Der Herzschlag einer anderen Welt - Petra P. Hasler - E-Book

Der Herzschlag einer anderen Welt E-Book

Petra P. Hasler

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Beschreibung

Die Autorin Ana schreibt gerade an ihrem Manuskript über die junge Magierin Arithmene, als die Schurken aus ihrer eigenen Geschichte sie entführen. Sie kann entkommen, steckt aber nun in der ebenso vertrauten wie fremden Welt ihres Manuskripts fest. Mit Hilfe einer sarkastischen Wanderheilerin und eines charmanten Meisterdiebs heckt sie einen Plan aus, um ein Amulett zu stehlen, mit dem sie wieder nach Hause zurückkehren kann. Und das ist nur der Anfang!

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Seitenzahl: 559

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Petra Priska Hasler

Der Herzschlag

einer anderen Welt

Petra P. Hasler

Der

Herzschlag

IMPRESSUM

1. Auflage 2022

© Wortschatten Verlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Wortschatten Verlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

[email protected]

0049 (0)241 87343400

www.wortschatten.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druckerei und Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat:

Kim Colling

Satz- und Umschlaggestaltung:

Yessin Saad

Druckbuch:

ISBN-10: 3-96964-026-1

ISBN-13: 978-3-96964-026-5

E-Book:

ISBN-10: 3-96964-027-X

ISBN-13: 978-3-96964-027-2

Für Ruria und alle Schreibseelen dieser Welt.

Kennt ihr diese Träume, in denen ihr in die Tiefe stürzt und fallt und immer weiter fallt? Und in dem Moment, wenn ihr auf dem Boden aufschlagt, schreckt ihr keuchend aus dem Schlaf? Mit so einem Traum fing alles an …

Ich riss die Augen auf und blickte auf grauweiße Schalenwände, die meinen Körper nicht einmal eine Armlänge über mir umschlossen. Im ersten Moment fühlte ich mich wie in einem Sarg. Mit jedem Pochen meines Herzens kehrte mein Verstand mehr und mehr ins Wachbewusstsein zurück, bis mir klar wurde, wo ich war. Ich lag in meinem Bus, direkt unter dem schräg aufgestellten Hochdach. Nachdem mein Puls sich langsam beruhigt hatte, drehte ich mich zur Seite und öffnete den Reißverschluss am Sichtfenster. Alles war weiß, der Morgen vollkommen im Nebel verschlungen. Für die meisten vermutlich nicht gerade eine Einladung, aus dem Bett zu steigen. Ich aber rieb mir über meine kalte Nasenspitze, rappelte mich auf und kletterte über den Fahrersitz nach unten. Als ich gestern am See gewesen war, hatte sich der Morgennebel gerade zurückgezogen und dies war schon ein unglaubliches Schauspiel gewesen. Wie mystisch musste es erst heute aussehen, wenn der weiße Schleier den Morgen noch vollkommen verhüllte!

Ich zögerte nicht, trank nicht einmal Kaffee, sondern schlüpfte in bequeme Hosen und zog mir meinen Mantel mit Kapuze über. Außerdem schnappte ich mir Notizblock, Stift und Handy für Fotos und steckte alles zusammen in einen kleinen Rucksack. Dann schwang ich ihn mir um die Schultern, öffnete die seitliche Schiebetür und hüpfte nach draußen.

Der Morgen wirkte wie ein Traumgebilde. Nebelzungen strömten von unten, vom Ottensteiner See, den kleinen Waldhang hinauf bis zum Campingplatz. Kein Mensch war zu sehen, nur Wohnmobile und Zelte. Alles war so wunderbar still. Selbst meine Schritte wurden vom Nebel gedämpft, während ich den steinigen, von Wurzeln gesäumten Pfad nach unten trat. Am Ufer des Stausees angekommen, lag das Wasser im weißen, zitternden Schleier verborgen. Ich blieb stehen und nahm einige tiefe Atemzüge, dann setzte ich mich auf den großen Stein am Ufer. Im September war der Herbstbeginn schon zu spüren, aber es war immer noch warm genug, um hier zu sitzen. Lange Zeit tat ich nichts anderes, als in das Weiß zu blicken. Das Schleierhafte, Ungewisse schien wie eine Brutstätte von Möglichkeiten, wie ein unbestimmtes Feld von Eventualitäten und Ideen.

Allmählich färbte sich der Nebel in ein feines Orange, doch er blieb weiterhin so dicht, dass er meine Sicht schummrig machte. Meine Augen klammerten sich an das einzig Feste, das sie erspähen konnten: einen im Wasser treibenden Stock. Ich kramte aus meinem Rucksack Notizblock und Stift hervor und setzte, ohne bewusst zu denken, den Stift aufs Papier. Wie von selbst begann meine Hand sich zu bewegen:

Wenn du bereit bist, alles aufzugeben,

werden sich dir neue Welten auftun.

Als ich diese Zeilen schrieb, hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie sehr sie den Lauf meines weiteren Lebens bestimmen sollten. Ich hatte noch keine Idee, was es bedeutete, alles – wirklich alles – aufzugeben, und nicht die leiseste Vorstellung, welche Welten sich mir auftun würden.

Vielleicht sollte ich mich an dieser Stelle erst einmal vorstellen. Mein Name ist Anastasia, aber die meisten nennen mich Ana. In jenem Moment am See war ich 34 Jahre alt und fühlte mich wie dieser im Wasser treibende Stock. Ich hatte gerade meine neunjährige Beziehung zu Jan beendet und würde in der kommenden Woche eine kleine Wohnung in Wien beziehen. In der Zwischenzeit lebte ich in meinem Campingbus und erkundete damit das sagenumwobene Waldviertel. Außerdem war mein Vater in Pension gegangen, hatte seine Finanzberatungskanzlei geschlossen und somit war ich arbeitslos. Mit meinen 34 Jahren fühlte ich mich so verloren wie noch nie, gleichzeitig wusste ich aber, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem sich alles neu formen sollte.

Langsam drang die Sonne durch die Wolkendecke und brachte Bewegung in den Nebel. Wie Rauchschwaden trieb er übers Wasser und sammelte sich links von mir zu einer mattorangenen Masse. Zu meiner Rechten war er so weit auseinandergestoben, dass er die Halbinsel enthüllte, auf der, eingebettet in Büschen und Bäumen, die Ruine Lichtenfels hockte. Die Sonnenstrahlen trafen auf den hellen Stein der Mauern. Trotz ihres Zerfalls wirkte die alte Burg so beeindruckend, dass sie meinen Blick mehrere Momente lang gefangen hielt.

Die andächtige Stille des Augenblicks kroch tief in meine Knochen, sie kribbelte durch mein Blut und ich spürte dieses ganz besondere Gefühl in meinem Herzen: etwas Magisches, Weites, das ein wenig nach Verliebtsein schmeckte, mich aber unweigerlich aufseufzen ließ. Ich kannte dieses Gefühl, ich hatte es schon oft genug gespürt. Es war wie ein Schlüssel zu einer anderen Welt. Der Moment, wenn sich mir eine neue Geschichte aufdrängt und ohne jede Vorwarnung meinen Verstand einnimmt.

Nein, sagte ich mir. Nein. Nein. Nein!

Von meiner Trilogie war bisher nur der erste Teil veröffentlicht worden. Ich steckte mitten im Schreiben von Band Zwei und durfte jetzt nicht von etwas Neuem abgelenkt werden. Außerdem hatte ich mir die ganze Sache mit der Schriftstellerei immer anders vorgestellt. Ich hatte geglaubt, davon leben zu können, bis mein Vater in Pension ging. Ha! Von wegen! Was ich mit meinen Büchern verdiente, war vielleicht ein nettes Taschengeld, mehr aber war es nicht. Ein zusätzlicher Grund, warum ich keine neu aufkeimende Idee gebrauchen konnte. Ich musste jetzt immerhin auf Jobsuche gehen, mich aufs echte Leben konzentrieren und nicht, so wie mein Exfreund Jan es mir jahrelang vorgeworfen hatte, mich in meinen Geschichten verlieren. Aber, verdammt noch mal! Diese Geschichte schmeckte danach, sich in ihr zu verlieren …

Ich seufzte schwer und biss auf das Ende meines Stiftes. Ich kannte mich selbst zu gut. Sich gegen das Aufkeimen einer neuen Idee zu wehren, war zwecklos. Sie strahlte so hell, dass alles andere daneben verblasste. Deshalb machte ich einen Deal mit mir: Wenn ich jetzt das erste Kapitel und vielleicht die Grundidee der neuen Geschichte aufschreiben würde, sollte sie mich im Gegenzug so lange in Ruhe lassen, bis ich mein Leben geordnet hatte. Dieser Deal hatte früher auch schon funktioniert. Also nickte ich mir selbst zu und drückte den Stift aufs Papier. Wie ein Regenguss kam es über mich.

Irgendwann hörte ich Krähen krächzen und blickte auf. Der Nebel hatte sich längst verzogen und ich erspähte die schwarzen Vögel, wie sie nah am Turm der Ruine vorbeiflogen. Ein innerer Impuls ließ sie mich zählen. Sieben waren es und das wunderte mich nicht. Warum auch immer – es mussten sieben sein.

