Der Honig und der Stachel - Walter L. Rothschild - E-Book

Der Honig und der Stachel E-Book

Walter L. Rothschild

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Beschreibung

Ein kritischer und amüsanter Wegweiser durchs Judentum

- Ein Buch nicht nur für Juden, die mehr über ihren eigenen Glauben wissen wollen
- Eine kompetente, umfassende und unterhaltsame Einführung in den jüdischen Alltag

Im Judentum gibt es nicht nur »Milch und Honig«, die Wirklichkeit sieht anders aus: Es gibt Brüche und Widersprüche, häufig besteht eine Kluft zwischen Theorie und Wirklichkeit und oftmals existieren verschiedene »richtige« Formen. Doch jeder, der sich für das Judentum interessiert oder seine jüdischen Wurzeln besser verstehen möchte, sollte lernen, was zu beachten und zu bedenken ist.
Walter Rothschild zeigt in seiner kritischen Einführung, wie das Judentum »funktioniert«. Darum stellt er die vielen kleinen Dinge des jüdisches Fest- und Alltages ins Zentrum. In tiefer Liebe zur Tradition des liberalen Judentums und im heiteren Wissen um die Unzulänglichkeiten des allzu Menschlichen ist sein Werk ein hilfreicher und unterhaltsamer Wegweiser in und durch das jüdische Leben

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Seitenzahl: 735

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
 
Geleitwort
Einleitung
Bemerkungen eines Rabbiners zum Glauben
 
I. Die Synagoge und häuslicher Gottesdienst; Schabbat
1. Innenansichten der Synagoge
2. Der Gottesdienst in der Synagoge
 
Copyright
Geleitwort
Dieses Werk ist aus Hingabe zum Judentum und in einem sehr umfassenden Rahmen verfasst. Es hat - auch, wenn der Verfasser dies bescheiden zurückweist - einen enzyklopädischen Charakter. Es folgt bewusst den Prinzipien und Lebensformen des religiösen, doch nicht-orthodoxen Judentums und richtet sich an alle Juden, die von ihrem Glauben mehr wissen wollen, ist aber speziell für Kandidaten zum Übertritt ins (liberale) Judentum bestimmt, deren Probleme und Pflichten in einem Schlusskapitel eingehend dargestellt werden.
Perioden der Vergangenheit, Lehren und Tradition, werden z. T. sehr detailliert dargestellt und mit den Lebensformen des neuzeitlichen, liberalen Judentums in Verbindung gebracht. Das Judentum wird so sichtbar als eine Einheit, die sich zugleich in pluralistischer Weise entfaltet und so die Zeiten, Orte, so wie die neuzeitlichen Erkenntnisse und Lebensformen im Zusammenhang mit Tradition und individuellem Brauchtum in sich aufnimmt. So werden in diesem Werk die Verschiedenheiten innerhalb verschiedener Gemeinden und Gruppen verständlich, wobei Tabellen und andere Darstellungsmittel sehr nützlich sind.
Rabbiner Rothschild hat ein Werk verfasst, das Konzentration fordert, das zu lesen aber lohnt, denn es kann in der Tat sowohl Juden, die mehr wissen wollen, wie Kandidaten zum Übertritt nützlich sein und Leser aus beiden Gruppen zu lebenslangem Lernen führen und anleiten.
 
