könnte sie großzügig als Ordnungswidrigkeit durchgehen lassen. Aber dass Brixmeier sie als Fräulein Sternberg vorgestellt hat, kommt einem Kapitalverbrechen gleich. Katja muss spontan daran denken, dass die Todesstrafe vielleicht doch keine so schlechte Erfindung war. Aber ihren Vorgesetzten unmittelbar vor den Augen eines besorgten Vaters, der seine Tochter vermisst, abzumurksen, würde nicht gerade den besten Eindruck hinterlassen. Sie beschließt, ihr Vorhaben auf später zu verschieben und gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Herr Bering bittet die beiden Kriminalbeamten, näher zu treten. Er führt sie in den Salon, wo eine kleine, etwas füllige Frau mit langen, lockigen Haaren und einem sympathischen, puppenhaft wirkenden Gesicht sie bereits erwartet. Herr Bering stellt sie als seine Frau Gisela vor.

Komisches Pärchen, denkt Katja. Außerdem fällt ihr auf, dass Frau Bering offenbar wesentlich besorgter über das Verschwinden ihrer Tochter ist als ihr Mann. Sie hat dunkle Ringe unter den Augen, und ihr ist deutlich anzusehen, dass sie geweint hat.

Herr Bering bittet die Beamten, Platz zu nehmen. In dem mächtigen englischen Ledersessel, der eher für Menschen mit der Statur eines Erwin Brixmeier gemacht worden ist, fühlt sich Katja ein wenig verloren. Sie muss unwillkürlich an ihre Kindheit denken, an die Besuche bei den Großeltern. Die hatten auch so gewaltige Sessel. Nicht ganz so groß wie dieser. Aber damals war sie selbst noch viel kleiner – in etwa so klein, wie sie sich jetzt in diesem Sitzmonstrum fühlt.

Brixmeier beginnt unverzüglich, Fragen zu stellen. Katja, in der es immer noch brodelt wie in einem Vulkan unmittelbar vor dem Ausbruch, hält sich ganz bewusst zurück. Soll doch erst mal der hervorragende Ermittler zeigen, was er drauf hat. Doch schon nach wenigen Minuten bekommt sie ernsthafte Zweifel an seinen so gerühmten Fähigkeiten.

Was macht der da?, fragt sich die Oberkommissarin. Selbst ein mittelmäßig begabter Polizeischüler im ersten Semester könnte das besser. Die Erklärung für Brixmeiers unprofessionelle Vorgehensweise liegt klar auf der Hand. Er hat einfach keinen Bock, das merkt sogar ein Blinder mit Krückstock. Auch Herr und Frau Bering sind höchst irritiert. Um Schlimmeres zu verhindern, würde Katja eingreifen müssen, ob es Hauptkommissar Brixmeier nun passt oder nicht. Sie wartet auf den richtigen Moment.

„Ham Se mal ein Foto von Ihre Tochter?“, will Brixmeier nun wissen – die erste vernünftige Frage, die ihm über die Lippen kommt.

„Ich hole Ihnen eins“, sagt Frau Bering, springt auf und verlässt den Salon. Knapp eine Minute später ist sie wieder da und reicht dem Hauptkommissar das Bild. Er wirft nur einen kurzen Blick darauf und will es einstecken.

„Darf ich auch mal sehen?“, meldet sich Oberkommissarin von Sternberg.

Etwas widerwillig reicht Brixmeier das Foto an seine junge Kollegin weiter.

Die betrachtet das Bild eingehend. „Ein sehr hübsches Mädchen“, stellt Katja fest. „Hat sie einen Freund?“

„Das wüsste ich aber“, antwortet Herr Bering sichtlich aufgebracht. „Sehen Sie sich doch mal diese kaputten Typen an, die überall rumlungern. Saufen, kiffen, rumpöbeln – was anderes können die doch nicht. Wenn meine Tochter mit so einem hier ankommen würde ... Mit der Schrotflinte würde ich ihn vom Grundstück jagen. Und das weiß Alexandra auch.“

„Ham Se denn ’ne Schrotflinte?“, hakt Brixmeier ein.

„Ich habe sogar mehrere. Vorschriftsmäßig weggeschlossen in einem Waffenschrank, und einen Waffenschein besitze ich auch. Das können Sie gern überprüfen.“

Brixmeier winkt ab.

Katja hat den Eindruck, dass Frau Bering bei der Frage nach dem Freund etwas sagen wollte. „Aber es sind doch nicht alle Jungs so. Da gibt‘s doch bestimmt auch ein paar ordentliche Typen.“ Für diesen Eingriff in das Gespräch erntet die Oberkommissarin einen giftigen Seitenblick von Brixmeier.

„Das mag ja sein“, meint Herr Bering nachdenklich. „Aber leider scheinen gerade die gescheiterten Existenzen eine besondere Anziehungskraft auf Alexandra auszuüben. Und so was kann auf Dauer nicht gutgehen, wenn Sie mich fragen.“

„Verstehe. Könnten wir mal ihr Zimmer sehen?“ Katja ist drauf und dran, ihrem Vorgesetzten die weitere Befragung aus der Hand zu nehmen, was dem überhaupt nicht recht ist.

„Ja, natürlich. Bitte folgen Sie mir.“ Es ist wieder Frau Bering, die aufsteht und die Beamten ins Obergeschoss führt.

Brixmeier beeilt sich, um vor der für sein Gefühl übereifrigen Kollegin im Zimmer der Vermissten anzukommen. In der geöffneten Tür bleibt er jedoch stehen und lässt seinen Blick hilflos durch den Raum schweifen „Mädchenkram“, knurrt er leise. So leise, dass es niemand hören kann. Niemand außer Katja, die direkt hinter ihm steht und der er den Zugang zu Alexandras Zimmer mit seinem massigen Körper versperrt.

