Der Himmel über Thorn Rose Manor - Katherine Sutcliffe - E-Book

Der Himmel über Thorn Rose Manor E-Book

Katherine Sutcliffe

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Beschreibung

Eine Frau in den Fesseln des Schicksals: Die englische Familiensaga »Der Himmel über Thorn Rose Manor« von Katherine Sutcliffe als eBook bei dotbooks. Thorn Rose Manor im 19. Jahrhundert: Als Trey Hawthorne, der Duke of Salterdon, zum ersten Mal der jungen Maria begegnet, ist es Liebe auf den ersten Blick. Als Pfarrerstochter ist sie weit unter seinem Stand, aber Trey ist bereit, alles für sie zu riskieren: sein Vermögen, seinen Titel, sein Herz. Doch dann verschwindet Maria spurlos über Nacht; Gerüchte machen sich breit, sie sei in die Arme eines anderen Mannes geflohen. Trey spürt, dass dies nicht die ganze Wahrheit sein kann und schwört, die Suche nach ihr niemals aufzugeben. Aber ist er wirklich bereit, dafür jeden Preis zu zahlen? Die dunklen Geheimnisse und Intrigen, die Thorn Rose Manor umranken, könnten ihn und Maria alles kosten, selbst ihre tiefe Liebe füreinander … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Der Himmel über Thorn Rose Manor« von Katherine Sutcliffe wird auch Leserinnen von »Jane Eyre« begeistern. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über dieses Buch:

Thorn Rose Manor im 19. Jahrhundert: Als Trey Hawthorne, der Duke of Salterdon, zum ersten Mal der jungen Maria begegnet, ist es Liebe auf den ersten Blick. Als Pfarrerstochter ist sie weit unter seinem Stand, aber Trey ist bereit, alles für sie zu riskieren: sein Vermögen, seinen Titel, sein Herz. Doch dann verschwindet Maria spurlos über Nacht; Gerüchte machen sich breit, sie sei in die Arme eines anderen Mannes geflohen. Trey spürt, dass dies nicht die ganze Wahrheit sein kann und schwört, die Suche nach ihr niemals aufzugeben. Aber ist er wirklich bereit, dafür jeden Preis zu zahlen? Die dunklen Geheimnisse und Intrigen, die Thorn Rose Manor umranken, könnten ihn und Maria alles kosten, selbst ihre tiefe Liebe füreinander …

Über die Autorin:

Katherine Sutcliffe, geboren 1952 in Texas, ist eine amerikanische Bestsellerautorin. Sie arbeitete als Headhunter für ein Tech-Unternehmen, bevor sie 1982 beschloss, sich ganz dem Schreiben zu widmen – drei Jahre später erschien ihr erster Liebesroman, der sofort ein Erfolg wurde. Zeitweilig schrieb sie außerdem Telenovelas für das Fernsehen. Heute lebt Katherine Sutcliffe mit ihrer Familie in Dallas, Texas.

Bei dotbooks erschien auch ihr Roman »Der Duft von Magnolienblüten«.

***

eBook-Neuausgabe Februar 2022

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2004 unter dem Originaltitel »Obsession« bei Pocket Books, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Besessen vor Liebe« bei Weltbild.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2004 by Katherine Sutcliffe

This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006 by Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt 67, 86167 Augsburg

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96655-948-5

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Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Katherine Sutcliffe

Der Himmel über Thorn Rose Manor

Roman

Aus dem Amerikanischen von Angela Schumitz

dotbooks.

Kapitel 1

HaworthYorkshire, England

Die Herzoginwitwe von Salterdon hockte wie eine Krähe in der Kirchenbank. Sie hatte das alte Kinn entschlossen nach vorn geschoben, die mit Altersflecken gesprenkelte Stirn gerunzelt und die Schultern etwas eingezogen unter dem schwarzen Gewand, das sie an diesem Tag trug. Schließlich war sie heute nicht hier, um die Hochzeit freudig zu feiern, über die so viel geklatscht wurde wie über keine andere, seit mein Bruder Clayton eine verwahrloste Rothaarige geheiratet hatte, die bis dahin in einem verfallenen alten Leuchtturm gehaust und dem lieben Gott seine Zeit gestohlen hatte.

Die Herzoginwitwe knurrte. Ihre juwelengeschmückten Finger umklammerten den Griff eines Spazierstocks, mit dem sie immer herumhumpelte. Ungeduldig knallte sie den Stock auf den Fußboden der Kapelle, ohne nach links oder nach rechts zu blicken. Sie schien das gelegentliche Kichern und das Geflüster der Gäste nicht zu bemerken, die hauptsächlich herbeigeströmt waren, um ihrem Drang nach Unterhaltung und einer perversen Neugier zu frönen, und nicht so sehr, um das Hochzeitspaar zu ehren.

Natürlich war ihr völlig klar, was um sie herum vorging. Ich, Trey Hawthorne, der ruchlose, berüchtigte, unwürdige Herzog von Salterdon ‒ der Fluch, der auf der Herzoginwitwe, meiner Großmutter, lastete ‒ vermutete, dass ihr Gehör noch genauso scharf war wie die Facetten des lächerlich großen Diamanten, den sie an ihrem linken Ringfinger trug.

Wenn jemand im Umkreis einer Meile den Namen Salterdon auch nur ansatzweise despektierlich im Munde führte, und sei es noch so leise, dann erfuhr sie davon ‒ und Gnade Gott dem »abscheulichen Schandmaul«.

»Abscheuliche alte Hexe!«, murmelte ich, wohl wissend, dass sie meine Lippen lesen konnte, als ich hinter die offene Pfarrhaustür direkt in ihre Augen ‒ grau wie die meinen ‒ starrte und sich eine dünne graue Braue hob.

Ich erwiderte ihren Blick, indem ich kühl die Lippen kräuselte, ihr mit meinem Port zuprostete und eine kleine Verbeugung machte, die eher spöttisch als höflich ausfiel.

»Du kannst noch immer einen Rückzieher machen«, erklang die Stimme meines Bruders an meinem Ohr.

Ich drehte mich ein wenig zu rasch um. Der Alkohol in meinem Blut machte sich so heftig bemerkbar, dass ich rückwärts taumelte.

