Der Himmel über dem Eismeer - Christopher Ross - E-Book

Der Himmel über dem Eismeer E-Book

Christopher Ross

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Beschreibung

Unendlich weit und frei spannt sich über ihr das blaue Himmelszelt Alaska im 19. Jahrhundert: Als badische Prinzessin ist Sophie Elisabeth in behütetem Wohlstand aufgewachsen, doch sie wagt es, all das hinter sich zu lassen. Für den Mann, den sie über alles liebt: Der junge Leutnant Nikolai Danilowitsch, der den intriganten Machenschaften des Zarenhofs für immer den Rücken gekehrt hat. In Sitka, einer kleinen Stadt im Osten des Reiches, wollen er und Sophie Elisabeth sich ein neues Leben aufbauen. Doch die Gier einflussreicher Männer macht auch vor diesem Fleckchen unberührter Wildnis nicht Halt: Michail Saizew, ein zwielichtiger Berater des Gouverneurs von Alaska, setzt alles daran, hier die Macht zu übernehmen. Als Sophie Elisabeth und Nikolai das nicht zulassen wollen, sendet er Häscher nach ihnen aus – und treibt sie bis in die lebensbedrohlichen Weite des Eismeeres … Der zweite Roman in der großen romantischen Abenteuersaga um eine außergewöhnliche Prinzessin. Dieses Buch ist bereits unter dem Titel »Die Freiheit im Herzen« erschienen und wird Fans von Charlotte Jacobi und Martina Sahler für sich gewinnen.

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Alaska im 19. Jahrhundert: Als badische Prinzessin ist Sophie Elisabeth in behütetem Wohlstand aufgewachsen, doch sie wagt es, all das hinter sich zu lassen. Für den Mann, den sie über alles liebt: Der junge Leutnant Nikolai Danilowitsch, der den intriganten Machenschaften des Zarenhofs für immer den Rücken gekehrt hat. In Sitka, einer kleinen Stadt im Osten des Reiches, wollen er und Sophie Elisabeth sich ein neues Leben aufbauen. Doch die Gier einflussreicher Männer macht auch vor diesem Fleckchen unberührter Wildnis nicht Halt: Michail Saizew, ein zwielichtiger Berater des Gouverneurs von Alaska, setzt alles daran, hier die Macht zu übernehmen. Als Sophie Elisabeth und Nikolai das nicht zulassen wollen, sendet er Häscher nach ihnen aus – und treibt sie bis in die lebensbedrohlichen Weite des Eismeeres …

eBook-Neuausgabe Februar 2026

Die Originalausgabe erschien erstmals 2017 unter dem Originaltitel »Die Freiheit im Herzen« bei Weltbild, Augsburg.

Copyright © der Originalausgabe 2017 by Weltbild GmbH & Co. KG, Werner-von-Siemens-Straße 1, 86159 Augsburg

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Motive von ideogram.ai/wildesblut sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-69076-267-0

 

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Christopher Ross

Der Himmel über dem Eismeer

Roman. Prinzessin-Sophie-Elisabeth-Saga 2

 

Kapitel 1

 

Nur weil die Frau des Gouverneurs darauf bestand, trug Sophie Elisabeth ihren dunkelblauen Rock, die weiße Bluse mit der bestickten Weste und die Schnürschuhe, die ein Bediensteter auf Hochglanz gebracht hatte. Normalerweise kleidete sie sich wie die meisten anderen Frauen an einem Werktag, wenn sie im Waisenhaus des Bischofs oder im Krankenhaus half. Während der neun Monate, die sie nun schon mit ihrem Verlobten in Sitka wohnte, waren die strengen Regeln des badischen Hofes immer mehr in Vergessenheit geraten. Anders als ihre Freundin Dorothée, die einen wohlhabenden Grafen in Sankt Petersburg geheiratet hatte, war sie dem Zauber der Wildnis erlegen.

Denn auch wenn man Sitka das »Paris des Ostens« nannte, und sie und Nikolai regelmäßig an festlichen Bällen und Soireen teilnahmen, lebten sie in Russisch-Amerika weitab der Zivilisation in einem fernen Land, das auf vielen Landkarten noch als Wildnis vermerkt war. Besiedelt war nur ein schmaler Küstenstreifen mit den Stützpunkten der Russisch-Amerikanischen Compagnie. Sitka war kleiner als Karlsruhe und bestand aus einer Hauptstraße, die vom Hafen bis zur orthodoxen Kathedrale reichte und auch an diesem Morgen mit knöcheltiefem Schlamm bedeckt war. Einfache Planken verbanden die hölzernen Gehsteige. Zu beiden Seiten erhoben sich meist zweistöckige Holzhäuser mit Läden und handwerklichen Betrieben. Einige Gassen führten in die Viertel der finnischen Arbeiter und zu dem Palisadenzaun, der die Stadt von der Siedlung der kolosh-Indianer trennte.

Wie an fast jedem Morgen war Sophie Elisabeth zum Haus des Bischofs unterwegs. Ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung kümmerte sie sich um Waisenkinder. Sie spielte und bastelte mit ihnen und brachte ihnen deutsche Kinderlieder bei, die schon ihre Mutter gesungen hatte. Kein leichtes Unterfangen für die Kinder von indianischen oder finnischen Familien, die weder Deutsch noch Russisch sprachen. Sophie Elisabeth sprach Deutsch, Französisch und Russisch wie die meisten Adeligen in ihrer badischen Heimat und hatte während der letzten Monate fleißig Englisch bei einem Privatlehrer gelernt. In Sitka gingen zahlreiche Schiffe aus Amerika und England vor Anker.

Im Hafen genoss sie für einige Minuten die Aussicht. An einem sonnigen Morgen wie diesem waren die vorgelagerten Inseln und der kegelförmige Krater des Mount Edgecumbe deutlich zu sehen. Die Masten zahlreicher Fischerboote ragten empor. Möwen stritten um die Brotreste, die einer der Fischer ins Wasser geworfen hatte, und meldeten sich lautstark, als Nachschub ausblieb. Der strenge Geruch nach Salz, Tang und Fisch war ihr längst vertraut. Sie mochte das Meer. Bevor sie nach Sankt Petersburg aufgebrochen war, hatte sie es noch nie gesehen. Die Berge waren ihr immer näher gewesen. Hier gab es beides, die scheinbar unendliche Weite des Pazifischen Ozeans und die Berge, die das Eingangstor zu einer ausgedehnten Wildnis im Hinterland bildeten. Paradies und Hölle zugleich, wie einige behaupteten.

Sie hielt ihr Gesicht in den sanften Wind und ertappte sich schon wieder bei einem Fauxpas, der ihr am heimatlichen Hof in Baden eine strenge Zurechtweisung ihrer Eltern eingebracht hätte. Eine junge Adelige wäre bei diesem Wetter niemals ohne ihren Sonnenschirm ausgegangen, und noch viel weniger hätte sie sich allein auf die Straße gewagt. Sie musste lachen. Die neue Freiheit machte ihr riesigen Spaß, und mit Nikolai hatte sie einen Mann gefunden, der ähnlich dachte wie sie und seine Freiheit riskierte, indem er sich Zar Alexander widersetzte und in Russisch-Amerika für den Gouverneur arbeitete.

Im Haus des Bischofs erwartete sie der Dekan, wie immer erfreut darüber, dass sich eine leibhaftige Prinzessin für seine Waisenkinder einsetzte. »Guten Morgen, Prinzessin«, begrüßte sie der ungefähr vierzigjährige Mann, obwohl sie ihn mehrfach gebeten hatte, von höfischen Anreden abzusehen. »Der kleine Timofei bereitet uns großen Kummer. Er will nicht mit den anderen Kindern spielen und weint fast den ganzen Tag. Ich glaube beinahe, er ist krank.«

Sophie Elisabeth begrüßte den Dekan und legte ihren breiten Schal ab. »Er braucht nur ein wenig Zeit«, erwiderte sie. »Wann sind seine Eltern gestorben? Vor sechs Wochen? Es wird wohl einige Monate, vielleicht sogar Jahre dauern, bis er darüber hinweg ist. Wir müssen nachsichtig mit ihm sein.«

Timofei war der fünfjährige Sohn eines finnischen Zimmermanns und einer Indianerin, ein sogenannter Creole. Seine Eltern waren an Lungenentzündung gestorben, und auch er hatte wochenlang das Bett gehütet, nur um nach seiner Gesundung zu erfahren, dass er allein war. Es gab keine Verwandten.

»Vielleicht haben Sie ja mehr Glück als Olga und ich.«

Olga, eine alleinstehende Russin, arbeitete seit dem Tod ihres Mannes im Waisenhaus. Er war während eines Sturms ertrunken. Sie war schon über sechzig und hatte nicht mehr die Ausdauer und Geduld einer jungen Frau wie Sophie Elisabeth. Seit zwei Monaten half ihr eine Finnin, die selbst zwei Kinder großgezogen hatte, aber nur an drei Wochentagen kommen konnte.

