Der Innere Kompass - Renuka Liberty - E-Book

Der Innere Kompass E-Book

Renuka Liberty

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Beschreibung

Wenn ein Traum zur Realität wird. Ein Abenteuer einer jungen Frau, die eine Reise zum anderen Ende der Welt wagt, um dort ihr Glück zu finden. Die Reise durch Neuseeland wird dabei zu ihrem Wegweiser und zeigt ihr ein Leben, was sie nie zuvor zu träumen gewagt hatte. Die Reise gibt hierbei einen Einblick in das Leben der Protagonistin und erzählt über ihre Erfahrungen und Lebensweisheiten, die diese mit sich bringen. Es ist eine lebensgeprägte Geschichte, die Sie durch eine emotionale Achterbahnfahrt des Lebens führen soll.

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Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Seelenmenschen treten dann in unser Leben, wenn wir uns auf der Reise

zu uns selbst befinden. Sie sind sowohl eine Lehre als auch ein Geschenk

und bereichern uns mit einem erweiterten Horizont, um an unseren neuen

Herausforderungen und Lebensaufgaben heranzutreten und sie zu

meistern. Der Weg zu uns selbst ist oftmals müßig, doch hören wir auf

unsere Innere Stimme, leitet diese uns zu wunderschönen Orten, lässt uns

die Magie der Zeit verspüren und uns zu jenen Menschen führen, die

unseren Lebensweg nachhaltig prägen und die uns daran erinnern, warum

wir unserem Herzen folgen – Um unseren Seelen den Frieden und das

Glück zu schenken, welche sie verdient haben.

Für meine liebste Mama,

meinen geliebten Papa,

meine drei besten Brüder der Welt,

meine wundervollen Seelenmenschen

dort draußen,

meine Abenteurer dieser Zeit,

meine wertvollsten Freunde,

die immer an mich geglaubt haben,

es immer tun werden

& immer für mich da sind,

in guten sowie schlechten Zeiten…

An all die Menschen dort draußen,

die meinen Weg geebnet und geprägt haben.

Danke an euch,

die mein Leben wunderbar perfekt machen!

Lektorat & Korrektorat: Christin Czerlitzka

Korrektorat & Erstleserin: Maira Hintze

Illustratorin / Kartenzeichnung: Theresa Grieben

Gedichte & Fotocollage: Renuka Liberty

Bilder der Fotocollage: Chris C., Natalie H. & Renuka L.

Fotografin / Coverbild: Sandra Jane Nosakowski

Fotograf / Autorenportrait: Helmut Rüb

Model: Renuka Liberty

Dezember 2020 / Januar 2021

Inhaltsverzeichnis

Der Innere Kompass

Vorwort

Mit der Zeit

Kapitel 1

Manly – Australien; Samstag, den 14.03.2020

Wer glücklich sein will, muss leben

Kapitel 2

Düsseldorf Flughafen – Deutschland; Samstagabend, den 01.02.2020

Entscheidungen

Kapitel 3

Sydney – Australien; Samstag, den 14.03.2020

Im Stillen

Kapitel 4

AUCKLAND – BAY OF ISLANDS

(

HARURU – WAITANGI – PAIHIA)

von Auckland nach Bay of Islands –

Neuseeland; Mittwoch, den 05.02.2020

Glück

Kapitel 5

Sydney – Australien; Samstag, den 14.03.2020

Freiheit

Kapitel 6

BAY OF ISLANDS – CAPE REINGA – PAIHIA –

AUCKLAND – HOT WATER BEACH

von Auckland nach Hot Water Beach –

Neuseeland; 07.02.2020 – 11.02.2020

Ein Geschenk

Kapitel 7

Sydney – Australien; Sonntag, den 15.02.2020

Was in sich ruht

Kapitel 8

HOT WATER BEACH – WAITOMO –

ROTORUA – TAUPO

von Hot Water Beach nach Taupo –

Neuseeland; 11.02.2020 – 13.02.2020

In Worten

Kapitel 9

Sydney, Manly – Australien; Sonntag, den 15.03.2020

Der innere Frieden

Kapitel 10

TAUPO – RIVER VALLEY – WELLINGTON

von Taupo nach Wellington –

Neuseeland; 15.02.2020 – 18.02.2020

Was morgen ist

Kapitel 11

WELLINGTON – PICTON – ABEL TASMAN

von Wellington nach Abel Tasman –

Neuseeland; 18.02.2020 – 20.02.2020

Ein stilles Versprechen

Kapitel 12

Sydney – Australien; Sonntag, den 15.03.2020

Das Leben

Kapitel 13

ABEL TASMAN – NELSON – WESTPORT –

GREYMOUTH – LAKE MAHINAPUA

von Abel Tasman nach Lake Mahinapua –

Neuseeland; 20.02.2020 – 22.02.2020

Ein Weitergehen

Kapitel 14

LAKE MAHINAPUA – FRANZ JOSEF

von Lake Mahinapua nach Franz Josef –

Neuseeland; 22.02.2020 – 24.02.2020

Lebenstraum

Kapitel 15

Sydney, Manly – Australien; Montag, den 16.03.2020

Wanderlust

Kapitel 16

FRANZ JOSEF – WANAKA – QUEENSTOWN

von Franz Josef nach Queenstown –

Neuseeland; 24.02.2020 – 26.02.2020

Abenteuer

Kapitel 17

QUEENSTOWN

Neuseeland; 26.02.2020 – 29.02.2020

Was uns zum Menschen macht

Kapitel 18

INVERCARGILL – TE ANAU –

MILFORD SOUND – QUEENSTOWN

Deep South Tour – Neuseeland; 29.02.2020 – 02.03.2020

Was als Reichtum prägt

Kapitel 19

QUEENSTOWN – LAKE TEKAPO – CHRISTCHURCH –

ARTHURS PASS – CHRISTCHURCH

von Queenstown nach Christchurch –

Neuseeland; 02.03.2020 – 07.03.2020

Der Tag danach

Kapitel 20

Manly – Australien; Dienstag, den 17.03.2020

Ein Leben lang

Kapitel 21

Sydney Flughafen – Australien; Dienstag, den 17.03.2020

Keine Zeit ist verschwendet

Epilog

Zeitenwandel

Message an alle da draußen

Tief in uns das Schweigen

Danke

Karten

Neuseeland

Neuseeland: Nordinsel

Neuseeland: Südinsel

Sydney: Teil 1 & Teil 2

Australien: Sydney

Collagen

Der Innere Kompass

Tief in mir verborgen,

Liegt ein lang`hüteter Schatz,

Vom Unbewussten getrieben,

Langgesehnt geblieben,

Ein ewig gehüteter Traum,

Auf einem Blatt Papier geschrieben:

Wer weiß, was kommt nun Morgen?

Wir folgen der Zeit von heut`,

Und fragen uns, welche Sorgen

Uns von Gestern heut` ereilt…

Und wer weiß, welchen

Weg wir heute beschreiten,

Lassen unser Herz, uns`re Seele leiten

Zum Abenteuer der nächsten Zeit,

Und lassen uns leise führen,

Vom Inneren Kompass getrieben,

Öffnen alle Türen,

Und folgen dem stillen Ruf,

Der uns heimlich als Begleiter

Auf unserem unsichtbaren Pfade

Uns zum Wunder unseres Lebens leitet.

Vorwort

Als ich meine Reise angetreten habe, hatte mir bereits mein Bauchgefühl zugeflüstert, dass dies eine der wichtigsten Reisen meines Lebens werden würde. Ich wusste tief in meinem Inneren, dass eine Reise, die man für sich selbst macht, allein und mit einem Rucksack voll Gepäck als einziger Begleiter, ein Wegweiser sein würde. Was genau auf der Reise passieren würde, wusste keiner und genau deshalb blieb die ganze Geschichte spannend. Und so stellte ich sie mir vor, meine persönliche Reise nach Neuseeland und Australien: ungewiss, abenteuerlich, emotional, bereichernd und vor allem belehrend.

Heute weiß ich, dass diese Reise nicht das Ende meines Abenteuers war, sondern lediglich der Anfang von etwas Neuem, etwas Bedeutsamen. Die Lehren meiner Vergangenheit haben mir gezeigt, dass das Leben voller Überraschungen steckt, aber um diese Überraschungen erfahren zu können, sollte man sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen und offen auf die Dinge zugehen, damit sich neue Wege eröffnen können.