Das Gesicht meines Zwillingsbruders verschwamm vor meinen Augen, ein Gesicht, das das getreue Spiegelbild meines eigenen war ‒ dunkles, leicht gewelltes Haar, steingraue Augen, fein geschnittene Züge. Sein Mund schien sowohl Besorgnis als auch eine gewisse Belustigung über meine Lage zum Ausdruck zu bringen.

Doch damit endeten auch schon unsere Ähnlichkeiten.

Clayton Hawthorne hatte nämlich das Herz und die Seele eines Heiligen und das Glück dessen, dem Gott hold ist. Ich dagegen war nur um Haaresbreite davon entfernt, für alle Ewigkeit im Höllenfeuer zu schmoren.

Nicht umsonst bezeichneten mich meine Bekannten als Satansbraten.

Clayton verzog das Gesicht und legte eine Hand auf meinen Arm, um mir seine Unterstützung anzubieten. Seufzend schüttelte er den Kopf.

»Die letzten drei Jahre hast du dich ausschließlich darum bemüht, Großmutter das Leben schwer zu machen, und das ist dir wahrhaftig hervorragend gelungen. Du hast dein Erbe durchgebracht, du hast ständig neue Wege gefunden, um mit deinem Namen Schlagzeilen in sämtlichen Londoner Klatschblättern zu machen. Und jetzt übst du die schlimmste Rache ‒ du heiratest keine der akzeptablen jungen Damen, die Großmutter für dich ausgesucht hat, sondern eine notorische, dreimal geschiedene, zweifach verwitwete Frau, die älter ist als du und deren Neigung, ihre Ehemänner zu betrügen und sie in den finanziellen Ruin zu treiben, selbst deinen eigenen Ruf in den Schatten stellt. Edwina Narwhal Frydenthrope Thromonde Wohlstetter Rhodes ist eine … eine …«

»Eine Dirne.« Ich stürzte den restlichen Portwein hinunter und stellte das leere Glas achtlos ab. »Eine Hure. Ein Luder. Ein Flittchen. Ein Miststück. Eine Schlampe, eine Kupplerin, eine Nutte.« Dümmlich grinsend blinzelte ich Clayton an. »Soll ich die Aufzählung fortsetzen?«

»Und du heiratest sie.«

Ich zuckte die Schultern und richtete meine Seidenkrawatte: »Jawohl.«

»Die Ehe wird nicht von Dauer sein.«

»Natürlich nicht. Aber im Bett ist Edwina recht unterhaltsam. Und sie hat Geld. Nur, falls du es noch nicht bemerkt hast: Ich brauche Geld.«

Clayton warf mir einen boshaften Blick zu. »Wie hätte mir das entgehen sollen? Thorn Rose Manor ist im letzten Jahr immer weiter heruntergekommen. Du hast gerade noch eine Küchenmagd, die die Gewohnheit hat, das Familiensilber zu klauen ‒ wohlgemerkt, den Rest, den du noch nicht verkauft hast, um deine Spielschulden zu begleichen; einen Butler, der zu viel trinkt und einen Stallburschen, der zu faul ist, um die Fliegen zu verscheuchen, vom Stallausmisten ganz zu schweigen. Trey, wenn du Geld brauchst …«

»Von dir nehme ich nichts.«

Clays Gesicht verdüsterte sich enttäuscht. »Verflucht noch mal, Bruder, tu es nicht! Ich weiß, dass es dich noch immer schmerzt…« »Ich will nichts davon hören!« Ich schubste Clayton zur Seite und schwankte zu dem zweiflügeligen Fenster, das auf die Zufahrt hinausging, auf der sich die Prachtkutschen sämtlicher hochkarätigen, blaublütigen Familien Englands aneinander reihten.

»Wenn du Maria noch einmal erwähnst, dann schlage ich dich nieder!«

»Gib es doch zu: Du liebst sie noch immer.«

»Was faselst du da für einen Unsinn?«

Clayton trat hinter mich und legte mir mitfühlend eine Hand auf die Schulter.

Ich schüttelte sie ab und lachte. Es war ein brüchiges, zorniges Lachen, und ich errötete.

»Offensichtlich war es der jungen Frau nicht annähernd so ernst mit ihrer angeblichen Zuneigung zu mir wie umgekehrt, denn sonst wäre sie nicht so spurlos verschwunden. Offenbar wollte sie nicht gefunden werden, zumindest nicht von mir.«

Mit einem Blick auf Clayton setzte ich hinzu: »Wenn Großmutter sie nicht fortgeschickt hätte …«

»Was für einen Unterschied hätte es gemacht, wenn Maria dich nicht liebte?«

Einen Moment lang schloss ich die Augen. Die Hitze in dem kleinen Raum trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Der ^maßgeschneiderte Anzug aus feinem Wollstoff, den ich heute trug, klebte an mir, und mir wurde übel.

Maria Ashtons Bild stieg vor mir auf: ein wunderschönes Gesicht mit großen blauen Augen, lange, seidige blonde Haare, ein sanftes Gemüt, das mich vor den schlimmsten Höllenqualen gerettet hatte. Vielleicht wäre ich ohne, sie gestorben. Sie war auf eine Anzeige meiner Großmutter hin zu uns gekommen. Gesucht wurde eine Krankenschwester, die sich um mich und meine Kopfverletzung kümmern sollte. Ich war nämlich von Straßenräubern überfallen worden, die mich für tot gehalten und einfach liegen gelassen hatten.

Maria sollte mich nicht geliebt haben? Nun, das war der Kern des Problems. Sie hatte vor Leidenschaft unter mir gezittert, mir ihre kostbare Unschuld geopfert und mir tausendmal ihre Liebe geschworen.

Die ganze Welt hatte sich von mir abgewandt. Maria, Tochter eines Vikars, war mir vorgekommen wie ein Engel, den der liebe Gott auf die Erde gesandt hatte, um mich zu retten.

Zum ersten Mal in meinem elenden Leben hatte ich mich verliebt. Unsterblich verliebt. Und dieses Gefühl wollte nicht weichen. Trotz ihres treulosen Verschwindens, trotz meines gewaltigen Zorns und obwohl ich im Begriff stand, eine andere zu heiraten, pochte mein Herz wie ein heißes Bleigewicht, wenn ich an die Monate dachte, in denen ich sie gesucht hatte, und an den Brief, der schließlich gekommen war ‒ auf den Tag genau ein halbes Jahr, nachdem sie Thorn Rose in der Kutsche meiner Großmutter verlassen hatte.

