Der Himmel gehört uns - Luke Allnutt - E-Book

Der Himmel gehört uns E-Book

Luke Allnutt

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Beschreibung

Wenn du glaubst, alles verloren zu haben, bleibt immer noch die Liebe …

Rob Coates kann sich wirklich glücklich schätzen: Er ist mit seiner großen Liebe Anna verheiratet und nach vielen gemeinsamen Jahren krönt der gemeinsame Sohn Jack endlich das große Glück der beiden. Bis zu dem Moment, an dem die Familie eine unfassbare Diagnose erhält: Der kleine Jack leidet an einer unheilbaren Krebsart. Während es Rob den Boden unter den Füßen wegzieht, versucht Anna, stark zu bleiben – doch anstatt zusammenzuhalten, entfernen die beiden sich immer weiter voneinander. Bis Rob einen Entschluss fasst, der das Leben der Familie für immer verändern wird …

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Rob Coates kann sich wirklich glücklich schätzen: Er ist mit seiner großen Liebe Anna verheiratet, und nach vielen gemeinsamen Jahren krönt der gemeinsame Sohn Jack endlich das große Glück der beiden. Bis zu dem Moment, an dem die kleine Familie eine unfassbare Diagnose erhält: Der kleine Jack leidet an einer unheilbaren Krebsart. Während es Rob den Boden unter den Füßen wegzieht, versucht Anna stark zu bleiben – doch anstatt zusammenzuhalten, entfernen die beiden sich immer weiter voneinander. Bis Rob einen Entschluss fasst, der das Leben der Familie für immer verändern wird …

Autor

Luke Allnutt ist in Großbritannien aufgewachsen und arbeitet als Journalist. Der Himmel gehört uns ist sein bewegender Debütroman, der international für Furore sorgte und von der Presse gefeiert wird. Noch vor Erscheinen hat er sich in 30 Länder verkauft. Luke Allnutt lebt mit seiner Frau und den zwei gemeinsamen Söhnen in Prag und schreibt derzeit an seinem nächsten Roman.

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LUKE ALLNUTT

DER HIMMEL GEHÖRT UNS

ROMAN

Deutsch von Veronika Dünninger

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel»We own the Sky« bei Trapeze, an imprint of The Orion Publishing Group, London.

Copyright der Originalausgabe © Luke Allnutt 2018

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Sabine Thiele

Umschlaggestaltung und -illustration: buerosued.de

JF · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21553-8V004www.blanvalet.de

Für Markéta, Tommy und Danny

TEIL I

1

Sie las wie eine Besessene, bevor sie ging. Auf ihrem Lieblingsstuhl mit der harten Lehne; im Bett, gegen einen Berg von Kissen gestützt. Der Nachttisch war mit Büchern übersät, die sich auch auf dem Boden stapelten. Sie bevorzugte ausländische Krimis, und sie ackerte sie durch, ihre Lippen sittsam verkniffen, ihre Miene steif, reglos.

Manchmal wachte ich nachts auf und sah, dass die Lampe noch immer brannte: Anna, eine strenge, reglose Silhouette, saß mit durchgedrücktem Rücken da, genau wie man es ihr immer beigebracht hatte. Sie nahm nicht zur Kenntnis, dass ich aufgewacht war, obwohl ich mich zu ihr umwandte, sondern starrte nur in ihr Buch, blätterte die Seiten durch, als würde sie für eine Prüfung büffeln.

Anfangs waren es nur die üblichen Verdächtigen aus Skandinavien – Henning Mankell, Stieg Larsson –, aber dann wandte sie sich anderen zu: deutschen Noir-Romanen aus den Vierzigerjahren, einer Thai-Reihe, die im Phuket der Sechzigerjahre spielte. Die Cover waren anfangs vertraut – wiedererkennbare Schriftarten und Designs von größeren Verlagen –, aber bald wurden sie exotischer, mit fremdartigen Schrifttypen und anderen Einbänden.

Und dann, eines Tages, war sie weg. Ich weiß nicht, wo die Bücher jetzt sind. Ich habe seitdem nach ihnen gesucht, um zu sehen, ob sich ein paar von ihnen auf meine Regale geschlichen haben, aber ich habe keine gefunden. Ich nehme an, sie hat sie alle mitgenommen, in einen ihrer farblich gekennzeichneten Müllsäcke verpackt.

Die Tage nach ihrem Weggang sind verschwommen. Eine Erinnerung aus Betäubungsmitteln, zugezogenen Vorhängen und purem Wodka. Eine beunruhigende Stille, wie die Vögel, die vor einer Sonnenfinsternis verstummen. Ich erinnere mich, dass ich im Wohnzimmer saß, auf einen Kristalltumbler starrte und mich fragte, ob ein Finger Wodka waagerecht oder senkrecht war.

Ein Luftzug wehte durchs Haus. Unter den Türen hindurch, durch die Risse in den Wänden. Ich glaube, ich wusste, woher er kam. Aber ich konnte nicht dorthin gehen. Ich konnte nicht nach oben gehen. Denn es war nicht mehr unser Haus. Diese Zimmer existierten nicht mehr, als hätten Erwachsene mit Geheimnissen sie für tabu erklärt. Daher saß ich einfach nur unten, in diesem alten, toten Haus, während der kalte Wind meinen Nacken frösteln ließ. Sie waren verschwunden, und die Stille breitete sich in jeden Winkel aus.

Oh, ich bin sicher, sie würde sich freuen, mich jetzt zu sehen, in dieser düsteren Nische in einem schmuddeligen kleinen Pub verkrochen – nur ich, ein flimmernder Fernseher und irgendein Typ, der so tut, als wäre er gehörlos, und Disney-Schlüsselringe verkauft, die im Dunkeln leuchten. In der Eingangstür des Pubs klafft ein Loch, als ob jemand versucht hätte, sie einzutreten, und durch das flatternde, durchsichtige Plastik kann ich ein paar Jugendliche sehen, die auf dem Parkplatz herumhängen, rauchen und Kunststücke auf einem alten BMX vorführen.

»Ich hab’s dir ja gesagt.« Sie würde es natürlich nicht laut aussprechen – dafür hatte sie zu viel Klasse –, aber es wäre da, auf ihrem Gesicht, eine fast unmerklich hochgezogene Augenbraue, der Anflug eines Lächelns.

Anna fand immer, dass ich ein bisschen ungeschliffen war, die Sozialbausiedlung nie wirklich abschütteln konnte. Ich erinnere mich, was sie sagte, als ich ihr erzählte, dass mein Dad seine Samstagnachmittage im Allgemeinen im Wettbüro verbrachte. Höfliche Verwunderung, dieses selbstgefällige leise Lächeln. Denn niemand in ihrer Familie ging je in ein Pub. Nicht einmal an Weihnachten?, fragte ich einmal. Nein, sagte sie. Sie tranken vielleicht nach dem Mittagessen ein Glas Sherry, aber das war alles, mehr nicht. Stattdessen gingen sie zum Glockenläuten.

Jetzt ist es dunkel, und ich kann mich nicht erinnern, wie die Sonne untergegangen ist. Ein Wagen heult draußen auf, und seine Vorderlichter gleiten um das Pub wie der Suchscheinwerfer eines Gefängnisses. Ich gehe zurück an die Bar und bestelle mir noch ein Pint. Köpfe wenden sich zu mir um, aber ich nehme keinen Augenkontakt auf, meide die starren Blicke, das unergründliche Nicken.

Ein stämmiger Fischer sitzt auf einem Barhocker, zur Tür gewandt, als ob das Pub sein Publikum ist. Er erzählt einen rassistischen Witz über eine Frau, die eine Affäre hat, und das Zupfen eines vereinzelten Schamhaars, und ich erinnere mich, ihn einmal nach der Schule gehört zu haben, in einer Gasse in Ost-London, wo die Leute Pornozeitschriften und leere Coladosen wegwarfen. Die Stammgäste lachen über die Pointe, aber das Barmädchen schweigt und wendet sich von ihnen ab. An der Wand hinter ihr hängen Seite-drei-Bilder von halb nackten Frauen und gerahmte Zeitungen vom Tag nach dem elften September.

»Vier Pfund zehn, Darling«, sagt das Barmädchen und stellt mir das Bier hin. Meine Hände zittern, und ich suche ungeschickt in meiner Brieftasche herum, verschütte mein Kleingeld auf dem Tresen.

»Entschuldigung«, sage ich. »Kalte Hände.«

»Ich weiß«, erwidert sie, »es ist eisig da draußen. Ich mache das schon.« Sie sammelt die Münzen vom Tresen ein, und dann, als wäre ich ein gebrechlicher Rentner, zählt sie den Rest des Geldes aus meiner Hand ab.

»So, bitte sehr. Vier Pfund zehn.«

»Danke«, sage ich, ein wenig beschämt, und sie lächelt. Sie hat ein freundliches Gesicht, die Art, die man an Orten wie diesem nicht oft sieht.

Als sie sich bückt, um den Geschirrspüler auszuräumen, nehme ich einen langen Schluck Wodka aus meinem Flachmann. Es ist leichter, als sich zu jedem Pint einen Kurzen zu bestellen. Das verrät einen als Trinker, und dann behalten sie einen im Auge.