„Ach“, meldet sich Herr Bering, der den Beamten mit etwas Abstand gefolgt ist. „Da gibt es noch etwas im Garten, das Sie sich unbedingt ansehen sollten. Womöglich hat es etwas mit Alexandras Verschwinden zu tun.“

„Vielleicht sollten Sie ...?“, haucht Katja ihrem Chef ins Ohr. „Mit Mädchenkram kenne ich mich nämlich besser aus.“

Auch wenn er es wirklich sehr gern getan hätte, hier kann Brixmeier seiner Kollegin nicht widersprechen. Also wendet er sich widerstrebend dem Hausherrn zu. „Dann lassen Se mal sehen, wat Se im Charten entdeckt haben. Meine Kollejin wird sich inzwischen im Zimmer Ihrer Tochter umsehen.“

Den bin ich los, denkt Katja. Erleichtert atmet sie auf, als die beiden Männer die Treppe hinuntergehen. Sie betritt Alexandras Zimmer und schaut sich kurz um. Dann wendet sie sich an Alexandras Mutter, die in Gedanken versunken am Fenster steht.

„Frau Bering, als ich unten im Salon danach gefragt habe, ob Alexandra einen Freund hat, hatte ich den Eindruck, dass Sie etwas sagen wollten.“

„Sie haben eine gute Beobachtungsgabe.“

„Das bringt mein Beruf so mit sich. Also ... hat Ihre Tochter nun einen Freund?“

„Ich denke, ja.“

„Sie denken?“ Katja schaut Frau Bering fragend an.

„Ja, ich denke. Genau weiß ich es nicht. Alexandra sagt mir in letzter Zeit nämlich auch nicht mehr alles. Das war früher ganz anders. Und ihrem Vater sagt sie erst recht nichts. Sie haben ja gehört, wie er zu dem Thema steht.“

„Dass ein Vater seine Tochter vor schlechter Gesellschaft schützen will, finde ich gar nicht so ungewöhnlich.“

„Ich auch nicht. Aber, Frau Kommissarin, in den Augen meines Mannes ist jeder Junge, gleichgültig, wer er ist und woher er kommt, schlechte Gesellschaft.“

„Verstehe.“ Katja nickt. „Sie hat aber sicherlich eine beste Freundin?“

„Yasmin, Yasmin Gärtner.“

„Wenn Sie mir jetzt noch verraten, wo Yasmin wohnt ...“

„Maybachstraße 37, hier in Höxter. Die beiden gehen in dieselbe Klasse“, gibt Frau Bering Auskunft. „Und wenn Sie mich fragen ...“

„Ja?“, fragt Katja neugierig.

„... ist Alexandra vielmehr bei Yasmin in schlechter Gesellschaft“, ergänzt Frau Bering. „Das sieht mein Mann zwar ähnlich ... aber er ist in dem Fall sehr tolerant.“

„Und wieso?“

„Herr Dr. Gärtner, Yasmins Vater, ist Anwalt – ein sehr erfolgreicher Anwalt und ein guter Kunde meines Mannes.“

Katja wirft einen Blick zum Fenster raus. Unmittelbar links neben dem Fenster ist eine Holzkonstruktion angebracht, an der sich üppiges Grün bis zur Dachrinne emporrankt und den märchenhaft-romantischen Charme des Hauses unterstreicht.

Stabil genug, um daran herunterzuklettern, denkt Katja.

Genau unterhalb von Alexandras Fenster stehen Herr Bering und Hauptkommissar Brixmeier. Sie schauen sich das Blumenbeet direkt an der Hauswand an, das – wie Katja von hier oben erkennen kann – völlig zertrampelt ist.

„Sagen Sie, Frau Bering, stand das Fenster an dem Morgen nach der Nacht, in der Ihre Tochter verschwunden ist, offen?“, fragt Katja, und sie glaubt, die Antwort schon zu kennen.

„Ja. Alexandra schläft allerdings meist bei offenem Fenster. Natürlich nur, wenn es draußen nicht zu kalt ist.“

Nachdenklich schaut sich Katja noch ein wenig im Zimmer um. Ihr Blick bleibt an dem Computer hängen, der auf Alexandras Schreibtisch steht. „Darf ich den Laptop Ihrer Tochter mitnehmen?“

„Wozu?“

„Vielleicht finden unsere Spezialisten irgendetwas, das uns weiterhilft. Eine E-Mail, eine Internet-Verbindung ...“

„Nehmen Sie mit, was Sie brauchen. Nur finden Sie bitte meine Tochter.“

„Wir werden unser Bestes tun, Frau Bering. Das verspreche ich Ihnen.“

Die beiden Frauen verlassen das Zimmer und gehen die Treppe hinunter. Die Haustür steht sperrangelweit offen und Katja hört sofort Brixmeiers dröhnende Stimme. Was gesprochen wird, kann sie jedoch nicht verstehen.

Die Oberkommissarin verabschiedet sich von Frau Bering und gesellt sich einige Sekunden später zu ihrem Vorgesetzten, der anscheinend schon auf sie gewartet hat.

„Können wir endlich?“, fragt er brummig.

„Von mir aus, ja“, antwortet Katja.

„Wie jesacht, Herr Bering, wir melden uns, sobald wir wat wissen“, verspricht der Hauptkommissar. Dann verabschieden sich die beiden Polizeibeamten und machen sich auf den Weg zurück ins Präsidium.

Kaum hat Katja die Autotür zugeschlagen, spürt sie das frostige Klima, das von ihrem Vorgesetzten ausgeht. Er sagt zunächst jedoch nichts. Aber auf halben Weg zum Präsidium kann Brixmeier sich nicht mehr zurückhalten. Er bollert lautstark los: „Sach ma, Fräuleinchen, wat hat dich eijentlich jeritten, dat du dich unaufjefordert in meine Befragung einmischt?“

Das ist definitiv zuviel. Die Oberkommissarin torpediert ihren Vorgesetzten mit einem Blick, als wolle sie ihm im nächsten Moment die Augen auskratzen. Gleichzeitig packt sie die Handbremse mit beiden Händen und reißt sie fast aus der Mittelkonsole. Die heftige Verzögerung sowie das energische Quietschen an den Hinterrädern zeigen, dass die Bremsen des alten Ford Granada noch funktionieren wie am ersten Tag. Brixmeier wird von der plötzlichen Attacke derart überrascht, dass er nicht in der Lage ist, schnell genug die Kupplung zu treten. Der Motor wird abgewürgt und der Wagen bleibt mitten auf der vielbefahrenen Straße stehen. Den Fahrern der nachfolgenden Autos wird eine brutale Vollbremsung abverlangt, was diese unverzüglich mit einem entrüsteten Hupkonzert quittieren. Eine ältere Dame in einem BMW zeigt Hauptkommissar Brixmeier den Vogel, während sie langsam an dem Sechsundsiebziger Verkehrshindernis vorbeifährt. Der nächste nutzt den Stinkefinger, um seiner Verärgerung Luft zu machen.

