Der Horizont lügt - Ruben Granz - E-Book

Der Horizont lügt E-Book

Ruben Granz

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Beschreibung

Eine kleine Nachlässigkeit hat Konsequenzen. Rashin, ein Junge aus der Oase, wird verbannt und landet in der Wüste. Der Kampf mit den Gewalten der Natur, den Bestien, den Geiern und jenen gestaltlosen Betrügern, die man Irrlichter nennt, beginnt. Entweder er findet eine neue Heimat, oder er tut es nicht. Entweder er vertreibt die ihn anklagende Stimme dieses immer wieder dazwischenfunkenden Windgeschöpfs, oder eben nicht. Doch es gibt da noch diesen Unmenschen, den Grabräuber, und der hat sogar ein Ziel… Ein Fantasy-Roman mit ein paar philosophischen Ecken und Kanten.

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2024

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© 2024 Ruben Granz

Covergrafik mit Bildern von Suzy Hazelwood, Johnathan Borba:

Pexels.com

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Für die Inhalte ist

der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine

Zustimmung unzulässig. Die

Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu

erreichen unter:

Ruben Granz, Tucholskystraße 22, 10117 Berlin, Germany

youtube.com/@wortkreaturen

Der Horizont

lügt

Ruben Granz

Inhalt

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Kapitel 1: Durch einmal Verschlafen

Kapitel 2: Durch das, was funkelt

Kapitel 3: Durch einen stillen Fremden

Kapitel 4: Durch Durst und Dürre

Kapitel 5: Der Preis eines Knechts

Kapitel 6: Durch die Gnade eines Verrückten

Kapitel 7: Durch das Federvieh

Kapitel 8, erster Teil: Element der Überraschung; Rashin

Kapitel 8, zweiter Teil: Element der Überraschung; Kynon

Kapitel 9: Durch taktische Gespräche

Kapitel 10: In den Katakomben

Kapitel 11: Durch den Frost

Kapitel 12: Rückkehr des Spähers

Kapitel 13: Ein Abend am Lagerfeuer

Kapitel 14: Der Rastlose

Kapitel 15: Halunken unter sich

Kapitel 16, erster Teil: Die Schlacht in den Katakomben; Auftakt

Kapitel 16, zweiter Teil: Die Schlacht der Katakomben; erster Wächter

Kapitel 16, dritter Teil: Die Schlacht der Katakomben; zweiter Wächter

Kapitel 16, vierter Teil: Schlacht der Katakomben; Erdboden

Kapitel 17: Orangen

Kapitel 18: Durch die lange Nacht

Kapitel 19: Enthüllungen

Kapitel 20: Durch das, was kommt

Danksagung:

Der Horizont Lügt

Cover

Kapitel 1: Durch einmal Verschlafen

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Danksagung:

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Kapitel 1

Durch einmal Verschlafen

Keine Sterne in Sicht. Schauen tat er dennoch. Die Hitze der Tagessonne nun mit einer bitteren Kälte ausgetauscht. Er, an der Grenze der Oase stationiert, saß dort, wo die Grasbüschel in den Wüstensand übergingen, in einer kleinen Insel Licht. Zu seiner linken lag eine Armbrust, bildete ein Kreuz mit dem Schatten des Fackelpfahls; zu seiner rechten eine Bierflasche, die ihn anlächelte; darunter die inzwischen vom Sand verdreckte Mitteilung des Dorfältesten, welche im Wind ratterte und kräuselte. Das Flaschenboden knabbernde Knäuel enthielt Informationen. Sie hatten ihn für die Nachtwacheschicht ausgewählt.

Als er die Glasflasche hob, flog der Zettel ins Nichts. Den letzen Rest hatte er da schon aus ihr raus getrieben, also trumpfte das Gefäß im Sand auf. Die laschen Arme folgten. Das Knistern der Fackel fand ein heulendes Ende.

Beim Schach, bei seinen Freunden, oder auch in der Taverne, wo er nicht sein sollte, wo die Leute sich prügelten. Dort wäre er lieber. Er erinnerte sich auch an das eine Mädchen; ihr hatte er beim Obst-Stand wo er arbeitete, den Apfel zugepasst, sie schlich sich wohl öfter dahin - wäre er doch über die Holzbank gesprungen. Alles wäre jetzt besser als diese Ödnis.

Und selbst wenn ihm jedes dieser Dinge anderweitig verwehrt worden war, so hätte er, wäre es hierzu nicht gekommen, wenigstens den Komfort eines Bettes genießen können. Wie die Sandbank ihm flüsterte. Denn er gähnte, legte sich auf den Rücken und fuhr seinen Dienst mit geschlossenen Augen fort.

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Stock an Schienbein; so weckte man ihn am Morgen.

”Rashin, nicht wahr? Dir teilte ich den Nachtwachedienst für gestern Nacht zu, korrekt?”, fragte der Dorfälteste herab zu dem Menschen, der jetzt sein Bein befühlte, und stampfte dabei mit dem großen Stock den Sand zurecht.

Rashin war zur Seite geschnellt. „Ähh jaa?“ antwortete er, und zerrte sich ins Sitzen auf; seine Augen versuchten dabei gegen das gleißende Sonnenlicht anzublinzeln.

Einen faulen Geruch bemerkte er. Dessen Urheber, ein satt gefressener Geier, führte eine fette Straße von Schleifspuren fort. Der tote Schnabel befand sich auf dem pockigen Zeigefinger des Ältesten. Beim Schütteln fiel ein orangener Kies, welcher für gewöhnlich in den Straßen lag.

”Demnach müsstest du dich an diesen Geier erinnern.” Der Älteste seufzte. Sein viel zu großer Kopf auf dem kleinem Schrumpelkörper schielte glasig auf Rashin.

”Nein, wieso?”, sagte dieser schulterzuckend. Er richtete sich auf.

Der Älteste ließ seinen Stock fallen. Er trat heran an den Jungen. Auf offensichtlichste Weise zum Schlag ausholend, ging er etwas in seine Knie und zog sich die grüngrauen Ärmel über den Ellbogen hoch. Er zog seinen bleichen Arm ein. Der Mann verweilte, während Rashin schon den Aufprall auf seiner Backe, ein Stechen und eine rote Schwellung, vorher sah.

Am Kinn. Nicht stark genug für einen richtigen Schmerz.

Ein vorgetäuschtes Schmerzgrölen von Rashin.

Der Dorfälteste rümpfte die Nase.

”Dir ist auch wirklich nicht mehr zu helfen, oder? Dieser kotgeborene Geier - er kam den ganzen, weiten Weg aus der verruchten Wüste in unsere schöne Stadt, flog in das Lehmhaus von Urash und verspeiste seinen zwei Wochen alten: Sohn! Das Geschrei hat auch wirklich jeder gehört. Und da es nicht schon schlimm genug ist, dass du den Geier weder abgeschossen noch irgendjemanden alarmiert hast, musst du jetzt noch allen Ernstes leugnen ihn gesehen zu haben!”, schrie der Älteste zu ihm herauf.

Das Gefühl schlug in Rashins Kinn ein. Als gäbe es eine Naht, die gezogen worden war. Seine Verfassung: über den Boden polternde Glasmurmeln. Einst geordnet, nun mit einem Kugelstoß auseinander gesprengt. Und die Kugel kam nicht von außen; sein Kopf schreckte mit einem Mal hinter ihn.

”Wie bitte? Stimmt das wirklich?“ Er schluckte, drehte sich gegen den Widerstand zurück.