Wäre ich diese Reise nicht angegangen, kann ich mit Gewissheit sagen, dass mir viele meiner neuen Erkenntnisse und Weisheiten vielleicht für die nächsten Jahre, Jahrzehnte oder vielleicht auch für immer vorenthalten gewesen wären.

Auch zeigt meine Reise, dass jede doch so kleine Entscheidung, jedes Missgeschick und jegliche spontanen Veränderungen aus welchen Gründen auch immer, den Verlauf der Geschichte prägen. Diese kleinen Fügungen des Lebens, die durch die ebenso kleinen Zufälle verknüpft werden, kreieren ein vollständiges Bild, was sich im Laufe der gesamten Reise zeichnen lässt. Und blickt man auf jede dieser kleinen Ereignisse zurück, die dieses Bild erschaffen haben, sieht man schließlich, dass die Vergangenheit, Gegenwart und auch die damit einhergehende Zukunft für uns persönlich einen Gesamtsinn ergeben. Denn nichts in unserem Leben geschieht ohne Grund, auch wenn viele Dinge, die wir erleben manchmal an ein Wunder grenzen. Ein Wunder, das das Leben auf den Kopf zu stellen vermag.

Ich bin dankbar für die Erlebnisse, die mich auf meinem Wege begleitet haben und gelehrt haben, dass alles im Leben möglich ist, solange man dranbleibt und für seine Träume kämpft. Es mag nur ein kleiner Ausschnitt aus meinem Leben sein, aber die größte Geschichte, die die Basis meines Seins bildet. Dies ist eine Geschichte, die nicht nur das Ende, sondern gleichzeitig auch den Anfang des Lebens repräsentiert und den Kreis in meinem Leben schließt.

Mit meiner persönlichen Geschichte, die ich hier erzähle, möchte ich euch durch meine Reise nach Neuseeland und Sydney führen und euch zeigen, was das Reisen tatsächlich im Leben ausmacht und ein Stück von meinem Reiseglück mit euch teilen. Ich möchte euch mit meinem ersten Buch auch verdeutlichen, dass es mehr ist als nur an einem anderen, fremden Ort zu sein, jenseits von zu Hause. Es ist vielmehr eine Lebensweise, welche die Seele füllt und das Herz höherschlagen lässt. Die Erlebnisse selbst, die wir im Einzelnen für uns erfahren, werden so unvergleichbar, einzigartig und geben jeder Geschichte einen persönlichen Wert, erzählt zu werden. Diese Geschichte ist nur eine von vielen Perspektiven, die nicht nur meine eigene Geschichte erzählt, sondern die vieler, die eine besondere Rolle auf dieser Reise in meinem Leben eingenommen haben und damit ein Teil dieser großen Geschichte geworden sind.

Ich bin dankbar durch diese einzelnen Charaktere meiner persönlichen Geschichte bereichert worden zu sein und freue mich, meine schönsten Erinnerungen auf diese Weise für die Ewigkeit festzuhalten.

Habt viel Spaß beim Lesen und lasst euch auf eine Reise ein, die euch inspirieren soll, selbst eure Schicksale in die Hand zu nehmen, um euer Glück auf eure individuelle Weise zu erfahren.

Eure Renuka Liberty

Mit der Zeit

Es ist die Zeit gekommen,

Zu träumen, zu fühlen,

Die Zeit vergangen, die

Heute Spuren hinterlässt,

Zeit des Lebens, die im Jetzt

Die Momente bestimmt

Und jede Entscheidung

Mit der Zeit sich gesellt,

Dass ein vergangener Traum

An Bedeutung gewinnt:

Uns zum Wunsche führt,

Das Glück nun spürt,

Uns jetzt dahin bringt,

Wo unser Herz die Seele berührt,

Und Stück für Stück

Die Starre bricht, die

Gestern uns gefangen hielt

Und heute uns mit Glück bedient.

Kapitel 1

Manly – Australien; Samstag, den 14.03.2020

Nachdem Lena und ich aus dem Hostel ausgecheckt hatten, war meine Freundin damit beschäftigt, sich an der Rezeption bezüglich der Aufbewahrung ihres Backpacks zu erkundigen. Ich hatte Lena auf dem Weg Richtung Norden Neuseelands kennengelernt. Seitdem zählte ich sie zu meinen neugewonnenen Freunden meiner kleinen Abenteuergeschichte.

„Ich muss noch eben mein Tattoo eincremen, bevor wir aufbrechen. Das habe ich vorhin vollkommen vergessen“, sagte ich zu ihr und zog mich in den Aufenthaltsbereich zurück, unweit von der Rezeption entfernt. Lena nahm dies zur Kenntnis und nickte nur, während sie darauf wartete, dass ihr die Rezeptionistin weiterhelfen würde.

Ich stellte mich abseits und kramte aus meiner kleinen Tasche, welche ich aus Sydney mit rüber nach Manly genommen hatte, eine Tube Bepanthensalbe heraus. Ich war dankbar, dass ich mir vorausschauenderweise die Tube in der australischen Apotheke geholt hatte, denn die bereits aufgebrochene Packung, die ich von meinem Tätowierer aus Queenstown erhalten hatte, hätte eine Schweinerei in meiner Tasche hinterlassen. So habe ich sie in meinem Airbnb in Sydney zurückgelassen und bediente mich an meiner Bepanthentube.

Als ich gerade dabei war, meine Tube zu öffnen, hörte ich eine Stimme. Ich hatte nicht bemerkt, dass jemand in der Nähe war und mich anscheinend beobachtet hatte. Überrascht blickte ich auf und sah in leuchtend helle Augen, die im ersten Moment blau schimmerten. Fasziniert und zugleich verwirrt guckte ich ihn an und dachte mir nur, dass er eine gewisse Ausstrahlung hatte, die mich in den Bann zog. Der Moment fühlte sich surreal an und wenn ich es nicht besser wüsste, wurde mein verkorkstes Leben zu einem eigenen kleinen Drehbuch.

"Hey, wie geht`s? Was machst du hier so in Manly?", fragte er mich auf Englisch. Während ich mich von seinem neugierigen Blick losriss und anfing mein Tattoo unbekümmert einzucremen, antwortete ich ihm gelassen, wie ich so oft bereits auf dieser Reise verschiedenen Backpackern geantwortet hatte.

Backpacker waren offene Menschen und genau dies verband uns alle überall auf der Welt. Ich war dankbar, dass dies auch unsere Kommunikation vereinfachte, denn wir reisten nämlich alle aus ähnlichen Intentionen heraus. Wir jagten nämlich förmlich hinter unserem Glück und den neuen Erfahrungen hinterher, welche der Weg auf unseren Reisen bereit hielt. Dies verband uns und machte uns zu einer großen Gemeinschaft aus weltoffenen Menschen. Wir lernten voneinander und bereicherten uns mit unseren verschiedenen Charakteren, aber auch lernten wir die verschiedensten Menschen außerhalb unserer eigenen Community kennen, sodass wir das Beste aus allen Welten erfuhren.

„Gut. Ich mache hier Urlaub...“, fing ich an zu erzählen und antwortete ihm in meinem besten Englisch zurück. Zu mir müsst ihr wissen, dass mein Redefluss, wenn ich in guter Verfassung bin, nicht mehr zu stoppen ist. „Ich war bereits fünf Wochen in Neuseeland gewesen und bin hier in Sydney für zehn Tage. Am Dienstag reise ich wieder zurück nach Deutschland“, setzte ich munter fort. Anscheinend hatte ich nicht deutlich genug gesprochen oder aber er hatte mich einfach akustisch nicht verstanden, also hakte er nochmal nach. „Wohin gehst du als nächstes?“, fragte er mich. „Nach Deutschland. Nachhause. Ich komme aus Deutschland“, antwortete ich mit einem breiten Lächeln. „Dann können wir ja weiter auf Deutsch reden. Ich komme auch aus Deutschland.“ Er grinste mich an.

