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Beschreibung

In einem alternativen Paris des Jahres 1828 ist die Französische Revolution fehlgeschlagen. Skrupellose Aristokraten teilen sich die Stadt mit neun kriminellen Gilden, die die Unterwelt regieren. Zwischen den Gilden herrscht ein brüchiger Frieden. Nina, Angehörige der Diebesgilde, versucht, das junge Mädchen Ettie zu retten. Denn ausgerechnet Kaplan, der Oberste der »Gilde des Fleisches«, spezialisiert auf Menschenhandel und Prostitution, hat es auf die schutzlose Ettie abgesehen. Doch die verbündeten Diebe wollen sich nicht mit Kaplan anlegen. Nina und Ettie bleibt nichts anderes übrig, als sich den verfeindeten Gilden anzudienen und bis zur großen Zusammenkunft der Gilden, dem legendären Hof der Wunder, zu überleben. Aber als Kaplan auf die Spur der beiden kommt, droht in ganz Paris ein Krieg auszubrechen ...

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover & Impressum

Teil Eins

Als die Angst kam

1823

1

Le Debut de l’Histoire

2

Die Torhüter

3

Der Herr der Diebe

4

Die Schläferin

5

Die Krallen des Falken

Teil Zwei

Der Tote Wolf

1829

Die Geschichte von Reineke Fuchs und Gräfin de Winter

6

Der Tiger

7

Die Entscheidung der Schwarzen Katze

8

Die Todesbringer

9

Die Toten

10

La Vallée de Misère

11

Der Tote Herr

12

Les Oubliettes

13

Der Hof der Wunder

14

Die Hand des Meisters

Teil Drei

Der Brotpreis

Die Geschichte der sechs kleinen Mäuse

15

Der Brunnen

16

Das Gericht der Toten

17

Le Pont Neuf

18

Vom Ertrinken

19

Der Dauphin von Frankreich

20

Etties Geschichte

21

Schwestern

22

Die Mesmeristin

23

Les Diamantes de la Couronne

24

Der Brotpreis

25

Die Narben der Katze

Teil Vier

Die Jagd der Schwarzen Katze

1832

Wie der Tiger seine Streifen erhielt

26

Die Société des Droits de l’Homme

27

Der Graue Bruder

28

Der Meister der Messer

29

Von Papier und Ratten

30

Die Entscheidung der Gildenherren

31

Das Wort des Toten Herrn

32

Die Verlorene

33

Zerstörtes Fleisch

34

Die Wahrheit

35

Inspektorin Javert

36

Ein leichter Regen

37

Die Kurierin

38

Die Höhle des Tigers

39

Der Vater der Schwarzen Katze

40

Die Totenklage

41

Das Ende der Geschichte

3

Der Herr der Diebe

»Keine Angst, Kleines, Thénardier ist heute Nacht nicht hier.«

Der Name meines Vaters lässt mich erschaudern, aber Femi berührt sanft meine Schulter.

»Sieh nach oben.«

Ich lege den Kopf in den Nacken. Die Decke ist eine Kuppel und sieht wie ein Netz aus schimmerndem Licht aus.

»Die wahre Schönheit der Diebesgilde liegt dort«, sagt Femi. »Einmal im Jahr während dem Fest von l’Evêque Myriel, dem Schutzheiligen der Diebe, bringt jeder Angehörige der Gilde einen Edelstein, einen Kristall oder eine schimmernde Goldmünze. Jede Katze der Gilde erhält einen davon, und sie klettern an der Wand hoch oder an aus hohen Fenstern hinabgelassenen Seilen. Die Katze, die als Erste oben ist, hat die Ehre, das Geschenk mit Mörtel in die Decke zu mauern.«

Unsere Mutter, die Stadt, ist ständig in so dichten Nebel und Dunst getaucht, dass ich die Sterne am Nachthimmel noch nie gesehen habe. Aber genauso sehen sie in meiner Vorstellung aus. Die Schönheit berührt etwas in meinem Inneren. Leider bleibt nicht viel Zeit, die Decke zu bewundern, bevor Femi mich weiterführt. Ich blinzle und konzentriere mich auf das lärmende Chaos im Saal.

