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Der Ballistiker Bastiano Boscardin und die Fahnderin Krissy Kraut haben es mit einem sehr undurchsichtigen und verzwickten Fall zu tun. Und wenn «Der Himmel als Abgrund über euch» einfach ein Krimi wäre, dann wüssten wir am Schluss, wer der Mörder ist; wir wüssten, wer den perfiden Anschlag auf das Hündchen von Frau Gredig zu verantworten hat, und vor allem wüssten wir, wieso die Auftritte des Poetry-Slammers Kotzbrock 3.0 immer so elektrisierend sind. All das und noch viel mehr bleibt in diesem Rätselroman aber offen. Und deshalb müssen wir dich warnen, liebe Leserin, lieber Leser: Dieser Roman wird dich verwirren und ratlos machen. Aber noch nie warst du mit so viel Begeisterung verwirrt und mit so viel Freude ratlos.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Elio Pellin
Der Himmel als Abgrund über euch
Ein Rätselroman.
Songdog-Verlag
Für N und G
© Songdog Verlag, Bern und Wien 2019
© Elio Pellin
Cover: Oliver Kreuter, Biel
ISBN 978-3-9504675-7-4
das nur sehr indirekt mit dem Roman zu tun hat, in dem aber immerhin der Chaschperli vorkommt.
Chaschperli und der superdesaströsverheerendtödliche Meteor
Professor Gugger sitzt auf den Stufen, die zu seiner Sternwarte führen. Immer wieder schüttelt er den Kopf und seufzt.
Auftritt Chaschperli
Das ist ja ein himmeltraurigstes Bild, ein Sternenforscher, der auf den Boden starrt und die eigenen Fußspitzen anseufzt. Jesses, was ist denn los, waseliwaswas?
Professor Gugger schaut müde auf.
Chaschper?
Chaschperli, etwas albern: Genau derselbigste, tra tra trallala und fidirallala und juheirassa und bla bla bla, sprudelt der Chaschper so aufgedreht, wie er noch kann, schließlich ist er das seinem Ruf schuldig.
Professor Gugger: Ach, Chaschper. Es ist auch zu traurig. Die Welt geht unter.
Chaschperli: Oh je! Dass es auf der Welt drunter und drüber geht, das weiß ich ja. Aber dass die Welt untergeht. Ohjemine! Ist die gegen einen Eisberg gefahren? Hat sie ihre Schwimmflügeli verloren?
Professor Gugger: Chaschper, Chaschper, wenns so einfach wäre.
Chaschperli: Ja, manchmal ist es einfach kompliziert, gell, Professor.
Professor Gugger: Nein, Chaschper, diesmal ist es einfach nur schrecklich. Ein Meteor rast auf die Erde zu, eben habe ich ihn durch mein Teleskop gesehen. Und niemand kann etwas dagegen machen. Das ist der Weltuntergang.
Polizist Knill tritt auf.
Chaschperli: Oha, der Wachtmeister Knall, äh, Knill, der hört nicht mehr alles, aber viel.
Polizist Knill: Ja, und was höre ich da? Weltuntergang? Weltuntergang, das ist doch verboten! Dieser Meteor, wenn ich den erwische, der kommt ins Chefig.
Professor Gugger: So leicht wird der nicht zu erwischen sein, fürchte ich. Im Weltall, mit einer Geschwindigkeit von 10 000 Kilometer pro Sekunde.
Polizist Knill: Aber das ist doch allerhand, 10 000 Kilometer pro Sekunde! Also, also ich kenn die Höchstgeschwindigkeiten im Weltall ja nicht grad auswendig so genau, aber irgendeine Geschwindigkeitslimite wird es dort schon geben. Das Weltall liegt ja schließlich nicht in Deutschland, soviel ich weiß.
Professor Gugger: Da haben Sie ganz recht, Wachtmeister Knill. Das Weltall liegt nicht in Deutschland. Es liegt viel, viel weiter weg. So weit, dass da keiner hinkommt. Drum kann niemand diesen Meteor aufhalten.
Chaschperli: Was was waseliwas, dann hat dieser Sürmel-Meteor nicht mit dem Chaschper gerechnet! Der Chaschper saust ins Weltall trallala und fidirallala und juheirassa und bla bla bla und dann wollen wir diesem Meteor gehörig die Sappe versulzen, die Sulze versappen, die Salze versuppen!
Professor Gugger: Hui Chaschper, wie willst du das denn machen?
Chaschperli: Lassen Sie das nur meine Sorge sein, Professor. Ich lass mir schon was einfallen. Üben Sie schon mal wieder das Lächeln, der Weltuntergang muss sich noch etwas gedulden.
Professor Gugger: Ganz so einfach ist es aber nicht. Wie willst du denn bis ins Weltall kommen, und wie willst du denn dort atmen?