»Euer Gnaden, was zwischen uns vorgefallen ist, war ein Fehler. Ich habe einen anderen geheiratet und wünsche Ihnen viel Glück! Maria.«

Maria. Gott, wie ich sie anbetete. In meinem Wahn hatte ich ein Lied für sie verfasst, in das ich mein ganzes Herz und meine ganze Seele gelegt hatte. Nur so hatte ich in jener schrecklichen Zeit meine Gefühle ausdrücken können.

Marias Lied.

Selbst jetzt, drei Jahre später, wurde ich noch von den Akkorden heimgesucht, die wieder und immer wieder in meinem Kopf dröhnten und mich in den Wahnsinn trieben.

Aus der Kapelle wehte Musik und das Gemurmel der versammelten Gäste zu mir herüber. Keine Freunde ‒ ich hatte keine Freunde. Ich hatte keine Freunde mehr.

Die festlich gekleideten Menschen, die heute in ihren Prachtkutschen vorgefahren waren und denen der Reichtum und ihre Titel wie Eissplitter aus den aristokratischen Poren quollen, waren nur aus einem einzigen Grund hier: um zu sehen, wie ein Mann den letzten Rest seiner Würde aufgab und in den Abgrund des totalen Ruins sprang.

Aber wenn ich in diesen Abgrund stürzte, würde ich meine Großmutter, die Herzoginwitwe, mit mir reißen.

***

Der Portwein hämmerte in meinem Kopf, als sich der Pfarrer feierlich zuerst an die Gäste wandte, die den Atem anhielten, dann an mich und zuletzt an Edwina, die wissend grinste. Ihr feuerrotes Haar war mit einem Spitzenkäppchen bedeckt, ihr tief ausgeschnittenes Dekolletee gab den Blick auf die verführerischsten Brüste außerhalb von Paris frei.

Mit etwas Glück würde ich die Zeremonie überstehen, bevor mir die Sinne endgültig schwanden. Es wäre doch zu schade, wenn die Geier, die auf den gepolsterten Kirchenbänken hockten, den ganzen Weg auf sich genommen hätten, nur um sich den Spaß von einem Bräutigam verderben zu lassen, der ohnmächtig wurde, bevor er sich und sein Leben dem völligen Verderben ausgeliefert hatte.

Die Worte des Geistlichen umschwebten mich wie Blätter im Wind ‒ offenbar fragte er gerade, ob jemand einen Grund kenne, warum die beiden Menschen vor ihm nicht den Bund der Ehe schließen sollten, und wenn ja, dann solle er jetzt vortreten.

Oje ‒ es gab viele, sehr viele Gründe. Und der geringste davon war noch, dass wir uns nicht liebten.

Aber sie hatte Geld, und ich brauchte Geld.

Sie brauchte einen willfährigen Liebhaber, der ihren Hang zu erotischen Eskapaden befriedigte. Da sie inzwischen fünf Ehemänner verschlissen hatte ‒ die letzten waren in ihren wollüstigen Armen gestorben ‒ traute sich auf zwei Kontinenten kein unverheirateter Mann mehr in ihre Nähe.

Und außerdem: Wenn es auf Englands geliebtem Boden eine Frau gab, die von meiner Großmutter aus ganzem Herzen verachtet wurde, dann war es Edwina ‒ die Geliebte ihres verstorbenen Gatten.

»Ich kenne einen Grund!«, erschallte plötzlich eine Stimme aus der Gästeschar.

Diesen Worten folgte ein hörbares Einatmen und dann eine dröhnend tiefe Stille. Der Pfarrer erstarrte und wurde kreidebleich. Er stierte über meine Schulter, während seine Hände, die die Bibel umfasst hatten, erlahmten.

Clayton, der an meiner Seite stand, stieß ein leises »Gott sei Dank!« aus.

Edwina fluchte, dann drehte sie sich langsam um.

Ich schüttelte meinen Rausch und meine Verwirrung ab. Schwankend drehte auch ich mich um und starrte auf eine düstere kleine Gestalt, so breit wie hoch, bekleidet mit einer schmuddeligen Kappe, einem grauen, formlosen Kleid und einem gleichermaßen schmuddeligen Kittel. Zitternd, als habe sie Fieber, stand sie im Mittelgang.

Die Herzogin erhob sich mühsam. Ihr Gesicht war grau wie ihre Haare, die Augen zu groß für ihre Höhlen ‒ Augen, die sich starr auf den Eindringling hefteten, der zurückwich, als befürchte er den Angriff einer Natter.

Die gedrungene kleine Frau hob eine zitternde Hand und deutete auf die Herzoginwitwe. »Sie hat’s getan«, erklärte sie mit unsicherer Stimme. »Und zwar alles. Meine arme Seele mag im Höllenfeuer schmoren dafür, dass ich so lang geschwiegen habe. Aber ich bin gekommen, als ich gehört habe, dass Sie heiraten wollen, gnädiger Herr. Ich konnte den Mund keine Minute länger halten.«

Clayton trat vor mich. »Was zum Teufel soll das?«, wollte er wissen.

Ich packte ihn am Arm und hielt ihn fest.

Der Rausch, der meine Sinne noch vor wenigen Sekunden benebelt hatte, war verschwunden. Ohne den Blick von der verängstigten kleinen Frau zu wenden, befahl ich meinem Bruder: »Lass sie reden!«

Die Frau ging vorsichtig an der Herzoginwitwe vorbei, die ihren Spazierstock umklammerte und wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte, aber kein Wort sagte.

»Es geht um das Mädchen, gnädiger Herr. Maria. Ich weiß, wo sie steckt. Wo sie gesteckt hat seit der Nacht, in der sie mit der Kutsche Ihrer Großmutter davongerollt ist. Ihre Großmutter hat sie nicht nach Huddersfield schaffen lassen, gnä’ Herr, sondern nach Menson.«

Wieder atmete die Menge hörbar ein, und es ertönten Schreckensrufe, begleitet von nervös geflüsterten Mutmaßungen.