„Ich... nun ja... ich muss gestehen - ja, dass ich letzte Nacht eingeschlafen bin.“, sagte Rashin; seine Linke teilweise über dem Kinn, zum Schluss aber über dem Mund, da der Wind so leise war, ihn nicht übertönte.

„Es tut mir leid. Dies war nicht meine Absicht.”, warf er noch zu seinen Sätzen.

Darauf der Dorfälteste in einem monotonem Stimmfall: ”Aha. Erzähl das mal Urash. Du kennst die Sitten. Dein Leben hängt jetzt von seiner Gnade ab. Du hättest ihn mal sehen müssen; Gnade ist das letzte, woran er jetzt denkt. Ich schlug ihm eine einfache Hinrichtung vor, so wie ich ihn kenne würde das ihn fürs erste beruhigen, ohne Foltern, ohne Brandmal, aus Respekt zu deinen lieben Eltern. Sitte ist Sitte.“

Rashin erstarrte wie eine erschrockene Hauskatze in dem Augenblick kurz bevor dem Sprung aufs nächstgelegene Regal. Was sollte er tun? Entlang der langen Straße von Palmen im Schatten laufen, zusehen wie die Kinder von der Straße genommen werden, und die Fenster geschlossen, an der hellen Tür klopfen, zuerst die buschigen Augenbrauen sehen, sobald die Tür sich öffnet, dann eine leere Wiege im Hintergrund - nun von Angesicht zu Angesicht ihm gegenübertreten, versuchen Urash von einer Unschuld zu überzeugen, an die er nicht mal selbst glaubte, um sein Leben betteln wie ein daherwinselnder, verlauster Streuner nach Fleischresten? Ein Akt auf dem Drahtseil der kochenden Türschwelle wäre es, wo man Lautstärke sammelnd auf seinen ersten Fehler wartete, darauf, dass er seinen Mund öffnete, darauf, dass sich die Lächerlichkeit eines jeglichen Entschuldigungsversuches entfaltete, auf das, durch das dünne Holz zu ihnen herab sinkende Schluchzen einer beraubten Mutter, bis man dann die Tür schloss. Unter diese Gesichter konnte er nicht, das Echo seiner Handlung brach schon jetzt in ihm, wie sollte es sich nur vor ihnen anfühlen?

”Es muss doch noch einen anderen Ausweg geben! Ich tötete dieses Kind nicht! Ich verdiene den Tod nicht! Ich tu alles, aber lassen Sie mich leben!”

“Deine Aktionen führten zu dem Tod des Kindes! Genauso wie ein Auftragsmörder nicht seine Klinge für sein Gewerbe verantwortlich machen kann, kannst du nicht deine Schuld auf den Geier abwälzen. Das Gesetz ist eine felsenfeste Angelegenheit.”

“Felsenfest, sagst du? Dieser Geier flog nicht nach meinem Befehl, also kann es sich hier wohl kaum um Mord handeln!”, sagte Rashin mit dem gefälschtem Grinsen, welches er schon seit Kindestagen dafür benutzte um vorzutäuschen, dass er eine Situation im Griff hatte.

”Geschwätz. Eitles Geschwätz.”, sagte der Dorfälteste. „Du hast nicht nur das Kind umgebracht. Du hättest uns alle umgebracht. Es gibt weit größeres als diesen Geier zu fürchten. Weit Größeres. Du weißt genau wo von ich rede, nur hast du es noch nicht gesehen, weil du zu jung bist. Wir alle hätten heute Nacht sterben können, und dich hätte es schlichtweg nicht interessiert. Das Blut von uns allen, Verbrecher, du hast es heute Nacht für deine Gemütlichkeit aufgegeben.“

Rashins Fassade zersplitterte, wie durchbohrt von einem Stein, den das letzte Wort warf. Seine Stimme nahm einen weinerlichen Ton an: ”Aber du bist doch der - der ehrwürdige, der Dorfälteste? Du kannst doch nicht so eine, so eine.... Ich verdiene das nicht!”.

Die eine Knie tat er in den Sand; wieso wusste er nicht. Rashins Hände formten Auffangbecken für die nach und fallenden glitzernden Halbkugeln, die Glasmurmeln; seine Tränen. Würden jene den Sand beklecksen, so würde das ihre Anzahl und Realität verdeutlichen, in einem Kraterfeld. Derweil glitten die Lippen aufeinander herum, als gäbe es eine Möglichkeit sich jetzt zu versiegeln, was die Geräusche nur weiter verzerrte; das was gegen das Wimmern antrat, selber nur ein größeres Wimmern. Manchmal schielte er hoch, nur um in dem spärlich beharrten Apfel auf dem Halse des Ältesten, dort eine durch einzelne Seufzer ausgeteilte Langeweile zu erspähen, was Rashin verleitete ins Sitzen herüber zu wechseln. Er war nun selbst von Scham für sein Melodrama befleckt, doch dennoch in einem Zwang diese Empfindungen aus sich aussickern zu lassen.

„Du heulst? Ich dachte du willst mein Mitleid. Wenn alle Menschen solche Jammerlappen wie du wären, hätten es unsere Vorfahren vor 700 Jahren nie geschafft einen Ort wie diesen in der Wüste zu finden und...“ Der Dorfälteste kicherte, grinste dann und schweifte mit seinen Augen durch das Feld der sich schlängelnden Hügel.

„Moment mal, ich glaube ich kann doch etwas machen. Ja, das ist ein guter Plan. Ich werde meine Würde als Dorfältester behalten, niemand wird dich hinrichten, nur du... du musst halt sehen was du tust.“

Rashin schreckte hoch, behielt Augenkontakt während er fragte: „Was ist dein Plan?“

”Es ist zweifelhaft ob dir das gefallen wird.“, antwortete der Älteste und schwang seinen Stock vom Boden. Seinen mit dem Stab verlängerten Arm streckte er in die Ferne.

„Da.“

Rashin drehte sich um. Ihm begegneten nichts weiter als fegende Winde und stetig geschliffene Massen aus Dünen, deren Unterkiefer, ein Schatten, Rillen und Felsen verschlang.

„Du wirst aus Lafir verbannt werden. Die letzte Etappe deines Daseins wird sich also in der Wüste abspielen. Dort bist du frei und sicher vor dem Gesetz, aber nicht von der Natur, es sei denn du, ich will dir jetzt nicht zu Nahe treten, aber es sei denn du, schaffst es, was überhaupt nicht geht, und findest einen Ort wie diesen in mitten des endlosen Ozeans da draußen. Das ist mein einziges Angebot, Ende. Nun was darf es sein Rashin, sofort oder stückchenweise?“ So fragte der Dorfälteste, zog dabei eine Linie auf den Boden. Nun guckte er schweigsam hoch und wackelte mit seinem linken Bein auf und ab.