„Biste jetz total meschugge jeworden, Mädchen?“, brüllt Brixmeier wie von Sinnen. „Willste uns umbringen?“

„Erstens: Ihre so genannte Befragung war ja wohl ein schlechter Witz. Jeder drittklassige Streifenpolizist hätte das besser hingekriegt“, hält eine wütende Katja ihrem Vorgesetzten vor. „Wenn Sie schon keinen Bock darauf haben, die kleine Bering zu suchen, ist das eine Sache. Aber wenn die Eltern der Vermissten bemerken sollten, dass Ihnen das Schicksal ihrer Tochter schlicht und ergreifend am Arsch vorbeigeht, ist das einfach nur eine ganz große SCHEISSE. Zweitens kann ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass wir beide schon per du sind. Drittens bin ich weder Ihr Mädchen noch Ihr Fräulein und schon gar nicht Ihr FRÄULEINCHEN. Wenn Sie mich noch einmal so ansprechen oder jemandem so vorstellen, sollten Sie vorher Ihre Knochen durchnummerieren, damit Sie wissen, wo was hingehört, wenn ich mit Ihnen fertig bin. Viertens bin ich heute eigentlich noch gar nicht im Dienst, und deshalb ist für mich hier und jetzt Feierabend, denn ich brauche fünftens ganz dringend frische Luft, damit MIR sechstens nicht der Kragen platzt. So, und jetzt können Sie ins Präsidium fahren und sich beim Dienststellenleiter über mich ausweinen.“

Ohne Rücksicht auf Verluste reißt Katja die Tür auf. Ein Taxi auf der Rechtsabbiegerspur kann gerade noch bremsen und so verhindern, dass Brixmeier ein Originalersatzteil für seine Beifahrertür benötigt. Der Taxifahrer bedankt sich laut hupend, was Katja veranlasst, ihrerseits den Stinkefinger zu zeigen. Mit schnellen Schritten überquert sie den Rest der Straße, um dann auf dem Bürgersteig ihren Weg fortzusetzen.

„Dumme Kuh“, brüllt ihr der Hauptkommissar noch hinterher, aber die Angesprochene ist bereits außer Hörweite.

Damit er weiterfahren kann, muss Brixmeier die Beifahrertür schließen, die sperrangelweit offen steht. Um jedoch an den Türgriff zu kommen, muss er sich abschnallen, was einen weiteren Wutanfall bei ihm auslöst.

Als er endlich seinen Weg fortsetzen kann, ist Brixmeier noch so von der Rolle, dass er seinen Granada ein weiteres Mal abwürgt. Wieder erntet er ein verächtliches Hupkonzert, und wieder muss er das ganze Alphabet jener Gebärdensprache über sich ergehen lassen, mit der genervte Autofahrer einem aus ihrer Sicht unfähigen Fahrzeuglenker mitteilen, was sie von seinen Fahrkünsten halten.

Schimpfend wie ein Rohrspatz kommt Brixmeier zehn Minuten später am Präsidium an. Er betritt polternd sein Büro, wie immer, wenn er schlechte Laune hat. Toni merkt sofort, dass mit seinem Chef etwas nicht stimmt, und er ist sich ziemlich sicher, dass es etwas mit Oberkommissarin Katja von Sternberg zu tun hat.

„Hallo, Erwin, wo hast du unsere neue Kollegin gelassen? Hat sie es schon nach dem ersten Einsatz nicht mehr mit dir ausgehalten?“, fragt Toni mit spöttischem Unterton.

„Hör bloß auf ...! So welche wie die sollten se mitm Kopp inne Jauchechrube stecken ... Und denjenigen, der se uns aufn Hals jehetzt hat, am besten chleich mit“, macht der Hauptkommissar seinem Ärger Luft.

„Was denn, so schlimm ...?“ Toni muss innerlich grinsen.

„Jemeinchefährlich is die, wie ’ne lebende Kalaschnikow. Für die brauchste ’n Waffenschein.“

Toni hatte gleich bemerkt, dass sein Chef einen Gegenstand in der Hand hält, der so gar nicht zu ihm passen will. Ein willkommener Vorwand, das Thema zu wechseln und so für ein wenig Entspannung zu sorgen.

„Wie ich sehe, hast du dir endlich einen eigenen Laptop zugelegt. Das wurde aber auch allerhöchste Zeit“, sagt er.

„Is nich meiner. Hat unser Oberkommissarin Zimtzicke im Wagen liejen lassen“, erwidert Brixmeier grantig.

„Ach, dann ist das ihrer. Hätte mich auch gewundert ...“

„Is auch nich ihrer. Chehört Alexandra Bering; dat ist die verschwundene Göre. Unser Fräulein Neunmalklug meint, wir könnten darauf möchlicherweise einen Hinweis finden, wo die Kleene abcheblieben is.“ Brixmeiers Stimme hat mittlerweile fast schon wieder eine normale Lautstärke erreicht.

„Keine schlechte Idee. Ich werd ihn mir gleich mal näher ansehen. Vielleicht finden wir wirklich etwas.“

Der Hauptkommissar mustert seinen jungen Kollegen mit einem langen Blick. „Chiebs zu Toni, dir jefällt se ...“

„Wer? Alexandra Bering ...?“ Toni guckt seinen Chef an, als ob der einen Lattenschuss hat.