Sophie Elisabeth versprach es zu versuchen und betrat das Zimmer, in dem die kleinen Waisenkinder spielten. Die älteren Kinder waren in der Schule und hatten ihren eigenen Raum. Sie winkte Olga zu, die ein paar Kindern aus einem Buch vorlas, und ging zu Timofei, der traurig in einer Ecke auf dem Boden hockte und teilnahmslos auf die Bausteine starrte.

»Timofei«, sprach sie ihn auf Russisch an, »ich bin’s, Tante Sophie. Wollen wir beide was Schönes bauen?« Sie setzte sich neben ihn auf den Teppich und griff nach den Bausteinen. »Pass auf, ich hab ein Rätsel für dich.«

»Ein Rätsel?« Timofei wurde neugierig.

»Guck mal!« Mit wenigen Handgriffen baute sie ein Gebilde, das zumindest beim zweiten Hinsehen wie eine Kirche aussah. »Na, was ist das?«

»Ein Haus?«

»Eine Kirche«, verbesserte sie ihn, »die St.-Michaels-Kirche in der Stadt. Die kennst du doch.« Sie legte einige kleinere Bausteine daneben. »Und das?«

»Das sind Leute.«

»Ganz recht«, freute sie sich darüber, dass der Junge ganz bei der Sache war. »Das sind alles Menschen, die dich liebhaben. Erwachsene und Kinder. Sie wissen, dass du allein bist und oft weinen musst, und wollen dir helfen, wieder ein fröhlicher Junge zu werden. Das willst du doch auch, Timofei?«

Darauf wusste er nichts zu sagen.

»Komm, wir probieren es gleich mal aus. Lass uns zu Tante Olga hinübergehen, die liest den anderen gerade aus einem lustigen Buch vor.« Sie stand auf und reichte ihm die Hand. »Das dürfen wir auf keinen Fall versäumen.«

Timofei zögerte ein wenig.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bleibe bei dir.«

Diesmal zögerte der Junge nicht länger und ließ sich von ihr zu den anderen Kindern führen. Olga lächelte ihr dankbar zu. »Und die nächste Geschichte«, sagte sie, »widmen wir einem Jungen, der in letzter Zeit besonders tapfer war. Wie wär’s, wenn wir Timofei mit einem großen Applaus empfangen?«

Der Junge genoss die Zuneigung und hörte Olga so aufmerksam zu, dass er alles um sich herum zu vergessen schien. Kein endgültiger Sieg über den Schmerz, das wusste sie auch, aber zumindest etwas Linderung. Die meisten anderen Kinder teilten ein ähnliches Schicksal und würden ihm helfen, die Erinnerung an jenen traurigen Anblick zu überwinden, als er erfahren hatte, dass er seine Eltern niemals wiedersehen würde.

Wie behütet war doch ihre eigene Kindheit gewesen! Wie allen adeligen Kindern hatte es ihr an nichts gefehlt, sie hatte immer reichlich zu essen gehabt, die schönsten Kleider und die neusten Spielsachen besessen, und neben ihrer Mutter hatten sich ein Kindermädchen und später auch eine Gouvernante um sie gekümmert.

Und als erwachsene Frau war es ihr nicht anders ergangen. Eine Kammerzofe hatte ihr beim Anziehen geholfen, eine Lehrerin beim Studieren, eine vornehme Dame beim Erlernen der höfischen Sitten. Spätestens im heiratsfähigen Alter hatte sie sich eingeengt gefühlt und nach mehr Freiheit gesehnt. Sie wollte selbst über ihr Leben entscheiden und bei einem Mann bleiben, den sie von ganzem Herzen liebte. Einem Mann wie Nikolai, dem sie bis ans Ende der Welt gefolgt war und den sie in wenigen Monaten heiraten würde.

»Gott beschütze Sie«, sagte der Dekan, als sie sich gegen Mittag verabschiedete. »Und vielen Dank, dass Sie sich so lieb um Timofei kümmern.«

»Er ist ein guter Junge«, erwiderte sie.

Sie verließ das Haus des Bischofs und lief zur Hauptstraße zurück. Von dem felsigen Tafelberg oberhalb des Hafens grüßten das Schloss des Gouverneurs und einige andere Gebäude. Warum das schlichte Gebäude mit den zwei Stockwerken und der Kuppel auf dem Dach »Schloss« genannt wurde, wusste sie nicht. Es erschien ihr eher wie ein großes Wohnhaus. Aber innen war es mit Kostbarkeiten ausgestattet, die selbst Besucher aus dem fernen Sankt Petersburg überraschten. Dort fühlte man sich tatsächlich wie in einem Schloss oder auf einer prunkvollen Insel inmitten der abgelegenen Wildnis.

»Prinzessin!«, hörte sie eine vertraute Stimme. Sie drehte sich um und erkannte eine Indianerin in ungefähr ihrem Alter, die einen Karren mit frischem Gemüse hinter sich herzog. Sie trug ein einfaches Kleid aus billigem Stoff und ging barfuß wie die meisten Frauen während der warmen Jahreszeit. Ihre Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. »Gut, dass ich Sie hier treffe.«

»Tillie! Du sollst mich doch nicht so nennen.«

»Aber Sie sind doch eine Prinzessin«, erwiderte Tillie lächelnd. »Ich hatte nie eine Prinzessin zur Freundin, nicht mal eine Häuptlingstochter. Jeder soll wissen, dass ich mit einer Prinzessin aus einem fernen Land befreundet bin.«

Sie hatte sich tatsächlich mit der Indianerin angefreundet. Vor einigen Wochen war sie zufällig auf dem Markt mit ihr ins Gespräch gekommen und hatte sie seitdem mehrmals im Indianerlager besucht. Sie fand es interessant, sich mit einer Frau aus einer vollkommen fremden Kultur auszutauschen, ihre Sitten und Gebräuche kennenzulernen und sogar ein paar Wörter ihrer Sprache zu erlernen. Ganz im Gegensatz zum Gouverneur und seiner Gattin, die eher Abstand zu gewöhnlichen Bürgern und angeblichen Heiden wie den kolosh hielten. Oder zu ihren Eltern, die das Schloss nur sehr ungern verlassen hatten.

Woher sie ihren Mut, auf Menschen unterschiedlicher Herkunft zuzugehen, und ihre Unbekümmertheit im Umgang mit angeblich Untergebenen nahm, wusste sie nicht. Sie folgte ihrem Instinkt. So sehr sie bereute, ihre Eltern vielleicht nie mehr wiedersehen zu können, freute sie sich über die Gelegenheit, unbekannte Regionen wie Russisch-Amerika und ihre Bewohner erleben zu dürfen. Ein Wunsch, der sich während ihrer langen Reise durch Sibirien noch verstärkt hatte. Trotz aller tödlichen Gefahren, die in der russischen Wildnis auf sie gewartet hatten, war ihre Flucht auch ein Erlebnis gewesen.

»Hast du etwas Bestimmtes auf dem Herzen?«, fragte sie.

Tillie blieb stehen und sah sie an. Ihr Gesicht hatte etwas Reines und Unschuldiges. »Taku Jim, unser ichet, will Sie sprechen. Es ist wichtig, sagt er.«

»Taku Jim? Jetzt gleich?«

»Sobald wie möglich. Er will Sie warnen.«

»Ich dachte, er kann mich nicht leiden.«

Taku Jim war der Schamane des Indianerdorfes, das durch einen Palisadenzaun von der Stadt getrennt war und sich am Ufer entlangzog. Einen »Geisterdoktor« nannte er sich selbst. Sophie glaubte nicht an Geister, sie hatte in Sibirien aber einige Zeit bei den Jakuten verbracht und gelernt, dass es Phänomene zwischen Himmel und Erde gab, die man nicht erklären konnte. Selbst einen sturen Burschen wie Taku Jim durfte man nicht ignorieren.

»Vielen Dank, Tillie.« Sie deutete auf das Gemüse, das ihr wesentlich größer und ansehnlicher vorkam als die Feldfrüchte der Heimat. »Ich hoffe, du erzielst einen guten Preis. Das Gemüse sieht wirklich gut aus, so frisch.«

Die Indianerin lächelte stolz. »Mein Geheimnis.«

Sophie Elisabeth verabschiedete sich von ihr und machte sich auf den Weg. Der Gouverneur und seine Frau waren ihr sicher nicht böse, wenn sie zu spät zum Essen erschien. Eine innere Stimme riet ihr, sich die Warnung des Schamanen so schnell wie möglich anzuhören, auch wenn er sich vielleicht nur wichtigmachen wollte. Seitdem Sophie Elisabeth während der Grippewelle vor drei Monaten geholfen hatte, die Kranken im Indianerdorf zu versorgen, war er auf sie eifersüchtig. Zu viele seiner Anhänger vertrauten auch der weißen Prinzessin, die aus der Ferne gekommen war.