Rashin machte einen Kniff in seine Handfläche; dem Schmerz zu folge war es kein Traum. Angebot, was soll das heißen? Auf der einen Seite lag Tod. Auf der anderen; hinter den erloschenen Fackelpfahl lehnte er sich nun. Die große Scheibe schaute herab, glotzte ihm den salzigen Schweißschimmer ins rote Gesicht, und war im Inbegriff abzustürzen, langsam, ein Schlittern eher, eine Motte eingeschlossen in Öl die Leinwand herunter - das waren er wie auch die Sonne in ein paar Stunden, wenn jene, alles Licht mit sich reißend, abgluckerte. Die Trennung würde unwiderruflich sein. Er wäre weggeschleift und -gesperrt auf die fremde Seite der Leinwand, die Seite ohne die Farben, ohne die Menschen: Ob sie einen mochten oder schlugen oder was auch sonst immer. Auf Wiedersehen. Nur Sonne und Staub, dort morgen hinter dem Feuerball. Er sah sich schon verdursten, wie in den Geschichten, nur diese eine würde keiner erfahren. Deswegen fegte der Kopf zu den Mauern zurück, hinter ihm, und hinter dem Rücken des im Sand krakelnden Ältesten: Palisaden wie Speere aus Lehm, zwischen ihnen und allem Süßen und Üppigen, den darüber hinaus sprießenden Gewächsen, den klar glitzernden Bächen in manchen Gassen. Wie sehr es auch rekonstruierte, sich verbildlichte, seinen Vater kognitiv zu Rate zog, es wartete keine Lösung. Weder dort drinnen noch hier draußen. Kein Ausweg und jedesmal wenn er dies begriff, jedesmal wenn er seinen Kopf zurück ins Fremde schwenkte, die unsichtbare Distanz, welche die Sonne weiter gen Boden getaucht war, abschätzte, hechtete sein Kopf nochmal nach links und rechts und begab sich wieder auf die Suche in den Mauern. Auf die Suche nach der Person, die ihm jetzt aus der Patsche helfen würde. Immer noch drang aus Rashin keine Antwort hervor; er musste sich vormachen, das Wichtige übersehen zu haben. So stand er da, schweigend, hörte den Wind im Abtragen des Sandes über die Dünen zischen, versunken im Sog seiner kreisenden Gedanken. Er blähte die Minuten zum Platzen voll.

„Na gut, ich... ich nehme deinen Vorschlag an.”, zwang Rashin die Worte aus seinem Kehlkopf.

„Hör mir gut zu, ich wiederhole mich nur ungern. Morgen früh wird der Verbannungsprozess stattfinden. Von diesem Zeitpunkt an, darf niemand mehr mit dir in Kontakt treten. Und dein Name wird ab dann hier nur noch unter meiner Erlaubnis ausgesprochen werden. Hast du mich verstanden?“

Rashin nickte.

„Zwei Sachen noch: Versuch am besten bis dahin nicht von Urash gesehen zu werden. Und überleg dir gut, was du auf deine Reise ohne Wiederkehr mitnimmst. Das wär’s dann auch. Auf Wiedersehen, Rashin. Und achja... ich wette das du die drei Tage Marke nicht knackst.”, sprach der Dorfälteste, lachte, ließ den Geier fallen und humpelte zurück zum Tor.

Kapitel 2

Durch das, was funkelt

Der Morgen danach. Die drei einzigen Leute waren fort. Nicht mal ein Krümmel von ihnen war hinter seinem Rücken zusehen. Alle außer Vater, Mutter und dem Ältesten hatten sowieso nichts erfahren. Nicht nur aus Scham, auch weil es einfach selbstsüchtig gewesen wäre. Selbstsüchtig, so einfach mit der eigenen Katastrophe anzutanzen, und Leute dazu zu zwingen den armen Jungen zu berücksichtigen und ein paar Stunden einem gegenüber extra nett daher zu kommen, diese Ausnahmen zu machen. Ausnahmen, die zwangsläufig dazu führten, dass sie ins Netz des Vorfalls gerieten. Das wollte er nicht: Sie beflecken. Er wollte seine Trauer oder wie man das nennt, nicht über ihnen ausleeren, nicht dunkle Farbflecken auf ihnen hinterlassen, die manche verdecken würden und manche zeigen, je nach Mitleidsstufe und persönlichem Ermessen darüber, welches Vorgehen ihm verhelfen würde seinen Eimer an negativen Emotionen zu entleeren. Ein Eimer, der ihm aber so bodenlos und geradezu überschwappend geschienen hatte. Auch wenn dies aus jetziger Sicht übertrieben wirkte, immer dieser Hang zur Übertreibung. Doch die Observationen waren wahr; in seinen Eltern hatte er dies spüren können. Bei ihnen war eine Stimme gewesen, welche in ein Gejammer zerfloss, und die andere, die in ein aus dem Bauch heraus tönendes Brummen abgeflachte, welches nur gelegentlich in Worte umriss, die mit kurzen Pausen aufgebrochen, an dem eigentlichen Anlass ihrer Äußerung vorbei zischten, jedesmal begleitet mit einer reibenden Hand über dem Hals. Zukunft war keins dieser Worte, schwebte aber über ihnen, deformiert.

Dies aber war nur noch Erinnerung, Vergangenheit geklammert an die Eindrücke der Gegenwart wie ein durstiges Kleinkind an die Brust seiner Mutter. Die Landschaft holte ihn zurück. Palmen, Mauern und Türme, zusammen geschrumpft zu einem grün bewachsenem Haus in der Ferne, sah er, denn er konnte nicht aufhören sich umzudrehen. So schnell wie der Kopf sich drehte und ernüchtert zur Ursprungshaltung zurückkehrte, musste er immer den beigen, dem Sandschutz dienenden Gesichtsschleier korrigieren. Manchmal griff die Hand nach dem Dolch in der Manteltasche, wer weiß wozu, er ließ eh wieder los.

Vor ihm saß der Dromedar, vollbepackt mit Wasserkrügen, dennoch der Hitze nach zu urteilen bei der man auf so manchen Felsen Spiegeleier braten konnte, reichte es nur für drei Tage.

Ein gebrochener Arm vor 7 Jahren, auf einer Geburtstagsfeier. Daran erinnerte er sich, fühlte dies in seinen langsamen Schritten und dem Gestank des Tiers, welches ihm sein Vater gestern erstanden hatte. Er würde sich versichern, dass er dieses Mal nicht fallen würde. Dann sprang er auf das Ding. Die bis lang ruhende Bestie schoss empor in einem Vulkanausbruch und versuchte ihre kleine Plage mit aller Kraft abzuschütteln. Das Wackeln und die Anstrengungen des riesigen Reittiers hielten noch für ein paar Sekunden an. Schließlich gab es sich seinem Schicksal.

Schweißbäche erstreckten sich über dem Rücken und unter den Achseln, gaben das Gefühl in den aufgemachten Stoff hinein zu schmelzen, falls dies nicht schon der Fall war. Vielleicht bliebe am Ende nur die Jacke übrig. Die eigenen Backen wurden wie Knete oder Weichkäse vom Wind zurecht geschnitten, so der Anschein.

Naja, über eine Sache konnte er aber noch lachen.

”Ich bin jetzt dein Herr, hast du verstanden?“ Rashin tätschelte dem Ding auf die Backe.

„Du wurdest besiegt und das von einem mickrigen Mensch wie mir! Du bist nicht besser als meine Mutter wenn sie versucht die Fliegen davon abzuhalten sich auf den Früchten in der Küche niederzulassen. Du bist ab sofort mein Untergebener, verstanden? Blök einmal für Ja und zweimal für Nein.”, flüsterte er in das Ohr von dem Ding. Ob aus Unwissenheit oder einem Akt der Rebellion blökte der Nichtsnutz von einem Reittier dreimal.