Kapitel 1

Arithmene flocht den letzten Flachszopf zusammen und legte ihn behutsam zu den anderen. Das sorgfältige Bearbeiten mit der Hechel hatte die Fasern weichgemacht, bereit zum Spinnen. Aber für heute taten ihr die Finger vom stundenlangen Berühren des rauen Stoffes und von den spitzen Nägeln der Hechelkämme weh. Ihr Magen knurrte, während sie von der Tenne in Richtung Haus marschierte. Hinter sich hörte sie die Tritte der beiden anderen Kinder. Als sie die Haustür öffnete und der Duft von geschmorten Zwiebeln aus der Küche in ihre Nase strömte, knurrte ihr Magen wieder.

Ihre Großmutter, Mena Darrohar, streifte sie beim Eintreten mit einem flüchtigen Blick. »Da seid ihr ja endlich. Ich dachte schon, ich muss euch holen.« Mena strich sich die Hände an ihrer Schürze sauber und deutete auf den Tisch, auf dem bereits Brot und hölzernes Besteck bereitlagen. Nur Arithmene kam ihrer Aufforderung nach und setzte sich. Die beiden anderen Kinder blieben wie angewurzelt stehen. »Setzt euch, setzt euch«, sagte Mena. »Ihr habt gearbeitet, also verdient ihr auch etwas zu essen.« Die Kinder, Kelven Saronn und seine ältere Schwester Lisben, lächelten schüchtern, aber Großmutter Mena hatte sich längst wieder umgedreht und rührte im großen Suppentopf auf dem Herd. Als Kelven gegenüber von Arithmene Platz nahm, konnte sie ihm ansehen, wie sehr es ihn in den Fingern juckte, nach einer Scheibe Brot zu greifen, doch er wagte es nicht. Stattdessen leckte er sich mehrfach über die Lippen. Als ihm auffiel, dass Arithmene ihn beobachtete, schaute er schnell zur Seite und begann, an seinen Fingernägeln zu nagen. »Vorsicht, heiß!« Mena schob sich mit ihrem dicken Bauch hinter Lisben vorbei und stellte den großen Topf auf den Tisch. »Wo bleibt dein Vater?«, fragte sie Arithmene.

»Er war vorhin noch hinter uns.«

Im selben Moment öffnete sich die Tür und Roch Darrohar huschte in den Raum. »Schon da, schon da!«, sagte er und drückte seiner Mutter einen Kuss auf die roten Backen, was Mena erst den Kopf schütteln, dann aber doch lächeln ließ.

»Dass du zum Essen immer zu spät kommen musst«, schalt sie ihn. »Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert.« Roch setzte sich neben Arithmene und grinste so spitzbübisch wie ein kleiner Junge, der etwas ausgeheckt hatte. Die Saronn-Kinder mussten kichern. »Bitte, greift zu!« Als Mena Lisben die Schöpfkelle in die Hand drückte, weitete diese erschrocken die Augen.

»Hör auf die Frau, Lisben, und greif zu, bevor du selbst im Suppentopf landest«, scherzte Roch.

»Ein wenig Fleisch würde der Suppe wahrlich nicht schaden«, stieg Mena auf seine Späße mit ein. Lisben wurde stocksteif. Erst als Roch grunzend auflachte, atmete sie aus und wagte es endlich, die Schöpfkelle in den Topf zu stecken. Sie füllte ihre Schüssel und bedankte sich leise, bevor sie den Schöpfer ihrem Bruder weitergab. Dieser machte seinen Teller bis zum Rand voll und endlich wagte er es auch, nach einem Stück Brot zu greifen. Gierig tunkte er es in die Suppe ein. Mena Darrohar verstand sich darauf, aus wenig viel zu machen. Die Suppe hatte sie aus dem Getreidebrei, der gestern übriggeblieben war, aufgebrüht und mit Zwiebeln und Wurzelgemüse verfeinert.

Während des Essens beobachtete Arithmene Kelven und seine Schwester. Ihr fiel auf, dass sie dieselben breiten, hervorstehenden Wangenknochen hatten und auch dieselben großen Augen. Nur waren Kelvens Augen braun und Lisbens dunkelgrün, ähnlich wie Arithmenes. Die beiden Kinder aus dem Hause Saronn stürzten sich wie Raubtiere auf das Essen. Kein Wunder! Sie hatten einen Fußmarsch von zwei Stunden auf sich genommen, nur um an den entlegenen Berghof der Darrohar zu gelangen, und dann hatten sie den ganzen Tag beim Flachsschwingen, -brechen und -hecheln geholfen. Es war gut, dass Mena auch noch Eier in Schmalz auf den Tisch stellte. Die Suppe allein hätte die beiden wohl kaum satt gemacht.

Die letzten Brotkrümel am Tisch wurden von Roch mit seinem befeuchteten Zeigefinger aufgepickt und in den Mund gesteckt. Mena sagte immer, er solle froh sein, dass er sie zur Mutter habe, eine andere Frau könne ihn nicht durchfüttern. Er aß wirklich viel und vor allem aß er schnell. Dennoch war Roch groß und dürr. Die hochgeschossene, dünne Gestalt hatte er an Arithmene weitergegeben. Sie war, auch wenn sie erst elf Jahre zählte, genauso groß wie die dreizehnjährige Lisben. Kelven war zwölf, hatte er Arithmene beim Flachshecheln erzählt, und trotzdem ein wenig kleiner als sie.

Nach dem Essen holte Roch seine Laute hervor. Das war der eigentliche Grund für den weiten Fußmarsch der beiden Kinder gewesen. Sie waren hier, um von Roch das Spielen zu erlernen. Das war nichts Ungewöhnliches. Laufend kamen Kinder von weit her, halfen beim Tagewerk, aßen mit ihnen am Tisch und wurden, bevor sie wieder ihren weiten Heimweg antraten, von Roch in der Spielkunst unterrichtet. Gute Spielleute gab es wenig und kaum einer war mit der Laute besser vertraut als Arithmenes Vater. Arithmene liebte es, ihm zuzuhören, allerdings waren ihre Ohren verwöhnt. Das Geklimpere seiner Schüler war für sie kaum zu ertragen. Sie stand auf, als ihr Vater Lisben die Laute überreichte, und verließ still das Haus. Die ungeübten Klänge verfolgten Arithmene bis auf den Hof. Sie ging vorbei an dem alten Holunderstrauch, gedachte kurz ihrer toten Mutter, wie sie es beim Holunder immer tat, und spazierte weiter zu dem langgestreckten Stallgebäude. Im Nebelmonat, dem November, war die Nacht schon länger als der Tag und die Dämmerung brach bereits heran. Die Hühner hockten in ihrem Stall. Arithmene schloss die Luke und versicherte sich mit geübten Blicken, dass es auch sonst keine Schwachstelle gab, die Füchsen oder anderen Räubern eine Möglichkeit zum Einbruch bot. Wenn es keine Eier in Schmalz mehr gäbe, wären sie im Winter ziemlich arm dran. Das Jammern der Laute war immer noch zu hören, weshalb Arithmene auch noch dem Ochsen und den Ziegen einen Besuch abstattete und ihnen von ihrem Tag erzählte. Als sie wieder nach draußen trat, war es still geworden. So still, dass es Arithmene unheimlich wurde. Die herabgefallenen Blätter knirschten viel zu laut unter ihren Schuhsohlen, die Äste der Bäume wirkten erstarrt. Plötzlich schnitt sich ein Krächzen durch die Stille. Vom Wipfel des Nussbaumes sah sie zwei Schatten in den Himmel aufsteigen. Zornig krähten die Rabenvögel sich an. Vermutlich hatten sie sich um eine Nuss gestritten. »Seid nur froh, dass ich es bin und nicht Großmutter«, murmelte Arithmene den Vögeln zu. Mena konnte wild vor Wut werden, wenn Krähenvieh ihr die Nüsse raubte; wenn sie die Tiere auch nur in der Nähe des Nussbaumes erspähte, scheuchte sie diese mit fuchtelnden Armen und lautem Geschrei fort.

Als Arithmene zurück in die Stube trat und Mena gerade eine Nuss öffnete, musste sie leise schmunzeln. Die Laute lag wieder in ihrer Kiste. Während Arithmene an dem Instrument vorbeiging, streifte ihr Blick über die Initialen ihres Vaters, die er in das Holz eingebrannt hatte: »R.D.« Die Leute hatten ihn deshalb für verrückt erklärt, selbst Mena hatte geschimpft, er würde das Instrument damit ruinieren. Roch hatte nur gelacht, weitergemacht und gemeint: »Die Laute wird länger leben als ich, so aber lebe ich in ihr weiter.« Das Musikalische hatte Arithmene nicht von ihrem Vater geerbt. Sie spielte kein Instrument. Sie hatte sich an der Laute wohl immer wieder versucht, aber nie wirklich Freude daran gefunden. Roch meinte, sie wäre in dieser Hinsicht wie ihre Mutter. »Sie mochte gute Musik, aber selbst spielen wollte sie nie.«

