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Herbsthimmel , 8 Erzählungen beschreiben Erfahrungen aus dem Alltag und geben Einblick in die Seelenkostüme verschiedener Menschen. Vom Leben und der Liebe, von Raum und Zeit, vom Aussergewöhnlichen des Alltäglichen ist die Rede .
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2021
Der Herbsthimmel
In jede Seele sich das Leben niederschreibt, für niemanden lesbar und doch verewigt.
8 Erzählungen von saemulanz
Schön, wenn einem Dinge in den Sinn kommen, die ein Genie schon gedacht hat, sinniert der Papagei. saemulanz
Alle Rechte vorbehalten
© saemulanz
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-347-29060-0 (Paperback)
978-3-347-29061-7 (Hardcover)
978-3-347-29062-4 (e-Book)
Inhaltsverzeichnis:
Anklopfen am Tor des Jenseits
Dans le train literaire
Am Ende der Welt
Der schwarze Spiegel
Wendeplatz
Vergangen und doch nicht vorbei
Hans, eine Liebesgeschichte in 2 Akten
Die Schulglocke
Fräulein Leuenberger
Anklopfen am Tor des Jenseits
Tom blickte in den Garten, als ihn die Stimme vom Alten am Telefon aus dem Spiel mit den Enkeln holte. – Stille. Das Lachen und Plaudern der Kinder nahm seinen Lauf. - Er sass an seinem Tisch im Atelier, schwieg. Die Kinder merkten, dass sie ihn jetzt allein lassen sollten, und verliessen den Raum. Herbstgewölk türmte sich über den Sieben Hengsten, einem Gebirgszug, auf. Grauweisse Körper mit üppigen Windungen berührten die schroffen Bergkanten der Alpengipfel. Ab und an fand ein Sonnenstrahl eine Lücke in der dichten Wolkendecke. – «Rita wird sterben,» sagte ihm die leise, aber bestimmte Stimme des Alten. – «Krebs. Eine Entzündung im Fuss hat den Krebs an der Bauchspeicheldrüse, die Schicksalsdiagnose ans Licht gebracht.» – Das Blätterwerk der grossen Akazie in der östlichen Gartenecke hatte sich verfärbt, braune Hüllen der Fruchtstände hingen zwischen den welkenden gräulichen Blättern, um ihnen über den Winter Gesellschaft zu leisten. Die kahlen abgestorbenen Äste reckten in den Herbsthimmel. Krähen, Elstern und manchmal ein Rotmilan besuchten sie und hielten ein. Im Garten orangefarbene Kürbisse, letzte tiefrote Himbeeren, einzelne gelbe Blüten der letzten Zucchetti, das erste Wintergemüse, Lauch und Kohl, wartete darauf, geerntet zu werden. Dazwischen noch blühende Frauenherzen. Es war kühl und doch zu warm für diese Jahreszeit. – «Und plötzlich ist alles ganz anders. Wir sind tapfer!», erfuhr er von des Alten weinerlicher Stimme. Humor habe aber in ihrem Alltag noch Platz. Das Lachen sei Medizin für die Seele.
Tom dachte an Rita. An die scheinbar unscheinbare bescheidene Frau an des Alten Seite, an die gute Seele, das kraftvolle, zuverlässige Fundament der Gemeinschaft auf dem Hof. Überall liessen sich ihre Spuren entdecken. Klare, bestimmte Zeichen einer wunderbaren Frau. Es gab wenig Menschen, die so vielsagend schwiegen. Sie zählte dazu, die feine, aber kräftige Zuhörerin in der tiefgrünen seidenen Bluse, den schwarzen Jeans, die still am Tisch sass, im Atelier zwischen den Keramikobjekten auftauchte oder am Brunnen vor dem Haus Getränke kühl stellte und lachte. Sie war Mutter, Ehefrau, Freundin, Töpferin, Bäuerin, Köchin, Gärtnerin, Partnerin, viel mehr, dachte er, während er dem Alten weiter zuhörte und nach Worten suchte, um ihn zu trösten. Sie wird fehlen. «Gläubig ist sie nicht», sagte der Alte. «Sie findet in ihrer Lage Halt in den fernöstlichen Philosophien. – Im Leben.» Tom wusste, sie war tapfer. Sie akzeptierte ihre Situation. Sie blickte ihr realistisch entgegen. Mit beiden Beinen stand sie auf dem Boden und tröstete ihr Umfeld mit ihrer Stärke. Einmal mehr gab ihm Rita Anlass zur Bewunderung mit ihrer zurückhaltenden, aber manifesten Haltung beim Anklopfen am Tor des Jenseits.
