Der Hüter der Felder - Uwe Garnitz - E-Book

Der Hüter der Felder E-Book

Uwe Garnitz

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Beschreibung

Die in diesem Buch zusammengestellten Kurzgeschichten könnten mit dem Untertitel "heiter bis wolkig" beschrieben werden. Ironisch, teils zynisch, zeigen sie uns die unaufhörliche Suche nach den Grenzen zwischen Leben und Tod auf. Das unmenschliche Miteinander kommt ebenso an den Pranger, wie sozialpolitische Ungerechtigkeiten. Ein wenig verspielt und märchenhaft wird ein Rest von Hoffnungen und Träumen aufgemalt. Immer aber wird die von uns wahrgenommene Wirklichkeit in Frage gestellt. Was ist Wahrheit und was Vorstellung?

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Der Hüter der Felder

Das Nachbarhaus

Hannes, der Leuchtturmwärter

Flüchtige Begegnung

Tiefgefroren

Die Jacke

Der Wettlauf

Der Igel

Der Weihnachtskalender

Mit dem Gesicht nach unten

Nachtschicht

Der Hüter der Felder

Der Mann hatte die Begegnung nie vergessen. Vor zwei Jahren war es, genau hier. Jetzt fuhr er wieder mit dem Fahrrad durch diese verlassene Gegend. Wie damals war niemand außer ihm unterwegs. Bis zum Horizont nichts als Wiesen und Felder. Der dünne Frühnebel hatte sich noch nicht ganz verzogen, im Sonnenlicht schien die Erde zu dampfen. Ohne Kurven ging es geradeaus, auf holperigen Feldwegen. Bäume standen sehr wenige am Wegesrand, manchmal ein vom Wind zerzauster Strauch. Hier und da stand ein einzeln stehender, großer Baum, mitten auf einer Weide. Der Mann erinnerte sich genau, in dieser Gegend musste es gewesen sein, damals, vor zwei Jahren. Ein Ereignis, welches ihm seitdem nie mehr aus dem Kopf gewichen war. Im herbstlichen Frühnebel hatte er damals mit dem Rad angehalten und war abgestiegen, um ein Foto zu machen. Der Nebel hatte eine sehr große, allein stehende Eiche in einen weißlichen, zarten Hauch gehüllt. Sonnenstrahlen versilberten das Bild und gaben dem Baum etwas Mystisches.

Während er noch die optimale Kameraeinstellung und die richtige Belichtung suchte, hatte er durch den Sucher des Fotoapparates am gegenüberliegenden Feldrand eine Gestalt erblickt. Die Eiche leuchtete im frühmorgendlichen Sonnenschein. Der Mann machte unzählige Fotos, mal ging er nach rechts, dann nach links. Dann wiederum ging er in die Knie, oder fotografierte flach vom Boden aus. Nie verlor er jedoch die Gestalt am anderen Ende des Feldes aus den Augen. Er war also nicht alleine hier in dieser verlassenen Gegend. Wieder auf dem Fahrrad, war er um das gesamte Feld herumgefahren und zu der Stelle gekommen, an der er die Gestalt gesehen hatte.

Zuerst hatte er nichts erkennen können, dann aber, näherkommend, wurde er am Rande des Feldes einer menschlichen Gestalt gewahr, die auf einem abgesägten Baumstamm saß. Zusammengekrümmt, sich auf einen rustikalen Stock stützend, hatte dort ein alter Mann gekauert. Der Mann war neugierig vom Rad gestiegen und auf den Alten zugegangen, ohne dass dieser sich zu dem Ankommenden umgedreht hatte. Sein stark abgenutzter, dunkelgrüner, speckig glänzender Mantel hing hinunter bis auf den Boden. Auf dem Kopf trug er einen alten, schäbigen Lederhut mit breiter, geschwungener Krempe.

Das Fahrrad beiseitelegend, war es dem Mann sofort durch den Kopf gegangen, es müsse sich wohl um einen Schäfer handeln. Aber weit und breit war keine Schafherde, kein einziges Schaf zu sehen. Er ging auf den alten Mann zu und sagte absichtlich forsch-rustikal: »Grüß Gott, der Herr! Ich hoffe, ich störe Sie nicht!«

»Doch, das tust du, und Gott gibt es nicht!«, erwiderte der Alte mit überraschend klarer Stimme.

Der Mann war zusammengezuckt und erschrocken einen Schritt zurückgewichen. Lange war er nicht mehr von einem Fremden geduzt worden.