»Menson.« Ich stieg vom Podest. Die vom Portwein verursachte Trägheit wich einer Hitze, die sich von meinem Bauch aus in meinen ganzen Körper ausbreitete. »Sie müssen sich irren. Menson ist eine Anstalt für verrückte Straftäter.«

Die Frau schluckte und nickte. Sie rang die Hände, dann begann sie zu schluchzen. »Jawohl. Sie werden sie dort finden, gnädiger Herr. Oder vielmehr das, was von ihr noch übrig ist. Gott segne ihre gepeinigte junge Seele!«

Kapitel 2

MensonAnstalt für verrückte Straftäter

Der Atem des Mannes stank nach faulen Zähnen und Räucherfisch. Sein rechtes Ohr oder zumindest das, was man unter seinen langen, fettigen grauen Haaren davon sehen konnte, war nur noch im Ansatz vorhanden. Auf dem verbliebenen Hautfetzen hatten menschliche Zähne ihre Spuren hinterlassen.

Ich packte ihn an seinem verdreckten Hemd und knallte ihn zum dritten Mal erbarmungslos gegen die steinerne Wand.

»Antworte mir, du Idiot! Wo steckt sie? Maria Ashton ‒wo habt ihr sie verscharrt? Wenn du mir nicht antwortest, dann dreh ich dir deinen dürren Kragen um, und zwar so schnell, dass du deinen Räucherfisch noch heute Abend in der Hölle verschlingen kannst!«

»Was hat das zu bedeuten?«

Ich wandte mich um.

Auf der Türschwelle stand ein feister Mann um die fünfzig. Sein Schädel wirkte viel zu klein für seinen immensen Leibesumfang. Große, vorstehende Augen, fiebrig glänzend vor Ehrgeiz und Verschlagenheit, ließen erahnen, dass er die Seele seiner eigenen Mutter verhökern würde, solange der Erlös in sein eigenes Säckel floss.

Ich hegte nicht den leisesten Zweifel, dass meine Großmutter sein Säckel beträchtlich bereichert hatte.

Hinter ihm drängten sich mehrere hünenhafte Untergebene, bereit, auf Anweisung sofort über mich herzufallen.

Doch die Miene ihres Chefs sah nicht so aus, als würde es eine solche Anweisung geben. In seinen Augen blitzte eine gewisse Erkenntnis auf. Er wusste genau, wer ich war und warum ich hier war.

»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte ich.

»Ruskin. Rupert Ruskin.« Er räusperte sich. »Wären Sie so freundlich, von Mr. Swift abzulassen? Er hat keinerlei Befugnis, Ihnen zu helfen, gnädiger Herr. Es wird Ihnen kaum etwas nützen, wenn Sie ihn umbringen, und außerdem ist er strohdumm, wie Sie inzwischen bestimmt schon bemerkt haben.«

Ich ließ den Mann los und er schlurfte eilig hinaus.

Ruskin brachte ein schmallippiges Lächeln zustande. »Sie sind wahrscheinlich wegen dem Mädchen hier.«

»Das liegt ja wohl auf der Hand.«

Ruskin nickte kurz, entließ die Wärter mit einem Wink und ging dann selbst hinaus. Auf dem dunklen Korridor blieb er kurz stehen, um mir Zeit zu geben, mich ihm anzuschließen.

Auf dem Weg durch den feuchten steinernen Gang spielte Ruskin sichtlich nervös mit einem Schlüsselbund, der in seinen Händen klirrte.

Er hatte zweifellos bereits über die möglichen Folgen seiner jämmerlichen Lage nachgedacht ‒ wenn er gestand, dass Maria in Menson gefangen gehalten wurde, würde er den Zorn meiner Großmutter auf sich ziehen; wenn er stumm blieb, würde er unter meinen Händen einen raschen, jedoch schmerzhaften Tod erleiden, während ich die Wahrheit aus ihm herausprügelte.

Ich hätte ihn tatsächlich mit bloßen Händen umbringen können, und in eben diesem Moment wollte ich es auch nur zu gerne tun. Er sah es in meinen Augen und an meinen geballten Fäusten, meinem zornesroten Gesicht und meinen zusammengebissenen Zähnen. Wenn jemand gewagt hätte, sich mir in den Weg zu stellen, hätte ich den letzten Rest meiner Selbstbeherrschung verloren und ein ebenso verrücktes Verbrechen begangen, wie es die in ihren Käfigen heulenden Wahnsinnigen getan haben mussten.

Dennoch zügelte ich meine Mordlust. Ich sagte mir ‒ vielleicht naiv ‒, das Ganze sei wahrscheinlich ein abgekartetes Spiel, eine weitere Intrige meiner Großmutter, um mein Leben zu manipulieren und mich davon abzuhalten, eine Frau zu heiraten, die den Ruf der Salterdons weiter beschmutzen würde.

Ich wollte es so gerne glauben, dass ich am ganzen Leib zitterte. Das Wesen, das hinter einer dieser verschlossenen Türen hauste, konnte einfach nicht der Engel sein, der mein Leben und meine Seele vor den schrecklichen Abgründen der Hölle gerettet hatte.

Ruskin war an einer Eisentür angekommen. Er steckte den Schlüssel ins Schloss und mühte sich zähneknirschend ab, ihn zu drehen. Schließlich gab das Schloss mit einem rostigen Kratzen nach. Grunzend stemmte sich Ruskin mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür und stieß sie mit der Schulter auf.

Bei dem Gestank, der uns entgegenschlug, drehte sich mir der Magen um.

Das Heulen der Wahnsinnigen gellte mir in den Ohren, ringsum ertönte sinnloses Gebrabbel und auch in den Blicken, die aus den Türschlitzen heraus auf mich fielen, lag der Wahnsinn.

Mit jedem Schritt, den ich weiter in dieses Elend trat, wuchs der Hass auf meine Großmutter. In meiner Brust breitete sich Wut aus, die mit jedem Atemzug, den ich in dieser fauligen Luft tat und der in meinen Lungen brannte, befeuert wurde. Doch ich bebte nicht nur vor Wut, sondern auch vor Angst. Meine Nerven lagen blank, so blank, dass mein Körper von oben bis unten schmerzte.

Ich war nicht besonders gläubig. Meinen Glauben hatte ich verloren, als ich dabei hatte Zusehen müssen, wie mein Vater von Haifischen zerfetzt wurde, nachdem auf unserem Schiff ein Brand ausgebrochen war. Dutzende Schiffbrüchiger trieben, sich an Trümmer klammernd, im Wasser. Ganze Familien starben in der Hitze, verhungerten, ertranken. Sie alle wurden die Beute der Teufel, die stumm aus den Tiefen auftauchten.