Er ist wie ein Palast, würde es in einem Palast keine Ordnung geben und überall riesige Schätze herumliegen. Ein Wirrwarr aus anmutigen weißen Marmorstatuen und uralten schwarzen Wasserspeiern, die von Notre-Dame selbst stammen müssen. Der Boden besteht aus sich überlappenden Teppichen aus dicker, farbiger Seide, die zweifellos aus den besten Häusern der Stadt stammen. Jeder Zoll der Wände ist mit kleinen und großen Gemälden in vergoldeten Rahmen behängt, die Schlachten, Schiffe auf See, Landschaften, romantische Begebenheiten aus Mythen, religiöse Ikonen und Porträts darstellen.

Der ganze Saal summt vor Wein, Hitze und deftigem Geplauder. Aber darunter pulsiert eine seltsame Strömung von Gefahr. Dieser Ort ist voller Leben – hier wimmelt es von Leuten sämtlichen Alters, jeglicher Größe, Hautfarbe und Kleidung. Wohin ich auch sehe, finde ich Gesichter mit scharfen Augen, alte Frauen in voluminösen Gewändern, Leute aus der Kaufmannsschicht mit steifen Umhängen und den einen oder anderen Priester.

»Am Hof der Wunder gibt es keine Nachnamen, es gibt keine Rasse oder Religion«, erklärt Femi. »Glaube, Kaste, Blut – keines dieser Bande hält die Elenden zusammen. Denn so sieht uns die Welt, als die Elenden. Und darum heißen auch alle Kinder des Hofs der Wunder Elende. Unsere Gilde schließt uns zusammen. Dieser Bund ist stärker als die Familie und dicker als Blut. Hier siehst du nur Brüder und Schwestern der Diebesgilde.« Er zeigt auf einen Haufen zerlumpter, barfüßiger Jungen und Mädchen, die nur wenige Jahre älter als ich sind. »Das sind die Hunde; diese Diebe gehen ihrem Handwerk auf der Straße nach. Die Straßenräuber sind die Pferde, aber von denen gibt es nur noch zwei in der ganzen Gilde, seitdem der Monsieur nicht mehr reitet.«

Für jeden, der wie ein ganz normaler Bürger aus den Straßen der Stadt aussieht, gibt es zehn weitere in unmöglich bunter Kleidung mit funkelndem Schmuck. Männer und Frauen mit Diamanten und Rubinen an Hals, Nase, Handgelenken und Ohren; jeder Knöchel ist von leuchtenden Edelsteinen bedeckt.

»Das sind die Katzen.« Femi deutet verstohlen auf die grell gekleideten Gestalten. »Einbrecher, die über Dächer schleichen und durch Fenster und Schornsteine einsteigen.«

Der Anblick eines besonders rundlichen Mannes in Purpur, Gold und Rosa lässt ihn die Augen zusammenkneifen. Der Mann trägt so viel Schmuck, dass es ihm eigentlich unmöglich sein sollte, die Hände zu heben.

»Katzen müssen immer angeben.«

An der einen Seite des Saals steht eine lange und schiefe Schlange von Leuten. Femi zeigt auf sie.

»Alle Diebe übergeben ihre Beute den Leuten der Feder. Das sind Sekretäre, die von der Gilde der Schreiber abgestellt werden. Sie dienen allen neun Gilden des Hofs der Wunder als Buchhalter, Anwälte und Buchprüfer.«

Mit zusammengekniffenen Augen spähe ich zu der Reihe aus blassen, ausdruckslosen Männern und Frauen, die in unauffällige Farben gekleidet sind. Sie sitzen alle hinter einem langen Tisch. Ihre Köpfe sind gebeugt, sie machen sich fleißig Notizen und sagen kaum ein Wort.

»Die Leute der Feder können nie genug Wissen sammeln«, flüstert Femi. »Ihre Hingabe an Ordnung und Details ist stärker als ihre mögliche Schwäche, korrumpiert zu werden. Alle Elenden fürchten und respektieren sie, denn es gibt nichts über uns, das sie nicht wissen. Der Standort eines jeden Gildenhauses ist ein gut gehütetes Geheimnis. Ausgenommen für mich, der ich als Bote aller Gilden arbeite, und für die Gilde der Schreiber. Wenn sie für eine Buchprüfung an die Tür klopft, müssen selbst die furchterregendsten Gildenherren ihr Einlass gewähren.«

Sobald die Beute verzeichnet ist und dafür unterschrieben wurde, reicht man sie an Sekretäre mit Monokeln und Vergrößerungsgläsern weiter, die die Leute wie Eulen aussehen lassen. Sie inspizieren jeden Gegenstand, überprüfen Silber und Gold, setzen Dinge in Brand, schlagen sie mit Hämmern oder beißen sogar darauf, bevor sie ihre Erkenntnisse mit einem Murmeln kundtun. Manchmal provozieren sie Gelächter auf Kosten der Diebe oder auch neidisches Murren.