»Aber ich wünsche dir einen guten Morgen!«, unterbrach der alte Mann seine Gedanken.

»Guten Morgen!«

»Eigentlich ist es auch gut, dass du gekommen bist«, sagte der Alte, »so kann ich dich heute schon mal kennenlernen.« Während er das sagte, hatte er sich umgedreht und direkt seinem Gegenüber ins Gesicht geschaut. Er zeigte sein braun gebranntes, von tiefen Falten zerfurchtes Gesicht. Seine Augen waren bemerkenswert klar und hellblau.

»Wieso wollen Sie mich denn kennenlernen, wir sind uns doch noch nie begegnet«, stammelte der Mann überrascht.

»Eben deshalb«, lächelte der Alte, »du hast viele Fragen!«

»Entschuldigen Sie bitte, darf ich so neugierig sein und fragen, was Sie hier tun? Sind Sie schon lange hier? Ich sehe keine Schafe und Sie sind doch sicherlich Schäfer, oder?«

»Wenn hier keine Schafherde ist, bin ich wohl kein Schäfer! Ich bin lediglich ein Hüter, der Hüter der Felder. Ich gebe Acht, dass nichts passiert. Ich bin sozusagen ein Wächter.«

»Und wenn etwas passiert, was machen Sie dann?«

»Nichts, da kann man nichts machen, es muss dann so sein!«

Verblüfft starrte der Jüngere den Älteren an.

»Und wie lange sitzen Sie hier schon?«

»Schon sehr lange, so lange, dass ich nunmehr nur noch wenige Fragen ohne Antwort habe. Vielleicht noch ein oder zwei Jahre, dann habe ich keine Fragen mehr und kann gehen.«

Der Mann war ratlos und verwirrt: »Es muss doch sehr langweilig sein, die ganze Zeit hier zu sitzen!«

Der Alte fuhr herum, und ernst antwortete er:

»Du hast tatsächlich noch viele Fragen, nein, es ist nicht langweilig. In jeder Sekunde passiert etwas anderes. Man kann beobachten, wie das Gras wächst, und später, wie es gemäht wird, wie getrocknet, gewendet, gebündelt und eingefahren wird. Wie der Boden gepflügt, geeggt wird. Dann wird eingesät. Ich beobachte, wie das Korn reift, gebe Acht, wenn ein Sturm kommt, wenn Hagel die Ernte zerstört. Ich sehe Bussarde, wie sie jagen, Mäuse, wie sie um ihr Leben rennen. Von da hinten, aus der Schonung, kommen oft Rehe. Ich sehe, wie die kleinen Kitze heranwachsen, oder die Hasen, die sich jagen. Nein, das alles ist nicht langweilig. Und wenn der Schnee kommt, beobachte ich, wie überall Ruhe einkehrt – Winterschlaf. Dann sieht man, wie die Tiere auf der Suche nach Futter sind. Sie kämpfen in der kalten Jahreszeit ums Überleben. Ich bin hier nur der Hüter.« Der alte Mann hatte sich kurz geräuspert und seinen Blick wieder dem Feld zugewandt. Still hatte der Mann zugehört. Ungläubig hatte er gefragt:

»Und wenn ein Hagelsturm kommt und die gesamte Ernte vernichtet? Was tun Sie dann?«

»Nichts, dann muss das so sein!«

»Und wenn die Rehe im Winter hier auf dem Feld vor Ihren Augen verenden, machen Sie dann gar nichts?«

»Nein, da kann man nichts machen, das muss dann wohl so sein!«

Ärgerlich und wütend hatte sich der Mann damals, vor zwei Jahren, abwenden wollen, vorher hatte er aber den alten Mann noch gefragt:

»Gibt es irgendetwas, was ich für Sie tun kann?«

»Ja, das kannst du«, erwiderte dieser, »du kannst jetzt gehen!«

Kopfschüttelnd hatte der Mann sich umgedreht und war in Richtung seines Fahrrads gegangen. Als er es bestieg, rief ihm der alte Mann zu:

»Auf Wiedersehen!«

Ein kalter Schauer war ihm damals den Rücken hinuntergelaufen, wie auch noch heute, immer, wenn er an diesen Tag dachte. Und nachts, in seinen Alpträumen, sah er das freundliche Gesicht des Alten vor sich, der ihm zurief: »Auf Wiedersehen!«

Heute war er wieder in jener Gegend unterwegs. Erneut war er in die Felder gefahren. Es lag nun zwei Jahre zurück. Der milchige Frühnebel umhüllte wieder Büsche und Sträucher. Sonnenstrahlen zerschnitten die morgendlichen Nebelschwaden über der Wiesenlandschaft. An der Stelle, wo er vor zwei Jahren die große Eiche fotografiert hatte, blieb er stehen und versuchte zur anderen Seite des Feldes zu schauen. Undeutlich, durch den aufsteigenden Nebel, schien es ihm, als könne er dort eine Gestalt erblicken. Der Schreck durchfuhr all seine Glieder. Langsam, mit weichen Beinen, bestieg er sein Fahrrad, ohne es zu wollen, und fuhr um das Feld herum. Dort saß tatsächlich der buckelige, alte Mann.