Ein Zug an den Zügeln, setzte es in Gang. Das Wesen ruckelte durch die Arena der hochgewirbelten rasch niedergehenden Staubgefängnisse, die es kreierte; seine Bewegungen, gleich den verrückten Geschichten des Dorfältesten von seltsamen, sich auf und ab bewegenden, riesigen Wassermassen namens Meer. Vor einem durchwackelten Auge ging Blau in Braun einher und umgekehrt. Denn da war kein Fokus im Auge; es sah fast nur weil es nicht anders konnte. Immer nur Ferne; dort die stets gleichen Gefälle, ein Netz aus schwarzen Schüsseln, das sich hinter jeder hohen Bank Sand hervortat, in dem Moment wenn er und das Geschöpf über den Rand der Kante hinaus stapften. Anschließend tauchte er hinab in den saugenden Schatten einer der Schüsseln und kam am anderen Ende wieder in das Augen zersetzende Feld aus Weiß.

Schließlich bremste er. Er schaute zurück; der Horizont hinter ihm war inzwischen identisch mit dem vor ihm. Braun, schwarz, weiß, und blau. Kein Grün. Seit wann? Anstatt zu fragen: Wie lange noch? Der Wind blies hinüber, fliegende Körner schürften an seiner Stirn, jetzt als er es aufgab die einzelnen Talfahrten durch die Schüsseln zu zählen, um die Sekunde einzufangen, an denen die Häuser verschwunden waren. Auch der verlorenen Spur durch den Sand sah er nicht mehr nach. Seine Spur würde kommen und gehen, verwischte Überreste für niemanden zu sehen. Nicht einmal die Spur von einer Spur. Auch ritt da keiner; sanfte Wellen glätteten heulend die Massen. Das zu wissen und doch zu gucken: Nichts weiter als ein ausgetrocknetes Blatt, das bei dem kleinsten Anschubser zerfällt, das war er. Eine Kehle zog sich zusammen. Also nahm er einen Krug. Er schmeckte den Ton, zögerte mit der Kippbewegung. Dennoch, er entleerte ihn fast. Danach ging es etwas besser, den mit Flüssigkeit zusammengekleisterten Lippen und dem Hals zumindest, naja so gut wie es einem halt gehen konnte, unter Sonnenstrahlen, die einem die Kleidung und die Haut auf der Brust auf einander zweckten, so wie dünne Pfeile.

Rashin stieg ab. Er griff in den Dreck, wirbelte ihn umher. Sofort fing der Wind es auf und schleuderte die Körner auf den Schuh und ans Hosenbein zurück. Wie der Schuh so einsackte, seufzte Rashin. Als er dann zurück schritt zu dem wieder sitzenden Tier - da war etwas, dort in der Ferne, ein Gegenstand; Die Art wie das Objekt das Licht zurück warf, schloss auf Metall. Wie ein gefallener Stern, das funkelnde Auge der Düne, versteckt zwischen ihren größeren Brüdern, dort wohin nun Rashins sturzbesessener Körper talabwärts, dann -aufwärts torkelte; seine Hand beim Aufstieg das Auge abschirmend, die Ritze zwischen Zeige- und Mittelfinger lies aber das einen Strich des aggressiven Blinkens durch.

Nach und nach und fächerten sich die Finger aus der verdeckenden Hand auf. Erst der Zeigefinger, der aber dann doch wieder zurück in Formation klappte, während das Auge mit der grellen Blase aus dem blauem Stahl oder Eisen seinen Frieden zu schließen hatte. Doch schließlich öffnete sich die ganze Hand. Was da nun im Sand halb verbuddelt lag wies Ähnlichkeiten mit einem Schwert auf; leicht gekrümmte Form irgendwo zwischen Sichel und Schwert. Rashin rannte hin, scherte den unteren Sand ab. Der hölzerne Griff der Waffe trat zum Vorschein. Daran zog er sich wund, inzwischen beide Hände, doch das Ding verließ den Grund in dem es steckte nicht. Biss da etwas unterirdisch an dem hölzernen Teil? Rund herum wurde der Sand rissig, gebar einen sich an den Stiel schmiegenden Kegel aus Frakturen. Um wie bei stark verwurzeltem Gemüse Erfolg zu erzielen, trat er beim Ziehen zurück und ging in die Knie, aus denen er Kraft zog. Der Boden brach in sich zusammen.

Vor ihm ein Mensch? Vielleicht einen halben Meter tiefer fand Rashin sich vor. An der Unterseite des Holzgriffs befand sich eine zweite Klinge, die in einen fleischlosen Brustkorb stach. Als er sich fragend mit der einen Hand an seinen Kopf fasste, und mit der anderen den angestaubten Schädel berührte, bemerkte er: Beide wiesen die gleichen Härte auf, nur bei dem Schädel fehlte die Nase. Seltsam, in diesem Augenblick zu lächeln, unmoralisch vielleicht? Das da unten hätte schließlich er sein können, aber darum ging es nicht. Nein, jemand würde wohl da draußen sein. Kämpfer, Sucher, Abschaum. Leute mit Geschichten, mit Stimmen die er statt der wiederkehrenden Eigenen hören konnte. Mitleid, eine Art Gemeinsamkeit, danach sehnte er sich, gab er zu. Mit dem selben Lächeln sah er nach vorne, immer noch von seiner Reaktion auf den Fund überrascht.

Dadurch das eine Klinge nach rechts und die andere nach links gebogen war, hatte die Waffe aus Eisen eine S-Form. Er erinnerte sich an einen Bumerang von damals. Instinktiv hatte er das Verlangen das Teil zu werfen um zu sehen ob es zurück käme. Mit dem Fuß brach er die eingeschlammten Rippen auf und fegte die Knochenhand vom Bauch. Dem Verlangen würde er sich hingeben, war ja keiner da, der ihm sagen könnte, wie lächerlich er dabei aussehe. Mit dem Ballast in der Hand hüpfte er aus der sargförmigen Grube. Das Nach-hinten-Ausholen knickte einem bei diesem schweren Gerät fast schon den Arm durch. Trotz dessen durchbohrte der Klingenbumerang unnachgiebig den Luftraum, wenn nach dem erlösendem Schrei die Muskelfasern sich wieder zusammenzogen. Angelangt an der Spitze des Himmels, krachte das Ding kreischend in eine Kehrtwende; direkter Weg zurück.

Flucht aus der Flugbahn. Der Luftstoß zerzauste die Haare; ein Schnipsel landete auf seiner Schulter. Bevor er sich für seine Idiotie einen symbolischen Schlag der Bestrafung verpassen konnte, machte Rashin die bizarre Beobachtung, dass der Bumerang einen erneuten Richtungswechsel vollzog, und dies, ohne dabei auch nur einen Funken der Geschwindigkeit oder Lautstärke zu verlieren, mit der er durch die Wüste donnerte. Er stand still und studierte die Bewegungen des mysteriösen Objekts, welches unbekümmert über die knapp 30 Meter Distanz pendelte; immer noch genauso schnell wie am Anfang, nur um dann umzukehren. Ein wiederkehrender Kreislauf. Nach einer halben Stunde im Schleier der Sandkörner war Rashin überzeugt, dass dieses Ding für immer und ewig fliegen würde. Waren die Naturgesetze nicht mehr so wie früher, hielt der Gegenstand eine besondere Kraft inne, oder halluzinierte Rashin etwa?

Nur zwei Dinge wusste er, dieses Ding war nicht normal und er musste es bekommen, besitzen und meistern. Dennoch: Es handelte sich um zwei Drittel scharf geschliffenes Eisen, abgefeuert auf hoher Geschwindigkeit. Um den Griff in der Mitte an sich zu reißen, müsste er abwarten, bis es gerade kurz davor war, an ihm vorbei zu sausen, es an der richtigen Stelle greifen und nur beten, dass er in der Lage sei, es zu bremsen ohne das ihm der Arm abfällt. War es das Wert?

