Der innere Klaus - Georg Weisfeld - E-Book

Der innere Klaus E-Book

Georg Weisfeld

0,0

Beschreibung

Es handelt sich um vier Weihnachtsgeschichten, die wahre Begebenheiten des Autoren zur Grundlage haben. So entführt er uns in sein Schauspiel-Sujet. Was macht einen guten Weihnachtsmann-Darsteller aus? Läßt sich die Weihnachtsgeschichte pantomimisch-tänzerisch erzählen? Welche Hürden gilt es zu überwinden? Wie überlebt man die vorweihnachtliche Krimidinner-Unterhaltungsindustrie als kleines Schauspieler-Äffchen? Die Antworten auf diese Fragen sind knallhart und unehrlich. Weiter entführt uns der Autor ins verschneite, österreichische Gailtal. Wie feiert man an der Slowenischen Grenze das heilige Fest? Und was ist ein Robo-Mow?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 75

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Georg Weisfeld - geboren 1975 in Bremen, lebt und arbeitet in Berlin als Improvisationstheater- und Krimidinner-Schauspieler. Er veröffentlicht Kurzgeschichten und ist Autor für die Lesebühne "Die Dienstagspropheten".

Inhalt

1. Das kryptische Krippenspiel

2. Das Krimidinner

3. Der innere Klaus

4. Weihnachten im Gailtal

Das kryptische Krippenspiel

Zufrieden legte ich auf. Eben hatte mir Pastor Merle bestätigt, dass ich das Krippenspiel inszenieren durfte, in der Neuköllner Genezareth-Gemeinde, als pantomimisches Theaterstück. Als ich mit dem Projekt zu ihm gekommen war, hatte er zunächst herumgedruckst. Die Kinder, die sonst die Krippenspieler waren, traten kostenlos auf. Ich nicht. Ich bin staatlich geprüfter Pantomime. Ich habe mein Handwerk drei Jahre lang erlernt.

Es sollte keine klassische Variante werden á la Marcel Marceau, mit Ringelhemd und geweißtem Gesicht. Ich komme aus der polnischen Tradition, von Henryk Tomaszewski. Da ist alles abstrakter, tänzerischer. In meiner Ausbildungszeit hatte ich die Genezareth-Gemeinde bereits bei Faschingspartys, Taufen, Osterfeiern mit kleinen Etüden beglückt.

Vorher war noch ein Auftritt bei einer Kreuzberger Lesebühne zu absolvieren. Dort gastierte ich einmal im Monat. Zur Erholung von den Rezitationen hoffnungsvoller Autoren trat ich wortlos und gestenreich auf und hatte mir einen kleinen Fan-Club erspielt, junge Leute, die dunkel gekleidet und vom Nachtleben bleich die Szene beäugten. Sie hielten mich nicht für einen Pantominen, sondern für einen Spin-Off der Gothic-Szene.

Unter ihnen saß, Sylke, meine neue Freundin. Ihretwegen hatte ich mich für einen romantischen Standard entschieden: für die stille Geschichte vom Mann, der an einer Mauer entlang läuft und eine Blume pflückt. Um die poetische Melancholie zu unterstreichen, hatte ich der Szene einen französischen Titel gegeben. Der Ansager berlinerte ins Mikrophon: „Jetzte sehn wa den Georg mit, äh, le plaisir oder, ich glaube, nee, placard de avec voir, das ist es wohl, bitte...“ Kein Berliner kann Französisch. Alle waren zufrieden.

Und der Auftritt lief gut. Ich tastete mich elegisch an einer unsichtbaren Mauer entlang, schnupperte an der imaginären Blume, pflückte sie liebevoll und überreichte sie - aber da war Sylke schon weg. Ach ja, sie musste morgen früh wieder in der Sparkasse antreten. Einer ihrer Kumpels ließ mich grüßen. „Aber mach nicht so’n süßliches Zeug“, riet er mir. „Hau mal rein, schlachte ’ne Ziege auf der Bühne, notfalls auch pantomimisch, aber so was wollen die Leute sehen!“

Am Nikolaustag folgte der Seniorennachmittag in der Zehlendorfer Paulus-Gemeinde. An langen Tischen saßen die in Würde Gealterten einander gegenüber. Um meine Performance zu sehen, hätten sie sich um neunzig Grad wenden müssen. Aber das Interesse an Christstollen und mürben Spekulatius war vielleicht ohnehin größer. Dabei hatte ich mich akribisch vorbereitet: Ich stellte dar, wie ein barmherziger Reiter seinen Mantel abnimmt, diesen Mantel teilt und die Hälfte einem frierenden Bettler überreicht. Sankt Nikolaus, wie man ihn kennt und liebt! „Das war Sankt Martin“, beschwerte sich eine Pensionärin. Ach ja! Verflixt. „Ganz richtig“, rief ich, „und wie Sie bestimmt wissen, ist Sankt Martin der Ur-Nikolaus!“ Sie verstummte verwirrt. Den anderen war es gleichgültig.