Chaschperli: Ja, da haben Sie recht, Professor. Nicht mal meine Nase ist lang genug, dass ich mit dem Nasenspitz hier auf der Erde noch atmen könnte, wenn ich mit den Füßen schon auf dem Lumpenmeteor stehe.
Hmm, hmm. Jetzt hab ich's. Ich steck mir mein leeres Goldfischglas über den Kopf, das Urgroseli Buumä büezt mir einen prima Weltraumanzug. Dann stell ich mein Trampolin vor die Sternwarte, springe vom obersten Spitz aufs Trampolin und schwuppsdiwibbeldiwutz sause ich in den Himmel und ins Weltall.
Polizist Knill: Ja, der Chaschper hat wieder die tollsten Ideen. Ich sperr gleich mal alles ab um die Sternwarte.
Vorhang
Polizist Knill tritt an die Rampe.
Aber ohweh, jemand hat genau in dem Moment, als der Chaschper vom höchsten Spitz der Sternwarte runtergehüpft ist, das Trampolin weggezogen. Tätschbumm. Das ist natürlich keine schöne Sache. Vor allem weil ein Trampolin wegziehen, wenn der Chaschper vom obersten Sternwartenspitz runterspringt, das ist selbstverständlich strengstens verboten. Jetzt hat der Chaschper einen gebrochenen Nasenspitz und eine gewaltige Beule an seinem Holzöpfel. Das Goldfischglas ist natürlich auch verscherbelet. Mit der Rettung der Welt ist es also nichts geworden. Und als Polizist stellt man sich da schon gewisse Fragen. Erstens: Wer hat meine Absperrung verbotenerweise missachtet? Und zweitens: Wer könnte ein Interesse an einem Weltuntergang haben?
Polizist Knill ab. Ende des unterhaltsamen Vorspiels
Das ist der eigentliche Anfang, der allem den Rahmen gibt, der etwas stotzig ist und in dem zwei schlaue Rabenkrähen als Meister der Abschweifungen vorgestellt werden.
Natürlich, man hats schon tausendmal gesehen. In Schulstuben vielleicht, im Fernsehen, auf Bildern, Schnitzereien, mit Gold belegt oder roh, schaurig schön.
Aber wenn mans leibhaftig vor sich hat - keine Kunst, keine Kultur, keine Religion -, dann hängt da einfach einer, aufgenagelt hängt da einer mit klaffenden Wunden an dicken Nägeln an der Wand, ächzt und stöhnt, keucht, wimmert. Das ist kein schöner und schon gar kein erhebender Anblick, kein Trost, wenn du kaum den Kopf heben kannst vor Schmerz, runtergezogen vom Gewicht deines eigenen Körpers, der schwer an den dicken Nägeln an der frisch gemauerten Wand hängt. Nichts von der morbiden Eleganz eines aufgespießten Prachtfalters, nur aufgenageltes, blutendes Fleisch, das dein Körper ist, das du bist.
Irgendwo schlägt eine Turmuhr. Wie spät? Die Schläge verschwimmen, dehnen sich. Acht Uhr ist schon durch. Aber es ist doch noch nicht zehn?
In der Nacht sind sie gekommen. Heute.
Im U stöhnt wieder einer, im Geschoss halb unter der Erde, bei den Hoffnungslosen. Wo es heiß ist und stickig neben dem großen, alten Heizkessel. Wird wieder Monade sein, der sagt, er lebt in der besten aller Welten, weil er mit uns nix zu tun habe. Aber das sagt er natürlich nur zu sich selbst. Und ganz so einfach ist es ja dann doch nicht, sich selbst zu belügen. Schließlich haben sie ihn im U versorgt, weil er sich in WC-Kabinen geschlichen hatte, jeweils kurz nachdem jemand länger drin war - die einzige Art und Weise, wie er menschliche Nähe ertrug. Der noch warme Sitzring, der müffelige Verdauungsgeruch von Zwiebeln und Zigaretten. Und jetzt brüllt er in der besten aller Welten.
In der Nacht sind sie gekommen. Hui, haben sie gerufen, Brunner und Steiner, hui, ein Schriftsteller will er sein, der Gerter! Ist das dein Ernst, Gerter? Diesen Bären willst du uns aufbinden? MannMannMann, sagen sie und ihre Stimmen klingen hart. Klaut, was ihm grad so passt, schustert daraus irgendwas zusammen, Reisejournale, Krimis mit billiger Fuselspannung und will ein Schriftsteller sein. Du lausiger Kopist und mieser Kompilator! Als ob wir nicht schon genug Kummer hätten.
Ein Taschenbüchlein von 144 Seiten, auf denen Zeilen und Zeilen und ganze Abschnitte farbig markiert sind, klatscht mir ins Gesicht.