Im Juni 2009
Rabbiner Dr. Leo Trepp
Einleitung
Was will dieses Buch? In seinen wesentlichen Teilen entstand es über mehrere Jahre hinweg als Lehrmaterial für Erwachsene, als ich in der Gemeinde von Leeds in England tätig war. Es ist bestimmt für Juden, die mehr über ihr Judentum wissen wollen, ebenso wie für nichtjüdische Ehepartner und Menschen, die zum Judentum konvertieren möchten. Es stellt den Versuch dar, ihnen Dinge zu vermitteln, die man wissen sollte, um sich in einer liberalen jüdischen Gemeinde zurechtzufinden. Es ist eher als Ergänzung zu bereits vorliegenden Büchern gedacht, als dass es beansprucht, diese zu ersetzen.
Gleichwohl stellte sich heraus, dass Bücher über das liberale Judentum vor allem die Erfahrung amerikanischer Reformgemeinden widerspiegeln. Andere »Einführungen in das Judentum« geben ausschließlich die orthodoxe Sicht wieder - mit Beschreibungen, wie traditionell jüdische Familien leben (sollen) oder mit Bildern, die nur Männer beim Gebet zeigen. Außerdem gibt es eine Menge Bücher über das Judentum, aber nur wenige befassen sich mit Fragen des alltäglichen Gemeindelebens, etwa: Wer kann daran teilhaben? Wie funktioniert eine Synagoge? Wer unterhält sie? Was geschieht hinter den Kulissen? Was gehört noch zum jüdischen Lebensvollzug jenseits öffentlicher Rituale wie Hochzeiten oder Beerdigungen?
Jemand, der als Erwachsener in eine jüdische Gemeinde hineinwachsen will, muss sich einen bestimmten Jargon zulegen, sollte in der Lage sein, in einer jüdischen Zeitung zwischen den Zeilen lesen und sich in einem Gespräch im Lebensmittelladen behaupten zu können. Er muss sich damit auseinandersetzen, falls sein Kind in der Schule dafür angegriffen wird, jüdisch oder auch nicht jüdisch genug zu sein. All dies gehört zum jüdischen Alltag und wird von denen, die schon lange in der Gemeinde sind, für gegeben hingenommen. Es taucht deshalb nicht in Büchern für eine allgemeinere Leserschaft auf. Die verschiedensten Menschen mögen dieses Buch zur Hand nehmen, die mehr wissen wollen - manche aus christlichem Umfeld, einige als Atheisten, andere mit jüdischem Hintergrund. Manche mögen Deutsche sein, andere aus den Staaten der früheren Sowjetunion.
Dieser Wegweiser wurde ursprünglich auf Englisch mit Unterstützung des Rabbinatsgerichts der Reformgemeinden in Großbritannien veröffentlicht und fand bei vielen Kollegen und Gemeinden Anklang. Um es auch für die Erwachsenenbildung und die Vorbereitung von Konvertiten in Deutschland nutzen zu können, wurde es u. a. von Caroline Bechhofer,
Esther Kontarsky, Anna Schmidt, Franziska Werner und Lara Zilberkweit übersetzt. Darüber hinaus wurde es einer gründlichen Revision und Erweiterung unterzogen, um es den Bedürfnissen der deutschen Gemeinden am Beginn des 21. (säkularen) Jahrhunderts anzupassen. Das bedeutet, das jüdische Leben in Europa zu erklären, wie wir es heute vorfinden - nicht nur, wie es zu biblischen Zeiten oder im Mittelalter war. Ein besonderes Problem für jene, die sich als Erwachsene bemühen, das Judentum zu verstehen, ist die Frage: »Wie macht man das richtig?« - zu beten, einen Tallit umzulegen, einen Segensspruch zu sagen, den Schabbat oder die Feiertage einzuhalten. Das bezieht sich nicht allein auf Rituale. Es gibt viele Menschen, nicht nur in Deutschland, die es gern haben, wenn ihnen genau gesagt wird, was zu tun ist, und die eine Reihe von Vorschriften wünschen. Sie suchen nach einer einfachen, aber umfassenden Liste von Halachot, die dem gläubigen Juden, der die Gebote befolgt, sagt, was zu beten ist und wann und wie, seltener: warum.
Aber das Problem besteht darin, dass das Judentum viele Facetten hat und es oft verschiedene Arten gibt, etwas »korrekt« zu tun. Ein denkender Mensch sollte die unterschiedlichen Zugänge kennen und seine eigene Wahl treffen. Es gibt verschiedene Liturgien, selbst innerhalb der traditionellen Synagogen. Nebenbei: Das Wort »orthodox« wird oft falsch gebraucht, da sich die Orthodoxie erst in Reaktion auf die Reformbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts herausgebildet hat als eine Form der jüdischen »Gegenreformation«. Raschi und Maimonides und Ibn Esra und Jehudah Halevy waren keine »orthodoxen Juden«, sondern Kinder ihrer Zeit, die ihren Intellekt und ihre Kreativität nutzten, um neue Zugänge und Analysen zu entwickeln und nicht bloß zu versuchen, unverändert an alten Formen festzuhalten. Die Gebetbücher der sephardischen Gemeinden weisen etliche Unterschiede in Form und Inhalt auf, selbst bei so zentralen Gebeten wie dem Kaddisch, und auch ihre Rituale sind verschieden. Wenn man also annähme, dass allein der aschkenasische Gottesdienst der einzig wahre sei, wäre das ziemlich töricht - auch wenn das innerhalb einer bestimmten Gemeinde vielleicht der einzig angebotene ist. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erwarb der Verfasser das neue israelische »Standard«-Gebetbuch Rinat Jisrael - in fünf verschiedenen Fassungen (aschkenasisch und sephardisch für Israel, aschkenasisch und sephardisch für die Diaspora sowie die Version für die Edot Misrach, die Juden aus arabischen Ländern). In Berlin wird der Siddur Avodat HaSchem von der sephardischen Gemeinde genutzt. Der Seder HaTefillot, das Gebetbuch für Schabbat, Wochentage und Pilgerfeste, ist vor allem in den liberalen jüdischen Gemeinden in Deutschland verbreitet. Er ist eine Überarbeitung der englischen Reformliturgie, beruhend auf aschkenasischen und sephardischen Traditionen des 19. Jahrhunderts. Die Siddurim Sch’ma Kolenu und S’fat Emet folgen eher einem konservativ-orthodoxen Ritus, der Siddur S’fat Emet arbeitet in Fußnoten zahlreiche Unterschiede zwischen polnischen und deutschen aschkenasischen Bräuchen heraus usw.
Alle Gemeinden entwickeln ihre eigenen Minhagim, ihre Bräuche. In der einen Synagoge steht man auf, um das Sch’ma zu sagen, in einer anderen bleibt man sitzen. In einer Synagoge geht man während des Gottesdienstes umher und redet miteinander, in einer anderen bleiben alle diszipliniert in den Reihen sitzen, in einigen gibt es mehr Musik, in anderen mehr Stille. Wenn man nach dem Warum eines Brauches in einer bestimmten Synagoge fragt, bekommt man meist zur Antwort: »Tradition!« Aber - es ist nur eine Tradition, nicht die gesamte, und andere bestehende Traditionen sind genauso legitim.
Darum zielt dieses Buch nicht darauf zu sagen, was zu tun ist - allein darauf fußend, was gerade in einer einzigen bestimmten Synagoge üblich ist -, sondern es will zeigen, wo Vielfalt möglich ist und Alternativen genauso berechtigt sind. Es soll Sie befähigen darüber nachzudenken, warum Sie ein bestimmtes Gebet sagen wollen und weshalb es geschrieben wurde, warum Sie einen bestimmten Ritus ausführen wollen und die Ursachen und Bedeutungen verschiedener Themen und Vorstellungen zu bedenken. Dieses Buch will Fragen stellen und Antworten geben gleichermaßen. Es richtet sich an Erwachsene - manche, die sich erstmals ernsthaft mit dem Judentum befassen, vielleicht weil sie zuvor keine Gelegenheit hatten, als Juden aufzuwachsen, oder auch weil sie die bewusste Entscheidung getroffen haben, Juden werden zu wollen. In jedem Falle wird vorausgesetzt, dass Erwachsene selbst denken und Entscheidungen treffen können. Es werden verschiedene grundlegende Themen behandelt - entweder in systematischer Form oder als allgemeine Abhandlung. Aber es verhält sich hier genauso wie mit biblischen Texten: Es ist nicht alles enthalten - das Geheimnis liegt oft eher darin zu fragen, was fehlt und warum.
Zu einem gewissen Grad repräsentieren alle Religionen die menschliche Suche nach Bedeutung im Universum. Viele der Grundgedanken werden von vielen, wenn nicht allen Religionen geteilt: Vorstellungen von Opfer und Opfergabe, von Gebet und Meditation, von Selbstkritik und der Kritik anderer. Sie stellen Versuche dar, soziale Strukturen zu bilden, die Selbstkontrolle und Selbstdisziplin fördern sollen, die Sorge um andere, den Fortbestand der Familie und die Sicherheit. Man kann also betonen, was die Religionen vereint - oder was sie unterscheidet und trennt. Dieses Buch beabsichtigt, letzteres zu tun: das Judentum zu erklären, manchmal im Kontext seiner Beziehung zu anderen Religionen, an anderer Stelle im Kontext der europäischen Moderne, oder aus meiner rein persönlichen Perspektive als Rabbiner, der in mehreren Gemeinden in verschiedenen Ländern gearbeitet hat.
Das Judentum hat immer Diskussion und Debatten erlaubt, daher ist das, was hier vorgestellt wird, kein Dogma, sondern eine Einführung, ein »Zugang«, der dem Leser ermöglichen soll, ein bißchen von dem zu verstehen, worüber debattiert wird und selbst an dieser Debatte teilzunehmen. Kritisches Denken ist wichtig. Jeder Jude und jede Jüdin ist unabhängig und steht allein vor Gott; zur selben Zeit jedoch sucht jeder andere, die genügend wesentliche Gemeinsamkeiten teilen, um eine Gemeinschaft zu bilden. Jeder Jude und jede Jüdin sollte danach streben, das ganze Leben lang weiter zu lernen. Wir haben aber keine Päpste, keine lehramtlichen Kommissionen, keine Dogmen - niemand schreibt uns vor, was wir denken sollen. Im Judentum gibt es vielmehr eine lebendige Tradition, mit den Texten zu arbeiten - und manchmal sogar gegen sie -, nach Schlupflöchern zu suchen, die Texte entweder strenger oder freier auszulegen und neue Kommentare zu schreiben.
Wie dem auch sei, die »reale Welt« ist nicht immer so offen und ideal, wie die Tradition es erlauben würde. Das moderne Judentum wird von allen Seiten und auch von innen heraus angegriffen. Wir können Tendenzen hin zu extremem Nationalismus oder Universalismus beobachten, zionistische wie nichtzionistische und antizionistische Positionen ausmachen, wir finden Versuche, das Judentum mit Christentum und Buddhismus (sowie dem Islam) zu synthetisieren oder eher die soziale Fürsorge und ethische Ideen zu betonen, die religiöse Komponente zu reduzieren und so einen säkularen Sozialismus zu schaffen. Es gibt Juden, die seit den Geschehnissen der Schoah nicht mehr glauben, und es gibt Juden, die vertrauen, aber nicht wissen bzw. glauben, ohne den Grund dafür zu kennen. Es gibt den zielgerichteten (und sehr erfolgreichen) Versuch einiger, das Judentum in eine Art Nostalgie des osteuropäischen 18. Jahrhunderts zurückzuführen, eine Religion, die an Disneyland erinnert und angereichert ist mit heiligen Helden und bösen Schurken.
Letztlich versucht dieses Buch daher, eine persönliche Annäherung an das Judentum anzubieten - die Annäherung, die im Großen und Ganzen von liberalen Juden zu Beginn des 21. christlichen Jahrhunderts auf einem Kontinent unternommen wird, der so viele Male durch religiösen und nationalistischen Hass zerstört wurde, dass man immer auf Ruinen und Erinnerungen baut - und doch nicht in diesen Ruinen und Erinnerungen leben kann. Möglicherweise enthält dieses Buch Elemente, die Sie als Leser schockieren oder enttäuschen oder aufregen, aber das ist gut. Möglicherweise stimmen Sie mit Dingen in diesem Buch nicht überein - gut, denn Sie als Leser sind willkommen, das Buch anzuschreien, die Seitenränder zu bekritzeln und es sogar wegzuschmeißen (sofern Sie es vorher erworben haben!). Aber denken Sie über das Geschriebene nach und darüber, warum es geschrieben wurde - und denken Sie darüber nach, was ausgelassen wurde, was zwischen den Zeilen steht.
Das Buch ist vorrangig dazu bestimmt, denen, die das Judentum annehmen wollen, als Textbuch zu dienen, um ihren Weg ins Judentum oder dorthin zurück zu finden. Aber es ist auch für andere bestimmt: für die, die mit den Inkonsistenzen und Widersprüchen kämpfen, die das Judentum heute mit sich bringt, einer Mixtur aus Altem und Modernem, aus Ausschluss und Offenheit, aus Begrenzung und Grenzenlosigkeit. Das Buch beabsichtigt, Sie über den Glauben zu unterrichten, ohne Sie zum Glauben zu zwingen. Es beabsichtigt ebenso, Ihnen zu zeigen, was Sie nicht glauben sollten, indem es Aberglaube, Neurosen und den verbreiteten Missbrauch von Religion aufdeckt. Aber es ist kein Kol Bo - kein Buch, das Alles enthält. Genau das Gegenteil ist der Fall, man könnte ganze Bibliotheken mit Alternativen füllen. Falls das Lesen dieses Buches Sie dazu anregt, in einen Buchladen oder eine Bibliothek zu gehen und auch andere Bücher übers Judentum zu suchen - um zu vergleichen und zu reflektieren -, dann war es erfolgreich.
 
Am Ende des Buches befindet sich ein ausführliches Glossar. Bibelzitate, soweit nicht anders vermerkt, sind zitiert nach: Gunther W. Plaut (Hg.), Die Tora in jüdischer Auslegung. Autorisierte Übersetzung und Bearbeitung von Annette Böckler, Bd. I-V, Gütersloh 2000, nachfolgend zitiert als »Plaut«.
Schalom!
 
