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Die Erzählung des Autors Peter Hauck, handelt von der Hauptfigur Thomas Becker, der sich eine Existenz aufbaut und sich dabei in die Angestellte einer Kundin verliebt. Obwohl der Roman teils schwierige Themen behandelt wie Liebe, Leidenschaft, Sucht und Trauer, ist er leicht und flüssig geschrieben und endet nach vielen Irrungen und Wirrungen letztendlich in einem Happy End.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Die Ärztin, die Thomas gegenüber saß, schaute ihn fragend an, Thomas versuchte ihrem Blick auszuweichen. Er fühlte sich nicht besonders wohl. Er zögerte die Frage, die Frage, die ihm die Ärztin stellte zu antworten.
„Mir geht es nicht besonders gut“, hörte er sich leise sagen.
Es folgte ein Kopfnicken der Ärztin, danach sah sie ihn wieder ruhig an.
„Ich weiß nicht mal so recht, wo ich bin und wie ich hierher gekommen bin!“
„Das kann ich ihnen beantworten, sie sind in Wiesloch im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden, sie lagen heute Nacht auf einer Bank vor der Aufnahme, die fast leere Wodkaflasche stand vor ihnen.“
Thomas glaubte nicht recht zu hören, er schämte sich.
„Dann muss ich hier auf dem Gelände noch getrunken haben, ich wollte eigentlich eine Entgiftung hier machen.“
Seine Stimme war immer noch sehr leise und schwach, er fühlte sich Elend.
„Tja, Herr Becker, das war kein guter Einstieg. Ich werde sie jetzt noch kurz untersuchen und wenn der Alkohol noch etwas abgebaut, ist können wir ihnen die ersten Entzugstabletten geben.
Der Gedanke bald etwas gegen seinen schrecklichen Entzug zubekommen, war für Thomas eine Erleichterung.
Nachdem die kurze Untersuchung abgeschlossen war, wollte Thomas das Artzimmer so schnell wie möglich verlassen.
„Wir werden uns in zwei Tagen noch etwas ausführlicher unterhalten müssen, wenn es ihnen etwas besser geht.“
Thomas Stand schon im Türrahmen, hielt kurz inne und nickte der Ärztin zu.
Ein sehr schwaches danke kam über seine Lippen.
Als er den Krankenhausflur betrat, sah er sich um. Er musste erst einmal sein Zimmer finden. Thomas las nach einigem Suchen seinen Namen auf dem Schild eines Zimmers, er betrat es, sah ein durchwühltes Bett, in den anderen zwei Betten die noch im Zimmer standen lagen Männer, die er nicht richtig erkennen konnte, sie schnarchten leise vor sich hin. Ihm fehlte jede Erinnerung. Er fing an seine Brille zu suchen, sie lag auf dem Nachttisch. Ich brauche ein Zigarillo, hab ich
überhaupt welche? Thomas ging suchend um das Bett. Rechts daneben stand eine Tasche, Thomas erkannte sie. Er versuchte sie zu öffnen, was ihm nicht leicht fiel, dann die Erleichterung, obenauf lagen seine Zigarillos, bestimmt acht oder zehn Schachteln. Er musste sie noch eingekauft haben bevor er in die Klinik ging, wo und wann wusste er nicht mehr. Er sah an sich herab, er war in T-Shirt und Unterhosen, seine Jeans und sein Hemd hingen säuberlich am unteren Bettgestell. Thomas versuchte zitternd seine Hose anzuziehen, was eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Er war schwach und erschöpft, musste sich wieder hinsetzen, hatte Herzrasen und musste schwer atmen, barfuß zog er sich seine Schuhe an und griff zum Hemd, als er es anzog bemerkte er, dass in seiner Brusttasche auch noch eine Packung Zigarillos steckte.
Unsicher ging Thomas zur Tür, öffnete sie vorsichtig und leise. Das grelle Licht des Flures tat seinen Augen weh. Thomas sah nach beiden Seiten des Flures, der glücklicherweise menschenleer war, dann entdeckte er auf der linken Seite das Raucherzimmer, es war verhältnismäßig groß, es standen Tische und Stühle darin und es war verglast, sodass man es von außen einsehen konnte.
Thomas sah, das schon einige Leute darin saßen, sich unterhielten und rauchten. Er ging auf das Raucherzimmer zu, öffnete die Tür, trat ein und drückte sich ein jämmerlich,
leises „Morgen“ aus den Mundwickeln. Sein Gruß wurde nicht erwidert, wahrscheinlich hat ihn auch niemand gehört.
Er setzte sich an einen freien Tisch, zog seine Zigarillos aus der Brusttasche und versuchte sich eine anzustecken, was ihm nicht gerade leicht fiel, mit seinen zittrigen Fingern. Nach einigen Anläufen gelang es ihm, sich das Zigarillo in den Mund zu stecken, mit beiden Händen hielt er das Feuerzeug und schaffte es anzuzünden. Er nahm erst mal einige tiefe Züge. Thomas versuchte entspannt und gelassen zu wirken, war aber in höchstem Maße unsicher und fühlte sich von allen beobachtet. Er saß auf der Kante seines Stuhles, die zittrigen Ellenbogen auf seine Knie gestützt. Es war Mitte Juni und Thomas fror.
Er versuchte einen Zug von seinem Zigarillo zu nehmen.
Das Raucherzimmer füllte sich langsam, was in Thomas Unbehagen auslöste, er war nicht in Stimmung für andere Leute. Es wurde teilweise gelacht und laut geredet, es waren die Patienten denen es nach der Entgiftung schon wieder etwas besser ging. Thomas beneidete sie.
Zwei Frauen kamen auf Thomas Tisch zu. Sie zogen sich, ohne ein Wort zu sagen, die Stühle zurecht und setzten sich.
Sie waren etwas jünger als Thomas, zündeten sich, immer noch wortlos, ihre Zigaretten an und legten ihre Packungen auf den Tisch.
Die zwei Frauen unterhielten sich über ihren Entzug, Thomas hörte ihnen zu.
„Und wie geht es dir?“
Thomas brauchte eine Weile, bis er begriff, dass die Frage an ihn gestellt war.
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Nicht wirklich gut, so richtig Scheiße, ich habe den kompletten Filmriss!“
„Wie, du weißt überhaupt nichts mehr?“ fragte die Frau mit den etwas kürzeren, blonden Haaren, die ihm links gegenüber saß. Die Frauen schauten sich an und lachten.