Arithmene strebte der Wärme des Ofens entgegen, setzte sich neben Mena und griff ebenso nach zwei Nüssen und drückte sie gegeneinander, bis es knackte. Während Arithmene das Nussfleisch von der Schale befreite, lagen die Blicke der Saronn-Kinder erwartungsvoll auf Roch. Arithmene wusste, worauf sie hofften. Oft glaubte sie ohnehin, dass die vielen Kinder gar nicht wegen der Spielerei kamen, sondern vielmehr wegen der Geschichten, die ihr Vater so gerne erzählte. Ihm konnte man stundenlang zuhören. Nie erzählte er eine Geschichte gleich, immer fiel ihm etwas Neues ein. Ohne Zweifel spürte auch er die Erwartungen der Kinder, denn er wandte sich zu ihnen um. »Kennt ihr die Geschichte des Flachs?«, fragte er. Ein Lächeln huschte über die Münder der Geschwister. Kelven schüttelte mit großen Augen den Kopf. »Dann will ich sie euch erzählen. Aber eines sage ich euch lieber gleich: Sie klingt mehr nach einem Gedicht. Hört gut zu.« Roch räusperte sich und machte eine ausladende Bewegung mit beiden Armen. Dann sagte er: »Gerauft, getauft, geröstet, geriffelt, gedörrt, gebrochen, geschwungen, gehechelt, gesponnen, gewoben, geblichen, geschneidert, getragen, verschlissen.« Und noch einmal schneller: »Gerauft, getauft, geröstet, geriffelt, gedörrt, gebrochen, geschwungen, gehechelt, gesponnen, gewoben, geblichen, geschneidert, getragen, verschlissen.« Bei jedem Wort ahmte er die Arbeitsbewegungen nach, so schnell, dass Arithmene beinahe schwindlig beim Zusehen wurde. Kelven und Lisben lachten begeistert. Schließlich fasste er an sein eigenes dreckiges Hemd. »Auch schon verschlissen, was meint ihr? Aber ein wenig muss es noch halten, denn der neue Stoff muss erst gesponnen, gewoben, geblichen und geschneidert werden.« Er zwinkerte einmal. »Und dann natürlich getragen – und verschlissen!« Er klatschte laut in die Hände. Selbst Arithmene entlockte die Vorstellung ihres Vaters ein Lachen, auch wenn sie sie schon oft genug gehört hatte. »Die Geschichte des Flachs kennt ihr nun«, sagte Roch, drehte sich schwungvoll um und holte seine Laute wieder aus der Kiste. »Aber wisst ihr auch, wer diese Zauberworte an die Menschen gebracht hat?« Wieder schüttelte Kelven den Kopf. »Die alte Göttin Ruria hat sie an uns Menschen weitergegeben.«

»Die Hexe?«, stieß Lisben aus, woraufhin Roch nur grinste.

»Die alte Göttin Ruria hat uns Menschen gelehrt, wie wir die Stängel des Flachs zu Leinen verarbeiten können«, sagte er. »Sie hat uns all die mühsamen Schritte erklärt. Ohne sie würden wir wohl immer noch nackt herumlaufen.« Arithmene musste kichern.

»Aber die alte Hexe Ruria ist böse!«, warf Kelven ein. »Wieso sollte sie den Menschen helfen?«

Nun erhob Mena ihre Stimme: »Nichts Schlechtes ist so schlecht, dass es nicht auch etwas Gutes in sich hätte, Junge. Und nichts Gutes ist so gut, dass es nicht auch etwas Schlechtes in sich hat.«

»Fürwahr!« Roch führte den Federkiel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, mit einer dramatischen Geste an die Saiten der Laute und strich einmal nach unten. »Wusstet ihr, dass Ruria einst ein ganz gewöhnliches Mädchen war, so wie du, Lisben, oder du, Arithmene?« Zögerlich schüttelte Arithmene den Kopf. Bei den Geschichten ihres Vaters wusste sie nie, ob sie wahren Ursprungs oder erfunden waren. »Sie war ein junges Mädchen, wie ihr beiden es seid«, fuhr ihr Vater fort, »und sie ging in den Wald hinaus. Nackt war sie nicht, aber in Felle gekleidet, denn damals kannte man weder die Verarbeitung von Leinen noch die von Wolle. Sie ging also in Fellen bekleidet in den Wald und sammelte Beeren, Kräuter und Pilze.« Roch strich noch einmal sacht über die Saiten der Laute. »Ihr fiel auf, dass kein Vogel zwitscherte, kein Tier sich rührte, nicht einmal die Äste oder Gräser zitterten. Der Wind sprach Stille.« Ein beängstigender Laut ertönte, als Roch mit einer raschen, zackigen Bewegung den Federkiel die Saiten hinabdonnern ließ. »Wenn der Wind Stille spricht, dann endet der Zyklus einer Zeit und ein neuer Traum entsteht. Das alles wusste die junge Ruria aber nicht. Sie merkte nur, dass der Wald gespenstisch still war und sie glaubte, unsichtbare Augen würden sie beobachten. Sie stellte alle Bewegungen ein. In der Tat suchte schon der Wächter des alten Traumes nach ihr, aber der wusste noch nicht, wen er suchte, er wusste nur was: die neue Träumerin. Dabei führte ihn seine Wächterkraft.« Wieder ließ Roch die Laute erklingen. »Ruria stand nun also im Wald, stocksteif und von Furcht ergriffen. ›Wenn alles still ist, so musst du dich rühren‹, sagte ihr eine innere Stimme. Und so begann Ruria leise zu singen. Erst summte sie nur ganz vorsichtig und wippte sachte mit den Beinen im Takt, aber dann wurde sie lauter und lauter. Sie tanzte, lachte und hüpfte im Kreis.« Nun ließ Roch seine Laute so fröhlich erklingen, dass Mena laut in die Hände klatschte. »Ihre Freude war so tief und ehrlich, sie steckte ihre Umgebung mit an«, fuhr Roch fort. »Und während Ruria selbstvergessen übers Moos tanzte, strich ihr ein Windzug durchs Haar. Erst merkte sie es nicht, doch als ihr bewusst wurde, dass der Wind aufgehört hatte, Stille zu sprechen, blieb sie stehen und blickte sich um. Wieder war es still. Kein Ast rührte sich. Da begann Ruria erneut zu singen und der Wind antwortete und strich ihr sanft über die Wange. So tanzte sie weiter. Kommt, Kinder, tanzt mit!« Roch schlug kräftig in die Saiten und stieß ein Jauchzen aus. Er drehte sich im Kreis, jauchzte wieder, sprang in die Luft und schlug die Fersen zusammen. Arithmene schnappte sich Kelven und Lisben. Die Kinder kreisten durch die Stube und lachten, bis Rochs Spiel verklang. »So lernte Ruria, die Winde zu lenken«, sagte Roch, den Blick ernst auf die Kinder gewandt. »Durch Tanz, Freude und Gesang. Aber dies blieb nicht ohne Folgen. Die entstandene Magie lenkte das Auge des Wächters auf sie.«

»Weil Windmagie schlecht ist?«, fragte Kelven.

»Nein, nicht deshalb. Daran glauben nur die Vernünftigen.« Die Worte ihres Vaters trieben Kelven fast die Augen aus dem Kopf. Arithmene biss sich auf die Lippen, weil sie wusste, wie gefährlich derartige Aussagen waren. »Jeder Wächter weiß, dass die neuen Träumenden immer Träger von Magie sind. Natürlicher Magie, so wie es sie früher gab. Nicht das Pulver, mit dem uns die Adligen die Nase langmachen, sondern echte.«

»Aber … diese Art von Magie ist verboten! Sie ist verdorben und schlecht!«, protestierte Lisben.

Arithmene hatte immer noch die Zähne auf ihre Unterlippe gebissen. Ihre Großmutter räusperte sich und kam schwerfällig auf die Beine. »Ich glaube, es ist nun genug, Roch«, sagte sie, ging zum Fenster und schob das dicke Leder beiseite, um nach draußen zu sehen. Längst war es schwarze Nacht geworden. »Wenn du ihnen noch etwas erzählen willst, dann eine Gutenachtgeschichte.« Sie wandte sich den Saronn-Kindern zu. »Heute bleibt ihr bei uns. Es ist viel zu spät und viel zu dunkel, um noch nach Hause zu gehen. Aber morgen solltet ihr früh aufbrechen, damit sich eure Mutter keine Sorgen macht.« Kelven und Lisben nickten folgsam. Aus heiterem Himmel fiel Arithmene das Gespräch zweier Bauern wieder ein, die sie auf dem letzten Viehmarkt belauscht hatte. Sie hatten über Amaria Saronn, Kelvens und Lisbens Mutter, gesprochen. Süchtig sei sie, hatten sie gesagt, süchtig nach dem Pulver. Sie würde ihre Kinder vernachlässigen, sich nächte- und tagelang in den Häusern irgendwelcher Adligen herumtreiben, nur um ein kleines Säckchen pulverisierter Magie zu erhaschen. Wenn sich Arithmene Kelven und Lisben aber ansah, wirkten sie nicht vernachlässigt. Das Haar der beiden war ordentlich gekämmt und sie waren anständig gekleidet. Die Stiefel von Lisben hatten nicht einmal halb so viele Löcher wie ihre eigenen. Dünn waren die Geschwister, ja. Aber das war Arithmene auch. Die Bauern reden viel, beschloss Arithmene für sich, ganz besonders, wenn sie auf Viehmärkten zusammenkommen. Nur die Hälfte von dem, was sie sagen, ist wahr.

»Dann erzähle ich euch jetzt eine Gutenachtgeschichte«, sagte Roch und lenkte damit Arithmenes Aufmerksamkeit auf sich zurück. »Die alte Hexe Ruria war nicht immer als Hexe bekannt.« Roch Darrohar wäre nicht Roch Darrohar, würde er auf die Mahnung seiner Mutter hören und es für heute mit den Geschichten über Ruria belassen.