“Ja!” schien Rashins Magen brummend zu bemerken, denn irgendwie musste er ja Essen auftreiben und dabei würde sich nunmal eine echte Jagdwaffe(besser als der mickrige Dolch) als nützlich erweisen. Außerdem musste er für den Fall das er feindlich Gesinnten begegnete, sicherstellen, dass er nicht so endete wie der Kumpel im Sand.

Also wartete er auf den geeigneten Zeitpunkt, nahm seinen Mut zusammen, doch er schreckte zurück. Sein Fuß wippte einfach auf und ab. Ein scharfer Luftzug kam und ging. Rashin pauste ihn mit seinem Atem ab - auf und ab. Erneut - auf und ab. Erneut - da griff er in die Mitte. Die Rotationskräfte zehrten an ihm, ein Strudel hatte sich auf ihn gesprungen - doch mit schwitziger Mühe, mit einem guten Schritt, schaffte er es und sein Schulterblatt blieb an seinem Platz. So war der Klingenbumerang nun sein Eigentum. Er drückte ihn kurz in den Sand, streckte seinen Arm, hob ihn wieder auf und verstaute ihn an seinem Gürtel. So war er an die Hose gepresst und gehalten. Jetzt kam der Moment, an dem Rashin wieder zum Wasser griff, was ihn zu seinem Leidwesen nochmal daran erinnerte, dass er dringend eine Quelle finden musste um diese Reise irgendwie zu überstehen.

Also stieg er wieder auf den Dromedar und setzte seine Reise fort.

-

Während er weiter in die Ferne ritt, nahm der Himmel eine glutrote Farbe an, die Sonne sank herab und die Luft gewann an Frische. Die Zeit schritt wohl fort. Auch die Dünen verloren an Masse. Es war Abend hier und es war Abend zu hause. Hatten die anderen sich schon an sein Fehlen gewöhnt, oder betrauerte man ihn noch immer? Manche würden erst morgen wissen, wie die Dinge sich verändert hatten. Manche überhaupt nicht. Rashin, wer zur Hölle ist das? Er konnte sich mindestens drei Paar Lippen zu dieser Frage formen sehen. Die Schlimmsten aber vermissten ihn. Im Gedanken daran, zeckte ihm sein Kinn. Auch sicher einige Naive, die fragten: Seid ihr nicht sonst einer mehr? Wann kommt er denn zurück?

Fragen wie diese hallten nach, doch er verdrängte sie schnell und fokussierte sich wieder auf die neue Umgebung. Große Felsen stachen aus der Landschaft hervor - die Zähne einer Viper beim Angriff auf das Nagetier. Würde man glauben das der rote Himmel in Flammen stand, so wäre es natürlich gewesen anzunehmen, dass es sich bei diesen schwarzen Felsen um die daraus resultierenden Aschehaufen handelte. Wobei, erinnerten sie nicht doch bei näherem Hinsehen eher an Vulkangestein? Fakt war nur, dass sie Rashin ganz in ihren Bann gezogen hatten. Sie enthielten ein Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung; Neugier und Furcht, beides blubberte zum Vorschein. Frische rollte sich von Meter zu Meter auf, in einen eisigen Ball schneidender Winde. Dies war nicht der Landschaft zu zuschreiben, auch wenn es manchmal so schien. Es war lediglich ein Produkt des sich der Nacht nähernden Tages.

Doch noch war die Sonne nicht unter gegangen. Das bedeutete, dass Rashin sich wenigstens noch vormachen konnte, dass es doch gar nicht so kalt war, wie er dachte. Er steuerte einen Kurs an, der es ihm erlaubte die scharfen Felsformationen im Blick zu behalten, zu gleich aber auch die sichere Distanz aufrecht hielt. Und die Sonne, sie schwamm parallel zu sowohl ihm und den Felsen. Sie hielt sowohl die letzen Blicke des Tages aufrecht, als auch ein Zittern auf das immerzu in den Raum des möglichen schleichende Dunkel. Nun aber zu seiner Linken offenbarte sich ihm etwas: Inmitten des Waldes von Felsen ein Gerüst aus Gold.

Rashin zügelte den Dromedar. Er blickte in die Richtung der Steine. Es stand in mit Glanz von sich spritzender, mehrstöckiger Turm, verziert mit kobaltblauen, sich dekadent entfaltenden Dachvorsprüngen, welche die einzelnen Stockwerke voneinander trennten. Das alles sah aus wie neu erbaut und stand ausgerechnet hier im Niemandsland, umringt von kleinen Nebelschwaden, die den Turm wie Lianen umgaben. Rashin biss sich wieder leicht auf den Daumen. Schmerz: die Nadel im Heuhaufen. Erst die wundersame Waffe und nun das!

Das Ziel vor Augen; der Pfad ebnete sich ihm durch die Felsen; im Widerstand des auf ihn prallenden Windes erschien ihm die Distanz zu dem Objekt in der Ferne, dem ihm scheinbar wegdrücken wollenden Turm, auf den er zu lechzte - im Galopp des Dromedars eine Straße in den Boden hinein wirbelnd. Die Felsen wurden größer. Ohne Vorsicht durch den Eingang des Steinwaldes. Nun war er umgeben von ihnen, alle massiv, schwarz, leblos und die Pfeiler eines enges Rasters aus Korridoren: Paranoia. Jene hebelte sich im Blick nach vorne wieder aus. Ohne Beachtung schnellte er an ihnen vorbei; das Auge auf dem verschwommenen Gold und Grau, endlose Reihen entfernt. Schließlich ging die Sonne unter. Dunkle Blautöne färbten das Bild vor Rashins Auge und er fror mehr als zuvor noch. Es fühlte sich an als ob er schon längst da sein müsste. Seine Hand wollte schon nach dem vom Ziel ausgehenden Glimmer greifen. Doch Zweifel wurden im Keim erstickt. Bilder, wie die eines gemachten Bettes oder von prachtvollen Treppenhäusern hielten ihn beisammen. Dann brach er durch den Nebel. Kurz vor dem Bau sprang er von dem Dromedar. Hand und Beine hechteten nach dem goldenen Türknauf an der weinroten Tür.

Ohne Laut zerfiel es, der Turm zerfetzte sich in winzigste Einzelteile, ebenso Rashins erdachtes Kartenhaus von Vorstellungen. Er blieb stehen, schaute zurück und wieder nach vorne. Als hätte es den Turm nie gegeben, ein leerer Platz. Das Schicksal hatte ihm mal wieder zum Aufstehen die Hand gereicht, nur um ihn danach wieder zum Spaß zu Boden zu prügeln - oder so konnte er die Situation abstempeln. Die Partikel des zerfallenden Hauses sammelten sich in der Luft zusammen und bildeten eine grüne Flamme. Der grünen Flamme wuchsen Arme und Beine; menschlichen Gliedmaßen nicht unähnlich, jedoch gänzlich aus Feuer gemacht. Das vor sich hin lodernde Flammenwesen machte einen kleinen Spaziergang auf eineinhalb Metern Höhe durch die Luft. Es knisterte wie ein Lagerfeuer und lies leise Atemgeräusche von sich. Dann blieb es stehen und wedelte mit seinen beiden Armen, als wolle es auf sich zeigen. Rashin wusste nicht, welchen Abstand er zu diesem Geschöpf einhalten sollte. Bis er an die alten Märchen dachte. Schrilles Geschrei kam von den Felsen, die die Lichtung umrundeten. Das Flammenwesen kicherte wie ein kleines Kind, als eine Gruppe schwarzer Silhouetten sich von den Felsen springend vor den Mond stürzte: kollossale Skorpione mit Libellenschwingen, enormen Klauen und einem Stachel an dem man Kamele aufspießen konnte.