„Neee, die Sternberch, du Hornochse!“ Und weil Toni nicht schnell genug antwortet, fährt Erwin Brixmeier mit einer abwinkenden Handbewegung fort: „Lass ma stecken ... ich kann mir dat schon lebhaft vorstellen. Lange Haare, dicke Titten, da rutscht euch jungen Schnöseln doch sofort der Verstand inne Hose.“

„Nun mach mal halblang, Erwin“, entgegnet Toni verärgert. „Ich gehöre nicht zu den Typen, die bei jeder Frau sofort Stielaugen kriegen, bloß weil sie lange Haare und ... außerdem ... so eine gewaltige Oberweite hat sie nun auch wieder nicht.“

„Soso, dat ist dir jedenfalls aufjefallen.“ Jetzt ist es Brixmeier, der von einem Ohr bis zum anderen grinst.

„Ach, vergiss es!“ Toni wendet sich dem Laptop zu.

„Wenn mich einer suchen sollte, ich bin da, wo der Kaiser zu Fuß hincheht“, verkündet Brixmeier. Dann verlässt er das Büro, und wieder fliegt die Tür krachend hinter ihm zu.

Katja macht zur gleichen Zeit einen Spaziergang an der Weser. Während sie beobachtet, wie das Wasser mit einer beachtlichen Geschwindigkeit an ihr vorbeifließt, lässt sie ihren ersten Einsatz mit Hauptkommissar Brixmeier Revue passieren. Sie weiß nur zu gut, dass sie extrem schnell explodiert, wenn man sie bis auf‘s Blut reizt. Aber hat sie eben im Auto vielleicht etwas zu heftig reagiert? Katja weiß es nicht. Andererseits sollte man frauenfeindlichen Typen wie Brixmeier sofort unmissverständlich klarmachen, dass es so nicht läuft.

Egal wie sie es betrachtet. Es ist nunmal passiert. Leid tut es ihr jedenfalls nicht. Und was morgen ist, wird sich finden. Der Dienststellenleiter wird ihr schon nicht gleich den Kopf abreißen – und Brixmeier ...?

Jetzt genießt Katja erst mal das schöne Frühlingswetter und für den Nachmittag hat sie sich einen Besuch in der Maybachstraße vorgenommen.

Lösegeld

„Schönen guten Morgen!“ Oberkommissarin von Sternberg ist am Tag ihres offiziellen Dienstantritts bei der Kriminalpolizei Höxter bestens gelaunt.

„Guten Morgen, Katja!“, erwidert Toni den Gruß.

Hauptkommissar Brixmeier scheint noch nicht da zu sein. Kein Wunder, Katja ist heute sehr früh dran. Sie wollte an ihrem ersten Tag auf gar keinen Fall zu spät kommen. Ihr fällt auf, dass ein Schreibtisch, auf dem sich gestern noch Aktenberge türmten, leer geräumt worden ist. Ein nicht mehr ganz neuer Schreibtischstuhl steht davor, ein Telefon darauf.

Mein neuer Arbeitsplatz, denkt sich die Oberkommissarin. Fehlt nur noch der PC.

Mit ausgeprägtem kriminalistischem Scharfsinn folgt Toni zunächst ihrem Blick und dann ihren Gedanken. „Der PC kommt heute Nachmittag“, sagt er. „Hier auf dem Land geht alles etwas langsamer als in der Großstadt.“

„Und die bösen Buben ...?“, fragt Katja.

„Was meinst du?“

„Laufen die bösen Buben hier auch etwas langsamer?“

Toni sagt nichts. Sein Grinsen hingegen sagt alles.

„Wusst‘ ich‘s doch“, gibt Katja lachend zurück. „So eine Postkartenidylle und dann auch noch fußkranke Kriminelle – wäre auch zu schön gewesen.“

Toni lacht nun nicht mehr. Er scheint Katjas Blick auszuweichen und schaut auf seinen Bildschirm – er wirkt plötzlich etwas seltsam.

Habe ich etwas Falsches gesagt?, fragt sich Katja. Ihr ist Tonis merkwürdige Reaktion nicht entgangen. Bevor sie ihn jedoch darauf ansprechen kann, klingelt dessen Telefon.

„Guten Morgen“, meldet er sich freundlich. Dann redet einen Moment lang der andere Gesprächsteilnehmer.

„Sie ist bereits hier. Ich werd‘s ausrichten“, sagt der Oberkommissar, dann legt er auf.

„Kriminalrat Lange wünscht dich zu sehen. Du sollst in sein Büro kommen“, teilt Toni seiner neuen Kollegin mit.

„Jetzt sofort?“

„Ja, jetzt sofort.“

„Und wo ...“

„Den Flur rechts runter bis ans Ende. Die letzte Tür auf der rechten Seite“, fällt Toni ihr ins Wort.

Mit den Worten „Na dann, bis gleich“ verschwindet Katja aus dem Büro.

Sie ist noch keine fünf Minuten weg, da reißt Brixmeier die Tür auf und kommt polternd reingestiefelt. „Moin, Toni“, dröhnt er in einer Lautstärke, dass es den Kollegen fast vom Schreibtischstuhl reißt.

„Guten Morgen, Erwin.“

„Wo is denn unser Fräulein Oberkommissarin?“, will der Hauptkommissar wissen. Mit dem Blick eines Aasgeiers, der die Beute schon vor Augen sieht, fügt er hinzu: „Die wird doch wohl nicht chleich am ersten Tach verpennt haben.“

„Die ist beim Chef“, antwortet Toni knapp.

„Schon klar, offizielle Bechrüßung, Käffken schlürfen und jede Menge dummes Zeuch quatschen.“ Es ist unverkennbar, dass Brixmeier nicht viel von derartigen Zeremonien hält. „Hasse dir die Kiste da mal näher anjeguckt?“, fragt der Hauptkommissar und deutet auf Alexandra Berings Laptop.

„Ja, habe ich. Auf den ersten Blick – nichts Auffälliges. Nur das Übliche: belanglose E-Mails, Schulkram und so‘n Zeug. Sie hat aber jede Menge Freunde bei Facebook und ist auch sonst viel im Netz unterwegs. Wird ’ne ganze Weile dauern, das auszuwerten.“

„Na dann, viel Spaß dabei.“ Brixmeier dreht sich um und verlässt das Büro, ohne zu sagen, wo er hin will.