Einen Bewunderer aber hatte ich. Der stand mit leuchtenden Augen am seitlichen Bühnenrand. Das war der zwölfjährige Björn. Björn The Blockflöte. Er und ich kannten uns schon eine Weile. Bei etlichen kirchlichen Veranstaltungen war er mit seiner F-Flöte aufgetreten. Und wenn meine engagierten Etüden zu Umweltzerstörung und Klimawandel wieder nur mäßigen Applaus einheimsten, flötete der blonde Lockenschopf mit Volksliedern und Walzern die Stimmung wieder nach oben.

Ich bin von Natur aus nicht eifersüchtig. Aber dieser Bursche ging mir gehörig auf die Nerven. Allerdings, als ich jetzt sah, wie er mich anhimmelte durch seine übergroße Brille, bereute ich die kleine Sabotage-Aktion, zu der ich mich hatte hinreißen lassen. Björn betrat die Bühne. Die Alten wendeten sich um neunzig Grad ihm zu. Er setzte an zu „Ihr Kinderlein kommet“. Und nur ein erbärmliches Furzgeräusch entkroch seiner Flöte. Okay, es nett war das nicht. Ich hatte ein Bio-Kaugummi zwischen Kopf- und Mittelstück der Flöte geklebt. Ich wollte ihn einfach mal scheitern sehen.

Die Alten nestelten an ihren Hörgeräten. Björn blieb gelassen. Er kam backstage, griff in seine Tasche, eilte wieder auf die Bühne, entschuldigte sich im Voraus, dass er das Querflöten-Spiel kaum beherrsche und flötete los. Und wurde bejubelt. Ich sah mir nicht mehr an, wie er nach dem Auftritt stage-divte und von den älteren Damen auf Händen zum eröffneten Büffet getragen wurde. Ich hatte es eilig, das Kaugummi wieder aus der F-Flöte zu klauben. Es war noch zu gebrauchen.

Auf der Rückfahrt – Björns Mutter nahm mich mit, weil wir fast Nachbarn waren – wollte ich etwas wiedergutmachen: „Sag mal, Björn, hast du Lust bei meinen Krippen-Mimodram in Neukölln als Musiker mitzuwirken?“ - „Oh, Mutti, darf ich?“, flehte er. Sie ahnte nicht, wie dramatisch sich unsere Zusammenarbeit auf das Leben ihres Sohnes auswirken sollte.

Am zweiten Adventssonntag musste ich auf der härtesten und ehrlichsten Bühne der Welt Geld eintreiben: auf der Straße. Als Living-Doll. Diese Performance besteht darin, dass man wie eine Puppe dasteht. Das Ziel ist erreicht, wenn ein Zuschauer laut fragt: „Ist der echt?“ Unter routinierten Mimen hat die Kunst keinen sonderlich guten Ruf. Aber um meinen Ruf konnte ich mich aus finanziellen Gründen nicht kümmern. Die beste Stelle, an der man in Berlin als Straßenkünstler auftreten kann, ist das Brandenburger Tor. Man zieht sich ein hübsches Kostüm an, drapiert vor sich Geldsammeldose und steigt auf eine stoffverkleidete Bierkiste.

Es war Spät-Herbst. Um allzu grimmige Kälte zu meiden, kam ich schon mittags. Ein giftgrüner VW-Bus parkte bereits in Sichtweite. Das waren die Kollegen, eine Gruppe russischer Darsteller, zu denen Gehörlose, Klebstoffschnüffler und ausrangierte Tänzer des Bolschoi-Theaters gehörten.

„Dawai, dawai“, hörte ich Alexej sie antreiben, und die Dolls stolperten bunt aus dem Wagen. Alexej, solariumsgebräunt, mit Bomberjacke und Sonnenbrille, war der Organisator der Mimen-Unterhaltung am Tor. Man durfte hier nur arbeiten, wenn man ihn als Boss akzeptierte. Doch auf der rauen Straße hatte ich ihn schätzen gelernt. Er stellte klar, wo welche Puppe zu stehen hatte, all die Bordstein-Ballerinas und Pantopimps. Und er schützte uns vor zudringlichen Zuschauern.

