Der Herr der Welt - Adolf Mützelburg - E-Book

Der Herr der Welt E-Book

Adolf Mützelburg

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Beschreibung

Der Herr der Welt ist ein vierbändiger Roman von Adolf Mützelburg. Das Werk soll als Fortsetzung von Dumas Der Graf von Monte Christo verstanden werden. Mützelburg übernahm die einzelnen Charaktere nahezu unverändert, der Ablauf des Romanes an sich ähnelt dem Werk Dumas' sehr stark. Einziger Unterschied besteht darin, dass Mützelburg die einzelnen Schicksale der Protagonisten - die aus verschiedenen Ländern der Erde stammen - unter der "Führung" Edmont Dantes zu einer großen Familie zusammengeführt werden, darunter auch seine einstigen Feinde.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg

Inhalt:

Adolf Mützelburg – Biografie und Bibliografie

Der Herr der Welt

Eduard Dantes, Graf von Monte Christo

Albert Herrera

Die Familie Morel

Im Palais Royal

Mutter und Sohn

Der Brand

Arenberg und Rablasy

Auf der Salzsee-Insel

Morel oder Rablasy?

Eugenie Danglars

Herr von Ratour

Auf dem Berge der Wünsche

Mr. Stanley

Dr. Connard

Der Antrag

Geheime Ränke

Architekt Wolfram Büchting

Die Verfolgung

Die Familie Morel

Der Herr der Welt

Das Testament des Grafen

Der Herr der Welt, Adolf Mützelburg

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849632359

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Adolf Mützelburg – Biografie und Bibliografie

Deutscher Schriftsteller, geboren am 3. Januar 1831 in Frankfurt a. d. Oder als der jüngste Sohn eines Beamten, dessen Verhältnisse so bescheiden waren, dass er seinen Kindern nur eine sehr einfache Erziehung angedeihen lassen konnte. Doch entwickelten sich die Fähigkeiten des Knaben sehr frühzeitig, und als sein Vater später nach Königsberg in der Neumark versetzt wurde, gehörte M. hier sowohl in der Volksschule als später auf dem Gymnasium zu den fähigsten Schülern. Lesen und Dichten war seine Lieblingsbeschäftigung, und das Bewusstsein, dass er zum Schriftsteller geboren sei, erfüllte ihn schon damals mit einer so kühnen Sicherheit, dass er, kaum 13 Jahre alt, vier Novellen an eine Berliner Verlagsbuchhandlung einsandte und ziemlich enttäuscht war, als ihm dieselben zurückgesandt wurden. Im Jahre 1844 kehrte sein Vater nach Frankfurt a. d. Oder zurück, und M. besuchte hier nun die Oberrealschule, die er im Jahre 1849 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Inzwischen war sein Vater gestorben, und M. wandte sich nun Ende Juni 1849 nach Berlin, wo er vorzugsweise literarischen Arbeiten sich zu widmen gedachte. Er fand bald Beschäftigung in der Redaktion einer Zeitung, lernte nebenher Griechisch und Lateinisch, bestand zu Ostern 1850 das Gymnasial-Abgangsexamen als „Wilder“ und studierte nun drei Jahre hindurch an der Berliner Universität Literatur, Kunst und Politik, betätigte sich aber nebenher nach wie vor als publizistischer Schriftsteller. Bereits im Jahre 1851 stellte eine Verlagshandlung, die durch seine Feuilletonartikel auf ihn aufmerksam geworden war, an ihn den Antrag, populäre historische Romane zu schreiben. M. nahm dieses Anerbieten mit Freuden an und hatte nun plötzlich diejenige Laufbahn gefunden, die ihm bei seiner reichen Phantasie am meisten zusagen musste. Mit einer erstaunlichen Fruchtbarkeit schrieb er in den nächsten Jahren teils anonym, teils unter den Pseudonymen Justus Severin und Karl Weber eine Reihe von Romanen, denen man die Fabrikarbeit auf den ersten Blick ansieht, wie „Luigia Sanfelice“ (1851); „Der Leibeigene“ (III, 1852); „Hennig Brabant“ (II, 1852); „Der Sohn des Kaisers“ (IV, 1853); „Das Attentat“ (1852); „Der Prophet“ (III, 1854); „Victoria regia“ (IV, 1853); „Der Hexentanz“ (III, 1854); „Der Konak“ (1854); Capitän Smith, der Abenteurer“ (IV, 1854); „Die Pflanzerstochter“ (II, 1854); „Der Stern Amerikas im Orient“ (IV, 1855); „Die Spanier in Venedig“ (IV, 1856); „Kaiser Joseph und der Secretär“ (II, 1856).

Von Kunst und poetischer Durchführung konnte bei der Hast, mit welcher diese Arbeiten ausgeführt wurden, nicht wohl die Rede sein, und M. muss wohl später zu derselben Erkenntnis gekommen sein, da er die Vaterschaft verschiedener unter seinem Namen erschienener Romane ableugnete. Die „Buchhändler-Mache“ zeigt sich auch darin, dass mehrere Romane („Rheinsberg, oder die Jugend Friedrichs des Großen“; IV, 1858. – „Die Sirene von Neapel“ 1861, – „Der Aetnajäger“ 1861) von M. nur angefangen, von andern, nicht genannten Autoren aber zu Ende geführt wurden. Nichtsdestoweniger fanden Mützelburg’s Produktionen, weil sich in ihnen ein reiches Erfindungstalent kundgab, zahlreiche Leser und reißenden Absatz, so besonders die Fortsetzungen von Dumas’ „Grafen von Monte Christo“ („Der Herr der Welt“ IV, 1856 und „Die Millionenbraut“ III, 1868); auch soll nicht geleugnet werden, dass M. in seinen späteren Arbeiten nach tieferer Durchdringung des Stoffes strebte und ihm dies in mehreren seiner folgenden Romane und Novellen auch glücklich gelungen ist; hervorzuheben sind daraus „Der Engel des Friedens“ (V, 1860); „Mazeppa“ (II, 1861); „Die Fee des Niagara“ (II, 1861); „Die Braut von Venedig“ (IV, 1861); „Der Erbstreit“ (III, 1862); „Eisen und Blut“ (IV, 1864-66); „Der Himmel auf Erden“ (VI, 1864); „Der Held von Garika“ (III, 1866); „Die Intriganten“ (II, 1867); „Novellen“ (II, 1867); „Robert Clive“ (V, 1868); „Der Nonnengrund“ (II, 1870); „Die Enterbten“ (II, 1870). M. hat seinen Wohnsitz in Berlin ständig beibehalten, sich auch seit 1868 in mannigfaltiger Weise an der Herausgabe der „Tribüne“ beteiligt. Er starb am 17. Januar 1882 in Berlin.

Der Herr der Welt

Fortsetzung von Der Graf von Monte Christo

Eduard Dantes, Graf von Monte Christo

Noch einen guten Satz, mein wackerer Falke, und wir sind hinüber! Dann kannst du auf der Ebene dahinfliegen, wie der Pfeil eines Indianers! Nun wacker!

Und dabei schlug der junge Reiter, der mit der Linken die Zügel seines Rosses gefaßt hatte, mit der Rechten ermunternd auf den Nacken des stolzen Tieres, das ihn trug.

Aber es war ein Wagestück, und der "Falke" schien sich zu scheuen, über die Felsenspalte zu setzen, die vor ihm gähnte. Er hob sich zum Sprunge, wich dann aber zurück und bäumte sich.

Der Reiter preßte die langen spanischen Sporen tief in die Weichen des Pferdes, das vor Schmerz sich hoch aufbäumte, einen wilden Seitensprung machte, als wolle es den Reiter von sich schleudern, dann aber mit einem mächtigen Satz vorwärts sprang und über die Felsenspalte hinwegsetzte.

Auf ihrer anderen Seite stand es zitternd still und schnaufte ängstlich, als wisse es, daß es einer großen Gefahr entronnen sei.

Der Reiter war ein stattlicher junger Mann, wohl wenig über zwanzig Jahre alt, ein echter Spanier vom Scheitel bis zur Sohle, von so reinem Blute wie sein Roß, Dunkelbraune Locken flatterten unter dem Panama-Strohhut, dunkel und feurig blitzten die Augen über der gebogenen Nase, und der starke Schnurrbart hätte nicht sorgfältiger gekräuselt sein können, wenn Don Lotario einen Ritt durch die Puerta del Sol, die vornehmste Straße von Madrid, gemacht hätte, anstatt über die Felsen von Oberkalifornien, das damals – anfangs der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts – noch zu der Republik Mexiko gehörte.