Aber als ich jetzt durch die Gänge dieser Hölle ging, betete ich. Ich betete mit allen Fasern meiner wahrlich nicht besonders gläubigen Seele, dass es sich nur um einen weiteren meiner Albträume handeln möge.

Ja, in den letzten Jahren hatte es viele dieser Träume gegeben. Anfangs waren es romantische Visionen gewesen, in denen ich Maria wiederfand, wir uns in die Arme fielen und mit leidenschaftlichen Küssen bedeckten. Dann war der Brief gekommen, in dem es gehießen hatte, unsere affaire de coeur sei ein Fehler gewesen und sie habe einen anderen geheiratet. Meine romantischen Phantasien wurden zu grauenhaften Albträumen, so voller Hass, dass ich oft davon geträumt hatte, sie zu töten.

Doch das hier war kein Traum.

Kein Traum konnte meine Sinne derart verwirren.

Sollte ich also darum beten, dass dieser Weg, auf dem ich mich jetzt befand, eine makabre Verwechslung auf decken würde ‒ dass die weinende kleine Krankenschwester sich geirrt hatte, ebenso wie der schwitzende, stinkende Mann mit dem teigigen Gesicht und den mitleidlosen Augen, der neben mir hertrottete?

Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass meine Großmutter zu einer derartigen Grausamkeit und Unrechtstat fähig sein sollte. Immer wieder kämpfte ich gegen diesen Gedanken an, während das Heulen der Verrückten von den feuchten Mauern widerhallte. Galle stieg in mir hoch, ätzend und bitter.

Als wir in einen dämmrigen Korridor einbogen, stießen wir auf zwei Wärter, die eine dieser Mitleid erregenden Gestalten zu seiner Zelle zerrten. Der Mann weinte und stammelte zusammenhanglose Wortfetzen. Ich blieb wie gelähmt stehen und sah zu. Mir schwindelte der Kopf, doch Ruskin ging ungerührt weiter, bis er schließlich vor einer schmalen Tür Halt machte.

Er fingerte mit seinen fetten Händen an den Schlüsseln herum. Das Klirren dieser Schlüssel sollte sich in mein Gedächtnis einbrennen wie jede Spalte in diesen Mauern und auf dem Steinfußboden, wie jedes widerliche Detail von Ruskins farblosem Gesicht, das er mir langsam zuwandte, während er die Tür aufstieß und wartend stehen blieb.

»Euer Gnaden«, sagte er, eine Braue langsam und bestimmt hochziehend.

Ich erwachte aus meiner Erstarrung. Langsam, ganz langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, als balancierte ich auf einem hohen Balken. Die Kälte, die ich noch vor kurzem verspürt hatte, wich nun einer inneren Hitze, die mir den Schweiß auf die Stirn trieb.

In der Zelle war es dunkel. Der Gestank brannte mir in Augen und Nase. Ich kramte ein Taschentuch hervor und hielt es mir vor die Nase.

Langsam ließ ich den Blick über den strohbedeckten Boden schweifen, bis …

Gütiger Gott!

Der Anblick ließ mich zurücktaumeln. Ich schloss die Augen.

Ruskins Stimme ertönte, sie klang anders als vorher. Ein Helfer trat mit einer Lampe neben mich. Ein fahles Licht fiel auf das Wesen, das in einer Ecke der Zelle kauerte.

Nein. Nein! Das war nicht Maria! Nicht meine Maria mit den sanften blauen Augen und dem Gesicht eines Engels. Deren weiches blondes Haar meine Wangen gestreift und dabei seinen süßen Duft verströmt hatte.

»Sie ist nackt!«

Mehr konnte ich in diesem Moment nicht sagen.

»Natürlich ist sie nackt«, erwiderte Ruskin. »Sonst könnte sie sich ja aufhängen. Das passiert hier ziemlich oft.«

Das Taschentuch fiel mir aus der Hand und segelte sanft zu Boden. Ich starrte ihm nach und dachte daran, wie seltsam es hier wirkte ‒ absurd und geckenhaft auf dem verdreckten Stroh.

Ich blinzelte, um den Schweiß zu entfernen, der mir in die Augen tropfte. Dann zerrte ich an meinen Mantelknöpfen und riss sie ab, weil ich es so eilig hatte, das Kleidungsstück auszuziehen, während ich auf dieses Wesen zustolperte, wer immer es auch war. Es war nicht Maria, es konnte nicht Maria sein! Aber wer auch immer es war ‒ sie hatte ein Recht, vor den Blicken der Männer geschützt zu werden, die sie ausdruckslos wie ein Stück Vieh begafften.

»Nein!« Ruskins Hand legte sich auf meine Schulter und hielt mich zurück. »Sie wirkt zwar ziemlich gefügig, aber das ist sie nicht, das kann ich Ihnen versichern.«

»Hände weg!«, knurrte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Und zwar sofort!«

Ruskin trat dicht an mich heran. »Gnädiger Herr, Miss Ashton ist verrückt«, erklärte er leise.

Ich packte ihn am Kragen und drängte ihn an die Wand. Meine Knöchel gruben sich in das feiste Fleisch seines Halses.

»Das ist nicht Maria! Und jetzt sagen Sie mir auf der Stelle, was Sie mit ihr angestellt haben! Mit meiner Maria. Maria Ashton aus Huddersfield.« Meine Stimme wurde brüchig. »Dieses … dieses Wesen ist nicht Maria.«

Er sagte nichts, blinzelte nur mit seinen seltsamen Augen, die wie bei einer Kröte hervorquollen.

Und dann hörte ich es ‒ einen Laut, vor dem ich mich sehr gefürchtet hatte.

Ein Summen.

Ein Wiedererkennen durchzuckte mein Herz und meinen Verstand.

Marias Lied.

Das Liebeslied, das ich für sie komponiert hatte, erhob sich süß wie der Gesang eines Vogels und wanderte an den Wänden ihres Käfigs entlang.

Mit zitternden Fingern befreite sich Ruskin aus meinem Griff. Ich stolperte zurück. Mein Blick wanderte wieder zu der schwachen Frau, die in der düsteren Ecke kauerte. Ihre leeren Augen starrten ausdruckslos ins Nichts, während sie sich mit angezogenen Knien hin und her wiegte. Das kurz geschorene Haar bildete ein verfilztes Knäuel um ihr hageres Gesicht.