Ich schaute ihn mit großen Augen an und dachte mir im selben Moment nur: Diese Deutschen, die sind aber auch überall! „Ich habe das Gefühl sowohl in Neuseeland als auch in Australien gibt es nur noch Deutsche. Diese Art von Gespräch führe ich irgendwie jetzt schon gefühlt zu oft. Und was machst du in Australien?“ Als ich ihn die Frage stellte, blickte ich ihn neugierig an. „Ich mache Work and Travel und bin bereits eine Weile in Australien. Ich war aber auch schon in Neuseeland für acht Monate.“

Ich hatte bereits so viele Work and Traveller auf meinem Wege durch Neuseeland als auch Australien kennengelernt, dass es mich nicht mehr wunderte. Ehrlich gesagt beneidete ich sie etwas um ihr Glück, dass sie lange genug reisen konnten, ungebunden, ohne Verpflichtungen an ihre Heimatländer. Es war positiver Neid, denn ich gönnte jedem vom ganzen Herzen, dass jeder Reisende auf ihrem Wege ihre persönlichen Erfahrungen auf der ganzen Welt sammelten. Ich hätte es nicht anders gemacht, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte. Und mit meiner mir fest vorgenommenen Weltreise würde ich früher oder später auch mein persönliches Reiseglück erfahren und meine größtmögliche Freiheit genießen, die ich mir für einmal in meinem Leben so sehnlichst wünsche. Doch allein diese Reise hat mir so viel gegeben und meine Dankbarkeit ist unendlich, zu wissen, dass ich eine meiner größten Reisen meines Lebens gewagt hatte – die Längste und eine der Lehrreichsten bislang.

„Woher genau kommst du aus Deutschland?“, fragte er neugierig. „Aus dem Ruhrpott. Aus Duisburg und du?“ „Harz.“ Ehrlich gesagt hatte ich in den letzten zwei Jahren so viele neue Orte in Deutschland kennengelernt, doch auch wenn der Harz mir etwas sagte, wusste ich zunächst nicht, wo er genau in Deutschland lag. Ich fand später heraus, dass Harz ein Ort aus Sachsen-Anhalt ist, einem Bundesland, mit dem ich mich bislang zu wenig auseinandergesetzt hatte.

Ich hatte mir vorgenommen noch mehr Städtetrips in meinem Heimatland zu machen, weil ich mittlerweile wusste, wie wichtig es war, sein eigenes Land besser kennenzulernen. Auch wenn meine Reise bald enden würde und mein fast gesamter Jahresurlaub verbraucht war, wusste ich, dass es immer genug Zeit für einen kleinen Städtetrip geben würde. Ich setzte den Harz heimlich auf meine Tripliste und erzählte ihm spontan über meine Pläne in Sydney. Dabei erfuhr er von meinem ersten Opernstück, was ich an dem vergangenen Mittwoch in der Sydney Opera besucht hatte. Ich wusste nicht, wie ich auf das Thema gekommen war, doch als eines meiner persönlich wichtigsten Highlights während meines Sydney Aufenthaltes, war es mir wichtig erschienen, dies meinem Gegenüber zu erzählen.

„Ich habe mir am Mittwoch das Fauststück angesehen“, schwärmte ich voller Begeisterung und erzählte ihm auch von meinem Vorhaben, dass ich mir den kommenden Abend das Theaterstück Hamlet in der Sydney Opera ansehen wollte. „Echt?“, fragte er und schmunzelte. „Wusstest du, dass bei uns Faust seinen Ursprung findet? Goethe ließ sich von seinen Erfahrungen in den Harz inspirieren. Faust wird bei uns auch sehr oft aufgeführt.“ Überrascht blickte ich ihn an. Es war einfach ein Zufall, dass ich mit jemandem sprach, der mit der Literatur Berührungspunkte hatte, für welches Opernstück ich mich hinreißen ließ. Ich musste gestehen, auch wenn ich den Inhalt von Faust nicht zu hundert Prozent gekannt hatte, haben die Zusammenfassungen vollkommen ausgereicht, sodass ich mich für dieses Stück entschieden habe. Und tatsächlich war dieses Opernstück ergreifend und wunderschön zugleich und ich erinnerte mich gern an die Kulissen und die Kostüme, vor allem aber auch an die kräftigen und auch die überirdischen Klänge der Stimmen zurück, die in der Gesamtheit ein Meisterwerk aus meiner Sicht heraus dargestellt hatten.

„Und heute bist du bei dem Theaterstück?“, hakte er nach. „Ja, ich dachte, wenn ich schon hier bin, nehme ich alles mit. Da spielt Geld für mich primär keine Rolle. Ich habe ja extra für die Reise etwas zur Seite gelegt. Ich werde auch noch zur Guided Tour gehen.“ Ich wusste in diesem Moment nicht, wieso ich so viel Information Preis gab, aber anscheinend konnte ich es nicht sein lassen. Die Freude, dass ich noch einiges sehen würde, übernahm die Kontrolle über meine Zunge und das, was ich sagte.

Womit ich in diesem Moment nicht gerechnet hatte war, dass er wirkliches Interesse hatte. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich zu dem Theaterstück begleite? Ich habe Hamlet gelesen und es wäre eine gute Gelegenheit, sich das anzusehen. Bis jetzt habe ich noch nichts für den Abend geplant.“ Er guckte mich fragend an. „Klar, wieso nicht, aber ich weiß nicht, ob sie noch Plätze frei haben so kurzfristig“, sagte ich skeptisch. „Ich habe mir meine Karte bereits am Montag geholt.“ „Renu, wir müssen jetzt gehen! Wir wollten uns bald mit Bea treffen!“, erinnerte mich meine Freundin und blickte meine neue Bekanntschaft nicht wirklich begeistert an. „Ja, ich komme!“, rief ich zurück und wollte mich bereits verabschieden, als er mich nach meinem Instagram Account fragte, damit wir in Kontakt bleiben konnten bezüglich des Theaterbesuchs.

Ich verabschiedete mich und huschte ihr hinterher. Kurz hatte ich sie aus dem Blick verloren, doch dann tauchte sie an der Tür auf und wir liefen gemeinsam los. Es war ein regnerischer Tag. Der Nieselregen war das komplette Gegenteil von den sonnigen, warmen Tagen davor. Und da Manly auch noch ein Städtchen nah am Wasser gelegen war, war es etwas kälter hier als in Sydney, eine Großstadt, welche durch ihre Gebäude nicht viel Raum für allzu kalte Winde ließ.

Als wir die Straßen von Manly hinunterliefen, um zur Fähre zu gelangen, erzählte mir Lena, dass sich Anne, die ich auch am Vortag in Manly kennengelernt hatte, uns nicht anschließen würde.

Wir wollten die nächstmögliche Fähre auf jeden Fall noch erwischen, da Lena nicht mehr viel Zeit in Sydney hatte und noch gerne mit Bea und mir die berühmten Pancakes on the Rocks essen wollte. Ich habe mich noch nie so sehr darauf gefreut, geile Pancakes zu essen wie dieses Mal. Denn es musste ja etwas dran sein, dass jeder diese Pancakes großschrieb und empfahl.

Angefangen hatte es mit der Empfehlung eines Freundes aus meinem bestehenden, jüngeren Freundeskreis, der mich darauf hinwies, sie unbedingt probiert haben zu müssen. Er hatte Sydney bereits vor meiner Reise besucht, da er ein Auslandsjahr knapp bis vor meiner Anreise nach Sydney gemacht hatte. Auch andere Bekanntschaften meiner Reise erinnerten mich daran, dass ich diese Geschmackserfahrung nicht verpassen sollte.

„Was war eigentlich mit dem Typen, mit dem du vorhin geredet hast? Was wollte er von dir?“, riss meine Freundin mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte mit den Schultern. „Er kommt auch aus Deutschland, haben wir während des Gespräches festgestellt. Er wollte sich mir anschließen wegen des Theaters, aber ich glaube nicht, dass er noch Karten bekommt.“ „Ja, dass er Deutsch ist, wusste ich schon, deshalb wundert es mich umso mehr, dass er mit dir auf Englisch geredet hat. Er hat doch gesehen, dass wir an der Rezeption miteinander Deutsch geredet haben und vor allem hat er vor geraumer Zeit auch schon mit mir auf Deutsch gequatscht!“ Ich riss meine Augen auf vor Unglauben. „Bitte? Ok, das ist natürlich komisch. Meinst du, dass es eine Masche war, nur um mit mir das Gespräch zu starten?“ Lena runzelte die Stirn. „Ich weiß es nicht.“ „Deshalb warst du so angespannt, als du mich gerufen hast. Ich habe mich bereits bei deinem skeptischen Blick gewundert.“ Ich lachte amüsiert auf. „Ja, wenn es vielleicht auch so gewesen sein sollte, ich fand, dass er nicht schlecht aussah.“ Ich grinste. „Ich hatte dir ja bereits gesagt, auch wenn ich mir auf dieser Reise nichts erzwinge, aber wenn sich etwas ergibt, wieso auch nicht. Ehrlich gesagt habe ich es nur nicht kurz vor meiner Abreise erwartet.“

Nein, im Gegenteil, ich dachte, dass ich diese Reise ohne männliche Turbulenzen beenden würde und dennoch war nun meine Neugierde geweckt und eine leichte Aufregung machte sich im Inneren breit. Eher waren es gemischte Gefühle, denn ich wusste nicht einmal, ob es eine brillante Idee gewesen war, sich ein Date anzulächeln. Vor allem war es nicht zu übersehen, worauf dieser Abend hinauslaufen würde. Zumindest meinte ich es zu glauben.