Als ich zurück zu meinem Tisch gehe, bemerke ich eine junge Frau, die am anderen Ende der Bar sitzt. Davor saß sie bei einem der Männer, einem der Freunde des Fischers, aber jetzt ist er gegangen, ist mit quietschenden Reifen in einem aufgemotzten Kombi weggefahren. Sie sieht aus, als ob sie sich für einen Ausgehabend in Schale geschmissen hat, in einem kurzen Rock und einem knappen Glitzertop, die Wimpern spitz und dunkel.

Ich beobachte das Barmädchen, vergewissere mich, dass sie mich nicht sehen kann, dann nehme ich noch einen Schluck Wodka und spüre dieses vertraute Kribbeln, dieses traurige kleine Glücksgefühl. Ich sehe zu der Frau hinüber, die an der Bar sitzt. Jetzt kippt sie Schnäpse, ruft dem Barmädchen etwas zu, das, wie ich vermute, ihre Freundin ist. Als sie lacht, fällt sie fast von ihrem Hocker, nur um im letzten Moment wieder ins Gleichgewicht und zu Atem zu kommen.

Ich werde bald zu ihr hinübergehen. Nur noch ein paar Drinks.

Ich klicke durch Facebook, blinzle, um das Display besser sehen zu können. Mein Profil ist nichtssagend, ohne Fotos, nur die Silhouette eines Mannes, und ich habe noch nie ein »Like« oder einen Kommentar oder einen Geburtstagsgruß an irgendjemanden gepostet, aber ich war jeden Tag dort, habe gescrollt, beurteilt, gescrollt, beurteilt, schmuddelige kleine Fenster in das Leben von Leuten, die ich nicht länger kannte, mit ihren ganzen Sonnenauf- und Sonnenuntergängen, ihren Radtouren durch die Highlands, der endlosen Flut auf Instagram geposteter Pad Thais und Avocadotoasts, der unergründlichen Selbstgefälligkeit ihrer Sushidinner.

Ich hole einmal tief Luft und nehme noch je einen Schluck Bier und Wodka. Sie tun mir leid. All diese Tragödienjunkies mit ihren Trikoloren und Regenbögen, die ihr Profilbild ständig ändern, je nachdem, womit wir heute unser Mitgefühl bekunden sollen – den Flüchtlingen, den jüngsten Opfern eines Terroranschlags an irgendeinem gottverlassenen Ort. Ihre ganzen Hashtags und herzlich empfundenen Posts darüber, zu »geben«, weil sie in ihrem Auszeitjahr einmal geholfen haben, eine Schule in Afrika zu bauen, und mit ihrem perlweißen Mund die braune Hand eines Bettlers geküsst haben.

Ich ändere meine Haltung am Tisch so, dass ich das Mädchen an der Bar sehen kann. Sie hat sich noch einen Drink bestellt, und sie lacht, gackert fast, während sie sich auf ihrem Handy ein Video ansieht, darauf zeigt, die Aufmerksamkeit des Barmädchens zu erregen versucht.

Ich wende mich wieder meinem Handy zu. Manchmal zwinge ich mich, mir die Fotos der Kinder anderer Leute anzusehen. Ich nehme an, es ist wie der Drang, an frisch gebildetem Schorf zu kratzen, nicht lockerzulassen, bis ein metallischer Blutstropfen hervorquillt. Die Magentritte von Neuankömmlingen, Kinder mit Zahnlücken beim Schulanfang, mit ihren Ranzen und zu großen Blazern; und dann ihre Strandurlaube, mit ihren Sandburgen und Wassergräben und Eistüten, die in den Sand gefallen sind. Große Schuhe und kleine Schuhe, auf der Fußmatte aufgereiht.

Und dann die Mütter. Oh, diese Facebook-Mütter. Die Art, wie sie redeten, als ob sie die Mutterschaft erfunden hätten, die Gebärmutter, wie sie sich einredeten, sie seien anders als ihre eigenen Mütter, weil sie Quinoa aßen und sich die Haare zu Cornrow-Frisuren flochten und ein Pinterest-Board mit Bastelideen für trotzige Kleinkinder führten.

Ich gehe zurück an die Bar und stelle mich neben die betrunkene Frau. Jetzt, wo ich genügend Drinks intus habe, fühle ich mich besser, und meine Hände haben aufgehört zu zittern. Ich lächle, und sie starrt zu mir zurück, schwankt auf ihrem Hocker und mustert mich von Kopf bis Fuß.

»Willst du einen Drink?«, frage ich fröhlich, als würden wir uns bereits kennen.

In ihrem glasigen Blick flackert Verblüffung auf. Sie zwingt sich, sich aufrecht hinzusetzen, sodass sie nicht mehr zusammengesackt über dem Tresen hängt.

»Cola mit Rum«, sagt sie. Ihr Stolz ist zurückgekehrt, und sie wendet sich von mir ab und klopft mit den Fingern auf den Tresen.

Während ich die Drinks bestelle, tut sie, als wäre sie mit ihrem Handy beschäftigt. Ich kann ihr Display sehen, und sie klickt nur wahllos zwischen Apps und Nachrichten hin und her.

»Ich bin übrigens Rob«, stelle ich mich vor.

»Charlie«, antwortet sie. »Aber alle nennen mich Charls.«

»Bist du von hier?«, frage ich.

»Camborne, geboren und aufgewachsen«, sagt sie, während sie sich zu mir dreht. »Aber jetzt lebe ich hier oben bei meiner Schwester.« Ihre Augen sind wie Eidechsenzungen, huschen in meine Richtung, wenn sie glaubt, dass ich nicht hinsehe.

»Du hast wahrscheinlich noch nie von Camborne gehört, oder?«

»Bergbau, richtig?«

»Ja. Aber jetzt nicht mehr. Mein Dad hat bei South Crofty gearbeitet, bis sie dichtgemacht haben«, erzählt sie, und mir fällt auf, wie sehr ihr Akzent nach Cornwall klingt. Der sich abschwächende Tonfall, das sanft gerollte R.

»Und du?«

»London.«

»London. Sehr schön.«

»Kennst du London?«

»War ein- oder zweimal dort.« Sie sieht wieder zum anderen Ende der Bar, zieht einmal tief an ihrer Zigarette.

Sie ist jünger, als ich dachte, Mitte zwanzig, mit rotbraunen Haaren und weichen, kindlichen Zügen. Sie hat irgendetwas leicht Losgelöstes an sich, etwas, das ich nicht ganz einordnen kann, das über das Trinken, über die verschmierte Wimperntusche um ihre Augen hinausgeht. Sie scheint fehl am Platz im »Schmuggler«, als ob sie sich von einer Hochzeitsgesellschaft abgeseilt hätte und hier gelandet wäre.

»Dann machst du hier unten Urlaub?«

»So ähnlich.«

»Und, gefällt dir Tintagel?«, fragt sie.

»Ich bin erst heute angekommen. Morgen werde ich die Burg besichtigen. Ich wohne in dem Hotel nebenan.«

»Zum ersten Mal hier?«

»Ja.«

Es ist eine Lüge, aber ich kann ihr nicht von dem einen Mal erzählen, als wir zusammen hier waren. Wir drei, am Ende eines nassen englischen Sommers, eingepackt gegen den Wind, Regenjacken über Shorts. Ich erinnere mich, wie Jack auf dem Gras neben dem Parkplatz umhertollte und wie ängstlich Anna war – »Hand halten, Jack, Hand halten« –, für den Fall, dass er zu nah an den Rand laufen sollte. Ich erinnere mich, wie wir den steilen, gewundenen Pfad hochstapften und das obere Ende der Klippen erreichten und wie es dann, aus heiterem Himmel, einen Wetterumschwung gab, eine fast biblische Atempause, als der Regen aufhörte, die Wolken sich teilten und ein Regenbogen erschien.

Regenbogen, Regenbogen, rief Jack, während er von einem Fuß auf den anderen hüpfte und die Blätter um ihn herumtänzelten wie Feuergeister. Und dann schien es auf einmal, als hätte irgendetwas ihn berührt oder irgendjemand ihm ins Ohr geflüstert, und er verharrte völlig reglos und sah durch die Lichtsäule, die die Wolken durchdrang, hoch zu dem blauen Himmel und der verblassenden Farbpalette.

»Geht’s dir gut?«

»Was? Ja, alles bestens«, sage ich und nehme einen Schluck von meinem Pint.

»Du warst ja auf einem völlig anderen Stern.«

»Oh, entschuldige.«

Sie trinkt die Hälfte ihrer Cola mit Rum, schüttelt das Eis in ihrem Glas.

»Es ist ganz okay, Tintagel«, sagt sie zu niemand Bestimmtem. »Ich arbeite im Dorf, in einem der Souvenirläden. Meine Freundin arbeitet hier.« Sie zeigt auf das Barmädchen, das mit dem freundlichen Gesicht.

»Es ist ein nettes Pub.«

»Es ist okay«, sagt sie. »Besser am Wochenende, und dienstags gibt es Karaoke.«

»Singst du?«

Sie schnaubt leise. »Nur ein einziges Mal, nie wieder.«

»Schade, das würde ich gern sehen.« Ich lächle, halte ihrem Blick stand.

Sie lacht und erwidert mein Lächeln, und dann wendet sie den Blick verschämt ab.

»Das Gleiche noch mal?«, frage ich. »Ich nehme noch eines.«

»Dann trinkst du nichts von dem da?« Sie streckt eine Hand aus und klopft auf meine Jackentasche, tastet nach meinem Flachmann.

Ich ärgere mich, dass sie mich gesehen hat, und während ich noch überlege, was ich sagen soll, berührt sie sanft meinen Arm.