Toni begibt sich wieder an seine Arbeit und fährt fort, die Internet-Kontakte von Alexandra Bering zu überprüfen.

„Was verschlägt Sie eigentlich in diese Provinz, Frau von Sternberg?“, fragt Kriminalrat Lange. Die beiden sind inzwischen beim zweiten Käffken angekommen. „Die meisten jungen Beamten zieht es doch eher in die Großstadt.“

„Persönliche Gründe“, erklärt die Oberkommissarin. „Mein Freund wohnt in Beverungen. Wir haben uns vor ein paar Jahren beim Karneval in Düsseldorf kennengelernt. Am Anfang haben wir eine Wochenendbeziehung geführt – ich kann Ihnen sagen, das kann ganz schön anstrengend werden. Dann habe ich mich zunächst nach Bielefeld versetzen lassen. Das war schon mal ein ganzes Stück näher. Und als ich erfahren habe, dass hier eine Stelle frei wird ... Außerdem liebe ich das Weserbergland. Es ist einfach wunderschön hier.“

„Aber nicht unbedingt der Ort, um eine steile Karriere zu machen“, wirft der Kriminalrat ein.

„Ich bin wirklich sehr gern bei der Polizei – es war ein Kindheitstraum von mir“, gesteht Katja. „Aber ich bin nicht der Karrieretyp. Ich brauche frische Luft, Freiheit und Abwechslung. Ich brauche die Arbeit im Außendienst. So ein Schreibtischjob, das wäre nichts für mich.“

„Kann ich gut verstehen. Ich erinnere mich gern an meine Zeit im Außendienst. War eine sehr schöne Zeit – wahrscheinlich die schönste in meiner ganzer Polizeilaufbahn.“ Gedankenversunken schaut der Dienststellenleiter zum Fenster hinaus und, ein leicht wehmütiger Ausdruck legt sich auf seine Gesichtszüge.

„Apropos Außendienst“, beendet Kriminalrat Lange seinen kurzen Ausflug in die Vergangenheit. „Wie war gestern Ihr Einsatz mit Hauptkommissar Brixmeier?“

„Ging so ...“, antwortet Katja.

„Ging so?“, wiederholt der Kriminalrat. „Ich habe gesehen, dass Brixmeier ohne Sie zurückgekommen ist. Und er sah ganz schön geladen aus – als ob es zwischen Ihnen beiden ordentlich geknirscht hätte.“

„Halb so wild. Wird sich alles finden. Spätestens, wenn wir geklärt haben, wer von uns beiden die Titanic ist – und wer der Eisberg.“ Katja kann sich ein verschmitztes Grinsen nicht mehr verkneifen.

„Das ist gut, Frau Oberkommissarin. Lassen Sie sich von Brixmeier nicht alles gefallen.“ Dann wird Lange ernst. „Aber denken Sie bitte auch immer daran, dass er Ihr direkter Vorgesetzter ist.“

„Ich werde es nicht vergessen“, verspricht Katja.

„Ach, und noch was, Frau von Sternberg.“

„Ja?“

„Erwin Brixmeier ist nicht nachtragend. Wenn mal richtig die Fetzen fliegen, hat er es spätestens am nächsten Tag wieder vergessen.“

„Gut zu wissen. Ich frage mich allerdings, wann bei ihm eine Frau das letzte Mal die Fetzen fliegen lassen hat.“

„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Dazu fehlen mir die Erfahrungswerte“, gibt Kriminalrat Lange lachend zu.

„Nun ja, ich denke, die werden wir bald haben. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wir raufen uns schon irgendwie zusammen. An mir soll‘s jedenfalls nicht liegen.“

„Sehr schön. Und nun, Frau Oberkommissarin, werde ich Sie den Kollegen vorstellen, die sie bisher noch nicht kennengelernt haben.“ Lange erhebt sich, und beide verlassen das Büro.

Am Ende des Rundgangs – während dem Katja den Eindruck gewinnt, dass hier ein überaus angenehmes Betriebsklima herrscht – landen sie schließlich in dem Büro, das Katja von heute an mit ihren Kollegen Allwisser und Brixmeier teilen wird.

„Guten Morgen, meine Herren“, begrüßt der Kriminalrat die Kommissare. Brixmeier, der auch wieder anwesend ist, guckt griesgrämig aus der Wäsche und erwidert den Gruß, indem er ein unverständliches Brummen von sich gibt.

„Ihre neue Kollegin muss ich Ihnen ja nicht mehr vorstellen“, beginnt Kriminalrat Lange das Gespräch. „Sie haben sie gestern bereits kennengelernt. Und Sie, mein lieber Brixmeier, hatten sogar das Vergnügen, gemeinsam mit ihr eine Befragung durchzuführen.“

„Jou, hat sich ja nich vermeiden lassen.“

„Na na, Herr Hauptkommissar, ganz so schlimm wird es wohl nicht gewesen sein.“

Brixmeier antwortet mit einem wenig aussagekräftigen Grunzen.

„Und wo wir gerade beim Thema sind“, fährt Lange fort. „Haben Sie etwas herausgefunden?“

„Nix Konkretes“, antwortet Brixmeier gelangweilt. „Eine siebzehnjährige Göre, die sich wohl chern mit zwielichtijen Jestalten rumtreibt, und ein Vadder, dem dat nich passt. Und ein plattjetrampeltes Blumenbeet im Charten – dat aber nix mit dem Verschwinden der Kleenen zu tun haben muss.“

„Und Sie, Frau von Sternberg, wie sehen Sie die Sache?“, will Kriminalrat Lange von Katja wissen.

„Fest steht, dass Alexandra Bering einen Freund hat, von dem weder die Mutter noch der Vater etwas wissen. Ich war gestern noch bei ihrer besten Freundin, einer gewissen Yasmin Gärtner. Sie hat dies bestätigt, will aber angeblich keine Ahnung haben, wer er ist und wie er heißt.

„Sie glauben ihr nicht?“, fragt Lange nach.