Mena schüttelte nur den Kopf und ging über die knarzenden Holzdielen bis zur Tür. »In meinem Zimmer steht ein Bett frei, das ihr für heute Nacht benutzen könnt«, sagte sie den beiden Gästen. »Wenn du fertig bist, Roch, dann zeig den Kindern den Weg.«

Er nickte knapp, während Mena die Stube verließ. »Einst nannte man sie die Erträumerin der Welt«, erzählte er weiter, »man nannte sie die Erschafferin all dessen, was ist. Das Land, in dem sie verehrt wurde, nannte man Ruria’tlan, Rurias Land, und die Priesterinnen und Priester, die sich in ihren Dienst verschrieben hatten, konnten ähnlich wie sie Winde lenken, Feuer beschwören, Regen steuern, den Boden fruchtbar machen. Manche von ihnen konnten sich gar in Tiere verwandeln.«

»Aber du hast gesagt, sie wäre einst ein gewöhnliches Mädchen gewesen«, wandte Kelven ein, während sich das Gesicht seiner Schwester immer mehr verspannte.

»Das war sie auch. Bevor der Wächter sie fand und sie ihrer Bestimmung entsprechend zur Träumerin der Welt auserkor. Ohne Traum keine Welt. Ohne einen Menschen, der träumt, kein Traum, versteht ihr, Kinder?«

So richtig verstanden sie es wohl nicht, denn eine Weile sagte keiner ein Wort. »Unsere Mutter meint, wir dürfen nicht über Ruria sprechen.« Lisbens Miene wirkte immer noch starr. »Wenn man über Ruria spricht, schickt sie ihre Diener und die holen dich und zerren dich in die ewige Dunkelheit.«

»Ich habe heute viel über Ruria gesprochen und siehst du hier irgendwelche Diener, die mich in die ewige Dunkelheit zerren wollen?«, gab Roch zurück. Nach kurzem Zögern schüttelte Lisben den Kopf. »Na, siehst du! Ich weiß, dass die Leute schlimme Geschichten über die alte Göttin erzählen, aber was ich sage, ist wahr. Vor langer, langer Zeit, vor vielen hundert, vielleicht sogar tausend Jahren war Ruria ein ganz gewöhnliches Kind.«

»Und warum ist sie dann zur bösen Hexe geworden?«, fragte Kelven.

»Das«, sagte Roch, »ist nun wirklich eine andere Geschichte. Für heute wird es Zeit, ins Bett zu gehen. Vielleicht werden dir ja deine Träume eine Antwort geben.« Er legte seine Laute zurück in die Kiste und begleitete die Kinder bis zu Menas Zimmer. Im fahlen Licht der Zimmerkerze konnte Arithmene sehen, wie sich die Geschwister zu Bett legten, dann blies Mena die Kerze aus und es wurde dunkel.

»Ich muss noch kurz nach draußen«, sagte Roch. Er kannte den Weg gut genug, um ihn auch bei Dunkelheit zu finden, und Arithmene hätte den Weg in ihr Zimmer auch gut genug gekannt, um ihn allein zu gehen. Aber nach all den Geschichten über Hexen und Magie war ihr mulmig zumute und sie folgte den Klängen der Schritte ihres Vaters. Als Roch die Tür aufmachte und kalte Luft nach innen strömte, blieb Arithmene stehen und sah ihrem Vater dabei zu, wie er nach draußen trat. Die Nacht war weniger dunkel, als sie durchs Fenster gewirkt hatte. Der Himmel war wolkenlos und der Mond schon wieder fast voll. Roch marschierte eilig zum Haselnussstrauch und zog seine Hose nach unten. Arithmene blickte auf die dünnen Äste der Hasel. Immer noch schwieg der Wind. Die Nacht war so still, dass sie hören konnte, wie Rochs Urin auf den Boden plätscherte. »Der Wind spricht Stille«, hörte sie ihren Vater murmeln, während er seine Hose wieder nach oben zog. Bei seinen Worten lief Arithmene ein kalter Schauer über den Rücken. »Wenn der Wind Stille spricht, endet der Zyklus einer Zeit.« Roch wandte sich um und trat auf das Haus zu, dabei streifte sein Blick argwöhnisch die Umgebung.

Ein unvermutetes Krächzen ließ Arithmene zusammenzucken. Aus dem dunklen Himmel schoss schwarzes Federvieh herab. Krähen, dachte sie und glaubte, die beiden Streithälse von vorhin seien zurückgekehrt. Doch es waren nicht zwei. Sieben dunkle Vögel schossen auf ihren Vater zu und öffneten, kurz bevor sie ihn erreicht hatten, ihre Schwingen. Eben hatte Arithmene noch Flügel gesehen, plötzlich verwandelten sie sich in starke, menschliche Arme. Anstelle von sieben Krähen landeten sieben menschliche Gestalten um ihren Vater im Kreis, allesamt in lange dunkle Mäntel gehüllt und mit Schwertern bewaffnet.

»Was … Was soll das? Wer seid ihr?«, keuchte Roch. Die Gestalten in ihren Mänteln gaben keine Antwort. Zugleich traten sie einen Schritt auf Roch zu, ergriffen sich gegenseitig an den Armen. »Was soll das? Hört auf!« Die Stimme von Roch klang panisch. Das hielt die sieben Gestalten jedoch nicht zurück. Sie begannen, sich im Kreis um ihn herum zu drehen. Sie wurden schneller und schneller, bis sie zu einem einzigen schwarzen Strudel verschwammen.

Arithmenes entsetzte Starre löste sich. »NEIN!«, kreischte sie. »HÖRT AUF! HÖRT SOFORT DAMIT AUF!« Hilflos riss sie den Arm in die Höhe, ein Windstoß peitschte ihrer Bewegung nach. Er tobte durch die Äste des alten Haselnussstrauches. Holz knackte und ein dicker Ast fiel auf den schwarzen Strudel herab. Einen einzigen Herzschlag lang meinte Arithmene, aus dem Strudel heraus ein Gesicht hervortreten und sie angrinsen zu sehen, dann wurde der Kreisel noch schneller. Wie ein Sog riss er an den Ästen der Bäume, wollte die ganze Nacht in sich verschlingen. Arithmene stürmte los, ohne nachzudenken, geradewegs auf den Wirbelwind zu. Ihr bronzenes Haar peitschte in der Luft. Mit ihrem gesamten Gewicht musste sie sich gegen den Wind stemmen. Schützend hielt sie sich die Hand vors Gesicht, trotzdem schleuderte es ihr Sand und Schmutz in die Augen. Sie presste die Lider zusammen und kämpfte weiter gegen den Wind an. Plötzlich war es vorbei. Arithmene stolperte nach vorn und rannte durch leere Luft. Verstört riss sie die Augen auf. Nichts. Kein schwarzer Strudel mehr. Kein Wind. Keine dunklen Gestalten in langen Mänteln. Und auch kein Vater. Hektisch wandte sie den Kopf, nach links, nach rechts, sogar nach oben. Aber nichts. Ihr Vater war fort.

»Arithmene!« Die Stimme, die nach ihr rief, klang verzerrt. Kelven rannte auf sie zu, doch Arithmene sah seine Gestalt nur verschwommen. »Warum hast du so geschrien? Was ist passiert? Wo ist dein Vater?« Ohne eine Antwort zu geben, fiel sie auf die Knie. Starr richteten sich ihre Augen auf den Flecken Erde, wo Roch Darrohar zuletzt gestanden hatte, bevor der schwarze Wirbelwind ihn verschlungen hatte. Kelven rüttelte an ihrer Schulter. »Was ist mit dir? Arithmene? Arithmene! Wo ist dein Vater?«

Vielmehr als ein Hauchen kam nicht aus ihrem Mund: »Die Krähenwesen haben ihn geholt.«

Die neue Wohnung in Wien, Stadtteil Kaisermühlen, war verdammt klein und nach der Woche, die ich mittlerweile in ihr wohnte, fühlte ich mich immer noch nicht zu Hause. Wenigstens war ich allein. Es gab niemanden mehr, der mir Vorhaltungen machte, also verlor ich mich ungestört in meinen selbst kreierten Welten. Das mit dem Deal funktionierte nicht so wie erhofft. Die neue Geschichte wollte mir, selbst nachdem ich sie in ihren Grundzügen skizziert hatte, immer noch keine Ruhe lassen. Sie machte mir alles, woran ich eigentlich hätte schreiben sollen, fahl. Ich ging also einen neuen Deal mit mir ein: Ich würde mir mit der Jobsuche etwas Zeit lassen und den Rest des Jahres voll und ganz meiner Schreiberei widmen. Ich brauchte nicht viel Geld, also würde ich mit meinem Ersparten und dem, was ich durch meine Bücher verdiente, bestimmt über die Runden kommen. Zur Not konnte ich immer noch meinen Bus verkaufen.

Wenn ich jetzt also mehrere Monate am Stück Zeit zum Schreiben hatte, was machte es schon, sich noch ein wenig länger mit dieser neuen Geschichte zu befassen? Meine Schwester Linea war die Einzige, der ich bisher von meiner neuen Idee erzählt hatte. Sie wartete schon ungeduldig darauf, die ersten Kapitel zu lesen. Ein Grund mehr, mich ins Zeug zu legen.