»Du versteckst das nicht sehr gut, Kumpel.« Sie will auf ihre Armbanduhr sehen, und dann, als ihr klar wird, dass sie gar keine trägt, sieht sie stattdessen auf ihrem Handy nach der Uhrzeit.

»Na dann. Einen Letzten«, sagt sie. Sie kichert vor sich hin, während sie in ihrem engen Rock umständlich von ihrem Hocker rutscht. Ich sehe ihr nach, als sie zu den Toiletten geht – ein Trip, den sie sittsam angekündigt hat –, und ich kann die Konturen ihrer Unterwäsche unter ihrem Rock erkennen, den Abdruck des Barhockers auf ihren Schenkeln.

Sie riecht nach Parfüm, als sie wiederkommt, und sie hat ihr Make-up aufgefrischt und ihre Haare nach hinten gebunden. Wir bestellen uns ein paar Kurze, wir reden und trinken und nehmen beide immer wieder einen Schluck aus meinem Flachmann. Dann zeigt sie mir Hundevideos auf YouTube, weil ihre Familie Ridgebacks züchtet, und dann Clips von Leuten, die sich streiten, Leuten, die auf der Straße zusammengeschlagen werden, auf Überwachungskameras, weil einer ihrer Kumpel aus Camborne ein Kickboxer ist, aber jetzt ist er im Gefängnis, Körperverletzung.

Dann sehe ich auf, und alles ist verschwommen, eine springende CD, die Lichter sind an, und ich höre das laute Heulen eines Staubsaugers. Ich frage mich, ob ich eingeschlafen bin, weggetreten, aber Charlie ist noch immer dort neben mir, und ich sehe, dass wir jetzt Red Bull mit Wodka trinken. Ich sehe sie an, und sie lächelt mit nassen, betrunkenen Augen, und dann beginnt sie wieder zu lachen und zeigt auf ihre Freundin, das Barmädchen, das jetzt mit mürrischer Miene den Staubsauger über den Teppich schiebt.

Und dann gehen wir, nach einer kurzen kleinen Farce, in der sie sagte, sie sollte jetzt besser nach Hause gehen, und wir schlendern Arm in Arm die verlassene High Street hinunter, kichernd und flüsternd, und stolpern die Treppe hoch zu ihrer kleinen Wohnung über dem Souvenirladen, in dem sie arbeitet. Als wir das obere Ende der Treppe erreichen, sieht sie mich an. Ihr Mund ist wie ein Herz geformt, und ich verspüre einen Schwall beschwipster Lust, daher ziehe ich sie an mich, und wir fangen an zu knutschen. Meine Hand fasst unter ihren Rock.

Als wir fertig sind, liegen wir auf ihrer kleinen Einzelmatratze auf dem Boden, ohne Blickkontakt aufzunehmen, den Kopf am Hals des anderen vergraben.

Nachdem wir uns eine angemessene Weile gehalten haben, gehe ich den Flur hinunter auf der Suche nach dem Badezimmer. Ich taste nach einem Lichtschalter, der jedoch zu einem Kinderzimmer gehört. Während Charlies Zimmer spärlich, unmöbliert war, sieht dieses Zimmer aus wie ein Showroom in einem Kaufhaus. Eine Lampe, die wie ein Flugzeug geformt ist, gespiegelt von einer riesigen Schablone an der Wand. Ordentlich übereinandergestapelte Kisten voller Spielsachen. Ein Schreibtisch mit Buntstiften und Papierstapeln. Zertifikate und Auszeichnungen an einer Pinnwand, für Fußball und Judo und dafür, ein Superstar in der Schule zu sein.

Neben dem Bett steht ein Nachtlicht, und ich kann es mir nicht verkneifen, es anzuknipsen. Ich sehe zu, wie es blassblaue Monde und Sterne an die Decke wirft. Ich trete ans Fenster, atme den schwachen Geruch von Weichspüler und Kindershampoo ein. In der Ecke sehe ich eine kleine gelbe Taschenlampe, genau wie die, die Jack früher hatte, und ich nehme sie in die Hände, fühle das harte Plastik, den haltbaren Gummi, die großen Knöpfe, für kleine, ungeschickte Finger gemacht.

»Hallo«, sagt Charlie, und ich zucke erschrocken zusammen. Ihr Ton klingt beinahe fragend.

»Entschuldigung«, stammle ich. Auf einmal fühle ich mich sehr nüchtern, und meine Hände beginnen zu zittern. »Ich habe das Bad gesucht.«

Sie sieht auf meine Hände hinunter, und mir wird bewusst, dass ich noch immer die Taschenlampe halte.

»Mein kleiner Junge«, sagt sie, während ein Mond von dem Nachtlicht über ihr Gesicht tänzelt. »Er schläft heute Nacht bei meiner Schwester, deswegen war ich auf Sauftour.« Sie rückt ein paar Papiere und Buntstifte zurecht, legt sie symmetrisch zur Schreibtischkante. »Ich habe das Zimmer eben erst einrichten lassen«, erklärt sie, während sie irgendetwas in die Schublade des Nachttischs legt. »Musste viel von meinem Zeug verkaufen, um es bezahlen zu können, aber es sieht hübsch aus, oder?«

»Es ist entzückend«, sage ich, denn das war es wirklich, und sie lächelt, und wir stehen eine Weile so da und sehen den Planeten und Sternen zu, die durchs Zimmer tänzeln.

Ich weiß, dass Charlie mich etwas fragen will: ob ich Kinder habe, ob ich Kinder mag, aber ich will nicht antworten, daher küsse ich sie, und sie schmeckt immer noch nach Wodka und Zigaretten. Ich glaube nicht, dass sie sich wohl damit fühlt, mich hier, im Zimmer ihres Sohns, zu küssen, und sie weicht zurück, nimmt mir die Taschenlampe aus der Hand und legt sie behutsam zurück aufs Regal. Sie schaltet das Nachtlicht aus und führt mich aus dem Zimmer.

Wieder auf der Einzelmatratze, drückt sie mir einen sanften Kuss an den Hals, ungefähr so, wie man einem Kind einen Gutenachtkuss geben würde, und dann dreht sie sich von mir weg und schläft ohne ein Wort ein. Ihre nackte Seite ist entblößt, und das Zimmer ist kalt, daher strecke ich einen Arm aus und stecke die Decke unter ihr fest, und dabei muss ich an Jack denken. Schön warm und kuschelig eingepackt. Ich trinke den letzten Rest aus meinem Flachmann, und dann liege ich in dem blassen bernsteinfarbenen Licht wach und lausche auf ihren Atem.

2

Am nächsten Morgen ist es kalt, aber sonnig, und ich gehe über den Parkplatz, vorbei an dem Magic-Merlin-Souvenirladen und den Reklametafeln, die König-Artus-Touren und Essen für zwei zum halben Preis anbieten. Meine Ausrüstung auf den Rücken geschnallt, steige ich eine Senke im Boden hinunter und gehe dann über einen schmalen, felsigen Fußweg, der das Festland mit der Insel verbindet. Zu meiner Rechten liegt ein abschüssiges Stück Grasland, das zum Rand der Klippen hinunterführt und durchsetzt von Kaninchenbauten und gelegentlichen sandigen Stellen ist.

Ich habe nicht bei Charlie übernachtet. Sie regte sich, als ich ging, und ich konnte mir vorstellen, wie sie sich mit einem offenen Auge schlafend stellte, während sie auf das Klicken des Türschlosses wartete. Die Pension lag nur ein paar Häuser weiter. Es war seltsam, in einem Hotel zu schlafen, wenn ich nur eine Stunde entfernt an der Küste wohnte, aber ich wollte etwas trinken können, ohne mir Gedanken wegen der Heimfahrt machen zu müssen.

Mit dröhnendem Kopf steige ich den felsigen Pfad hoch, den Geschmack von Red Bull noch immer in meinem Atem. Langsam, während die Steigung zunimmt, erklimme ich die steilen hölzernen Stufen zu der Ruine, die Kameratasche schwer auf meiner Schulter. Nah am Rand spüre ich die Gischt des Meeres, und ich halte einen Augenblick inne, um mich auszuruhen und zuzusehen, wie die Flut hereinkommt, rasch jetzt, wie sie Sandburgen und Seetang, den eine frühere Welle hingeworfen hat, gnadenlos hinwegspült.

Ich steige den Hügel weiter hoch bis zu dem alten Aussichtspunkt. Hier oben sind keine Touristen, nur der Wind und das Kreischen der Möwen. Ich finde eine flache Stelle auf dem Boden und lege meine Holzscheibe hin, um das Stativ zu sichern, um ihm zusätzliches Gewicht zu verleihen, damit es nicht so leicht verrutschen kann. Ich fixiere das Objektiv, dann befestige ich die Kamera, teste sie, um zu sehen, ob die Rotation reibungslos funktioniert.

Die Bedingungen sind ideal. Das Meer, der Sand und das Gras scheinen so lebendig, fast unwirklich; im morgendlichen Licht sehen sie aus wie die Farben des Regenbogens eines Kindes. Den Rücken zum Meer gewandt, kann ich die natürliche Wölbung der Hügel sehen, das sanfte Gefälle ins Tal, hinunter zu dem schmucken Städtchen. Es ist ein unglaublich ergreifender Ort. Von hier oben könnte man fast die Arme ausstrecken und mit den Händen über das Land gleiten, die Erhebungen und Vertiefungen spüren, als würde man Braille lesen.