„Nein, die weiß einiges mehr, als sie zugibt. Vielleicht weiß sie sogar, wo Alexandra steckt. Sie gehört aber zu den Leuten, die der Polizei – gelinde gesagt – nicht unbedingt wohlwollend gegenüberstehen.“

„Verstehe.“

„Was Herrn Bering betrifft“, fährt Katja fort, „der hält jeden Jungen, der sich Alexandra nähert, für einen schlimmen Finger. Daher ist das Verhältnis zwischen Vater und Tochter nicht das beste. Die Ehe der Berings scheint mir auch nicht gerade glücklich zu sein – und ich bezweifele, dass sie es jemals war.“

„Wie kommen Sie darauf?“ will Kriminalrat Lange wissen.

„Die beiden passen einfach nicht zusammen.“

„Weiß doch jeder in Höxter, dat der Versicherungspinkel se nur wegen der Pinunse cheheiratet hat“, dröhnt Brixmeier dazwischen.

„Das ist allerdings wahr“, bekräftigt der Kriminalrat mit leichtem Kopfnicken. „Und welche Schlüsse ziehen Sie daraus, Frau von Sternberg?“

„Ich sehe das so“, folgert Katja. „Alexandra will mit ihrem Freund Urlaub machen. Da sie weiß, dass ihr Vater das niemals zulassen würde, muss es eben anders gehen. Sie und ihr Freund planen das gemeinsam. Vielleicht ist Yasmin Gärtner auch irgendwie beteiligt. Alexandras Freund wartet zum vereinbarten Zeitpunkt im Garten der Berings. Sie klettert aus dem Fenster und beide verschwinden. Das würde auch die Spuren im Garten erklären.“

„Sie denken also, dass Alexandra Bering mit ihrem Freund durchgebrannt ist?“, hakt der Kriminalrat nach.

„Ganz genau!“

„Liegt ihr Zimmer denn im Erdgeschoß?“, fragt Lange.

„Nein, es befindet sich im Obergeschoß“, klärt Katja ihn auf. „Aber unmittelbar neben ihrem Fenster gibt es eine Holzkonstruktion für Kletterpflanzen. Ein Erwachsener kann ohne Weiteres daran hoch- und auch runterklettern – es sei denn, er wiegt deutlich mehr als zwei Zentner.“

Dass ihr Blick ausgerechnet in diesem Moment in Richtung Brixmeier wandert, ist ihr nicht wirklich bewusst.

„Und Sie meinen tatsächlich, die kleene Bering hat auf diesem Weg die Biege jemacht?“ Der Hauptkommissar scheint mit Katjas Darstellung nicht einverstanden zu sein. Womöglich zieht er die Nummer aber auch nur deshalb durch, weil er nicht zugeben will, dass sie mit ihrer Vermutung recht haben könnte.

„Sie haben doch Ihr Foto gesehen. Auf mich macht sie einen sportlichen Eindruck. Ich bin mir sicher, dass es für sie kein Problem war, da runterzukommen.“ Um ihre Annahme zu stützen, geht Katja zu Brixmeier und legt ihm das Foto, das sie gestern eingesteckt hat, auf den Schreibtisch.

Der Hauptkommissar schaut es sich ziemlich lange an. Dabei wirkt er irgendwie abwesend – so, als würde er über etwas ganz anderes nachdenken. „Vielleicht isse ja entführt worden“, rückt er dann mit der Sprache raus.

Katja traut ihren Ohren nicht. Auch der Kriminalrat und Toni schauen Brixmeier verständnislos an.

„Entführt?“ Die Oberkommissarin ist die Erste, die ihre Sprache wiederfindet. „Sie meinen also, der Entführer ist da hochgeklettert, hat sie aus dem Bett gezerrt, sie dann Huckepack genommen und ist zusammen mit ihr wieder runtergeklettert? Eine gewagte Theorie, Herr Kollege.“

„Hat man euch inne Polizeischule nich beijebracht, dass ein chuter Kriminalbeamter in alle Richtungen ermitteln muss?“, giftet Brixmeier mit hochrotem Kopf zurück.

„Schon, aber ich halte mich zunächst an die naheliegende Version. Und eine Entführung ist doch ein bisschen weit hergeholt“, kontert Katja.

„Sie hat man ja bedauerlicherweise auch von weit herjeholt ...“, brüllt Brixmeier seine Mitarbeiterin an.

„Bleiben Sie bitte sachlich“, fährt Kriminalrat Lange genervt dazwischen. „Sie beide. Hat Alexandra Bering ein Handy?“

Uups! Katja fühlt sich peinlich berührt. Sie hat tatsächlich vergessen, Frau Bering nach der Handynummer ihrer Tochter zu fragen – ein schwerer Fehler. Ein Blick rüber zu Brixmeier verrät ihr, dass er diese nicht ganz unwichtige Kleinigkeit wohl auch übersehen hatte.

„Ja, sie hat ein Handy, und ich habe hier ihre Nummer.“ Es ist Toni Allwisser, der dafür sorgt, dass das zerstrittene Ermittlerduo jetzt nicht ganz alt aussieht.

„Das ist gut. Dann können wir gegebenenfalls versuchen, das Handy zu orten“, meint Kriminalrat Lange.

„Sollten wir nicht erst einmal versuchen, sie anzurufen?“, schlägt Katja vor.

„Dat werden ihre Eltern schon hundertmal versucht haben“, gibt Brixmeier zu bedenken.

„Dann versuchen wir es eben zum hunderteinsten Mal.“ Toni greift zum Hörer und wählt Alexandras Nummer.

Gespannte Stille.

„Mailbox“, sagt Toni leise. „Schönen guten Tag, Frau Bering. Hier ist Oberkommissar Allwisser von der Kriminalpolizei Höxter. Wenn Sie diese Nachricht abhören, rufen Sie mich bitte sofort zurück. Es ist sehr dringend. Meine Telefonnummer ist ...“ Nun spricht Toni seine Durchwahl langsam und deutlich auf die Mailbox und legt schließlich mit den Worten „Wäre auch zu schön gewesen“ auf.

„Herr Hauptkommissar, kann ich Sie mal einen Moment unter vier Augen sprechen?“, fordert Kriminalrat Lange Brixmeier auf. „Wir gehen in mein Büro.“ Langes Stimme kommt dabei nicht besonders freundlich rüber.