Doch am Haupttor stand nicht nur ein Wachsoldat. Der neue Kapitan der Leibgarde, ein gewisser Iwan Newikow, machte gerade seine Runde und salutierte übertrieben vor ihr. »Womit kann ich dienen, Eure Durchlaucht?«

»›Prinzessin‹ reicht völlig, Kapitan. Ich bin privat unterwegs.«

»Privat? Im Indianerdorf?« Der Kapitan war ein drahtiger Bursche ungefähr in ihrem Alter, in der Kaiserlich-Russischen Armee groß geworden und Soldat aus Überzeugung. »Sie wollen sicher nach einem Kranken sehen.«

Sie lächelte freundlich. »Sie haben doch nichts dagegen?«

»Natürlich nicht, aber ich möchte Sie dennoch warnen. Die kolosh verhalten sich in letzter Zeit sehr unruhig. Vergessen Sie bitte nicht: Wir haben nicht umsonst einen Zaun zwischen ihre und unsere Siedlung gebaut. Man kann ihnen nicht trauen. Ich würde es lieber sehen, Sie würden hierbleiben.«

»Mir passiert schon nichts, Kapitan.«

Er wies den Wachsoldaten an, das Tor zu öffnen, und gab widerwillig den Weg frei. Stramm wie ein Zinnsoldat salutierte er vor ihr, als sie Sitka verließ und zur einzigen Straße des Indianerdorfes hinablief. Sie drehte sich nicht nach ihm um, hörte aber, wie sich knarrend das Tor hinter ihr schloss.

Das Indianerdorf erinnerte kaum an die Siedlungen früherer Jahre. Dort hatte es geräumige Häuser mit riesigen Totempfählen vor den Eingängen gegeben, wie sie von Tillie erfahren hatte. In Shee Atika erhoben sich schmucklose Holzhäuser zu beiden Seiten der Straße. Sie unterschieden sich kaum voneinander und hätten genauso gut zu einem russischen Fischerdorf gehören können. Vor den Häusern spielten Kinder im Morast, Hunde stritten um einen Knochen. Eine Frau war damit beschäftigt, frischen Lachs über ein Gerüst zum Trocknen aufzuhängen. Ein paar Männer, die rauchend am Ufer standen, beobachteten sie neugierig. Es kam selten vor, dass sich eine weiße Frau aus den besseren Kreisen in ihr Dorf verirrte. Einer schien sie zu erkennen und sagte etwas zu seinen Freunden, was offensichtlich Eindruck auf sie machte. In seiner Stimme schwang Respekt mit.

Taku Jim lebte in einem der größeren Häuser am Ufer. Er saß in einem Schaukelstuhl auf seiner Veranda und nuckelte an einer kurzstieligen Elfenbeinpfeife. Ohne sie anzublicken, sagte er: »Du kommst spät, weiße Frau.«

»Ich habe eben erst erfahren, dass du mich sprechen willst.«

Der Schamane war ein alter Mann mit faltiger Haut und langen weißen Haaren, die er nach der alten Sitte seines Volkes offen trug. Seine dunklen Augen wirkten ungewöhnlich klar und ausdrucksvoll und schienen einem weitaus jüngeren Mann zu gehören. Seine Hose und sein Hemd hatte er unter einer Chilkatdecke mit spirituellen Mustern und Wollfransen, die aus der Wolle der Bergziege gewoben war, versteckt, und um seinen Hals hing eine Kette aus den Zähnen eines Grizzlys, den er angeblich selbst erlegt hatte.

Er hielt sich nicht mit langen Vorreden auf. »Ich habe die Weißen nie gemocht«, gestand er. »Sie haben uns belogen und betrogen und tödliche Krankheiten zu uns gebracht. Wenn es einen Zauber gäbe, der sie von diesen Inseln vertreibt, würde ich ihn anwenden.« Er paffte an seiner Pfeife und machte kein Hehl daraus, dass er auch sie nicht sonderlich mochte. »Auch du bist eine Weiße. Vielleicht wunderst du dich, dass ich ausgerechnet nach dir rufe.«

»Das ist wahr, Taku Jim. Was willst du von mir?«

»Ich habe dich in einem Traum gesehen«, erwiderte er. »Normalerweise kann es mir egal sein, was mit dir passiert. Du bist so weiß wie die anooski, die unser Volk am liebsten ausrotten würden, und glaubst, du wärst mir überlegen, nur weil du einige unserer Leute mit deinen Zaubermitteln geheilt hast. Aber auch ich habe viele Menschen geheilt. Und mein Zauber ist stärker als deiner, weil Kahshugoon auf meiner Seite ist. Ist es nicht so, weiße Frau?«

»Du wolltest mir etwas sagen, Taku Jim?«

Der ichet blickte sie lange an, anscheinend verwundert darüber, dass sie sich nicht auf eine Diskussion mit ihm einließ, und sagte etwas in seiner Sprache, das sie nicht verstand. Um Zeit zu gewinnen, klopfte er seine Pfeife aus. Er war es nicht gewohnt, von einer Frau auf diese Weise angesprochen zu werden. »Setz dich!«, forderte er sie auf. Er klopfte mit der flachen Hand auf die Bank und wartete, bis sie seiner Aufforderung widerwillig nachkam.

Sie kam sich sonderbar dabei vor und ertappte sich bei dem Gedanken, was wohl ihre Eltern oder ihre Freundin Dorothée sagen würden, wenn sie sie sehen könnten. Eine badische Prinzessin, die sich zu einem Wilden setzte und darauf wartete, dass er ihr seinen Traum erzählte. Wäre der Ausdruck seiner Augen nicht so bitterernst gewesen, hätte sie lauthals gelacht.

»Höre mir zu, weiße Frau!«, fuhr er fort. Der Wind trieb den Tabakrauch zu ihr herüber, aber sie sagte nichts. »Man erzählt sich, dass der weiße Mann, den sie Nikolai nennen, und du das Leben des Gouverneurs gerettet haben.«

»Ein Verräter wollte ihn erschießen.«

»Der beste Beweis dafür, dass der Gott der Weißen nicht mehr weiß, was gut und böse ist. Anstatt euch für euren Mut zu belohnen, schickt er dunkle Wolken über das Meer.« Er blickte auf das Meer hinaus, das selten so klar und freundlich wirkte wie an diesem Tag. »Und in den Wolken wird sich ein Rabe verstecken und einer weißen Hexe den Weg zu euren Seelen zeigen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich, wie sie aus den Flammen der ketl-kiwa steigt und euch mit ihrem Hass bekämpft. Mehr habe ich nicht zu sagen.«

»Ketl-kiwa?«, wiederholte sie entsetzt. »Aus der Hölle?«

»Aus dem Reich, in dem das Böse herrscht.«

»Und mehr kannst du mir nicht sagen?«

Er erhob sich und deutete damit an, dass ihr Treffen beendet war. »Ich habe schon mehr gesagt, als ich sagen wollte. Geh jetzt, weiße Frau!«

Kapitel 2

 

Noch immer durchströmte Sophie Elisabeth ein tiefes Glücksgefühl, wenn sie Nikolai begegnete. In seiner neuen Uniform, die ihm der Schneider des Gouverneurs nach seiner Ernennung zum persönlichen Berater angefertigt hatte, wirkte er so schneidig und beeindruckend wie vor beinahe einem Jahr, als sie ihn in Sankt Petersburg kennengelernt hatte. »Leutnant Nikolai Danilowitsch zu Ihren Diensten, Eure Durchlaucht!«, hatte er sie begrüßt, ein Gardesoldat mit breiten Schultern, jemand, der vor körperlicher Arbeit nicht zurückschreckte. Die schmale Narbe an seiner linken Schläfe, wahrscheinlich von einem Säbel oder Bajonett, betonte seine Männlichkeit, die von dem leicht vorgeschobenen Kinn noch verstärkt wurde, ein Zeichen für seine Entschlossenheit, für eine gerechte Sache einzutreten. Sie hatte sich auf Anhieb in den Gardesoldaten verliebt, und sie waren ein Paar geworden, gegen den Willen des Zaren und gegen den Willen ihrer Eltern.

Er wartete in ihrem Ankleidezimmer auf sie, nervöser als sonst und erleichtert, als sie den Raum betrat. Solange sie noch nicht verheiratet waren, schliefen sie in getrennten Zimmern, die allerdings durch eine unverschlossene Tür miteinander verbunden waren. Stepan Wassilijewitsch, der langjährige Gouverneur der Russisch-Amerikanischen Compagnie, war ein großzügiger und moderner Mann. Auch als Dank für die Rettung vor einem Attentäter hatte er den Verlobten einen Wohnbereich mit zwei Schlaf- und Ankleidezimmern und einem kleinen Salon in seinem Schloss zur Verfügung gestellt.