Ich hakte es innerlich als einen bevorstehenden One-Night-Stand ab und freute mich auf den Abend, denn dass ich spontan eine Begleitung haben würde, war ebenfalls nicht in meinem Plan mitinbegriffen gewesen.

Ich war es gewohnt viele der Dinge, die ich in Angriff nahm, allein durchzuziehen. Ich brauchte inzwischen keine Begleitung für die Abenteuer und Erlebnisse, die ich bestritt, da ich gelernt hatte, auch alleine Spaß an den verschiedenen Orten und bei den verschiedenen Unterhaltungen zu haben. Und wenn es der Zufall wollte, lernte man auf den meisten der Wege, die man im Alleingang wagte, neue Menschen kennen, so wie gerade eben. Ich schmunzelte. Diese Reise war mehr als ein Zufall. Der Sinn auf dieser Reise war, von all den Lehren der Vergangenheit heute reflektiv ein Fazit zu ziehen. Zu sehen, was man im Leben durchlebt, was man bis zu dem heutigen Zeitpunkt erreicht und welche Sichtweisen man bislang bezogen hatte aufgrund seiner eigenen Vergangenheit. Die Reise war der Wegweiser, der meine gesamte Welt auf den Kopf stellte und mir zeigte, dass alles Unmögliche möglich zu sein schien, dass alles Unglaubwürdige plötzlich an Bedeutung und Tiefe im Leben gewann. Was vorher verborgen geblieben war, wurde auf dieser Reise Stück für Stück enthüllt und zeigte etwas weitaus Grundlegendes: Und zwar, dass alles im Leben einen Sinn hat und dass, wenn man seinem Bauchgefühl folgt und dem Leben selbst eine Chance lässt und darauf vertraut, alles gut werden würde, alles zu seiner Zeit einen Selbst mit Erkenntnissen, Weisheiten, tiefster Dankbarkeit und purem Glück im Leben beschenken würde.

Wer glücklich sein will, muss leben

Nichts ist vergleichbar mit der Freude,

Die wir teilen mit Menschen, die

Uns über dem Wege laufen

Auf unseren persönlichen Lebensreisen,

Die uns die Zeit schenken und gewähren

Träume zu erfüllen, Grenzen zu überschreiten,

Um ohne an Morgen zu denken

Die Tage immer wieder neu zu entdecken,

Den Momenten eine Einzigartigkeit

Zu schenken und sie zu beleben

Mit Erinnerungen, die uns prägen,

Weil sie uns glücklich machen und uns

Zeigen, dass Glück uns verfolgt,

Wenn wir stets unserem Lebenstraum

Ohne Bedenken, ohne Sorgen,

Ohne nachzudenken,

Über Gestern, über Morgen,

Stets weiterhin verfolgen

Und leben, um der Welt

Zu zeigen, dass nur der Mensch,

Der lebt, wird im Herzen glücklich bleiben.

Kapitel 2

Düsseldorf Flughafen – Deutschland; Samstagabend, den 01.02.2020

Ich reihte mich in die Schlange ein, um einzuchecken. Mein Backpack auf meinem Rücken erinnerte mich, dass ich bald eine meiner größten Reisen in meinem Leben antreten würde. Wieso ich mir da so sicher war? Weil Reisen Menschen veränderten. Es spielte keine Rolle auf welche Art und Weise, aber sie taten es. Und dies war meine längste Reise bislang, die ich zum ersten Mal allein im fernen Land verbringen würde. Meine Reise führte mich nach Neuseeland und auch heute glaubte ich, dass mein Bauchgefühl einen höheren Grund gefunden hatte, das fernste Land auf der Weltkarte auszuwählen.

Zugegeben, ich liebte schon immer die Natur und Neuseeland hatte mich schon von seinen Bildern, den verschiedensten Naturelementen und den Möglichkeiten, die dieses Land zu bieten hatte, am meisten fasziniert – mehr als manch andere Länder es zu tun vermochten.

Die Aufregung war sehr groß, weil ich keinerlei Erwartungen an meine Reise aussprechen wollte. Denn diese Reise würde ohnehin niemals nach Plan verlaufen. Keine Reise tat es, wenn ich ehrlich bin. Meine Reisen hatten immer ihren individuellen Verlauf und blieben daher immer spannend und einzigartig. Das sollte meiner Meinung nach auch so bleiben. Sonst wäre die Geschichte, die es danach zu erzählen gäbe, ja nur halb so interessant.

Und zugegeben, was lief wirklich im Leben nach Plan? Meist waren es Erwartungen, die die Intensität der Erfahrungen schmälerten. Denn Erwartungen und Pläne waren da, um zerschlagen zu werden. Oft gehen Erwartungen mit Enttäuschungen einher, wenn Pläne in einem Moment des Nichtahnens zerbrochen werden.

Diese Erfahrung machen wir wohl alle im Leben und daher war es mir wichtig, meine Erwartungen im Leben, an das Leben selbst, vor allem aber an den Lauf der Dinge und auch an sich selbst herunterzuschrauben, damit das Glücksgefühl umso intensiver wurde. Denn die Erlebnisse und Ergebnisse der Reise sind umso wertvoller, wenn wir sie so nahmen, wie der Tag sie uns mit Überraschungen der kleinen und großen Momente beschenkte. Denn meistens waren es die unerwarteten Dinge und ebendiese Überraschungen, die unser Leben am nachhaltigsten prägten.

Und da aus meiner Perspektive das Leben ohnehin eine verkorkste Geschichte von aufeinander folgenden Ereignissen und Erlebnissen ist, fing mein Abenteuer bereits auf meinem Hinflug an.

Während ich in der Schlange stand, um darauf zu warten, meinen Boarding Pass zu erlangen, philosophierte ich mit meinem Bruder über Kreditkarten. Mein Bruder hatte mich zum Flughafen begleitet und ich war dankbar, dass er da gewesen war, denn er war auf dem Weg meine mentale Stütze für den weiteren Verlauf.

Als ich das Thema eine neue Kreditkarte zu holen nach langem Kommunizieren vorerst fallen ließ, beobachtete ich mit meinem Bruder das Treiben am Flughafen. Man bemerkte, dass das Corona Virus bereits ein Thema war, das schon die ersten Leute mit Mundschutz am Flughafen herumgelaufen sind.

Vor mir standen zwei Mädels, die miteinander redeten. Sie schienen die ganze Situation ähnlich zu empfinden wie ich und ehe ich mich versah, war ich mitten in der Kommunikation. „Ja, momentan spielen alle verrückt, was das Corona Virus betrifft“, hörte ich Nina sagen. Ich nickte. „Ich glaube auch, dass sich das Ganze legen wird“, sagte ich. „Wir im Gesundheitsbereich glauben ohnehin, dass gerade ein Riesenterz gemacht wird. Wir haben auch schon Influenza überstanden.“ „Du kommst auch aus dem Gesundheitsbereich?“, fragte Nina und grinste. „Ja“, schmunzelte ich. „Wir haben natürlich Mundschütze eingepackt, falls wir den doch brauchen. Man weiß ja nie, was noch kommt“, gab Julia zu. „Verkehrt ist das sicherlich nicht“, bestätigte ich. „Wohin geht eure Reise eigentlich?“, fragte ich sie neugierig. „Wir fliegen für zwei Wochen nach Thailand. Wir haben da ab Bangkok eine Rundreise vor.“ „Oh Wahnsinn! Ja, Thailand ist wirklich toll. Ich war da erst letztes Jahr im November. Mir hat es sehr gefallen, abgesehen davon, dass es in Bangkok extrem nach Abgasen riecht.“ „Wir sind echt gespannt, wie es wird! Wir waren da bislang noch nie und wir sind gerade einfach froh, wenn wir diese Auszeit haben und diese auch genießen können“, sagte Julia mit Vorfreude über die anstehende Reise. „Das glaub ich euch! Ich kann es auch kaum erwarten. Das wird meine längste Reise bislang“, strahlte ich über beide Ohren. „Wohin geht deine Reise?“, fragte Nina und schaute mich neugierig an. „Nach Neuseeland und Australien.“ Ich grinste sie an, weil ich mein Glück immer noch nicht fassen konnte und dass ich diese Reise nun antreten würde. „Ich bin dann für 6 ½ Wochen unterwegs. Ich habe Urlaubstage vom letzten Jahr noch aufgehoben und habe jetzt beinahe meinen gesamten Jahresurlaub für diese Reise aufgebraucht“, gestand ich. „Oh krass, das ist ja der Hammer!“ Beide schauten mich mit großen Augen an. „Ja bei so einer Reise, macht es Sinn, eine lange Zeit einzuplanen“, sagte Julia. „Ich hatte mir das sehr früh vorgenommen. Genauer gesagt wusste ich das bereits Ende vorletzten Jahres, dass ich diese Reise bestreiten würde. Ich habe deswegen auch schon im Hinterkopf gehabt, ein paar Urlaubstage vom letzten Jahr einzusparen und habe letztes Jahr im Frühjahr mit meinem Chef geredet. Ich wusste ohnehin, dass es kein Problem darstellen würde, da im Februar die meisten meiner Kollegen keinen Urlaub nehmen.“ „Das ist gut, dass du die Möglichkeit hast, diese Reise zu machen und dein Chef dir das ermöglicht.“ „Ja, ich bin auch sehr dankbar dafür. Mir ist bewusst, dass ich diese Reise an einem anderen Arbeitsplatz möglicherweise in diesem Rahmen nicht hätte durchführen können.“