Vorwärts! rief er dann. Aber jetzt hübsch langsam, sonst brechen wir doch noch den Hals.

Vom Fuße des Berges zog sich im Zickzack eine Kunststraße, breit und nach allen Regeln gebaut, empor. Und Lord Hope hatte das mit einer Handvoll Leute getan – Don Lotario War im Recht, wenn er den Kopf schüttelte!

Er ließ sein Pferd gemütlich die bequeme Straße hinauftraben. Oben angelangt, sah er eine neue Veränderung. Statt des einfachen Gitters bildete jetzt ein festes, steinernes Tor mit mächtigen Flügeln von Eichenholz den Eingang eines steinernen Gebäudes.

Wer da? fragte die Stimme der Wache durch ein kleines Fensterchen im Tor.

Don Lotario, antwortete der junge Mann. Meldet mich dem Lord. Er ist doch zu sprechen?

Es erfolgte weiter keine Antwort, aber nach drei Minuten ritt der Spanier durch das geöffnete Tor.

Lord Hope war ein Mann von mehr als Mittelgröße, breitschultrig, mit einer kräftig gewölbten Brust. Sein Haar war dunkelschwarz, wie sein Auge und sein Bart, sein Gesicht fein und blaß, beinahe bleich. Niemand hätte in ihm einen Engländer vermutet. Aber jedenfalls war er ein feiner, vornehmer Herr. Wie er so ungezwungen dastand, leicht mit der Hand, noch leichter mit dem Kopf grüßend, ein flüchtiges verbindliches Lächeln auf den Lippen – da gestand sich der adelsstolze Spanier, der trotzige Jüngling von neuem, daß er sich einem überlegenen Wesen gegenüber befinde.

Mylord, ich glaube zu träumen! sagte er verwirrt. Diese Pracht, diese Herrlichkeit! Und noch vor vierzehn Tagen bemerkte ich nichts davon. Wie ist das möglich gewesen?

Mit demselben, kaum bemerkbaren Lächeln, das seinem bleichen Gesicht einen eigentümlichen und schwer zu enträtselnden Ausdruck verlieh, fragte der Lord dagegen: Aber wollen Sie denn auf dem Korridor bleiben, Don Lotario?

Der Spanier stieg die kleine Treppe hinan und trat in die Tür, die ihm der Lord geöffnet hatte. Es war nur ein Vorzimmer. Dem Spanier dünkte es gut genug für die Wohnung eines Prinzen. Dann trat er durch eine andere Tür. Dieselbe einfache, stolze Pracht, die schönsten Teppiche, die herrlichsten Tapeten, Gemälde an den Wänden, Möbel von den feinsten, zartesten, elegantesten Formen, und dabei überall ein Hauch der Wohnlichkeit, nichts überladen, alles bequem und freundlich – das war dem jungen Spanier zu viel. Er stammelte einige Worte der höchsten Überraschung – dann ließ er sich in einen Sessel fallen und saß mit weit geöffneten Augen da, während der Lord ruhig an das Fenster trat und durch ein Zeichen mit dem Finger seinem Intendanten draußen einen neuen Befehl zu geben schien. Als er sich seinem Gaste wieder zuwendete, meinte dieser:

Aber ich bitte Sie um Himmels willen, wie haben Sie das alles hierherschauen können? Das müssen Sie doch aus New York haben, selbst in New Orleans findet man solche Schätze nicht.

Lieber Freund, sagte der Lord, ich liebe den amerikanischen Geschmack nicht. Außerdem findet man nicht alle Schönheiten beisammen. Die Teppiche sind aus Paris, die Möbel ebenfalls, die Tapeten sind aus London, auch diese Kamine – ich glaube, im Winter kann man sie brauchen. Was die Gemälde und die Statuen anbetrifft, so hatte ich sie zum Teil schon früher.

Aus London! Aus Paris! sagte der Spanier kopfschüttelnd. Doch das alles muß mehr als eine Schiffsladung ausgemacht haben! Ich bitte Sie, wie haben Sie das alles hierherbringen können? Und seit vierzehn Tagen das zu ordnen! Es ist unglaublich!

Der Lord gab inzwischen seinem Intendanten vom Fenster aus ein Zeichen.

Eine ganze Schiffsladung meinen Sie? Allerdings! sagte er dann. Da liegt mein Dampfer!

Der Spanier trat an das Fenster, durch das man einen weiten freien Blick nach Westen hin hatte. Man übersah die Gipfel der Felsen, die sich bis nach dem Meere hin erstreckten, man sah auch hier und dort durch eine Öffnung das blaue Meer selbst herüberschimmern. Bis ungefähr tausend Schritt vom Fuß des Berges der Wünsche aber zog sich ein schmaler Meerbusen, kaum breiter als ein Fluß, zwischen den Felsen hindurch, ähnlich den Schären an der norwegischen Küste. In diesem Meerbusen ankerte eine leicht und schön gebaute Segeljacht, die schon früher die Bewunderung Don Lotarios erregt hatte. Neben ihr aber lag jetzt ein Dampfboot mittlerer Größe regungslos auf den Wellen.

Das ist der Dampfer? rief der Spanier. Und das ist Ihr Dampfer?

Allerdings, antwortete der Lord mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit. Ist denn das so etwas Wunderbares? Gibt es nicht in New York Leute, die fünf, sechs und mehr solcher Dinger auf dem Meere haben?

Freilich wohl, stammelte der Spanier, seines Erstaunens immer noch nicht Herr. Aber das sind Kaufleute, die aus diesen Schiffen Gewinn ziehen. Wer so etwas zu seinem Vergnügen bauen kann, der muß reich, sehr reich sein.

Das ist möglich, sagte Lord Hope leichthin. Ich weiß wirklich nicht mehr, was dieser Dampfer gekostet hat.

Ich kam her, Mylord, fuhr der Spanier dann fort, um Sie zu bitten, auch mir in meiner Hacienda einmal einen Besuch zu gönnen. Aber mir schwindet der Mut. Was kann Ihnen meine Hütte bieten?

Sagen Sie das nicht, vielleicht kann ich dort manches kennenlernen, erwiderte der Lord ruhig. Jetzt freilich bin ich noch zu sehr beschäftigt, um Ihre Einladung annehmen zu können. Doch bitte bedienen Sie sich! setzte er hinzu, auf einen Tisch mit auserlesenen Erfrischungen deutend, den soeben ein Neger geräuschlos ins Zimmer gesetzt hatte.

Sie sehen noch immer nach dem Schiffe? fragte er dann lächelnd seinen Gast.

In der Tat, ja! Es trägt nicht die englischen Farben! sagte Lotario. Weiß, rot, grün –

Sind die Farben Italiens, die ich den englischen vorziehe und die ich mit vollem Rechte führen darf, da ich auch Besitzungen in Italien habe und Bürger von Toskana bin, antwortete der Lord ruhig, übrigens ist es ganz gleichgültig, welche Farbe man trägt, vorausgesetzt, daß diese Farbe echt ist.

Und Sie fürchten sich nicht, diese prächtigen Schiffe dort unten liegen zu lassen?

Fürchten? Weshalb?

Oh, Sie kennen dieses Land noch nicht! rief der Spanier, sichtlich erfreut, seinem Wirt endlich einen guten Rat geben zu können. Wir leben hier mehr oder weniger in einem Zustande vollständiger Gesetzlosigkeit. Der schwache Arm der mexikanischen Regierung reicht nicht bis hierher.

Gut, eben deshalb bin ich hierher gekommen, sagte der Lord mit einem ruhigen Lächeln.

Aber so angenehm das auch in manchen Fällen ist, so unangenehm kann es in anderen werden, fuhr der Spanier fort. Unsere Spanier und noch mehr die Nordamerikaner würden sich nicht im geringsten bedenken, Ihnen diese schönen Schiffe wegzukapern, und ich fürchte, wenn Sie eines Morgens erwachen, so werden Sie die Ankerplätze leer finden. Die Entfernung vom Berge ist groß genug. Die Räuber können das Meer erreichen, noch ehe Sie den Raub gewahr geworden sind.

Möglich! Aber auch dafür ist gesorgt! sagte der Lord lächelnd.

Vielleicht haben Sie eine starke Besatzung auf dem Dampfer? meinte Don Lotario.

Das nicht. Es sind nur sechs Mann auf dem Schiffe. Sie reichen für den Notfall hin. Und sollte man wirklich wagen, mir mein Eigentum nehmen zu wollen, so kenne ich noch andere Mittel, mir dasselbe zu sichern. Haben Sie je etwas vom elektrischen Telegraphen gehört?