„Nichcht anfassen – nurrr ggucken!“, war sein häufigster Satz, wenn Kinder mit Schokoladenfingern unseren Kostümen zu nahe kamen. Und er sorgte für unsere Gesundheit. Im VW-Bus hielt er stets Sojanka warm. Dank seiner Aufsicht arbeiteten wir außerdem in langen Schichten nie ohne Thrombosestrümpfe. Fünfzig Prozent der Einnahmen verlangte er für seine Tätigkeit. Wer gut war, wurde über seine Künstleragentur weitervermittelt. Zum Beispiel an die Genezareth-Kirche.

Und da war ich jetzt. Es war an der Zeit, das pantomimische Krippenspiel zu entwerfen. Ich hockte auf dem Boden, um mit Hilfe von Post-It-Zetteln ein Konzept zu entwerfen. Auf einen Zettel schrieb ich: Drei heilige Könige, auf einen zweiten Josef und auf einen dritten Maria. Wer sollte sonst noch vorkommen? Jesus?

Ich klopfte an die Tür von Pastor Merle. „Ah, unser Bühnenkünstler!“ Er saß an einem Schreibtisch und schaute mich freundlich über seine Nickelbrille an.

„Ich recherchiere gerade wegen einiger Details und wollte mir dafür eine Bibel ausborgen.“

Er rollte eine Schreibtischschublade auf und schob mir ein recht dickes Buch zu. „Das ist die neue revidierte Einheitsübersetzung in einfacher Sprache.“

„Neu? Revidiert? Hat sich was geändert? Auf welcher Seite steht das Krippenspiel-Evangelium denn jetzt?“

Er spähte ein wenig skeptisch über den Rand seiner Brille: „Ab Lukas Zwei.“

„Ach so. Da ist das jetzt?“

„Und in Matthäus Eins. Aber erst ab Vers 18.“

„Oh, alles revidiert.“ Eine Seitenzahl hätte mir mehr geholfen.

„Alles wie seit zweitausend Jahren. Herr Weisfeld, wir hatten im vergangenen Jahr eine wundervolle Inszenierung von unserem Vikar Steffen. Wenn Sie Hilfe benötigen, wird er Sie gerne unterstützen.“

Der Pastor hatte seine Brille abgenommen. Seine Augen waren schmal geworden. Hatte sich etwa herumgesprochen, dass meine pantomimischen Künste auf verschiedenen Festivitäten nicht ganz so gut angekommen waren wie erhofft? Waren Beschwerden bis hierher gedrungen?

„Vikar Steffen - das ist gut zu wissen!“, gestand ich ihm zu.

Er griff hinter sich und zog eine DVD aus dem Regal. „Hier ist sein Krippenspiel mit Kindern vom vergangenen Jahr. Vielleicht dient Ihnen das zur Inspiration.“

„Ja, mit Gottes Hilfe“, fiel mir ein.

Dass der Vikar Kinder ausgebeutet und zur kostenlosen Arbeit gezwungen hatte, wollte ich vor meiner Honorierung nicht ansprechen. Zunächst mal musste ich mir in groben Zügen die Geschichte merken. Ich konnte davon ausgehen, dass sie der Gemeinde in groben Zügen bekannt war. Das Neue war nun die Darstellung aller Gestalten durch eine einzige begnadete Person, durch mich. Ich würde auf Requisiten weitgehend verzichten und nur ein Kissen benutzen. Das konnte mal als Lastensack herhalten, den Joseph trug; auch als Sattel, auf dem Maria ritt, und, unter ihren Wams, als Zeichen ihrer Schwangerschaft.

Schwieriger gestaltete sich die Darstellung der drei Heiligen Könige. Um den aus Afrika stammenden Caspar zu mimen, experimentierte ich mit einer Netzstrumpfhose überm Kopf. Doch das Gewebe verhedderte sich an meiner Nasenspitze. Dafür konnte ich Melchiors Agilität mit heiteren Luftsprüngen darstellen. Er sollte obendrein mit drei Goldklumpen jonglieren. Und Balthasar wäre durch das Kiffen von Weihrauch ausreichend charakterisiert. Zur Darstellung der Hirten würde ich Schafsgeblöke einspielen lassen und selbst eines der Schafe spielen. Zum Schmunzeln.

Für Gourmets der Pantomimenkunst jedoch würde ich ein berühmtes Tomaszewski-Prinzip einsetzen: Find a Difficult Position.