Der Wind frischt langsam auf, warme Böen, die den Wellen weiße Schaumkronen aufsetzen, und ich weiß, dass ich bald anfangen muss. Ich bereite die ersten Aufnahmen für das Panorama vor, nach Nordosten, zur Landspitze hin, ausgerichtet, und dann beginne ich, die Stativscheibe langsam zu drehen, wobei ich in regelmäßigen Abständen innehalte, um Serienbilder zu machen, bis ich die ganzen 360 Grad abgeschlossen habe.

Als das sanfte Surren der Kamera verstummt, werfe ich einen Blick auf das kleine LCD-Display, um mich zu vergewissern, dass alle Bilder da sind, dann packe ich meine Ausrüstung zusammen und gehe wieder hinunter zum Parkplatz.

Das Haus ist etwa eine Autostunde weiter an der Küste. Das Dorf liegt verlassen da, als ich hindurchfahre. Der Eckladen ist noch immer geschlossen, dichtgemacht für die Dauer der Nebensaison. Ich fahre an der Kirche vorbei und dann auf der gewundenen Straße durch die Dünen, vorbei an dem National-Trust-Parkplatz und dann auf dem unbefestigten Weg hoch zum Rand der Klippen und dem Haus.

Nicht nur die abgeschiedene Lage des Cottage hat mich angezogen, sondern vor allem die Art, wie es den Elementen völlig schutzlos ausgeliefert war. Hoch oben auf einem Felsvorsprung gelegen, gegenüber von St. Ives auf der anderen Seite der Bucht, ist es das einzige Gebäude in Sichtweite. Es gibt dort keinen Schutz, kein Tal, das den tosenden Atlantikwind abhält. Wenn der Regen gegen die Fenster peitscht, wenn die Meereswinde sich weigern nachzulassen, dann erbebt das Haus, und es fühlt sich an, als würde es ins Meer hinunterbröckeln.

Sobald ich zur Tür hereinkomme, schenke ich mir ein großes Glas Wodka ein. Dann gehe ich nach oben in mein Büro, setze mich an den Schreibtisch und starre durch das Mansardenfenster, das auf die Bucht hinausgeht. Ich logge mich in meine Profile bei »OK-Amor« und »Himmlisch Sündig« ein, um zu sehen, ob ich irgendwelche Nachrichten erhalten habe. Da ist eine, von »Samantha«, einer Frau, der ich vor ein paar Wochen eine Nachricht geschickt habe.

Na du, du bist ja auf einmal verschwunden. Noch interessiert an einem Treffen?

Ich sehe mir ihre Bilder an, überfliege die langweiligen Lackschuhe und weggeworfenen Regenschirme und Flugzeugflügel und Herzen auf Cappuccinos, und dann ist da eines von ihr, irgendwo im Urlaub, und mir fällt wieder auf, dass sie hübsch ist, eine zierliche, unauffällige Brünette.

Ich dachte, du warst es, die verschwunden ist! Und ja, ich würde dich sehr gern treffen …

Ich schließe die Kamera an und beginne die Tintagel-Bilder herunterzuladen. Dann gehe ich sie rasch durch. Ich freue mich zu sehen, dass sie gut ausgerichtet sind und nicht viel Retusche brauchen werden. Ich lade sie in das Rendering-Programm, das ich geschrieben habe, die Software beginnt die Bilder zusammenzunähen, und die Pixel verschmelzen wie heilende Haut.

Das Licht kann man nie vorhersagen. An manchen Tagen, wenn ich mit meiner Kamera unterwegs bin, denke ich, es ist genau richtig, aber dann sehen alle Aufnahmen letztendlich körnig oder überbelichtet aus. Heute hingegen ist es perfekt. Das Meer schimmert, das Gras auf den Klippen ist so grün und fest wie Billardbanden. In der Ferne kann ich die schwachen Umrisse des Mondes sehen.

Als das Programm das Panorama fertig bearbeitet hat und alle Bilder zusammengefügt sind wie eine Miniaturausgabe des Teppichs von Bayeux, umhülle ich das endgültige Bild mit einer Codeschicht, sodass die Leute es heran- und herauszoomen und drehen können. Als das alles fertig ist, lade ich das Bild auf meine Website Der Himmel gehört uns.

Ich wundere mich, dass die Website so beliebt geworden ist. Sie hat als Hobby angefangen, etwas, um meine Nachmittage ein bisschen aufzulockern. Aber der Link wurde bald auf anderen Amateurfotografieforen geteilt. Leute schrieben mir, um mich nach meiner Technik zu fragen, nach der Ausrüstung, die ich verwendete. Die Website wurde in einem Guardian-Artikel über Panoramafotografie erwähnt. »Schlicht und wunderschön«, schrieb der Verfasser, und ich verspürte einen seltenen Anfall von Stolz.

Manchmal fragen mich Leute in den Kommentaren, in ihren E-Mails: »Was bedeutet Der Himmel gehört uns? Ist es eine Anspielung auf irgendetwas?« Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll. Denn seit ich London verlassen habe, wirbeln mir diese Worte durch den Kopf, und ich habe keine Ahnung, warum.

Wenn ich auf den Dünen spazieren gehe oder an meinem Schreibtisch sitze und aufs Meer hinaussehe, flüstere ich mir diese Wörter zu – der Himmel gehört uns, der Himmel gehört uns. Ich wache zu ihrem Geräusch auf, und bevor ich einschlafe, kann ich diese vier Wörter hören, als wären sie ein Mantra oder ein Gebet, das mir als Kind eingehämmert wurde.

Das Bild ist jetzt fertig hochgeladen, und ich sehe aus dem Fenster, trinke meinen Wodka und warte auf den Signalton. Es dauert ein bisschen länger als sonst. Zehn Minuten anstatt der üblichen fünf. Und dann ist er da. Ein Kommentar – immer der erste –, jedes Mal von demselben User.

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Wunderschön. Weiter so.

Die Kommentare lauten immer ungefähr so – »Wunderschön«, »Entzückend«, »Passen Sie auf sich auf« –, und sie kommen immer so bald, nachdem das Bild gepostet wurde, dass ich den Verdacht habe, dass der User irgendeine Art automatische Benachrichtigung eingerichtet hat.

Die Nacht zieht herauf, und bevor ich zu Bett gehe, schenke ich mir noch einen Wodka ein. Ich kann den Sog des Schlafs spüren, die betäubende Wirkung des Alkohols, und ich will ihn beschleunigen, will ihn noch näher holen.

Manchmal stelle ich mir gern vor, dass es Jack ist, der die Fotos kommentiert. Ich weiß, dass er sie erkennen wird, denn es sind alles Orte, an denen er gewesen ist, Ausblicke, die er mit eigenen Augen gesehen hat. Box Hill, das London Eye, ein Aussichtspunkt in den South Downs. Und jetzt Tintagel.

Nur um sicherzugehen, dass er sich erinnert, dass er die Orte nicht vergisst, an denen wir gewesen sind, hinterlasse ich ihm Botschaften, Textpassagen, in dem Code verborgen, unsichtbar für Browser, lesbar nur für das Auge des Programmierers – und, wie ich hoffe, für seines. Es sind die Dinge, die ich zu ihm sagen würde, wenn ich könnte. Die Dinge, die ich sagen würde, wenn sie ihn mir nicht weggenommen hätte.

Tintagel

Weißt du noch, Jack, wie wir zum Parkplatz zurückkamen und du ins Brombeergestrüpp gefallen warst und dich verletzt hattest? Beide Hände, Daddy, beide Hände, kleine rote Striemen an deinen Handflächen. Daher habe ich deine Finger geküsst, um das Wehwehchen wegzumachen, und du hast die Arme um mich geschlungen und mir behutsam zwei Küsse an den Hals gedrückt. Ich erinnere mich genau, ich kann es nie vergessen. Deine Küsse, wie ein heimliches Flüstern. Die rötlichen Sommersprossen in deinem Gesicht. Deine Augen, warm wie das seichte Wasser.

TEIL II

1

»Du siehst nicht aus wie ein Informatiker«, sagte sie.

Ein bisschen beschwipst, hatte ich an der Bar in einem Studentenpub in Cambridge angefangen, mit ihr zu reden. Wir befanden uns in diesem Fegefeuer – nach den Prüfungen und vor den Ergebnissen –, eine träge, sonnenverwöhnte Zeit, in der wir das Letzte aus unseren Studententagen herausholten.

»Weil ich keine Aktentasche und kein Herr-der-Ringe-T-Shirt trage?«

Sie lächelte, nicht grausam, sondern wissend, als sei das die Art Witz, die sie schon über sich selbst gehört hatte. Als sie sich wieder zur Bar umwandte, um zu versuchen, einen Drink zu bestellen, warf ich einen verstohlenen Blick auf sie. Sie war zierlich, mit schwarzen Haaren, die sie sich ordentlich aus dem Gesicht nach hinten gebunden hatte. Ihre Züge waren scharf, aber abgemildert durch ihre blasse Haut.

»Ich bin übrigens Rob.«

»Anna«, sagte sie. »Freut mich, dich kennenzulernen.«

Ich lachte fast. Sie klang so förmlich, und ich war mir nicht sicher, ob sie einen Witz machte. »Und, was studierst du?«, stammelte ich, während ich versuchte, mir irgendetwas einfallen zu lassen, was ich sagen könnte.

»Wirtschaft«, antwortete Anna, während sie mich durch ihre Brille anblinzelte.