Landesrabbiner Dr. Walter Rothschild
Bemerkungen eines Rabbiners zum Glauben
Was ist Glaube? Er könnte als die Fähigkeit beschrieben werden, ohne einen Beweis auszukommen. Ist das Naivität? Ein rationaler Verstand sucht den Beweis - in der Natur, der Geschichte, der Wissenschaft oder im Schicksal - und wird daraus seine Schlüsse ziehen. Ein glaubender Verstand wird dies ignorieren und entscheiden: »Trotz all dieser Beweise möchte ich noch immer glauben.« Das Judentum birgt eine Kombination dieser beiden einander widersprechenden Ansätze in sich. Wir ignorieren den Beweis unserer Leiden nicht. Wir betrauern und beklagen sie, wir erinnern uns ständig an so viele Tiefpunkte in unserer Vergangenheit - das babylonische Exil, die Zerstörung unserer beiden Tempel, die Vernichtung unserer Monarchie und Eigenstaatlichkeit, unseres Heimatlandes und unserer Sicherheit. Wir rufen uns die Jahre der Sklaverei in Ägypten ins Gedächtnis, die Jahre der Wanderung in der feindlichen Wüste, von potentiellen Angreifern umgeben. Wir gedenken eines Anlasses - eines unter vielen -, als ein König und sein gesamter Staatsapparat dazu bereit waren, den totalen Genozid an ihren jüdischen Einwohnern zu verüben. Wir erinnern uns der Kreuzzüge und der Inquisition, die im Namen Gottes verübt wurden, der Pogrome und der Katastrophen, die in die Schoah mündeten (aber keinesfalls auf diese beschränkt sind). Wir beobachten eine gegenwärtige Welt, in der Juden offiziell in drei Vierteln der Erdoberfläche und inoffiziell im Rest unwillkommen sind und auf dem winzigen Flecken Land, den sie wider Erwarten nach jahrhundertelanger Heimatlosigkeit erwerben konnten, stetig um ihre bloße Existenz kämpfen müssen.
Menschen, die sich zum Judentum hingezogen fühlen, mögen dies aus allen möglichen Gründen tun, aber früher oder später müssen sie sich mit diesem Widerspruch auseinandersetzen. Nicht wenige - besonders die, die in warmen christlichen Gemeinschaften aufwuchsen - sehen im Judentum etwas Wundervolles, Positives, das mit Liebe, familiärer Stabilität, einer engen und liebenden Beziehung zu Gott ausgestattet ist. Von innen jedoch sehen Judentum und jüdisches Leben gewöhnlich ganz anders aus. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass potentielle Konvertiten sich Zeit nehmen sollten, hinter diese oberflächlichen Vorstellungen zu sehen und die Realität dahinter zu erkennen.
Das Judentum hat immer ein Element des Haderns mit Gott beinhaltet - manchmal respektvoll, manchmal versteckt, manchmal offen, aber vorhanden. Der Name Jisrael selbst bedeutet »Der mit Gott streitet«. Abraham streitet mit Gott, dass Gott nicht überreagieren sollte wie ein gleichgültiger, nicht differenzierender Tyrann, der eine ganze Stadt auslöscht, wenn auch eine böse, ohne überhaupt darüber nachzudenken, ob jeder und jede Einzelne in der Stadt dies verdient. Das impliziert, dass sich Gott ohne Abrahams Einmischung nicht einmal bemüht hätte zu prüfen. (Der Midrasch kritisiert Noah, nicht dieselbe Stellung bezogen zu haben, als Gott eines Tages entscheidet, nahezu alle auszulöschen und von vorn zu beginnen.) Auch Mose wird bei vielen Anlässen mit Gott streiten müssen, Gott beruhigen müssen, Gott überzeugen müssen, den Erwartungen angemessen zu handeln, die Menschen, menschliche Wesen, an das Göttliche richten … Fast alle, die im Tenach erwähnt sind, hatten ein Problem mit Gott, angefangen mit Adam. Abraham wird von Gott gerufen, der ihm befiehlt, sein Heim zu verlassen, ohne ihm genau zu sagen, wo er sich niederlassen soll; der ihn in ein Land bringt, in dem er sich nie zu Hause fühlt; ihn wegen einer Hungersnot erneut zu gehen heißt und voller Furcht in der Aufnahmegesellschaft leben lässt; ihm Jahre in Qual ob seiner eigenen Kinderlosigkeit verbringen lässt, damit er schließlich ein Heim hat, das von Zwietracht und Eifersucht geprägt ist. Der ihm befiehlt, einen Sohn in der Wüste dem sicheren Tod zu überlassen, und dann auch noch den verbleibenden mit eigener Hand zu schlachten. Der seine Frau vor ihm sterben lässt, so dass er verhandeln muss, um ein Grab für sie zu erwerben … Isaak muss erleiden, fast in Gottes Namen ermordet zu werden; verbringt dann Jahrzehnte in bitterer, unfruchtbarer Ehe, bevor er Zwillinge zeugt, deren Konflikte sein Alter stören; Jakob handelt mit Gott und versucht, Gott zu manipulieren und ist schließlich gezwungen, sich gegen seinen Schwiegervater zu stellen, in ständiger Angst vor seinem Bruder zu leben, seinen Lieblingssohn zu verlieren und ständig Mühe zu haben, den Zusammenhalt unter seinen kämpferischen und konkurrierenden Söhnen zu wahren. Mose wird in einer Zeit großer Furcht und Gefahr geboren, weil Gott irgendwie »vergessen« hat, dass er die Nachkommen Jakobs einige Jahrhunderte zuvor nach Ägypten gebracht hat, und erst, als die Israeliten ihre ermordeten Kinder beweinen, »hört« Gott und »erinnert sich« … Mose hat eine unglückliche und wechselvolle Kindheit, bleibt ein »Außenseiter«, muss um sein Leben fliehen und ein neues Leben als Flüchtling beginnen, um dann von dort und seiner Familie fortgerufen zu werden; um die letzten vierzig Jahre seines Lebens ein Volk, das keine Anzeichen erkennen lässt, geführt werden zu wollen, zu einem Ort zu führen, den er nie gesehen hat und nie sehen wird.
Indem er Abraham und seinen Nachkommen ein Land versprochen hat, das bereits bewohnt ist, muss Gott die Israeliten unter Josua ermutigen, zu kämpfen und das Gebiet zu erobern, es dann zu teilen und zu regieren … statt es ihnen einfach zu »schenken«. Und schließlich steht die Frage im Raum, wie die Kanaaniter selber ursprünglich dorthin gelangt sind: fanden sie ein leeres Gebiet vor oder hatten sie ihre eigenen Vorgänger vertrieben? Das bleibt bis in die heutige Zeit eine politische Streitfrage - wer hat das »Recht«, wo zu sein? Das Volk entscheidet nach einigen Jahren des administrativen Chaos, dass es eine zentralisierte Monarchie und ein dynastisches System bevorzugen würde - Samuel ist nicht erfreut darüber, aber Gott stimmt dem zu, nur sucht Gott jemanden aus, Saul, der sich als unpassend für den Job erweist und seine Dynastie nicht behaupten kann. Schließlich übernimmt David das Zepter, nach einem Leben voller Intrigen, Betrug und Gewalt, hat eine Zeitlang Erfolg dabei, ein Königreich zu etablieren; aber auch er leidet unter einem Privatleben voller Verrat und Brudermord. Er verliert viele seiner Kinder und wird, als er alt und schwach ist, schließlich überzeugt, die Thronfolge an einen Sohn zu vererben, der erst später als »weise« beschrieben wird, vielleicht, weil er nicht kriegsliebend ist, und der, trotz seiner Weisheit, nicht einmal in der Lage ist, seine Nachfolge zu regeln (1. Könige 11 und 12). So wird das Königreich geteilt und die nächsten Generationen verbringen ihr Leben damit, sich gegenseitig zu bekämpfen … bis, innerlich geschwächt und fremden Allianzen unterliegend, vor denen die Propheten erfolglos warnen, die benachbarten Supermächte erst die eine Hälfte überwältigen (die zehn Stämme, die aus der Geschichte verschwinden) und dann die andere, die ins Exil gehen und nach der Rückkehr seine Strukturen von neuem etablieren muss …
Muss man das alles nur so negativ sehen? Alles, was beschrieben wurde, steht in der Bibel - es kommt nur darauf an, wie man es betrachtet. Das Christentum ist auf dem Glauben an einen Gott begründet worden, der bereit ist, seinen eigenen Sohn zum Tod durch Folter zu verdammen; das Judentum kann das nicht akzeptieren und ist trotzdem auf dem Glauben an einen Gott begründet, der so viele Male seinen Gläubigen zugemutet hat, Exil, Raub oder Tod zu erleiden. Die Propheten (wir haben keine Heiligen, Theologen oder Dogmatiker, nur Propheten, die nicht selbst gewählt hatten, Boten zu sein, und später Rabbiner, die über die Jahrhunderte versuchten, all dies zu verstehen und den Sinn zu erschließen) erklären manchmal, dass bestimmte Ereignisse auf Gott zurückzuführen sind, der eine Strafe schickt, manchmal streiten sie mit Gott, dass die Strafe unverdient oder zu hart ist, und manchmal haben sie gar keine Antwort. Man muss einfach weitermachen.
Es gibt innerhalb des Judentums Gruppen, die ihre Anhänger ermutigen, ohne zu fragen und kritisch zu denken, alles hinzunehmen, was ihr Rebbe ihnen erzählt, und zu glauben, dass die Ausübung bestimmter Rituale auf irgendwie magische Weise Gott dazu bringen wird, auf eine bestimmte Art und Weise zu reagieren.
Es gibt innerhalb des Judentums auch Gruppen, die ihren Anhängern erzählen, sie müssten an gar nichts glauben, dass »jüdisch sein« allein ausreiche, dass man säkular, humanistisch, politisch oder kulturell aktiv sein könne, ohne religiös involviert zu sein. Deren Einstellung könnte folgendermaßen zusammengefasst werden: »Warum musst du glauben? Reicht es nicht aus, jüdisch zu sein?«
Das liberale Judentum hingegen verlangt von seinen Anhängern sowohl einen fragenden und analytischen Verstand als auch die Fähigkeit, diesen zu ignorieren bzw. diesen, wenn nötig, an- und auszuschalten. Wenn man ein Gebet oder einen Psalm liest, die Phrasen wie »Gott liebt sein Volk Israel« oder »Gott wird jene, die auf ihn vertrauen, nicht leiden lassen« oder »Erneuere unsere Tage, wie sie gewesen sind« enthalten, muss man den Teil seines Verstandes, der sagt: »Ist das wirklich wahr? Wo ist der Beweis dafür?« ausschalten, damit man mit dem Gebet fortfahren kann. Wenn Ihnen etwas Schreckliches geschieht - ein Verlust, ein Unglück, eine schreckliche Krankheit - ist es nicht gut zu erwarten, dass ein Rabbiner in der Lage wäre, ein Buch durchzublättern und eine logische, vernünftige und bedeutungsvolle Antwort für das zu finden, was Ihnen geschehen ist.
Wir wissen nicht, warum die Guten jung gestorben sind, warum Kinder ermordet wurden, warum unschuldige Menschen, die ihr Bestes geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, enteignet, verletzt und aus ihrem Heim vertrieben wurden und werden. Wir wissen nicht, warum so viele sonst intelligente Menschen scheinbar geglaubt haben, dass Gott - derselbe Gott, an den wir glauben - ihnen befohlen hat, uns das anzutun. Es gab keine tiefe, himmlische Stimme, die ihnen gesagt hätte aufzuhören. Wir wissen nicht, warum jene, die die Gültigkeit aller Religionen verleugnen, zuerst wählten, uns zu verfolgen. Wir wissen nicht, warum Menschen uns offensichtlich hassen, weil sie denken, wir seien so unglaublich stark und mächtig, dann aber keine Angst zu haben scheinen, uns verbal und physisch anzugreifen, so als ob wir es nicht wären. Wir wissen nicht, warum Menschen den Fakt, dass wir verfolgt worden sind, als Beweis dafür nutzen, dass es einen Grund geben muss für diese Verfolgung - also das Opfer tadeln, Opfer zu sein - und daraus herleiten, dass dieser Grund noch immer Gültigkeit besitzt, um damit fortzufahren. Wir wissen gar nichts. Wir müssen nur weiter daran glauben, trotz allem, dass hinter all dem ein Ziel steht. Das ist nicht leicht. Das ist Glaube.
Tatsächlich meinen viele jüdische Denker, dass all die Verfolgungen über die Jahrhunderte hinweg sogar eine positive Seite gehabt haben - sie hielten die Juden zusammen - und dass die moderne Toleranz eigentlich zu einer Schwächung der kommunalen und religiösen Strukturen geführt hat. Sie haben womöglich Recht. Das politische Äquivalent zur Assimilation war der Zionismus, als Reaktion auf die sich verändernden politischen Strukturen der westlichen Welt im 19. Jahrhundert. Die Zionisten glaubten, dass die Schaffung eines Staates, in dem Juden zusammen leben und arbeiten können, die »Ghetto-Mentalität« ersetzen würde, wonach Juden sich aneinander klammern, weil niemand anderes sie haben will, sie in ihr Land, ihre Zunft, ihre Universitäten lassen würde. Das hat nur teilweise funktioniert. Nicht alle Juden wollten nach Israel gehen, einige haben es verlassen, viele sind froh, es im Hinterkopf zu haben als möglichen Fluchtweg. Sie würden aber gern vermeiden, an einem Ort zu leben, der in der Perspektive der internationalen Politik wenig mehr als ein vergrößertes Ghetto ist, von seinen Nachbarn gemieden, verhöhnt und bespuckt von der internationalen Gemeinschaft. Es ist eine tragische Ironie, dass der Versuch der Juden, »normal« zu werden, indem sie ihr eigenes Land haben, in gewisser Weise eine Fehlzündung war. Wundervolle Ideale, riesige Kraftanstrengungen, viel Liebe und viel Blut sind investiert worden; es hat wunderbare Entdeckungen gegeben und große Erfolge. Aber der Preis ist hoch gewesen, sehr hoch, für viele sogar zu hoch.
Wie gehen Juden mit all diesen Widersprüchen um? Das ist unmöglich zu sagen. Jeder Jude reagiert anders, abhängig von seinem eigenen Hintergrund, Erziehung, Lebenserfahrung, Charakter u. a. Aber jeder, der ein religiöses Judentum leben will oder überhaupt erst freiwillig wählt, ins Judentum einzutreten, muss sich darüber klar werden, dass dies keine »einfache Wahl« ist, dass man auf diese Weise nicht »näher zu Gott« gelangt oder »Gott besser versteht«.
Man darf nicht in dem falschen Glauben konvertieren, dass das jüdische Volk »auserwählt« sei und dass das irgendwie bedeuten würde, es sei »besser« oder »weiser« oder »gerettet«. Man sollte nicht annehmen, dass das Leben irgendwie besser, sicherer, erfüllender wird. Und man darf nicht in dem masochistischen Glauben konvertieren, dass man dann für Gott leidet und dieses Leiden irgendwie von den eigenen Sünden oder denen der Vorfahren oder sonst wem erlöst.
Falls Sie danach suchen, können Sie dieses Buch jetzt genauso gut schließen. Judentum - insbesondere das reflektierende, intellektuell fordernde, ernsthafte Judentum - ist nichts für Verzagte.
I. Die Synagoge und häuslicher Gottesdienst; Schabbat