Mieser Kompilator, lausiger Kopist? Was beklagt ihr euch! Ist das etwa das nackt-brutale Plagiat eines geistig Armen? Nach dem alten Recept, wie man ein Buch mache?
Nimm drei oder vier Bücher, ungefähr gleichen Inhaltes, schmeiße sie durcheinander, knete sie in einen Teig, und dann nimm davon nach Belieben mehr oder weniger, mach deine Lebkuchen größer oder kleiner, so hast du ein neues Buch. Sagt dann die böse Welt: ‹Du bist nur ein Zusammenschmierer; es ist nichts eigenes daran, dein Buch ist aus zusammengestohlenen Fetzen gemacht› und dergleichen, so lach du dazu, so ferne sie nur kaufen und zahlen.
NeinNeinNein, ihr stümperhaften Idioten, kommt mir nicht damit. Solche billigen Rezepte interessieren mich nicht. Ganz und gar nicht, und wenn ihr nur den Hauch einer Ahnung von Literatur hättet, könntet ihr sehen, das hier ist eine Zweitformung, versteht ihr das? Eine unvergleichlich besser machende Zweitformung. Meine Aufgabe ist es nicht, mir originelle Handlungen auszudenken, ich mache aus simplen, unbedeutenden Geschichten Literatur, versteht ihr. Erst sorgsam poliert und meisterlich gefasst wird aus dem unförmigen und staubigen Diamanten ein Juwel.
Soso, du machst aus unseren staubigen Diamanten Juwelen, sehr schön, meint Brunner, und Steiner höhnt: Nicht mal deine Ausreden sind von dir, sogar die klaust du zusammen. Und sag jetzt nicht, du würdest aus staubigen und unbedeutenden Ausreden Juwelen der Ausredekunst machen, du trauriger Plagiator und jämmerlicher Plagöri. Du bist erledigt, Gerter, als Schreiberling bist du erledigt, mehr als Ostereier beschmieren lässt dich niemand mehr, wenn wir mit dir fertig sind, geifern Brunner und Steiner und stoßen mit den Fingern tief in die Wundmale.
Dann wird es dunkel, als hätte jemand einen großen Stein vor eine Höhle gerollt.
Herr Gerter, aber Herr Gerter, werden Sie wieder von Ihren Dämonen gejagt?
Schwester Sandra fährt mir tröstend mit einem kühlen Lappen über die Stirn. Sandra, ach, immer wieder rettet sie mich. Sie meint es gut, auch wenn sie Zürcher Dialekt spricht.
Vielleicht sollten wir Ihre Medikamente neu einstellen, was meinen Sie? Soll ich mal mit der Frau Doktor sprechen? Oder wollen Sie es nicht doch mal mit Malen versuchen? Das täte Ihnen vielleicht wirklich gut.
Ja, was einem alles guttun soll hier. In die Kunstgruppe, spinnt ihr? Um Verschüttetes zugänglich zu machen, das ich mit Worten mehr verdecke als offenbare. Danke. Ich bin Schriftsteller, ich bin ein behördlich anerkannter und gemeingefährlicher Irrer, der ohne Skrupel Menschen für die Literatur erschossen, aufgeschlitzt und erstochen hat, und ich soll euch hübsch was pinseln und dann gibts eine Ausstellung und alle staunen wie doch aus so einem irren Geist ungefiltert die Kunst herausbricht. Ihr habt sie doch nicht alle, blöde Arschlöcher! Gebt mir was zu schreiben, Papier, einen Bleistift, gebt mir endlich einen Stift, dann zeig ich euch, was Kunst ist. Ich hau euch die Welt um die Ohren, zieh euch den Boden unter den Füßen weg. Trümmeln und torkeln sollt ihr und nicht nach oben oder nach unten schauen, denn der Abgrund ist nicht nur unten, sondern auch als Himmel über euch. Glotzt nicht so romantisch! Kneift die Augen zusammen und blinzelt, bis euch schwindlig wird in den tanzenden Buchstaben.
Ich weiß, was ich weiß, Fröschl und Wanninger halten mich auf dem Laufenden. Die meinen hier, ich wisse nichts. Sollen sie meinen. Aber ich weiß, was ich weiß. Wanninger und Fröschl, die erzählen mir alles. Die sind schlau. Schwarz wie Pfaffenkutten, aber schlau. Hocken vor meinem Fenster und hacken den Schnabel ins mürbe Holz.
Fröschl, der ist etwas forscher. Wanninger überlegt gemütlich, bevor er besonnen erzählt. Wanninger und Fröschl, die beiden schlausten Rabenkrähen, die ich je getroffen habe.
