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Der junge Julius von der Lancken ist auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, doch er findet nicht die gewünschte Erfüllung. Mit seiner Idee, einen Park mit einem Garten zu erschaffen, wird er zum Fantasten abgestempelt. Von seinem Vorhaben überzeugt, entwickelt er eine beachtliche schöpferische Energie. Mit Beharrlichkeit und unter allergrößten Anstrengungen gelingt es ihm, auf sumpfiger Heide und kargem Land im Jahre 1795 seinen Landsitz Juliusruh zu gründen. Den jungen Julius erwartet ein Dasein jenseits seiner Vorstellung. Er durchlebt eine bewegte Zeit, die letztendlich eine überraschende Wendung nimmt.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ute Knauth
Der Herr vom
Park in Juliusruh
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2012
Bibliografische Information durch die Deutsche
Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Illustrationen © Mara Kayser
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die den Park in Juliusruh und seinen landschaftlichen Reiz schätzen, lieben und genießen.
Zeit, wo kommst du her – wo gehst du hin? Bleibst du nicht auch manchmal stehen, so dass wir meinen, dich festhalten zu können? Bisweilen scheint es, als wäre längst Vergangenes wieder so nah. Ein sanfter Lufthauch vielleicht, ein Sonnenstrahl, das Zwitschern unzähliger Vögel und das Rauschen der Blätter hoher Bäume. Wehten mit dem Wind nicht auch Worte und ein helles Lachen herbei und gar das Trappeln von Pferden? Ach, wie schön ist es doch, zu träumen. Die Träume nehmen Gestalt an, werden lebendig. Ein märchenhafter Park beginnt leise eine Geschichte zu erzählen. Es ist seine Geschichte und die eines jungen Mannes: Verträumt schreitet der schlanke, junge Mann einen der zahlreichen Parkwege entlang. Sein blondes welliges Haar reicht ihm bis zur Schulter und wird ab und zu vom Wind erfasst. Der junge Mann bleibt stehen und sein schön geschwungener Mund lächelt sanft. Die hellen, strahlenden, blauen Augen erfassen die zahlreichen Bäume des Parks. Es ist ein wunderschöner Park. Und es ist sein Park. Er, Julius von der Lancken, hat ihn erschaffen. Es war ein Traum, ein Wunsch und eine große Sehnsucht von Julius, gleich neben der Ostsee, am Tromper Wiek, diesen Park entstehen zu lassen. Er schlendert gemächlich ostwärts. Dort liegt das Meer mit seinem weißen Sandstrand. Julius von der Lancken betritt die Dünen und sein Blick schweift über das Wasser. Der Sonnenschein gibt dem Meer eine blaugrüne Färbung. Die Wellen rollen sanft an den Strand und plätschern leise, fast wie ein ständig wiederkehrendes Lied. Der junge Mann auf der Düne atmet den salzigen Duft der Ostsee ein. Er ist in Gedanken. Er, Julius von der Lancken, ist gerade einmal 28 Jahre alt. Er denkt oft über das Leben nach und was wohl der Sinn dessen ist. Oft weilt er in der Vergangenheit, denn sie hat sein Leben geprägt. Und dieses bewegte Leben ließ in Julius den Entschluss reifen, an genau dieser Stelle seinen Alterssitz zu erschaffen, seinen Landsitz Juliusruh, den er im Jahre 1795 gründete. Gehen wir doch gemeinsam auf eine Zeitreise, um zu erfahren, wie alles begann …
Der Winter war in diesem Jahr hart. Er war eisig kalt und brachte so viel Schnee wie lange nicht. Natur und Mensch haben schwer darunter gelitten. Aber an einem solch wunderschönen Tag wie heute ist das alles vergessen. Es ist Mitte Mai. Es duftet nach Flieder und nach tausend anderen Aromen. Alles fügt sich wie bei einem Symphonieorchester und es entsteht ein wundervolles Arrangement. Ich bin wieder in dem Park, den ich so sehr liebe: Im Park in Juliusruh. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint und es weht ein leichter Wind, der die Blätter der Pappeln ganz leise klappern lässt.