Ich glaube, antwortete der Spanier etwas befangen. Eine ganz neue Erfindung, wenn ich nicht irre.

Ganz neu, sagte der Lord mit einer leichten Neigung des Kopfes. Ich habe hier einen ersten Versuch gemacht, der zu meiner Zufriedenheit ausgefallen ist. In dem Augenblick, in dem ein Fremder das Schiff besteigt, bin ich davon benachrichtigt, und die Erfindung gibt mir zugleich die Möglichkeit, es in die Luft zu sprengen, wenn es in den Besitz von Fremden gelangen sollte.

Sie denken wirklich an alles! sagte der junge Spanier kleinlaut. Doch, Mylord, ich habe Sie noch auf etwas anderes aufmerksam zu machen. Nehmen Sie sich vor den Indianern in acht, ich glaube, daß sie Ihnen nächstens einen bewaffneten Besuch abstatten werden.

Ich bin überzeugt, daß ich von den Rothäuten dieses Gebietes nichts zu fürchten habe, seit es mir ein Zufall ermöglichte, einem ihrer angesehensten Häuptlinge einen großen Dienst zu leisten, sagte der Lord ruhig.

Darauf würde ich an Ihrer Stelle doch nicht zu fest bauen! rief Don Lotario. Es sind hinterlistige Burschen.

Ich danke Ihnen, Don Lotario! erwiderte der Lord so kühl und ruhig, daß sich der junge Spanier vor Arger auf die Lippen biß.

Sie selbst trinken nicht von diesem Wein? fragte er dann seinen Gastgeber.

Nein, Xeres sagt mir nicht zu, auch trinke ich überhaupt wenig Wein, erwiderte der Lord. Aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten. Ich glaube, der Wein ist gut. Mein Intendant versteht sich darauf und muß sich darauf verstehen, weil er mehr davon trinkt, als ich selbst. Wie finden Sie den Wein? Vortrefflich! rief Don Lotario, der froh zu sein schien, daß das Gespräch eine Wendung genommen hatte, die ihm erlaubte, frei aufzuatmen, und dessen Wangen sich bereits höher färbten. Also ich kann mich darauf verlassen, Mylord, daß Sie meinen Besuch demnächst erwidern werden.

Ich glaube, wir haben bereits davon gesprochen, sagte der Lord mit einer leichten Verbeugung.

Ja, es ist wahr! erwiderte der Spanier etwas verlegen über diese neue Niederlage. Aber, entschuldigen Sie meine Indiskretion, Mylord – wenn ich einen Blick auf diese Zimmer werfe, so scheint es mir fast unmöglich, daß eine männliche Hand allein imstande gewesen, dies alles so geschmackvoll zu ordnen.

Sie meinen, daß Frauenhilfe dazu nötig gewesen sei? fragte der Lord gleichgültig.

Ja, das meine ich, erwiderte Lotario. Und doch habe ich noch nie eine –

Mein Intendant kann ja wohl verheiratet sein! unterbrach ihn der Lord lächelnd, noch ehe der junge Mann seinen Satz vollendet.

Sie sollten einige Jahre nach London und Paris gehen! meinte bald darauf der Lord.

Ja, ja, das hätte ich tun sollen! sagte Don Lotario seufzend. Aber jetzt ist es zu spät.

Zu spät? Wie alt sind Sie denn? fragte Lord Hope.

Einundzwanzig Jahre.

Und das nennen Sie zu spät? rief der Lord. Liebster Freund, als ich einundzwanzig Jahre alt war, war ich noch viel unwissender als Sie, aber ich erwog, daß noch ein ganzes Leben vor mir läge, und ich lernte.

Das war eine scharfe Lektion, und Don Lotario sah unmutig vor sich nieder. Aber er fühlte, daß der Lord recht hatte, und von einem solchen Manne konnte er schon eine kleine Lektion annehmen.

Sie geben mir damit einen Wink, Mylord! Aber ich kann ihn leider nicht mehr befolgen! sagte er seufzend.

Weshalb nicht? Sind Sie denn an Ihre Hacienda gefesselt? Sind Sie unentbehrlich?

Das nicht – aber ich liebe, und ich werde mich bald verheiraten! antwortete Don Lotario verlegen und errötend.

War es diese Schüchternheit, dieses Erröten, das dem sonst so kalten und gleichgültigen Lord einen wärmeren Blick, einen Ausdruck der Teilnahme entlockte? Genug, er betrachtete den jungen Spanier aufmerksamer.

Einundzwanzig Jahre erst? Und Sie wollen das schon wagen? sagte er. Freilich, hierzulande verheiratet man sich früh.

Ja, und – Mylord, verzeihen Sie mir, was ich jetzt sagen werde? fragte Don Lotario schüchtern.

Sprechen Sie! sagte der Lord – dieses Mal sanfter und herzlicher.

Mylord, ich habe so großes Zutrauen zu Ihnen gefaßt, ich bin so sehr überzeugt davon, daß Sie das Leben und die Welt kennen, daß ich gerade mit Ihnen über diese Frage meiner Verheiratung sprechen, daß ich Sie um Ihr Urteil bitten wollte. Es ist eine eigentümliche Angelegenheit, und ich bin mit mir selbst nicht recht im reinen. Auch weiß ich, daß ich noch sehr jung bin, und seitdem ich Sie gesehen, kommt es mir vor, als sei ich nur ein Schulknabe und ebenso töricht, wie ich mich früher klug dünkte. Darf ich mit Ihnen darüber sprechen, Mylord?

Ja, mein Freund. Aber nicht jetzt, überlegen Sie noch einmal selbst, und sprechen wir dann darüber, wenn ich Ihnen meinen Besuch mache. Nur eines will ich Ihnen sagen. Auch ich stand im Begriff, mich zu verheiraten, als ich einundzwanzig Jahre alt war. Auch mich machte es namenlos unglücklich, daß damals meine Wünsche nicht in Erfüllung gingen. Und dennoch wäre ich das nicht geworden, was ich bin, wenn damals der Priester den Segen über mich und meine Geliebte gesprochen hätte.

Und sind Sie zufrieden damit, daß es damals nicht soweit gekommen? fragte Lotario fast ängstlich.

Das weiß ich nicht, antwortete der Lord kurz, und der plötzliche Übergang in seinen Mienen zeigte, daß er jetzt von etwas anderem sprechen wolle.

Sie haben die schöne Aussicht, die man von hier hat, noch keines Blickes gewürdigt, sagte er dann.

Das ist wahr, prächtig! rief Don Lotario, einen Blick durch die breiten Fenster werfend. Und Sie haben tüchtig arbeiten lassen. Es ist eine Freude, das zu sehen! Dort die abgegrenzten Felder. Das ist Reis wahrscheinlich? Und das Getreide! – Was sehe ich? Dort drüben haben Sie sogar Weinreben pflanzen lassen! Eine glückliche Idee! Nun, ich zweifle nicht daran, in zwei Jahren ist das ganze Tal bebaut und Sie haben getan, was ein anderer nicht in zehn Jahren vollendet. Aber was ist denn das?

Sie meinen das große Gerüst dort unten? fragte der Lord lächelnd. Nun raten Sie einmal!

Sie wollen doch nicht etwa ein Bergwerk anlegen?

Ich dachte mir, daß Sie darauf verfallen würden, sagte der Lord. Nein, das nicht.

Nun, dann könnte es nur ein Brunnen werden sollen, aber Wasser haben Sie doch die Fülle. Dort drüben ist der Fluß, hier, nicht weit von dem Brunnen, ein Bach mit dem klarsten Wasser!

Wie nun, wenn ich warmes Wasser haben wollte?

Ah, das ist etwas anderes! rief der Spanier überrascht. Glauben Sie eine warme Quelle entdeckt zu haben?

Ich glaube, antwortete der Lord. Ich kann mich indessen irren, denn es ist bereits ziemlich tief gebohrt, ohne daß meine Hoffnung in Erfüllung gegangen wäre. Einzelne Anzeichen ließen mich hoffen, eine warme Quelle zu finden, wie es deren mehrere in diesem Lande gibt.

Und weshalb liegt Ihnen daran, eine solche zu finden? fragte der Spanier.

Oh, mir persönlich nichts, antwortete der Lord. Es wäre nur eine Wohltat für die leidende Menschheit, wenn es mir gelänge. Ich würde sie den Kranken zur freien Benutzung übergeben.