»Oh, cool.«

»Eigentlich solltest du jetzt sagen, dass ich nicht aussehe wie eine Wirtschaftswissenschaftlerin.«

Ich betrachtete ihre ordentlichen Haare, so schwarz, dass man in einen Spiegel zu blicken schien, ihre mit Büchern vollgestopfte Tasche, den Riemen, der um das Bein des Barhockers gebunden war, auf dem sie saß. Ich lächelte.

»Was denn?«

»Aber das tust du wirklich, ein bisschen«, sagte ich. »In einem positiven Sinn, meine ich.«

Ihre Augen funkelten, und sie öffnete den Mund, als sei ihr eben etwas eingefallen, was sie sagen wollte, etwas, was sie amüsierte, aber dann überlegte sie es sich offenbar anders.

Ich wusste, dass sie mit Lola befreundet war, deren Geburtstag wir gerade feierten. Sie sahen nicht aus wie Freundinnen. Die überdrehte, hippiemäßige Lola, die allen gern erzählte, dass sie nach dem Kinks-Song benannt war, und jederzeit bereit war, ihn zu singen, wenn sie darum gebeten wurde. Lola, die überall in der Stadt als das Mädchen bekannt war, das sich beim Sommerball nackt ausgezogen hatte.

Und dann Anna, mit ihren vernünftigen Kleidern und festen Schuhen. Ich hatte sie auf dem Campus gesehen, oft mit einem Musikinstrument auf dem Rücken. Nicht lässig über eine Schulter geschlungen, sondern sorgfältig und sicher befestigt. Sie schien immer betont entschlossen zu gehen, als hätte sie einen sehr dringenden Termin.

»Und, was wirst du mit Informatik machen?«, fragte sie.

Ich war nervös, sah hinüber zu meinen Freunden an der Quizmaschine, nicht sicher, wie ich eine Frage beantworten sollte, von der ich dachte, dass sie im Allgemeinen für Leute reserviert war, die Altertumsgeschichte studierten. Anna hatte irgendetwas fast Edwardianisches an sich – ihre vornehmen Vokale und tadellosen Konsonanten. Sie sprach mit der Präzision und Haltung einer Figur in einem Enid-Blyton-Roman. Ein bisschen brav, ein bisschen artig.

»Landkarten«, sagte ich.

»Landkarten?«

»Online-Landkarten.«

Anna schwieg. Ihre Miene war ausdruckslos, unergründlich.

»Hast du schon mal von diesen neuen Google Maps gehört?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das war vor einer Weile eine kurze Meldung in den Nachrichten. Ich schreibe eine Software, die damit zusammenhängt.«

»Das heißt, du wirst in eine Firma einsteigen?«, fragte Anna.

»Nein, ich werde meine eigene gründen.«

»Oh«, sagte sie, wobei sie mit einem Finger über den Rand ihres leeren Glases glitt. »Das klingt ja ehrgeizig, auch wenn ich zugegebenermaßen nicht viel von solchen Dingen verstehe.«

»Kann ich mal dein Handy haben?«

»Wie bitte?«

»Ich kann dir zeigen, was ich meine …«

Anna blickte verwirrt, wühlte in ihrer Handtasche und förderte ein altes Nokia zutage.

Ich lächelte.

»Was denn?« Ihr Grinsen bildete zwei fast symmetrische Grübchen in ihren Wangen. »Es hat alles, was ich brauche.«

»Das glaube ich dir gern«, sagte ich. Ich ließ es mir von ihr geben, wobei meine Hand ihre Finger streifte.

»Okay … stell dir vor, in Zukunft wirst du hier ein viel größeres Display haben, vielleicht sogar einen Touchscreen, und irgendwo hier wirst du eine Karte haben. Die Leute – jeder – werden in der Lage sein, die Karte um bestimmte Dinge zu ergänzen – Restaurants, ihre Laufstrecken, was immer sie wollen. Und ich arbeite an einer Software, die dir das ermöglicht, mit der du Dinge hinzufügen, die Karte nach deinen Wünschen so gestalten kannst, wie du sie haben willst.«

Anna blickte verwirrt und berührte das blaue Display ihres Nokia. »Das klingt interessant«, sagte sie, »auch wenn ich irgendwie ein Technikfeind bin. Werde ich trotzdem noch SMS-Nachrichten verschicken können?«

»Ja«, erwiderte ich mit einem leisen Lachen. Ihr Ton war so trocken, ihre Miene so unbewegt, dass ich nicht sagen konnte, ob sie einen Witz machte.

»Gut. Das ist ja beruhigend. Und du bist also auch mit Lola befreundet?«

»Ja, ein bisschen«, sagte ich. »Ich habe sie im ersten Jahr gekannt. Sie hat auf meinem Flur gewohnt.«

»Ah«, sagte Anna. »Dann bist du dieser Rob.«

Dieser Rob. Hatte ich irgendetwas getan, während ich betrunken war? Ich erinnerte mich, wie ich mich an einem Abend vor ein paar Trimestern mit Lola im Fez unterhalten hatte. Sie redete von ihrer Kindheit in Kensington, als wäre sie ein Fluch, ein Lepraglöckchen um ihren Hals. Ich fand sie anstrengend, ein bisschen langweilig, aber ich nahm nicht an, dass ich unhöflich gewesen war.

»Dieser Rob?«, fragte ich mit einem nervösen Lächeln.

»Oh, nein, Lola hat dich nur erwähnt«, sagte Anna beiläufig, während sie wieder versuchte, die Aufmerksamkeit des Barmanns zu erregen. »Sie hat gesagt, du seist irgendeine Art Computergenie, ein Wunderkind, und noch dazu aus einer Sozialbausiedlung.« Sie stöhnte auf, als sie »Sozialbausiedlung« sagte, und verzog die Miene in gespielter Empörung. »Sie hat gesagt, es sei wundervoll, dass du die Chance bekommen hast hierherzukommen, so wie wir anderen alle«, fuhr Anna mit einem leisen Kichern fort.

»Das ist ja so lieb von ihr«, erwiderte ich lächelnd. »Der Junge hat’s echt drauf.«

»Wie bitte?«

»Der Junge hat’s echt drauf.«

»Was meinst du damit?«

»Ach, das ist nur so eine Fußballanspielung.«

»Oh, entschuldige, ich verfolge die Sportnachrichten nicht«, sagte sie, als wäre es eine Kategorie bei Trivial Pursuit.

Das Pub begann sich zu füllen, und wir wurden enger aneinandergeschoben, sodass sich unsere nackten Arme gelegentlich berührten. An einer Seite ihres Halses hatte sie ein kleines Muttermal, das wie ein Herz geformt war. Ich war für einen Moment in Gedanken verloren, während ich ihre Haut betrachtete, als sie meinen Blick auffing.

»Und woher kennst du Lola?«, fragte ich, während ich den Blick rasch abwandte.

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, sagte Anna vage, als würde sie über irgendetwas anderes nachdenken.

»Roedean?«

»Ja.«

Ich hatte mir schon gedacht, dass Anna vornehm war, aber nicht Roedean-vornehm. »Und du?«, fragte ich.

»Was soll mit mir sein?« Sie klang angespannt, auf einmal abwehrend.

»Wenn wir mit dem Laden hier fertig sind, meine ich.«

»Oh, verstehe. Buchhaltung«, erwiderte sie, ohne innezuhalten. »Ich habe vier Jobangebote in der City, und ich werde mich bis Ende der Woche entscheiden, welches ich annehme.«

»Wow, cool.«

»Nicht unbedingt cool, aber das ist eben, was ich tue. Oder vielmehr, was ich tun werde.« Sie lächelte matt. »Wir werden hier wohl nie einen Drink bekommen, oder?«

»Nein. Vor allem jetzt nicht.« Ich wies mit einem Nicken auf eine Gruppe von Männern in Rugbyshirts. Einer von ihnen trug nur Unterwäsche und eine Schutzbrille.

»Allerdings.« Anna wandte den Blick ab. Auf einmal schien sie nicht mehr interessiert, und ich konnte mir vorstellen, wie sie sich einen Weg zurück zu ihren Freundinnen bahnte und ich sie nie wiedersehen würde.

»Willst du mal mit mir ausgehen?«, fragte ich.

»Ja«, sagte sie so schnell, dass ich dachte, sie hätte mich nicht verstanden.

»Ich meine …«

»Entschuldige«, meinte sie, »vielleicht bin ich ein bisschen verwirrt, aber ich dachte, du hättest mich um ein Date gebeten.«

»Das habe ich auch. Das habe ich«, sagte ich, wobei ich mich etwas näher vorbeugte, um sie über die Musik hinweg verstehen zu können.

»Sehr schön.« Sie lächelte wieder, und sie roch nach Seife und frisch gewaschenen Haaren.