„Du kamst heute Nacht gegen zwei hier an, bist mit zwei Pflegern hier einmarschiert, hast deine Tasche noch selbst getragen, wir saßen gerade im Raucherzimmer und haben uns gefragt, was du hier willst. Nach der Aufnahme und nachdem sie dir dein Zimmer gezeigt hatten, bist du hier kerzengerade ins Raucherzimmer gekommen, hast dich hingesetzt und geraucht, du hast kein Wort gesprochen, warst völlig abwesend dagesessen und hast geraucht, eine nach der anderen. Kein Wunder, du hattest ja auch über drei Promille!“
„Ich kann mich an wirklich gar nichts mehr erinnern, bis vorhin, als ich nach einem schrecklichen Alptraum schweißgebadet aufgewacht bin und der Pfleger zu mir ins Zimmer kam.“
Die andere Frau, mit den dunklen längeren Haaren, die ihm rechts gegenüber saß, sah ihn an.
„Willst du einen Kaffee?“
Thomas hatte in der langen Zeit seiner Abstinenz, als er nicht mehr im Krankenhaus war, vergessen, wie hilfsbereit die Menschen auf so einer Entgiftungsstation manchmal waren.
„Ein Schluck Kaffee wäre nicht schlecht, aber ich glaube er fällt mir aus der Hand!“
Die Frau mit den langen, schwarzen Haaren stand auf.
„Ich hol uns jetzt erst mal Kaffee!“
Sie ging zur Tür des Raucherzimmers.
„Hast du schon was gegen den Entzug bekommen?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Ich habe immer noch fast zwei Promille, sie können mir noch nichts geben, ich bin total entzügig.“
„Das geht nicht so schnell, schau mich an, ich bin mittlerweile drei Tage hier und zittere immer noch ein wenig, aber es wird schon besser!“
Die Frau mit den langen, dunklen Haaren versuchte die Tür von außen aufzumachen, sie trug drei Tassen. Ein Patient der rauchend an der Tür stand, hielt ihr die Tür auf. Sie kam an den Tisch, mit den Kaffeebechern.
„Ich hab die Becher nur halbvoll gemacht, wegen des Zitterns!“
Thomas war jetzt doch froh, Unterhaltung zu haben, dass lenkte ihn ein wenig ab.
Die anderen Patienten verließen nach und nach das Raucherzimmer.
„Wo gehen die alle hin?“
„Blutdruckmessen, Tabletten und dann gibt es Frühstück, wir trinken noch unseren Kaffee und stellen uns dann an, da muss man sowieso immer warten!“
Thomas versuchte seine Kaffeetasse zu nehmen, es ging nur ganz vorsichtig und er musste sie mit beiden Händen halten. Er konnte einen kleinen Schluck nehmen, dann musste er die Tasse wieder abstellen. Er zitterte am ganzen Körper.
Die Schwarzhaarige wandte sich zu Thomas.
„Wie heißt du überhaupt?“
„Thomas! Und ihr?“
„Uschi!“
„Und ich bin die Marianne!“ antwortete die Frau mit den kurzen, helleren Haaren.
„Trink deinen Kaffee aus, wir müssen zum Blutdruckmessen!“
Thomas versuchte nochmals seinen Becher in beide Händen zu nehmen, er brachte ihn an seinen Mund und es gelang ihm noch ein paar Schlucke zu trinken. Uschi und Marianne waren bereits aufgestanden, Thomas konnte nur langsam aufstehen, sie gingen zur Tür.
Am Pflegezimmer standen nur noch wenige Patienten.
Thomas musste sich setzen, das stehen fiel ihm schwer.
Jetzt war er an der Reihe, er ging unsicher in das Pflegezimmer und setzte sich dort auf einen bereitstehenden Stuhl. Es waren zwei Pfleger und eine Krankenschwester im Raum. Die Pfleger saßen rechts und links am Tisch, die Krankenschwester stand.
„Wie geht es ihnen, Herr Becker?“
„Nicht so gut!“
„Dann wollen wir mal!“
Thomas streckte den Pflegern seine Arme hin, die immer noch heftig zitterten. Ihm wurden Blutdruck und Puls gemessen.
„Gibt es das?“
Die Pfleger waren erstaunt, über Thomas heftiges Zittern und schauten sich an.
„Immer noch hundert sechzig zu hundert zehn, sie haben einen schweren Entzug, Herr Becker, sie bekommen nachher zwei Distras, das hilft ihnen etwas!“
Thomas stand auf, nach ihm war Marianne an der Reihe.
Er wartete auf sie im Flur und sah, dass sie zwei Distras bekam.
„Ich glaube ich muss mich wieder hinlegen!“
„Vielleicht solltest du erst was essen, es gibt jetzt Frühstück.“
Sie gingen den Flur zurück zum Speisesaal, der rechts vom Raucherzimmer war. Ein großer blecherner Wagen mit geöffneten Türen, um den die Patienten herumstanden, aus dem Tabletts herausgeholt wurden und die jeweiligen Namen aufgerufen wurden, stand da. Die meisten Patienten saßen schon beim Frühstück, als man Thomas sah, wurde er nach seinem Namen gefragt.
„Becker!“
Einer der Patienten, der mit das Essen austeilte, wollte Thomas sein Tablett in die Hand geben, aber der Patient sah wie sehr Thomas zitterte.
„Ich stell es dir auf deinen Platz, hier kannst du dich hinsetzen!“
Thomas setzte sich auf den freien Platz, an dem Tisch, an dem schon zwei Patienten saßen. Sein Tablett wurde ihm hingestellt. Zwei Brötchen, eine Scheibe Wurst, eine Scheibe Käse und Marmelade.
Thomas aß ein halbes Brötchen mit etwas Marmelade, dazu brauchte er eine gefühlte Ewigkeit. Er stellte das Tablett zurück in den Wagen, ging auf sein Zimmer, das er erst suchen musste, es war das Zimmer direkt neben dem Pflegezimmer, lies die Tür aufstehen, zog seine Hose, sein Hemd aus und legte sich aufs Bett. Thomas war völlig entkräftet und erschöpft. Er war müde und wollte ein wenig schlafen, aber in seinem Kopf fand er keine Ruhe, das Verlangen jetzt etwas zu trinken lies ihn nicht los. Seine Gedanken waren ungeordnet und wirr. Alles was er wusste war, dass er im PZN gelandet war und dort einen schrecklichen Alkoholentzug machte. Thomas hatte immer noch keine Erinnerung, wie er hier her gelangt war.
Es kam ihm der Gedanke an Anette und an seinen Hund.
Er musste nachher Anette anrufen und sich Klarheit verschaffen, so konnte er sich wenigstens etwas beruhigen. Thomas war kalt, er zog sich etwas die Decke über und drehte sich auf die Seite, ihm war schwindlig und er hatte das Gefühl der ganze Raum drehte sich.
„Hallo, Herr Becker!“
An seiner linken Schulter wurde gerüttelt. Er öffnete die Augen, schemenhaft erkannte er, dass einige Leute im Zimmer standen. Sie hatten teilweise lange, weiße Kittel an, drei davon trugen kurze weiße Kittel. Thomas wusste nicht so recht was diese Leute, die offensichtlich Ärzte und Pfleger waren, von ihm wollten.