Bravo! rief Don Lotario. Aber wo haben Sie das Holz hergeholt, aus dem diese Gerüste gebaut sind? Auf vierzig Meilen im Umkreise findet man nicht fünf solcher Stämme, wie sie nötig sind, um so starke Balken daraus zu zimmern. Das ist wieder eines von Ihren Wundern und nicht das kleinste.

Da mögen Sie recht haben, antwortete der Lord lachend. Der Holzmangel ist eine unangenehme Eigenschaft dieser Gegend. Aber mit Hilfe meines Dampfers kann ich ihn leicht überwinden. Sobald er angekommen war, schickte ich ihn hinauf nach einer amerikanischen Station am Oregon-River, wo bereits zwei Flöße für mich bereit lagen. Er hat sie herunterschleppen müssen, die Küste entlang.

Sie sind ein Zauberer, oder Sie stehen mit hilfreichen Geistern im Bunde!

Das kann sein, erwiderte der Lord. Aber meine guten Geister sind ein schneller Überblick, Kraft und Tätigkeit. Indessen auch darüber sprechen wir ein andermal mehr. Darf ich hoffen, Sie zu Mittag bei mir zu sehen?

Ah, ich danke! rief der Spanier sichtlich erfreut. Doch wann essen Sie?

Wann Sie befehlen, sagte der Lord verbindlich. Sie haben einen weiten Weg zurück, nicht wahr?

Zwei gute Stunden, wenn ich über die Berge reite, antwortete Lotario. Doch kann ich das nur bei hellem Tageslicht wagen. Des Nachts brauche ich beinahe vier Stunden, und es ist ein langweiliger Weg. Doch darf ich vorher den Brunnen einmal sehen oder vielleicht das Dampfboot?

Jawohl, erwiderte der Lord, bereits im Begriff, die Treppe hinabzusteigen, während der Spanier sich anschickte, ihm zu folgen.

Im Hofe waren die Arbeiter noch immer eifrig bei ihrer Beschäftigung. Lord Hope schritt durch ihre Reihen hindurch zu einer Pforte, die nicht weit von dem großen steinernen Hause in der Mauer angebracht war. Man mußte, um zu ihr zu gelangen, die eine Seite des Hauses der Länge nach passieren.

Don Lotario warf dabei einen flüchtigen Blick auf dieses Haus, das in sehr schönen und regelmäßigen Verhältnissen gebaut war. Plötzlich blieb sein Blick auf einem Fenster haften, und er stand still.

Der Lord, der voranging, wandte sich zu ihm zurück und sah dann ebenfalls nach dem Fenster.

Wer ist das? fragte Don Lotario zitternd und entsetzt. Ist das ein menschliches Gesicht?

Er konnte wohl so fragen. Das Gesicht, das er hinter dem vergitterten Fenster sah, hatte fast nichts Menschliches. Es war nicht blaß, sondern fahl und erdfarben. Die Augen lagen tief in ihren Höhlungen; das Haar war struppig, beinahe borstig. Entsetzlich war vor allem der starre, geisterhafte Ausdruck dieses Gesichtes. Keine menschliche Empfindung lag auf ihm. Es schien der Kopf einer Leiche, eines Gespenstes zu sein.

Es ist ein Wahnsinniger, sagte der Lord, und ein leichter Schauder schien über seine Glieder zu fliegen.

Ein Wahnsinniger, wiederholte der Spanier, sich schüttelnd. Er hatte den Schauder des Lords bemerkt, er hatte gesehen, daß sogar dieser kalte Mensch tief ergriffen war.

Mein Gott, fügte er hinzu, doch nicht ein Verwandter von Ihnen? Vielleicht Ihr Vater?

Nein, antwortete der Lord mit einem abermaligen Schauder. Aber vielleicht der Mörder meines Vaters!

Der Mörder! rief Don Lotario entsetzt. Und Sie haben den Mörder Ihres Vaters in Ihrem Hause?

Der Lord antwortete nicht. Fast zitternd glitt sein Blick von dem Fenster fort und suchte die Erde. Dann senkte er den Kopf und schritt langsam voran, um die Pforte zu öffnen, hinter der ein Fußsteig sich den Felsen hinabschlängelte und zu dem Meerbusen führte.

Als die beiden Männer nach anderthalb Stunden denselben Weg zurückkehrten, warf der Spanier abermals einen scheuen Blick auf das Fenster. Das Gesicht war verschwunden. Ob der Lord dorthin geblickt, hatte Don Lotario nicht bemerkt. Er sprach über gleichgültige Dinge.

Das Diner erwartete die beiden. Es war nur für zwei Personen serviert worden. Niemals hatte der junge Spanier an einer so reich besetzten Tafel gesessen. Die wenigsten von den Herrlichkeiten, die vor ihm standen, kannte er. Der Lord selbst aß sehr wenig und goß nur wenige Tropfen Wein in das Wasser, das er sich reichen ließ. Don Lotario jedoch hielt eine prächtige Mahlzeit, um so mehr, da sich das Gespräch jetzt ausschließlich um Dinge drehte, bei denen er auch ein Wort mit einfließen lassen konnte. Der Lord verlangte nämlich von ihm Auskunft über verschiedene Verhältnisse Kaliforniens. Halb berauscht von den feurigen Weinen und dem Eindruck, den sein seltener Wirt auf ihn gemacht, erhob sich endlich der junge Mann, um Abschied zu nehmen.

Zögern Sie nicht zu lange mit Ihrem Besuche, Mylord, wenn ich Sie bitten darf! sagte er. Sie wissen jetzt, daß es sich dabei für mich noch um eine andere wichtige Angelegenheit, um eine Herzenssache handelt!

Dabei reichte er dem Lord die Hand, die dieser flüchtig berührte, und schwang sich auf sein Roß.

Einundzwanzig Jahre! flüsterte der Lord, als der junge Spanier munter den Berg hinuntertrabte. So unbefangen war auch ich, so fröhlich und so heiter. Und auch ich glaubte damals, an der Schwelle des Glückes zu stehen. – – –

Hm! Was ist das? meinte er, seinen Blick in die Ferne richtend. Siehst du ebenfalls den Zug, Hakey?

Jawohl, Herr Graf –

Hast du vergessen, daß ich hier nicht Herr Graf, sondern Mylord heiße? unterbrach ihn der Lord in einem so scharfen und strengen Tone, daß der Intendant bestürzt die Augen senkte. Nun also, siehst du den Zug?

Jawohl, Mylord, ungefähr dreihundert Personen. Es sind keine Indianer.

So scheint es mir auch, sagte der Lord. Wachsamkeit, Herr Intendant! Die Weißen sind hier schlimmer als die Indianer. Doppelte Wachen die Nacht!

Das Tor war bereits geöffnet, der Lord sprengte hinein und war nach einer Minute in seinem Hause. Nach einer zweiten Minute stand er oben auf der Sternwarte, durch ein Fernrohr nach jenem Zuge hinüberblickend.

Mylord! rief jetzt eine Stimme von unten. Drei von den fremden Männern wünschen Sie zu sprechen.

Ich sah sie kommen! sagte der Lord. Führt sie in die Vorhalle und zündet die Lampen an.

Er schob sein Fernrohr zusammen, stieg langsam hinab, ging nach seinem Zimmer und blieb dort einige Minuten, wie ein großer Herr, der diejenigen, die ihn sprechen wollen, absichtlich warten läßt. Wenigstens mußte jeder das glauben, der nicht wußte, daß der Lord mittlerweile durch eine geheime Öffnung einen Blick auf die drei Männer geworfen und ihr leises Gespräch belauscht hatte – aber niemand wußte das.

Diese drei Personen, die mit einer gewissen herausfordernden Ruhe die Ankunft des Herrn vom Hause erwarteten, fuhren doch ein wenig zusammen, als der Lord die Treppe zum Vorsaal hinunterstieg.

Der Robuste machte eine ungelenke Verbeugung, der Alte nahm seinen Hut ab, nur der junge Mann schien seine Fassung am meisten bewahrt zu haben und griff mechanisch an seinen Strohhut.

Sie haben nach mir verlangt, meine Herren, sagte der Lord, in einiger Entfernung von ihnen stehenbleibend und in englischer Sprache. Mein Name ist Hope. Was wünschen Sie von mir?

Lord Hope also, sagte der älteste, mit einem raschen und schlauen Blicke den Lord musternd. Wer von uns soll sprechen? wandte er sich dann zu seinen Kameraden. Sprich du, Hillow!

Das ist nicht meine Sache, ich weiß nicht mit Worten umzugehen, damn! antwortete der Robuste, der also Hillow hieß.