»Lisinka!«, begrüßte er sie mit ihrem Kosenamen. »Ich habe mir schon Sorgen gemacht.« Er schloss sie in die Arme und küsste sie. »Kapitan Newikow sagt, du wärst zu den kolosh gegangen. Ich weiß, du kümmerst dich um die Kranken und Bedürftigen, aber mir wäre es lieber, du würdest nicht so oft zu ihnen gehen, zumindest nicht allein. Bei den Indianern weiß man nie.«

Sie löste sich von ihm und schüttelte lächelnd den Kopf. »Mach dir keine Sorgen, Nikolai! Ich habe viele Freunde unter den Indianern. Die meisten freuen sich, wenn ich komme.« Ihre Stirn umwölkte sich. »Außer Taku Jim.«

»Der Medizinmann? Ein unangenehmer Bursche.«

»Er wollte unbedingt mit mir sprechen«, verriet sie und schilderte in knappen Worten, was der ichet geträumt hatte. »Du weißt, wie ernst die kolosh ihre Träume nehmen. Mag sein, dass er mir nur Angst machen wollte, aber was ist, wenn er recht hat? Wenn Alina das Feuer tatsächlich überlebt hat?«

»Die Jakuten haben ihre Leiche gefunden.«

»Sie haben die kaum erkennbaren Überreste von verbrannten Körpern gefunden«, verbesserte sie ihn, »aber wir haben nicht den geringsten Beweis dafür, dass Alina unter den Toten war. Vielleicht ist nur ihr Bruder verbrannt, und die anderen Knochen stammten von einem Jakuten. Sie kannten sich bestimmt nicht so weit im Osten aus. Wir wären ohne die Jakuten auch verloren gewesen.« Sie nahm seine Hände. »Was ist, wenn Alina noch lebt?«

Nikolai klang nicht besonders überzeugend, als er sie zu beruhigen versuchte. »Selbst wenn es so wäre, würde sie nicht nach Sitka kommen. Bei der Dritten Abteilung ist sie sicher in Ungnade gefallen, nachdem wir ihr entkommen waren, und ohne staatlichen Auftrag hetzt sie uns bestimmt nicht mehr hinterher. Sonst wäre sie doch längst hier. Nein, nach dem gescheiterten Attentat auf den Gouverneur unternimmt der Zar sicher nichts mehr. Der ist froh, wenn wir den Mund halten. Und der Geheimdienst wird den Teufel tun und noch einmal jemanden auf uns ansetzen. Sie haben genug Mist gebaut.«

»Hoffentlich hast du recht, Nikolai.«

Die Kammerzofe klopfte und betrat das Zimmer. Irina war eine resolute Frau mit einer beachtlichen Körperfülle, die Tochter eines Russen, der das Arbeitslager überlebt hatte und nach seiner Entlassung in Irkutsk geblieben war, und der Jakutin, die ihn gesundgepflegt hatte. Sie nahm sogar Tragödien mit Humor. »Jetzt wird es aber Zeit«, sagte sie zu Sophie Elisabeth. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte in die Hände geklatscht. »Die Herrschaften warten bereits mit dem Essen auf Sie. Ich habe Ihnen das blaue Hauskleid rausgelegt.« Sie blickte Nikolai scheinbar vorwurfsvoll an. »Und Sie warten bitte nebenan, Sir. Männliche Zuschauer können wir hier nicht gebrauchen.«

Was am badischen Hof über eine Stunde gedauert hätte, schafften Sophie Elisabeth und Irina in wenigen Minuten. Die Zofe hatte zwar noch einiges an ihr auszusetzen und zupfte bis zuletzt an ihren Haaren herum, doch die Zeit drängte, und sie war gerade fertig, als einer der Bediensteten im Erdgeschoss die Dinnerglocke läutete. »Du siehst wundervoll aus«, flüsterte Nikolai ihr ins Ohr, und sie dachte bei sich: Warte nur ab, bis ich mir mal Zeit nehme mit dem Zurechtmachen. Zusammen gingen sie ins kleinere der Speisezimmer hinunter.

Stepan Wassilijewitsch achtete zu jeder Tageszeit auf seine Erscheinung und sah in seinem maßgeschneiderten Uniformrock mit den zahlreichen Orden wie der Musteroffizier aus, der er zeit seines Lebens gewesen war. Sein gestutzter Backenbart verlieh ihm ein würdevolles Aussehen. Seine Frau Anna, die in ihrem dunklen Kleid und den sauber gescheitelten Haaren eher streng wirkte, konnte privat sehr herzlich sein und begrüßte sie mit einem Lächeln.

Wie es die Tischsitten verlangten, drehte sich das Gespräch während des Essens um belanglose Themen wie das ungewöhnlich schöne Wetter und die Fortschritte, die Sophie Elisabeth bei dem kleinen Timofei beobachtete. Erst über dem Nachtisch, der aus frischen Waldbeeren mit Schlagsahne bestand, sagte Wassilijewitsch: »Der neue Gouverneur und seine Gattin müssten innerhalb der nächsten zwei, drei Wochen hier sein. Er kommt mit der Imperator Nikolai I. Sie haben sich sicher schon gefragt, wie es dann weitergeht.«

»Ich hoffe, er ist ein ebenso umsichtiger Offizier wie Sie«, sagte Nikolai. »Wir würden sehr gerne in Sitka bleiben. Wir fühlen uns sehr wohl hier.«

Wassilijewitsch trank von dem süßen Wein, den ein Bediensteter zum Nachtisch gebracht hatte. »Ich denke, in dieser Hinsicht brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Leutnant.« Der Gouverneur hatte ihm seinen alten Rang wiedergegeben, nachdem Nikolai ihm das Leben gerettet hatte. »Mag sein, dass Hampus seinen eigenen Berater mitbringt, aber Sie kennen sich in Russisch-Amerika besser aus als andere und sind für ihn unverzichtbar. Es stünde ihm schlecht zu Gesicht, meinen Lebensretter aus Sitka zu verbannen.«

»Sie kennen den neuen Gouverneur näher?«

Wassilijewitsch schob sein leeres Schälchen zurück und nickte. »Wir sind uns ein paarmal über den Weg gelaufen. Johan Hampus Furuhjelm war Kommandeur der baltischen Flotte. Anfang der fünfziger Jahre war er schon mal hier und befehligte den Hafen, und bis vor wenigen Jahren war er in Ayan stationiert. Als Schiffskapitän eines Handelsschiffs in China, Kalifornien und den Sandwich Islands. Er wuchs in Finnland und Schweden auf. Ich denke, sie hätten keinen fähigeren Mann für diesen Posten finden können.«

Sophie Elisabeth freute sich über die guten Nachrichten. Sie betrachtete die russische Kolonie in Sitka inzwischen als ihre Heimat und hätte auch gar nicht gewusst, wo Nikolai und sie sich niederlassen sollten, falls der neue Gouverneur doch anderer Meinung war. Über die beunruhigenden Worte des indianischen Schamanen bewahrte sie Stillschweigen. Nikolai hatte recht. Taku Jim wollte sich wahrscheinlich nur wichtigmachen und ihr Angst einjagen. Er hatte sie noch nie gemocht und gefiel sich darin, sie zu verunsichern.

Aber woher wusste er, wer Alina war?

Eine Hexe, die aus den Flammen der ketl-kiwa stieg und sie mit ihrem Hass besiegte, hatte er gesagt. Eine schlimmere Drohung gab es nicht bei den kolosh- oder Tlingit-Indianern. Ketl-kiwa war der dunkelste Teil der Unterwelt, eine Hölle, in der nur abgrundtief böse Menschen wohnten. Menschen wie Alina, die von ihren Rachegedanken besessen sein würde, wenn sie tatsächlich dem Feuer entkommen war. Eiskalt und skrupellos, wie man als Agentin der Dritten Abteilung sein musste, und zugleich hitzig und voller Mordlust, weil sie jede Niederlage persönlich nahm und ihre Feinde bis in den Tod verfolgte.

Um ihr zuvorzukommen, blieb ihnen nur übrig, bei der Ankunft jedes Schiffes, das aus Sibirien kam, im Hafen zu warten und die Passagiere genau zu beobachten. Falls sie tatsächlich am Leben war, müsste man sie festnehmen lassen. Der Gouverneur würde schon dafür sorgen, dass sie kein Unheil mehr anrichten konnte. Ohne den Ausweis der Dritten Abteilung hatte sie keine Vollmacht mehr, jemanden festzunehmen, selbst wenn es einen Haftbefehl gab.

Während der nächsten Tage versuchte Sophie Elisabeth die düsteren Gedanken zu verdrängen. Nikolai und sie hatten ihren Frieden gefunden und würden auch weiterhin in Sitka bleiben. Beiden gefiel es in der abgelegenen Stadt, auch wenn man sich an die einsame Lage erst gewöhnen musste. Noch in diesem Jahr würden sie Hochzeit feiern, sie hätten den Bund der Ehe längst besiegelt, wenn sie nicht schon vor einigen Monaten eine Einladung an ihre Eltern geschickt hätte. Mit dem Schiff würden sie einige Wochen für die beschwerliche Reise brauchen, und die Hoffnung, sie am wichtigsten Tag ihres Lebens begrüßen zu dürfen, war gering, aber sie wollte es wenigstens versuchen. Auch Dorothée und ihren Mann hatte sie eingeladen. Der Gedanke, diese vertrauten Gesichter in der Kirche zu sehen, beschwingte sie.

Sechs Tage, nachdem Taku Jim sie gewarnt hatte, näherte sich ein Schiff dem Hafen von Sitka. Die Anastasia, dasselbe Schiff, mit dem sie von Sibirien nach Russisch-Amerika gesegelt war. Aber weder dunkle Wolken noch ein Rabe waren zu sehen. Im Gegenteil, die Sonne stand an diesem Morgen ungewöhnlich hoch am Himmel, und über dem Wasser krächzten lediglich die Möwen, das übliche Empfangskomitee für alle Neuankömmlinge.