„Ich muss eingeschlafen sein!“
„Wie geht es ihnen?“
Die Frage kam von dem Arzt, der ihn wachgerüttelt hatte.
Er hatte einen langen Kittel an und war schon etwas älter.
Anscheinend der Oberarzt, dachte Thomas.
„Nicht so gut! Ich habe einen totalen Blackout, kann mich nicht mal daran erinnern, wie ich hierher gekommen bin.
Als ich eben geträumt habe, hingen Motorräder von der Decke!“
„Sie haben einen schweren Entzug, mit einem leichten Delir. Sie sind schon auf recht eigenartiger Weise bei uns aufgenommen worden. Sie lagen auf einer der Bänke vor der Aufnahme, total betrunken. Das Pflegepersonal ist auf sie aufmerksam geworden und hat sich um sie gekümmert und hier, mit weit über drei Promille, auf die Station gebracht. Sie konnten noch aufrecht gehen, da gehört schon etwas dazu. Aber wie auch immer, jetzt sind sie erst mal hier und müssen entziehen!“
Thomas schämte sich, dass es soweit mit ihm gekommen war. Eine Pflegerin im kurzen Kittel machte eifrig Notizen.
Der Ort in dem Thomas lebte war überschaubar. Es war nicht der Nabel der Welt, aber er fühlte sich wohl hier und hatte sich gut eingelebt. Vor einigen Monaten war er hier her gezogen, hatte sich von seinem Ersparten das altes Bauernhaus gekauft und sich darin eine Holzwerkstatt eingerichtet. Das Geschäft lief nicht schlecht, es gab immer etwas zu tun. Er restaurierte alte Möbel, die ihm mittlerweile die Leute aus der Stadt und auch aus der Umgebung brachten. Er ging auf in seiner Arbeit, konnte einigermaßen davon leben. Thomas war Anfang vierzig, lebte allein mit seinem Hund, einer alten Mischlingshündin, die seit vielen Jahren sein treuer Begleiter war.
An diesem Tag musste er einen Auftrag ausführen, er sollte einen alten barocken Schrank sowie den dazugehörenden Tisch und die Stühle, die neu überarbeitet werden sollten, in einem ländlich gelegenen Anwesen, etwas außerhalb des Ortes, abholen.
Recht früh machte er sich mit seinem alten VW Bus auf den Weg, sein Hund lag neben ihm auf dem Beifahrersitz, die Sitze waren ausgebaut damit er genügend Platz hatte die Möbelstücke zu laden. Nach einigen Minuten Fahrzeit, sah er von weitem das Anwesen.
Es war groß. Eine weiße Steinmauer umgab die Gebäude, die ebenfalls in weiß und mit dunklen Ziegelsteinen gedeckt waren.
Thomas rief sich nochmals den Namen der Frau die ihn angerufen hatte ins Gedächtnis, von Weisenburg. Das Tor stand offen, er lies seinen Bus den bekiesten Weg entlang hinunter zum Hauptgebäude, das von zwei kleineren Nebengebäuden gesäumt war, rollen und hielt direkt vor dem Hauptgebäude. Thomas stieg aus, sah sich um und ging auf den Eingang zu. Er hielt kurz inne, läutete und wartete einen kurzen Augenblick. Die Eingangstür wurde geöffnet, vor ihm stand eine jüngere Frau in einem dunkelblauen Kleid, sie war schön, sehr schön, offensichtlich eine Angestellte.
„Hallo,“
Thomas war etwas überrascht und stellte sich vor „Mein Name ist Becker, Thomas Becker, Frau Weisenburg und ich haben telefoniert, ich komme wegen der Möbel .“
Die junge Frau bat ihn herein.
„Ich weiß Bescheid, nehmen Sie doch Platz.“
Sie führte ihn in den Eingangsbereich des Hauses, einen großen Vorraum.
„Ich sage Frau von Weisenburg Bescheid. Sie wird sich selbst um Sie kümmern.“
Die junge Frau stieg die Treppe empor.
Thomas sah sich in der Eingangshalle um, sie war groß, groß wie das ganze Anwesen, war elegant aber rustikal Eingerichtet. Ein teurer Teppich lag auf dem holzgetäfelten Fußboden, antike Möbelstücke standen an den Wänden, vor der Treppe, die von beiden Seiten zu den oberen Stockwerken führte, stand ein kleiner Tisch und eine gemütliche Sitzgruppe.
Thomas blieb noch einen Augenblick stehen, dann setzte er sich in einen der Sessel, die um den Tisch standen. Er schlug die Beine übereinander und wartete.
Es dauerte nicht lange als er Schritte auf der Treppe vernahm. Er erblickte die Angestellte und eine weitere Frau.
Gemächlich kamen Sie die Treppe herab. Die Frau, die offensichtlich Frau von Weisenburg war trug einen dunklen Hosenanzug und eine weiße Bluse.
Sie war schon etwas älter, Thomas schätzte sie auf Mitte siebzig.
Die Frau war sehr gepflegt und wirkte trotz ihres Alters noch jugendlich. Zweifelsohne musste sie einmal eine sehr attraktive Frau gewesen sein. Sie war groß, ihr Auftreten erhaben.
Unten an der Treppe angekommen, Thomas war mittlerweile aufgestanden, streckte sie ihm ihre Hand entgegen.
„Schön, dass sie so schnell kommen konnten, ich bin Frau Weisenburg“,
Ihren „von“ Titel erwähnte sie nicht, dass machte sie Thomas sympathisch.
Thomas streckte ihr ebenfalls die Hand entgegen, „Becker, Thomas Becker“.
„Sie sind neu in unserem kleinen Ort?“, fuhr Frau Weisenburg fort, „ ich habe von ihnen und ihrer Holzwerkstatt gehört, sie scheinen eine wirklich gute und zuverlässige Arbeit zu machen, das ist auch der Grund warum ich sie hergebeten habe.“
Thomas nickte.
„Wie sie sehen ist das ein ziemlich großes Anwesen, seit Generationen Familienbesitz, ich bin größtenteils antik Eingerichtet und es fallen immer wieder Restaurierungsarbeiten an. Ich würde mich freuen in ihnen einen Schreiner gefunden zu haben, auf den ich mich erlassen kann.“
Thomas gefiel was er hörte, konnte er sich doch, von seinen bisherigen Aufträgen, geradeso über Wasser halten.
Thomas sah sich nochmals in der Vorhalle um.