Die beiden Mädels lächelten mich an und wir redeten noch eine Weile über verschiedene Themen. Dabei fand ich heraus, dass die beiden aus der Nähe von Köln/Bonn kamen und freute mich umso mehr, neue Freunde in ihnen gefunden zu haben.

Nachdem die beiden Frauen bereits zum nächstfreistehenden Schalter zusteuerten, konzentrierte ich mich auf die anderen Schalter. Boarding konnte schon eine Zeit beanspruchen, wenn man in so einer langen Schlange stand. Vor allem weil der Flieger von Emirates einfach enorm war und eine hohe Personenkapazität hatte.

Als ich an der Reihe war, legte ich meinen Reisepass vor und hoffte, dass diese Reise gut verlaufen würde. Bis auf meine ersten Erfahrungen mit dem Flieger, hatte ich in der Regel ein gutes Händchen beim Reisen gehabt und brenzlige Situationen hatte ich bislang ohne Ausnahmen überstanden, sodass ich grundsätzlich sehr optimistisch meinen Reisen gegenüberstand.

Die Dame am Schalter gab die Daten meines Passes ein und blickte mich anschließend fragend an. „Können Sie mir das vom Embassy bestätigte Touristen Visa vorlegen? Wir bräuchten es, um Ihr Boarding zu vervollständigen.“ Ich guckte sie mit großen Augen irritiert an. „Wie meinen Sie das mit Touristen Visa?“ Ich wusste, dass Australien eines erforderte, doch über Neuseeland hatte ich in keiner der Erfahrungsberichte gelesen. Die Frau war wirklich sehr freundlich und erklärte mir das Detail, was mir leider entgangen war. „Wir haben seit Oktober letzten Jahres eine neue Regelung. Auch wie in Australien, erfordert die Einreise nach Neuseeland ein Touristen Visa. Dies können Sie ganz einfach im Internet erwerben. Sie haben noch etwas Zeit dies zu beantragen. Machen Sie das in Ruhe und kommen gleich nochmal vorbei.“ Ich schaute sie nun dezent gestresst an. „Wie lange haben Sie denn noch auf?“, fragte ich sie, um mich wirklich zu vergewissern, dass ich ehe das Boarding schließt das Visa beantragen konnte. „In knapp einer Stunde.“ Ich schaute meinen Bruder etwas panisch an, der ruhig meinen Blick erwiderte. Kein Wunder, er war ja auch nicht derjenige, der den Flug verpassen könnte. Mein Backpack fühlte sich langsam wirklich schwer auf meinem Rücken an und ich beschloss, schnell abseits zu gehen, um diese bekloppte Situation auszubaden. Hätte ich mich doch mal eher damit beschäftigt und mir genau die Einreisebedingungen durchgelesen auf der Website, dachte ich mir und rügte mich für meine Faulheit.

Ja ich war sehr faul, aber vor allem auch energielos seit geraumer Zeit. Das letzte Jahr hatte einiges an Energie und Nerven gekostet. Und seitdem hatte ich mich nicht wirklich erholt, denn ich hatte seit dem Tod meines Vaters letzten Jahres, immer wieder Arbeit gehabt und neue Arbeit gefunden, die erledigt werden musste. Auch hatte ich mich und meine Gesundheit aus diesem Grund außer Acht gelassen.

Nun stand ich da. Ich hatte meine Tasche bereits auf den Boden gestellt. Die Situation machte mich wirr im Kopf. Ich war bereits sehr müde und ausgelaugt, da ich den Vortag Spätschicht und am selbigen Tag meiner Abreise Frühdienst gehabt hatte. Zudem kam noch hinzu, dass ich nicht mehr dazu gekommen war, etwas Vernünftiges zu essen, da ich mich an meinen strikten Plan nach der Arbeit zuhause zu duschen und den Rest noch in die Tasche zu schmeißen halten wollte. So war mir dazwischen nicht viel Zeit geblieben.

Ich googelte nach dem Touristenvisa und betete innerlich, dass die Beantragung und die Rückmeldung schnell verlaufen würden. Doch verglichen zu Australiens Touristenvisa musste ich ein paar mehr Fragen ausfüllen, was ich resigniert feststellte und klickte ohne Wenn und Aber, die Option an für zusätzliche Gebühren, das Visa innerhalb einer Bearbeitungszeit von einer Stunde zu erhalten. Es war ein Akt, der mich innerlich tatsächlich stresste.

Ich wusste jedoch aus meinen früheren Erfahrungen, dass dies allerdings nur von temporärer Natur war. Spätestens in einigen Stunden würde alles so aussehen, als wäre nie etwas geschehen. Ich würde dann mein Leben feiern und so optimistisch wie ich stets durch meine Reisen ging, würde ich schließlich an diese einzelnen, brenzligen Situationen zurückdenken und darüber lachen. Diese Turbulenzen waren mittlerweile in meinen abenteuerreichen Reisen nicht mehr wegzudenken und dienten mir persönlich als neue Lehren meiner eigenen Reiseerfahrungen.

Meine bisherigen Reisen waren immer mit sehr viel Glück geprägt, sodass ich gar nicht an das Schlimmste dachte. Dennoch waren solche Situation für den Moment kein bisschen lustig und machten mich nervös.

Mit einer zusätzlichen E-Mail, die ich versendete, um eine möglichst schnelle Rückmeldung zu erhalten, bekam ich in Anschluss mein Touristenvisa bestätigt. Erleichterung machte sich breit und ich machte mich daran, mein Gepäck aufzugeben. Danach verabschiedete ich mich von meinem Bruder und begab mich zu den Kontrollen.

Ab nun stand mir nichts mehr im Wege. Ich startete meine Wartezeit mit einem leckeren Latte Macchiato und einer Kleinigkeit zu essen, um mich noch eine Weile wach zu halten. Anschließend reihte ich mich schon bald im Boardingbereich ein. Die Freude war viel zu groß, als dass ich sie in Worte hätte fassen können.

Ich ging in den Flieger, wo ich von hübschen, freundlichen Stewardessen begrüßt wurde und nahm meinen vorreservierten Platz am Fenster ein. Ich lächelte zufrieden. Ich wusste, dass mich nichts mehr von dieser Reise fernhalten würde. Es war ein überwältigendes Gefühl, als der Flieger sich positionierte und sich schließlich beschleunigte, um in die Lüfte zu steigen. Es gab einfach nicht genug Worte, für das, was ich in den nächsten Tagen und Wochen erleben würde, aber es gab genau einen Gedanken, der mich die gesamte Reise über begleiten würde: Dass es die epischste, schönste, ergreifendste und vor allem aber lehrreichste Reise und das Abenteuer meines Lebens werden würde.