„Au weia, das klingt nach Einlauf“, meint Toni besorgt, nachdem die beiden das Büro verlassen haben.

Es dauert eine Viertelstunde, bis Erwin Brixmeier geräuschvoll wieder das Büro betritt. Ohne ein Wort zu sagen, geht er zu seinem Schreibtisch und lässt sich mit einem leisen Seufzer auf den bemitleidenswerten Stuhl fallen. Seinem verkniffenen Gesicht nach zu urteilen, lag Toni mit seiner Theorie gar nicht so falsch.

Ein betretenes Schweigen lässt jedes andere Geräusch im Büro doppelt so laut erscheinen. Keiner der beiden Oberkommissare will die Dynamitstangen, die dem Hauptkommissar offenkundig quer im Hals stecken, zur Explosion bringen. Toni ist eifrig damit beschäftigt, Alexandra Berings Internetkontakte weiter auszuwerten. Und Katja schaut in Ermangelung anderer Aufgaben zum Fenster raus, bis das Schrillen von Brixmeiers Telefon die quälende Stille zerreißt.

Der Hauptkommissar greift zum Hörer. „Kriminalpolizei Höxter, Brixmeier“, grunzt er missmutig hinein. Doch während er dem Teilnehmer am anderen Ende der Leitung zuhört, hellen sich seine Gesichtszüge zusehends auf.

„Wir sind schon unterwechs!“, beendet er das Gespräch, und ein siegessicheres Grinsen legt sich auf sein Gesicht. „Na, wer sacht‘s denn. Auf meinen ollen Bullenriechkolben kann ich mich immer noch verlassen“, verkündet Brixmeier so laut, als wolle er das ganze Präsidium aus dem Tiefschlaf reißen. An Katja gerichtet, fährt er triumphierend fort: „Von wegen, die kleene Bering macht einen kuschelijen Urlaub mit ihrem Freund. Da ham Se janz schön inne Kacke jechriffen, Frau Kollejin. Abba machen Se sich nix draus, is eben noch keen Meister vom Himmel jefalln.“

Katja schaut ihren Vorgesetzten verständnislos an.

„Wir ham ’ne Lösecheldforderung“, klärt er sie auf. Dann erhebt er sich und geht zur Tür. „Wenn Madam jetz noch ihren schönen Hintern erheben würden – wir ham zu tun. Und du“, wendet sich Brixmeier an Toni, „sieh zu, dass ich ’ne vollständije Liste ihrer Kontakte aufm Schreibtisch habe, wenn ich wiederkomme.“

Katja steht auf und folgt dem Hauptkommissar. Sie ist stinksauer, entscheidet sich aber dafür, erst mal in Erfahrung zu bringen, was genau passiert ist. Als sie das Büro verlässt, schickt Toni ihr ein aufmunterndes „Hals- und Beinbruch“ hinterher.

Während der Fahrt zu den Berings redet keiner ein Wort. Brixmeier demonstriert mit jeder Miene und jeder Bewegung seine haushohe Überlegenheit. Katja erträgt es mit Fassung, auch wenn es ihr schwer fällt.

Wieder ist es der Herr des Hauses höchstpersönlich, der die Beamten in Empfang nimmt. Brixmeier hält sich nicht mit einer ausschweifenden Begrüßung auf. Er kommt direkt zur Sache: „Nun lassen Se mal seh‘n, wat Se da bekommen haben.“

Herr Bering führt die beiden Kriminalbeamten in den Salon, wo bereits Frau Bering wartet. Dann zeigt er auf ein DIN-A4-Blatt, das auf dem Tisch liegt. Die beiden Kommissare schauen sich das Schriftstück an, ohne es jedoch zu berühren. Worte, Wortfragmente, Buchstaben und Zahlen sind offensichtlich aus einer Zeitung ausgeschnitten und dann zu einem etwas seltsam anmutenden Erpresserbrief zusammengefügt worden.

50000 € Wen sie IRhe TocHtA leBenD wiDaseHn wOlLen.wiR mÄlDEN uns BeI inNen. kEine pOliZeI.

„Deutsche Sprach – schwere Sprach“, rutscht es Katja heraus. „Eins steht auf jeden Fall fest: Der Verfasser hat eine ausgeprägte Rechtschreibschwäche.“

Brixmeier streift sich nun Handschuhe über. Er verstaut den Erpresserbrief vorsichtig in einer Plastiktüte.

„Wer von Ihnen beiden hat den Brief anjefasst?“, will er dann wissen.

„Wir beide“, antwortet Frau Bering leise.

„Dann müssen wir Sie beide bitten, mit ins Präsidium zu kommen“, erklärt Hauptkommissar Brixmeier, „wir brauchen Ihre Fingerabdrücke.“

„Was soll das denn? Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass ...“, fährt Herr Bering den Hauptkommissar an.

„Nein, chlauben wir nich“, erwidert Brixmeier gelassen. „Aber nur so können wir mit Bestimmtheit feststellen, ob außer Ihre Fingerabdrücke noch andere auf dem Brief sind – möchlicherweise die von dem Entführer. Sang Se, wann und wo ham Se den Brief jefunden?“

„Er lag zusammen mit der anderen Post im Briefkasten. Ich habe ihn vor ungefähr einer halben Stunde geleert“, erklärt Herr Bering.

„Der is abba sicher nich mitte Post jekommen“, stellt Brixmeier fest. „Wir brauchen die Spusi. Erledigen Sie das, Frau von Sternberch? Und Toni soll auch mitkommen.“

„Mach ich“, antwortet Katja und greift zum Handy.

„Wahrscheinlich hat der Entführer Ihnen den Brief heute Nacht innen Briefkasten jesteckt. Ham Se wat chehört oder chesehn? Unjewöhnliche Geräusche? Ein Fahrzeuch, dat hier nich hinchehört? Eine Person, die sich irjendwie auffällich benommen hat?“, fragt der Haupt­kommissar.

„Ich habe fest geschlafen. Mir ist nichts aufgefallen“, antwortet Herr Bering.

„Mir auch nicht“, ergänzt Frau Bering. Nachdenklich fügt sie dann hinzu: „Das heißt ...“

„Wat?“ Brixmeier wird hellhörig.