Ich legte die Hände vor die Augen und dann vor die Ohren, um das leise Summen auszublenden. In diesem Moment war ich mir sicher, dass ich selbst am Rande des Wahnsinns taumelte.

Nein, das hier war die Wirklichkeit, kein Wahn.

Der Wahn musste im Kopf meiner Großmutter spuken. Welche Person im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und mit nur einem Funken Güte würde sich eines anderen menschlichen Wesens auf diese Art entledigen ‒ einzig und allein um des Stammbaums willen? Nur damit die lange Linie blauen Blutes, das durch die Venen der Hawthornes floss, nicht von einer Bürgerlichen befleckt würde; nur damit der Name der Salterdons nicht zum Gespött des Adels würde und ihnen auch weiterhin alle Türen der Aristokratie offen stünden.

Das würde mir die Herzoginwitwe büßen müssen, und zwar bitter!

Mein Atem ging stockend. Langsam zog ich den Mantel aus und zwang mich dazu, an die Frau heranzutreten, deren Name mir kaum über die Lippen kommen wollte.

»Maria?«

Ihre Augen irrten hin und her, dann kniff sie sie zusammen.

In dem ausdruckslosen Blick, der früher voller Leidenschaft und Liebe auf mir geruht hatte, lag kein Erkennen.

Plötzlich sprang sie mich an, ohne Vorwarnung und ungestüm wie eine Wildkatze. Die Wucht ihres Körpers brachte mich aus dem Gleichgewicht. Ich stürzte auf den dreckigen Boden.

Ihre scharfen Nägel gruben sich in meine Wangen. Sie schlug mich und trat nach mir; ein Knie bohrte sich so heftig in meinen Brustkorb, dass mir die Luft aus den Lungen gepresst wurde und ich mich fühlte wie damals, als Kind, als die Trümmer des explodierenden Schiffes auf mich fielen und mich ins Meerwasser tauchten, wo ich zu ertrinken drohte.

Die Wärter stürzten sich auf sie und zerrten sie von mir fort, während sie um sich schlug wie ein Tier in der Falle und schreckliche, unmenschliche Laute aus ihrem Mund drangen, der mich früher mit liebevollen Worten verwöhnt hatte.

Endlich schaffte ich es wieder, ein wenig Luft in meine Lungen zu pumpen. »Tut ihr nicht weh!«, stieß ich mühevoll aus.

»Um Gottes willen!«

Clayton, der von seinem wilden Ritt nach Menson völlig zerzaust war, bahnte sich einen Weg durch die Gaffer, die den Eingang versperrten. Er packte mich am Arm und zerrte mich hoch. Bestürzt sah er zu, wie die Wärter sich mühten, die Frau zu bändigen.

So rasch sie aufgesprungen war, um mich anzugreifen, so rasch brach sie auf einmal in den Armen eines riesenhaften Mannes zusammen, der sie wie ein Bündel Lumpen auf einen Strohhaufen warf.

Ich wollte mich auf Ruskin stürzen, der mit angsterfüllter Miene zurückwich.

Doch Clayton trat zwischen uns und rammte mir eine Schulter in den Oberkörper. Er versuchte mit aller Kraft, mich zurückzuhalten, denn er wusste, dass ich Ruskin höchstwahrscheinlich umbringen würde für das, was er hier zugelassen hatte.

»Du tust Maria keinen Gefallen, wenn du als Mörder ins Gefängnis kommst«, ermahnte mich Clayton nüchtern.

»Ich bin ein Herzog!«, erwiderte ich hitzig. »Diese Perücken tragenden Mistkerle würden es nicht wagen, mich ins Gefängnis zu werfen.«

»Euer Gnaden, Ihr seid die Geißel der Aristokratie. Der König würde Euch höchstpersönlich in das tiefste und dunkelste Loch stecken und Euch ewiger Verdammnis anheim fallen lassen, wenn er Eure Großmutter nicht so schätzte.«

»Ich habe mir fest vorgenommen, auch sie umzubringen.«

»Lauter leere Versprechungen!« Claytons Lippen kräuselten sich und ich spürte, wie ich ruhiger wurde.

Mein Bruder zog ein Taschentuch aus seiner Westentasche und drückte es mir in die Hand. Dann legte er einen Finger an die Wange, um mich an die Kratzer zu erinnern, die soeben heftig zu brennen begannen.

Ich presste das Tuch an mein Gesicht und tatsächlich färbte es sich bald rot. Als ich auf das Blut starrte, wurde ich mir schlagartig wieder dieses Ortes und seiner Insassen bewusst und auch der in der Ecke kauernden Verrückten, die früher einmal wunderschön gewesen war. Das Gewicht, das sich auf mich senkte, war so schwer, dass ich mir zerbrechlich wie das dünnste Glas vorkam.

Clayton drängte mich aus der Zelle.

Ich lehnte mich an die Wand, senkte den Kopf und starrte geistesabwesend auf das Blut, das von meiner Wange auf meine Schuhe tropfte und dort Flecken bildete wie dunkle Tränen.

»Was willst du jetzt tun?« Clayton lehnte sich neben mich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Muss ich dich daran erinnern, dass du aus einer vollen Kirche gestürmt bist und deine Verlobte am Altar hast stehen lassen?«

»Die Hochzeit wird natürlich abgesagt.«

Er blickte auf Marias Zelle.

»Das versteht sich von selbst. Ich meinte aber eher, was du mit … mit dem Wesen dort drinnen… mit ihr zu tun gedenkst. Bruder, ich habe das Gefühl, dass du zu spät gekommen bist. Ich fürchte, ihr Wahn ist schon zu weit fortgeschritten.«

»Ich bringe sie nach Hause, dorthin, wo sie hingehört.«

»Nach Huddersfield?«

»Nach Thorn Rose.«

Claytons graue Augen ruhten ernst auf mir. »Sie wird eine Menge Krankenschwestern und Bedienstete brauchen. Ich werde sofort alles veranlassen.«

»Das ist nicht nötig.« Ich richtete mich auf und starrte auf die Wand. »Ich werde mich persönlich um sie kümmern. Wenn ich nicht gewesen wäre …«

»Trey!« Clay trat näher. »Du trägst doch keine Schuld daran!«, meinte er sanft.