„Ich würde mich freuen, wenn wir ins Geschäft kommen würden, aber vorher müsste ich noch einige der Möbelstücke sehen, um mir ein Bild zu machen,“
„Also ganz dringend restauriert werden müssten, aber ich zeig Ihnen das am besten.“
Sie drehte sich zu ihrer Angestellten, die immer noch im Raum stand, „Anette begleiten Sie uns doch bitte.“
Anette ging voraus. Sie ging zur Schiebetür auf der linken Seite der Halle, öffnete sie und blieb in der Tür stehen.
Frau Weisenburg bedeutete mit einer Handbewegung Thomas ihr zu folgen.
Sie betraten einen ebenfalls großen Raum, in dessen Mitte Frau Weisenburg stehen blieb und sich einmal im Kreis drehte.
„Hier, ich möchte das die Möbelstücke, in diesem Raum, als erstes restauriert werden.“
Thomas sah sich um, es stand in der Mitte des Raumes ein sehr großer Holztisch mit acht Stühlen, an den Wänden standen zwei Kommoden, ein großer Schrank, eine Vitrine und ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Ohne ein Wort zu sagen begutachtete Thomas die Möbelstücke, die doch schon einige Mängel hatten und an denen sich allmählich der Lack löste.
„Tja, da gibt es ja schon einiges zu tun, die Möbel müssen abgeschliffen, ausgebessert und neu lackiert werden.“
„Nun ja, junger Mann, fangen Sie an, je früher desto besser.“
Frau Weisenburg verließ den Raum, beim hinausgehen drehte sie sich nochmals um.
„Nehme an, wir hören voneinander, einen schönen Tag.“
Thomas stand einen Augenblick mitten im Raum, Frau Weisenburg mit ihrer jungen, direkten und offenen Art hatte ihm imponiert, Ich werde wohl einige male fahren müssen, dachte er, dann ging er aus dem Haus zu seinem alten VW-Bus, sein Hund, die „Kleine“, wie er sie nannte, begrüßte ihn schwanzwedelnd.
Er nahm seinen Werkzeugkasten aus dem Wagen und fing gleich mit der Arbeit an, baute einen Schrank ab, den er zuerst verladen wollte. Die Arbeit nahm einige Zeit in Anspruch und er hatte jedenfalls vor heute zweimal fahren, also fuhr er in seine Werkstatt, lud ab und fuhr ein weiteres mal zu dem Anwesen von Frau Weisenburg.
Dort angekommen demontierte er noch weitere Möbelstücke und brachte sie zu seinem Wagen, er ließ seinen Hund, der gleich freudig über den Rasen lief, aus dem Auto. Als er beim verladen war kam die junge Haushälterin lächelnd auf ihn zu.
„Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten,“ fragte sie Thomas freundlich.
Thomas war leidenschaftlicher Kaffeetrinker.
„Oh, den könnte ich jetzt gut gebrauchen, das wäre sehr nett.“
Die junge Frau ging zurück ins Haus, Thomas arbeitete weiter. Er war gerade dabei die Stühle in seinen VW Bus zu laden, als die junge Frau mit einem Tablett au dem Haus kam.
„Ihr Kaffee!“
Sie klang fröhlich und stellte das Tablett auf das Mäuerchen, das den Weg säumte ab.
Thomas unterbrach seine Arbeit, er bedankte sich. Auf dem Tablett waren noch einige Kekse in einer kleinen Schale. Er setzte sich neben das Tablett auf das Mäuerchen. Anette goss Ihm Kaffee ein.
„Mit Milch und Zucker?“
„Nur Zucker,“
Sie reichte ihm die Tasse und setzte sich auf die andere Seite des Tabletts.
„Da haben die ja einiges vor sich, ich denke das ist eine Menge Arbeit, was da auf sie zukommt.“
„Ich kann den Auftrag ganz gut gebrauchen,“ erwiderte Thomas und musterte dabei Anette. Sie war Anfang dreißig, hübsch, schlank und hatte dunkle, halblange Haare. Das dunkelblaue Kleid stand ihr sehr gut.
"Ich bin erst vor kurzem in den Ort gezogen, habe mir dort ein altes Bauernhaus gekauft und meine Holzwerkstatt eröffnet, ich habe zwar schon hin und wieder Aufträge, aber ich bin froh, dass ich jetzt an Frau Weisenburg gekommen bin, kann den Auftrag gut gebrauchen.“
Die „Kleine“, die die ganze Zeit den Rasen und die nähere Umgebung erkundete, kam schwanzwedelnd zu ihnen und versuchte einige Kekse zu erbetteln.
Thomas nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und fütterte sie mit einem Keks. Anette bückte sich zu dem Tier hinunter und streichelte es.
„Das ist aber ein ganz süßer.“
Thomas nickte.
„Ein Mädchen, arbeiten sie schon länger bei Frau Weisenburg?“
„Schon einige Jahre, sie hat mich aufgenommen als es mir nicht besonders gut ging und es gefällt mir sehr gut bei ihr.
Sie ist großzügig, die Arbeit ist leicht, ich kann mich nicht beklagen.“
„Sie sind nicht von hier?“
„Schon, aber ich war lange Zeit in Berlin, bin erst seit ungefähr zwei Jahren wieder hier!“
„Berlin? Was hat sie denn wieder hierher verschlagen?“
„Ein andermal, ich muss wieder an meine Arbeit, hat mich gefreut!“
Sie stand auf, Thomas trank seinen Kaffee aus, stellte die Tasse aufs Tablett, nahm schnell noch eines der Kekse den er der „Kleinen“ fütterte.
„Ja, mich auch, wir sehen uns bestimmt bald wieder.“
„Bestimmt, ich heiße Anette.“
Thomas schüttelte ihr die Hand.
„Thomas, also dann auf bald.“
Anette nahm das Tablett. „Tschüss,“ sie ging mit einem Lächeln zurück ins Haus.
„Tschüss,“ rief ihr Thomas nach und machte sich wieder an seine Arbeit.
Bald war der Wagen beladen, Thomas rief seinen Hund der freudig ins Auto sprang, er fuhr langsam den Kiesweg hinauf, als er durch das gusseiserne Tor rollte atmete er erleichtert auf, musste er sich doch erst mal klar machen was gerade passiert war.
Er hatte einen, für seine Verhältnisse, recht dicken Auftrag bekommen, von einer durchaus, wie ihm schien, sehr sympathischen Auftraggeberin. Er nahm sich vor Frau Weisenburg mehr als zufrieden zustellen.
Dann war noch die sehr nette Unterhaltung mit Anette, hatte er in letzter Zeit doch recht wenig Kontakte und wenn, dann nur geschäftlicher Art.
So fuhr er recht gut gelaunt zurück in den Ort. Dort angekommen bog er in den Hof zu seiner Werkstatt ein, hielt den Wagen an, ließ die „Kleine“ heraus und begann mit dem ausladen.