1. Innenansichten der Synagoge

Das Wort »Synagoge« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Versammlungsort« (hebr. Bet HaKnesset). Synagogen haben auch andere Funktionen: als Bet Midrasch (Ort des Lernens) und Bet Tefillah (Ort des Gebets). Bücherschränke, Kiddusch-Raum, Küche, Toiletten, Garderobe usw. gehören also auch dazu.

1.1 Der Raum

Synagogen können sehr unterschiedlich aussehen. Manche sind eigens für eine Gemeinde errichtet worden, manche sind Umbauten eines Gebäudes, das ursprünglich eine andere Funktion hatte. Einige Gemeinden treffen sich in angemieteten öffentlichen Gebäuden, in anderen Fällen wiederum werden Gottesdienste in Privatwohnungen abgehalten. Gelegentlich wird für Festgottesdienste ein anderer Raum benutzt als für den Gottesdienst an Wochentagen oder an Schabbat. Es gibt keine Einheitlichkeit in Design oder Organisation. Manche Synagogen sind reich ausgeschmückt mit Schmuckfenstern und speziell konstruierten Bänken. Andere wirken eher spartanisch mit einfachen Klappstühlen und wenig Dekor. In einigen Synagogen gibt es an den Wänden Gedenkplaketten in Erinnerung an verstorbene Gemeindemitglieder oder auch an den Holocaust. In manchen werden die Spender einzelner Einrichtungsgegenstände oder Bücher erwähnt, entweder an den jeweiligen Gegenständen selbst oder in einem speziellen Buch.
Die Sitten variieren von Gemeinde zu Gemeinde. In den meisten Synagogen gibt es im Eingangsbereich ein Regal oder einen Tisch, auf dem Gebetbücher (hebr. Siddur, Pl. Siddurim), Bibeln bzw. Chumaschim (die fünf Bücher Mose; Sg. Chumasch), Kopfbedeckungen für die Männer bzw. Jarmulkes (hebr. Kippah, Pl. Kippot) und Gebetsschals (hebr. Tallit, Pl. Tallitot) für Besucher zum Gebrauch ausliegen.
Es ist außerdem üblich, in oder nahe dem Synagogenraum einen Tisch zu haben, auf dem ein Kiddusch verrichtet werden kann, die Segnung von Wein und dazu manchmal ein kleiner Imbiss.
Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass, wo immer es einen brauchbaren Raum gibt und man einen vollständigen Gottesdienst abhalten kann, die folgenden Charakteristika anzutreffen sind:
a. In der liberalen Synagoge wird keine Trennung zwischen der Abteilung für Männer und jener für Frauen vorgenommen, sondern alle sitzen zusammen. In der orthodoxen oder traditionellen Synagoge gibt es eine Mechizah (»Trennwand« oder »Vorhang«), die die Frauen von den Männern trennt, oder eine Empore (oder gar einen separaten Raum). In nahezu allen diesen Fällen haben Frauen eine schlechtere Sicht auf die Vorgänge und größere Schwierigkeiten, den Gottesdienst zu hören, als die Männer. Es gibt einige mehr konservativ als liberal ausgerichtete Synagogen, in denen die Frauen links und die Männer rechts (oder umgekehrt) sitzen.
b. Das Sefer Torah (Pl. Sifre Torah, Buch bzw. Bücher der Torah) befindet sich vorne in einem Schrank, der Aron HaKodesch (Heiliger Schrein) genannt wird. Der Schrein kann besonders geschmückt und auch mit einem Vorhang bedeckt sein, dem Parochet, der selbst oft mit unterschiedlichen dekorativen Symbolen bestickt wird, z. B. mit dem Löwen von Juda, der Krone der Torah oder den Gesetzestafeln. Moderne Designs konzentrieren sich oft auf Naturbilder, z. B. auf die Torah als Baum des Lebens oder Flamme. Während der Hohen Feiertage wird ein weißer Stoff verwendet.
c. Es kann einen Querbehang über dem Parochet geben, oft mit einem passenden Bibelvers bestickt, wie »Wisse, vor wem Du stehst« (Da Lifne Mi Ata Omed) oder »Diene Gott mit Freuden« (Iwdu Et Adonaj BeSimchah).
d. Über dem Schrein ist ein Licht angebracht, entweder in Gestalt einer elektrischen oder einer Öllampe oder gar einer Kerze, das bekannt ist als Ner Tamid (Ewiges Licht), einer symbolischen Erinnerung an das Feuer, das man im Tempel stets am Leben erhielt.
e. Im Schrein werden eine oder mehrere Torahrollen aufbewahrt. Jede Rolle besteht aus aneinander genähten Pergamentstreifen, die wiederum an zwei Rundhölzer genäht sind, die Azej Chajim (Bäume des Lebens, Sg. Ez Chajim). Die Rolle enthält den vollständigen Text der fünf Bücher Mose (Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium; hebr. Bereschit, Schemot, Wajikra, Bamidbar und Dewarim). Der Text ist handgeschrieben von einem eigens dazu ausgebildeten Schreiber (hebr. Sofer). Er ist ohne Vokale oder Punktierung und mit einer besonderen Tinte geschrieben. Die Rolle ist in einen Schutzmantel und einen rituellen dekorativen Silberschmuck gekleidet, (normalerweise) ein Brustschild in Erinnerung an den Hohepriester, und ein Zeiger, Jad (Hand), so genannt, weil er gewöhnlich die Form einer Hand hat und zum Anzeigen der Lesestelle gebraucht wird. Auf diese Weise wird ein unnötiger Fingerkontakt mit den Buchstaben auf dem Pergament der Torahrolle vermieden. Hinzu kommen entweder eine Krone oder zwei Glöckchen auf runden Endstücken für die Spitzen der Azej Chajim. Diese sind bekannt als Rimmonim (Granatäpfel), an die sie in der Form erinnern. Die Rollen in sephardischen Gemeinden hingegen werden normalerweise in hölzerne Schutzkästen gelegt.
f. Der Gottesdienst wird normalerweise von einem Lesepult aus geleitet, welches auf einer leicht erhöhten Plattform steht, der Bimah. In orthodoxen Synagogen steht der Vorbeter auf einer zentralen Bimah und blickt auf den Torahschrein. In den meisten liberalen Synagogen steht der Vorbeter auf einer Bimah vorne und blickt auf die Gemeinde. Aber ein Gottesdienst kann auch in einer informellen Umgebung stattfinden, z. B. zur Schiw’ah-Zeit bei jemandem zu Hause, mit geraden Stuhlreihen oder auch im Kreis während einer Jugendtagung. Man kann flexibel sein. Eine Frage dabei ist, ob der Vorbeter die Gebete als Mitglied der Gemeinde leitet oder ob er als Leiter der Gemeinde spricht. Man kann auch unterscheiden zwischen den Gebeten, die in Richtung des Aron HaKodesch gesprochen werden, und der der Gemeinde zugewandten Predigt. Die Größe des Raums und die Akkustik sind ebenfalls wichtig: Wenn der Vorbeter mit dem Rücken zur Gemeinde steht, kann er dann noch gehört werden? Dies sind alles Angelegenheiten der Tradition, des Brauchtums, aber keine Fragen von »Heiligkeit«.
g. Andere Gestaltungselemente - ob Schmuckfenster oder gotische Türen - sind nur Minhag (Brauch) und normalerweise von der nichtjüdischen Architektur übernommen. Während in der Bibel sehr ausführlich die verschiedenen Heiligtümer (das Mischkan in der Wüste, der Tempel in Schiloh, die Tempel in Jerusalem) beschrieben werden, wie sie gebaut, ausgestaltet und genutzt werden sollen, findet sich dort nichts über Synagogen. Dasselbe gilt für die frühe rabbinische Literatur. Die Synagoge entstand als eine informelle und flexible Alternative zum festen Standort des zentralen Tempels. Bei einer Synagoge ist es Brauch, dass sie möglichst nach Jerusalem ausgerichtet ist. In Europa wurde dies oft »in Richtung Osten« verstanden, weshalb ein Misrach (Osten) in der Gestalt eines Fensters, eines Symbols oder einer Inschrift an der östlichen Wand angebracht wurde. Das war aus architektonischen Gründen nicht immer möglich, und so befindet sich z. B. in der ehemaligen sephardischen Synagoge in Den Haag der Aron HaKodesch an der Südwand, aber das Ner Tamid hängt an der Ostseite, um die ungefähre Richtung von Jerusalem anzugeben. Und natürlich kann Jerusalem abhängig davon, wo auf der Welt man sich befindet, im Norden, Süden oder Westen liegen!
h. Auch das Gemeindeleben spiegelt sich in einer Synagoge wieder. Was vorher genannt wurde, betrifft nur den Betsaal, das Bet Tefillah. Die Synagoge als Bet Midrasch braucht Bücher, eine Bibliothek usw., die Synagoge als Bet HaKnesset braucht eine Küche, Toiletten, Garderobe, Parkplätze … Aber vieles hängt von den Bedingungen des Ortes selbst oder aber von der Größe der Gemeinde ab, und manches ist gar nicht unbedingt notwendig.