Dans le train literaire
Am 14. Januar dreizehn Uhr null vier verlässt der Zug den Berner Hauptbahnhof Richtung Freiburg, Romont, Lausanne, Genf. Aline hat die Reise organisiert. In Genf überschreiten sie die Grenze und begeben sich auf den Bahnsteig des Regionalzugs, der sie nach Lyon bringen wird. Nach dem Studium der Tageszeitung – Tom erinnert sich kaum mehr an eine Nachricht – wendet er sich dem Autoren Antonio Tabucchi zu: «Tristano stirbt». Zwischen Morphiumträumen, Gesprächen mit dem Freund, dem Schriftsteller und Erinnerungen hin- und hergerissen stirbt der Protagonist vor sich hin. Es ist, als zersetze sich sein Geist, sein Körper ähnlich dem gescheiterten Widerstand gegen die Herrschenden, die Kapitulation der Anarchisten trotz des Sieges gegen die Faschisten, zerfressen von den Würmern des Kapitalismus, durchsetzt mit Liebesgeschichten getragen von der Lust, der sich begehrenden Körper der Liebenden reihen sich Satz an Satz. Eine Reise durch die Verstecke der Partisanen Italiens, Spaniens, Griechenlands. Am Schluss hoffnungslos auf dem Totenbett dahinsiechend, erstickend am Gestank des Wundbrandes des rechten Beins. Er will es sich nicht amputieren lassen. Die Landschaft taucht in die Abenddämmerung, in den Abendnebel, entschwindet dem Blick hinter dem weissen Vorhang der Ungewissheit. Bellegarde ist der letzte Halt vor der Reise auf sicheren Schienen entlang des mäandernden Flusses Richtung Lyon. Verschleierte Baukuben künden die Grossstadt an. Der Sterbende bäumt sich ein weiteres Mal auf, verlangt nach Wasser, um seinen Lebensdurst zu stillen, bevor er von den Buchdeckeln zum Schweigen gebracht wird und in der Aussentasche des Koffers verschwindet. Sie steigen um in den TGV nach Marseille. Der Bahnhof kann die Reisenden kaum verdauen. Es ist Freitag kurz nach Feierabend. Der Bahnhof Lyon wird zur Windrose und verteilt mit seinen Zügen die Menschen nach Westen, Norden, Osten und Süden. Die letzte Etappe der Reise beginnt. Im Tunnel der Nacht rauschen sie mit Höchstgeschwindigkeit Richtung südlicher Küste. Man erwartet sie. Zwei Freunde weilen in Marseille, um sich von den Strapazen der letzten Filmprojekte zu erholen. Marseille – Tom liebt Marseille. Er war schon ein paar Mal hier. Tristano rebelliert. Er will, dass er sein Schicksal weiter mit ihm teile. Er befreit ihn aus dem Koffer. Aline schläft. Erneut taucht er ein in die Gleichzeitigkeit verschiedener Schauplätze, die Vergangenheit und Zukunft zur Gegenwart werden lassen und die Zwangsjacke des Unabwendbaren enger schnallen. Sinnliche Erinnerungen bleiben die einzigen Lichtblicke im hoffnungslosen Kampf gegen die unwiderrufliche Zersetzung des Körpers. Es ist beinahe unerträglich, nur ein paar Seiten noch, er lässt sich die Vorfreude auf ein Wochenende an der französischen Mittelmeerküste nicht verderben. Er will die ihn erwartenden sinnlichen Lichtblicke geniessen. Die Wärme der versprochenen Januarsonne, die Gaumenfreuden der Fischküche, den lieblichen Wein des französischen Südens. Der Zug verliert an Geschwindigkeit. Aline wacht auf, wähnt sich in Avignon. Der Lautsprecher auf dem Bahnhofsteig heisst sie in Marseille willkommen. Sie hat die Reise verschlafen, verschont von der Widerwärtigkeit des Widerstands, welche die Partisanen im Zweiten Weltkrieg erfuhren. Ob er auch geschlafen habe, fragt sie. Nein, antwortet er, der sterbende Tristano habe ihn beschäftigt. Der Buchrücken blinzelt ihr zu, bevor das Buch erneut in der Aussentasche des Koffers verschwindet. Der Zug leert sich. Sie stehen auf dem Gehsteig und strömen mit der Masse der Reisenden Richtung Bahnhofausgang. Ihre Freunde winken ihnen zu. Umarmungen, Willkommensgrüsse, das Beteuern gegenseitiger Freude des Wiedersehens. Bevor sie den Bahnhof verliessen, müssten sie sich den Blick von der Bahnhofterrasse auf die Stadt gönnen. Ein Lichtermeer unter dem von Sternen und zunehmendem Mond strahlenden Firmament der Nacht. Steile Rolltreppen bringen sie in den Hades der Stadt. An den Schauplatz der Marseille-Trilogie von Jean Claude Izzo. Mit der Métro fahren sie zum alten Hafen, wo sie das Hotelzimmer erwartet. 