Die Angreifer im Sturzflug; Rashin düste davon, immer noch in dem Schatten der Panzer. Die Beschleunigung ermöglichte es gerade noch auf den Dromedar zu springen, kurz bevor sich dieser aus dem Staub machen würde.

„Grr...“

Die Verfolger dennoch dicht dran. Rashin hegte kurz den Gedanken seine Wunderwaffe gegen die Monstrositäten einzusetzen. Doch das Terrain war dagegen: Der Klingenbumerang konnte in einem der Felsen stecken bleiben, oder sogar abprallen, somit wer weiß wo hinfliegen. Sogar wenn Rashin ihn in einer Weise werfen würde, die Kontakt mit Gestein vermied, müsste er ihn wieder fangen. Was das anging, kribbelte ihm schon die Blase. Zweitens riskierte er mit diesem Unterfangen, sich in eine Position zu bringen, die ihn zu nah an die Flügelskorpione brachte. Der Plan: Raus aus den Felskorridoren und zurück ins Dünenfeld. Dort Abschütteln oder auf offenem Feld Massakrieren.

Ein Mundgeruch, welcher einen Kotzreiz auslöste und ein lautes Hecheln von hinten. Er schlug eine Abzweigung zu seiner Rechten ein, um sie abzuhängen, jeder Meter zählte. Kurz davor ein Blick nach Hinten: 5 an der Zahl, Schlundmäuler, Zungen wie im Wind flatternde Schale. Bei der Wende ein Zischen gefolgt vom Klang dumpfen Flatterns im Hintergrund.

Der Wind peitschte ihm seinen Schweiß ab. Jetzt bog er wieder nach links, zurück zum Ziel. Nur noch 4 Verfolger. Die Distanz zwischen ihm und dem ekelhaften Gestank war größer geworden.

”Durchhalten, Kleiner! Du darfst jetzt nicht schlapp machen. Glaub mir wir haben es fast geschafft, bald kannst du dich hinlegen aber jetzt must du noch dein Bestes geben.”

Der Dromedar hielt sein Tempo.

Das Gerede: reines Bauchgefühl. In der Ferne nur die pechfarbene Leere, welche Umrisse von Felsen ausspuckte. Immerhin: Sein Herz entschleunigte sich, bebte nichtmehr auf eine Explosion zu. Dieser eine Skorpion, der es nicht geschafft hatte musste wohl, laut Rashin, ziemlich unterbelichtet sein. Wahrscheinlich war er gegen einen Felsen geprallt.

Die gewellte Linie in der Ferne; schon der Umriss der Dünen, oder nur ein Knick in seinem Starren? Sie rückte näher: er konnte aufatmen.

Nicht ganz; sie, die Linie hechelte.

Die Linie klackerte. Und sprang.

Rashins Nervenstränge rissen. Abrupt zerrte er an den Zügeln des verängstigten Dromedars, erzwang den kompletten Richtungswechsel. Jetzt hinter ihm der fünfte, vor ihm die vier. Er raste in die Meute, ließ den Klauen im Rücken Leere.

Ab nach rechts. In der Gasse fragte er sich wie das möglich war. Von den Felsen rechts vorne schneiten drei Viecher herab.

Ab nach links. Nun verstand er: Vorhin war der fünfte Skorpion absichtlich vom Kurs abgekommen und war über die Felsen vor ihm gelandet. Dafür hätte es aber nach einem Verständnis von seiner Fluchtroute gebraucht.

Wieder fand er sich in der Zange vor. Rechts rein.

Wiederholung.

Sein Plan musste sich der Situation anpassen. Die Ausdauer hielt nicht ewig. Wenn es um Beweglichkeit allein ging war er im Nachteil. Die Feinde hatten den gesamten Luftraum zu Verfügung während er mit den kleinen Pfaden zwischen den Felsen zurecht kommen musste. Es musste einen Weg geben es auszunutzen.

Links rein. Er warf. Der Skorpion vor ihm glitt ruckartig nach links. Rashin entglitt der Enthauptung. Rechts rein. Den Felsen merken: sah aus wie eine Frau. Rashin aber nun ohne Waffe. Der Bumerang rotierte noch immer deutlich hörbar im Hintergrund. Diesmal war die Strecke frei. Auch hinter ihm war niemand.

Es musste an der Pendelbewegung der Waffe gelegen haben; sie hatte sie wohl verscheucht. Er hoffte das der Bumerang wenigstens einen von ihnen zerschnippelt hätte. Doch das war Wunschdenken. Aufgrund dessen ging Rashin davon aus, dass die Skorpione, die wiederholt bewiesen hatten, dass sie ein Talent dafür besaßen seine Bewegungen vorherzusehen und ihre Flugfähigkeiten zu ihrem Vorteil auszunutzen, vollzählig waren und drauf und dran, ihn mal wieder in die Zange zu nehmen.

Aber dieses Mal würde er nicht seinen gewöhnlichen Mustern folgen. Nein, stattdessen würde er einen kompletten Richtungswechsel durchführen und zum schwingendem Klingenbumerang zurückkehren. Das sollte sie dazu bringen die Fährte zu verlieren. Sonst Plan B. Der langwierige Denkprozess endete. Er tat die Wendung.

Es gab nichts hinter dem er sich den Augen der Fluggestalten entziehen konnte. Alles hing davon ab das sie sich auf einem der anderen Pfade befanden und er somit außerhalb ihres Blickfelds ritt. Sonst Plan B.

Die Stille folterte ihn. Gebannt starrte er auf die Strecke. Die Zentimeter nagten. Sie hätten ihn doch schon längst entdecken müssen. Wenn nicht jetzt dann nie, erhoffte er sich. Trotzdem die Gefahr bestand jeden Augenblick. Rashins Puls stieg. Abrupt drehte er seinen Kopf bis zum Anschlag. Nichts, außer der fortwährenden Dunkelheit. Langsam kehrten sie wieder zurück zur Strecke vor ihm. Erschöpfung. Der Puls sank wieder - Die Augen schlossen sich aber. 1 Sekunde, 2 Sekunden, 3 Sekunden. Sie öffneten sich. Der Wille ließ nach; der Wille kehrte zurück. Rashin versuchte sich dazu zu bringen sie offen zu halten. 1...2...3...4...5...6...7...8...9...; solange hatte er sie wieder zu. Da roch er sich und den Dromedar. Beide stanken.

„Nein.“

Ein Schrei hallte durch die Landschaft. Rashins aufgerissenen Augen erspähten einen an Größe gewinnenden Umriss hoch oben am Horizont. Ein paar kleinere Schablonen gesellten sich zu ihm. Der Abstand zwischen den Umrissen und Rashin nahm ab.

Plan B.

Es fing an mit dem alten Schema: Endloses Abbiegen um Zangenformationen zu entgehen, dabei die Position des Frauen-Felsens im Kopf behalten und das Kamel bei Bewusstsein halten. Zu Rashins Leidwesen gab es keinerlei Komplikationen die eine Planänderung mit sich ziehen würden.

Der Klingenbumerang zog wie immer unaufhaltsam auf und ab, zerteilte die Gasse damit in einer Diagonale. Plan B: Augen zu und durch.