1.2 Einige Aspekte des Synagogenlebens

Nachdem wir nun das Innere der Synagoge beschrieben haben, sollten wir einen Blick darauf werfen, wie sie genutzt wird. Synagogengemeinden setzen sich aus Menschen zusammen, die alle ihre eigene Meinung haben. Oft gibt es Diskussionen über die unterschiedlichsten Dinge, die mitunter in hitzigen Streit ausarten, zu größeren Konflikten und zu Spaltungen innerhalb der Gemeinde führen. Erfahrungsgemäß entzünden sich derartige Spaltungen nicht an so »trivialen« Fragen wie »Gibt es einen Gott?«, sondern drehen sich um so bedeutungsvolle Fragen wie »Wer öffnet den Aron HaKodesch?« oder »Warum darf Frau XY immer die Kerzen anzünden?« oder »Sollten wir einem Mann ohne Krawatte erlauben, auf die Bimah zu gehen?« Dieses Buch wird nicht alle diese Probleme lösen können, aber vielleicht doch darauf vorbereiten, was einen in der Synagoge erwartet und in welchem Kontext dies steht.
Im Allgemeinen gibt es in den meisten Religionen unterschiedliche Interpretationen, deren Bandbreite reicht von a) alles ist verboten, auch wenn es eigentlich erlaubt ist; b) alles ist verboten, wenn es nicht eigens erlaubt ist; c) alles ist erlaubt, wenn es nicht eigens verboten ist, bis zu d) alles ist erlaubt, auch wenn es ausdrücklich verboten ist!
Jeder einzelne Jude und auch die Gemeinde wird versuchen, sich irgendwo in diesem Spektrum von Möglichkeiten wiederzufinden. Das liberale Judentum tendiert dazu, sich bei c) zu verorten, aber das wird oft verwechselt - durch unsere Gegner oder durch jene, die Dinge nicht gut genug durchdacht haben - mit der Position d). Dann aber werden diese Leute sehr, sehr böse, wenn der Rabbiner oder die Gemeinde doch »Nein« sagen. Sie haben noch nicht mitbekommen, dass das Wort »Nein« immer noch im liberaljüdischen Wortschatz existiert.

1.2.1.Die Kleidung

Was sollte man während eines Synagogengottesdienstes anziehen? Die Erfahrung lehrt, dass dies in manchen Gemeinden ein größeres Thema sein kann. Die Zeiten, wo jeder seinen »Sonntagsstaat« trug, sind längst vorbei.
Jede Gemeinde ist frei, ihre eigenen Richtlinien aufzustellen. Wir leben in einer zwanglosen, informellen Zeit, viele Leute besitzen nicht einmal einen Anzug oder etwas anderes als Alltagskleidung. Es wird nicht mehr als anstößig empfunden, wenn Frauen Hosen tragen oder Männer ein offenes Hemd. Jeans und Turnschuhe sind gängige Kleidungsstücke. Anstatt also auf überholten Bekleidungsregeln zu bestehen, würden wir empfehlen, diese Frage im Sinne eines gesunden Menschenverstandes und gegenseitigen Respekts zu handhaben. Es gibt angemessene und unpassende Kopfbedeckungen: Ein Hut oder eine Kippah ist das eine, eine Baseballmütze mit einem großen Werbeslogan das andere. Wir erwarten von Frauen nicht, dass sie von Kopf bis Fuß bedeckt sind, aber ein allzu tiefer Ausschnitt oder ein Kleidungsstück, das mehr entblößt als verdeckt, lenken ab. In einer Gemeindeveranstaltung sind individuelle Freiheiten notwendigerweise begrenzt.
Menschen ziehen sich oft auffällig an, um so eine bestimmte Aussage zu treffen. Hier geht es aber darum, dass man sich in der Gemeinschaft versammelt, um einen Gottesdienst abzuhalten, und nicht darum, zu schockieren, eine politische Erklärung abzugeben oder einen Sexualpartner zu finden. Kleidung ist meist eine Frage von Geschmack oder Mode, aber es geht auch darum, dass sich Rabbiner und Kantor (gleich ob männlich oder weiblich) auf ihre Aufgaben konzentrieren müssen, und es ist einfach unfair, sie in einer ohnehin angespannten Situation zusätzlich herauszufordern. Es ist wichtig, die Gefühle anderer Menschen zu respektieren. Respekt ist eine wichtige Mizwah genauso wie Bescheidenheit. Es geht nicht allein darum, dass der- oder diejenige sich mit der gewählten Kleidung wohl fühlt; alle in der Gemeinde müssen sich wohl fühlen können. Eine Synagoge ist kein Nachtclub und keine Turnhalle. Ein Jugendgottesdienst kann gewiss eine andere Atmosphäre haben und im Sommer gelten andere Standards als im Winter. Es gilt aber ganz sicher als unangemessen, Symbole anderer Religionen zu tragen.

1.2.2Schabbatregeln

In liberalen Gottesdiensten ist es üblich geworden, vor dem Freitagabendgottesdienst die Schabbatkerzen auf oder nahe der Bimah anzuzünden. Da man zu einer festen Zeit beginnt und sich die Gottesdienstzeiten nicht von Woche zu Woche um ein paar Minuten verschieben, kann es sein, dass die Kerzen im Sommer noch bei Tageslicht angezündet werden und im Winter bereits bei Dunkelheit. Manche Menschen fühlen sich mit dieser Praxis nicht wohl. In diesem Falle sollte man respektieren, wenn jemand ablehnt, die Lichter anzuzünden, wenn er dazu aufgefordert wird. Das Entzünden ist vor allem ein Relikt aus einer Zeit, als man die Kerzen tatsächlich zur Beleuchtung brauchte und nicht, um sie in einem hell erleuchteten Raum aufzustellen.
Die Sicherheitsmaßnahmen haben dazu geführt, dass viele Synagogen oder Gemeindezentren heute elektrische Eingangstüren, besondere Lampen, Kameras, Walkie-Talkies und ähnliches Gerät haben. Mit der Begründung, dass es »lebensrettenden Maßnahmen« diene (Pikuach Nefesch), haben sich inzwischen auch traditionelle Synagogen mit dieser Entwicklung arrangiert. In liberalen Gemeinden geben wir - gerade auch mit Blick auf häufig große Entfernungen - nicht vor, dass alle den Weg zur Synagoge zu Fuß zurücklegen. Synagogenparkplätze sind deshalb sinnvoll. Es dürfen Türklingeln bedient, Lichter angeschaltet, Schlüssel benutzt werden. Notausgänge und Fahrstühle müssen beleuchtet und zugänglich sein. Am Ende eines Gottesdienstes muss darauf geachtet werden, dass brennende Kerzen entweder an einem sehr sicheren Ort stehen oder notfalls ausgelöscht werden. Es hat keinen Sinn, aus falschverstandener Frömmigkeit das Haus einer Brandgefahr auszusetzen.

1.2.3Die Nutzung des Gottesdienstraumes für andere Zwecke

Eine Synagoge ist ein multifunktionales Gebäude. Traditionell war es ein Ort, an dem man sich traf, miteinander redete, lernte und betete. Heutzutage haben viele Gemeinden ihre Synagoge in einem Mehrzweckraum eingerichtet oder nutzen den Betraum (nach ein wenig Möbelrücken) auch für sonstige Treffen oder soziale Aufgaben. Dabei gibt es eigentlich kein Problem. Der Raum selbst ist nicht heilig, sondern nur die Handlungen, die darin während eines Gottesdienst vollzogen werden. Der Aron HaKodesch ist meist ein geschlossener Schrank mit einem Vorhang davor, der als Trennung zwischen den Torahrollen und dem Rest des Raumes fungiert. Es gibt also keine Notwendigkeit für einen weiteren Vorhang davor. Wenn der Raum aber für eine Disco oder für Ballspiele genutzt werden soll, muss man zusehen, wie man die Einrichtung vor Zerstörung schützt. Der Raum selbst kann dafür aber zur Verfügung stehen. Wenn der Raum vermietet werden soll, muss die Gemeinde einige Richtlinien aufstellen, welche Art von Aktivitäten man für angemessen hält. Viele kleine und neue Gemeinden mieten Räume bei Kirchengemeinden, und eine christliche Gruppe könnte ebenso eine Synagoge mieten. Veranstaltungen wie eine Disco mit viel Alkohol oder Glücksspiele oder Versammlungen von politischen Parteien können aber durchaus als unpassend gelten.