Alles ringsum ist still. Die Nebelkrähen laufen stelzend und erhaben auf den schattigen Wiesen entlang. Zahlreiche Vögel singen leise, aber die Enten, die haben wohl untereinander etwas zu klären und schnattern und machen und jagen sich unaufhaltsam. Plötzlich werde ich aus diesem Schauspiel in die Wirklichkeit zurückgerufen. Ein Mann mit einem Dackel an der Leine grüßt mich freundlich. Ich muss lachen und grüße ihn zurück.
Der Mann sagt: „Ist das nicht wundervoll, dieser Park hier und das Wetter? So etwas von einer Natur!“ Er freut sich und fährt fort: „DAS KANN MAN SICH NICHT KAUFEN!“ Er wedelt wie zum Gruß mit der Hand und ist mit seinem Dackel auch schon in einem der zahlreichen Parkwege verschwunden.
Ich stehe einfach da. Dass es Menschen mit solchen Empfindungen heute noch gibt! Und ich frage mich wie schon so oft, was wohl der Begründer dieses Parks, Julius von der Lancken, dazu sagen würde, wenn er einfach nur die Bemerkung des Mannes mit dem Dackel gehört hätte. Was würde er empfinden, wenn er wüsste, dass seine Idee, sein Lebenswerk, noch heute so viel Wohlbefinden, Freude, Behagen, Zuneigung und Liebe findet?
Erfreulicherweise verkündet im Park ein Gedenkstein dem Betrachter, wem all das zu verdanken ist und wer es war, der mit endloser Beharrlichkeit diesen Park hat entstehen lassen. Gehen wir doch einer Geschichte nach und lassen sie vor unseren Augen Revue passieren. Verfolgen wir eine Historie und ein Schicksal. Beides begann auf dieser Insel.
Es ist eine Insel, die uns in überschwänglicher Weise in ihren Bann zieht. Sie ist keine gewöhnliche Insel, denn ihre Schönheit und Vielfalt entspringt ihrer Landschaft und ihrer Gliederung. So ist die Küste durch zahlreiche Meeresbuchten, den Bodden und Wieken sowie den vorspringenden Halbinseln und Landzungen gezeichnet. Die Bezeichnung Archipel ist durchaus treffend, denn Rügen besteht aus einem Kernland, um das sich weitere Inselkerne gruppieren, die durch Nehrungen mit dem Kernland verbunden sind. Das Meer, das uns mit vielen Gesichtern begegnet, hat dieses Land geformt. Eisige Winter, Stürme und Orkane, aber auch heiße und trockene Sommer haben nicht nur die Landschaft, sondern auch die dort lebenden Menschen geprägt. Und alles, was ein Mensch vom Leben mit sich nimmt, sei es Freude, Leid, Erleuchtung oder Enttäuschung, eine spezielle Erkenntnis, eine Freundschaft oder eine heimliche Liebe – all das prägt das Leben letztendlich.
Und so auch den Helden dieser Geschichte, Julius von der Lancken.
„Julius, Julius, wo bist du?“, rief eine helle Frauenstimme.
„Er ist im Garten, unter seinem Lieblingsbaum, und er hat die Katze dabei.“
Es war Friederica, Julius’ älteste Schwester, die der Mutter antwortete. Die Mutter machte sich stets Sorgen um Julius. Er war ein so wundervoller Junge mit Sinn und Verstand. Aber er war schwermütig und liebte die Einsamkeit. Dabei konnte er so offenherzig sein und sich begeistern, wenn es um künstlerische und wissenschaftliche Angelegenheiten ging. Antoinette Maria Margarethe von der Platen, die mit dem Kammerherrn Friedrich Christian von der Lancken schon viele Jahre verheiratet war, schätzte das gute eheliche Miteinander, sie liebte ihren Mann und er sie. Beide übertrugen ihre gegenseitige Liebe von Anfang an auf ihre Kinder. Und in dieser Stimmung fand sie ihren Sohn unter seinem Lieblingsbaum, einer mächtigen Linde, vor. Julius saß, an den Baumstamm gelehnt, und hatte die Katze im Arm. Er liebkoste und streichelte sie. Was für ein wundervolles Bild sich da der Mutter bot. Aber sie erkannte daran, wie viel Liebe Julius brauchte und suchte.