In der Mitte des Saals steht ein schwarzer Stuhl mit aufwendigen Schnitzereien. An der spitzen Rückenlehne hängen Berge funkelnder Ketten, ein oder zwei Diademe und mehrere kostbare Wandteppiche. Auf dem thronähnlichen Stuhl sitzt ein Mann, der kaum älter als mein Vater ist. Er hat Femis kupferbraune Haut und goldene, listige Augen.

Sie müssen verwandt sein, denke ich.

Er ist schlichter gekleidet als viele der Diebe um ihn herum. Sein Hemd ist von unauffälliger Farbe, die Jacke gut geschnitten. Tatsächlich gibt es nichts Auffälliges an ihm, bis auf die beiden Ketten unterschiedlicher Länge an seinem Hals. Die eine ist ein funkelnder Strang aus reinen Diamanten, die andere besteht nur aus Rubinen, die im Licht von hundert brennenden Kandelabern glitzern.

»Tomasis, der Herr der Diebe«, sagt Femi.

Neben dem Stuhl des Gildenherrn steht ein älterer Herr. Sein Antlitz besteht nur aus gepuderten Falten, sein Haar liegt unter einer Perücke verborgen, und gekleidet ist er in den abgetragenen Prunk eines heruntergekommenen Adligen.

Femi deutet mit dem Kopf auf den gepuderten Mann. »Am Hof gibt es nur noch drei merveilles – Wunder. Das sind Kriminelle von solchem Ruhm, dass sie zu lebenden Legenden geworden sind. Das Höchste, was jedes Kind des Hofs hoffen darf, ist, dass nach seinem Tod sein Lied gesungen wird und man seine Geschichten immer wieder erzählt. Aber die merveilles – ihre Taten werden von jedem Kind des Hofs erzählt, solange auch nur noch ein Atemzug in ihnen ist. Die drei merveilles sind Le Maire, die Fischerin und der Monsieur. Le Maire ist Mitglied der Schreibergilde und seit mehr als einem Jahrzehnt verschollen. Die Fischerin ist die Herrin der Schmugglergilde. Der Letzte steht dort neben dem Herrn der Diebe. Der ›ehrenwerte‹ Monsieur George, der berüchtigte Straßenräuber. Kannst du seine Gunst erringen, wird er dir viel beibringen.«

Der Monsieur entdeckt uns und flüstert Tomasis, dem Herrn der Diebesgilde, der gelangweilt in unsere Richtung blickt, etwas ins Ohr.

Femi drückt meinen Arm. »Nina, es ist Zeit. Denk an all das, was ich dir gesagt habe. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.«

Femi führt mich zu den Männern. Leute machen uns den Weg frei und sehen mich mit einer Neugier an, die mir nicht gefällt.

Wir erreichen den Thron, und Femi lässt sich auf ein Knie sinken; mich zieht er mit. »Mon seigneur. Tomasis Vano, Herr der Diebe.«

»Mon frère, ich höre«, sagt Tomasis.

Ich werde in die Höhe gezerrt, als Femi sich wieder erhebt.

Tomasis wirft dem gepuderten Mann einen Blick zu, der Femi zunickt.

»Bote«, sagt der Mann in schmeichelndem Tonfall.

»Monsieur«, erwidert Femi mit einem leichten Nicken, dann wendet er sich wieder an Tomasis. »Ich habe ein neues Kind für Euch, mon seigneur.«

Sofort senke ich den Blick auf die schönen Seidenteppiche am Boden. Femi hat mir eingeschärft, den Ablauf nur durch die gesenkten Wimpern zu verfolgen, aber ich riskiere einen Blick.

Tomasis lächelt schmal, trinkt einen Schluck aus einem juwelenbesetzten Pokal.

»Ein Kind?« Er stellt den Pokal auf einem zierlichen Perlmutttisch neben ihm ab, bevor er mich mit seinem Blick festnagelt. Hatte ich ihn zuvor für träge gehalten? Er scheint mich aufzufressen. Neben ihm legt der Monsieur den Kopf schief, wie ein Vogel, der einen Bissen einschätzt.