Sophie Elisabeth und Nikolai waren unter den Neugierigen, die auf die Ankunft der Passagiere warteten. Sie standen etwas abseits und blickten gespannt auf das Meer hinaus. Trotz ihrer angespannten Lage, war sie von einer tiefen Zufriedenheit erfüllt. Sein vertrautes Lächeln, als sie sich bei ihm unterhakte und seinen Arm drückte, war beinahe so schön wie eine Liebeserklärung, sein flüchtiger Kuss, der ihren Mundwinkel nur streifte, erregte sie mehr als so manche leidenschaftliche Berührung.

Die meisten Schaulustigen, die zum Hafen gekommen waren, schienen sich an ihrem Glück zu erfreuen. Sie grüßten höflich oder nickten ihnen freundlich zu. Auch ein Verdienst der gesellschaftlichen Stellung, die sie sich in Sitka erarbeitet hatten. Nikolai durch seine Arbeit für den Gouverneur und sein großes Verständnis für die Sorgen und Nöte der kleinen Leute, Sophie Elisabeth mit ihrer karitativen Arbeit im Waisenhaus und bei den Indianern.

Tillie tauchte neben ihnen auf und deutete eine Verbeugung an. »Prinzessin! Leutnant!«, grüßte sie lächelnd. Sie schien immer guter Laune zu sein. Eine der wenigen kolosh, die sich in Sitka ungehindert bewegen durften und von den meisten Weißen akzeptiert wurden. »Es freut mich sehr, Sie zu sehen.«

»Tillie«, freute sich Sophie Elisabeth. »Ich habe dich gesucht.« »Ich war Beeren pflücken. Diesen Monat sind sie ganz reif.« Sophie Elisabeth lächelte anerkennend. »Dann waren die Beeren, die wir heute zum Nachtisch hatten, vielleicht von dir. Sie haben gut geschmeckt.«

»Wir vermischen sie mit dem getrockneten Fleisch, das wir für den Winter aufheben«, sagte sie. »Aber die meisten verkaufen wir, auch an das Schloss.«

»Wartest du auf jemanden? Oder warum bist du hier?«

Tillie wusste anscheinend nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie druckste ein wenig herum und sagte dann: »Taku Jim schickt mich. Er wusste, dass Sie im Hafen auf das Schiff warten. Ich soll Ihnen sagen, dass der Rabe ein gemeiner Bursche sein kann. Er schickt einen klaren Himmel, wenn er dunkle Wolken meint. Er lässt die Möwen krächzen, wenn er sich ausruhen will.«

»Das sollst du mir sagen?«

»Ich weiß nicht, was er damit meint. Taku Jim benimmt sich in letzter Zeit sehr komisch. Alle sind nervös, weil sie nicht wissen, wie sich der neue Gouverneur verhalten wird.« Sie hätte sich wohl gern nach dem neuen Befehlshaber erkundigt, ließ es aber. »Es hat mich gefreut, Sie zu treffen«, sagte sie. Ihr Englisch klang gestelzt, wie bei jedem, der die Sprache der Weißen in der Missionsschule gelernt hatte. Sie hatte einen lustigen Akzent wie die Finnen.

»Vielen Dank, Tillie. Bis bald.«

Sophie Elisabeth blickte der kolosh nach, wie sie mit anmutigen Bewegungen in der Menge verschwand, eine hübsche Frau, die auch die Blicke älterer Männer auf sich zog, was bei einer Indianerin selten vorkam. Die meisten Bewohner von Sitka blickten entweder verächtlich oder überheblich auf die kolosh hinab. Eine Haltung, die auch umgekehrt vorherrschte. Kolosh wie Taku Jim beschimpften die Russen als Eindringlinge, die nur gekommen waren, um sie zu demütigen, Krankheiten mitbrachten und ihre Jagdgründe ausbeuteten. Gouverneur Wassilijewitsch hatte einen Krieg verhindert, die Beziehungen zwischen beiden Völkern konnte er aber auch nicht verbessern.

»Eine kluge Frau«, sagte Nikolai.

Sophie Elisabeth nickte. »Ich hoffe, wir beide erleben noch den Tag, an dem sich Weiße und Indianer versöhnen. Ein schwieriges Unterfangen nach den Kämpfen der letzten Jahrzehnte.«

»In den Vereinigten Staaten soll es noch schlimmer sein, habe ich von einem amerikanischen Kapitän gehört. Dort wurden ganze Völker ausgerottet. Ich hoffe, der neue Gouverneur tritt genauso für den Frieden ein wie der jetzige. In einem Land wie Russisch-Amerika muss man mit den Eingeborenen Zusammenarbeiten, sonst verzettelt man sich in Scharmützeln und kommt nie auf einen grünen Zweig. In den ersten Jahren hätten wir es leichter gehabt, wenn wir die Aleuten nicht verteufelt und versklavt hätten. Wenn wir die kolosh genauso schlecht behandeln, können wir die Compagnie schließen.«

Sophie Elisabeth drückte ihn. »Ich bin froh, dass du so denkst. Ich habe nie verstanden, warum sich die Menschen bekämpfen, egal, welche Hautfarbe sie haben. Kriege haben doch nur Leid und Tod gebracht. Ich weiß nicht viel über Politik und würde es niemals wagen, diesen Gedanken vor einem Gouverneur oder gar vor dem Zaren zu äußern, aber warum haben wir denn gegen die Türken gekämpft? Hast du mir nicht gesagt, dass dem Zaren das Geld ausgegangen ist und wir keine schlagkräftige Armee mehr haben?«

»Du hast ja recht«, räumte Nikolai ein. Sie sprachen öfter über Politik, eine Seltenheit unter Paaren, da die Frauen meist keine Ahnung hatten und die Männer allein ließen, wenn es um Politik ging. Sophie Elisabeth war anders, hatte auf ihrer langen Flucht erkannt, welche bedeutende Rolle die Politik auch in ihrem Leben spielte. »Und doch würde ich Mütterchen Russland niemals im Stich lassen, selbst wenn man mich einen Verräter nennt.«

Sophie Elisabeth wollte etwas erwidern, schwieg aber, als die Anastasia mit gerefften Segeln zwischen den Inseln auftauchte und in den Hafen fuhr. Ihr Spiegelbild flackerte über das an diesem Morgen ungewöhnlich ruhige Meer. Die Befehle des Ersten Maats schallten über das Wasser. Wie alle großen Schiffe ankerte die Anastasia ein gutes Stück von der Küste entfernt, im Hafen gab es wegen der Fischerboote und des flachen Wassers kaum Platz zum Anlegen.

Die Passagiere wurden in Schaluppen und Ruderbooten zum Anlegesteg gebracht. Eine gute Gelegenheit für Sophie Elisabeth und Nikolai, nach Alina zu suchen, obwohl sich Sophie Elisabeth beinahe und Nikolai fast vollkommen sicher waren, dass sie in den Flammen, die in den Jagdgründen der Jakuten gewütet hatten, umgekommen war. Fast ein halbes Jahr waren ihnen Alina und ihr Bruder Alexej auf den Fersen gewesen. Zwei Agenten der Dritten Abteilung, wie der Geheimdienst genannt wurde, mit dem Auftrag, sie daran zu hindern, den Gouverneur von Russisch-Amerika vor einem Attentäter zu warnen. Beide hätten nicht gezögert, sie kaltblütig umzubringen.

Sophie Elisabeth sah genau hin, als die Passagiere an Land gingen. Viele waren es nicht. Die Anastasia beförderte hauptsächlich Fracht, wenn auch die meisten Vorräte inzwischen aus Kalifornien importiert wurden. Beim Anblick des sonnenüberfluteten Schiffes musste sie an die Warnung des Schamanen denken. Wahrscheinlich nur einer seiner Tricks, um im Falle eines Falles, wenn tatsächlich etwas Bedrohliches mit dem Schiff nach Sitka kam, abgesichert zu sein. Normalerweise nahte das Böse mit schlechtem Wetter, und ein Rabe krächzte, aber der Rabe konnte auch versuchen, sie reinzulegen, und für sonniges Wetter und Möwengeschrei sorgen. Eine tolle Ausrede.

»Alina ist nicht dabei«, sagte Nikolai.

Sophie Elisabeth wollte schon aufatmen, entdeckte aber eine Schaluppe, die mit nur einem Passagier im Hafen anlegte. Der Mann wirkte eher unscheinbar in seinem Mantel und der Pelzmütze mit den hochgeklappten Ohrenschützern. Als er näher- kam, erkannten sie auch sein ungewöhnlich blasses und ausdrucksloses Gesicht, in dem selbst die Augen nicht zu leben schienen. Ein Mann, der wahrscheinlich sein ganzes Leben in einem Büro verbrachte.