Am ganzen Leib zitternd, legte der Mann sein Rad ins Gras und ging auf den Alten zu. Freudig stand dieser auf und reichte dem verblüfften Mann die Hand:

»Guten Morgen!«, lachte er freundlich, »heute ist ein guter Tag, ich wusste, dass wir uns wiedersehen würden. Du hast also immer noch so viele Fragen?«

Er ging zur Seite und bot dem am ganzen Körper schlotternden Mann seinen Platz auf dem Baumstamm an.

»Komm, setz dich, hier wirst du alle Antworten auf deine Fragen finden. Nimm meinen Platz ein. Du musst nur gut Acht geben!«

»Und Sie, was machen Sie jetzt?«

»Ich habe nun keine Fragen mehr, ich kann gehen!«

»Was soll ich denn tun, wenn etwas passiert?«, fragte der Mann.

»Nichts, du kannst nichts machen, es muss halt so sein!«, antwortete der alte Mann, drehte sich um und ging fort.

Das Nachbarhaus

Immer wieder ein verstohlener Blick nach drüben, in den Garten der Nachbarn. Heimlich und versteckt wagte es die alte Martha von Zeit zu Zeit, den Kopf halb schief gelegt, durch die Büsche hindurch auf das Grundstück nebenan zu blinzeln. Jahrelang, ja schon jahrzehntelang, hatte die mittlerweile gekrümmt an einem Stock gehende Frau versucht, etwas auf dem Gelände neben ihrem Haus auszuspionieren. Über die Hecke hinweg, mit einer Leiter, oder durch die Äste und Pflanzen hindurch, die an der Grenze zwischen den beiden Grundstücken standen, hatte Martha, ohne lockerzulassen, immer wieder sich lautlos anschleichend, versucht, das Geheimnis des Nachbarhauses zu lüften. Sie liebte dieses Haus und sie hasste es. Und für beides hatte sie keine Erklärung. Das Haus des Nachbarn war riesig. Drei Stockwerke, und auf jeder Etage hatte die alte Frau je acht Fenster gezählt. Wunderschöne hölzerne Fensterläden zierten die Fenster, wurden jedoch zu Marthas Verwunderung nie geschlossen.

Sie begannen langsam zu verwittern, die Farbe blätterte hier und da ab, und einige Scharniere hatten sich gelockert, so dass die Läden schief neben den Fenstern hingen. Im gotischen Stil erbaut, mit viel Stuck und künstlerischen Verzierungen, sah es vornehm und gediegen aus. Sicherlich sehr reiche Leute, die in solch einem Haus wohnten, dachte Martha oft. Aber gesehen hatte sie nie jemanden von ihnen. Nicht ein einziges Mal war es ihr geglückt, einen Bewohner des luxuriösen Hauses zu erspähen. Ehemals leuchtend gelb angestrichen, jetzt ein wenig blass, strahlte das ehrwürdige Haus etwas Majestätisches aus. Martha malte sich, wenn sie sich abends in ihre bescheidene Behausung zurückgezogen hatte, aus, wie es wohl im Inneren des Palastes aussehen würde.

Sie stellte sich weiträumige Säle mit blanken, glänzenden Fußböden vor, auf denen sich die funkelnden Kristalllüster, die von der Decke herabhingen, widerspiegelten.

An den Wänden flackerte das Licht von unzähligen silbernen Kerzenleuchtern, die sanft wunderschöne Fresken beschienen.

Von den Ballsälen, stellte sich Martha immer wieder vor, würde eine breite, weiße, geschwungene Marmortreppe in die oberen Gemächer führen.