»Sie ist eine Katze, mon seigneur«, sagt Femi.

Tomasis mustert Femi. Erneut fällt mir die Ähnlichkeit zwischen ihnen auf. Sie müssen Brüder sein.

»Ist die Rekrutierung von Kätzchen nicht die Aufgabe des Meisters der Tiere? Meines Wissens bist du noch immer der Aves, der Elanion – der Bote des Hofs der Wunder. Seltsam, dass derjenige, der Botschaften überbringt, plötzlich diese neue Verantwortung auf sich nimmt. Vor allem, da du nie besonderes Interesse an den Katzen der Gilde gezeigt hast.«

Tomasis ist für sein Misstrauen bekannt, hatte Femi mir erzählt, als wir über die Dächer geschlichen waren. Um Gildenherr zu werden, muss man misstrauisch sein, und wenn man es bleiben will, muss man weiter misstrauisch sein.

Tomasis konzentriert sich auf mich, und als er spricht, sind seine Worte täuschend sanft. »Und wer bist du, Kleines, dass der Bote des Hofs der Wunder für dich bittet?«

Plötzlich ist meine Kehle ausgedörrt, ich schlucke. Trotz des Summens der Unterhaltungen um mich herum fühle ich den brennenden Blick Hunderter Augen in meinem Rücken.

»Mein Name ist Nina Thénardier.«

Überraschung lässt den Lärm der Unterhaltungen anschwellen.

Tomasis kneift die Augen zusammen. Er mustert die Züge meines Gesichts, liest mich, als wollte er eine Ähnlichkeit entdecken. »Thénardier ist der Meister der Tiere unserer Gilde. Er herrscht unter mir und befiehlt allen meinen Kindern, den Hunden, Katzen und Pferden. Er kennt alle meine Geschäfte und übt im Leuchtenden Saal eine gewaltige Macht aus.«

Macht, die er gewonnen hat, nachdem einige andere Meister plötzlich auf geheimnisvolle Weise gestorben sind, hat mir Femi erzählt. Thénardier hat sich nie gescheut, eine oder zwei Kehlen durchzuschneiden, wenn es nötig ist.

»Erkläre mir doch einmal, warum ich sein eigen Fleisch und Blut hinter seinem Rücken aufnehmen sollte?« Bei der Frage liegt ein eigentümliches Funkeln in Tomasis’ Augen, aber Femi zuckt nicht einmal zusammen.

»Thénardier benutzt schon seit Jahren sein eigenes Fleisch und Blut für seine besten Raubzüge. Vielleicht auch für alle. Es hat ihm gar nicht zugestanden, diese Beute Euch zu geben.«

»Er ist also ein Dieb? Beschuldigst du ihn dessen? In diesen Wänden ist Diebstahl ziemlich normal.«

Die Worte rufen im Saal Gelächter hervor. Tomasis lächelt freundlich, aber der grimmige Strich seiner Lippen ist genauso wenig zu übersehen wie die Härte in seinem Blick.

»Und wenn sein Zehntel reichlich ist«, fügt er hinzu, »was interessiert mich dann, wie er darankommt?«

»Aber sie gehört nicht zu den Elenden. Sie ist kein Kind des Hofs der Wunder, ist an keine Gilde gebunden, trägt kein Zeichen.«

»Du weichst der Frage aus. Warum sollte ich den Meister der Tiere vor der ganzen Gilde beleidigen, indem ich eine Katze, die sein eigen Fleisch und Blut ist, hinter seinem Rücken aufnehme?«

»Fragt sie, was sie für Euch hat.« Femis Stimme ist kaum lauter als ein Flüstern, aber es ist im ganzen Saal zu hören.

Ich greife in meine Jacke und ziehe mit zitternden Fingern die Kette aus der Tasche; der schwere Stein folgt.

»Bei Reinekes Eiern! Ist das der Talisman von Karl dem Großen?« Der Monsieur tritt vor und pflückt den Stein behutsam von meiner Handfläche. Er fischt ein Monokel aus der Brusttasche und untersucht ihn, bevor er ihn wieder zurücklegt. »Dieser Stein gehört zu den Kronjuwelen.«

»Ja«, antworte ich, obwohl ich keine Ahnung habe.

»Sie bewahrt man in den Tuilerien auf«, sagt Tomasis.