33, die Zimmernummer entspricht der Hausnummer am Zuhause in Bern. Sie sind zu Hause angekommen. Das Hotel «Belle-Vue» bietet ihnen Sicht auf die Notre-Dame de Marseille, der grossen Kathedrale auf einem der sieben Hügel der Hafenstadt. Aline ist ob der wunderbaren Aussicht begeistert. Kurz frischgemacht geht’s auf ins Italienerviertel und auf die Suche nach einem geeigneten Lokal für das Nachtmahl. Durch leblose Gässchen hindurch finden sie dank der Wegbeschreibung einer trunkenen Einheimischen, die in den Strümpfen in den Händen die ausgelatschten Schuhe durch die Gasse zieht, schliesslich das verheissungsvolle Lokal. Es ist kein Platz frei. Ob sie eine Viertelstunde warten möchten. Sie verkürzen sich die Zeit zwischen Buffet und Toilette stehend mit einer Flasche Rosé und beobachten das Treiben. Sie dürfen sich freuen. Eine charmante Bedienung, dampfende Platten voll Fisch, Fleisch und anderen Leckereien. Ein Vierertisch wird frei. Sie setzen sich, erhalten die Karte, bestellen vertrauensvoll, es werde schon recht sein, eine zweite Flasche Rosé, Pizza, Tintenfischsalat, mmh, ahh, ein Schluck Rosé, mmh, ahh, eine weitere Flasche Rosé, mmh, ahh, frisches Brot, knusprig mit dem typischen Geschmack, mmh, ahh, eine Flasche Rotwein zum Fleisch, butterzart mit würziger Kruste und blutrotem Innerem, schweigend schwärmen sie weiter betört vom sinnlichen Rausch der Gerichte mmh, ahh. Er weiss nicht, ob er das Lokal wiederfinden würde. Suchen würde er es immer wieder, auf jeden Fall. In der Stadt der Hügel ist die Orientierung sehr einfach: Immer, wenn man hinuntergeht, kommt man zum Meer. So finden sie denn auch problemlos ihr Hotel. In der Bar im ersten Stock herrscht Betrieb. Drei junge Musiker spielen Jazz, Funk und Pop- Standards, Tom und Aline geniessen die angenehme Stimmung und genehmigen sich ein paar Night Caps, bevor sie sich trunken verabschieden und für morgen zum Frühstück in der Absteige ihrer Freunde verabreden. Eine traumvolle Nacht. Am Quai des alten Hafens herrscht Betrieb. Es ist kurz nach neun. Blumenhändler haben ihre Stände eingerichtet. Schnittblumen, Blumentöpfe, ein buntes Angebot. Sie beobachten das Treiben vom Hotelfenster aus und geniessen die über dem Hafen liegende Morgenstimmung. Es ist Januar, sie können es kaum glauben. Die zahlreichen Segelboote wiegen sich auf den Wellen der Morgenbrise, die Masten und Taue geben ihr Morgenkonzert – eine beschwingte, elegante Ouvertüre, die einen schönen Tag verspricht. Im Fernsehen erfahren sie von der Revolution in Tunesien. Das Volk freut sich und skandiert «Freiheit, Freiheit, Freiheit!». Sich zwischen den Dingen entscheiden zu können, bedeutet Freiheit. Frisch geduscht und frohen Mutes machen sie sich auf den Weg. An einem der Stände erstehen sie einen prachtvollen Rosenstrauss, zartrosa Blumen mit fein grün geäderten Blütenblatträndern. Ausgerüstet mit Geschenken – Aline hat das Fotoalbum für ihre Freunde mit Bildern des gemeinsamen Weihnachtsessens aktualisiert – warten sie auf den Bus, die Nummer 83, die sie zur Wohnung der Freunde bringt. Marta steht unweit von der Haltestelle auf dem Trottoir, in den Händen eine Schachtel mit Süssigkeiten und frische Brote für das Frühstück. Durch eine Eisentür gelangen sie über eine steile Treppe hinunter zum Meer. Eine prachtvolle Lage, ein wunderbares Nest für die beiden, denkt Aline. Paul empfängt sie im Trainer. Er hat das Frühstück vorbereitet. Sie lacht, er könne die Spuren der letzten Nacht nicht verstecken. Er habe wohl genug getrunken, bestätigt Paul und erinnert sich an den Wein. Nach