Ich starrte meinen Bruder düster an. »Doch. Ich habe sie geliebt. Das war genug.«

Kapitel 3

Thorn Rose Manor

Ich saß in der Galerie im ersten Stock, in grelles Sonnenlicht gebadet, das durch das Sprossenfenster fiel. Die Wärme trieb mir den Schweiß in den Nacken. Die Kratzer auf meinen Wangen, die mir Maria am Vortag zugefügt hatte, pochten. Es waren gezackte, tiefe Furchen, die zweifellos Narben hinterlassen würden.

An den Wänden hingen die Portraits meiner Vorfahren. Wie sie da so auf mich herabstarrten, strahlten sie so viel Rechtschaffenheit aus, dass mein Gesicht beschämt zu brennen begann.

Ich hätte genauso gut wieder zwölf sein und in die Gemächer meiner Großmutter gerufen worden sein können, um dort für ein Vergehen bestraft zu werden, das eines zukünftigen Herzogs unwürdig war. Schon das Warten war eine Bestrafung gewesen, denn in dieser Zeit konnte ich ‒ und manchmal, wenn auch viel weniger häufig, auch Clayton ‒ dann in aller Ruhe über die bevorstehende Strafe nachdenken.

Gelegentlich versuchte unser Großvater, wenn er im Haus war, seine Frau davon abzubringen, ihre Art von Gerechtigkeit walten zu lassen.

»Jungs sind eben Jungs«, meinte er dann immer und lachte dröhnend.

Woraufhin sie krächzend erwiderte: »Und Herzoge sind eben Herzoge!«

Mein Leben lang hatte ich versucht, ihr zu beweisen, dass sie sich irrte.

Während ich abwechselnd auf die verschlossene Tür von Marias Zimmer und auf den großen, reich verzierten Silberschlüssel in meinem Schoß starrte, lauschte ich angestrengt auf ein Geräusch, das mir sagen würde, dass sie aus dem Zustand der Betäubung aufgewacht sei, in dem sie von Menson nach Thorn Rose geschafft worden war.

Die Fahrt war schrecklich gewesen; Maria, die an Händen und Füßen gefesselt in meine weich gepolsterte Kutsche verfrachtet worden war, war ab und zu aus ihrem Opiumschlaf aufgewacht und hatte entsetzliche Schreie ausgestoßen. Ich hatte vorn auf dem Kutschbock neben Maynord gesessen, der die Pferde antrieb, als ob uns Höllenhunde auf den Fersen wären.

Herbert, mein Leibdiener, Butler, Koch und Vernichter meines teuersten Portweins, stand neben mir. Er hatte heißes Wasser und die duftende Seife herbeigeschafft, die ich vor kurzem in Paris für meine Verlobte, die schöne, mit scharfen Krallen und Zähnen bestückte Edwina, besorgt hatte, die in eben diesem Moment wahrscheinlich Pläne für mein Ableben schmiedete.

Nicht, dass sie sich schämte, vor dem Altar stehen gelassen worden zu sein, und unter Liebeskummer litt sie sicher auch nicht. Sie liebte mich ebenso wenig wie ich sie. Ich brauchte ihr Geld, sie brauchte einen Ehemann und einen Vater für das Kind, das sie unterm Herzen trug ‒ Erzeuger unbekannt.

Ich war es jedenfalls nicht, denn ihre Schwangerschaft war schon zu weit fortgeschritten gewesen, als wir uns zum, ersten Mal geliebt hatten.

Nachdem ich sie verlassen hatte, musste sie sich nun allein mit ihrer misslicher Lage auseinander setzen. Sie war ebenso wenig darauf eingestellt, Mutter zu werden, wie ich, Vater zu werden.

Wir waren beide viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Kinder waren das Richtige für Männer wie meinen Bruder.

Clayton fand Kindergeplapper drollig und genoss es, wie ein junger Hund mit seinen Blagen im Garten herumzutollen und an trüben Winterabenden Märchen vor dem prasselnden Kaminfeuer zu erzählen oder aus der Bibel zu lesen.

Aber gemeinsam hätten wir es vielleicht geschafft. Sie hatte genügend Geld für Dienstboten, die das Kind wickeln, füttern und beschäftigen konnten. Edwina und ich hätten uns weiterhin um unsere Angelegenheiten kümmern können und uns mit Geliebten, dem Glücksspiel und einem gelegentlichen Abstecher in die düsteren Ecken der Londoner East Side unterhalten, wo zwielichtige Gesellen wie ich sündigen Gelüsten frönten, die man zwar nicht näher beschreiben sollte, die jedoch viel Spaß machten.

Endlich drang ein Geräusch aus dem Zimmer.

Ich nahm den Schlüssel in die Hand, die plötzlich zu schwitzen begann, und stand langsam auf.

Mein Blick war auf die Tür gerichtet, als sei sie die Pforte zur Hölle.

Warum hatte ich plötzlich so furchtbar Angst vor dieser Frau?

Vor der Frau, deren Hände mir früher beruhigend die fiebrige Stirn gekühlt hatten und die meinen Phallus mit einer unglaublichen Zärtlichkeit gestreichelt hatte.

Widerling!

Auch jetzt, vor dieser Tür, entzündete die Erinnerung an unser Liebesspiel ein brennendes Verlangen in mir. Ich biss die Zähne zusammen.

Ich hatte Maria Ashton von dem Moment an begehrt, als ich ihr das erste Mal in die Augen geblickt hatte. Schon indem sie ihre vollen, scharlachroten Lippen zu einem Lächeln verzog, war sie für mich zu dem alleinigen Grund geworden, überleben zu wollen.

Sie war meine … meine ganz persönliche Besessenheit geworden.

Behutsam steckte ich den Schlüssel ins Schloss, dann presste ich das Ohr an die Tür und lauschte auf ein weiteres Lebenszeichen. Sachte, ganz sachte drehte ich den Schlüssel, bis es knackte, was mir in meiner Anspannung so laut vorkam, dass ich zusammenzuckte.

Vorsichtig, nur mit den Fingerspitzen, drückte ich die Tür auf.

Sonnenlicht drang durch das offene Fenster, auf dessen breiter Bank Maria kauerte. Sie hatte das weiche, dünne Baumwollnachthemd abgestreift, das ich ihr angezogen hatte. Ihre nackte Haut, bleich wie Milch und übersät mit dunklen Flecken, schimmerte im Licht, sodass sie wie ein durchsichtiger Geist wirkte, bereit, jederzeit die Flucht zu ergreifen.