Ich nicke.

»Wo war der Stein?«

»Am Hals eines Jungen.« Ich gebe mir große Mühe, meine Stimme nicht zittern zu lassen.

Das lässt den Monsieur blinzeln. »Ein Junge? Der Dauphin von Frankreich trägt im Augenblick den Talisman.«

Also das war er. Der Prinz des Reiches. Der zukünftige König, der Erbe des Throns von Frankreich. Ich stoße die Luft aus. Ich habe den zukünftigen König geküsst, und er hat nach Schokolade geschmeckt …

Tomasis lacht, ein dröhnender Laut voller Wärme und Humor, der den Saal füllt und von der Wänden und der Decke widerhallt. »Der Talisman von Karl dem Großen, gestohlen vom Hals des Dauphins. Dieser Anblick ist mir mehr wert als Thénardiers Stolz.« Er wischt sich die funkelnden Augen.

Femi hebt kaum merklich die Braue. »Das ist meine Gabe, die ich Euch bringe«, sage ich schnell und wiederhole die Worte, die er mir auf den Dächern beigebracht hat. »Ein Geschenk vom …« Ich halte inne, um mir den Begriff in Erinnerung zu rufen. »Vom Kalifen an den König der Tagwandler. Es enthält das Haar eines ihrer heiligsten Heiligen.« Ich lasse mich auf ein Knie sinken und neige den Kopf. »Nehmt dieses Geschenk, Herr der Diebe. Möge es Euch erfreuen und mir Eure Gunst gewähren. Und nehmt mich mit ihm als Eure Tochter. Lasst mich als eine der Elenden in Eurer Gegenwart bleiben, als wahres Kind des Hofs der Wunder, und ich werde Euch alle meine Tage dienen.«

Der Monsieur wirft Tomasis einen Blick zu, und dieser nickt.

Der gepuderte Mann tritt vor und räuspert sich. »Wie ist dein Name?«, intoniert er.

»Ich habe keinen, bis mein Vater ihn verkündet hat.«

»Wer ist deine Mutter?«

»Ich habe keine Mutter außer der Stadt.«

»Und wer ist dein Vater?«

»Ich habe keinen Vater außer dem Herrn der Diebe.«

Der Monsieur hebt den Kopf und sieht die Diebe im Saal an, bevor er fortfährt. »Heute wirfst du deine irdische Haut ab und wirst in der Dunkelheit für deine Gilde und die Elenden wiedergeboren – deine Familie. Hiernach wird man dich bei deinem wahren Namen rufen …«

Er hält inne und wirft Femi einen Blick zu, der den Kopf hebt und sagt: »Schwarze Katze der Gilde der Diebe, Tochter von Tomasis, Kind des Hofs der Wunder. Möge man deine Lieder für alle Ewigkeit singen.«

»Möge man deine Lieder für alle Ewigkeit singen.« Die Worte hallen mir in den Ohren, als hundert Stimmen sie um mich herum wiederholen.

Tomasis bedeutet mir aufzustehen. Ich erhebe mich und bringe ihm den Talisman. Er beugt sich vor und senkt den Kopf. Ich lege die schwere Kette um seinen Hals. Der Stein findet seinen Platz an seiner Brust und schimmert trotzig gegen die Rubine und Diamanten darunter an.

»Von diesem Tag an werde ich dein Vater sein«, sagt Tomasis. »Du bist durch Knochen und Eisen an mich gebunden. Ich zeichne deine Haut, und du wirst niemanden außer mir über dir akzeptieren.«

»Vielen Dank, Vater«, erwidere ich. Im Augenwinkel sehe ich eine in Seide gekleidete dünne Frau, die sich mit einer Feder und einem Fläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit in den Händen nähert.

»Von diesem Tag an werde ich dich vor allem beschützen, und du wirst mir nach dem Gesetz des Hofs der Wunder in allem dienen und alles ertragen.«

»Das werde ich, mein Gildenherr.« Ich bemühe mich, nicht zu erstarren, als die Frau neben mir stehen bleibt. Sie drückt meinen Kopf zur Seite und entblößt meinen Hals. Mit einer erstaunlichen Schnelligkeit und einem brennenden Schmerz zeichnet sie etwas in die weiche Haut hinter meinem Ohr.