Ja, schlau sind sie. Und deshalb wissen sie, es gibt nicht die eine große Erzählung, die allem Sinn gibt, es gibt nur Geschichten, Teile von Geschichten, die sich mehr oder minder überlappen, berühren, die vielleicht über Motive miteinander verbunden sind. Fröschl und Wanninger sind keine Illusionisten. Und selbstverständlich scheren sie sich kein bisschen um so etwas wie die Brockhoff'schen Gebote des guten und richtigen Erzählens. Denn was nützt die schönste Ordnung, das saubere Verknüpfen aller Fäden, wenn diese Ordnung nichts mit den Dingen zu tun hat, von denen die Erzählung handeln soll?
Und Fröschl und Wanninger, oh, diese großen Meister der Abschweifungen, erzählen vom Ballistiker und Forensiker Bastiano Boscardin und von der Fahnderin Krissy Kraut, vom Fahnder Ramon Bieli, vom Journalisten Mario Malavenda, von der Bibliothekarin Laura Dewey, von der Rechtsmedizinerin Gaia Bachofen.
Und hier soll folgen, was mir die beiden Rabenkrähen berichtet haben, nicht lückenlos und mit vielen Umwegen, aber ergreifend, traurig und überraschend genug.
in dem Krissy Kraut endlich auftritt und Bastiano Boscardin anruft – und in dem ein Toter zu beklagen ist.
Es war nur leichter Nebel, der vom Gäbelbachtäli heraufgezogen war und alles in ein leicht diffuses Licht getaucht hatte. Nach und nach konnte man den Wald, die Straßen erkennen, sah man Hochhäuser mit verwaschen roten Fassaden vor der Sonne stehen.
Bastiano Boscardin strich mit dem langen Streichholz über die Reibfläche der Zündholzschachtel. Er hielt die Flamme unters Ende seiner Zigarre, bis sich eine leuchtend runde Glut bildete. Der erste Zug einer Havanna ist immer ein Genuss, ja. Aber erst kurz bevor er die erste Hälfte seiner Romeo y Julieta geraucht haben würde, das wusste er, würde sich jene trunkene Klarheit einstellen, in der er an Patrizia Bühler denken konnte – und an Krissy Kraut.
Boscardin, warm eingepackt in seine Winterjacke, schaute von seinem Balkon hinunter auf die undeutliche Kontur der einssechzig großen Micky-Maus-Figur, Detektiv Micky, der, wenn mans genau nahm, den letzten großen Fall gelöst und so Patrizia Bühler das Leben gerettet hatte.
Die glückliche Rettung der Literaturprofessorin hatte Boscardin aber natürlich nicht mit der Polyesterfigur gefeiert, die auf dem grünen und exakt geschnittenen Rasen von Hauswart Wirth stand, sondern mit Patrizia Bühler und Krissy Kraut, die die Professorin unzimperlich und entschlossen aus der prekären Situation rausgehauen hatte. Boscardin hatte einen umwerfenden Risotto gekocht. Kraut, Bühler und er tranken einen herrlichen alten italienischen Roten dazu, aufgeräumt und glücklich darüber, den Fall gelöst zu haben beziehungsweise und mit dem Leben davongekommen zu sein. Und irgendwie – niemand wüsste mehr zu sagen, wer wie den Anstoß dazu gegeben hatte – waren sie alle drei in Boscardins großem Bett gelandet. Entspannt, zart, ja man könnte sagen himmlisch war die Nacht, die sie zu dritt verbracht hatten. Boscardin, der die Marotte pflegte, von seinen Geliebten die Leberflecken auf dem Rücken in seinem fotografischen Gedächtnis zu speichern und in ein Quadrantensystem einzufügen, dachte keine Sekunde an Muttermale und Leberflecken. Er war einfach nur glücklich wie ein Blödmann.
Nach dieser Nacht aber war nichts mehr wie vorher. Kraut wirkte seither etwas reserviert und zurückhaltend, so wie man sich jemandem gegenüber verhält, der zu viel von einem weiß. Bühler ließ wochenlang nichts mehr von sich hören und antwortete auch nicht auf die Meldung, die er auf ihrer Combox hinterließ. Und wenig später nahm sie den Ruf an eine Berliner Uni an.
Boscardins Telefönchen surrte.
«Ciao Boscardin, Kraut hier», meldete sich die Fahnderin der Berner Kantonspolizei, Dezernat Leib und Leben, trocken und kam, ohne seinen Gruß abzuwarten, gleich zur Sache. «Wir haben einen AgT – einen sehr außergewöhnlichen.»
Boscardin nahm einen Zug seiner Romeo y Julieta, die er schon fast bis zur Hälfte geraucht hatte.
«Hmm», murrte Boscardin, und «wie sehr außergewöhnlich? Stimmt wieder mal etwas mit einem Einschusswinkel nicht oder rätselt ihr über den Gegenstand, mit dem jemand erstochen worden sein könnte?»