Entscheidungen

Jeder Schritt, den wir nehmen,

Ist jede Sekunde, die entscheidet,

Wie wir leben, wie weit wir gehen,

Und entscheiden uns unsere Hürden

Zu überschreiten und Grenzen zu

Überwinden, nur um am anderen Ende

Unserer Träume das Glück zu finden,

Was wir schließlich leben,

Um nach der nächsten Entscheidung

Zu greifen und zum Ziele zu streben,

Um erneut den nächsten Schritt zu wagen,

Auch wenn wir heute nicht wissen,

Was morgen mit Gewissheit ist…

Kapitel 3

Sydney – Australien; Samstag, den 14.03.2020

Seitdem ich in Sydney angekommen bin, hatte ich extrem heruntergefahren. Die Reise durch Neuseeland hatte mich tatsächlich sehr geschlaucht. Es war eine der abenteuerreichsten Reisen meines Lebens gewesen. Aber auch sehr eng getaktet und keine ruhige Minute war mir gegönnt gewesen. Jeden Tag, jede Stunde dieser Reise waren mit Überraschungen, neuen Erfahrungen und Eindrücken verbunden. Und immer, wenn ich geglaubt habe, ich hätte bereits viel von Neuseeland gesehen und erlebt, lauerte in der nächsten Ecke das nächste Abenteuer.

Die zehn Tage in Sydney waren nun mein Kontrastprogramm und gaben mir Gelegenheit Dinge in meinem Leben zu machen, die mit dem Backpackerleben nicht im Geringsten zu tun hatten. Und zwar sehr viel Geld für Restaurant- und Essensbesuche rauszuschmeißen sowie Shoppingtrips zu machen, um Kleider, Schmuck, Duft- und Kosmetikprodukte zu holen, um sich zu verwöhnen und das Glücksgefühl eines Frauenherzen zu steigern. Und ja, ich war noch nie so glücklich wie auf dieser Reise. Und nein, der Grund war nicht nur meine neuen Errungenschaften, sondern die Gesamtheit aller Dinge, die ich erlebt habe und auch der materielle Zuwachs machte mich nicht weniger glücklich. Es wäre gelogen, wenn ich mich nur über schöne Erinnerungen freute, denn wer liebt es nicht, sich etwas Neues zu holen, was einem die pure Zufriedenheit schenkt.

Wer sich jetzt fragt, wie ich all die Sachen nach Hause geschleppt habe, würde ich unverblümt sagen, dass ich mir ein Carry-On für den Flieger geholt habe. Somit brauchte ich mir keine Sorgen mehr um das Schleppen machen. Da Sydney die letzte Station auf meiner Reise war, spielte es für mich keine große Rolle mehr. Und da man immer mal ein Carry-On gebrauchen konnte, hatte ich einen tollen, roten Rolli geholt, der im Angebot gewesen war. Ich dachte an meine zukünftigen Möglichkeiten, wenn es um das Reisen ging. Dies allein machte meine Entscheidung leichter, wenn es um den Kauf des Carry-Ons ging.

So verbrachte ich den Samstag mit Lena und Bea und ging mit den beiden Mädels zu dem berühmt berüchtigten Pancake on the Rocks. Ihr würdet mir nicht glauben, wie sehr ich mich auf diese Form von Frühstück freute. Die Pancakes schmeckten nicht nur gut, sondern waren zudem ein Augenschmaus.

Glücklich und mit vollen Mägen schlenderten wir daraufhin auf dem Markt herum, um uns schließlich für selbsthergestellte Fußkettchen zu entscheiden. Wir hatten so die Möglichkeit, unsere kleinen Anhänger zu wählen und diese mit einer beliebig farbigen Fußkette, die zur Auswahl stand, zu kombinieren. Nach einer anschließenden Shoppingtour im Queen Victoria Building verabschiedete ich mich von den beiden Mädels.

Als wir das Shoppingcenter betreten haben, war es als befänden wir uns in einem edlen Gebäude, das mich mit seiner eleganten Bauart und Konstruktion sehr beeindruckt und auch in den Bann gezogen hat. Ich liebte es Gebäuden und ihre Bauten zu erkunden, die in ihrer Varietät in nichts nachstanden und in ihrer Vielfalt der Möglichkeiten mich faszinierten. Dieses Shoppingcenter war daher eine willkommene Abwechslung von der Natur, die ich bislang gesehen hatte. Ich liebte beides. Sowohl die Wunder, die die Natur zu bieten hatte als auch die Städte in ihren Strukturen und Bauten und das Treiben des Alltags.

Es war eine sehr abwechslungsreiche Zeit mit meinen neuen Freunden gewesen, denn ein Mädelsverwöhntag wie diesen hatte ich kein einziges Mal in dieser Form auf meiner gesamten Reise gehabt. Sydney war wie gemacht für den Frauenkram und ich war froh, dass ich keine der Erfahrungen ausgelassen hatte.

Der einzige Nachteil an diesem Tag war die Zeit, die mir im Nacken saß. Für meine Guided Tour in der Sydney Opera wollte ich auf keinen Fall zu spät sein, denn ich wurde ausdrücklich drauf hingewiesen, dass ich vorzugsweise zehn Minuten eher erscheinen sollte. Seit meinem Marathon am Mittwoch, wo ich kläglicher Weise und vor allem peinlicherweise zu spät zum Opernstück erschienen war, hatte ich die Zeit den gesamten Tag über im Blick behalten.

Ich schaffte es tatsächlich meine Airbnb Unterkunft zeitgemäß zu erreichen und meine Sachen zusammenzupacken, die ich für die bevorstehende Nacht benötigte. Ich machte nicht dieselben Fehler wie am Mittwoch und zog mir zunächst meine Sneakers zu meinem neuen grünen Sommerkleid an und packte in einen separaten Beutel meine neu errungenen Highheels sowie einen Sweater ein, welcher mich vor der abendlichen Kälte beschützen sollte.

Auf meinem Weg zur Unterkunft hatte ich bereits mit Toa einige Nachrichten über Instagram ausgetauscht. Er hatte mir früh am Tag ein Bild von den Sitzplätzen geschickt und mich gefragt, wo ich genau sitzen würde. Doch die bildliche Darstellung ohne Nummerierung war wenig hilfreich gewesen, um ihm genau zu beschreiben, wo ich saß. So erwähnte ich meine Sitzplatznummer, die auf meiner Eintrittskarte stand.

Nun war ich bereits auf dem Weg zur Sydney Opera und schaute zum ersten Mal seit langem auf mein Smartphonedisplay und sah, dass eine Nachricht von Toa in der oberen Leiste angezeigt wurde. Als ich den Chat aufmachte, beschleunigte sich mein Herz und ein ungläubiges Grinsen entrang meinen Lippen, denn damit habe ich keineswegs gerechnet. Als ich die Zahl F26 las und mir anschließend seine Sprachnachricht anhörte, wusste ich, dass ich nun offiziell ein Date hatte. Ich antwortete ihm ebenso überrascht und beendete meine Sprachnachricht, woraufhin schon recht schnell die nächste Nachricht folgte.

„Schicksal…“, sagte er mit einem süßen Lachen, was mich zum Schmunzeln brachte. „Wenn du Lust hast, können wir uns ja auf einen Drink vorher treffen. Ich bin gerade auch ein bisschen in Herbststimmung. Ich würd` schon bald los, sonst verpenne ich noch, wenn ich mich jetzt hinlege“, hörte ich ihn weiterhin in der Nachricht sagen. „Ich bin gerade zurück vom Surfen und mach mich jetzt gleich fertig. Sag mir Bescheid, wenn du da bist, dann kann man sich vorher noch auf einen Drink treffen.“

Amüsiert über den weiteren Lauf der Dinge, antwortete ich ihm erneut in einer Sprachnachricht zurück. „Können wir machen. Ich bin um 17 Uhr bei der Guided Tour in der Opera. Ich mach direkt alles mit, wenn ich schon einmal hier bin.“, sagte ich mit einem Grinsen im Gesicht. „Hamlet fängt ja erst um 19:30 Uhr an. Ich weiß jetzt nicht, wie lange die Guided Tour dauern wird, aber ich schreib dir dann, sobald ich draußen bin. Dann können wir vorher noch etwas trinken gehen.“

Zu meiner Überraschung klang ich sehr gelassen und freute mich sehr darüber. Tief in meinem Inneren war ich überzeugt, dass es eine Art freundschaftliche Zusammenkunft werden würde, was höchstwahrscheinlich in einer Bettgeschichte enden würde. Keine Ahnung seit wann ich so dachte wie ich dachte, denn ich war nicht immer so gewesen. Ich hatte mir durch meine Negativerfahrungen mit der Männerwelt ein hartes Fell zugelegt und habe gelernt, dass ich nicht einen Mann erst in dem Sinne lieben musste, um etwas Spaß im Leben zu haben und wenn ich ehrlich war, lebten wir nur einmal und ich wollte nicht, wenn ich im nächsten Moment von einem Bus umgefahren wurde, ohne jegliche Erfahrungen auf dieser Welt sterben. Ich hatte auch nichts zu verlieren, denn es war im Endeffekt mein Leben, das ich lebte und ich war ja erwachsen genug, um über den Lauf der Dinge in meinem Leben zu entscheiden.