1.2.4Der Platz von Nichtjuden in der Synagoge

Ein Synagogengottesdienst besteht überwiegend darin, dass die Beter sitzen oder stehen, lesen oder singen. Es gibt relativ wenig eigentliches Ritual und das betrifft dann hauptsächlich die Torahrolle - sie tragen, halten, zeigen, daraus lesen und aufgerufen werden, um eine Berachah darüber zu sprechen. Die einfache Antwort auf die Frage, was Nichtjuden tun dürfen, ist, dass sie am Gottesdienst voll teilnehmen können, nicht aber am Ritual. Sie können also mitsingen und mitlesen, aber sie sollten nicht zu einer Alijah aufgerufen werden, den Gottesdienst leiten oder die Kerzen anzünden. Das betrifft auch Menschen, die konvertieren wollen, aber formal noch nicht jüdisch sind. Bei Kindern kann man etwas flexibler sein, indem man ihnen zum Beispiel erlaubt, beim Ankleiden der Torahrolle zu helfen. Nichtjuden sollten keinen Tallit, jedoch eine Kopfbedeckung tragen. In manchen Gemeinden wird es noch nicht konvertierten Menschen erlaubt, einen Psalm oder einen anderen Text vorzutragen, nicht jedoch eine Berachah zu sprechen, auf die die anderen Beter mit Amen antworten müssen. Dies würde nämlich bedeuten, dass sie stellvertretend für die Gemeinde gesprochen wurde.
Ein weiterer Gesichtspunkt betrifft das Ritual bei Ereignissen aus dem Lebenskreis. Wenn beispielsweise bei der Namensgebung eines Kindes oder der Bar- bzw. Bat-Mizwah das Kind eine jüdische Mutter und einen nichtjüdischen Vater hat oder wenn ein Bräutigam oder eine Braut nichtjüdische Angehörige hat, dann handhaben die einzelnen Gemeinden ganz unterschiedlich, was ein nichtjüdisches Familienmitglied tun darf. Die einfachste Antwort wäre hier wieder, dass sie anwesend sein können, aber nichts vortragen sollten. Wenn jemand auf oder nahe der Bimah steht oder den Torahvorhang öffnen darf, ist das eine kaum strittige Möglichkeit, jemand zu erlauben, sich als Teil des Festes zu fühlen. Bei einer Beerdigung kann jeder ernstlich Berührte als »Trauernder« eingestuft werden, weshalb die Regeln für eine Beteiligung etwas ausgeweitet werden können. Aber es ist selten, dass ein nichtjüdischer Hinterbliebener wünscht (und in der Lage ist), das Kaddisch zu sprechen.

1.2.5Der Platz von Kindern im Gottesdienst

Die Erfahrung lehrt, dass dies eine komplexe und sehr emotionale Angelegenheit in vielen liberalen Gemeinden ist. In orthodoxen Synagogen wird die Angelegenheit ziemlich geradeheraus gehandhabt: Die Frauen und die meisten kleinen Kinder werden ferngehalten, hinter einem Vorhang oder im hinteren Raum oder auf einer Empore. Aber in liberalen Gemeinden sind wir stolz darauf, familienfreundlich zu sein. Wir gestalten unsere Synagogen und Beträume so, dass alle zusammensitzen können, Männer und Frauen und darum auch Väter und Mütter mit ihren Kindern.
Das kann wunderbar sein - aber nicht immer. Zunächst sei vorausgeschickt, dass Kinder, die ruhig sitzen und sich konzentrieren können, niemals ein Problem darstellen. In vielen Gemeinden werden sie ermutigt, sich in irgendeiner Weise zu beteiligen, zum Kiddusch auf die Bimah zu kommen, einen eigenen Segen zu empfangen, der Torahprozession zu folgen, beim Ankleiden der Torah zu helfen und den Gottesdienst für ihre eigene Bar- bzw. Bat Mizwah kennen zu lernen. Nur selten gibt es Kontroversen über solche Kinder. Eine andere Sache ist es, wenn gelangweilte Teenager lieber mit ihresgleichen kichern und schwatzen wollen. In diesem Falle ist es besser, sie gehen hinaus.
Probleme kommen aber auf, wenn kleinere Kinder, etwa bis zum Alter von acht Jahren, Erwachsenengottesdienste besuchen. Welche Argumente kann man dann oft hören?
»Die Kinder sind unsere Zukunft«.
Das ist eine schöne Aussage, aber ist sie wahr? Wessen Zukunft sind die Kinder? Es gibt verschiedene Möglichkeiten: a) die Zukunft der Familie, b) die Zukunft der Gemeinde und c) die Zukunft der größeren jüdischen Gemeinschaft.
Heutzutage spielt Mobilität eine große Rolle. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die jungen Erwachsenen die Gemeinde verlassen und aus persönlichen oder beruflichen Gründen anderswo hingehen. Die Gemeinde wird ihrerseits Mitgliederzuwachs von Erwachsenen haben, die in anderen Städten oder Ländern aufgewachsen sind. So ist a) relevant für die Familie und c) ist hoffentlich in einem größeren Kontext zutreffend, aber das Argument b) steht auf wackligen Füßen. Wie viele Menschen sind denn heute in ihren eigenen Gemeinden aufgewachsen? Die Kinder sind vielleicht die Zukunft, aber die Erwachsenen sind die Gegenwart.
»Jeder liebt es, Kinder um sich zu haben«.
Das trifft nicht zu. Manche mögen es. Aber andere sind vielleicht gekommen, um für Kinder zu beten, die sie noch nicht haben konnten, und wieder andere beten vielleicht für ein Kind, das sie verloren haben. Manche haben gerade ihre Kinder groß gezogen und möchten jetzt ihren Platz nicht mehr mit einem klebrigen Krabbelkind teilen. Andere kommen zur Synagoge, um Frieden und einen Ort für stille Betrachtung zu finden.
»Die Kinder müssen lernen«.
Ja, natürlich, aber was sollen sie lernen? Wir würden vorschlagen, dass sie lernen, dass eine Synagoge, zumindest während der Gottesdienste, ein Ort der Verehrung Gottes und des Gebetes ist und kein Kindergarten oder Spielplatz. Zu anderen Zeiten mag die Synagoge durchaus als Schule oder Jugendclub oder Treffpunkt dienen, aber während der Gottesdienste ist sie ein Ort, zu dem Erwachsene kommen, um nachzudenken und zu beten und zu Gott zu reden. Es ist nicht der Ort, wo man zeigt, wie laut man mit seinen neuen Schuhen trampeln oder wie man auf die Bimah springen kann, oder um Lutscher zu essen. Kinder müssen vieles lernen, und eine Sache ist, wie man sich angemessen verhält - in einem Bus, in einem Supermarkt, in einem Konzert, in einem Klassenraum, gegenüber Besuchern, am Ort des Gottesdienstes. Es ist erstaunlich, dass manche Eltern es für völlig angemessen halten, ein lautes, störendes, müdes, quengelndes Kind zum Gottesdienst mitzunehmen, während es ihnen nicht im Traum einfallen würde, dies in einem Theater, einem Konzert oder bei einem wichtigen Treffen zu tun.
»Und was ist mit den Eltern? Man kann sie nicht mitverbannen!«
Nein, niemand möchte Eltern verbannen. Junge Familien sind für eine Gemeinde sehr wichtig, und wir wollen keine Situation wie in manchen anderen Religionen, wo Frauen und Kinder verbannt sind oder Menschen über einen Zeitraum von zehn oder fünfzehn Jahren abgehalten werden, zu Gottesdiensten zu kommen, bis ihr jüngstes Kind alt genug ist, um still sitzen zu können! Aber junge Eltern müssen auch die Grenzen akzeptablen Verhaltens lernen. Vieles kann durch einfache Maßnahmen erreicht werden. Man kann z. B. einem Kind Hausschuhe oder Socken anziehen, aber keine lauten Schuhe; ihm ein leises Spielzeug mitgeben, aber keine lauten Rasseln oder Plastikbausteine; besser nahe am Ausgang sitzen als weit entfernt von der Tür, was störender ist, wenn ein Kind raus- und reingeht. Mancherorts ist es möglich, diskret zu stillen (ein Tallit ist ein wunderbarer Sichtschutz!), andernorts nicht - das hängt davon ab, wie der Raum angelegt ist.
Es geht darum sich klarzumachen, dass nicht jeder automatisch Ihre Kinder so mag wie Sie selbst. Das macht diese Leute nicht zu »verqueren, verkalkten, ultrakonservativen und herzlosen Typen«, vielmehr verlangt dieses Thema Sensibilität und Mitempfinden von allen Seiten. Der Rabbiner oder Vorbeter (hebr. Schaliach Zibbur) mögen vollkommen an gelegentliches Glucksen und Gemurmel gewöhnt sein, aber ihre Konzentration wird gestört durch lautes Reden oder Schreien oder ständiges »Pssst!«-Rufen von Seiten der Gemeinde oder wenn Kinder zu seinen Füßen herumkrabbeln. Immerhin versuchen wir doch, eine Atmosphäre von Gottesdienst, von Ruach (Geist) herzustellen, in der sich alle wohlfühlen können, auch diejenigen, die keine Kinder haben.
Es gibt natürlich auch kreative Alternativen wie eigene Gottesdienste für kleine Kinder und ihre Eltern, eine Kinderbetreuung oder Aktivitäten in einem nahegelegenen Raum. Es ist auch wichtig für eine Gemeinde, eine angemessene Versicherung abzuschließen, falls einem Kind einmal ein Unfall zustößt - die Räume sind nicht immer kindersicher, denn es gibt Regale, Lampen und andere Dinge, an denen sich Kinder verletzen können.
Wir plädieren hier lediglich für mehr Realitätssinn. Kleine Kinder können niedlich sein, wenn sie sich »artig« verhalten oder schlafen, aber sie können auch sehr störend sein, wenn sie schlechtgelaunt, müde oder gestresst sind oder sich wehgetan haben. Flexibilität und Sensibilität aller Beteiligter ist notwendig.