«Boscardin», meinte Kraut, und in ihrer Stimme hätte man fast wieder die Wärme hören können, die sie früher oft gehabt hatte, «würde ich dich wegen einem Einschusswinkel oder einer merkwürdigen Stichwaffe aus deinen Gedanken an die entschwundene Patrizia Bühler reißen?»
Boscardin legte seine Zigarre in den Aschenbecher. Mit der trunkenen Klarheit würde das heute nichts mehr werden. Missmutig schwieg er in die Stille.
«Die Leiche», fuhr Kraut schließlich fort, «die Leiche ist, wie soll ich sagen, ein aufgeplatztes Stück Fleisch. Ist das außergewöhnlich genug?»
Boscardin überlegte. Das hörte Kraut zwar nicht, aber die kurze Stille sagte allerhand. Dann antwortete er: «Ich bin in zwanzig Minuten da.»
in dem der perfide Anschlag auf das Hündchen von Frau Gredig leider nicht aufgeklärt werden kann und in dem eine Pathologin ohne Schuhe ein fleischiges Etwas präsentiert.
In der Holenackersiedlung, in der Boscardin wohnte, setzte Hauswart Wirth die Berner Fahne auf halbmast. Betrübt und wütend ließ er die Fahne nach unten ruckeln und befestigte die Fahnenschnur wieder am Haken. «Wir haben einen außergewöhnlichen Todesfall», knurrte Wirth, als Boscardin ihn grüßte. «Einen AgT, wie Sie wohl sagen würden.»
Boscardin hob erstaunt die rechte Augenbraue.
«Das Hündchen von Frau Gredig. Vergiftet, so eine Sauerei, sie ist abgrundtief erschüttert, das können Sie sich ja vorstellen.»
Das konnte sich Boscardin tatsächlich vorstellen. Hauswart Wirth hatte dem zappelig-nervösen Hund von Frau Gredig einst mit der Velopumpe das Leben gerettet, als neben dem Hund ein Erstaugustböller losgekracht war und dem Tierchen den Atem verschlagen hatte. An der überschwänglichen und lang anhaltenden Dankbarkeit, die Frau Gredig Hauswart Wirth gegenüber gezeigt hatte, ließ sich ihr Gram über das Ableben ihres Hündchens sehr leicht abschätzen.
«Oh je», meinte Boscardin und fragte einigermaßen interessiert: «Hmm, hmm, hmm. Vergiftet, sagen Sie? Das ist nicht schön. Weiß man schon, was und wie genau?»
Hauswart Wirths Miene verdüsterte sich noch etwas mehr. «Rosinen, meint der Tierarzt.»
«Rosinen, ja, die können bei Hunden durchaus letal sein. Tödlich», fügte Boscardin an und erinnerte sich an eine britische Studie, die er vor ein paar Monaten gelesen hatte. Von 169 Hunden, die Rosinen in irgendeiner Form gefressen hatten, blieben 101 Tiere symptomfrei, bei 68 stellte man Erbrechen, Durchfall, Apathie oder Nierenversagen fest. 50 davon erholten sich wieder, ein Hund blieb chronisch krank, 13 starben und vier mussten eingeschläfert werden.
Woran es lag, dass nur ein Teil der Hunde Symptome zeigte, konnte die Studie nicht nachweisen. Zeigen konnte sie aber, dass bei Hunden, die sensibel auf Rosinen reagierten, bereits eine Menge von 2,8 Gramm Rosinen pro Kilogramm Körpergewicht klinische Symptome auslösen konnte.
«Hmm, hmm, hmm», meinte Boscardin nochmal. «Bei einem so kleinen Tier wie dem Hündchen von Frau Gredig dürfte eine halbe Handvoll Rosinen bereits genügt haben. So eine Menge kann gut zufällig auf dem Boden liegen, weil vielleicht das Znüniböxli eines Kindes mal runtergefallen ist.»
«Nichts da Znüniböxli! Die Rosinen hat jemand in den Lammfellstiefel von Frau Gredig gelegt. Der Kleine war ganz vernarrt in die Lammfellstiefel der Frau Gredig. Das muss der Mörder gewusst haben. Das schränkt den Kreis der Verdächtigen schon mal ein, wenn Sie mich fragen. Insiderwissen, gewissermaßen.»
«Hier.» Wirth hielt Boscardin ein Plastiksäcklein vor die Nase, in dem eine einzelne getrocknete Weinbeere lag. «Ich habe sogar noch ein Exemplar sicherstellen können, schauen Sie. Vielleicht lässt sich da noch die DNA des Täters feststellen.»