Seltsamerweise hielt er genau auf sie zu. So etwas Ähnliches wie ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als er sagte: »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie anspreche. Ich bin Michail Saizew, der Berater des neuen Gouverneurs. Ich bin über Ayan gereist und deshalb etwas früher hier als Gouverneur Furuhjelm. Ich hoffe doch, Sie sind meinetwegen zum Hafen gekommen, Leutnant?«

»Eigentlich nicht«, entfuhr es Nikolai, »aber Sie sind uns natürlich willkommen. Wir begleiten Sie gerne zum Schloss hinauf. Ich bin Nikolai Danilowitsch, Leutnant Seiner Majestät, und das ist Sophie Elisabeth, meine Frau.«

»Sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte er, diesmal ohne zu lächeln.

Kapitel 3

 

Gouverneur Stepan Wassilijewitsch war nicht auf die Ankunft des Beraters vorbereitet, begrüßte ihn aber persönlich und bat ihn zum Mittagessen, zu dem auch Sophie Elisabeth und Nikolai geladen waren. Saizew sparte sich das Vorgeplänkel und kam schon während der kleinen Vorspeise zur Sache.

»Sie sind sicher überrascht, mich zu sehen«, sagte er. »Ich habe schon seit einiger Zeit in Irkutsk zu tun, da lag es natürlich nahe, in Ayan an Bord zu gehen und die kürzere Route über die Aleuten zu nehmen. Gouverneur Furuhjelm und seine Gattin kommen aus Sankt Petersburg und wollten noch Gespräche in einigen europäischen Städten führen, bevor sie um das Kap der Guten Hoffnung segeln und nach Russisch-Amerika kommen. Wie Sie sicher wissen, war er Kapitän mehrerer Handelsschiffe. Für ihn gibt es nichts Aufregenderes, als um die Welt zu segeln. In zwei Wochen müsste er hier sein.«

»Und Sie sind sein Berater?«, fragte Wassilijewitsch vorsichtig.

»Eher so etwas wie ein Bürovorsteher.« Saizew schien zu ahnen, was der Gouverneur mit seiner Frage bezweckte, und zeigte sich diplomatisch. »Ich erledige die Korrespondenz für ihn und assistiere ihm in logistischen Fragen. Natürlich kommt es auch vor, dass er mich nach meiner Meinung fragt. Ich habe einige Monate für den Zaren in Sankt Petersburg gearbeitet und glaube zu wissen, wie er sich in manchen Situationen verhält.«

»Aber Sie sind kein Soldat.« Es klang beinahe wie ein Vorwurf.

»Ich trage auf meine Art dazu bei, den Zaren zu unterstützen.« »Dann haben Sie sicher nichts dagegen, dass Leutnant Danilowitsch auch weiterhin als Berater des Gouverneurs arbeitet«, sagte Wassilijewitsch mit einem Blick auf Nikolai. »Eine entsprechende Empfehlung habe ich in meinem Abschlussbericht ausgesprochen, den ich meinem Nachfolger vor unserer Abreise überreichen werde. Leutnant Danilowitsch ist ein sehr fähiger Offizier.«

Saizew war anscheinend der gleichen Meinung. »Ich habe schon viel über ihn gehört.« Er blickte Nikolai an. »Und ich weiß natürlich, dass sich er und seine Gattin strafbar gemacht haben und lange verfolgt wurden. Aber Zar Alexander hegt keinen Groll mehr. Er weiß inzwischen, dass ihre Flucht nur aus Sorge um Mütterchen Russland geschah und er dem Land einen großen Dienst erwies, als er Gouverneur Wassilijewitsch das Leben rettete und dabei half, einen Grundstein für einen dauerhaften Frieden in der Kolonie zu legen.« Er versuchte ein Lächeln, das ihm nur schlecht gelang und auch gar nicht zu seiner strengen Miene passte. »Natürlich werde ich mit Leutnant Danilowitsch zusammenarbeiten. An Arbeit mangelt es in Sitka sicher nicht.«

Trotz dieser Zusage beschlich Sophie Elisabeth stets ein ungutes Gefühl, wenn sie Michail Saizew sah oder nur an ihn dachte. Er war ein typischer Blender, wie sie ihn besonders auf Bällen und anderen Festivitäten getroffen hatte, einer dieser stets korrekt gekleideten und sehr ansehnlichen Männer, die so überzeugt von sich waren, dass sie glaubten, jeden mit ihrer salbungsvollen Art herumzukriegen. Sie kannte diese Männer gut, hatte sie in ihrer alten Heimat in Baden und in Sankt Petersburg getroffen und war stets auf der Hut, wenn sie jemanden wie Saizew reden hörte. Natürlich konnte sie sich irren, aber ihr Instinkt hatte sie in dieser Hinsicht selten getrogen. Vor allem nicht, seit sie auf ihrer Flucht eine Blenderin wie Alina Newikowna getroffen hatte.

»Glaubst du ihm?«, fragte sie, als sie abends in Nikolais Armen lag.

»Saizew?« Er brauchte nicht lange nachzudenken. »Ich mag ihn nicht, und ich bin überzeugt, er hat etwas anderes im Sinn, als nur den Bürovorsteher für den künftigen Gouverneur zu spielen. Der hat ganz andere Pläne.«

»Aber was könnte er vorhaben? Will er uns verhaften lassen?«

»Keine Ahnung. Wir müssen ihn im Auge behalten.«

Doch während der folgenden Tage gab sich Saizew alle Mühe, ihre Zweifel zu zerstreuen. Er benahm sich so zurückhaltend, wie es sich für einen neuen Mitarbeiter geziemte, und ließ auch jenen Hochmut vergessen, den man Regierungsleuten aus Sankt Petersburg und Moskau gerne nachsagte. Nikolai gegenüber war er höflich, bemühte sich aber, über möglichst belanglose Themen zu sprechen, um keine politische Diskussion aufkommen zu lassen.

»Sein wahres Gesicht werden wir wohl erst kennenlernen, wenn der neue Gouverneur im Amt ist«, sagte Nikolai. »Er nimmt nicht einmal an meinen Treffen mit Wassilijewitsch teil. Er will die Zeit bis zur Ankunft von Furuhjelm nützen, um Sitka und seine Bewohner kennenzulernen und sich ein möglichst genaues Bild von der Lage in unserer Stadt zu machen. Er kommt mir wie einer dieser Streber vor, die ich während meiner militärischen Ausbildung kannte. Im Stillen büffeln, um später vor den Vorgesetzten zu glänzen.«

»Er macht mir Angst«, sagte Sophie Elisabeth.

Während dieser unruhigen Zeiten träumte sie oft von zu Hause. Sie sehnte sich nach ihren Eltern, wollte sie in die Arme schließen und ihnen erklären, warum sie im fernen Russisch-Amerika gelandet war. Man hatte ihnen sicher nicht die ganze Wahrheit erzählt. Sie wollte die vertrauten Stimmen ihrer Freunde und Bekannten hören, die heimischen Speisen genießen und den Frühling in Baden-Baden erleben. Dort blühten die Krokusse immer früher als woanders. Sie verzehrte sich nach der Unbeschwertheit ihres damaligen Lebens, und sei es nur für ein paar Tage, der Leichtigkeit, mit der sie noch vor wenigen Monaten den Alltag angegangen war, einer Zeit ohne große Sorgen und Probleme. Eine Prinzessin wie sie wollte man damit nicht belasten.

Ein schwacher Moment, noch dazu im Schlaf, sagte sie sich jedes Mal, wenn sie aufwachte, denn ein Leben in Freiheit, ohne die Zwänge, die ihre Stellung als Prinzessin mitbrachte, gefiel ihr wesentlich besser. Die Monate in Sitka hatten ihr gezeigt, wie viel mehr das Leben zu bieten hatte, wenn man Verantwortung übernahm, auch wenn es dann mehr Probleme gab. Doch selbst in Sitka war ihr Leben noch privilegiert, erfreute sie sich an kostbaren Kleidern und erstklassigen Speisen, tanzte sie mit Nikolai zu den Klängen eines kleinen Orchesters, das zu den festlichen Bällen aufspielte.

Und Russisch-Amerika? In Baden hätten die meisten Leute allein bei diesem Namen verächtlich die Nase gerümpft. Was war ein so wildes Land mit verschneiten Gebirgen und weiten Eisflächen gegen ihre anmutige Heimat? Wie konnte man den romantischen Schwarzwald gegen diese ungestüme Wildnis eintauschen? Wo es riesige Bären und hungrige Wölfe gab, die Menschen fraßen!

Sophie Elisabeth hatte während der folgenden Tage einiges zu tun. Während Nikolai mit Wassilijewitsch an einer Statistik und einem Bericht für den neuen Gouverneur arbeitete, verbrachte sie viel Zeit im Waisenhaus und kümmerte sich dort um Timofei. Die Gesundheit des Jungen hatte sich verschlechtert. Er war stark erkältet und musste das Bett hüten. Der Arzt befürchtete, es könnte doch noch zu einer Lungenentzündung kommen, und sie solle dem kranken Jungen lieber fernbleiben, damit sie sich nicht ansteckte, aber sie ignorierte die Warnung und leistete ihm stundenlang Gesellschaft.

»Muss ich jetzt auch sterben, Tante Sophie?«, fragte er leise.