„Hallo, sind sie der Schreiner?“
Thomas hörte eine Männerstimme, er drehte sich um, vor ihm stand ein älterer Herr, er trug eine Jeans und eine leichte Jacke, war für sein alter recht leger gekleidet.
„Ja, ich bin der Schreiner!“
Thomas ging auf den Mann, der ihm die Hand entgegenstreckte, zu.
„Weißhaupt.“
Stellte sich der Mann vor.
„Thomas Becker, was kann ich für sie tun?“
„Ich habe gehört, sie restaurieren Holzmöbel, nun ich hätte da einige Gartenmöbel, die mir nicht mehr gefallen und die dringend aufgearbeitet werden müssten, machen sie so etwas?“
„Eigentlich schon, um was genau und wie viele handelt es sich denn?“
Thomas legte seinen Arm aufs Wagendach, der Mann hielt kurz inne und überlegte.
„Tja, es ist ein großer, ovaler Tisch, acht Stühle und eine Eckbank.“
Thomas überlegte, eigentlich bin ich ausgelastet für die nächste Zeit, aber ich will auch keinen Auftrag ablehnen, irgendwie werde ich das hinkriegen.
„Ich müsste mir die Teile mal ansehen, wie können wir das machen?“
„Ich wohnen nicht weit von hier, in der Gartenallee, ist praktisch gerade um die Ecke, wenn sie wollen, kann ich sie ihnen gleich zeigen.“
Thomas stimmte zu, was man erledigen kann sollte man gleich tun.
„Also gut, wenn es ihnen recht ist komme ich gleich mit und schau mir die Möbel an.“
„Einverstanden, wir könne zu Fuß gehen es sind nur ein paar Meter.“
„Kann ich meinen Hund mitnehmen?“
„Natürlich der stört überhaupt nicht.“
Er rief die „Kleine“, die sich im Hof aufhielt und freudig an trottete. Gemeinsam gingen sie auf die Straße. Thomas machte das Tor zu, stand da doch noch der Wagen vollbeladen mit den Möbeln von Frau Weisenburg.
Herr Weißhaupt drehte sich nach links und ging einen Schritt voraus. Thomas folgte ihm.
„Sie sind noch nicht lange hier in unserem kleinen Ort?“
„Seit etwa drei Monaten!“
„Und wie läuft ihr Geschäft?“
Der Mann war direkt, irgendwie gefiel Thomas seine Art.
„Ich kann nicht klagen eigentlich zur Zeit ganz gut, die Leute im Ort lernen mich langsam kennen und so nach und nach bekomme ich Aufträge.“
Sie bogen in eine Straße ab, Gartenallee las Thomas auf dem Straßenschild. Noch ein paar Schritte und sie standen vor dem Haus. Herr Weißhaupt öffnete die Gartentür, bat Thomas hinein und sie gingen am Haus vorbei direkt in den Garten.
Der Garten war groß und gepflegt, am hinteren Ende stand ein Schuppen, auf den Herr Weißhaupt zuging. Thomas und die „Kleine“ folgten ihm. Herr Weißhaupt öffnete den Schuppen, sie traten ein. Als Thomas die Gartenmöbel sah, bekam er einen kleinen Schreck.
Es waren große verstellbare Lehnstühle, ein ebenso großer ovaler Tisch, passend dazu die riesige Eckbank, alles aus Latten fein säuberlich zusammengezimmert. Die Möbel sahen von den Jahren mitgenommen und verwittert aus.
Thomas sah sofort, dass das restaurieren dieser Gartenmöbel sehr arbeitsintensiv werden würde. Hatte er doch jetzt erst einen großen Auftrag von Frau Weisenburg bekommen.
„Bis wann brauchen sie die Möbel, Her Weißhaupt?“
„Na ja, jetzt ist März, ich wollte eigentlich, dass sie fertig sind bevor es los geht mit dem Sommer, können sie mir schon sagen was mich das ganze kostet?“
„Werner, bist du im Schuppen?“
Rief es aus dem Garten.
Herr Weißhaupt trat vor den Schuppen, auf der Terrasse ihres Hauses stand eine Frau mittleren alters.
„Kommen sie, da vorne auf der Terrasse ist meine Frau, die können sie auch gleich kennen lernen.“
Sie gingen durch den Garten auf die Terrasse zu, betraten diese. Die Frau streckte schon ihre Hand Thomas entgegen.
„Weißhaupt, nehmen Sie doch Platz!“
Thomas stellte sich ebenfalls vor.
„Das ist Herr Becker, Bärchen, er hat sich gerade unsere Gartenmöbel angesehen und kann sie uns vielleicht wieder herrichten.“
„Ach, dass würde mich aber freuen, wissen Sie die sind schon alt, bestimmt schon über zehn, ja fünfzehn Jahre.
Wir haben sie uns gekauft als wir hier eingezogen sind, es wäre schön, wenn sie die wieder hinkriegen würden.
Möchten sie etwas trinken? Bier oder Wasser?“
„Ein Wasser vielleicht. Nun ja, ich muss die Möbel auseinanderbauen, abschleifen, falls nötig ausbessern, lackieren und zusammenbauen, das ist sehr arbeitsaufwendig, aber das wird schon wieder. Über die Kosten kann ich ihnen noch nichts sagen, da muss ich erst einen Kostenvoranschlag machen.“
Frau Weißhaupt brachte ihm ein Glas Mineralwasser.
„Gemacht werden müssen sie jedenfalls, wie verbleiben wir?“
Warf Herr Weißhaupt ein.
„Wenn es ihnen recht ist, würde ich morgen im laufe des Tages einen Stuhl holen und ihn aufarbeiten, danach kann ich ihnen einen Kostenvoranschlag machen und sie sehen wie die Gartenmöbel danach aussehen.“
„OK, so machen wir es, ich gebe ihnen meine Karte, rufen sie mich morgen an und dann sehen wir weiter.“
Nachdem Thomas sein Glas ausgetrunken hatte verabschiedete er sich, ging von der Terrasse ums Haus auf die Straße.
„Bis morgen,“ wurde ihm nachgerufen.
Sein Hund folgte ihm. Es dauerte nicht lange, da stand Thomas wieder in seinem Hof vor seinem VW Bus den er noch ausladen musste. Da es schon nach Achtzehnuhr war, fing er gleich damit an, verstaute die Möbelstücke in seiner Werkstatt, was einige Zeit in Anspruch nahm. Als er damit fertig war trat er auf seinen Hof, zündete sich ein Zigarillo an und nahm einige tiefe, kräftige Züge. Dabei fiel ihm ein, dass er noch die „Kleine“, die im Hof lag, füttern und mit ihr eine Runde gehen musste.