Sanft sagte sie: „Julius, komm mit ins Haus. Hille hat sich so viel Mühe mit dem Mahl gemacht. Wir sollten sie nicht enttäuschen.“
Mit hellen blauen Augen sah der Junge seine Mutter an und sprang sofort auf. Sogar die Katze war etwas erschrocken. Aber die alte Hille, die das Hauswesen der Familie schon so viele Jahre betreute, sollte nicht warten müssen. Julius liebte sie innig und ging oft mit seinen tiefsten Sorgen zu ihr. Obwohl er noch ein Kind und gerade einmal 15 Jahre alt war, spürte Julius, wenn sich jemand Mühe gab und sich Arbeit machte. Er selbst widmete sich seinen Aufgaben oder Ideen mit viel Hingabe und Aufopferung.
„Oh, Hille, fein!“, rief Julius, als er das Mittagsmahl sah.
Es duftete köstlich. Hille hatte eine einfache Hauskost wieder trefflich zubereitet. Obwohl die Familie von der Lancken sehr wohlhabend war, stellte sie sich mit all denen, die im Hauswesen, der Landwirtschaft, der Fischerei, der Gärtnerei und in allen anderen Gewerken tätig waren, gleich. Denn der Vater von Julius war einst selbst Königlich Schwedischer Kammerherr. Er kannte das Leben als Untertan und wusste, wie es ist, in Geist und Handlung nie frei sein zu dürfen. Friedrich Christian von der Lancken mochte alle seine Untertanen, doch den begrifflichen Sinn der Bezeichnung mochte er nie. Und so war es eben auch heute, dass die Familie von der Lancken alles Personal zu Tisch hatte.
Hille hatte Kartoffeln grob gestampft und Heringe aus frischem Fang gebraten. Das war etwas, das allen vorzüglich schmeckte. Plötzlich klopfte es an der Tür des Hauses in Lanckensburg, wo die Familie zurzeit lebte. Ein schlanker junger Mann stürzte in den Raum und verkündete nahezu atemlos, dass der Herr Hauslehrer Theobald Kosegarten aus Altenkirchen da sei.
„Na, dann herein mit ihm!“, rief der Hausherr freudig und die alte Hille lief ebenso freudig los, um die Speise für den Gast ganz frisch zu holen.
Der junge Mann, der den Gast angekündigt hatte, wurde ebenfalls gebeten, zur Tafel zu kommen und dies auch künftig ganz gewiss beizubehalten! Das freute Julius, denn der junge Mann namens Tetjen war Gärtner und ein wirkliches Genie. Doch seine Schüchternheit konnte er einfach nicht überwinden. Und so kam es, dass auch Kosegarten auf ihn aufmerksam wurde. Theobald Kosegarten, der Lehrer der Geschwister von der Lancken, begann sich auch gleich über Anpflanzungen und die Landwirtschaft mit ihm zu unterhalten. Das war auch die Leidenschaft von Julius und sofort begann eine lebhafte Unterhaltung zwischen einem Gelehrten, einem, der das Wissen und die Erfahrung hatte, und einem, der so gern viel mehr gewusst hätte. Für Julius waren solche Stunden die schönsten. Er wollte immer etwas lernen, vor allem von den Menschen, die ihm wichtig waren. Und so ging das gemeinsame Mittagsmahl recht lebhaft zu Ende.
„Lieber Kosegarten, lassen Sie uns doch noch auf eine kurze Zeit in die Bibliothek gehen“, sagte der Hausherr.