Wie jeden Morgen überprüfte ich erst mein Mailpostfach und all die anderen Kanäle, die ich nutzte, bevor ich mit dem Schreiben begann. Pia, eine befreundete Autorin aus Deutschland, hatte mir eine Nachricht geschrieben: »Hast du das mit Nina Mehlbaum gehört?«

»Nein«, schrieb ich zurück. »Was denn?« Nina Mehlbaum war eine erfolgreiche und extrem bekannte Selfpublisherin, die mit ihren Fantasybüchern gut Geld verdiente und so viele Follower hatte, dass ich eigentlich nur neidisch werden konnte. Vermutlich hatte sie wieder ein neues Buch herausgebracht. Pia war nicht online, also stapfte ich im Morgenmantel zur Küchenzeile und machte die Kaffeemaschine an. Mein Magen fühlte sich flau an, vermutlich wäre Tee oder Wasser besser für mich gewesen, aber ich war wie ein alter Esel an meine morgendliche Routine gewöhnt – und zu dieser gehörte Kaffee. Dennoch nahm ich mir vor, heute endlich einmal zu kochen. Gemüse mit Reis vielleicht und Salat. Meine Küche war zwar klein – sie bestand aus einer einfachen Nische in meinem Wohnzimmer (oder Alles-Zimmer, denn ich schlief, kochte, schrieb und wohnte darin) mit Spülbecken, zwei Kochplatten und meiner Kaffeemaschine. Trotzdem rechtfertigte ihre bescheidene Größe den ungesunden Lebensstil der letzten Tage nicht. Ich hatte mich nur von Chips und dunkler Schokolade ernährt.

Mit einer großen Tasse Kaffee in der Hand kehrte ich an den Schreibtisch zurück. In der Zwischenzeit hatte Pia geantwortet: »Sie ist spurlos verschwunden. Die Polizei sucht schon seit Tagen nach ihr.«Die Nachricht bewirkte etwas in mir, das ich nicht benennen konnte. Eine Weile noch starrte ich auf den Bildschirm, war aber nicht fähig, irgendetwas zurückzuschreiben. Schließlich nahm ich einen Schluck Kaffee, schloss den Browser und tauchte in die Welt ein, die so vehement nach mir rief.

Kapitel 2

»Hoooo!« Kelven griff in die Zügel. Seine beiden Pferde Lisbo und Lazar reagierten sofort. Der lange Kutschenwagen kam am Eingang vor dem großen Gewölbekeller zum Stehen.

Nunin, der Weinbauer, nahm die Pfeife aus dem Mund und spuckte zur Seite. »Hab mich schon gefragt, wo du so lange bleibst.« Er hängte die Pfeife wieder in die tiefe Einkerbung rechts an seiner Unterlippe, wo sie so gut wie immer lag und über die Jahre ihre Spuren hinterlassen hatte. Selbst die Zähne des Weinbauers waren an dieser Stelle kürzer geschliffen. Kelven konnte sich gut vorstellen, dass sogar über Nacht die Pfeife an ihrem Platz an Nunins Unterlippe hing.

»Ich wurde aufgehalten.« Kelven schwang sich vom Kutschbock. »Zu viele Wagen mit alten Gäulen.« Nunin gab ein unverständliches Murmeln von sich, die Pfeife wippte dabei leicht auf und ab. Dann rief er nach seinen beiden Gehilfen. Zu viert beförderten sie die Weinfässer aus dem Keller und hievten sie auf Kelvens Wagen. Nachdem Kelven wieder auf seine Kutsche geklettert war, verabschiedete er sich mit einem kurzen Nicken bei Nunin und seinen Gehilfen und gab seinen Pferden das Kommando zum Ziehen. Die großrahmigen, schlanken Tiere setzten sich in Bewegung. Viele meinten ja, er hätte lieber auf starke Kaltblüter setzen sollen, so wie die meisten Fuhrleute es taten. Doch Kelven hatte vor allem weite Strecken zu fahren. Ausdauer war ihm wichtiger als Kraft. Auf der ganzen Welt hätte er keine besseren Pferde als Lisbo und Lazar finden können.

Lange bevor Kelven die großen Dorfwiesen, auf denen jedes Jahr der Erntemarkt stattfand, erreichte, begann die Straße sich zu füllen. Wandernde Familien mit spielenden Kindern. Bauern, die ihr Vieh zum Markt trieben. Am schlimmsten jedoch war der lange Wagenzug von Händlern, welcher vor ihm her ratterte und die gesamte Straße einnahm. Das Tempo der Karawane passte seinen Pferden nicht. Sie schlugen ungeduldig mit den Köpfen. Die Trittbretter klatschten einige Male gegen ihre Hinterbeine, weil sie nach jedem Anziehen gleich wieder bremsen mussten. Kelven hielt an einem Seitenweg an und tratschte mit bekannten Bauern, bis die Händlerkarawane sich weit genug entfernt hatte und seine Pferde wieder in ihrem Tempo aufholen konnten.

Es gab nur vier Märkte im Jahr und der Erntemarkt zum Ende der Erntezeit war der größte und begehrteste von allen. Jedes Jahr fand er am Ende des Sommers statt, wenn das meiste, das auf den Feldern wuchs, eingeholt worden war. Aber längst wurden nicht mehr nur Güter aus der umliegenden Hügelmark verkauft, wie es einst gewesen war. Händler von weit her reisten an, um allerlei exotische Dinge aus Karannriah, Sulfog, Mitland und den Insellanden zu verkaufen. Selbst Gaukler und Musikanten trieb es zum Erntemarkt, für Weinbergdorf war es das größte Spektakel im Jahr. Über dem gesamten Ort hing ein ungewöhnlicher Lärm. Das Rattern der Räder, die Musik der Spielleute, das Lachen der Kinder und die Rufe der Fuhrleute mischten sich zusammen, bis es wie ein Summen in jeden Winkel des Dorfes drang.

Während Kelven seine Pferde in die Mitte des Dorfplatzes leitete, streifte sein Blick ziellos an den vielen fremden Menschen vorbei. Es war gut möglich, dass er heute seiner Mutter begegnen würde. Er hoffte inständig, dies bliebe ihm erspart. Im Hinterhof der Schenke zum Markt parierte Kelven seine Pferde und rief nach den Knechten, die ihm beim Abladen der Fässer halfen. Dann spannte er die beiden Rappen aus und entließ sie auf die kleine Weide. Dass seine Pferde hier so gut versorgt waren, war einer der Gründe, warum Kelven auf seinem Weg in die Stadt immer in der Schenke zum Markt übernachtete. Nachdem er auch die Kutsche sicher in der Scheune untergebracht hatte, leerte er in der Schenke einen Krug Bier mit gierigen Schlucken und wischte sich über den Mund. Er wollte sich seine Vorfreude nicht anmerken lassen, deshalb schlenderte er ganz langsam zur Tür hinaus, aber in der Gasse wurden seine Schritte schneller und sie trugen ihn in Richtung der großen Wiesen. Auf dem Erntemarkt wurde es von Jahr zu Jahr aufregender. Unzählige Händler priesen lautstark ihre Waren an: Bunte Tücher und Bänder, Stoffe aus allen Neun Landen, Tiere und Essen, silberne Schnallen und Schmuck. Kelven saugte die vielen Eindrücke in sich auf, während er seinen Blick unverbindlich über die verschiedenen Stände schweifen ließ. Er blieb nirgendwo lange genug stehen, um sich etwas aufschwatzen zu lassen. Es war die Stimmung, dieses geschäftige Treiben und all das Fremde, das ihn lockte, nicht der Wunsch, irgendetwas zu erwerben.

Schließlich aber schaffte ein Stand es doch, seine Aufmerksamkeit so sehr auf sich zu ziehen, dass er davor stehen blieb. Die unterschiedlichsten Instrumente lagen auf dem Tisch, einige große waren um den Stand herum aufgestellt. Kelven hatte die Spielerei zwar aufgegeben, bevor er sie wirklich erlernt hatte, doch nach wie vor war er von den verschiedenen Klangkörpern fasziniert. Er entdeckte Lauten und Trommeln, Flöten und Gemshörner und allerlei fremde Instrumente, die er noch nie zuvor gesehen hatte und deren Klänge er sich nur vorzustellen vermochte. Sein Blick landete schließlich auf dem abgenutzten Holz einer Laute, in der zwei Initialen eingebrannt waren: »R.D.« Das gibt es nicht! Kelven kannte das Instrument. Ohne Zweifel musste es die Laute von Roch Darrohar sein! Unwillkürlich lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken, als er an die Nacht dachte, in der er Roch Darrohar das letzte Mal gesehen hatte. Die Nacht, in der der Spielmann spurlos verschwunden war, geradewegs so, als hätte die Erde ihn verschlungen.

»Die Diener der Hexe sind gekommen und haben ihn in die Dunkelheit gezerrt«, hatte Lisben gesagt, »weil er über die alte Hexe gesprochen hat.« Was wirklich mit Roch Darrohar passiert war, wusste wohl nur Arithmene, Rochs Tochter. Sie war als Letzte bei ihm gewesen, hatte aber nur wirres Zeug von sich gegeben. Arithmene! Wie es ihr wohl ging? Kelven hatte lange nicht mehr an sie gedacht. Jetzt war er achtzehn, die ganze Tragödie mit Roch war also schon sechs Jahre her, und seit jener besagten Nacht hatte Kelven Arithmene nicht mehr gesehen. Er starrte weiter auf die Laute und leckte sich über die Lippen. Warum lag sie hier? »Woher habt Ihr diese Laute?«, fragte er den Händler. Mit dem Finger zeigte er auf das Instrument.