1.2.6Die Begrüßungssituation

Eine Synagoge, die leer ist, wird ihrer Funktion nicht gerecht, wie interessant oder pittoresk oder historisch die Architektur auch sein mag. Wenn die Akustik schlecht ist, wenn es hallt oder der Vorbeter kaum zu verstehen ist, wenn das Mikrophon nur krächzt anstatt die Hörbarkeit zu verbessern, wenn der Raum zu heiß ist oder zu kalt oder zu zugig oder zu stickig oder zu feucht, wenn die Atmosphäre unfreundlich ist - dann kann das Leute abschrecken. Ist die Synagoge leicht zu finden oder versteckt sie sich hinter einer anonymen Tür in einem namenlosen Haus? Gibt es ein Schild, auf dem wenigstens steht, wo man telefonisch Auskunft über die Gottesdienste erhält? Findet man die Gemeinde leicht im Telefonbuch, in lokalen Verzeichnissen oder im Internet? Und wenn so: Wie kann man die Gemeinde finden? Unter ›J‹ für ›Jüdisch‹, ›I‹ für ›Israelitisch‹, ›L‹ für ›Liberale‹, ›K‹ für ›Kultusgemeinde‹, oder wie?
Manche Probleme sind nicht einfach zu lösen - die Sicherheitsfrage, der Charakter der Nachbarschaft, die Parkmöglichkeiten und die Verkehrsverbindungen, die Zahl der Stufen. Aber die Erfahrung lehrt, dass ein freundlicher Empfang, das Aushändigen von Büchern und Texten oder einfache Dinge wie Garderobe und saubere Toiletten ebenso wichtig (wenn nicht mehr) sind wie die Zeiten des Gottesdienstes und seine liturgische Gestaltung. Das ist etwas, auf das jedes Mitglied, nicht nur Vorstandsmitglieder, Einfluss nehmen kann.

2. Der Gottesdienst in der Synagoge

2.1 Struktur eines Synagogengottesdienstes

Die folgenden Abschnitte beschäftigen sich mit dem jüdischen Gebetbuch, dem Siddur (Pl. Siddurim). Dieses hebräische Wort bedeutet auch »Regelung« oder »Ordnung«, dementsprechend sind im Siddur die Gebete des Gottesdienstes auf eine ganz bestimmte Art und Weise angeordnet. Diese Ordnung zu verstehen ist eine wesentliche Voraussetzung, um sich in einem jüdischen Gottesdienst zurechtzufinden und sich »zu Hause« zu fühlen. Zugleich soll im Folgenden auch auf einige wesentliche Unterschiede zwischen traditionellen, orthodoxen und liberalen Siddurim hingewiesen werden.

2.2 Gottesdienst und Gebet

Jede Religion hat ihre eigenen Charakteristika. Ein jüdischer Standardgottesdienst steckt voller Worte, viel mehr gibt es nicht. Dies bedeutet, dass es kaum Handlungen mit Prozessionen, Niederknien oder Verbeugen, Tanzen, Gebrauch von Objekten oder Stille gibt. Im Großen und Ganzen verbleibt der oder die Gläubige an seinem oder ihrem Platz und liest die Worte entweder still oder laut, entweder in der Gemeinde oder einzeln. Wo es Ausnahmen gibt, hat es normalerweise einen besonderen Grund - zum Beispiel um der Torah die Ehre zu erweisen oder weil bestimmte Gebete im Stehen gesprochen werden. Der Gottesdienst ist eine Gelegenheit, diese Worte auszudrücken, er ist aber keine Handlung, die etwa dem Abendmahl im katholischem Verständnis vergleichbar wäre, in dessen Rahmen eine »Wandlung« vollzogen wird (die sog. Transsubstantiation, die Wesensverwandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu Christi). Nichts wird verändert, außer vielleicht der Beter selbst.
Es ist wichtig festzuhalten, dass der synagogale Gottesdienst, auch wenn er häufig auf die Dienste im Stiftszelt oder im Tempel hinweist, völlig anders ist. Er ist ein Kompromiss und hat sich in verschiedenen Gemeinschaften unterschiedlich entwickelt. Auch Fundamentalisten geben zu, dass das Gebetbuch von Menschen und nicht von Gott geschrieben ist. Es gibt im Tenach nur wenige konkrete Hinweise auf Gebete bzw. eine verbale Hinwendung zu Gott (nur selten wird erwähnt, dass jemand - wie Rebekka oder Hanna um Kinder - »betet«).
Stattdessen gibt es viele Beschreibungen einer völlig anderen Art von »Gottesdienst« - dem Opferkult. Im Tempel gab es besondere Menschen, Priester, besondere Orte, Altäre, und besondere Objekte, die durch Schlachtung oder Verbrennen in Formen der Kommunikation mit Gott verwandelt wurden (»ihr Rauch stieg auf zum Himmel«). Alles war Kadosch (heilig) und durchdrungen von heiliger Kraft. Wenn etwas falsch gemacht wurde, also nicht mit den detaillierten Anleitungen in der Torah übereinstimmte, konnte ein tödliches Unglück geschehen, wie dies den zwei Söhnen Aarons geschah (Levitikus 10,1-2).
Als eine Art moderne säkulare Entsprechung dafür, wie wichtig der korrekte Umgang mit dem Heiligen ist, könnte man den Betrieb eines Atomkraftwerkes nehmen. In diesem speziell gebauten und sehr sicheren Gebäude ist besonders geschultes Personal in Kontakt mit den elementaren Kräften des Universums. Als Folge ist der Zutritt beschränkt. Das Personal muss besondere Kleidung tragen, strenge Regeln befolgen, große Vorsicht bei der Handhabung des Mülls walten lassen und mit dem Hintergedanken arbeiten, dass ihre Arbeit niemals schiefgehen soll, weil die Folgen länger als ein ganzes Menschenleben andauern können. Durch vorsichtige Handlungsweise an der Quelle kann große Kraft freigesetzt werden, die der Industrie und dem Reichtum, der Gesundheit und der Nahrungsherstellung, der Ermöglichung von Licht und Wärme dient. Neben sichtbaren Katastrophen wie Feuer oder Explosionen besteht auch die Gefahr, die von einer ganz und gar unsichtbaren, aber dennoch lebensbedrohlichen Kraft ausgeht, die sich auf jene ergießen kann, die schlampig mit der Quelle umgehen. Es stellt Kraft und Geheimnis dar und der Außenstehende kann nur gelegentlich einen kleinen Einblick in die Vorgänge erhalten und hoffen, dass die Fachleute wirklich verantwortungsvoll handeln.
Im Gegensatz dazu lässt das Gebet uns nach dem Prinzip des »Do-it-Yourself« einen direkten Zugang zu Gott finden. Es braucht keinen Vermittler. Die Rabbiner nannten dies Awodah SchebaLew, Gottesdienst des Herzens, als Kontrast zum Gottesdienst im Heiligtum. Der einzelne Jude kann sich an Gott wenden, wo immer und wann immer es auch notwendig sei. Und doch wird ein Gebet in der Gemeinde für wichtig erachtet. Kein Jude kann sich dieser Verantwortung entziehen, indem er behauptet, dass das Gebet des Einzelnen schon ausreichend ist, denn es führt schlicht zur Eigensucht. Das hebräische Wort für Gebet ist Tefillah. Es gibt eine Erklärung, nach der es von der Wurzel Pa’al (arbeiten) abgeleitet ist und der Gebrauch der reflexiven Form Lehitpallel gemeint sei, an sich selber arbeiten. Gebet ist nicht einfach, es braucht Mut und Energie. Natürlich kann man ganz allein und ganz persönlich, improvisiert und frei beten. Gleichzeitig gibt es für einige Gebete und Gottesdienste gewisse Strukturen. Sie sollen beim Beten helfen, nicht hinderlich sein.
Das Gebet bedeutet, sich mit Gott auseinanderzusetzen. Es rührt aus dem Bedürfnis, Gott nicht nur anzusprechen, sondern mit Gott einen Dialog zu führen. Wenn wir Baruch Ata Adonaj sagen, duzen wir Gott. Beten heißt nicht betteln. Und natürlich geht man davon aus, dass Gott es hören kann und wird, und dass Gott antworten und reagieren wird - aber wie, das bleibt unklar. Die Grundrisse eines Dialogs sind relativ einfach: Man sagt »Hallo!«, »Bitte!«, »Danke!«, »Verzeihung!« und »Auf Wiedersehen!« In einem Gebetbuch findet man Gebete, in denen man Gott begrüßt, beschreibt, anerkennt und Respekt erweist - man eröffnet sozusagen das Gespräch. Danach kann man die eigenen Wünsche äußern, die Fürbitten für Frieden, Erfolg, Ruhe, Rückkehr, Gesundheit, für was auch immer. Aber man soll Gott auch danken für all das, was man schon bekommen hat. Wenn man meint, man habe all dies nicht wirklich verdient, man habe etwas Falsches oder Böses gesagt oder getan, dann soll man auch dies bekennen und um Vergebung bitten, um Verzeihung. Und zum Schluss soll man das Gespräch in einer bestimmten Weise beenden, höflich und mit dem Wunsch auf eine weitere Begegnung, damit man mit reinem Gewissen und positiven Gefühlen den Betraum verlassen kann.
Gebetbücher haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und sollen immer aktuell bleiben. Ein Gebetbuch, das nach der Schoah oder der Errichtung des Staates Israel veröffentlicht worden ist, soll diese Realitäten auch erwähnen. Es muss Raum geben für neue Gedichte und Lieder, nicht nur für die alten, die auch einmal neu waren! Leider erlebt man in vielen Synagogen statt einem Gebet eine Art »Wett-Dawennen« (Wett-Beten) - das heißt, der Vorbeter betet sehr schnell vor und die Anwesenden konkurrieren darum, noch schneller das Ende jedes Gebets zu erreichen. Das klingt dann etwa »Baruchataadonajelohejnumelechhaolamelohejawrahamelohejjizchakwelohejjaakowhaelhamelechhagadoleljongomelchassadimtowim«
und so noch zwanzig Minuten weiter. Quantität wird der Qualität vorgezogen und die Beter (falls sie mithalten können) erzeugen eine Art meditatives Mantra, das wenig mit dem Inhalt des Gebets zu tun hat. Und wenn sie nicht mitkommen, dann sind sie dem hilflos ausgeliefert und haben keinen Anhaltspunkt für den Text. Sie können nur sitzen und warten, bis alles vorbei ist. Das ist leider auch »Tradition« geworden, was nicht heißt, dass es richtig ist. Der Inhalt der Gebete ist ja nicht zufällig. Deswegen soll man sich mit ihnen beschäftigen und sie verstehen. Jemand hat sie einmal ganz bewusst komponiert - die meisten sind heute anonym überliefert, obwohl einige weisen ein Akrostichon auf, um den Namen des Autors zu verewigen. Jedes Gebet hat etwas zu sagen und besitzt auch eine Kehrseite, indem Dinge ausgelassen werden oder indem Widerspruch zu anderen Texten geäußert wird. Wenn wir laut sagen: »Gott ist Eins!«, klingt dabei auch mit: »Er ist nicht weniger als Eins, und nicht mehr, ganz sicher nicht Drei!« Wenn wir singen: »Gott, Du liebst Israel«, drücken wir auch aus: »Obwohl unsere Feinde sagen, dass Gott Israel nicht mehr liebt, betonen wir …« Wenn wir sagen: »Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob«, dann meinen wir nicht, dass Gott nicht auch der Gott von anderen Menschen sein kann, aber hier und jetzt beziehen wir uns auf eine ganz bestimmte und exklusive Verbindung. Wenn wir danken: »Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein«, behaupten wir auch: »Die von Erbsünde reden, haben es falsch verstanden!« Wenn wir im Jigdal singen: »Es gab keinen Propheten wie Moscheh«, bedeutet das: »Mögen auch andere von ihrem Propheten reden …« Vieles ist so betrachtet sehr »politisch«.
Eine »Gemeinde« besteht nach der Definition im traditionellen Judentum aus mindestens 10 Personen. Dies wird als Minjan bezeichnet und aus zwei biblischen Quellen abgeleitet: In Genesis 18,32 verhandelt Abraham mit Gott, um zu erreichen, dass dieser die Stadt Sodom verschont, falls er dort zehn Gerechte fände. In Numeri 14,27 drückt Gott seinen Zorn über die »verlogene Gemeinde« aus und meint dabei die zehn Spione, die die schlechte Nachricht überbrachten. Nach den Mischnah Sofrim gab es in Palästina im 1. Jahrhundert eine Tradition, wobei sieben Männer ein Minjan bildeten. Ohne diesen Minjan dürfen bestimmte Gebete nicht gesprochen werden. Während in der Orthodoxie nur Männer und Jungen, die bereits ihre Bar Mizwah gefeiert haben, zum Minjan gezählt werden, zählen im liberalen Judentum auch Frauen und Mädchen nach der Bat Mizwah als gleichberechtigte Beterinnen neben den Betern zum Minjan. Auch besteht das liberale Judentum nicht immer auf einem Minjan zum Sprechen der Gebete. Und doch zeigt die Erfahrung, dass es sich tatsächlich anders anfühlt, wenn man mit einer Gruppe zusammen betet und in dieser Gemeinschaft alles tut und spricht, daher sollte man ein gemeinsames Gebet unbedingt unterstützen genauso wie das individuelle, private Gebet.
Zum Gebet der Gemeinde kommt der Einzelne, um Gebete vorzulesen, die die Bedürfnisse der Gemeinde im Blick haben. Sie sind meistens in der 1. Person Plural verfasst (»Wir«, »Unser«, »Uns«) und weniger in der 1. Person Singular (»Ich«, »Mein«, »Mich«). Nach der Tradition werden die Gebete in Hebräisch gesprochen - der Laschon Kodesch, der »heiligen Zunge«. Dabei wird angenommen, dass es jeder versteht. Und doch war bereits zu sehr früher Zeit diese Voraussetzung nicht mehr gegeben, weshalb bestimmte Gebete oder Antworten in der Umgangssprache jener Zeit geschrieben wurden, in Aramäisch. In Gottesdiensten liberaler Synagogen gibt es eine Kompromisslösung, nach der manche Gebete auf Hebräisch gelesen werden (aber in einer Geschwindigkeit, die es jenen, die es wollen, ermöglicht, eine solide Übersetzung zu lesen), und andere wiederum in der Landessprache. Wir gehen davon aus, dass Gott auch andere Sprachen verstehen kann. Das Ziel ist, dass jeder befähigt wird, auf seine ihm eigene Weise am Gottesdienst teilzunehmen, so dass das Gebet nicht auf eine Minderheit beschränkt bleibt, die genügend über die »Geheimnisse« weiß.
Weil es keine Notwendigkeit für einen »heiligen Ort« gibt, können Gebete nahezu überall gesprochen werden (die Rabbiner hatten allerdings Vorbehalte, die täglichen Gebete an einem »unreinen Ort« abzuhalten), so dass eine Gruppe sich auch außerhalb einer Synagoge spontan zusammenfinden kann, sei es zu Hause, in Zügen oder Flugzeugen, in Wohnungen Kranker oder Trauernder oder am Kommen Gehinderter, an Arbeitsplätzen und tatsächlich eigentlich fast überall.
Da Worte die hauptsächlichen Mittel der Anbetung sind, ist es wichtig, dass sie klar sind und eine klare Gedankenfolge ausdrücken. Über die Jahrhunderte hinweg sind verschiedene Gebete geschaffen und in »Gebetsordnungen« gesammelt worden.