«Hmm, hmm, hmm», meinte Boscardin nun schon zum dritten Mal. «Vielleicht», fügte er hinzu, obwohl er natürlich wusste, dass die Chance, DNA nachweisen zu können, um einiges größer gewesen wäre, wenn Wirth die Rosine in einen Papierumschlag statt in ein Plastiksäcklein gesteckt hätte.
«Ich werd ihn kriegen, das können Sie mir glauben, ich werd ihn kriegen, diesen feigen Mörder. Das hab ich der Frau Gredig fest versprochen.»
«Das werden Sie sicher, Herr Wirth. Aber ich muss jetzt los. Ein AgT, Sie verstehen.»
Hauswart Wirth seufzte und nickte. Das Böse lauert immer und überall, oh ja.
Dr. Gaia Bachofen, die junge Pathologin, stand wie meist barfuß neben dem Seziertisch. Wissen die Götter, weshalb sie nie kalte Füße zu haben schien. Neben einer einnehmenden Selbstgewissheit, die gut zu ihrer fachlichen Kompetenz passte, strahlte sie eine samtene Sinnlichkeit und etwas bemerkenswert Mütterliches aus. Und das war Boscardin natürlich alleweil lieber als die besserwisserische Ignoranz ihres Vorgängers.
Wie der kleine Papyrus im viel zu großen erdfarbenen Topf in dieser fast fensterlosen Unterwelt gedeihen konnte, war Boscardin rätselhaft. Aber an die kleine Sumpfpflanze zu denken gab ihm nur kurzen Aufschub. Bachofen hatte das Leichentuch schon längst abgezogen, zusammengefaltet und auf ein kleines Chromstahltischchen gelegt, ließ Boscardin und Kraut ohne weiteren Kommentar auf ein zerfetztes, fleischiges Etwas blicken.
Boscardin sah einen Körper vor sich, von dem Tausende spitzer Vektorpfeile abstanden, die ungeheure, von innen nach außen wirkende Kräfte anzeigten. Kräfte, die diesen Körper zerrissen hatten. Wie hatte kürzlich ein angesehener Krimiautor gemeint: Er brauche keine neue Mordfantasien, er schaue sich lieber Innenwelten an. Nun, man könnte sagen, hier hätte er gewissermaßen beides gehabt.
«Gefunden wurde die Leiche in der Kadaversammelstelle des Tierspitals», erzählte Kraut. «Der Fundort ist aber ziemlich sicher nicht der Tatort. Am Tatort muß es eine ziemliche Schweinerei gegeben haben.»
«Schweinerei? Ein schöner Speziesismus.»
Krissy Kraut hob nur leicht die Augenbrauen. War sie hier die Stichwortgeberin fürs akademische Personal? Die doofen Fragen stellen, damit die Professorinnen und Doktoren lehrreich dozieren konnten. Pfft!
«‹Schweinerei› wertet das Tier ab, diskriminiert es. Das Schwein muss für deinen Vergleich hinhalten, wird quasi zur Sau gemacht.»
«Von mir aus. Eine Schweinerei oder was auch immer. Ein Gschmier, ein Gschlirgg. Speziesismus, meine Nerven. Das meinst du nicht im Ernst, oder?»
«Nein», lächelte Gaia Bachofen, «ganz und gar nicht, ich wollte Boscardin nur genug Zeit geben, uns mit einem seiner genialen Einfälle zu verblüffen. Auf jeden Fall ist dieser Körper geplatzt, als wäre er gekocht worden. Nur weist er weder Verbrennungen noch Verbrühungen auf.»
«Vakuum.»
«Voilà.» Gaia Bachofen lächelte.
«Vakuum, schön, und sonst? Du darfst uns ruhig etwas mehr dazu erzählen, Professor Boscardin. Meine Güte.» Kraut verdrehte ungeduldig die Augen.
«Mit Vakuum. In einem Vakuum, oder einem vakuumnahen Zustand, beginnt das Wasser im menschlichen Körper schon bei Zimmertemperatur oder leicht darüber zu kochen. Also keine Verbrennungen oder Verbrühungen, und trotzdem kocht der Körper von innen – und platzt. Aber um einen menschlichen Körper einem Vakuum auszusetzen, brauchst du eine ziemlich große Vakuumkammer.»
«Sowas hat nicht jeder Mörder einfach so zu Hause.» Bachofen deckte die Leiche wieder zu.
«Ist anzunehmen.»
«Und wo gibt es solche Geräte?», fragte Kraut.
«Bei unseren Sternfahrern.»
«Bei wem?»
«Beim Center for Space und Habitability an der Universität. Die bauen an einem Satellitenteleskop. Große internationale Kiste. Und dafür haben sie eine ziemlich große Vakuumkammer, in der sie Teleskopteile unter Weltraumbedingungen bei Temperaturen zwischen minus 80 und plus 140 Grad testen.»