Sie selbst wohnte bei Weitem nicht so luxuriös. Ihr kleines Haus hätte auch in einer Schrebergartensiedlung stehen können. Aber sie hatte einen wunderschönen Garten. Es reichte ihr. Sie wollte zufrieden sein. Was hätte sie mit einem solch großen, pompösen Haus wie dem des Nachbarn anfangen sollen, sagte sie sich fast jeden Abend. Sie hatte sich zumindest alles, was sie hatte, selbst und ehrlich verdient. Niemand hatte ihr etwas geschenkt, und sie hatte niemanden betrügen müssen, um reich zu werden. Wer weiß, dachte sich die alte Frau, ob da drüben alles mit rechten Dingen zuging? Vielleicht würden dort wilde Orgien gefeiert, mit wer weiß was für kriminellem Gesindel. Sie schloss die Augen und sah bildlich vor sich, wie man sich in dem geheimnisvollen Haus nach einer rauschenden Ballnacht mit viel Tanz und Champagner in die zweite Etage begab.

Dort waren die Badezimmer. Jedes aus massivem Marmor, das eine in dezentem Rosa, das andere in feinem Hellblau. Die Badewannen waren so groß wie Swimmingpools und ebenerdig eingelassen. Aus goldenen Wasserhähnen floss warmes wohlriechendes Wasser, und überall im ganzen Haus verbreitete sich der betörende Duft von Jasmin und Rosenblättern.

Martha war nicht verheiratet, zeit ihres Lebens war sie allein geblieben. Mit anderen Menschen kam sie nicht recht klar – sie zog es vor, allein zu bleiben. Das war nicht immer so gewesen. Früher hätte sie sich schon vorstellen können, mit einem anderen Menschen zusammenzuleben, aber dann war alles anders gekommen. Sie war alt geworden und versuchte, zufrieden zu sein.

Die Frau verschränkte die Arme hinter dem Kopf, legte sich zurück und dachte sich aus, was in der dritten Etage des mysteriösen Hauses vor sich gehen würde. In den geräumigen Schlafgemächern der hohen Herrschaften standen wahrscheinlich große weiche Himmelbetten mit prunkvollen Baldachinen und zahllosen Kissen.

Vor den bis zur Decke reichenden Fenstern hingen schwere samtene Vorhänge, die – mit goldfarbenen Kordeln verziert – kein Licht durchließen. Aber Martha grübelte: Nie hatte sie jemals irgendeine Veränderung an oder in dem Haus bemerkt. Von den schillernden Festen hatte sie nichts mitbekommen, keine Musik, kein Laut war zu ihr herübergekommen. An den Fenstern hatte sich nie etwas bewegt, weder Fensterläden noch schwere Gardinen. Umso mehr reizte es sie, das Geheimnis des Nachbarhauses zu lüften. Und sie wollte wissen, warum jene ein so großes Haus besaßen, schrille Partys feiern konnten, und sie nur in einem kleinen Zweizimmerhäuschen hausen musste. Nur ein einziges Mal, in all diesen Jahren, hatte sie es geschafft, genau im richtigen Moment durch die Sträucher und Büsche hindurch zu lugen, um gerade noch zu sehen, wie eine große schwarze Limousine vor dem gespenstischen Haus hielt. Ein Mann war aus dem Wagen ausgestiegen, um das Auto herum auf die Eingangstür zugegangen. Er hatte längere Zeit das gesamte Haus eingehend betrachtet.

Dann hatte er sich an der Tür zu schaffen gemacht und war kurze Zeit später schon wieder davongebraust.

Das nächste Mal, nahm sich Martha vor, wenn sich dort jemand sehen ließe, würde sie hinübergehen und irgendetwas fragen, einfach irgendetwas – vielleicht, ob sie eine Hacke ausleihen könnten –, oder etwas Ähnliches.

Oder ich frage die Nachbarn, überlegte Martha, ob sie sich nach fast zwanzig Jahren nicht langsam mal vorstellen wollten. Die alte Frau war aufgesprungen und ans Fenster gelaufen. Sie schaute hinaus ins Dunkle. Sie hatte nie ausmachen können, ob die Leute in dem großen gelben Haus nachts überhaupt das Licht anschalteten oder nicht. Sie war sich nicht sicher, aber sie hatte noch nie wirklich gesehen, dass aus einem der vielen Zimmer Licht geschienen hätte. Sicherlich haben die vornehmen Herrschaften ständig die schweren Gardinen zugezogen, dachte sich Martha – wenn sie etwas zu verbergen haben … Ich brauche keine Rollläden und keine Gardinen, lachte sie, mir kann niemand etwas weggucken, und außerdem bin ich froh, dass ich noch in den Garten schauen kann. Sollen sich die feinen Leute doch im Dunkeln in ihren Gemächern rekeln und ihre langweiligen Bilder an der Wand bewundern.