Sprich du doch lieber, Wipky! sagte der junge Mann zu dem ältesten. Es ist ja dein Amt.

Ja, für die Brüder! antwortete Wipky mit einem Lächeln aus seinen schmalen Lippen und einem zweiten Seitenblick auf den Lord. Mit einem so seinen Herrn wirst du besser fertig werden, Wolfram!

Nun, mir ist's recht, sagte dieser gleichgültig. Also, Mylord, ich trage Ihnen im Namen meiner Brüder den Entschluß vor, den wir gefaßt haben, Sie um eine Lieferung von Nahrungsmitteln zu bitten.

Wer sind diese Brüder, wenn ich fragen darf? warf der Lord leicht hin.

Wir sind die Heiligen der letzten Tage, antwortete Wolfram. Man nennt uns gewöhnlich Mormonen.

Ah so, ich habe davon gehört, sagte der Lord und sah den jungen Mann so gleichgültig an, als wisse er noch immer nicht, um was es sich handle.

Sind Sie Willens, unser Anliegen zu erfüllen? fragte der junge Mormone, der seinerseits entschlossen schien, sich durch die Kälte des Lords nicht außer Fassung bringen zu lassen. Einige Scheffel Reis oder Getreide, einige Fässer Wein oder Bier würden uns genügen. Was verlangen Sie dafür?

Was ich dafür verlange? wiederholte der Lord beinahe verächtlich. Mein Haus ist kein Wirtshaus.

Nun, wir sind Auswanderer, sagte der Mormone beinahe mürrisch. Wir sind vom Wege abgekommen, denn unser Ziel ist das Utah-Gebiet und der Salzsee.

Also Sie sind hilfsbedürftig, Sie entbehren der notwendigsten Nahrungsmittel? sagte der Lord.

Das gerade nicht, erwiderte Wolfram finster. Wir brauchen einen Zuschuß zu unseren Lebensmitteln, und den sollten Sie uns liefern. Sie können doch nicht mehr verlangen, als daß wir ihn bezahlen!

Vielleicht, antwortete der Lord mit der größten Ruhe. Ich verkaufe nichts. Ich brauche meine Vorräte für mich selbst.

Gut! sagte Wolfram und schien das Gespräch abbrechen zu wollen. Ihr habt es gehört, Wipky und Hillow!

Die beiden, die aufmerksam zugehört hatten – der robuste Hillow etwas verdutzt und der kleine Wipky mit einer sichtbaren Unruhe – sahen jetzt den jungen Mann groß an und schienen nicht zu wissen, was sie sagen sollten.

Es war noch die Rede unten von etwas gutem Wein für die Kranken, murmelte Hillow.

Ja richtig! sagte Wolfram, sich nachlässig zu dem Lord wendend. Wir haben einige kranke Männer und Frauen in unserem Zuge. Unsere Weinvorräte sind uns ausgegangen. Wollen Sie uns ein Dutzend Flaschen ablassen?

Ablassen? rief der Lord zwar ruhig, aber mit einem aufflammenden Blick. Herr, ich habe Ihnen gesagt, daß ich kein Krämer bin. Und nebenbei möchte ich Ihnen raten, andere Manieren gegen mich anzunehmen, wenn Sie nicht zum Hause hinausgeworfen sein wollen.

Der junge Mann, der jetzt blutrot geworden war, schien eine gewaltige Anstrengung zu machen, um ruhig zu bleiben. Seine beiden Genossen erwarteten mit sichtbarer Spannung den Ausgang dieses Wortwechsels.

Wir sind dreihundert Personen, darunter ungefähr hundertundfünfzig waffenfähige Männer, sagte Wolfram spöttisch. Was hindert uns, Sie hier von diesem Berge zu verjagen, der sehr hübsch liegt, und uns an Ihre Stelle zu setzen, oder Ihnen wenigstens das abzunehmen, was wir brauchen?

Was Sie hindert? fragte der Lord, näher an den jungen Mormonen herantretend. Erstens hindert Sie Ihr Pflichtgefühl, wenn Sie ein solches haben. Zweitens aber hindert Sie der traurige Umstand, daß ich gegen dergleichen Angriffe gerüstet bin. Sie und Ihre hundertfünfzig Mann würden sich den Kopf an diesen Mauern zerschellen. Nun ist mein Gespräch mit Ihnen zu Ende, junger Mann. Gehen Sie, wenn Sie nicht wollen, daß ich um Ihretwillen auch Ihre Genossen leiden lasse und ihnen verbiete, auf meinem Grund und Boden zu lagern.

Haha, verbieten können Sie es, aber wie es mit der Ausführung stehen würde, das ist die Frage! rief Wolfram lachend.

John! Jack! rief der Lord, sich von dem Unverschämten abwendend.

Zwei baumstarke Männer standen in demselben Augenblick neben dem Lord. Sie schienen plötzlich aus der Erde hervorgeschossen zu sein.

Werft diesen Menschen aus dem Hause und schafft ihn vor das Tor! rief der Lord, auf Wolfram deutend.

Im nächsten Augenblick, noch ehe Wolfram daran hatte denken können, sich zu verteidigen, war er bereits ergriffen und aus der Vorhalle verschwunden. Man hörte einen Fluch von ihm – das war alles.

Hillow und Wipky waren so bestürzt, daß sie es nicht wagten, ihm zu Hilfe zu kommen. Es wäre auch vergebens gewesen. Nur Hillow zuckte mechanisch nach dem Messer in seinem Gürtel. Vielleicht glaubte er, daß die Reihe auch an ihn kommen werde.

Meine Herren, sagte der Lord jetzt beinahe höflich, Sie haben gesehen, wie ich Unverschämte in meinem Hause behandle. Wollen Sie ebenso sprechen, so werden Sie dasselbe Schicksal haben. Sprechen Sie aber vernünftig, so werden Sie mich bereit finden, Ihnen Gehör zu schenken

Mylord, nahm jetzt der geschmeidige Wipky das Wort, lassen Sie uns und unsere Brüder nicht entgelten, was der junge Mann getan. Wir sind wirklich in einiger Verlegenheit und gebrauchen die Lebensmittel notwendiger, als Wolfram eingestehen wollte. Seit zwölf Wochen sind wir auf einer mühsamen Wanderung durch Wald und Gebirge. In einem Kampfe mit den Indianern verloren wir viel von unseren Gerätschaften, auch unseren Kompaß. So sind wir weit vom rechten Wege abgeraten und haben nun noch eine Wanderung von drei Wochen vor uns. Wenn Sie also die Gefälligkeit haben wollen, Mylord, uns einen Teil Ihrer Vorräte abzulassen, gleichviel, unter welchen Bedingungen, so werden Sie unserer Gemeinschaft einen großen Gefallen tun. Wir sind bereits stark, Mylord, und es ist nicht zu verachten, zu unseren Freunden zu gehören.

Gut! sagte der Lord, der sich wenig um diese gnädige Versicherung zu kümmern schien. Sie werden das Gewünschte erhalten. Sind Sie vielleicht der Führer der Mormonen?

Nein, Mylord, unser Führer Fortery ist krank, er kann nicht gehen. Er liegt unten in einem Zelte. Ich bin nur der Schriftführer, mein Name ist Wipky, Dr. Wipky. Dabei machte er eine Verbeugung. Es fiel dem Lord nicht ein, sie zu erwidern.

Die Vorräte werden fast mit Ihnen zugleich unten sein, sagte er dann. Adieu, meine Herren!

Als die beiden durch das Tor traten, sahen sie Wolfram im Dunkel der Nacht auf einem Steine sitzen. Er stand auf, als die beiden erschienen, und ging langsam, den Kopf trotzig emporgeworfen, voran. Eine halbe Stunde später erschien ein einzelner Mann bei der Wache. Er trug einen dunklen Hut mit breiter Krempe und einen langen Mantel. Die Wache fragte nach seinem Begehr.

Führt mich zu eurem Führer, sagte der Mann.

Er ist krank.

Ich weiß es, aber ich will ihn dennoch sprechen. Ich bin der Lord Hope.

Derselbe, der uns die Lebensmittel geschickt hat?

Derselbe.

Dann passieren Sie frei, Mylord. Das Zelt, auf dem die Fahne steckt, ist das Zelt unseres Führers.

Er kam unaufgehalten bis an das große Zelt mit der Fahne.

Der Lord trat in das Innere eines Zeltes, das den Umständen nach gut genug eingerichtet war. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem blassen Gesicht und lebhaften, unruhigen Augen lag auf einem Feldbett. Vor ihm stand eine von den Weinflaschen, die der Lord geschickt.