Kosegarten folgte dieser Aufforderung gern, denn so viele Bücher, auf die er auch zugreifen durfte, hatte er noch nicht gesehen. Aber er spürte, dass Friedrich Christian von der Lancken etwas mit ihm besprechen wollte, und sagte: „Lieber Freund, nun heraus mit der Sprache, was drückt Ihr Herz?“
„Ach, wisst Ihr, es geht mir um Julius. Er ist so anders als seine Brüder. Friedrich und Gustav sind ganz normale Jungen und sich sehr ähnlich. Carl und Ehrenfried sind manchmal ganz schlimme Lausbuben, aber liebenswert. Ja, und Gottlieb, unser jüngster Sohn … da glaube ich, sollten wir gespannt sein. Sein Sinn für Gerechtigkeit gefällt mir. Aber Julius übertrifft all das noch. Er ist so weichherzig. Dabei überrascht er oft mit seinen Ideen, die ihn begeistern. Plötzlich geht er aus sich heraus und zeigt einen so festen Willen, lieber Freund, da kann nicht einmal ich mithalten.“
Es klopfte zaghaft an der Tür. Die alte Hille betrat vorsichtig die Bibliothek und bat darum, den beiden Herren einen Wein bringen zu dürfen.
Der Hausherr lachte: „Wenn wir unsere Hille nicht hätten … Hille, komm herein und nimm nachher selbst ein Glas Wein für dich. Und hab vielen Dank.“
Kosegarten nickte anerkennend: „Mein Lieber, da haben Sie ein wahres Goldstück im Haus.“
Beide kosteten den Wein und kamen auf das Anliegen des Hausherrn zurück: „Was können Sie mir raten, lieber Kosegarten? Wie kann ich dieser Begierde meines Sohnes nach Wissen entsprechen? Bitte gebt mir einen Rat. Ihr selbst wurdet in klassischen Sprachen gelehrt und habt Theologie studiert. Euer Wissen ist so umfangreich.“
Kosegarten sagte: „Da muss ich nicht lange nachdenken. Wenn es Ihnen finanziell möglich ist, sollten Sie ihm akademische Lehrjahre ermöglichen und finanzieren. Hierzu gibt es viele Möglichkeiten. Das scheint mir das Beste für die Begabung von Julius zu sein.“
Die Männer plauderten noch den ganzen Nachmittag über Politik, Kultur und das ihnen bekannte Weltgeschehen, bevor sich Kosegarten zurück nach Altenkirchen begab.
Und so kam es, dass der Vater seinem Sohn 1783 testamentarisch eine Vorauszahlung von 2.000 Talern zur Erleichterung seiner akademischen Lehrjahre einrichtete.
Nach seiner Schulausbildung begann Julius sein Studium. Aber trotz allen Interesses fand er nicht die erwartete geistige Erfüllung darin. Seine innere Unruhe ließ ihn stets zweifeln, so dass er selbst nicht genau wusste, was für ihn gut und richtig ist. Er wollte gern etwas Besonderes, Großes tun, aber er wusste nicht, was das sein könnte.
Einige seine Brüder hatten inzwischen die Laufbahn als Offizier eingeschlagen. Julius entschloss sich, ihnen nachzueifern. Hier nun begann für ihn eine seelische und weltanschauliche weite Reise, die sein Leben entscheidend prägen sollte.
Zunächst trat Julius als Junker in das preußische Infanterie-Regiment Nr.11 ein, das damals „von Voss“ genannt wurde und in Königsberg bei Ostpreußen stand. Zur großen Freude von Julius trat auch bald sein jüngerer Bruder Carl in das Regiment ein. Seinen Bruder bei sich haben zu können, war für Julius wie ein Geschenk. Ein Geschenk, das er Heimat nannte, denn seine Sehnsucht nach Rügen war groß. Aber das Schicksal meinte es nicht gut und für Julius begann eine Zeit, die seiner Seele einen starken Schmerz zufügte.
Sein jüngerer Bruder Carl, der inzwischen Fähnrich war, wurde am 1.8.1785 morgens tot aufgefunden. Es wurde festgestellt, dass er von seinem Diener, der ihn nachts berauben wollte, erwürgt worden war. Julius konnte das nicht fassen und verstehen. Das furchtbare Ende seines Bruders lastete fortan schwer auf seinem Gemüt, was dazu beitrug, dass er sich entschloss, die preußischen Dienste aufzugeben. Immer wieder fragte sich Julius nach dem Sinn des Lebens – seines Lebens. Er brauchte Nähe, und weil er mit all dem, was ihn umgab, nicht mehr zurechtkam, erbat er seinen Abschied. Zurück in seine schwedische Heimat wollte er.