«Dann statten wir den Sternfahrern doch mal einen Besuch ab.»
in dem Boscardin ans Datenverarbeitungszentrum einer Ölbrennerfabrik denkt und Krissy Kraut einen Vortrag über Geduld zu hören bekommt; von Zwahlen – ausgerechnet.
Kraut rief ihren Fahnderkollegen Ramon Bieli an, der auch gleich das Trüppchen vom kriminaltechnischen Dienst mitbringen sollte.
Boscardin verabschiedete sich knapp von Kraut und Bachofen. Wenn er schon seine Havanna nicht hatte fertigrauchen können, so wollte er sich doch zumindest in seinem Büro einen anständigen Espresso kochen und noch etwas am Artikel über die Backspatter, also die Rückspritzspuren bei aufgesetzten Schüssen, arbeiten. Sie hatten dünne Beutel mit Blut, Kontrastmittel und Acrylfarbe gefüllt, auf einer mit ballistischer Gelatine gefüllte Plastikflasche befestigt, alles mit einer Schicht Silikon überzogen, 48 Stunden in den Kühlschrank gestellt und dann mit verschiedenen Waffen beschossen.
Boscardin hatte den besten Job der Welt, das wusste er.
Ihr Experiment hatte gezeigt, dass sich die Spuren der Spritzer aus Blut und Gewebe im Waffenlauf bestens für DNA- und Isotopenanalysen eignen. Man konnte mit der DNA-Analyse also eine Waffe einer Leiche zuordnen, auch wenn kein Projektil mehr zu finden war. Oder man konnte mit der Isotopenanalyse herausfinden, ob damit zum Beispiel auf jemanden geschossen worden war, der lange in Asien gelebt hatte, in den Alpen oder an der Nordsee aufgewachsen war.
Boscardin holte seinen Computer aus dem Schlafmodus. Sein 3-D-Programm, mit dem er Blutspritzer, Einschusswinkel und die Position einer Waffe simulieren konnte, war noch geöffnet. Ein mächtiges und vor allem sehr praktisches Programm, das er zusammen mit einem Informatiker in England entwickelt hatte. Und auch ein sehr elegantes Programm. Die einzelnen Funktionen waren in der Programmstruktur so klar voneinander getrennt, dass man relativ einfach einzelne Sektoren weiterentwickeln konnte, ohne den Kern des Programms überarbeiten zu müssen. Etwas, was eigentlich auf der Hand lag, aber doch weniger selbstverständlich war, als man meinen konnte.
Sein erstes kleines Computerprogramm hatte er Anfang der 1980er Jahre noch in Fortran geschrieben. Boscardin lächelte. An der Schule gab es selbstverständlich noch keine Computer. Programmieren war eine Sache, die damals auf Papier stattgefunden hatte. In einer Ölbrennerfabrik, die mit der Schule zusammenarbeitete, hatten Datatypistinnen die handgeschriebenen Programme erfasst und auf Lochkarten stanzen lassen und damit die raumfüllende Maschine gefüttert.
Und dann kam der große Augenblick. Exkursion ins Datenverarbeitungszentrum der Ölbrennerfabrik. Alle stehen um eine große Konsole mit dem Kartenleser. Die Lochkarten rattern in die Maschine. Hinten im gekühlten Computerraum tut sich was, große Magnetbandspulen drehen links herum und drehen rechts herum, und tada, auf dem kleinen schwarzgrünen Bildschirmchen läuft tadellos das Progrämmchen ab, irgendein einfacher Rechenvorgang, an den sich Boscardin nicht mehr genau erinnern konnte.
Boscardin klickte das 3-D-Programm weg und öffnete die Textdatei mit dem Bericht zu ihrem Backspatter-Experiment.
Krissy Kraut machte sich derweil trotz der Kälte mit ihrem hellblauen Rennvelo auf den Weg quer durchs Länggassquartier, von der Rechtsmedizin an der Bühlstraße zur großen Schanze, zu den Sternfahrern. Sie flitzte flink vor einem Lastwagen durch und bog in die Sidlerstraße ein. Der Laster quälte sich qualmend die Schanzenstraße hoch
Die Leiche in der Kadaversammelstelle des Tierspitals, nein, das war kein schöner Anblick gewesen. Staatsanwalt Zwahlen hatte neben ihr gestanden. Studer, der ihr meist freie Hand gelassen hatte, bei den Ermittlungen im Hintergrund geblieben, im Gerichtssaal aber umso brillanter aufgetreten war; Studer war nicht da, Studer nahm ein Sabbatical, machte an der Fachhochschule ein CAS als Papierrestaurator. Ein CAS, ein Certificate of Advanced Studies, gute Güte.
Mit Zwahlen würde es nicht so einfach werden. Kraut hatte geseufzt.