„Nun ja ... Es hat wahrscheinlich nichts mit dem Brief zu tun, aber ...“, Frau Bering zögert einen Moment, „ich habe vorhin Alexandras Handy klingeln gehört.“

„Wann? Wo?“

„Kurz bevor wir Sie angerufen haben. Das Klingeln kam aus ihrem Zimmer. Ich wollte sofort nachsehen, aber als ich die Tür geöffnet habe, war es wieder still.“

„Wer weiß, was du da gehört hast“, mischt sich ihr Mann mit herablassender Stimme ein.

„Ich bin mir ganz sicher, es war ihr Handy.“

„Dann schaun wir doch einfach mal nach.“ Noch bevor der Hauptkommissar es zu Ende ausgesprochen hat, stürmt Frau Bering die Treppe hinauf in Alexandras Zimmer. Ihr Mann und die beiden Beamten folgen ihr.

Hauptkommissar Brixmeier kramt sein Handy raus und fragt Frau Bering nach der Mobilnummer ihrer Tochter. Frau Bering diktiert und der Hauptkommissar wählt. Es folgen einige Sekunden gespannten Wartes. Schließlich klingelt ein Handy. Das Geräusch kommt aus der unteren Schublade von Alexandras Schreibtisch, doch die ist verschlossen.

„Dat ham wir chleich“, sagt Hauptkommissar Brixmeier und packt die Schublade mit seinen Schwerarbeiterpranken.

„Sie wollen sie doch wohl nicht mit aufbrechen?“, wirft Katja ein.

„Ham Se ’ne bessere Idee?“, grunzt Brixmeier.

„Ja, habe ich tatsächlich. Lassen Sie mich mal ran.“

„Na, dann zeigen Se mal, wat Se draufhaben.“ Brixmeier tritt widerstrebend zur Seite.

Oberkommissarin von Sternberg holt ein kleines Etui aus der Tasche und macht sich mit filigranen Spezialwerkzeugen am Schloss zu schaffen. Einen Augenblick später öffnet sie die Schublade – ohne sie zu zertrümmern. Sie holt ein Handy heraus und zeigt es Frau Bering.

„Ist das Alexandras Handy?“, erkundigt sie sich.

„Ja“, schluchzt die Angesprochene erschüttert. Als sie fortfährt, fließen bereits Tränen. „Es muss etwas Schlimmes passiert sein. Alexandra würde niemals ohne ihr Handy das Haus verlassen.“

„Das muss gar nichts heißen“, versucht Katja die besorgte Mutter zu beruhigen. „Wir nehmen es erst mal mit und schauen, ob darauf irgendwelche Hinweise zu finden sind.“ Die Oberkommissarin wundert sich über das Verhalten von Herrn Bering. Während seine Frau von ihrem Kummer geradezu überwältigt wird, steht er ungerührt daneben und beobachtet die Szene wie jemand, den das alles nichts angeht.

In diesem Moment ertönt der majestätische Ton des Gongs. Er überschwemmt die Jugendstilvilla wie eine mächtige Tsunamiwelle. Toni ist mit der Spurensicherung eingetroffen, und Brixmeier eilt gemeinsam mit dem Hausherrn die Treppe hinunter, um seine Kollegen in Empfang zu nehmen.

„Toni, du und Frau Sternberch – ihr hört euch mal inne Nachbarschaft um. Vielleicht hat irjendeiner letzte Nacht wat Unjewöhnliches bemerkt. Ich kümmere mich inzwischen darum, dass dat Telefon abchehört wird“, kommandiert er.

„Ich diese und du die gegenüberliegende Straßenseite?“, schlägt Toni vor.

„Einverstanden“, antwortet Katja süßsauer lächelnd, dann gehen beide eine Runde Klinken putzen. Brixmeier redet noch kurz mit den Leuten von der Spurensicherung, dann setzt er sich in sein Auto und rauscht von dannen.

Katja ist knapp zwei Stunden auf ihrer Straßenseite unterwegs. Fast überall trifft sie jemanden an, was sie für diese Uhrzeit schon sehr erstaunlich findet. Dennoch ist die Ausbeute nicht gerade erquickend. Jeder erzählt ihr, wie schrecklich er es findet, dass in einer beschaulichen Kleinstadt wie Höxter derart abscheuliche Verbrechen wie eine Entführung verübt werden. Jeder beklagt sich darüber, dass man sich in seinen eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlen kann, aber gesehen oder gehört hat keiner etwas. Keiner – mit Ausnahme von Frau Brunhild Kiesewetter. Sie ist die einzige, die Katjas Anstrengungen nicht völlig nutzlos erscheinen lassen.

Auf dem Rückweg zum Haus der Berings denkt Katja über den Fall nach. Gleichgültig, wie sie es auch dreht und wendet, an eine Entführung kann sie nicht glauben. Es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten.

Am Straßenrand vor Berings Haus lehnt Toni lässig wie ein Geheimagent ihrer Majestät an seinem Dienstwagen und wartet auf Katja. Er ist mit seiner Straßenseite offensichtlich schneller fertig geworden. Von der Spurensicherung ist auch keiner mehr da.

„Jetzt musst du mit mir als Chauffeur vorlieb nehmen“, empfängt er seine Kollegin freudig lächelnd.

„Ich denke, es gibt Schlimmeres“, antwortet Katja, öffnet die Tür und nimmt schwungvoll auf dem Beifahrersitz Platz.

Toni steigt ebenfalls ein und startet den Motor.

„Zum König-Wilhelm-Gymnasium bitte, James“, ordnet Katja mit huldvoller Stimme an.

Toni hält einen Moment verwirrt inne. Dann zieht sich ein Grinsen über sein Gesicht. „Wie Ihr wünscht, Euer Majestät“, antwortet er untertänigst und fährt los.

„Sag mal, Toni, wieso bist du eigentlich nicht Brixmeiers Partner geworden?“, fragt Katja schon nach wenigen Metern.

„Ganz einfach – ich bin nicht außendiensttauglich.“

„Wie bitte! Jetzt willst du mich aber veräppeln, oder?“