Der Henker - Carl von Holtei - E-Book

Der Henker E-Book

Carl von Holtei

0,0
0,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Um einen Menschen aufzuhängen, braucht man viererlei Dinge. Erstens – worüber schon die alten Nürnberger im klaren gewesen sind – den Menschen selbst; zweitens einen Galgen oder etwas dem Entsprechendes; drittens einen Strick; viertens einen Henker. An letzterem, behauptet Dumas der Vater mit der ihm eigenen Zuversicht irgendwo, sei niemals Mangel. Diesem Axiom sehe ich mich zu widersprechen genötigt. Weltliteratur eines Ausnahmekünstlers erleben! Zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur gehören dieses Werk mit anhaltendem und vielfältigem Einfluss auf die Literaturgeschichte – bis heute. Spannend und vielschichtig, tiefgründig und unterhaltend, informativ und faszinierend ist dieses Machwerk dieses Ausnahme-Schriftstellers.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 46

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Karl von Holtei

Der Henker

1

Um einen Menschen aufzuhängen, braucht man viererlei Dinge. Erstens – worüber schon die alten Nürnberger im klaren gewesen sind – den Menschen selbst; zweitens einen Galgen oder etwas dem Entsprechendes; drittens einen Strick; viertens einen Henker. An letzterem, behauptet Dumas der Vater mit der ihm eigenen Zuversicht irgendwo, sei niemals Mangel.

Diesem Axiom sehe ich mich zu widersprechen genötigt, und mein Widerspruch gründet sich zum Teil auf die kurze Erzählung, welche hier folgen soll. Ich muß den geneigten Leser im voraus um Entschuldigung bitten für einen scheinbar frivolen und leichtfertigen Ton, der sich in der kleinen Geschichte hier und da kundgeben möchte. Er entspringt keineswegs aus verhärtetem Gemüte und will durchaus nicht etwa so frech sein, blödsinnigen Scherz zu treiben mit dem Furchtbarsten und Schauerlichsten, was unserer geselligen Zustände eherne Notwendigkeit gebietet, mit der Todesstrafe.

Im Gegenteil, er will unter leichtem Gewande düstern Ernst verbergen, er will versuchen, manchen Gedankenlosen, der zu bequem oder zu zerstreut wäre, selbst darüber nachzusinnen, auf die gräßlichen Gegensätze hinzuweisen, die das selbstsüchtige Leben bildet neben einem drohenden Tode durch Hinrichtung. Die Begebenheit ist wahr. Nur an den Mängeln der Darstellung und an der Ungeschicklichkeit des Verfassers könnte es liegen, wenn sie poetisch unwahr erschiene.

Die Stadt Grundau befand sich in fieberhafter Aufregung. Eines bemittelten Bürgers Tochter, ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren, war verschwunden, ohne irgendeinen wahrscheinlichen Grund ihrer Entfernung, ohne Spur von Wahrscheinlichkeit, sie wieder ausfindig zu machen. Nach acht Uhr des Abends hatte sie ihrer Mutter gute Nacht gesagt und sich unter dem Vorwande heftiger Kopfschmerzen in ihr Schlafzimmer begeben, welches wie sämtliche Gemächer der ländlichen Sommerwohnung zu ebener Erde gelegen war und dessen Fenster nach der hinteren Seite des kleinen Gartens hinausging. Um zehn Uhr war der Vater aus der Stadt gekommen und hatte, bevor er sich schlafen legte, noch einen Blick in Hannchens Stübchen werfen wollen, wie er gewöhnlich zu tun pflegte, weil das Mädchen seinem Verbote zuwider gern im Bette las und er immer befürchtete, sie könne einmal einschlafen, ehe die Kerze gelöscht sei, und dadurch ein Unglück herbeiführen.

Nachdem er sich überzeugt, daß nichts zu besorgen sei und sich schon zurückziehen wollte, entdeckte er, aufmerksam gemacht durch den ins Fenster flimmernden Sternenschein, die offenstehenden äußern Jalousien und fand, näher hinzutretend, auch die inneren Glasflügel nur angelehnt. Er schalt über diese Nachlässigkeit so laut, daß die Mutter es vernahm und mit der Nachtlampe in der Hand hereintrat. Da sahen sie denn ihrer Tochter Bett unberührt – sie selbst war weder im Hause noch im Garten zu finden. Die ganze Nachbarschaft wurde alarmiert. Niemand hatte das Mädchen gesehen. Hannchen war verschwunden.