Der Händler, ein dürrer, grauhaariger Mann mit leichtem Buckel, hob eine Augenbraue. Dann zuckte er mit den Schultern. »Weiß nicht mehr.«

»Das Mädchen, dem die Laute gehört, hat sie sicher nicht leichtfertig hergegeben. War sie in Not?«

»Hast du was an den Ohren, Junge? Ich weiß nicht, woher ich diese Laute habe! Glaubst du wirklich, ich merke mir die Geschichte jedes einzelnen Instruments, das bei mir über den Tisch geht?«

Kelven seufzte leise. »Was wollt Ihr dafür?«

Vermutlich hatte sein Interesse an dem Instrument ihm nicht gut zugespielt, der Bucklige zog die Brauen leicht zusammen. »Drei Goldene.«

»Drei …« Kelven schüttelte den Kopf. »Das ist viel zu teuer. Nennt mir einen angemessenen Preis!«

»Du scheinst wirklich Probleme mit den Ohren zu haben. Drei Goldene, sagte ich. Oder …« Der Händler blickte verstohlen um sich und neigte sich über den Tisch etwas näher zu Kelven heran. »Oder ein Päckchen Magie.«

Kelven riss den Oberkörper zurück. Magie? Er war kurz davor, dem Händler vor den Stand zu spucken. »Mit derlei dreckigen Dingen habe ich nichts zu tun«, zischte Kelven und er wollte weiterschimpfen, doch plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter.

Als er seinen Kopf zur Seite drehte, blickte er in die dunkelbraunen Augen einer fremden, jungen Frau. Sie war in Gewänder gekleidet, wie Kelven sie noch nie gesehen hatte. Ein oranges Tuch, bestickt mit fremdartigen, dunkelroten Spiralenmuster, lag locker über ihrem braunen Haar. Es fiel über ihre Schultern herab und verdeckte ihren halben Oberkörper. Auch ihr langer Rock war mit denselben Mustern verziert. »Ihr seid ein Fuhrmann, wurde mir gesagt.«

Kelven musste sich erst räuspern, bevor er eine Antwort geben konnte: »Ja. Ja, das bin ich.«

Die Fremde nickte und öffnete die Schnüre an dem samtenen Beutel, den sie an ihren Gürtel gebunden hatte. Dann wandte sie ihren Blick zum Händler, streckte ihm ihre geschlossene Faust entgegen, drehte den Arm und öffnete die Hand. Drei Goldmünzen mit fremden Prägungen schimmerten im Licht der Sonne. Der bucklige Händler riss die Augen weit auf. »Drei Goldene für die kleine Laute habt Ihr gesagt, richtig?«, fragte die Frau.

Der Händler wusste im ersten Moment nicht, was er sagen sollte. Zweimal öffnete er den Mund, nur um ihn kurz darauf wieder zu schließen. Er beugte sich näher an die Münzen und begutachtete sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Woher stammt dieses Gold?«

»Oh, es ist alt. Sehr alt. Wollt Ihr es nicht?«

Die Frau schickte sich an, ihre Hand wieder zu schließen, da rief der Händler: »Doch, doch! Gerne will ich es! Bitte, die Laute soll Euer sein!« Gebückt reichte der alte Mann die Laute an die Unbekannte. Kelven beobachtete sprachlos, wie im Gegenzug die drei schönsten Goldmünzen, die er je erblickt hatte, in die dreckige Hand des Händlers übergingen.

Die Fremde lächelte dennoch zufrieden, wandte sich an Kelven und streckte ihm die Laute entgegen. »Seht sie als Eure Zahlung, wenn Ihr wollt.«

»Zahlung?« Er nahm das Instrument an.

»Dafür, dass Ihr mich ein Stück auf Eurem Weg mitnehmt.« Kelven blinzelte benommen. »Nun nehmt sie doch!«

Zögerlich kam Kelven der Aufforderung nach. Rochs Laute nach all den Jahren wieder in der Hand zu halten, fühlte sich merkwürdig an. Ein Teil von ihm war geneigt, seine Finger an die Saiten zu legen und daran zu zupfen, so als wäre er völlig allein auf diesem Platz. Tatsächlich aber starrte er die Frau immer noch an. »Eine Mitfahrt in der Kutsche der Königin hätte Euch weniger gekostet. Ich kann das nicht annehmen.« Kelven wollte der Fremden die Laute zurückgeben, doch sie wies ihn entschieden ab.

»Sie gehört Euch. Dieses Instrument scheint Euch etwas zu bedeuten. Und mir bedeutet es viel, wenn Ihr mich ein Stück mitnehmt. Viel mehr als die drei Goldstücke, die ich soeben fortgegeben habe.«

Kelven presste unschlüssig die Lippen zusammen. Dann blickte er auf das dunkle, abgewetzte Holz der Laute. »R.D.« – so nah waren die Initialen noch besser zu erkennen. Ja, es musste Rochs Laute sein! Als ihm bewusstwurde, dass die seltsame Fremde ihn eingehend beobachtete, schüttelte er sich sachte. »Ich fahre aber erst morgen weiter. Meine Pferde brauchen eine Rast und ich ebenso.«

Sie nickte und wandte sich mit einer kurzen Verabschiedung vom Händlertisch ab. Kelven folgte ihr zögernd, die Laute von Roch Darrohar immer noch in der Hand. »Könnt Ihr mir ein Wirtshaus oder eine Schenke empfehlen? Ich brauche etwas zu essen und einen Schlafplatz für die heutige Nacht«, sagte die Frau. Kelven überlegte, ob er diese Dame in die Schenke zum Markt führen konnte, oder ob er ihr doch lieber etwas empfehlen sollte, wo vornehme Leute hingingen. Das Wirtshaus zur Magie vielleicht, wo seine Mutter oft anzutreffen war. Die Fremde musste seine Gedanken erahnen. »Wo habt Ihr Euer Zimmer für die Nacht?«, fragte sie. »Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich gerne mit Euch zu Abend essen.«

»Bitte … Ich bin ein gewöhnlicher Fuhrmann«, sagte Kelven, »diese förmliche Anrede verdiene ich nicht. Ich bin …«

Bevor er seinen Namen nennen konnte, schnitt sich eine Stimme in sein Ohr, die ihm augenblicklich alle Muskeln versteifen ließ: »Wie oft habe ich dir schon gesagt, Kelven, dass man nur so viel verdient, wie man selbst bereit ist anzunehmen? Stelle dich nicht unter deinen Wert, immerhin bist du mein Sohn!« Seine Mutter stand nur eine Armlänge vor ihnen auf dem von Menschen bewuselten Platz. Welch ein Pech musste er haben, ihr unter all den Marktbesuchern ausgerechnet jetzt über den Weg zu laufen? Er konnte sie kaum ansehen, wie sie dastand, in ihrem langen, bauschigen, blauen Kleid, mit Schmuck behangen wie eine Adlige. Wenn wir immer das bekämen, was wir verdienen, wärst du tot und nicht Lisben, zischte eine Stimme in seinem Kopf. Doch er blieb still und beobachtete mit Argwohn, wie seine Mutter einen Schritt näher trat, die fremde Frau an seiner Seite anlächelte und mit gierigen Augen ihre Erscheinung in sich aufsaugte. »Schön, an Kelvens Seite eine Dame zu sehen.« Sie lachte. »Ich befürchtete schon, mein Sohn würde die Gesellschaft seiner Pferde der von Menschen vorziehen.« Seine Mutter streckte der Fremden ihre von Samthandschuhen umhüllte Hand entgegen. »Amaria von Hausberg«, nannte sie ihren neuen Namen. Diesen trug sie, seit sie zum dritten Mal vermählt worden war. Dem Grafen von Hausberg gehörten mehr als die Hälfte der Ländereien der Hügelmark.

»Rovinia«, erwiderte die Frau an Kelvens Seite. Seine Mutter wartete offensichtlich auf mehr – auf ein »Von-und-zu« irgendeines adligen Hauses – doch Rovinia fügte ihrem Namen nichts mehr hinzu, lächelte nur, bis Amaria ihre Hand mit leicht frustrierter Miene zurückzog.

»Wenn du uns nun entschuldigst, Mutter, wir haben es eilig.« Kelven wandte sich zum Gehen.

»Wollt ihr mich nicht begleiten? Ins Wirtshaus zur Magie? Seid meine Gäste, ich lade euch ein!«

»Diesen Preis möchte ich nicht zahlen«, zischte Kelven und schob sich an ihr vorbei. Zu seiner Erleichterung hielt Rovinia neben ihm Schritt, ohne Fragen zu stellen.

»Wann wirst du endlich einsehen, dass es nicht meine Schuld war?«, rief ihm seine Mutter hinterher. Es wunderte ihn, bei all den Menschen, die durch die Straßen wuselten. Normalerweise riskierte Amaria nichts, was ihrem Ruf als Edelfrau schaden könnte.

Kelven blieb stehen und drehte sich zu ihr um. »Nie«, sagte er. »Nie!«

Als er bald darauf mit Rovinia am Tisch der übervollen Schenke zum Markt saß, stellte sie keine Fragen. Sie erwähnte das Aufeinandertreffen mit seiner Mutter nicht mit einem Wort. Während sie auf ihr Essen warteten, schlich sich bei ihm ein übler Gedanke ein: War Rovinia ein Spitzel, eine Gesandte seiner Mutter, die ihm den Kopf verdrehen und ihn auf den falschen Pfad lenken sollte? Seine Hand wanderte zur Laute, die neben ihm auf der alten Holzbank lag. Würde Rovinia tatsächlich mit seiner Mutter im Bunde stehen, hätte sie mit Magie bezahlt, nicht mit diesen drei wunderschönen, völlig fremden Goldstücken, deren Prägung er nie zuvor gesehen hatte.