»Nein, mein Junge. Du bist nur ein wenig erkältet. Du wirst sehen, in ein paar Tagen darfst du wieder aufstehen und spielen.« Sie bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. »Wie wär’s, wenn ich dir eine Geschichte erzähle?«

»Das wäre schön.« Er rang nach Atem.

Sie erinnerte sich an ein Märchen, das ihre Mutter ihr jedes Mal vorgelesen hatte, wenn sie krank gewesen war. Von einem kleinen Jungen, der krank in seinem Bett lag und sich so allein fühlte, dass er jeden Tag noch kränker wurde. Er hatte weder Verwandte noch Freunde und Bekannte. Als er im Traum darüber sprach, hörte ihn eine Nachtigall, die sich auf das Fensterbrett gesetzt hatte. Sie flog sofort los und rief alle ihre gefiederten Freunde zusammen. »Als der Junge am nächsten Morgen aufwachte, warteten über hundert Vögel vor seinem Fenster und stimmten ein fröhliches Lied an, das den Jungen zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder zum Lachen brachte. Kurze Zeit darauf war er wieder gesund und bedankte sich bei den Vögeln, indem er ihnen Brotkrumen zuwarf und mit ihnen sang: ›Alle Vögel sind schon da‹.«

Das deutsche Kinderlied kannte Timofei nicht, doch er verstand den Sinn der Geschichte und strahlte übers ganze Gesicht, als sie ihm das Lied vorsang. Sie kannte nur die erste Strophe, die sie mehrfach wiederholen musste.

Am frühen Nachmittag sprach Sophie Elisabeth mit dem Dekan, und als sie sich am nächsten Morgen zu Timofei ans Bett setzte, wischte sie ihm mit einem kühlen Lappen den Schweiß von der Stirn und fragte: »Erinnerst du dich noch an das Märchen von den Vögeln, das ich dir gestern erzählt habe?«

»Hier war nur ein Rabe«, sagte er, »und der konnte nicht singen.«

»Na, dann pass mal auf.«

Auf ihr Zeichen erschien der Dekan mit allen Kindern in der offenen Tür, und sie sangen eines der seltenen fröhlichen russischen Volkslieder, dessen Text von einem jungen Prinzen im Zauberwald handelte und das die Augen des kranken Jungen schon bei den ersten Takten zum Strahlen brachte. Während die letzte Note verklang, standen Tränen in seinen Augen, doch diesmal waren es Tränen der Freude, und als die Kinder gegangen waren, bedankte er sich bei Sophie Elisabeth mit einem Lächeln, das auch sie zu Tränen rührte.

Es waren Augenblicke wie diese, die ihr die Arbeit im Waisenhaus versüßten. Nicht immer waren sie so dramatisch, oft genügte das zaghafte Lächeln eines bisher schüchternen Mädchens oder das Wort eines Jungen, der wochenlang geschwiegen hatte, um sie zu rühren. Die Arbeit mit den Kindern machte ihr Spaß, und natürlich fragte sie sich, wie viel schöner es noch mit eigenen Kindern wäre, aber noch waren Nikolai und sie nicht verheiratet, und sie würde wohl noch einige Zeit warten müssen. Doch wenn sie die Augen schloss, sah sie sich manchmal auf einer bunten Blumenwiese sitzen, ein Baby im Arm und mit Nikolai an ihrer Seite. Ein Kindermädchen sah sie nicht. Vielleicht würde sie sich dazu entschließen, ihr Kind ohne eine Bedienstete aufzuziehen. Ein beinahe ketzerischer Gedanke, wären sie in Baden gewesen.

Obwohl ihr viele Gedanken durch den Kopf gingen, achtete sie auf ihre Umgebung. Sie grüßte freundlich, wenn sie Bekannten begegnete, und blieb stehen und unterhielt sich eine Weile, wenn sie Olga aus dem Waisenhaus oder eine andere Freundin traf. Im Hafen blieb sie immer stehen und blickte über das Meer hinweg auf den Mount Edgecumbe, der sich an sonnigen Tagen verführerisch im Wasser spiegelte und an regnerischen Tagen geheimnisvoll in den Nebel ragte. Die Natur in Russisch-Amerika war überwältigend.

Als sie vier Tage nach der Ankunft von Saizew das Haus des Bischofs verließ und nach Hause ging, hatte sie das Gefühl, verfolgt zu werden. Sie drehte sich um und suchte nach einem Verdächtigen, konnte aber niemanden entdecken. Kopfschüttelnd lief sie weiter. Wahrscheinlich war Saizew an ihrer Nervosität schuld, dachte sie. Sie traute ihm nicht und ging ihm, sofern das in Sitka möglich war, aus dem Weg. Einem Blender wie ihm konnte man nicht vertrauen, selbst wenn er sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. In dieser Hinsicht hörte sie auf ihren Instinkt, der hatte sie nur selten getrogen.

Auf der steilen Straße, die zur Treppe auf den Schlossberg führte, traf sie Tillie und vergaß ihren möglichen Verfolger. Sie unterhielten sich wie immer angeregt, und Sophie Elisabeth versprach ihr, sie am frühen Abend des nächsten Tages in ihrem Dorf zu besuchen. Tillie wollte ihr verraten, welche Kräuter die kolosh benutzten, um einen kranken Jungen wie Timofei zu heilen. »Nicht alles, was von meinem Volk kommt, dürfen Sie verurteilen«, sagte sie.

Sophie Elisabeth berichtete Nikolai von ihren Plänen und bat ihn, sie beim Gouverneur und seiner Frau zu entschuldigen, sie wolle eine Freundin besuchen und bei ihr zu Abend essen. Auch an diesem Abend hatte sie das Gefühl, verfolgt zu werden. Kaum hatte sie das Haus des Bischofs verlassen, spürte sie einen unsichtbaren Schatten, der ihr bis zum Palisadentor folgte. Als sie sich umdrehte, sah sie für einen Augenblick eine dunkle Gestalt, die sie an Michail Saizew erinnerte, doch das konnte auch pure Einbildung sein, und der geheimnisvolle Verfolger verschwand auch gleich wieder. Der Wachsoldat am Palisadentor kannte sie schon und ließ sie unkontrolliert passieren.

Die kolosh hatten sich inzwischen an ihren Anblick gewöhnt und starrten ihr kaum noch nach. Lediglich Taku Jim, der gerade auf der staubigen Hauptstraße unterwegs war, sprach sie an: »Willst du wieder zu mir, weiße Frau?«

»Nein, ich besuche eine Freundin.«

»Du hast meine Botschaft bekommen?«

»Dass ich mir alle ankommenden Passagiere ansehen soll, egal, mit welchem Schiff sie kommen und wie das Wetter ist und ob ein Rabe krächzt?«

»Vor uns liegen dunkle Zeiten, weiße Frau.«

Sie drehte sich nach dem Schlossberg um. »Du hast von dem weißen Mann gehört, der als Berater des neuen Gouverneurs gekommen ist? Michail Saizew? Gehört er zu den Männern, vor denen ich mich in Acht nehmen soll?«

»Er ist ein Kriegstreiber.«

»Woher willst du das wissen?

»Hast du ihm in die Augen gesehen?«

»Das habe ich.«

Taku Jim nickte. »Dann weißt du es. Ich habe ihn nur aus der Ferne gesehen und sofort gespürt, dass er ein Kriegstreiber ist. Denke an meine Worte!«

»Das werde ich.« Sie verabschiedete sich respektvoll und drehte sich noch einmal um. »Wir verstehen einander nicht besonders, Taku Jim, aber ich versichere dir, dass es zu keinem Krieg kommen wird. In diesem Land überleben Indianer und Weiße nur, wenn sie die andere Seite respektieren. Ein Krieg würde alles zerstören. Auch der neue Gouverneur ist daran nicht interessiert.«

Tillie hatte sie beobachtet und wartete bereits vor dem Haus, das sie mit ihren Eltern und drei weiteren Verwandten bewohnte. Die Miene der Indianerin war besorgt. »Ich muss Ihnen etwas sagen, Prinzessin«, begann sie, als sie bei Tee und Keksen zusammensaßen. Ihre Stimme klang so bedrückt, dass Sophie Elisabeth vergaß, von ihrem Tee zu trinken. »Ich werde verfolgt.«

»Weißt du, von wem?«

»Es ist nur ein Gefühl«, räumte Tillie ein, »aber ich täusche mich nicht. Er war mir so nahe, dass ich seinen Atem spürte. Als ich mich umdrehte, war er verschwunden. Ich bilde es mir nicht ein, Prinzessin. Sie glauben mir doch?«

»Ja, ich glaube dir«, antwortete Sophie Elisabeth. »Mir geht es ähnlich. Schon seit einigen Tagen habe ich das Gefühl, dass mich jemand beobachtet.«

»Ein Mann, der Ihnen Nikolai wegnehmen will?«

Sie musste lächeln. »Das würde niemand wagen. Nikolai würde ihn zum Duell fordern und ihm eine Kugel ins Herz schießen. Er liebt mich über alles, und ich liebe ihn. Uns könnte nicht mal eine Armee auseinanderbringen.«