Mit schwerem Herzen nur entschloß sich der tiefbekümmerte Vater am nächsten Morgen, die Hilfe der Sicherheitsbehörden in Anspruch zu nehmen und dort eine Anzeige niederzulegen, welche den guten Ruf seiner Tochter unwiederbringlich vernichten mußte. Die erste Frage, vom Beamten an ihn gerichtet, suchte natürlich zu erforschen, ob ihm bei seinem Eintritt ins Schlafzimmer nicht ein – noch so unbedeutender – Umstand aufgefallen sei, der sich mit was immer für einem vorhergegangenen Ereignis oder auch nur mit einer unwillkürlichen Äußerung des Mädchens in Verbindung bringen ließe, und wodurch man auf eine folgerichtige Vermutung geleitet werden könne, die weitere Schritte möglich mache.

Auf diese Frage erfolgte zunächst eine gänzlich unbefriedigende Antwort, wie Menschen sie geben, welche von einem unerwartet hereingebrochenen Unglücksfall betäubt und verwirrt sind. Erst nach und nach vermochte der in seinem reinsten Gefühle, in seiner menschlichsten Neigung verratene Vater sich einigermaßen zu sammeln und ging, von der ruhigen Haltung des erfahrenen Beamten gleichsam gestützt, alle Eindrücke des vergangenen Abends in der Erinnerung noch einmal durch. Da besann er sich endlich, daß bei seinem Eintritt in das dunkle Schlafgemach ein fremdartiger Wohlgeruch, wie von parfümierten Haaren herrührend, ihn unangenehm befallen, auch daß er sich vergeblich zu erinnern bemüht habe, wo und an wem er solchen ihm besonders widerlichen Modeduft schon sonst bemerkte; daß er jedoch in diesen Bemühungen unterbrochen worden sei durch die furchtbare Entdeckung, die gleich darauf erfolgte, und daß er auch heute noch nicht anzugeben vermöge, ob wirklich ein ihm Bekannter ähnliches Haaröl benütze oder ob er von seiner Einbildung getäuscht werde. Außerdem wußte der unglückliche Mann keinen Menschen zu nennen, gegen welchen er nur im entferntesten einigen Argwohn wegen Teilnahme an Hannchens Flucht oder wegen Entführung des Mädchens zu hegen berechtigt sei; und somit blieb der Behörde nichts übrig, als ihm ihrerseits die tätigsten und umfassendsten Nachforschungen zu versprechen und ihm einstweilen Geduld anzuempfehlen.

Unter umsichtig getroffenen, dennoch fruchtlosen Maßregeln war der ganze Tag vergangen. Der Polizeicommissair, dem die Untersuchung dieser höchst rätselhaften Begebenheit übertragen worden, empfing noch spät in der Nacht sämtliche darauf Bezug habende Berichte, die übereinstimmend dahin lauteten, daß auch nicht die kleinste Spur der Verlorenen zu entdecken sei. Dann legte er sich, ermüdet von seinen eigenen Anstrengungen und vielen vergeblichen Irrwegen, die er in seinem Diensteifer den Tag über gemacht, zur ersehnten Ruhe nieder. Eine Stunde nach Mitternacht wurde er unsanft aus dem ersten Schlafe geweckt. Hannchens Vater stand vor seinem Lager.

»Ich hab' ihn, den Verführer, den Räuber meiner Tochter. Treffen Sie eiligst Anstalten, ihn gefangenzunehmen; er muß gestehen, wo er sie verborgen hält!«

Der Commissair wischte sich den schweren Schlaf aus den Augen und ermunterte sich mit sichtbarer Freude. Eiligst sprang er empor, sich anzukleiden, und forderte jenen auf, unterdessen in seinen Mitteilungen fortzufahren.

»Seitdem ich Sie verließ, Herr Commissair, hab' ich keine Minute zugebracht, ohne darüber nachzusinnen, welcher