Nachdem er sie gefüttert hatte, machte er mit ihr einen langen Spaziergang, über die Felder, die hinter seinem Haus lagen. Er schloss das Tor ab, sie gingen rechts die Straße hinunter zum Ortsausgang und bogen in einen Feldweg. So liefen sie ein langes Stück, die "Kleine" sprang dem Ball nach, den Thomas immer wieder warf und schnüffelte an jedem Baum.
Heute mache ich nichts mehr, dachte Thomas. Es war schon spät und es reichte ihm.
Was für ein Tag, zwei große Aufträge, wobei er nicht einmal wusste wie er diese zeitlich schaffen sollte. Erst nur Kleinkram und dann so was. Er war erleichtert aber auch etwas nachdenklich. Thomas wollte sich jetzt aber auch keine Gedanken machen, wie er das alles bewältigen sollte. Vielmehr verspürte er Hunger. Jetzt noch kochen? Dazu hatte er wirklich keine Lust mehr. Er beschloss sich was zu gönnen und heute im „Krug“ etwas zu essen.
Thomas war schon des öfteren hier und man kannte ihn bereits. So machte er sich auf den Rückweg zur Gaststätte.
Dort angekommen betrat er das Lokal, es war eine durch und durch ländliche Gaststätte, rustikal eingerichtet, aber durchaus gemütlich. Das Wirtshaus war gut besucht.
Thomas grüßte in die Runde, was ihm einiges Kopfnicken entgegenbrachte, er ging auf eine Ecke zu an der noch ein freier Tisch stand, setzte sich so, dass er die Eingangstür im Blick hatte und sah sich im Lokal um.
Vor dem Tresen stand der runde Stammtisch, an ihm saßen sechs Männer, sie tranken Bier und Schnäpse, sie redeten wild durcheinander und lachten viel. Am Tresen selbst stand ein jüngerer Mann mit einer Frau, auch sie unterhielten sich angeregt. Die übrigen Tische waren fast alle besetzt, an den meisten wurde gegessen. Es dauerte nicht lange, da kam Doris, die Kellnerin, an seinen Tisch, sie kannten sich bereits und duzten sich.
„Hallo Thomas, was darf ich dir bringen?“
Thomas zögerte eine Sekunde, dann bestellte er eine Cola und verlangte nach der Karte. Als seine Cola kam bedankte er sich, lehnte sich zurück und nahm einen großen Schluck. Die „Kleine“ lag auf dem Fußboden an seiner Seite. Er blätterte die Karte durch, überlegte auf was er Appetit hatte. Nach kurzer Zeit kam Doris wieder an seinen Tisch, „Na, was gefunden?“
„Ja, Doris, ich nehme das Gulasch mit Knödel!“
„Kommt sofort!“
Am Stammtisch, wurde laut gelacht. Während Thomas auf sein Essen wartete, ließ er den Tag nochmals an sich vorbei ziehen. Wenn es so weitergeht werde ich wohl bald jemanden einstellen müssen.
Doris brachte ihm sein Essen.
„Lass es dir schmecken“.
Thomas fing an zu essen.
Während er aß, ging die Tür auf, er schaute unwillkürlich hoch. Herein kam eine junge Frau, sie trug Jeans und eine Lederjacke. Thomas erkannte die Frau erst auf den zweiten Blick, es war Anette, die Hauswirtschafterin von Frau Weisenburg.
Anette schaute sich im Lokal um, jetzt erkannte auch sie Thomas, sie winkte ihm zu, dann kam sie langsam an seinen Tisch. Thomas war fast fertig mit Essen, er stand auf.
„Schön sie zu sehen, wollen sie sich zu mir setzen?“
„Gerne!“
Sie setzten sich.
„Na haben Sie Feierabend?“
Thomas wollte ein Gespräch beginnen. Die „Kleine“ stand auf ging zu Anette und beschnupperte sie. Anette streichelte ihr den Kopf.
„Ja, ich arbeite jeden Tag von sieben bis achtzehn Uhr, aber die Arbeit ist leicht und Frau Weisenburg ist wirklich OK, es macht mir Spaß bei ihr zu arbeiten. Nur manchmal, wie heute Abend muss ich raus, unter Leute.“
„Heißt das, sie sind öfter hier?“
„Hin und wieder, oft gehe ich auch nur spazieren!“
Doris kam an den Tisch.
„Was darf ich ihnen bringen?“
Anette bestellte ein Glas Rotwein. Thomas war fertig mit essen, „Und was macht ihre Arbeit haben sie schon angefangen?“
„Das ist nicht so einfach, als ich gerade beim Ausladen war, kam noch ein dicker Auftrag, den ich auch angenommen habe. Ehrlich gesagt ich weiß zur Zeit überhaupt nicht, wie ich das schaffen soll. Gut ich kann die Aufträge sehr gut gebrauchen und irgendwie werde ich das schon hinkriegen, wahrscheinlich muss ich mir noch jemanden suchen.“
Doris brachte den Rotwein, Thomas bestellte noch eine Cola.
„Erst konnte ich mich gerade so über Wasser halten, die ganze Zeit habe ich eigentlich nur von kleineren Aufträgen gelebt und dann kommt glücklicherweise doch Arbeit, da bin ich schon sehr froh darüber.“
Die Cola kam, Anette nahm einen Schluck Rotwein, Thomas trank seine Cola.
Anette schaute Thomas an, ihre Blicke trafen sich, „Jetzt haben wir aber genug über die Arbeit geredet, wir haben beide Feierabend und sollten noch den Abend genießen.“
„Sie haben recht, aber wenn mich was beschäftigt kann ich schlecht abschalten.“
Thomas schaute auf seine Armbanduhr, es war schon nach einundzwanzig Uhr, das Lokal war immer noch gut besucht.
Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, drehte sich Thomas zu Anette.
„Jetzt wird es aber langsam Zeit für mich, ich muss morgen früh aufstehen, ich glaube ich habe einen anstrengenden Tag vor mir,“
Anette trank ihr Glas aus, „Ja, für mich wird es auch Zeit, ich habe noch einen längeren Fußmarsch vor mir.“
„Wie? Sie sind zu Fuß hier?“
„Ja, ich laufe immer, wenn ich ins Dorf will. Das tut mir ganz gut!“
„Sie werden jetzt auf keinen Fall mehr zurück laufen, ich werde sie selbstverständlich fahren. Wir gehen zu meinem Haus, dann nehmen wir das Auto.“
Anette überlegte nicht lange, sie nickte.
„Einverstanden!“
Thomas winkte Doris zu, die gerade an ihrem Tisch vorbei ging. Er zahlte für beide, sie standen auf und gingen zur Tür, die „Kleine“ folgte ihnen.
„Tschüss, schönen Abend!“ riefen ihnen der Wirt und Doris fast gleichzeitig hinterher. Thomas hob zum Gruß die Hand, dann verließen sie das Lokal.