Lord Hope blieb beinahe eine Stunde bei dem Führer der Mormonen. Was sie zusammen gesprochen, erfuhr damals niemand. Eine der Frauen jedoch verriet dem Dr. Wipky, sie habe von der Unterredung freilich nichts verstanden, aber gesehen, daß der Lord dem Anführer eine Anzahl Billetts überreicht habe. Das hatte seine Richtigkeit. Der Lord hatte dem Mormonen hunderttausend Dollars in Bankbilletts gegeben und sich darüber eine Bescheinigung ausstellen lassen. Von den Mormonen erfuhr dies aber niemand. Der Führer sagte nur er habe sich tausend Dollars von dem Lord vorschießen lassen.

Als Lord Hope das Zelt verließ, stand Wipky vor dem Eingang und suchte in den Mienen des Lords zu lesen. Vergebens! Dieser Mann hatte seine Gesichtszüge zu sehr in seiner Gewalt.

Wenn Ihnen etwas daran liegt, Ihren Führer zu behalten – und er scheint ein tüchtiger Mann zu sein – so lassen Sie ihn auf der Reise nicht viel Wasser trinken! sagte der Lord zu Wipky, als sie beide durch das Lager gingen. Für seine Natur taugt Wasser nicht. Geben Sie ihm zuweilen Chinin.

Sie sind ein halber Arzt? fragte Wipky, der aufmerksam zuhörte. Ich bin nur Doktor der Theologie. Ich glaube mehr zu wissen als mancher Arzt, warf der Lord hin. Also hören Sie, wenig Wasser und zuweilen Chinin. Dagegen darf er keinen Rhabarber nehmen.

Das hat er bis jetzt getan, sagte Wipky, immer noch sehr aufmerksam.

Gut, er muß es jetzt lassen. Das würde ihn in vier Wochen töten!

Dabei warf er einen flüchtigen Blick auf Wipky, der seinerseits mit einem eigentümlichen Blick vor sich hinsah. Las der Lord in der Seele dieses Menschen? Wahrscheinlich. Sonst hätte er seinen Rat nicht gegeben. Was nötig war, den kranken Führer zu retten, das war viel Wasser und viel Rhabarber. Der Lord schien zu wissen, daß Wipky dem Führer beides in Überfluß geben würde, gerade weil er davon abgeraten. – –

Zwei Stunden später stand der Lord in einem Zimmer, das er selbst eingerichtet und das noch niemand außer ihm betreten hatte. Auf den ersten Blick ließ sich die Bestimmung dieses Zimmers erkennen. Es war ein Laboratorium. Der Schmelzofen, Tiegel, Retorten, Gläser, Phiolen, Lampen, hunderte von Büchsen, mit den verschiedenfarbigsten Stoffen angefüllt – nichts fehlte.

Ein Tiegel stand über dem rotglühenden Feuer, und in ihm brodelte und sickerte eine gelbliche Masse, auf der sich von Zeit zu Zeit eine schmutzige Schlacke bildete, die der Lord abschöpfte und in ein anderes Gefäß tat. Auf dem Herde lagen einige Klumpen von ähnlicher gelber Masse, zum Teil mit Erde überzogen, zum Teil blitzend, wie ein edles Metall.

Der Lord, dessen Wangen von der Glut des Feuers ein wenig gerötet waren, nahm jetzt den Tiegel vom Feuer und goß den Inhalt in eine längliche Form. Dann tat er einen Klumpen in den Tiegel und setzte ihn wieder auf das Feuer, das er zu stärkerer Glut anschürte.

Als die Masse in der Form erkaltet war, öffnete er sie und prüfte ihren Inhalt.

Hier kann kein Irrtum mehr obwalten! sagte er dann vor sich hin. Es ist Gold, reines Gold!

Wirklich reines Gold, Edmund? fragte eine sanfte und wohlklingende Stimme, und eine weiche Hand legte sich auf seine Schulter.

Du, Haydee? antwortete er, sich umwendend, ohne überrascht zu sein. Du bist mir nicht böse, daß ich dir gefolgt bin? Als wir in dies Haus eintraten, sagtest du, daß mir alle Türen offen ständen und daß ich dich sprechen könne zu jeder Zeit.

Ja, Haydee, das sagte ich, erwiderte der Lord mit einem so sanften Lächeln, wie man es bei ihm fast für unmöglich gehalten hatte. Und ich sage es noch jetzt.

Also, Edmund, fuhr sie fort, als du den ganzen Tag, von heute morgen an, dich nicht bei mir sehen ließest –

Das ist wahr! unterbrach sie der Lord überrascht. Ich war nicht bei dir.

Da dachte ich: du mußt wissen, was ihn beschäftigt und was er treibt, und ich kam zu dir.

Ich danke dir, sagte der Lord innig und drückte einen Kuß auf ihre Hand. Ich wäre noch gekommen. Der junge Spanier nahm heute den größten Teil meiner Zeit in Anspruch. Jetzt, Haydee, habe ich dir eine andere Mitteilung zu machen. Du siehst dieses Gold?

Ich sehe es, mein Herr und Gebieter! sagte sie lächelnd. Bist du zum Alchimisten geworden?

Ich habe dieses Gold nicht gemacht, nicht einmal entdeckt, ich habe es nur an das Licht des Tages gezogen.

Der Brunnen also, den du graben ließest, führte dich zu einer goldenen Quelle?

Er war nur ein Vorwand. Doch laß dir erzählen. Erinnerst du dich jenes Tages, als wir, mitten in den felsigen Einöden auf unserem Wege von New Orleans hierher, jenen Mann trafen, mehr eine Leiche schon als Mensch? Die Sonne brannte heiß auf den Kalkfelsen, nirgends ein grüner Halm, nirgends eine Quelle, nirgends ein schützendes Gesträuch. Mir bangte um dich, und selbst mein kaltes Blut begann zu sieden in diesem Glutofen. Da hörten wir ein Wimmern hinter einem Stein. Ich sprang vom Wagen, ging nahe hinzu und sah einen Mann, ein Skelett. Sein Auge brannte düster in den Höhlen, seine Haut war zusammengetrocknet wie eine Mumie, man sah seine spitzen Knochen durch die durchsichtige, gelbliche Haut schimmern.

Ach, Herr, sagte er, indem er sich bemühte, sich emporzuraffen. Ihr seid ein Bote des Himmels. Gebt mir einen Trunk Wasser.

Wasser? erwiderte ich. In dieser Wüste? Wißt Ihr, daß Wasser hier mehr gilt als flüssiges Gold? Ich weiß es, antwortete er und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Für jeden Trunk Wasser gebe ich einen Eimer flüssigen Goldes.

Ich ging und gab ihm einen Becher Wasser, der mit Wein gemischt war. Er nahm ihn, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm greift, und sog ihn gierig hinunter. Ich ließ ihn dann auf den Wagen tragen und gab ihm eins von meinen Mitteln, in der Hoffnung, daß er noch zu retten sei. Aber nach einer halben Stunde rief er mich.

Ich sterbe, sagte er mit verzweifelnder Stimme; ich weiß, daß ich sterbe. Ihr seid der einzige gewesen, der sich meiner angenommen hat, ich will es Euch lohnen, ich will Euch danken, mehr als ein König es könnte. Denn ich bin reicher als die meisten Könige auf dieser Welt, reicher als die Herrscher Indiens.

Ein leichter Schauder ergriff mich. Ich glaubte, der Wahnsinn spräche aus ihm.