»Tut mir leid, es ist ein bisschen laut hier drinnen«, sagte ich. »Kann ich vielleicht deine Telefonnummer oder E-Mail oder irgendwas haben?«

Anna wich einen kleinen Schritt zurück, und mir wurde bewusst, dass ich mich zu nah zu ihr vorbeugte. »Ja, aber unter einer Bedingung.«

»Okay«, sagte ich, während ich noch immer über ihren »Dieser Rob«-Kommentar nachdachte. »Was denn?«

»Du gibst mir mein Handy wieder.«

Ich senkte den Blick, und mir wurde bewusst, dass ich ihr Nokia noch immer in der Hand hielt. »Oh, Scheiße, entschuldige.«

Sie lächelte und steckte das Telefon ein. »Okay«, sagte sie. »Meine E-Mail-Adresse lautet Anna Mitchell-Rose at yahoo.co.uk. Alles in einem Wort. Mitchell mit zwei L, keine Punkte oder Bindestriche.«

Eine Woche später, das Kino. Während wir die Trailer sahen, konnte ich die Wärme ihres Körpers spüren, und ich wollte am liebsten einen Arm ausstrecken und sie berühren, meine Hand auf ihr nacktes Bein legen. Ich sah sie ein paarmal von der Seite an, in der Hoffnung, sie würde sich zu mir umwenden, unsere Blicke würden sich treffen, aber sie starrte einfach nur auf die Leinwand, mit gestrafftem Rücken, als würde sie in der Kirche sitzen, ihre dick gerahmte Brille auf der Nase. Sie bewegte sich nur, wenn sie geräuschlos etwas aus ihrer Tüte mit gemischten Süßigkeiten nahm. Ich hatte zugesehen, wie sie sie abzählte, als sie sie kaufte: fünf von der obersten Reihe, fünf von der untersten.

Ich war während des ganzen Films nervös, der von einem unerträglichen Herumtreiber handelte, der durch Nordamerika trampte und dann in Alaska starb. Ich konnte das Ende kaum abwarten. Anna hingegen schien er zu gefallen – danach zu urteilen, wie still sie saß, wie sie den Blick nie von der Leinwand abwandte.

Als der Film zu Ende war, dachte ich, sie könnte einer dieser Menschen sein, die in ehrfürchtigem Schweigen dasitzen, bis die letzte Zeile des Abspanns abgelaufen ist, aber in dem Augenblick, in dem die Leinwand schwarz wurde, stand sie auf und griff nach ihrer Jacke.

»Und, wie fandest du ihn?«, fragte ich, während wir die Treppe hinunter zur Kinobar eilten.

»Ich habe ihn gehasst«, antwortete Anna. »Jede einzelne Minute davon.«

»Wirklich?«

»Ja, er war absolut grauenhaft.«

In der kleinen Lobbybar setzten wir uns an einen Tisch neben einem antiken Klavier. »Das ist ja witzig«, sagte ich. »Ich dachte, er hätte dir gefallen.«

»Nein, ich habe ihn gehasst. Ich fand diesen Typen richtig unangenehm. Einfach durchs Land zu reisen, ohne seiner Familie Bescheid zu geben. Er hat sich um niemanden außer sich selbst einen Deut geschert.«

Einen Moment lang stellte ich mir vor, wie ich sie mit meinen Freunden in der Sozialbausiedlung bekannt machte.

»Du fandest es nicht cool, als er seine ganzen Besitztümer aufgegeben und sein Geld verbrannt hat?«, fragte ich. Es machte mir Spaß, sie aufzustacheln. Anna nahm ihre Brille ab, wischte sie mit einem kleinen Lappen ab und legte sie in ein altmodisches Etui.

»Was in aller Welt war denn daran ›cool‹?«, entgegnete sie, während sich ihre Wangen röteten. Dann blinzelte sie ein bisschen, als müsste sie ihre Brille wieder aufsetzen. »Oh, du hast einen Witz gemacht«, meinte sie lächelnd. »Verstehe. Aber im Ernst. Seine Familie hat hart für das gearbeitet, was er hatte, und er hat das alles aufgegeben, nur wegen … wegen irgendeiner langweiligen Teenagerphilosophie. Er war wirklich überaus selbstgefällig.«

Auf einmal schien sie ein wenig verlegen, und sie verstummte, als die Bedienung uns unsere Drinks brachte.

»Hat dir denn der Film gefallen?«, fragte sie, als wir wieder allein waren.

»Nein«, sagte ich. »Ich habe ihn einfach nur gehasst.«

Anna strahlte. »Gut. Da bin ich aber froh.«

»Was war das gleich wieder, was er ständig zu den Leuten gesagt hat? ›Schafft euch jeden Tag einen neuen Horizont.‹«

»Gott, ja«, sagte Anna. »Dieser salbungsvolle New-Age-Schwachsinn.«

»Und weißt du, was witzig war?«

»Was denn?«

»Dass er bei dieser einen Sache, die er unbedingt tun wollte, nämlich in der Wildnis zu leben, na ja, darin war er auch nicht sehr gut, oder? Er ist gescheitert.«

»Genau«, sagte Anna lachend. Ihre blauen Augen blitzten in dem düsteren orangefarbenen Schimmer der Bar. »Gott, du hast recht, sogar in dem Punkt war er ein echter Versager. Wenn er wirklich auf den Rat der Leute gehört hätte, die es besser wussten, der Leute, die Erfahrung damit hatten, in der Wildnis zu leben – Wildnisexperten zum Beispiel –, dann wäre er vielleicht noch am Leben.«

»Wildnisexperten?«

»Ja, genau«, bestätigte sie, wobei sie mich eindringlich ansah. »Ich glaube, das ist die offizielle Bezeichnung.«

Ich sah Anna an, während sie einen Schluck von ihrem Drink nahm. Sie war wirklich wunderschön, ihr Mund immer an der Schwelle zu einem Lächeln, ihre Augen funkelnd wie ein Versprechen. Sie war zu gut für mich. Sie würde nach London gehen und letztendlich mit der Art Typ zusammenkommen, der zu ihren Oberstufenbällen eingeladen war.

»Und was ist mit dir, wo wohnen deine Eltern?«, fragte Anna, und mir wurde bewusst, dass ich sie anstarrte.

»Mein Dad lebt noch immer in Romford.«

Anna zögerte, nahm noch einen Schluck von ihrem Drink. »Sind deine Eltern geschieden?«

»Meine Mum ist gestorben. Als ich fünfzehn war.«

»Oh«, sagte Anna. »Tut mir leid.«

»Schon gut«, erwiderte ich, »es ist ja nicht deine Schuld.« Sie brauchte einen Moment, um meinen kleinen Witz zu verstehen, und ich grinste, und sie lächelte zurück, ein wenig entspannter.

Ich redete nicht gern von diesem grotesken Morgen, an dem Dad vor der Schulpforte auf mich wartete. Aus irgendeinem Grund trug er seinen besten Anzug. Er sagte nicht viel. Das musste er nicht. Mum war in der Arbeit zusammengebrochen, sagte er, ein schwerer Schlaganfall. Sie hatten immer darüber gewitzelt, dass er als Erster gehen würde.

»Und, wo bist du zu Hause?«, fragte ich Anna.

»Oh, das Haupthaus ist in Suffolk, aber dort waren wir eigentlich nicht so oft, dass es sich wie ein Zuhause anfühlen würde.«

»Ah, schon ein hartes Leben, mit so vielen Häusern …« Ich wusste nicht, warum ich das sagte. Es sollte eine flapsige, witzige Bemerkung sein, aber es klang einfach nur kleinlich und unfreundlich.

Anna sah mich finster an und nahm rasch einen Schluck von ihrem Drink, als müsste sie gehen. »Ehrlich gesagt, Rob, wenn du es unbedingt wissen musst, ich bin mit einem Stipendium auf die Roedean gegangen, und meine Eltern sind arm wie Kirchenmäuse.«

»Entschuldige, ich wollte nicht …«, stammelte ich. Sie hatte die Stirn gefurcht, und ich konnte sehen, dass es ihr schwerfiel, sich ihre Verärgerung nicht anmerken zu lassen.

»Und bevor du versuchst, mich an Armut zu übertreffen, Rob, meine Eltern waren Missionare, und ich habe den Großteil meiner Kindheit in kenianischen Slums verbracht, neben denen deine Sozialbausiedlung wie ein vornehmer Londoner Stadtteil aussehen würde.«

Sie wandte sich von mir ab, und wir nippten beide schweigend an unseren Drinks.

»Noch mal, es tut mir leid, ich habe es nicht so gemeint. Wirklich nicht«, sagte ich, in dem Wissen, dass ich es vermasselt hatte.

Anna seufzte und spielte nervös mit der Speisekarte. Dann lächelte sie und sah mich wieder an. »Entschuldige, ich habe vermutlich ein bisschen überreagiert. Du bist offensichtlich nicht der Einzige, der Komplexe hat.«

An jenem Abend küssten wir uns, sobald wir meine Zimmertür hinter uns geschlossen hatten. Nach ein paar atemlosen Minuten brach Anna auf einmal ab, und ich dachte schon, sie hätte es sich anders überlegt. Aber dann begann sie sich auszuziehen, als wäre sie allein in ihrem eigenen Zimmer. Ich beobachtete sie dabei, und ich nahm nicht an, dass sie etwas dagegen hatte, dass ich sie ansah: ihre kantigen Hüftknochen, ihre hübschen kleinen Brüste, ihre blassen, zarten Arme. Als sie ganz nackt war, faltete sie ihre Kleider zusammen und legte sie in einem ordentlichen Stapel auf meinen Schreibtisch.

Seit ich ein Teenager war, war Sex für mich immer etwas Vorsichtiges gewesen. Ein allmähliches Vorantasten, eine ständige Erwartung, dass meine erkundenden Hände rasch beiseitegeschoben werden würden. Anna war alles andere als das. Sie war hungrig und hemmungslos, ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen braven und anständigen Art. Ihr Verlangen war zielstrebig – eine Eigenschaft, die ich damals, als ich Frauen noch kaum kannte, als seltsam männlich empfand. Wir blieben bis in die frühen Morgenstunden wach, verborgen hinter hastig zugezogenen Vorhängen, unsere Körper verschwitzt, bis wir schließlich einschliefen.