»Von diesem Tag an wird dir die Gilde der Diebe Bruder und Schwester sein, und du wirst ihr dienen und sie niemals verraten.«

Blutstropfen bilden sich unter der Feder der Frau; ein metallischer Geruch liegt in der Luft, als sie fertig ist. Es schmerzt.

Das Zeichen ist ein Diamant. Das weiß ich, denn ich habe Thénardiers Zeichen gesehen, als er nach einem betrunkenen Wutanfall besinnungslos auf dem Boden lag.

»Kleine Katze, es geschieht nicht oft, dass ich mit einer so wertvollen Gabe geehrt werde.« Tomasis hält den Talisman auf der Hand und dreht ihn, damit er das Licht einfängt. »Wenn du möchtest, mache ich dir ein Geschenk. Bitte mich um etwas, und es soll dir gehören.«

Femi zuckt zusammen. Ich spüre seine Warnung und ignoriere ihn.

»Ich wünsche mir, dass Ihr meine Schwester rettet«, sage ich eilig, »dass Ihr sie unter Euren Schutz stellt wie mich.« Ich halte den Atem an und versuche, nicht zu hoffen.

»Sie retten?«, fragt Tomasis. »Wovor muss sie denn gerettet werden?«

Die Worte wiegen schwer in meinem Mund. »Sie wurde verkauft …«

»Verkauft? Das ist in der Tat beklagenswert. Thénardier hat das erlaubt?«

Ich beiße mir auf die Lippe. Mein Vater ist in der Gilde der Meister der Tiere. Ich wage es nicht, schlecht von ihm zu sprechen. Nicht an diesem Ort.

»Ich verstehe.« Tomasis runzelt die Stirn, denn mein Schweigen ist offensichtlich Erklärung genug. »Er hat die Münzen immer schon übermäßig geliebt.« Tomasis berührt seine Kette, denkt nach. »Man kann sie zurückkaufen. Aber denke über Folgendes nach, Kleines. Was ist, wenn der Käufer sie nicht verkaufen will?«

Mit einem wilden Funkeln erwidere ich seinen Blick. »Dann gibt es jemanden, den ich tot sehen will.«

Tomasis lacht, und der Saal lacht mit ihm. Nur Femi schüttelt energisch den Kopf und versucht meine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Wie blutdürstig von dir. Dabei bist du ein so kleines Ding.«

Das Gelächter gefällt mir nicht. Ich habe das Falsche gesagt, und sie finden es lustig.

»Tötet ihr keine Menschen?«

Tomasis lächelt breit. »Für gewöhnlich nicht«, antwortet er. »Aber ich kenne andere, die ziemlich gut darin sind, den Tod zu bringen. Also verrate mir, wer hat sie sich genommen? Sage seinen Namen, und es wird getan.«

Femi gibt einen erstickten Laut von sich.

»Wie ich gehört habe, nennt man ihn Kaplan.«

Abrupt herrscht Stille im Saal. Femi steht wie erstarrt neben mir.

Tomasis erhebt sich mit der gefährlichen Anmut einer Dschungelbestie und hat mich mit zwei Schritten erreicht. Der Schlag kommt aus dem Nichts. Ich stürze zu Boden. Als ich mich mühsam auf die Knie erhebe, versuche ich das Brennen in meiner Wange und den kalten Stein unter meinen Fingern zu ignorieren.

»Bitte!« Femis Stimme ist schrill und drängend. »Sie weiß nicht, wer Kaplan ist.«

Die Stille im Saal hält an. Niemand wagt, einen Laut von sich zu geben.

»Du bringst die Feinde des Tigers in mein Haus?« Tomasis’ Miene ist finster, als er Femi diese Frage stellt. »Du bringst mich dazu, sie als mein Kind aufzunehmen?«

»Verzeiht mir, Herr. Sie weiß nicht, worum sie da bittet!«, erwidert Femi scharf. Seine Worte sind wie eine Klinge, die Tomasis’ Zorn pariert und von sich fernhält.

»Warum bringst du sie dann zu mir?«, brüllt Tomasis. »Warum sollte sie mich bitten, ihn zu töten?«

Die Frage hallt von den Wänden. Jeder hört aufmerksam zu.

Ich versuche nicht zu zittern, nehme tiefe Atemzüge, um mich zu beruhigen. »Vat… Thénardier hat ihm meine Schwester verkauft«, rufe ich und richte den Blick auf eine Stelle vor seinen Füßen, versuche die Angst aus meiner Stimme fernzuhalten.