Herr, sagte er dann, das sind die Wege Gottes! Ich bin ein Deutscher, meine Name ist Büchting. Ich hatte Frau und Kind, Amt und Brot; aber der Teufel blendete mich, ich faßte eine wahnsinnige Leidenschaft für meines Bruders Weib und erschlug ihn. Dann entfloh ich über das Meer nach Amerika. Jahrelang lebte ich im Osten, aber ich konnte die Menschen nicht mehr sehen, ich konnte es nicht mehr sehen, wenn Mann und Frau glücklich waren. Mich trieb es in die Öde, in die Einsamkeit. Ich wanderte nach Kalifornien und lebte dort an den Küsten, mir als Arbeiter mein Brot verdienend. Da ließ mich der Zufall einst, als ich ein Loch grub, um einen kleinen Beutel mit Geld darin zu verbergen, etwas entdecken, was mich zum Herrn der Welt machen würde, wenn ich weiter leben könnte. Ich fand Gold, gediegenes Gold. Ich grub weiter, und überall fand ich Gold, reines Gold. Da ergriff mich noch einmal eine wahnsinnige Lust zum Leben. Ich war reicher als Krösus, reicher als die Gebieter dieser Erde. Die Qualen meines Gewissens verstummten vor dem Glanz des Goldes. Ich konnte zurückkehren zu meinem Weibe, meinen Kindern, ich konnte alle glücklich machen. Zugleich aber ergriff mich eine wahnsinnige Angst, daß jemand mein Geheimnis entdecken und mit mir teilen könne. Ich nahm sechs Stücke von meinem Golde, ich wollte nach New Orleans, dort das Gold verkaufen, mich mit allem ausrüsten, dessen ich bedurfte, jenes Stück Land kaufen und dann in Ruhe und Frieden meine Schätze heben. Noch an demselben Tage machte ich mich auf den Weg. Ich kam glücklich bis in diese Wüste. Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich sie in einer Jahreszeit durchwandern mußte, in der es hier weder eine Quelle noch einen Menschen gibt. An andere Wanderer hatte ich mich nicht anschließen wollen, weil ich weiß, daß ich im Schlaf spreche, und weil ich fürchtete, mein Geheimnis zu verraten. Vor fünf Tagen schon fühlte ich den Durst und den Hunger in meinen Eingeweiden wühlen. Dennoch schleppte ich mich weiter. Bei jenem Stein endlich, wo Sie mich fanden, blieb ich heute morgen liegen. Meine Kraft war gebrochen. Ich weiß, daß ich sterben muß, sterben als der reichste Mensch dieser Erde. Aber es ist die Rache des Himmels, ich weiß es! Mein Geheimnis darf nicht mit mir sterben. Sie sind mein Retter gewesen, Sie wollten es wenigstens sein. Der Himmel hat Sie zu mir geführt. Gehen Sie nach Kalifornien. Es ist ein Berg dort, der Berg der Wünsche genannt, weil jeder, der auf jenem Berge steht und in das Tal zu seinen Füßen sieht, wünscht, es zu besitzen. Vom östlichsten Punkt des Berges schreiten Sie hundert Schritte nach Norden; dort werden Sie vier Steine finden, gleichsam zufällig dort so hingelegt, daß sie ein Viereck bilden. Zwischen ihnen graben Sie nach, und Sie werden Gold finden, mehr Gold, als irgendein König in seiner Schatzkammer hat. Nur eines versprechen Sie mir: erkundigen Sie sich nach meinem Weibe und meinen Kindern. Leben sie noch, so lassen Sie ihnen einen Teil der Schätze zufließen. Ich habe Papiere bei mir, aus denen Sie ersehen werden, woher ich stamme, und was Sie sonst zur Ausführung meines letzten Willens brauchen.

Seine Stimme wurde jetzt unklar, seine Gedanken verwirrten sich, und er brach in Phantasten aus, die jene Schätze zum Gegenstand hatten. Eine Viertelstunde darauf war er tot. Du weißt, daß wir ihn dort begraben ließen, in der Wüste, Haydee. Ein einfacher Stein bezeichnet die Stelle, wo er ruht.

Ich kam nach Kalifornien, ich fand den Berg der Wünsche und fand die vier Steine. In der Nacht grub ich nach und fand Gold. Ich grub an anderen Stellen, und überall fand ich Gold. Ich sah ein, daß dieser Mann recht gehabt, daß er reicher geworden wäre als irgendein Mensch in dieser Welt, wenn die Vorsehung es ihm gestattet hätte, diese Schätze zu besitzen. Aber auch ich fürchte die scharfen Augen meiner Leute, und um mich nicht zu verraten, ließ ich jenen Brunnen anlegen. In die innere, hölzerne Bekleidung des Schachtes machte ich heimlich nächtlicherweile eine Öffnung, und von dort arbeitete ich mich hindurch nach jenen unterirdischen Schätzen, die kaum tiefer liegen, als ein Mann hoch ist. Noch hatte ich das Metall nicht geprüft, obgleich ich es beim ersten Anblick für Gold hielt. Erst heute habe ich einige Stücke davon mit mir genommen und sie untersucht. Es ist Gold, reines Gold, und soviel ich ermessen kann, bin ich jetzt zwei-, vielleicht dreimal so reich als früher.

Und doch hielt man dich schon bisher für einen der reichsten Männer der Welt! sagte Haydee.

Ja, und mit Recht, erwiderte der Lord. Ich habe bereits an einen meiner Bekannten in Deutschland geschrieben, um die Familie jenes Mannes zu ermitteln. Ich muß in kurzer Zeit Nachricht haben. Seinen Papieren nach war er ungefähr fünfzig Jahre alt, und seine Kinder, ein Sohn und eine Tochter, müssen jetzt erwachsen sein. Gelingt es mir, sie zu finden, so will ich ihnen so viel von diesem Golde geben, als gewöhnliche Menschen ertragen können, aber nach und nach, sonst würde dieses Gold sie unglücklich anstatt glücklich machen.

Und du selbst, Edmund, du schienst bewegt, als du sahst, daß dieses Gold rein und echt sei.

Ja, Haydee, sagte er, ich bin bewegt, und dir will ich es sagen. Du kennst mein Leben, du weißt, was ich erduldet, welche Verbrechen ich zu rächen gehabt habe. Mir, dem ohnmächtigen, unwissenden und verlorenen Menschen, mir gab die Vorsehung Mittel und Wege, aus der Dunkelheit des Kerkers, aus der Nacht meiner Unwissenheit emporzusteigen, mir führte die rächende Nemesis jenen Abbé Faria entgegen, der aus dem armen törichten Edmund Dantes den gewaltigen, alles beherrschenden Grafen Monte Christo schuf. Was ich später geworden bin und getan habe, es war alles mehr oder weniger sein Werk. Und doch hatte ich damals nur einen Gedanken. Die Schätze, die mir der Abbé hinterließ, als er im Kerker starb, sie sollten nur dazu dienen, mich selbst zu rächen, den Tod meines Vaters, den der Hunger in das Grab gedrängt, zu sühnen. Du weißt, was aus jenem Ferdinand geworden, der mich verriet, weil er mir meine Geliebte mißgönnte, der mich verleumdete, wie er deinen armen Vater verraten. Er hat sich selbst den Tod gegeben, nachdem sein Weib und sein Sohn sich von ihm gewandt, ihn seiner Schmach überlassend. Du weißt, wie ich mich an Danglars gerächt, der ihm jenen teuflischen Plan eingegeben, mich als einen Anhänger der Bonapartisten zu verdächtigen. Er ist arm in Rom, nachdem er in Paris einer der reichsten Bankiers gewesen. Seine Gattin hat ihn verlassen, seine Tochter ist ihm entflohen, nachdem sie beinahe die Frau eines Galeerensträflings geworden wäre. Jener Villefort aber, der mich auf ewig in die unterirdischen Kerker des Schlosses d'If werfen lassen wollte, damit ich niemals verraten könne, daß sein Vater ein Anhänger Napoleons gewesen – jener Villefort, nun, du weißt es, er ist jetzt wahnsinnig in unserem Hause, sein Weib, sein Sohn sind tot. Nur Valentine, seine Tochter, ist gerettet, ohne daß er es weiß. Alle meine Feinde, einst emporgestiegen zu den höchsten Ehren, liegen jetzt im Staube. Ich wurde das Werkzeug der Vorsehung. Ich habe triumphiert. Vielleicht, vielleicht bin ich zu weit gegangen. Dann aber werde ich mein Unrecht wieder gutzumachen suchen, ich werde es, ich weiß, daß ich es kann.