»Wo wollt Ihr überhaupt hin?«, fragte Kelven.

»Auch mir wäre es recht, wenn wir uns von nun an die förmliche Anrede ersparen. Sag bitte Du«, meinte sie, ehe sie die Lippen schürzte. »In Richtung Stadt«, sagte sie dann. »Aber nicht ganz bis zur Stadt … denke ich. Ich werde dir sagen, wenn es Zeit für mich ist, dich zu verlassen. Ich weiß es noch nicht genau. Nicht jetzt. Aber wenn ich dort bin, wo ich hin soll, werde ich es wissen.« Angesichts dieser unverständlichen Worte blinzelte Kelven nur. »Was hat es mit dieser Laute auf sich?«, wollte Rovinia im Gegenzug wissen.

Wieder fiel Kelvens Blick auf das alte Holz. »Sie gehörte einem Mann, den ich kannte.«

»Ist er verstorben?«

Kelven zuckte mit den Schultern. »Niemand weiß, was mit ihm geschehen ist. Er verschwand mitten in der Nacht und seither hat ihn niemand mehr gesehen.« Sein Blick trieb ins Leere. »Eigentlich sollte die Laute jetzt seiner Tochter gehören.«

»Es gibt ein altes Sprichwort. Es besagt, ein Instrument wählt seinen Besitzer – und nicht umgekehrt. Vielleicht also sollst du die Laute besitzen und niemand sonst.« Es war das erste Mal, dass Kelven sich neben ihr wie ein kleiner Junge fühlte, obwohl sie kaum älter aussah als er. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben.

Beim Blick in den Spiegel entdeckte ich ein weißes Haar am Ansatz. Kurz und borstig stand es zu Berge. Ich zupfte es aus. Diese kleinen Biester kamen wie aus dem Nichts und mischten sich in letzter Zeit immer häufiger in meine braune Mähne. Bald musste ich mir etwas anderes als ausreißen einfallen lassen. Ich seufzte leise und betrachtete mein Spiegelbild. 34 … Ich hatte mir vorgestellt, in diesem Alter anders zu sein. Ich hatte geglaubt, dass ich mich mit 34 Jahren endlich erwachsen fühlen würde. Dass ich eine toughe, selbstbewusste Frau wäre, die ihr Leben im Griff hat, alles geordnet und organisiert, mit mindestens einem Roman auf der Spiegel-Bestsellerliste. In Wahrheit war ich dieselbe Chaotin, die ich immer schon gewesen war – nur ein bisschen älter. Und ich kämpfte mit denselben Dingen, mit denen ich immer schon gekämpft hatte – nur weniger verzweifelt. Disziplin war eines dieser Dinge.

Die Intensität, mit welcher ich in die neue Geschichte versank, bereitete mir Sorgen, also hatte ich beschlossen, nicht nur gesünder zu essen, sondern auch jeden Tag Sport zu treiben. Deshalb hatte ich zu joggen begonnen. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich nicht wirklich Lust dazu. Auch heute nicht. Widerwillig schlüpfte ich in meine Laufschuhe und schlenderte die Treppe hinunter. Als ich zur Tür hinaustrat, überlegte ich sogar, wieder umzudrehen. Es war heiß für Mitte September, der Asphalt hatte die Kraft der Sonne in sich aufgesaugt und schleuderte sie mir mit voller Wucht entgegen. Von meiner neuen Wohnung aus musste ich glücklicherweise nur wenige Straßen überqueren, um an den Kanal der alten Donau zu gelangen, wo es grün und ruhig war und ich ab und an sogar schon einige Wildtiere erblickt hatte.

Als ich den schmalen Weg entlang des Donaukanals erreichte, begann ich zu laufen. Im Schatten der Bäume und Büsche war es zwar deutlich kühler, dennoch schnaufte ich bald, aus jeder Pore trieb es mir den Schweiß. Meine Kondition ließ wirklich zu wünschen übrig. Das lag daran, dass ich nie durchgehend Sport trieb, sondern immer nur phasenweise, und jedes Mal, wenn ich neu damit anfing, musste ich von unten aufbauen. Während ich schwitzend weiterjoggte, kam mir Nina Mehlbaum wieder in den Sinn. Mittlerweile hatten auch schon die Medien von ihrem spurlosen Verschwinden berichtet. Niemand konnte verstehen, was mit ihr passiert war.

Ich lief weiter, vorbei an niedlichen, kleinen Wochenendhäusern mit ihren verwachsenen Gärten. Ein Reiher flog über mich hinweg und landete auf einem Steg, der ins Wasser führte. Meine Haare klebten nass an meiner Stirn, aber es fing an, mir zu gefallen. Auch mein Schnaufen wandelte sich in einen gleichmäßigen Atemrhythmus und in meinen Beinen erwachte eine Kraft, die mir das Gefühl gab, ewig so weiterlaufen zu können. Schließlich kam ich zu einer Stelle, wo ich erst vor wenigen Tagen einen Fuchs erblickt hatte. Ein lauschiges, verstecktes Plätzchen, an dem der Asphaltpfad sich in einen kleinen Wiesenweg wandelte. Ich war völlig allein, keine Menschenseele weit und breit. Ein steiler Abstieg führte hinab bis zum Wasser. Dort blieb ich stehen, wischte mir den Schweiß von der Stirn und kletterte die Böschung hinab zum Ufer. Über das ruhige Gewässer hinweg blickte ich zu der Badeinsel, die den lustigen Namen »Gänsehäufel« trug, und plötzlich kam mir eine neue Idee: Eine Insel! Ja, ich würde eine Art heilige Insel in meine Geschichte einbauen!

In weiser Voraussicht hatte ich mir in die Bauch­tasche meinen kleinen Notizblock mit Stift gepackt. Die besten Ideen kamen immer in der Natur und mussten sofort notiert werden. Zu oft hatte ich schon plötzliche Eingebungen mit dem Kommentar »Das merke ich mir schon, bis ich zu Hause bin« versehen und dann doch vergessen. Ich strebte auf den angespülten Baumstamm zu und setzte mich darauf.

Gerade als ich an den Reißverschluss meiner Bauchtasche griff, hörte ich ein Krächzen. Es ließ mich schmunzeln, denn seit ich an dieser Geschichte schrieb, fühlte ich mich ständig von Krähen verfolgt. Noch ein Krächzen ertönte und zeitgleich raste ein riesiger schwarzer Schatten vom Himmel herab. Ich riss den Kopf zur Seite und stieß einen grellen Schrei aus. Nur wenige Schritte entfernt standen sieben menschliche Gestalten, drei Frauen und vier Männer. Die Kragen ihrer langen, schwarzen Mäntel waren mit dunklen Federn besetzt, ihre Haare hatten sie alle streng zurückgebunden. Alle sieben trugen sie Schwerter um ihre Hüften geschnallt.

Von kaltem Entsetzen ergriffen sprang ich auf die Beine. Zuerst wollte ich flüchten, doch dann wurde mir bewusst, wie absurd das alles war. Ein unkontrolliertes Lachen hastete aus meinem Mund. Mein Verstand versuchte, diesen surrealen Moment zu erklären: Linea musste dahinterstecken. Nur ihr hatte ich von meiner Geschichte und von den sieben Krähen erzählt …

Die Gestalten rückten näher. Mein Denken stockte. »Ihr könnt jetzt aufhören«, sagte ich. Sie reagierten nicht. Mit ausdruckslosen Mienen traten sie weiter auf mich zu. Ich hob abwehrend die Hand, streckte sie vor meinen Körper. »Ihr könnt damit aufhören, okay? Es ist nicht mehr lustig!« Wortlos schlossen sie sich um mich herum im Kreis. »ES REICHT JETZT!«, schrie ich. Da erfassten sie sich gegenseitig an den Armen und begannen, sich um mich herum zu drehen. Wieder kam ein hysterisches Lachen über meine Lippen: »Ja, ja. Alles wie in meiner Geschichte. Witzig, aber es reicht jetzt!«Sie wurden schneller. Wind peitschte auf. »AUS JETZT!« Verzweifelt sprang ich nach vorne, prallte gegen fest verschlossene Arme, wurde zurückgeschleudert und schlug mit dem Hintern hart auf dem Boden auf. Vor meinen Augen verschwammen die kreisenden Menschen zu einem schwarzen Strahl. »Hört auf …«, wimmerte ich. Auf allen vieren kroch ich übers Gras. Irgendwo musste es eine Lücke geben. Irgendwie musste ich entkommen!

Da riss es mir den Boden unter Knien und Händen weg. Als hätte ein Tornado mich gepackt, wurde ich durch die Luft gewirbelt. Mein Schrei verklang im Heulen des Windes, um mich herum breitete sich tiefste Schwärze aus. Sie verschluckte den Grasboden, verschluckte die um mich drehenden Gestalten – und sie verschluckte mich. Mein Wesen zerfloss in diesem Nichts und löste sich darin auf, bis ich nicht mehr ich war, sondern nur ein winziger Teil dieser alles vereinnahmenden Dunkelheit.