Draußen war es längst Dunkel, es war erst Mitte März und es war noch ganz schön kalt, Sie zogen fast gleichzeitig die Reißverschlüsse ihrer Jacken hoch und stellten die Kragen.
Thomas faste Anette behutsam am Arm und zog sie in seine Richtung.
„Wir müssen die Straße entlang, es ist nicht weit, ganz schön kalt.“
„Ich bin froh, nicht zurück laufen zu müssen, ja es ist ganz schön frisch.“
Durch den Wein etwas lockerer geworden hakte sie sich bei ihm ein. Thomas hatte nichts dagegen, es gefiel ihm.
Sie gingen über den Marktplatz, kamen am Dorfbrunnen vorbei, der mit einer dünnen Eisschicht überzogen war und gingen die Straße entlang auf der sie zu Thomas Haus gelangten.
Dort angekommen löste sich Thomas von Anette „Ich hole nur noch die Autoschlüssel, möchten sie mit reinkommen?“
„Ein andermal gerne, es ist jetzt doch ganz schön spät,“
Thomas ging ins Haus, kurz darauf wurde das Hoftor von innen geöffnet. Er sah wie Anette frierend auf dem Gehweg stand, die Hände tief in ihrer Jackentasche vergraben.
Er ging zu dem Schuppen öffnete das Tor und verschwand darin.
Anette hörte das Motorengeräusch, dann kam Thomas langsam aus dem Schuppen gefahren. Es war ein alter Mercedes, die Heckflosse. Thomas liebte alte Autos. Er lies Anette, die sichtbar beeindruckt war, einsteigen, stieg aus öffnete die Hintertür, Die „Kleine“ sprang auf den Rücksitz, der fein säuberlich mit einer Decke ausgelegt war, er schloss die Tür, stieg ein und fuhr langsam an.
„Schöner Wagen, der ist bestimmt schon älter?“
„Schon über fünfundvierzig Jahre, aber ich pflege ihn gut und er läuft einwandfrei,“
Thomas stellte die Heizung an.
„Jetzt wird es gleich etwas wärmer!“
Der alte Wagen heizte langsam auf, Anette war froh darüber.
„Du hast wohl eine Vorliebe für alte Autos, der alte Bus, mit denen du die Möbel abgeholt hast, jetzt dieser alte Mercedes, finde ich schön, ach, ich heiße Anette wenn ich dich schon duze.“
„Das ist völlig in Ordnung, ich bin der Thomas, hier auf dem Land duzen sich ja eigentlich alle.“
Thomas fuhr langsam, im Wagen wurde es angenehm warm, Anette genoss die Fahrt.
„Ich wusste gar nicht das Autofahren so schön sein kann!“
Anette lehnte sich zurück und streckte die Beine aus.
„Das stimmt, die alten Autos haben so etwas wie Seele und Charakter, wenn sie wollen, wenn du willst, können wir ja irgendwann eine größere Tour machen, aber ich muss jetzt erst mal sehen, wie ich das mit der Arbeit geregelt kriege.“
Das Anwesen kam in Sicht, Thomas lies den Wagen vor das gusseiserne Tor rollen und stellte den Motor ab. Beide blieben noch im Wagen sitzen, sie redeten nicht. Der Blick ging über die lange Motorhaube, in den sternenklaren Nachthimmel. So saßen sie noch eine ganze weile, sie fühlten sich beide gut.
„War ein schöner Abend, Thomas, freue mich wenn wir uns das nächste mal wiedersehen.“
„Ja das fand ich auch, wir sehen uns bestimmt bald wieder, hast du eigentlich ein Handy?“
„Natürlich!“
Sie tauschten noch ihre Nummern aus, danach öffnete Anette die Autotür und stieg aus. Thomas stieg ebenfalls aus. Er ging um den Wagen und stand nun vor Anette.
„Soll ich dich noch bis zum Haus bringen?“
„Besser nicht! Ich weiß nicht ob das Frau Weisenburg gefällt. Die paar Meter kann ich schon alleine gehen!“
Sie standen sich gegenüber, keiner wusste so recht wie er mit der Situation umgehen sollte, dann streckte Anette Thomas die Hand hin, „Tschüss, Thomas, danke für´s bringen, wir können ja telefonieren!“
„Ja, bis demnächst!“
Anette schloss das Tor auf und ging, Thomas schaute ihr nach wie sie den bekiesten Weg hinunter zum Haus ging, er stieg in den Wagen, wendete und fuhr zurück nach Hause.
Unterwegs ging ihm der ganze Tag und der Abend durch den Kopf. Er musste an Anette denken und an seine Arbeit, wenn jetzt noch ein Auftrag kommt schaffe ich es sowieso nicht mehr, dachte er, ich werde morgen zum „Stadtanzeiger“ gehen und eine Anzeige aufgeben. Muss wahrscheinlich eine Hilfe einstellen.
Sein Wagen rollte vor sein Haus, er fuhr in die Hofeinfahrt und parkte im Schuppen, er lies die „Kleine“ aus dem Auto, sperrte ab und ging hoch in seine Wohnung.
Dort angekommen fütterte er sie, die fraß und sich gleich in ihr Körbchen verzog.
Die Wohnung war spartanisch aber gemütlich eingerichtet, da war das Esszimmer mit der Küchenzeile und dem großen Esszimmertisch, an dem sechs Stühle standen, seitlich an der Wand stand ein Bauernschrank, der neu aufgearbeitet war. Thomas hatte seine ganzen Möbel in verschiedenen Hinterhöfen und Sperrmüllaktionen zusammengestellt, sie frisch renoviert und irgendwie passte alles zusammen.
In seinem große Wohnzimmer stand ein ebenso großes Sofa mit einem großen Tisch, die passende Schrankwand hatte er selbst eingebaut. Alles war schön dekoriert und überall standen Töpfe mit Pflanzen. Sein Schlafzimmer, das ebenfalls recht groß war, war von einem großen Bett, sowie einem alten Schrank und einem Sessel ausgefüllt.
Zwei Zimmer der Wohnung waren noch nicht eingerichtet, er benutzte sie als eine Art Rumpelkammer.
Thomas machte sich noch einen Kaffee setzte sich ins Esszimmer, steckte sich ein Zigarillo an. Er rauchte, trank seinen Kaffee und ließ den Tag ausklingen. Es war schon weit nach dreiundzwanzig Uhr und morgen wollte er um sechs Uhr aufstehen, also ging er schlafen.
Als Anette beim Haupthaus angekommen war, schloss sie die Tür zu einem Nebengebäude, in dem sie eine kleine Wohnung hatte, auf und betrat ihre Wohnung. Die Wohnung bestand eigentlich nur aus einem großen Zimmer mit Küchenzeile und Bad, aber Anette reichte es, war sie eh den ganzen Tag im Haupthaus beschäftigt. Sie zog ihre Jacke und Stiefel aus, setzte Teewasser auf und versuchte warm zu werden. Danach setzte sie sich mit einer heißen Tasse Tee auf Ihre kleine Couch und dachte über der Abend nach.