Nun, Haydee, das alles tat ich, weil ich mir selbst geschworen, das Unrecht, das man mir angetan, zu rächen. Meine Schätze reichten aus für meine persönliche Rache. Aber in den zehn Jahren, in denen ich nach meiner Befreiung aus dem Kerker die Welt durchstrich, während meines Aufenthalts unter jenen Leuten, die sich für die Klügsten und Besten der Erde halten, in Paris, in diesem Brennpunkt der sogenannten zivilisierten Welt, habe ich begriffen und einsehen gelernt, daß es noch ein anders Unrecht zu sühnen gibt als das meine, daß Tausende so elend sind, wie ich war. Nicht, daß ich sie rächen, nicht, daß ich die Ordnung der Welt, wie sie besteht, umwerfen könnte – ich bin nur ein Mensch, kein Gott! Aber ich habe Pflichten gegen die Menschheit, und zuweilen bedünkt es mich, als sei es von mir kleinlich gedacht gewesen, über meinem eigenen Unglück das der anderen zu vergessen, und meine Schätze nur dazu anzuwenden, meine eigenen Pläne auszuführen. Haydee, es muß etwas Neues, etwas anderes in die Welt! Neues Blut in diese alten, zusammengeschrumpften Adern, neues Leben in diesen siechen Körper! Als ich von Europa schied, wußte ich es bereits, und das Herz war mir schwer, denn ich glaubte, meine Kräfte seien zu gering, das auszuführen, was mir damals vorschwebte. Nicht der Zufall führte mich mit jenem Sterbenden zusammen – die Vorsehung war es, die meine schlummernden Gedanken kannte! Jetzt glaube ich, kann ich das tun, was ich damals für zu schwer hielt, wozu meine Mittel nicht ausreichten. Wie ich es ausführen soll, was ich tun muß, um die Schuld an die Menschheit abzutragen, die jeder Mächtige ihr schuldet – noch weiß ich es nicht. Es schwebt mir erst unklar und verworren vor. Aber diese Gedanken werden sich kristallisieren, sie werden eine bestimmte Form annehmen. Haydee, als Graf von Monte Christo rächte ich, was man mir und meinem Vater getan, als Lord Hope will ich meinen Namen zur Wahrheit machen, will ich der Welt die Hoffnung wiedergeben, will ich die Leidenden erfreuen, die Kranken trösten und heilen, die Mutlosen ermuntern, die Schwachen kräftigen. Was der Welt fehlt, das ist die Gerechtigkeit. Ich will versuchen, den Altar wieder aufzurichten, den die Begierden, die Schwäche und der Eigennutz der Menschen umgestürzt – den Altar der irdischen Gerechtigkeit! Möge mir die himmlische gnädig sein und möge sie mich in meinem Beginnen unterstützen!

Der Lord schwieg. Haydee war zitternd und blaß vor ihm auf die Knie gesunken.

Ein leiser, feiner, klingender Ton erklang an der Decke.

Steh auf, Haydee, sagte Lord Hope, das holde Weib zu sich emporziehend. Ali will mich sprechen. Er klopft an meine Tür. Laß uns jetzt die Träume der Zukunft vergessen und an die Wirklichkeit denken.

Er zog sie mit sich fort, nicht wie ein Jüngling stürmisch seine Geliebte – wie ein Mann, der es weiß, daß der größte Schatz der Welt an seinem Herzen ruht.

Willst du zu mir, Ali? fragte der Lord, als er nach seinem Schlafzimmer zurückgekehrt war.

Ein zweites Klopfen bejahte die Frage. Ali konnte nicht anders antworten. Er war stumm.

Der Lord öffnete. Ali fragte durch ein Zeichen, ob der Intendant vor dem Herrn erscheinen dürfe.

Edmund bejahte es. Es muß etwas Außerordentliches vorgefallen sein. Derartige nächtliche Störungen kamen nur selten vor. In Kalifornien war es das erstemal.

Der Intendant, früher Signor Bertuccio, jetzt Master Hakey genannt, erschien.

Mylord, sagte er, ein Klopfen am Tor benachrichtigte die Wache, daß jemand draußen sei. Es ist eine Frau, sie sagt, daß sie aus dem Lager der Mormonen komme und Sie dringend zu sprechen wünsche.

Führe sie herein, sagte der Lord.

Eine weibliche, ganz verhüllte Gestalt trat ein. Lord Hope erkannte auf den ersten Blick dieselbe, die er unten im Lager der Mormonen an dem Feuer gesehen, an dem auch Wolfram saß.

Sobald sie diesen erblickte, schlug sie den Schleier zurück und warf sich ihm mit einer hastigen und leidenschaftlichen Gebärde zu Füßen.

Mylord! rief sie in englischer Sprache. Was Sie auch über mein Schicksal bestimmen mögen – lebend verlasse ich dieses Schloß nicht. Sie müssen mir hier ein Asyl gewähren, oder ich töte mich!

Der Lord behielt äußerlich seine Ruhe, obgleich ihn diese Anrede überraschen mußte. Er schwieg, und sein Blick senkte sich lange und scharf beobachtend auf die Fremde. Ihre Züge waren schön, aber Gram und Kummer hatte in ihnen schärfere Linien gezogen, als es ihre Jugend sonst erlaubt hätte. Ihre Farbe war fast marmorweiß, ihr Auge vom schönsten, reinsten Blau, ihr Haar goldenlockig. Jetzt glänzten ihre Augen im feuchten Glanz hervorquellender Tränen, ihre Lippen zuckten schmerzlich, und ihre gefalteten Hände erhoben sich flehend zu dem Lord.

Was er in ihren Augen, in ihren Zügen gelesen hatte – sein Gesicht verriet es nicht. Aber er sagte:

Sie sollen mein Haus nicht verlassen, wenn es Ihnen Schutz bieten kann. Stehen Sie auf, Mylady!

Der Lord hatte einen Sessel neben sie gerückt. Sie bemerkte ihn jetzt und richtete sich mit der Hand daran empor, als ob sie sehr schwach sei. Dann sank sie auf den Sitz nieder.

Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Aber er ist seltsam. Sie werden es natürlich finden, daß ich Sie um eine Erklärung bitte.

Als ich dieses Schloß sah, als ich von Ihrer Mildtätigkeit hörte, als ich Sie durch das Lager wandeln sah und Gelegenheit hatte, die Kraft und Mäßigung zu beobachten, mit der Sie gegen Wolfram auftraten, den ich jetzt von ganzer Seele verachte – da reifte der Entschluß in mir, zu fliehen, Ihnen mein Schicksal anzuvertrauen. Es war, als sagte mir eine Stimme, daß Sie ein Mittel finden würden, mich aus diesem Elend zu retten.

Und sie erzählte ihre Geschichte. – –

Sie werden in diesem Hause bleiben, Mademoiselle! sagte der Lord. Ich fürchte weder die Mormonen noch ihre Nachforschungen. Aber zuerst müssen Sie wissen, bei wem Sie sind, Mademoiselle!

Oh, ich weiß es, rief die Französin. Bei dem großherzigsten, dem edelmütigsten Manne.

Vielleicht irren Sie sich, sagte der Lord mit einem so düstern Gesichte, daß Amelie beinahe erschrak. Vor beinahe dreißig Jahren – doch die Zeit tut nicht viel zur Sache – befand sich in Marseille ein ganz junger Mann, hoffnungsvoll, lebenslustig. Er hatte Glück gehabt. Der Herr seines Schiffes – denn dieser junge Mann war ein Seemann – zufrieden mit seiner Führung, wollte ihn zum Kapitän ernennen. Mehr noch, der junge Mann stand im Begriff, sich zu verheiraten mit einem schönen, jungen Mädchen, das ihn über alles liebte. Es gab einzelne Menschen, die ihn um dieses Glück beneideten. Zu diesen gehörte ein gewisser Danglars, Rechnungsführer auf dem Schiffe, der ihn um die Kapitänsstelle beneidete, und ein gewisser Ferdinand, der Vetter seiner Braut, der das schöne Mädchen selbst liebte und es dem Seemann nicht gönnte. Die beiden verabredeten ein Komplott. Danglars schrieb eine Denunziation, in welcher der junge Mann für einen Agenten der bonapartistischen Partei ausgegeben wurde, Ferdinand übergab die Denunziation an die Behörde. Der junge Seemann wurde in dem Augenblicke verhaftet, in dem er mit seiner Braut, Mercedes hieß sie, zum Altar schreiten wollte. Unglücklicherweise trug er wirklich einen Brief bei sich, der an einen Anhänger Napoleons in Paris gerichtet war, an einen gewissen Noirtier. Er kannte weder den Inhalt noch die Bestimmung dieses Briefes; er erfüllte, indem er seine Besorgung übernahm, nur ein Versprechen, das er seinem sterbenden Kapitän gegeben. Der Staatsanwalt am Gerichtshofe zu Marseille, Herr von Villefort, aus Klugheit ein Anhänger der Bourbonen, schien auch geneigt, dem jungen Manne Glauben zu schenken. Aber jener Noirtier, ein alter und zäher Anhänger Napoleons, war sein Vater. Kam der Brief zu den Akten, so war die Laufbahn des jungen ehrgeizigen Juristen vernichtet. Er zerriß also den Brief, und um jedes Zeugnis davon zu vernichten, daß sein Vater noch immer für Napoleon konspiriere, schickte er den jungen Seemann in die unterirdischen Kerker des Schlosses d'If bei Marseille und befahl, ihn dort für ewig festzuhalten. In der Tat