Rashin blieb vor dem Pfad stehen. Der auf dem Kieselgrund aufschlagende Schweißtropfen ging nicht im wummenden Ausstoßklang der wendenden Waffe unter. Das Pumpen des Blutes ging auch nicht unter. Weder tat es das Schnalzen der frei wirbelnden Zungen. Es wurde aber immer lauter.

Der Schwall an Geräuschen von hinten drückte auf seinen Rücken. Und der Klingenbumerang passierte vorbei. Rashin zerrte den Dromedar in Bewegung. Geduckt düste er durch die Schneise, Augen zu. Der Wind brauste an seinem Kopf vorbei. Das Rattern des Rotierens.

Augen auf. Er: stand auf der anderen Seite. Rashin warf einen Blick zurück. Die Geschöpfe hatten den Hinrichtungsplatz noch nicht erreicht.

„Jetzt enspann dich doch du Drecksvieh! Ich bin genauso sehr Köder wie du! Vertrau mir. Es ist der einzige Weg.”

Der Dromedar schwang weiter unkontrolliert nach links und rechts aus.

Die Distanz wurde geringer. Rashin schreckte zurück. Er musste sich jede einzelne Sekunde aufs neue davon überzeugen stehen zu bleiben. Sie kamen immer näher. Die schwarzen Perlen in ihren Gruben zeigten keine Emotion. Zitternd erlebte Rashin den Sturm der Skorpione. Das Rudel betrat die Gasse. Das erste Exoskelett knackte. Ein violettes Sekret bespritzte den Boden; der Sack Fleisch rollte es auf den Kies.

Rashin war angeekelt, doch das war nicht das Entscheidende. Was wirklich zählte war die Misskalkulation. Der Bumerang hatte den Skorpion nicht durchtrennt. Die Waffe steckte in der Leiche. Seine Falle zerstört.

„Reit los!“, wimmerte er.

Die Skorpionszungen schleckten fast am Hinterteil des nach vorne schnellenden Tieres.

„Schneller! Packesel! Schneller!“

Würde er abbiegen würden sie wieder den selben alten Trick abziehen. Auf seinen nächsten Zug kam es an. Es gab nur einen Weg dem sicheren Schachmatt zu entkommen. Er musste sie täuschen, in die Irre führen, mit etwas Unerwartetem verblüffen. Irgendwie an die Waffe kommen, denn zur Flucht reichte die Ausdauer niemals. Seine Stirn glich einem zerknüllten Stück Papier.

„Schneller! Na los!“

Er hatte eine Idee.

„Schneller! Bitte! Komm schon! Es tut mir leid!“

Ein Wunder, dass der Abstand nicht geringer wurde. Das Tier stöhnte. Klackernde Klauen piekten, verfehlten knapp. Er begriff das er die Geschwindigkeit nicht mehr mit einfachen Befehlen hochschrauben konnte, dass der Dromedar an den Rand seiner Kapazitäten stieß . Doch für seinen Plan brauchte er Abstand.

„Schneller...“

Man konnte aber den Abstand erhöhen. Aber nicht umsonst. Es gab da etwas was das Kamel verlangsamte. Nichts weiter als ein paar Krüge.

Rashin bereute es schon jetzt. Zu erst wollte er den bereits angetrunkenen Krug wegschmeißen. Doch dann überkam ihn eine Sorge - Was ist wenn es nicht reichen würde? Machte der angetrunkene Krug einen Unterschied? Vielleicht würde der Dromedar kein Geschwindigkeitsgewinn daraus ziehen. Ein voller Krug jedoch... Der machte so einiges an Gewicht her. Dennoch enthielt der Krug Stunden seiner Lebenszeit.

Er entband den gefüllten Krug, erblickte die schönen Muster auf ihm noch ein letztes Mal und stoß ihn von sich nach hinten. Der Krug zerbarste lautstark in seine Einzelteile gefolgt von einem leisen Platschen. Die Skorpione schenkten dem keine Beachtung. Dem Dromedar jedoch, ihm stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Rashin gewann nach und nach immer mehr Distanz vor seinen Fressfeinden.

Der Spielraum war da. Links rein. Er sah ihre Bewegungen voraus. In Erwartung den Weg abgeschnitten zu bekommen machte er sofort eine Kehrtwende zurück. Dank der Entfernung geriet er nicht in den Hinterhalt der zweiten Gruppe. Was er soeben erreicht hatte, war einen anderen Pfad einzuschlagen ohne umzingelt zu werden. Wenn er dieses abrupte Richtungswechselmuster behielt, konnte er überall hin ohne umzingelt zu werden. Vorausgesetzt sie würden sich ihm nicht anpassen.

Er musste diesen Trick noch zweimal durchführen. Einmal um auf den Weg zu der Gasse, auf der die Waffe lag zu gelangen, und noch einmal um jene zu betreten.

Er tat es wieder. Sie kamen ihm immer noch nicht zuvor. Er lachte, als sie ihn endlich geortet hatten und hinter ihm aufkreuzten.

Es gab aber immer noch ein gewaltiges Problem. Wie würde er es nachher in der Gasse schaffen den Bumerang aufzuheben? Dieser steckte in einem massiven Skorpionspanzer. Ihm fehlte die Zeit um stehen zu bleiben, ihn zu entfernen und anschließend wieder auf den Dromedar zu steigen. Also nütze es alles nichts.

So entpuppte sich Rashin ein weiteres Rätsel. Er musste jetzt herausfinden, wie er seine dämliche Waffe sicher zurück in die Finger bekäme. Nur seine Geschwindigkeit konnte er nicht weiter erhöhen. Leider war er auch nicht akrobatisch genug um sich am reitenden Dromedar hängend den Bumerang zu krallen und sich wieder auf den Sattel zu stämmen. Er näherte sich der Gasse, musste sich was einfallen lassen. Die Hungerschreie der Bestien inspirierten ihn.

„Es tut mir Leid.“ Er streichelte den Dromedar.

Er begann wie mit dem Manöver vorhin, damit in die seinem Ziel (dem Bumerang) entgegen gesetzte Richtung zu wenden. Nach dem er die Kurve gemacht hatte, sprang er jedoch von dem Dromedar. Der Dromedar ritt weiterhin in die dem Bumerang entgegen gesetzte Richtung, während Rashin zum Bumerang sprintete. Er riss ihn raus und beendete damit gleichzeitig das Leid des verkrampften sich auf dem Boden windenden Skorpions.

Die Skorpione hätten Rashin problemlos kriegen können, doch sie dachten mit ihren Mägen und entschieden sich stattdessen für das größere Ziel. Sie: alle eingereiht in der engen Gasse. Rashin jagte ihnen hinterher. Er holte aus und zielte auf ihre ungepanzerten Flügelansätze. Sie prasselten der Reihe nach herab.

Vier immobile, sich auf dem Boden tümmelnde Riesen. All ihre winzigen Beinchen waren beim Aufprall zerquetscht worden. Er nahm seinen Bumerang, stach mit der Klinge Stacheln und Klauen aus und beendete anschließend permanent ihr Gekreische. Danach sah er nach dem Tier. Es war unversehrt.

Das Fleisch, es war bitter und ungenießbar. Er stopfte es rein, hielt sich die Nase zu. Legte sich hin. Dann merkte er, dass Schlafen wohlmöglich hier nicht sicher wäre. Aber sogar wenn das Dünenfeld sicherer war, musste er so schnell wie möglich an Wasser kommen. Und den am Boden wuchernden Tausendfüßlern und den Viechern von vorhin nach zu urteilen, gab es hier Leben. Leben brauchte Wasser. Also war es doch nicht so unlogisch fürs erste in diesem Territorrium zu bleiben. Zumal er sich komplett verlaufen hatte.