Sie hatte das Gesicht der Spätnachmittagssonne zugewandt, die in ihren blassblauen Augen glitzerte.

Eine Brise bauschte die Vorhänge neben ihr auf und wehte durch die struppigen Büschel ihres früher so wundervollen Haares.

Nun drehte sie sich zu mir um und starrte mich mit ihren großen, unschuldigen Augen an. Zuerst lag der Ausdruck eines gehetzten Wildes darin, das in die gierigen Augen seines Jägers starrt, dann spiegelte sich Verwirrung in ihrem Blick und dann …

Dann war sie weg.

Bevor mir meine vor Schreck gelähmten Gliedmaßen gehorchen wollten und ich zum Fenster springen konnte, um sie aufzuhalten, war sie weg. Sie war mit ausgebreiteten Armen aus dem Fenster gestürzt wie ein Vogel, der sich in die Lüfte erhebt.

Meiner Kehle entrang sich ein gepresster Laut, als ich zum offenen Fenster taumelte und hinunter auf den dichten, dunkelgrünen Rasen blickte.

Dort lag sie, einen Arm seltsam über den Kopf verdreht, ein Bein ausgestreckt, das andere am Knie gebeugt, sodass sie wie eine Marionette aussah.

Ihre Augen waren geöffnet und starrten in meine, ihre roten Lippen waren verzogen, wie sie es in meinen Träumen immer gewesen waren.

***

»Sie befindet sich natürlich in einem höchst bedauernswerten Zustand. Extrem unterernährt. Bei dem Sprung aus dem Fenster hat sie sich gottlob kaum verletzt, doch ihr Körper zeigt Spuren alter Brüche. Hier, am Oberschenkelknochen etwa, sehen Sie, hier, da ist ein leichter Knick. Er war gebrochen und der Bruch wurde nur schlecht ‒ wenn überhaupt ‒ gerichtet.

Und hier, an den Fingern, und auch dort, unterhalb des Knöchels. Die offenen Stellen an Füßen und Beinen sind zweifellos auf die unhygienischen Zustände zurückzuführen, in denen sie leben musste. Außerdem scheint sie sich von der Realität ziemlich weit entfernt zu haben.«

»Was heißt das?«

Ich starrte den alten Arzt wütend an. Herbert hatte Jules Goodbody in Haworth aufgetrieben, als er, die Wangen vom vielen Bier gerötet, aus dem Black Bull getorkelt war. Er sprach mit einer tiefen, knarzenden Stimme und in abgehackten Sätzen; Sterbenden konnte er wohl nur die Unausweichlichkeit ihres Ablebens versichern, trösten konnte er sie kaum.

»Sie ist ziemlich verrückt«, erklärte er lakonisch. Dann klappte er den Deckel seiner Taschenuhr auf und las mit herabgezogenen Mundwinkeln die Zeit ab. »Ja, ziemlich verrückt.

Ich würde sie unverzüglich nach Menson zurückschicken, das läge in ihrem ureigensten Interesse.«

»Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sie wieder gesund machen!«

Er schloss die Uhr mit einem lauten Klicken und stopfte sie in seine Westentasche zurück, bis nur mehr die reich verzierte Kette heraushing. Nachdenklich blickte er aus dem Fenster auf die fernen Hügel der Pennines und den Weg, der sich daran entlangzog.

Dann nahm er die eingestürzte Mauer ins Visier, auf deren moosbedeckten Steinen sich Legionen von Saatkrähen in Reih und Glied niedergelassen hatten.

»Solche Verletzungen zu heilen ist nicht so leicht, wie Eiter aus einer Wunde zu entfernen oder einen gebrochenen Knochen zu schienen. Wir können den Schädel nicht öffnen und mit einem Instrument darin herumstochern, um die Ursache der Krankheit herauszuholen.«

»Es muss doch etwas geben ‒ irgendein Mittel, um ihr zu helfen.«

»Nur die Zeit, Euer Gnaden. Freundlichkeit, Sanftheit ‒ und vor allem Geduld.«

Er unterstrich das Wort Geduld, indem er mit dem Zeigefinger Richtung Decke wies.

»Aha. Geduld also.« Ich lachte spröde. »Bin ich nicht bekannt für meine Ungeduld, meine Unfreundlichkeit und meine teuflische Art?«

»Vielleicht probieren Sie es einfach mal mit Bereuen, Euer ‒ Gnaden.«

»In der Hoffnung, dass Gott sich über die Bekehrung eines Sünders so freut, dass er mich plötzlich großzügig mit den Gaben bedenkt, die mir so gänzlich fehlen?«

»Sie können schlecht hoffen, auf der Stelle und rundum erlöst zu werden. Das würde ein wenig heuchlerisch wirken, finden Sie nicht?«

Ich blickte auf das Portweinglas in meinen Händen. »Gott hat mir bislang keinen Gefallen erwiesen.«

»Ganz im Gegenteil! Allein durch Ihre Geburt sind Sie an Reichtum und einen Titel gekommen, Sie hatten liebevolle Eltern …«

»Die mir geraubt wurden, als ich und mein Bruder knapp zehn Jahre alt waren. Und danach gerieten wir in die Hände eines intriganten, herzlosen alten Weibs, das den Körper und die Seele dieses Engels hier opfern wollte, nur um mich weiter unter ihrer Fuchtel zu halten.

Ach, und nicht zu vergessen ‒ Gott, der Allmächtige, hat es zugelassen, dass Straßenräuber mich beinahe erschlagen hätten, sodass ich kaum mehr war als die brabbelnden Idioten in Menson. Wofür war das gut? Wollte der Herrgott mich daran erinnern, dankbar zu sein, dass mein Schädel so hart ist wie eine Kokosnuss?«

»Wenn Ihre Kokosnuss keine Hiebe verpasst bekommen hätte, dann hätten Sie die junge Frau hier nicht getroffen, oder?«

»Touche. Aber wenn sie mich nicht getroffen hätte, dann wäre sie inzwischen zweifellos glücklich mit diesem mickrigen kleinen Vikar aus Huddersfield verheiratet, der sie so sehr liebte ‒ John Rees hieß er, wenn ich mich recht entsinne. Einmal tauchte er sogar hier auf und gestand mir alles; er wollte Maria unbedingt fortschaffen, bevor ich ihre Unschuld beflecken konnte.«