2.3 Die Ordnung des Gebets

Jeder Synagogengottesdienst (oft »Pflichtgebet« genannt, da es obligatorisch ist) beruht auf derselben Grundstruktur und denselben Grundkomponenten. Bestimmte Tageszeiten, Feste oder Anlässe werden durch besondere Einschübe oder auch Auslassungen in einzelnen Gebeten berücksichtigt. Die Grundstruktur bezieht sich -entsprechend der jüdischen Auffassung, dass der Tag mit dem Abend beginnt - auf das tägliche Abend-, Morgen- und Nachmittagsgebet (Ma’ariw, Schacharit, Minchah), ebenso auf den Abend-, Morgen- und Zusatz-Gottesdienst (Mussaf) an Schabbat und Feiertagen.
Zum Grundmuster gehören:
Barchu - Ruf zum Gebet.
Sch’ma - Bekenntnis zur Einheit Gottes und seine begleitenden Segenssprüche (wird im Minchah-Gebet weggelassen).
Amidah - Kern des Gottesdienstes. Er enthält Anerkennung Gottes, Bitte und Dank (gelegentlich auch Schmoneh Esre (»Achtzehngebet«) genannt; wird aber am Schabbat gekürzt, an besonderen Tagen durch Einschübe erweitert).
Alejnu - Pflicht zum Gebet. Hoffnung auf die Zukunft.
Kaddisch - Verherrlichung Gottes.
Alles andere ist nebensächlich und keine Pflicht. Auch wenn es ein paar traditionelle Muster gibt - beispielsweise spezifische Abschnitte vor und nach dem Sch’ma, eine Hymne am Ende, verschiedene Psalmen am Schabbat, den Einschub eines Torahgottesdienstes zu manchen Gelegenheiten - die wesentlichen Bestandteile sind auf jeden Fall die oben erwähnten. Wenn jemand fragen sollte, in welcher Weise sich der liberale Siddur von einem orthodoxen unterscheidet, lautete eine gültige Antwort, dass der Unterschied keines der wesentlichen Grundelemente betrifft, sondern eher die Art und Weise, wie periphere Komponenten gehandhabt werden. So hat man beispielsweise einige der mittelalterlichen Gedichte, Ausschnitte aus dem Sohar oder der Mischnah, zusätzliche Psalmen und Wiederholungen ausgelassen und stattdessen neues Lehrmaterial und Gebete hinzugenommen, die Grundgebete und ihre Abfolge aber beibehalten. Wir können uns diese Abfolge vor Augen führen durch Studium und Vergleich bestimmter regulärer Gottesdienste.
Nebenbei: Es gibt natürlich ein paar leichte Veränderungen im Wortlaut des liberalen Siddur, z. B. wird in der Amidah ein persönlicher Verweis auf die »Verleumder« durch den abstrakteren Begriff »Verleumdung« ersetzt, und der gesamte Abschnitt ist neu formuliert. Im Alejnu wurden ein paar der traditionellen abschätzigen Bezüge auf andere Religionen herausgeschnitten, z. B. die Worte »Denn sie verneigen sich vor Göttern der Leere«. Gott wird nicht als »männlich« betrachtet; auch die Matriarchen werden erwähnt. Verweise auf einen kommenden persönlichen Messias wurden leicht abgeschwächt oder ausgelassen. Diese Unterschiede in der Liturgie und die Hintergründe dazu sind vertiefende Studien wert.
Obwohl nach dem jüdischen Kalender der Tag am Abend beginnt, werden wir uns in diesem Buch die täglichen Gottesdienste nach ihrer Reihenfolge im Siddur