Naja, erstmal weg von den stinkenden Kadavern und irgendwie sich mit Steinen zu decken um nicht so aufzufallen. Das dachte er. Der Dromedar hatte sich schon hingelegt, Rashin folgte seinem Beispiel.

Kapitel 3

Durch einen stillen Fremden

Im Schatten der Felsen badend, erwachte Rashin. Sich die Nase zukneifend, kehrte er zu den inzwischen von Fliegen umgossenen Giganten zurück. Mit der anderen Hand verscheuchte er die lästigen Insekten. Er kniete sich hin, riss ein violettes Stück Fleisch aus dem geöffnetem Panzer, tat es in seinen Mund und spuckte es wieder aus. Da das Frühstuck sich erledigt hatte, ging er zu dem noch sitzendem Dromedar und stieg auf den Sattel.

Ein ständiges Wechselspiel von heiß und kühl, zwischen den Felsen kam Licht durch. Rashin wäre am liebsten den kleinen Insekten gefolgt, doch die machten sich nach wie vor allem über die Leichen her. Also zog er einfach umher, hörte einen grauen Kiesel leise unter den Hufen bröckeln, roch den Staub, und sah ihn als Schwarm in den violett gewaschenem Scheinwerfer der Sonne aufsteigen, bevor er sich am Auge kratzte.

Den Krug zu heben tat weh. Dabei dieses Schwappen zu hören tat weh. Dann das Ploppen; er könnte Nachsehen wie viel drin war. Nein, das machte er nicht. Es war zu schwer; er hob einfach nur und presste den Ton an die Lippen und fand sich im Unklaren, ob er Kippen sollte oder nicht. Und dann verharrte er in dieser Position. Eine Fliege sauste vorbei. Der Ton wurde klebrig und sein Arm unruhig. Das Rautenmuster unter seiner Handfläche begann zu glühen. Er ließ es seinen Rachen runter fließen. Jetzt hörte er die Schritte.

Oder er wünschte sie sich auch nur. Links war dieser spürbare Hauch gewesen. Nahezu unhörbar. Etwas das unter Hufen zerbröselt. Davon der Nachhall. Der selbe sich legende Staub den er auch bei seinem Dromedar beobachtete. Etwas, was keinen Klang haben durfte, er jedoch dennoch wahrgenommen hatte. Denn es wiederholte sich. Zwei Gassen weiter vielleicht. Er erspähte etwas zwischen den Felsen, so glaubte er. Querfeld ein ritt er durch, leise.

Zwischen den Felsen, eine Gasse weiter von dem Ort an dem er nun stand, trottete etwas entlang. Grau, ein Eber. Fast kahl, Zottel nur unter Kinn und am Unterkörper. Drei vergilbte Keile, einen auf der Nase wie bei einem Nashorn. Das Gesicht, ein Warzenpalast. Stinkend und mager hielt sich das Tier über Boden.

Da wo das Wildschwein hinhumpelte musste unweigerlich Wasser sein. Rashin folgte, behielt eine gewisse Distanz; nah genug, dass das Tier noch am Rand seines Blickes blieb. Die Feuchtigkeit kroch ihm warm aus der Achsel. Er ersehnte schon den nächsten Schatten. Doch der Spalt zwischen einem Felsen und dem nächsten wurde von der selbst auferlegten Langsamkeit breit gezerrt. In diesen Abschnitten in der Glut zu treiben und seine Stirn zu fühlen, auch das Platzen von fernen Konturen in der sengenden Hitze zu spähen - er trabte durch den Mittag wegen nichts weiter als einem kleinen Fleck, dessen abgeknicktes, rechtes Hinterbein hoppelnd eine unregelmäßige Spur von Punkten in den Boden drückte.

Am Leid waren sie miteinander verbunden. Zwei Gefangene, und die Sonne als Henker. Der eine hoppelte voran, der andere folgte. Beide in der Schmelze des Tages. Ab und an eine Pause vom Vordermann, der im Glimmer wartend, seine Brust zusammenzog, als würde mit dem Entspannen jener die Bewusstlosigkeit einher gehen, und dorthin Luftstöße riss. Der Hintermann konnte nur warten, bei Glück im Schatten. Schließlich zog der Vordermann weiter. Und man konnte glauben, dass es nicht umsonst gewesen war.

Dann wurde es kühler. Die endlose Kette an Vorhängen aus Licht verlor ihren Stachel. Die Sonne würde bald untergehen. Hellblau zu rot, wechselte der Himmel. Der Vordermann folgte stets der Strecke ohne einen Wandel in seinem Verhalten. Rot zu blauschwarz, wurde nun der Himmel. Rasten war nicht an der Tagesordnung. Für den Vordermann gab es keine Nacht. Die Sorgen lagen beim Hintermann: Rashin musste sicher stellen das keine Skorpione aufkreuzten. So ereignislos die Nacht auch blieb, die Ausschau nach Silhouetten am Sternenflur mürbte ihn nieder. Auseinander geschossene Augenlider, die das unvermeidliche Treffen zum Blinzeln fürchteten. Ein auf die Brust und weg von ihr wippendes Kinn. Frost, der beim Reiten unter die Kapuze kroch. Und der Vordermann blieb ungestört in seinem kränklichen Gehmuster.

Da stellte sich dem Hintermann auf einmal die Frage, ob der Vordermann überhaupt real war. Doch die Erinnerung an die Geschichten von Zuhause sagte aus, dass diese Flammen wie die eine von gestern - Irrlichter hießen sie - immer gebunden an ein Objekt oder Ort existierten. Trotzdem, was der Vordermann hier zu suchen hatte; das blieb unklar. Eigentlich lebten diese Tiere nur in Grasländern und Steppen. Gutmöglich das beide Verstoßene waren.

Der Hintermann setzte alles auf ein fruchtbares Land am Ende des Pfades. Er wünschte das beide eine neue Heimat finden durften. Auch wenn er sich selbst dazu vorlügen musste, dass es auch nur die entfernteste Chance gab, den Vordermann mit einem Heilmittel wieder zusammen zu flicken, somit die in den Gang und das Aussehen imprägnierte, immer sichtbarer werdende Uhr zurück zu drehen. Eine Uhr die noch nicht herausgefunden hatte, dass sie still stand.

Kurz, eine Sekunde vielleicht, sah er ein Volk an einem Fluss; dann klatschte er sich wach, und entfernte seine Backe von ihrem Platz auf dem feuchten Nackenfell des Dromedars. Die erneut in den Landstrich eingekerbten Augen fanden immer-noch den Vordermann; jetzt stülpten sich die Felsen am Seitenrand leicht zu Boden: eine überdachende Klauenform. Die Abstände zwischen den Felsen nahmen ab, bald stattdessen ein Tunnel, nur aufgebrochen durch kleine Spalten, die aneinander gereiht Karten aus Mondschein zwischen Vordermann und Hintermann stellten. Der Hintermann durchbrach durchsichtige Tore, triefenden Auges; die Dunkelheit schummelte den Platz hinter der nächsten Lichtspalte leer. Bis auf den Streifen, welcher langsam über den Reiter wanderte, war hier nur Ungewissheit; die Silhouette in der Ferne durch das Schwarz verstummt. Jeden Augenblick wurde der Erlös der Hoffnungen auf die nächste Licht einlassende Ritze geschoben, ein Vorhang noch, dahinter das Ende - dieser Gedanke wollte sich wiederholen, eine Stunde lang und noch eine, und so weiter.