»Eure Frauen werden den Männern nicht versprochen?«

»Doch, aber ich würde niemals einen anderen Mann heiraten. Wenn Nikolai etwas passieren würde, bliebe ich ledig. Das wäre mir lieber, als mit einem Mann zusammenzuleben, für den ich nichts empfinde. Meine Eltern waren sehr wütend, als ich ihnen das gesagt habe. In dem Land, aus dem ich komme, werden Frauen und Männer miteinander verheiratet, um den Herrscher einer fremden Macht zu beschwichtigen oder zwei Königshäuser miteinander zu verbinden, die sich sonst für ewige Zeiten auf dem Schlachtfeld bekriegen würden. Wer sich weigert, kann sogar von seiner Familie verstoßen werden.«

Tillie zeigte sich wenig erstaunt. »Bei uns ist es ähnlich. Wir dürfen nur Männer eines anderen Clans heiraten. Wer dagegen verstößt, kann in die Verbannung geschickt werden. Manche Häuptlinge achten drauf, dass ihre Söhne oder Töchter ein wichtiges Mitglied eines anderen Clans heiraten. So wollen sie Streitigkeiten vermeiden und ihre Macht vergrößern. Wie die Weißen.«

Sophie Elisabeth blieb ungefähr eine Stunde bei der Indianerin. Tillie war stets begierig darauf, etwas über Baden zu hören und hörte ihr staunend zu, als sie von Städten wie Karlsruhe und Baden-Baden schwärmte und ihr von der Blütenpracht im Frühling erzählte. »Bei uns gibt es keine Krokusse«, erwiderte sie. Das Wort »Krokusse« kam ihr kaum über die Lippen. »Aber auf den Wiesen wachsen unzählige Wildblumen. Sie haben sie doch gesehen?«

»Die Blumen waren wunderschön.« Sie blickte Tillie über den Rand ihres Teebechers an. »Meinst du nicht, du könntest mich langsam vertrauter anreden? Und was soll dieses alberne ›Prinzessin‹? Meine engsten Freundinnen in Baden haben mich auch nicht mit ›Prinzessin‹ oder ›Durchlaucht‹ angeredet.«

»Ich weiß nicht«, zögerte Tillie.

Sophie Elisabeth lächelte. »Ich bin Sophie oder Sophie Elisabeth.«

»Also gut, Prinzessin.«

»Wie bitte?«

»Also gut, Sophie Elisabeth«, verbesserte sich Tillie.

Doch als Sophie Elisabeth sich eine halbe Stunde später verabschiedete, hatte Tillie die Abmachung schon wieder vergessen. »Gute Nacht, Prinzessin.«

Kapitel 4

 

Wie immer, wenn ein Schiff aus Sankt Petersburg in Sitka vor Anker ging, herrschte große Aufregung. Fast alle Bewohner liefen im Hafen zusammen, um die Neuankömmlinge aus der Heimat zu begrüßen. Schon von Weitem war der russische Doppeladler auf der Flagge am Hauptmast zu erkennen, und die Farben des russischen Zarenreiches wehten im warmen Sommerwind.

Den Bewohnern des Schlosses wurde die Ankunft des Schiffes während des Frühstücks gemeldet. Ein Fischer hatte die Imperator Nikolai I. gesehen und den Wachsoldaten vor dem Schlossberg gemeldet. Sofort setzten hektische Vorbereitungen ein. Gleich mehrere Bedienstete halfen Stepan Wassilijewitsch und seiner Frau beim Anlegen der Festtagskleidung, die Angestellten in der Küche wurden angewiesen, das abgesprochene Dinner für den Abend vorzubereiten, und die Kammerzofe der Gouverneursfrau, für ihre Ordnungsliebe bekannt, überprüfte noch einmal die neuen Quartiere. Gouverneur Wassilijewitsch und seine Frau waren in die Gästezimmer umgezogen, um Johan Hampus Furuhjelm und seiner Gattin den Einzug zu erleichtern.

Sophie Elisabeth und Nikolai näherten sich dem Hafen mit gemischten Gefühlen. Obwohl Wassilijewitsch ihnen mehrfach versichert hatte, dass sich die Politik der Russisch-Amerikanischen Compagnie nicht ändern würde, waren ihre Bedenken groß. Daran war vor allem Michail Saizew schuld, der Berater des neuen Gouverneurs. Eigentlich hatte er ihnen keinen Anlass zum Misstrauen gegeben. Er hatte sich während der letzten Tage äußerst korrekt verhalten, war aber stets ausgewichen, wenn Wassilijewitsch oder Nikolai versucht hatten, etwas über seine politische Einstellung zu erfahren. Auch bei ihnen war es mehr ein Gefühl gewesen, das sie gegen ihn eingenommen hatte.

Im Hafen hielten sich Sophie Elisabeth und ihr Verlobter im Hintergrund, so wie die neugierigen Bewohner, die gekommen waren, den neuen Gouverneur zu begrüßen. Wassilijewitsch und seine Frau hielten mit ihrer Kutsche nur wenige Schritte von der Anlegestelle entfernt und blieben sitzen, bis die Schaluppe mit den Furuhjelms zum Ufer unterwegs war. Saizew stand bei ihnen und blickte erwartungsvoll dem näherkommenden Boot entgegen. In der Bucht ging böiger Wind und zauberte Schaumkronen auf das Wasser.

Sophie Elisabeth entdeckte Tillie unter den Wartenden und lächelte ihr zu. Die Worte der Indianerin hatten sie verunsichert. Wurden sie von demselben Mann verfolgt? Oder bildeten sie sich beide etwas ein? Wie Tilly hatte auch sie niemandem etwas von ihrem Verdacht erzählt, nicht einmal Nikolai, der ihr in seinem Bestreben, sie zu beschützen, wahrscheinlich verboten hätte, den Gouverneurspalast zu verlassen. Oder die Leibgarde alarmiert und nach Verdächtigen in der Siedlung gesucht hätte. Nein, sie war überzeugt, weder Tillie noch ihr würde jemand etwas antun. So dumm, eine Prinzessin zu belästigen und sich einen Mann wie Nikolai zum Feind zu machen, konnte niemand sein. Und jeder Mann, der halbwegs bei Sinnen war, musste wissen, dass er sich alle kolosh zum Feind machen würde, wenn er sich an einer jungen Indianerin vergriff. Mach dir keine Sorgen, rief sie Tillie in Gedanken zu.

Als die Furuhjelms an Land kamen, setzte lauter Beifall ein, und die meisten Männer schwenkten ihre Hüte oder Mützen. So viele Vorschusslorbeeren hatte ein Gouverneur selten bekommen. Vielleicht lag es an ihrer eindrucksvollen Erscheinung. Johan Hampus Furuhjelm war ein stattlicher Mann in den späten Dreißigern, wie geschaffen für den eleganten und mit Hermelinpelz besetzten Gehrock, den er über seiner Hose trug. Seine Augen blickten streng, sein Haar war über den Ohren gelockt, und über seinen Lippen beherrschte ein dichter Schnurrbart sein Gesicht. Seine Frau Anna war ungefähr fünfzehn Jahre jünger als er, wirkte aber reifer und versteckte ihre etwas füllige Figur unter einem schwarzen Reisekleid. Wie alle Neuankömmlinge von Rang und Namen hatten sie sich vor ihrer Ankunft umgezogen.

Sie winkten den Schaulustigen zu und begrüßten Wassilijewitsch und seine Frau. »Und dies sind Nikolai Danilowitsch und Prinzessin Sophie Elisabeth, wenn ich mich nicht täusche«, sagte Furuhjelm, als er den beiden die Hände schüttelte. »Ich habe schon sehr viel über Sie gehört.« Bei seinen Worten konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen, ein Zeichen dafür, dass Sophie Elisabeth und Nikolai nichts zu befürchten hatten. Michail Saizew brauchte sich nicht vorzustellen und meldete sich mit einer tiefen Verbeugung zum Dienst.

»Wie findest du sie?«, fragte Sophie Elisabeth, als sie und Nikolai allein waren. »Ich vermute, wir werden mit ihnen auskommen. Ich hatte schon Angst, man würde uns einsperren oder verschicken, wenn sie kommen. Anscheinend hat Saizew die Wahrheit gesagt. Der Zar hegt keinen Groll mehr gegen uns.«

Nikolai schloss sie zärtlich in die Arme. »Ich glaube eher, er unternimmt nichts, weil er sich damit nur selbst schaden würde. Wenn herauskäme, dass er hinter dem Attentat auf Wassilijewitsch steckt, würde er große Probleme bekommen. Ihm ist es lieber, es wächst Gras über die Sache. Ich habe größere Angst, dass er mit den Engländern aneinandergerät, wenn er weitere Niederlassungen in Alaska gründen will. Die Engländer haben eine starke Marine.«

»Alaska?«, wunderte sie sich. Sie hatte das Wort noch nie gehört.

»So nennen sie das Hinterland. Ein Wort aus der Unangan-Sprache.«

Das Wort gefiel ihr. »Meinst du wirklich, die Engländer könnten Russisch-Amerika gefährlich werden? Hast du nicht mit den Amerikanern verhandelt?«