einem ausgiebigen Morgenessen machen sie sich auf den geplanten Stadtrundgang. Sie verlassen die kleine Wohnung am Meer und besuchen das angrenzende Quartier mit weiteren kleinen Fischerhäusern, die hauptsächlich noch von Touristen genutzt werden. Das Mittelmeer zeigt sich in den schönsten Farben; türkisblau, Yves Klein blau, Wellen brechen sich, getrieben von der Morgenbrise, an den Steinen der Küste. Die vor der Bucht von Marseille liegenden Inseln erinnern an Walrücken. Zahlreiche Segelboote suchen den Weg hinaus auf das offene Meer. Sie fängt die fantastischen Stimmungen mit ihrer Leica ein. Es ist Januar, ein Samstagmorgen, kaum zu glauben. Er schwitzt im T-Shirt. Die Sonne wärmt sie wie im Frühling. Nach einem kurzen Spaziergang entlang des Strandes queren sie die Hauptstrasse, um den Hügel der Notre-Dame zu erklimmen. Vorbei an typischen Villen und Gärten mit Palmen, blühenden Rosen, durch einen Park mit Pinien und mediterranen Sträuchern erreichen sie die Plattform der Kathedrale, die ihnen die Sicht auf ganz Marseille freigibt. Sanfte blassblaue Berge begrenzen die Stadt, das Häusermeer zwischen Bucht und Hinterland. Hochseeschiffe im Personenhafen wirken wie kleine Barkassen. Einzelne Bauten ragen heraus, der Bahnhof, die Docks, die Festungen der Fremdenlegion, das Fussballstadion, neue riesige Wohnblöcke direkt vor den Bergen. Nach einem Besuch der geweihten Räume tauchen sie ab in die Gassen der Innenstadt auf dem Weg zum Markt der ungläubigen, den gläubigen Muslimen, zum Markt der Araber. Die rechtwinklige Ausrichtung der Strassen erinnert an den Stadtplan von New York. Immer wieder öffnen sich die Strassenschluchten zu einladenden Plätzen mit Strassencafés. Die Menschen geniessen die milde Januarstimmung. Viele glückliche Kindergesichter queren ihren Weg. Ihr brauner Teint, das dichte schwarze lockige Haar und die dunklen strahlenden Augen faszinieren. Die Menschen sind oft auffallend schön. Sie scheinen Wert auf gepflegte Schuhe zu legen. Aber auch versiffte Bettler und Junkies zieren die Strasse. Auf dem Cours Julien trennen sie sich. Marta ist fiebrig. Paul begleitet sie nach Hause. Aline und Tom lassen sich in einem der Cafés nieder, bestellen ein Bier und einen Salade niçoise, sie erfreuen sich am Beobachten der Leute. Ein Araber uriniert an einen Kandelaber, an den wenig später ein anderer Araber die Füsse seines Marktstandes festkettet. Ein alter Mann quert mit einem klingenden Koffer den Platz, ein Schwarzer tanzt zu den Rhythmen von Reggae-Musik. Frisch gestärkt erwandern sie andere Quartiere der Stadt. Vom erhöhten Cours Julien begeben sie sich hinunter in die autofreie Strasse, die sich zwischen Triumphbogen und Obelisk aufspannt. Wie zum Scheren eingepferchte Schafe drängen sich die Menschen durch die Einkaufsschlucht der Läden, die mit günstigen Angeboten locken. Es ist Ausverkauf. Für viele ein Grund, um sich Unnötiges billig zu erstehen. Die Läden platzen aus den Nähten. Hier herrscht emsiges Treiben. Während in Tunesien die Leibgarden des gestürzten Präsidenten die Läden plündern, feilscht man in Marseille um gute Preise. Sie quälen sich durch die Menschenmassen Richtung Triumphbogen. Die Strassen sind immer mehr in der Hand der arabischen Bevölkerung. Strassenhändler bieten Parfüms, Lederwaren, Sonnenbrillen und Turnschuhe an. Es herrscht Basar-Stimmung. Es wird gehandelt. Zwischen Bauruinen wird Petanque gespielt. In Kopftücher gehüllte Frauen hüten die Kleinkinder auf den Spielplätzen, sitzen auf Kartons im Park. Hinter dem Triumphbogen kommen sie ins Niemandsland. Trotz der warmen Wintersonne erfasst sie ein beklemmendes Gefühl, das sie zurück in die wenig bevölkerten Strassen treibt. Zwischen historischen Altbauten mit staubbedeckten Fassaden, verlassenen Wohnungen und noch unbewohnten Neubauten, Zeugen zeitgenössischer Architektur, nähern