Ich wartete draußen auf dem Platz auf sie, ein wenig unbehaglich in meinem West-Ham-Trikot und meinen Umbro-Shorts. Ich wollte sie damit beeindrucken, dass ich sportlich war, dass ich meine Zeit nicht nur vor dem Computer verbrachte. Daher hatten wir uns zu einer Runde Squash verabredet, was Anna laut ihrer Aussage ein- oder zweimal in der Schule gespielt hatte.

Schließlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, kam Anna auf den Platz. In ihren schlabberigen Männershorts und einer normalen Bluse sah sie aus wie ein Tennisstar aus den Zwanzigerjahren.

»Was denn?«, fragte sie.

»Wie, was denn?«, entgegnete ich, während ich mir das Lachen verbiss.

»Na ja, deine Kleidung entspricht auch nicht unbedingt den Regeln. Mit deinem Fußballtrikot.«

»Ich habe gar nichts gesagt«, protestierte ich grinsend, bevor ich den Blick von ihr abwandte.

»Okay. Wollen wir dann spielen?«, schlug sie vor, während sie ihren Schläger unbeholfen mit beiden Händen umklammerte.

Wir begannen uns aufzuwärmen, schlugen den Ball langsam hin und her. Nur dass Anna den Ball eigentlich nicht schlug; sie ruderte mit den Armen durch die Luft und versuchte verzweifelt, den Ball zu treffen, selbst wenn sie den Aufschlag hatte.

»Ohne Brille kann ich das nicht so gut«, sagte sie, während sie den Ball in Richtung Decke hochkatapultierte.

So machten wir eine Weile weiter, ohne dass es einem Spiel auch nur im Entferntesten ähnelte.

»Okay, ich geb’s zu. Ich habe gelogen«, gestand Anna, nachdem sie den Ball wieder einmal verfehlt hatte, als sie einen Aufschlag versuchte.

»Du hast gelogen?«

»Ehrlich gesagt habe ich noch nie Squash gespielt.«

»Oh«, erwiderte ich, während ich mir erneut das Lachen verbiss.

»Ich habe Lola gefragt, und sie hat gesagt, es sei ganz einfach. Sie hat gesagt, das könnte jeder. Offenbar stimmt das nicht.«

In dem Augenblick wünschte ich, ich hätte auf diesem Squashplatz ein Foto von ihr schießen können. Sie sah so schön aus. Ihre dunklen Flanellshorts betonten ihre blassen Beine, und ihre Grübchenwangen waren gerötet von der Anstrengung.

»Hast du es wirklich erst ein paarmal gespielt?«, fragte Anna.

»Keine Ahnung, vier- oder fünfmal. In der Schule.«

Anna schwieg, biss sich auf die Lippe. »Na ja, ehrlich gesagt hasse ich Sport.«

»Ich dachte, du wolltest spielen?«, meinte ich, während ich einen Arm um ihre kalte Schulter legte.

»Eigentlich nicht. Ich dachte, du wolltest es«, erwiderte sie, während sie sanft mit dem Schläger auf ihr Bein klopfte. »Ich habe nur zugesagt, weil ich, na ja, nicht wollte, dass du mich für eine Stubenhockerin hältst.«

Ich lächelte, als sie das sagte. Stubenhockerin. Es war ein typisches Anna-Wort. Nachdem wir noch fünf Minuten so getan hatten, als würden wir spielen, gaben wir schließlich auf und gingen hinaus.

In der Sonne war es glühend heiß. Wir setzten uns auf eine kleine Mauer, von der man auf ein umzäuntes Hockeyfeld blicken konnte. Kinder, hauptsächlich im Grundschulalter und ein paar ältere Teenager, liefen bei irgendeiner Art Sportveranstaltung hin und her.

Wir hatten beide entschieden, den Sommer in Cambridge zu verbringen und vom Rest unserer Studentendarlehen zu leben. Anna sagte, sie wolle die ganzen Touristenattraktionen in Cambridge besichtigen, für die sie nie Zeit gehabt hatte, da sie so hart gearbeitet hatte, um ihr Examen mit Auszeichnung zu bestehen. Daher fuhren wir Stechkahn und spazierten über einige der Collegeanlagen und verbrachten einen Nachmittag im Fitzwilliam Museum und einen Vormittag im Botanischen Garten. Einen Großteil der Zeit verbrachten wir einfach im Bett.

Im Laufe des Sommers gingen unsere Freunde nach und nach auf Reisen: mit dem Rucksack durch Australien, mit einem Wohnmobil durch Südamerika. Auch wenn ich einen Anflug von Bedauern empfand, als sie fortgingen, ein Gefühl, dass ich irgendetwas verpasste, waren Anna und ich uns beide einig, dass das Reisen nichts für uns war. Wir waren nicht nach Cambridge gegangen, nur um das alles in den Wind zu schießen und irgendwo in den Anden »uns selbst zu finden«. Außerdem hatte ich meine Landkarten, über die ich nachdenken wollte, die Software, an der ich schrieb, die Firma, die ich gründen wollte.

Aber der eigentliche Grund war, dass wir nicht ohne einander sein wollten. Wir waren unzertrennlich, wie liebestolle Teenager, deren Eltern und Freunde sehen können, dass sie ein hoffnungsloser Fall sind. Jedes Mal wenn wir versuchten, auch nur eine einzige Nacht allein in unseren Zimmern zu verbringen, waren wir todunglücklich und unruhig. Binnen einer Stunde beendeten wir den Versuch meistens. Wir mochten beide eine Zeile in einem alten Blur-Song: ohnmächtig vor Liebe. Und das war es, was passiert war: Wir waren ohnmächtig vor Liebe.

Die Leute glaubten, Anna sei verschlossen, ein kalter Fisch, aber bei mir war sie nicht so. Eines Abends, ohne dass ich sie danach gefragt hatte, erzählte sie mir von ihrem Leben in Kenia und ihren Eltern, den Missionaren. In wohlüberlegten, vorsichtigen Sätzen redete sie von ihrem Vater, seinen Affären, seiner Entfremdung von der Kirche. Sie redete von ihrer Mutter: wie sie die Fehltritte ihres Vaters nicht hinnehmen wollte; wie sie ihre Liebe in ihre guten Taten fließen ließ.

Es war wie eine Flut, eine Offenbarung, zu sehen, wie dieser Mensch, den ich für so zurückhaltend hielt, völlig offen und entblößt dalag, und dass der eine Mensch, den sie an sich heranließ, nicht ihr Vater oder Lola oder eine ihrer Mitbewohnerinnen war, sondern ich.

Die Sonne brannte noch heißer herunter, und wir saßen auf der Mauer und tranken Wasser, das Anna in einer Thermoskanne mitgebracht hatte.

»Willst du noch eine Runde Squash spielen?«

»Nein«, sagte Anna. »Ich glaube, für heute habe ich mich genug blamiert.«

»Mir hat es Spaß gemacht.«

»Ja«, meinte sie. »Das glaube ich gern.«

»Du siehst sehr süß aus in deinen Shorts.«

Sie lächelte und stieß mich sanft in die Rippen. »Gott, ist das heiß, was?«, bemerkte sie, während sie sich die Stirn abwischte.

Die kurze Verschnaufpause der Brise war vorbei, und es fühlte sich an, als wären es vierzig Grad. »Wir könnten uns dort drüben in den Schatten setzen.« Ich zeigte zu einem Vordach auf der anderen Seite des Spielfelds.

Anna sah auf. »Das könnten wir, aber dafür müssten wir das Spielfeld überqueren. Und siehst du das dort drüben?«

Bis jetzt war es uns noch gar nicht aufgefallen, aber eine Gruppe von Erwachsenen in Plüschtieranzügen hatte sich inzwischen zu den Kindern auf dem Feld gesellt. Ein Löwe, ein Tiger, ein Panda, die alle aussahen wie die schmuddeligen Überreste einer Disney-Parade. Irgendeine Art Siegerehrung fand statt, und die Kinder warteten in einer Schlange auf ihre Preise.

»Was tun sie denn da?«, fragte Anna.

»Medaillen bekommen, glaube ich.«

»Na klar, das verstehe ich schon, aber warum die Tiere?«

Ich zuckte mit den Schultern, und Anna blinzelte, um etwas erkennen zu können.

»Mir gefällt nicht, wie sie aussehen«, sagte sie.

»Die Tiere oder die Kinder?«

»Die Tiere.«

Ich sah zu ihnen hinüber. In einem gewissen Licht betrachtet sahen sie tatsächlich ziemlich unheimlich aus, ihre pelzigen Mäuler zu einem Permalächeln gefroren.

»Es sind ganz schön viele«, bemerkte ich.

»Allerdings«, bestätigte Anna misstrauisch.

»Wollen wir es trotzdem riskieren?«, fragte ich, während ich von der Mauer sprang.

»Nein«, sagte Anna empört. »Wir können nicht einfach über das Spielfeld laufen, Rob. Das ist irgendeine offizielle Schulveranstaltung.«

»Sie werden uns schon nicht festnehmen.«

»Vielleicht doch«, gab sie zu bedenken.

»Na ja, ich gehe jedenfalls«, sagte ich. Ich warf einen Blick zurück, erwartete, dass sie mir folgen würde. »Es ist besser, als hier herumzusitzen und in der Sonne zu sterben.« Ich begann über das Spielfeld zu sprinten, aber Anna verharrte an der Seitenlinie, mit kläglicher Miene, als müsste sie ihren Mut zusammennehmen, um in ein Schwimmbecken zu springen.