Kapitel 3

Anastasia öffnete die Augen. Ihr Kopf schmerzte und auf ihrer Zunge lag ein seltsamer Geschmack, so, als hätte sie an der Unendlichkeit geleckt. Der Geschmack lag nicht nur auf ihrer Zunge, er waberte durch ihren gesamten Körper, pochte fremd und unbegreiflich durch ihr Blut. Sie spürte ihren Puls in den Schläfen und obwohl sie die Augen offen hatte, konnte sie nichts sehen. Ein dunkler, zähflüssiger Schleier lag vor ihren Linsen, löste sich langsam in kreisförmigen Bewegungen auf und gab wie durch ein winziges Guckloch ein kleines Stück von dem preis, was unter ihr war: Grasboden und ihre eigenen Finger. Vorsichtig bewegte sie erst ihren Zeigefinger. Er reagierte. Dann die anderen. Langsam kehrte das Gefühl für ihren Körper zurück. Sie war wieder ein Mensch, hatte wieder Form und kniete offenbar auf einer Wiese am Boden. Das Pochen in ihren Schläfen wurde schmerzhaft, als ihr in den Sinn kam, was zuletzt passiert war. Die Krähen. Der Strudel. Ich muss mir das alles eingebildet haben. Ich muss das Bewusstsein verloren haben …

Das Rauschen eines fernen Gewässers drang in ihr Ohr. Und weitere Erinnerungen prasselten auf Ana ein. Sie war an der alten Donau laufen gewesen. Aber die alte Donau würde doch nicht so lebhaft wie ein Gebirgsbach plätschern … Anas Blick wanderte weiter. Ihr Sichtfeld war immer noch eingeschränkt, doch dann trat etwas hinein, das sie keuchen ließ: dunkelbraune, abgewetzte Lederstiefel. Sie wollte den Kopf heben, aber ihr Körper reagierte nicht wie gewollt. Sie plumpste nur auf ihren Hintern zurück. Der Nebel vor ihren Augen klärte sich endgültig. Die sieben Gestalten in ihren schwarzen Mänteln standen immer noch im Kreis um sie. So real, als wären sie ihrem Manuskript entsprungen, als hätten sie sich aus ihrer eigenen Fantasie herausgezaubert und in echte Menschen verwandelt. Ich muss träumen!

Ein Mann mit dickem Bauch eilte heran. Sein beiges Leinengewand glitzerte von funkelndem Staub. Der Müller? Ana stieß ein entsetztes Keuchen aus. »Habt ihr mir neuen Stoff gebracht?«, fragte der Mann. Er blieb vor einem der Krähenmänner stehen. Dieser nickte und drehte sich dann zu Anastasia um. Von beiden Seiten packten die Krähen sie und stellten sie auf die Beine. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Der Kreis der Krähen öffnete sich und der bauchige Müller mit all dem magischen Staub auf seinem Gewand begutachtete Ana mit einem beiläufigen Blick. Dann fasste er nach ihrem Oberarm und zog sie an sich. Anastasias Knie gaben nach. »Komm mit, Mädchen, hab keine Angst.« Der Müller zerrte an ihrem Arm.

Immer noch war ihr Körper zu steif, um sich zu wehren, ihr Denkapparat zu gelähmt, um mehr als ein halb ersticktes »Was?« hervorzubringen. Ihre Beine stolperten dem Müller nach. Das ist nicht echt, das ist alles nicht echt. Während Ana sich dies sagte, stieg der Schweißgeruch des Müllers beißend real in ihre Nase und der glitzernde Staub auf seiner Kleidung funkelte in ihren Augenwinkeln. »AUS!«, schrie sie verzweifelt. »DAS SOLL AUFHÖ–« Ihre Stimme erstarb, als sie die Mühle vor sich erblickte. Sie kauerte zwischen scharfkantigen Felsen; geduckt unter den massiven Steinplatten ihres Daches schien sie auf Ana zu lauern. Das dunkle Holz der Wände stand im schneidenden Kontrast zu dem bunt glitzernden Wasser, das die Schlucht hinter der Mühle herabplätscherte. Über eine Rinne lief ein dicker Strahl bis zu dem mächtigen Wasserrad und trieb dieses mit klappernden Geräuschen an. Anas Muskeln verkrampften sich. Der Bach, den es nicht geben darf. Die Magische Mühle. Alles war genauso wie in ihrem Manuskript!

»Na, komm schon!« Der Müller packte sie fester, von beiden Seiten bohrten sich seine Finger in ihr Fleisch. Ihre Füße schliffen über den Boden. Das wie tausend Juwelen funkelnde Wasser plätscherte im Rad und hinterließ ein völlig absurdes Gefühl auf ihrer Haut. Der Geruch des teerigen Holzes bohrte sich in ihre Nase.

Das ist nicht echt. Das ist alles nur ein Traum! Ein leise gemurmelter Fluch mischte sich zum Schnaufen des Müllers, bevor er mit Ana vor der Eingangstür zu stehen kam. Eine Hand in ihr Shirt gekrallt, öffnete er die Tür. Rattern und Knattern empfing sie im Inneren. Eine Frau, gekleidet in weißes Leinen, stapfte mit Augen so leer wie der Tod an Anastasia vorbei. Ana erkannte das Gesicht und wollte es kaum glauben. »Nina Mehlbaum?«Die Frau drehte den Kopf in Anas Richtung, doch sie schaute an ihr vorbei. Kurz huschte so etwas wie eine Frage über das ausdruckslose Gesicht. So, als hätte jemand von fern ihren Namen gerufen.

Der Müller gab Ana einen Stoß gegen den Rücken. »Geh weiter!« Sie stolperte nach vorn, das Rattern wurde lauter. In einem kurzen Moment der Klarheit rief Ana sich all die Notizen in den Kopf, die sie sich zur Magischen Mühle gemacht hatte. Sie war im Besitz der Königin. In ihr wurde die Vernünftige Magie produziert, das Pulver, das die Adligen gebrauchten. Von Menschen selbst gefertigt und somit auch vergänglich und kontrollierbar, anders als die geächtete und unvorhersehbare natürliche Magie. Ein eiskalter Griff erfasste ihr Herz, als sie den nächsten Gedanken fasste. Das magische Pulver wurde nicht nur aus Korn gemacht. Dem Mehl wurde eine entscheidende Zutat beigefügt. Sie kam aus dem Inneren der Menschen, war eines ihrer größten Geschenke: die Inspiration. Nina Mehlbaum … Hatten die Krähen sie auch entführt? Ana konnte den Gedanken nicht zu Ende führen. Panik übermannte sie. Sie wand sich im Griff des Müllers, riss ihren Arm von ihm los. »Na, wirst du wohl!« Er schnappte nach ihrem Pferdeschwanz und zog sie gewaltvoll zurück. Der Schmerz lähmte Anas Körper und zwang ihren Blick auf die Mahlstube, die sich vor ihr erbaute. Innerhalb der Bütte rieben die schweren Mahlsteine gegeneinander, die gesamte Apparatur rüttelte unter der Kraft der treibenden Winkelräder. Ana starrte entsetzt auf die obere Spitze des Mahlwerks. Neben dem Trichter, wo das Korn hineingefüllt wurde, war ein Mann auf einen Sessel geschnallt. Sein Kopf war krampfartig in den Nacken geworfen. Ein Fluss nebliger, schimmernder Energie strömte aus allen Poren seines Körpers. Je mehr sie ihm entwich, desto mehr sackte der Mann in sich zusammen. »Lange wirst du dich nicht mehr wehren«, zischte der Müller von hinten in Anas Ohr. »Bald geht’s dir so wie ihm.« Er befahl einem Mann mit genauso toten Augen wie Nina Mehlbaum, die steilen Stiegen hinaufzuklettern und alles für den Wechsel vorzubereiten.

Den Wechsel? Sie wollen mich auf diesen Stuhl setzen? Ob es nun ein Traum war oder nicht – ein Schub von Todesangst jagte durch Anas Körper und machte ihre Gedanken präzise und klar. Sie hatte einmal einen Selbstverteidigungskurs besucht. Es war lange her und sie war nicht sonderlich begabt gewesen, dennoch spulte ihr Gehirn mit rasender Geschwindigkeit alles ab, was sie darin gelernt hatte. Sie schleuderte ihren Ellbogen zurück und rammte ihn dem Müller mit voller Wucht gegen die Nase. Knochen krachten. Der Müller warf sich beide Hände vors Gesicht. Im selben Moment fuhr Anastasia herum und wuchtete ihm ihr Knie in die Eier. Jaulend krümmte sich der Müller zusammen. Ana hechtete an ihm vorbei und stürmte aus der Stube, weiter den Gang entlang bis zur Tür. Im Freien wurden ihre Schritte länger.

Sie rannte so schnell sie ihre Beine trugen und bremste erst ab, als sich vor ihr ein Abgrund auftat. Unter ihr rauschte ein Fluss. Sie blickte die steile Felswand hinunter. Mehrere Meter weit fiel sie in die Tiefe. Hastig wandte Ana den Kopf zurück und sah den Müller aus der Mühle humpeln, neben ihm Nina Mehlbaum und noch ein anderer Halbtoter. Er deutete mit dem Finger in Anas Richtung. Ana riss den Kopf wieder nach vorn. Es war nicht echt, es konnte nicht echt sein, und doch durfte sie auf keinen Fall in diese Mühle zurück! Ich muss aufwachen, endlich aufwachen! Ihr Blick fiel verzweifelt in die Tiefe. Sobald ich auf dem Wasser aufschlage, werde ich erwachen. So ist das immer in meinen Träumen. Wenn ich am Boden aufschlage, schrecke ich aus dem Schlaf auf.