Anette war überrascht, wie nett der Schreiner ist, mit ihm ist wohl gut auszukommen und jemand mit dem sie sich verstand, konnte sie gut gebrauchen, denn sie lebte doch sehr zurückgezogen hier auf dem Anwesen der Frau Weisenburg.
Nachdem sie ihren Tee ausgetrunken hatte ging sie ins Bett, es war schon spät.
Um sechs Uhr läutete ihr Wecker, Anette hatte gut geschlafen, eigentlich wollte sie noch liegen bleiben, die Nacht war sehr kurz, aber sie musste aufstehen. Frau Weisenburg wollte pünktlich frühstücken. Nachdem sie aufgestanden war kochte sie sich erst mal einen Kaffee, danach ging Anette unter die Dusche und zog ihr dunkelblaues Kleid an. Sie verließ ihre Wohnung ging zum Hauptgebäude, wo sie gleich die große Küche betrat, um das Frühstück für Frau Weisenburg zu richten.
Sie aß jeden morgen das gleiche, zwei Brötchen mit Marmelade und ein weichgekochtes Ei. Es klingelte, der Bäcker vom Dorf brachte die Brötchen. Anette nahm sie entgegen. Frau Weisenburg frühstückte immer gegen sieben Uhr. Es war kurz vor sieben, der Kaffee war fertig. Anette richtete das Tablett und trug es ins Esszimmer, wo Frau Weisenburg auch schon am Tisch saß.
„Einen wunderschönen guten morgen Frau Weisenburg.“
Grüßte Anette beim eintreten.
„Guten morgen Anette, so gut gelaunt heute früh, sie hatten sicher einen schönen Abend. Kommen sie, setzen sie sich zu mir, leisten sie mir etwas Gesellschaft. Haben sie schon gefrühstückt?“
Anette verneinte.
„Dann kommen sie setzen sie sich.“
Es war nicht das erste mal, dass sie zusammen frühstückten, Frau Weisenburg wünschte des öfteren Gesellschaft bei ihren Mahlzeiten. Anette legte noch ein Gedeck auf und setzte sich zu ihr.
„Sie waren gestern lange weg,“
Frau Weisenburg schmierte sich dabei ein Brötchen mit Marmelade.
„Hatten sie einen schönen Abend?“
„Ja, doch, ich war im Dorf, im Krug habe dort ein Glas Wein getrunken und den Schreiner getroffen. Wir saßen an einem Tisch und unterhielten uns, war recht angenehm.
Der Schreiner ist ziemlich nett.“
„Wie meinen Schreiner?“
Meinte Frau Weisenburg ironisch.
„Der soll mir doch meine Möbel herrichten statt dessen treibt er sich im Krug herum.“
Sie lachte dabei und goss sich Kaffee nach.
Anette schlug ein weichgekochtes Ei auf und aß es zu ihrem Brötchen.
„Ja, es war schon spät und so hat er mich gebracht, er hat einen schönen alten Wagen!“
„Sie meinen seinen alten Bus mit denen er die Möbel abgeholt hat?“
Frau Weisenburg lächelte.
„Nein, er hat einen alten, sehr alten Mercedes, eigentlich ein Museumsstück, es war schön in ihm zu fahren. Er hat mich bis vor die Tür gebracht.“
„Nun schön, dann mussten sie wenigsten nicht zurück laufen, es war doch ganz schön kalt heute Nacht. Übrigens ich erwarte heute Nachmittag Besuch, mein Anwalt kommt mit seiner Frau, richten sie doch bitte Tee und Kekse, sie kommen so gegen fünfzehn Uhr. Was gibt’s heute Mittag?“
„Ich mach panierte Schnitzel mit Salzkartoffeln und Brechbohnen!“
Frau Weisenburg liebte deftiges Essen, sie war damit einverstanden.
Sie waren beide mit dem Frühstück fertig. Frau Weisenburg lehnte sich zurück zog ihre silberne Zigarettendose hervor und zündete sich eine Zigarette an.
Anette stand auf und fing an den Tisch abzuräumen, Danach widmete sie sich den üblichen Hausarbeiten.
Thomas hatte sich den Wecker auf sechs Uhr gestellt. Er wollte früh aufstehen und sich an die Arbeit machen.
Nachdem er sich angezogen hatte, war sein Kaffee fertig, er setzte sich an seinen Esstisch nahm sich ein Zigarillo aus der Packung, rauchte und trank seinen Kaffee. Dabei überlegte er, was er jetzt als erstes tun sollte. Klar erst mal muss ich mit der „Kleinen“, die immer noch schlief, raus, damit die erst mal versorgt ist. Er fütterte die „Kleine“, die allmählich aus dem Bett kam, machte sich selbst ein belegtes Brot, beide aßen. Danach zog er sich seine Arbeitsstiefel an, nahm seine dicke Jacke, es war immer noch kalt, ging zur Tür auf dem Hof, schloss auf und betrat die Straße, sein Hund folgte ihm.
Er ging einige Meter die Straße hinunter bis zu dem ersten Feldweg, dort bog er ein. Die „Kleine“ war noch recht fit für ihr alter und musste sich austoben. Thomas ging den Weg entlang, bis sie ruhiger wurde, dann kehrten sie um.
Vor seinem Haus angekommen öffnete Thomas das Tor, sie betraten den Hof, es war mittlerweile halb acht. Er ging zu seiner Werkstatt, sah sich die Möbelstücke von Frau Weisenburg genauer an und überlegte mit was für einem Stück er anfangen wollte. Er entschied sich für den Esszimmertisch. Er rückte ihn in die Mitte seiner Werkstatt und fing an ihn auseinanderzubauen. Thomas vertiefte sich immer mehr in seine Arbeit, richtete die Schleifmaschine, legte den auseinander gebauten Tisch auf die Werkbank und war so den Vormittag beschäftigt. Als er auf die Uhr schaute, unterbrach er seine Arbeit, musste er doch noch zu den Weißhaupts, der Gartenmöbel wegen und dann noch zum Stadtkurier eine Stellenanzeige für einen Mitarbeiter aufgeben. Er wusch sich die Hände, schloss die Werkstatt ab, ließ die „Kleine“ in den Bus steigen und fuhr vom Hof. Einen Augenblick später parkte er in der Gartenallee, vor Weißhaupts Haus.
Thomas stieg aus, ging zum Tor und klingelte. Sofort wurde ihm von Frau Weißhaupt geöffnet, dem Bärchen, wie Thomas einfiel.
„Morgen, Herr Becker!“ begrüßte ihn Frau Weißhaupt.