Sicher im Schatten auf der anderen Seite angekommen, winkte ich ihr zu, mir zu folgen, und sie setzte sich zögernd in Bewegung. In einem Versuch, weniger auffällig auszusehen, entschied sie sich zu gehen, anstatt zu laufen, aber irgendetwas an ihrer Nervosität ließ sie hervorstechen. Der Zeremonienmeister am Mikrofon hörte auf zu reden, und die Köpfe der Kinder, Eltern und Tiere wandten sich alle um, um Anna anzustarren.

Sie lächelte höflich in dem Bewusstsein, dass alle Augen auf sie gerichtet waren, und fiel dann in einen hastigen kleinen Sprint. In ihren Trainingsshorts und ihrer Bluse hätte sie leicht als Jugendliche durchgehen können, was vermutlich der Grund war, weshalb ein großer orangefarbener Tiger sie im Mittelkreis abfing, sie bei sich unterhakte und zu der Schlange der Kinder schleifte. Ich begann zu lachen, nahm an, sie würde Reißaus nehmen, aber Anna – die höfliche, wohlerzogene Anna – blieb in der Schlange stehen und wartete auf ihren Preis.

Nachdem sie ihre Medaille in Empfang genommen hatte, musste Anna eine Grußformation von Tieren abschreiten. Selbst von meinem Platz aus konnte ich die Angst in ihrem Gesicht sehen. Mit ihrer Medaille um den Hals ging sie die Reihe hinunter. Trotz der Avancen der Tiere erwiderte Anna ihre Umarmungen nicht. Sie wich sogar zurück, als ein Bär versuchte, seinen Kopf an ihren Hals zu legen.

Als alles vorbei war, als die Kinder gegangen waren, um ihre stolzen Eltern zu begrüßen, kam Anna verlegen zu mir in den Schatten. Ihre Wangen glühten rot, und kleine Fellstückchen klebten an ihrer Bluse.

»Oh, mein Gott«, sagte ich, noch immer lachend. »Was war das denn eben?«

Anna begann zu kichern, während sie sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Ich habe Panik bekommen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Dieser Tiger hatte mich in die Enge getrieben.«

»Warum bist du nicht einfach weitergegangen?«, fragte ich, während ich ihr die Thermosflasche mit Wasser reichte.

»Ich weiß nicht. Ich stand in der Schlange, und dann … war es auf einmal zu spät … Hör schon auf zu lachen«, sagte sie, während sie mich stirnrunzelnd ansah. »Das ist nicht witzig.«

»Ist es doch.«

»Na ja, ein bisschen vielleicht. Und überhaupt, es ist deine Schuld.«

»Wieso das denn?«

»Weil du mich gezwungen hast, über dieses Spielfeld zu laufen. Du bist ein Idiot.« Sie trank einen Schluck Wasser. »Das ist buchstäblich mein schlimmster Albtraum. In der Öffentlichkeit umarmt zu werden.«

»Und dann auch noch von Tieren.«

»Allerdings.«

Wir saßen einen Moment da und kühlten uns im Schatten ab, und in diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich sie unmöglich noch mehr lieben könnte. Anna hatte nie Angst davor, über sich selbst zu lachen. Und ich wusste, dass ich, solange ich lebte, niemals den tadelnden Blick vergessen würde, den sie diesem allzu übermütigen Bären zuwarf.

Wir saßen am Ufer des Flusses Cam, mit einer Flasche Wein und ein paar Sandwiches. Es war wieder ein glühend heißer Tag. Ein Hitzeschleier schmiegte sich an die Flussböschungen wie ein hartnäckiger morgendlicher Nebel, und das Geklimper eines Jazzpianos schwebte von einem Café am Ufer übers Wasser.

»Wirst du dieses Ding eigentlich je wegstecken?«, fragte Anna.

Ich hatte den Rest meines Studentendarlehens für eine Digitalkamera und ein paar zusätzliche Objektive ausgegeben. »Ja, ja«, sagte ich, während ich an den Einstellungen herumspielte, um herauszufinden, wie man die Verschlusszeit änderte.

»Im Ernst, hör auf, es auf mich zu richten. Ich fühle mich wie ein Model oder so.«

»Du siehst ja auch aus wie ein Model«, erwiderte ich und schoss ein Foto von ihr. Sie zeigte mir die Zunge und wandte sich dann zum Wasser um, streckte die Beine über die Uferböschung aus.

»Und, bist du schon weitergekommen?«, erkundigte sie sich beiläufig.

»Womit?«

»Der Jobsuche, meine ich.«

»Ach das«, entgegnete ich. »Ich habe ein paar Bewerbungen verschickt, aber ich habe noch nichts gehört. Willst du noch ein bisschen Wein?«

Anna hielt eine Hand über ihren Plastikbecher und schüttelte den Kopf, und ich schenkte mir selbst noch etwas ein.

»Du scheinst das alles ja ziemlich entspannt zu sehen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich werde mich deswegen nicht verrückt machen.«

Anna spitzte die Lippen, was sie tat, wenn sie anderer Meinung war. »Na ja, du hast nur ein paar Bewerbungen verschickt. Ich habe ungefähr fünfzehn verschickt und nur fünf Jobangebote bekommen.«

»Was ist denn aus den anderen zehn geworden?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht.« Sie blickte ein wenig verloren, begriff nicht, dass ich einen Witz gemacht hatte. »Es ist ärgerlich, dass sie nicht geantwortet haben. Ich verstehe gar nicht, warum nicht.«

In den letzten Wochen war sie ein bisschen gereizt geworden, auf einmal besorgt bezüglich meiner beruflichen Pläne. Anna hatte einen Job bei einer Buchhaltungsfirma in der City an Land gezogen, und sie hatte angefangen, Fragen zu stellen. Was würde ich als Nächstes tun? Würde ich ihr nach London folgen und mich dort nach Arbeit umsehen?

Mein Herz schlug eher weniger für die Jobsuche, denn das Einzige, woran ich denken konnte, waren meine Landkarten – Landkarten, die lebendig und triefend von Daten waren, Landkarten, die von einem Teenager mit einem MySpace-Account und einem Laptop kreiert werden konnten.

»Ehrlich gesagt hoffe ich immer noch, dass meine Landkartenidee aufgeht«, sagte ich, während ich mir noch etwas Wein nachschenkte und die Beine ausstreckte.

Annas Miene spannte sich an. »Was war das gleich wieder mit diesen Landkarten?«, fragte sie, während sie ihre Sonnenbrille abnahm. »Das hast du mir nie richtig erklärt.«

»Ich dachte, das hätte ich.«

»Na ja, kann schon sein. Aber ich verstehe es noch immer nicht.« Sie schien wütend, und ich hatte keine Ahnung, warum.

»Na ja.« Ich richtete mich auf und wandte mich zu ihr um. »Es steckt noch in den Kinderschuhen, aber die Software ermöglicht es dem User im Grunde, seine eigene Landkarte nach seinen Wünschen zu gestalten. Das heißt, du könntest zum Beispiel deine eigene Fahrradroute abstecken oder die Strecke, die du beim Joggen gelaufen bist. Oder du könntest deine Fotos auf eine Touristenkarte hochladen, sodass andere Leute sie sehen können.«

»Man würde die Fotos auf die Karte hochladen?«

»Ja.«

Anna verzog das Gesicht. »Das erscheint mir aber ein bisschen seltsam. Warum sollte man das tun wollen?«

»Ich weiß nicht.« Allmählich wurde ich ein wenig ärgerlich. »Weil man es kann.«

Wir saßen eine Weile schweigend da, und schließlich begann Anna, die Picknicksachen in ihren Rucksack zu packen.

»Nun ja, du hast doch überhaupt keine Ahnung von Landkarten, oder?«, sagte sie. »Ich meine, Leute studieren jahrelang, um Kartograf zu werden. Ein Cousin meines Vaters war Kartograf. Das ist ein unglaublich hochqualifizierter Beruf.«

»Warum benimmst du dich wegen dieser Sache so seltsam?«

»Das tue ich nicht, Rob. Ich frage nur.«

»Es hat sich nichts geändert, Anna.«

»Was meinst du damit?«

»Ich komme noch immer mit nach London, falls es das ist, worum es hier wirklich geht.«

Sie schnaubte leise. »Darum geht es nicht. Es hat nichts damit zu tun.«

»Warum regst du dich dann so darüber auf?«

Sie gab keine Antwort, packte nur weiter die Picknicksachen ein. Ich wusste, warum sie sich darüber aufregte. Es war mein Plan, es im Alleingang zu machen. Sie sah es als Risiko an, als ein Abweichen vom richtigen Kurs. In ihren Augen sollte ich mich um einen Job bewerben, mit Zulagen und Pensionsplan. Das war schließlich der Grund, weshalb wir nach Cambridge gegangen waren, weshalb wir so hart studiert hatten.

»Manchmal bist du ganz schön anstrengend«, sagte sie, während sie über den Fluss hinausstarrte. »Du bist dir immer so absolut sicher, dass du alles bekommen wirst, was du willst.«

»Und was ist daran so falsch?«

»Weil es nicht immer so läuft.«

»Bis jetzt war es aber so.«

»Was meinst du damit?«

»Na ja, bis jetzt habe ich alles, wofür ich gearbeitet habe, auch bekommen.«