Für mich waren diese Gedankengänge über das freie und selbstbestimmte Leben in meiner früheren Zeit nahezu unmöglich gewesen. Durch die konservative Gesellschaft, die die tamilische Kultur meiner Eltern kennzeichnete, war dies eine große Herausforderung gewesen. Denn eine jede Gesellschaft redete viel, wenn das Verhalten der einzelnen Personen nicht den Wertevorstellungen und kulturellen Idealen dieser entsprach. Dies führte dazu, dass Andersartigkeit eines Individuums schnell ins negative Licht gestellt wurde und die Einzelnen verurteilt und abgestempelt wurden, die der Norm nicht entsprachen. So war eine Gesellschaft war in der Lage, psychisch auf jemanden Druck auszuüben.

Inzwischen war ich mir deutlich bewusst, was ich in meinem Leben tat und bereute keinen einzigen Tag davon. Es war eine Lebenseinstellung, die ich aus meinen vergangenen Erfahrungen gewonnen hatte. Eine Gesellschaft – und es spielte wirklich keine Rolle, welche es war – war in der Lage eine Person in ihrer Freiheit, im Sein und in ihrer Entfaltung zu hemmen; sie einzuengen und ihr die Luft zu nehmen, um zu atmen, frei zu sein, glücklich sowie selbstbestimmt zu leben. Sie hält uns zurück ohne Zweifel und ohne Sorgen zu leben. Und lässt uns stetig mit dem Gedanken zurück, was die anderen über einen denken und wie sie vor allem über jemanden urteilen könnten.

Die Zeiten, in der ich die Möglichkeit hatte, als gebürtige Deutsche mit einem tamilisch-srilankischen Hintergrund das Beste aus beiden Welten zu erfahren, hatten mir ermöglicht eine Weitsicht über die Dinge zu entwickeln, die das Leben in Wirklichkeit ausmachten. Die Lehren des Lebens kamen niemals, wenn wir uns stetig den Fesseln unseres vergangenen Wertesystems ergaben und uns von den Traditionen und der Engstirnigkeit der älteren Generationen klein halten ließen. Denn wir leben heute in einer modernen Welt, wo jedes einzelne Individuum die Möglichkeit erhalten sollte, in die Welt hinauszugehen, um für sich zu entscheiden, was er daraus für sein weiteres Leben mitnimmt.

Es ist kein einfacher Weg gewesen in meine persönliche Stärke zu gelangen und meine Freiheit zu erreichen. Gerade wenn man der ersten Generation in der westlichen Welt angehörte, kommt einem das Streben in seine eigene Unabhängigkeit wie eine Herausforderung vor. Trotz dieser ist eine persönliche Veränderung und Weiterentwicklung der inneren Kraft und Selbstbestimmtheit nicht gänzlich unmöglich. Wir selbst sind Herr unserer Zeit und der Veränderungen, die wir ins Leben rufen. Und genau das, machte mir immer wieder bewusst, wie weit ich bereits gekommen war.

Wir können im Endeffekt nur die Person sein, die wir sein wollen, entweder getrieben durch die Gesellschaft oder durch die eigene Fähigkeit, selbstbestimmt zu leben. Die Stärke, die wir durch unser selbstbestimmtes Leben entwickeln, soll uns helfen und den Weg weisen, den wir gehen möchten. Unsere weiteren Erfahrungen sollen uns dahin leiten, uns einst unabhängig, stark und selbstbewusst entgegen aller Vorstellungen der Außenstehenden entgegenzutreten und diese nach außen hin zu vermitteln.

Meine Guided Tour in der Sydney Opera dauerte nicht lange, doch der Inhalt und die Einblicke, die uns vermittelt wurden, waren einmalig. Da ich mich für die Details und die Eindrücke von Bauten interessierte, war die Geschichte dieser Opera umso faszinierender gewesen und gab mir weiteres Wissen mit auf meinem Weg. Das ist eines der Dinge, die ich so sehr am Reisen liebe.

Ich nahm mein Smartphone heraus und schaute es an. Ich schüttelte meinen Kopf und konnte immer noch nicht glauben, dass ich nun ein spontanes Date hatte. Eines der unerwarteten Dinge auf dieser Reise, was meine letzten Tage in Sydney so spannend machte.

Ich schaute mir das Bild an, was er mir geschickt hatte. Es war ein Bild mit einem Hamletplakat drauf. Überrascht fing ich an auf meiner Smartphonetastatur zu tippen. „Already there?“, schrieb ich mit einem nachdenklichen Smiley. Prompt kam seine Antwort zurück. „Yep... Ich habe mir schon einmal erlaubt einen Rotwein zu bestellen.“ Ein Weinglas als Bild folgte dem Text mit einem „Bis gleich.“ Amüsiert schrieb ich ihm, dass ich bereits fertig sei und wartete darauf, dass er mir verriet, wo er nun genau steckte.

„Habe einen Tisch bei einem Restaurant reserviert. Wir können uns hier treffen“, antwortete er und schickte mir ein Bild aus der Position des Platzes, an dem er saß. Es zeigte mir einen schwarzen Tisch mit dem Blick zur Harbour Bridge, was hieß, dass er sich einen Platz draußen mit Ausblick ausgewählt hatte.

Ich ging aus dem Opernhaus heraus und nahm den Weg zur Opera Bar. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen und ich sah es als ein gutes Zeichen. Dennoch war es recht frisch geworden durch die vergangenen regnerischen Tage und ich hoffte, dass es draußen einen Heizstrahler gab.

Immer wieder blickte ich auf das Bild und versuchte mich daran zu orientieren, wo ich genau hinmusste. Und schließlich entdeckte ich ihn an einem Tisch. Mit Kopfhörern in den Ohren hatte er seinen Blick auf sein Smartphone gerichtet, sodass er mich nicht sah.

Mit leichter Nervosität gepaart mit Vorfreude, den Menschen vor mir kennenlernen zu dürfen, näherte ich mich langsam seinem Platz und machte eine winkende Geste mehrere Meter vor seinem Blickfeld. Er registrierte mich, packte seine Kopfhörer weg und legte sein Smartphone beiseite.

„Hey, ich hatte mir schon einen Wein genehmigt“, begrüßte er mich und zeigte auf sein Glas, während ich meine Sachen zur Seite hinlegte und mich hinsetzte. „Sehr cool! Ja ich muss noch schauen. Ich weiß nicht, was ich nehme“, sagte ich nachdenklich. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dir gerne was aussuchen.“ Er schaute mich fragend an und ich lächelte. „Ja klar mach ruhig“, gab ich ihm mein Go. „Was trinkst du denn gerne? Rotwein, Rosé oder Weißwein?“ „Ich trink vieles. Du hast die freie Wahl.“ „Ok hm, dann bestelle ich dir diesen Weißwein für dich.“ Er zeigte mir die Karte. „Es gibt hier viele aus New South Wales. Hätte mir den selbst geholt, hab mich aber für einen Rotwein entschieden.“ „Ok, dann bin ich mal gespannt wie der schmeckt“, erwiderte ich und freute mich, was Neues zu probieren.

„Hast du Hunger?“, fragte er mich und nahm die Karte wieder zur Hand. „Nein, es geht. Hatte ja meinen leckeren Pancake heute gehabt“, sagte ich strahlend. Auch wenn mein Pancake Stunden zurück lag, empfand ich wirklich keinen Hunger, was mich ebenso wunderte, denn ich habe mir seit Queenstown wieder einen großen Magen angeeignet. Durch meine Fressorgien mit den ganzen Pizzen, Burgern, Burritos, Toasties, Fish, Calamares und Chips sowie ganz viel Kuchen und auch Eis, hatte ich fast nichts auf der Speisekarte den ganzen Weg bis nach Sydney ausgelassen. Dadurch fühlte ich mich stellenweise schuldig, so viel Leckeres jeden Tag, ohne Wenn und Aber verdrückt zu haben.

Doch in seiner Nähe fühlte ich eine leichte Nervosität, womit ich nicht umzugehen wusste und ich fühlte mich dadurch in meinem Hunger geschmälert.