Ja ja, das könnte eine verzwickte Sache geben, hatte Zwahlen gemeint. Und natürlich brauchen wir Resultate, Kraut. Aber, und das ist meine Maxime, zu Resultaten kommen wir nur mit Geduld. Geduld, Kraut, Geduld brauchen wir. Nicht einfach rum-zack, reinholen, Kreuzverhör. Geduld, Geduld sag ich immer. Warten, schauen, hören, horchen. Vielleicht etwas anstoßen, ja, aber dann Geduld, schauen, was passiert. Nicht dieses Zen-Zeug, Buddhismus-Ding, aktive Geduld nenn ich das, aktive Geduld, verstehen Sie. Jemand macht immer einen Fehler. Nichts ist so schwer, wie etwas zu verheimlichen. Sie können eine Tat vielleicht wegpacken, quasi in die Kühltruhe ihrer Erinnerungen stecken. Aber lügen braucht unheimlich viel Energie und Konzentration. Lügen ist anstrengend und ermüdend. Wir müssen dem Täter Zeit lassen, sich zu verplappern, sich zu verraten. Er wartet nur auf diese Möglichkeit. Er weiß es vielleicht nicht, aber er wartet nur darauf. Auf diese Erleichterung. Darauf wartet er. Das warten wir ab. Wir warten, geduldig, Herrgottsack.
in dem es zu den Sternenguckern in den Untergrund geht und in dem Bieli erzählt, dass er aus einem äußerst merkwürdigen Grund mal Astronaut werden wollte.
Vor dem Gebäude der Exakten Wissenschaften, wo vor über 200 Jahren ein Observatorium gestanden und wo man vor über 110 Jahren den Fundamentalpunkt, den Bezugspunkt der Schweizer Landesvermessung, gesetzt hatte, wartete schon der zuständige Leiter des Hausdienstes auf Kraut.
«Perutz», stellte sich der Mann mit der runden Brille vor.
«Mein Kollege Bieli und die Kollegen vom kriminaltechnischen Dienst müssten gleich da sein.»
«Dann geb ich Ihnen doch schon mal meine Karte», meinte Perutz, «man weiß ja nie.»
Perutz, Präsenzzeit von neun bis neun, las Kraut. Daneben eine Telefonnummer, eine E-Mail-Adresse und selbstverständlich das Logo der Universität. Eine etwas rätselhafte Visitenkarte, fand Kraut. Aber sie passte irgendwie zu diesem Hausdienstleiter der Exakten Wissenschaften. Dass er selbst in Wien einige Semester Mathematik studiert hatte, stand natürlich nicht auf seiner Visitenkarte. Es tat auch nichts zur Sache. Zumindest im Moment nicht.
Ein schnittiger Wagen, hinter dessen Steuer man einen rüebliroten Schopf sah, kam in flottem Tempo über die Gesellschaftsstraße auf die Exakten Wissenschaften zu und hielt auf eineinhalb der reservierten Parkplätze vor dem Gebäude. Ramon Bieli, Krauts Fahnderkollege. Und kurz danach fuhr der Van des kriminaltechnischen Dienstes vor.
«So», meinte Perutz, als das Material ausgeladen war und sich alle begrüßt und vorgestellt hatten, «dann wollen wir mal. Frau Professor Wild wartet wohl schon. Sie leitet das Projekt, für das die große Vakuumkammer gebaut wurde, die Sie so interessiert.»
Perutz ging voraus, am Empfang vorbei durchs Gebäude zum Foyer auf der Südseite. Holz, Stahl, Verputz verbreiteten den luftigen Optimismus und die Zukunftszuversicht der Vergangenheit. Perutz hatte aber so wenig wie Krissy Kraut oder Ramon Bieli Sinn für die Architektur der 50er-Jahre oder die prächtige Aussicht durch die Fensterfront auf das Münster, das Bundeshaus, den Glasturm des Bahnhofs, die Heiliggeistkirche und das Panorama der Berner Alpen dahinter, das einem eindrücklicher erscheinen konnte als die Statue Albrecht von Hallers, die man irgendwo rechts beim großen Baum vermuten muss.
Perutz hüpfte federnd links die Treppe runter. Bieli hörte hinter sich die Kolleginnen und Kollegen vom kriminaltechnischen Dienst mit ihren schweren Alukoffern ächzen.
«Hier muss es doch einen Lift geben, oder?»
Doch Perutz war schon links um die Ecke, ging einen Gang entlang, der unter der Einstein-Terrasse hindurch vom alten Institutsgebäude zu den Räumen unten an den Bahngleisen führen musste.
Ein paar Stufen ging es nun noch runter, statt auf dunklem Klinkerboden gingen sie jetzt über glänzend polierten grünblauen Linoleum, in dem sich die Leuchtröhren der Deckenlampen spiegelten.