Er schaute sich die Liste an und zeigte mit seinem Finger auf eine Platte mit verschiedenen Leckereien. „Dann lass uns den teilen, wenn du magst. Was sagst du dazu?“ Ich schaute mir die Menükarte an und nickte anschließend lächelnd. „Klar, hört sich gut an!“

Als mein Wein bereits kam, bestellte Toa uns die Snackplatte. Als ich an meinem Weinglas nippte, sah er mich neugierig an. „Und?“ „Ja, der schmeckt wirklich gut“, bestätigte ich und genoss den prickelnd leicht süßlichen Geschmack von meinem Wein auf meiner Zunge.

Ich liebe es Wein zu trinken, denn für mich stellt dieses Getränk Entspannung und zugleich einen Genuss dar, was ich schlecht in Worte fassen konnte. Dadurch, dass ich nun seit langem mal wieder in Gesellschaft Wein trinken würde, genoss ich es umso mehr mit ihm hier zu sitzen.

Er richtete sich plötzlich auf seinem Stuhl auf und wirkte sehr entschlossen ein Gespräch aufzubauen. „Lass uns ein Spiel spielen. Ich stell dir eine Frage, die du beantwortest und dann kannst du mir eine stellen.“ Es war ein simples Spiel und nichts Dramatisches, dennoch guckte ich ihn mit großen Augen an. Oh Gott, das kann ja was werden, dachte ich mir, denn ich wusste wirklich nicht, was auf mich zukam. „Ok…“, sagte ich etwas zögernd und guckte ihn gespannt an und überlegt, auf was ich mich nun eingelassen hatte. „Ok.“ Er lächelte mich an. „Was ist deine schlimmste Kindheitserinnerung?“

Wenn ich bis gerade gedacht hatte, dass er ein Badboy hätte sein können, dann hatte mich diese Frage definitiv überrumpelt, denn damit hatte ich kein bisschen gerechnet. Ich schaute ihn überrascht an und fühlte mich plötzlich etwas leer im Kopf. Ich ärgerte mich, dass er mich mit dieser Frage faszinierte und zugleich irritierte, denn ich war es nicht gewohnt, dass ein Mann sich für solche Themen des Lebens interessierte, vor allem aber auch, weil es eine sehr persönliche Frage gewesen war.

„Oh Gott, da stellst du mir aber eine Frage du.“ Plötzlich fühlte sich die Frage an wie eine Millionen Euro Frage und ich fühlte mich dermaßen überrumpelt, dass mir auf die Schnelle einfach keine Antwort einfallen wollte.

Früher, einige Jahre vor dieser Zeit, hatte ich viel über mein Leben geredet. Über die Dinge, die mich geprägt haben und die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute tatsächlich bin, doch mit der Zeit wurde ich es Leid und Müde über meine traurige Vergangenheit zu reden und wurde auch verschlossener etwas über die zerbrechlichen Themen meines Lebens preiszugeben. Die Zeiten haben mich verändert und meine negativen Erfahrungen auch. Meine Ehrlichkeit hat mich stets verwundbarer denn je gemacht und ich wurde sehr von der Männerwelt verletzt, sodass ich aufgegeben hatte, mehr über mich zu reden als nötig. Zumal es die meisten nicht interessierte und wenn, wurde daraufhin meine Gefühlswelt rücksichtslos behandelt, sodass ich jegliches Vertrauen verloren hatte. Ich wurde des Öfteren verletzt. Öfter als mir lieb war und ich hatte keinerlei Einfluss darauf gehabt, weil ich mich vor geraumer Zeit sehr schnell in die Männer verliebt hatte, wenn ich in der Person etwas Gutes gesehen hatte und ihm mein Vertrauen geschenkt hatte. Doch immer hat es mich zu Herzschmerz geführt, weil ich mich zu früh auf etwas nicht Handfestes eingelassen habe und mir ständig damit selbst ein Messer in den Rücken gerammt habe. Diese Erfahrungen haben mich über all die Zeit gezeichnet, aber auch stärker und weiser werden lassen. Heute ging ich mit vielerlei Situationen anders um und machte mich durch meine bedachten und weisen Züge sowie durch meine Gelassenheit bezüglich vieler Dinger im Leben sowie bezogen auf Männer, die durch meine Vorerfahrungen entstanden und geprägt waren, unverwundbarer.

Ich schaute Toa an, der aufrichtig von mir wissen wollte, was meine Vergangenheit war und ich war zum ersten Mal in meinem Leben überfragt, was ich antworten sollte. Es waren so viele Dinge, die ich hätte erzählen können. Ich habe zu viele negativ geprägte Erfahrungen in meinem Leben erlebt, die mich nachhaltig geprägt und verändert haben. Doch in diesem Moment konnte ich ihm nicht alles erzählen. Es lag nicht daran, dass ich es nicht wollte, sondern weil seine Frage bei mir was ganz anderes auslöste als Gelassenheit, was ich bis heute früh noch empfunden hatte.

Nicht nur, dass er gut aussah und dass seine Augen mich gänzlich faszinierten und in den Bann zogen, nein diese Frage hatte den zusätzlichen ausschlaggebenden Punkt gegeben, dass meine Konzentration in seiner Anwesenheit nachließ.

Nach einem vergeblichen Ablenkungsmanöver setzte ich doch an und begann zu erzählen…

Im Stillen

Gute Zeiten bergen –

Schlechte Zeiten zeigen –

Kummer, was einst vergessen

Und tief in sich verschlossen,

Und doch nie ganz vergangen,

Ergreifen einen im Stillen

Moment des Alleinseins,

Wenn die Welt dir die Ruhe gibt

Und die Zeit zum Stehen bringt,

Alles um dich herum schweigt,

Dein Gedanke um dich kreist

Bis das Bewusstsein deine Seele trifft

Und dich aus deinem Leben reißt,

Um zu erinnern, wer du gewesen bist

Und zu zeigen, was heute

Aus dir wird,

In dieser stillen Zeit

Der Einsamkeit,

In der du dich weiterentwickelt hast,

Und der vergangenen Zeit

Den Rücken gekehrt,

Um im Jetzt zu reflektieren,

Was Morgen den Weg, die Zeit

Und die Gedanken verändert…

Kapitel 4

AUCKLAND – BAY OF ISLANDS

(HARURU – WAITANGI – PAIHIA)

von Auckland nach Bay of Islands –

Neuseeland; Mittwoch, den 05.02.2020

Auckland

Müde und erschöpft vom Jetlag schaltete ich meinen nun beginnenden Wecker in den Snoozemodus und drehte mich auf die Seite, um weiterzuschlafen. Der Hinflug hatte mich völlig ausgelaugt sowie auch der Stress, den ich mir in den letzten Tagen zugemutet hatte.

Mein Hinflug war bereits sehr schlaflos verlaufen, da ich vom Kaffee noch zu aufgedreht gewesen war. Zusätzlich kamen die Aufregung und die Vorfreude dazu, die mich zu überwältigen drohten. Ich freute mich einfach auf die Zeit, die nun auf mich zukommen würde.

Durch die Tatsache, dass Emirates einfach eine der besten Fluggesellschaften für mich persönlich war und Filme zum Anschauen bot, habe ich die Zeit im Flieger genutzt. Nach sieben Stunden des ersten Fluges sowie drei Stunden Aufenthalt in Dubai, hatte ich weitere fünfzehn Stunden Flug gehabt, in der ich noch etwas meine Augen schließen konnte.

Zugegebenermaßen, ich liebte es zu fliegen, dennoch war mir deutlich bewusst, dass so eine Reise seinen Tribut forderte und einen am Ende einer solchen Hinreise in die Knie zwang. Als hätte der Flug und der ständige Zeitwechsel zwischen den Zeitzonen nicht genug Einfluss auf meinen aktuellen Zustand gehabt, kam die plötzliche Wärme hinzu, die durch meinen warmen Zwiebellook durchdrang und mich in Brisbane völlig zerstörte. Wohlgemerkt hatte ich mich sehr winterlich gekleidet, sodass die sommerlich drückende Luft, die im Flughafen deutlich spürbar gewesen war, sich durch meinen Pulli hindurchwand und mich zum Schwitzen brachte. Auch hatte sich mein Flug verspätet, sodass ich mich beeilen musste, das nächste Gate zu erwischen, um auch meinen letzten fehlenden Boarding Pass zu erlangen.

Am Empfang selbst fühlte ich mich einfach nur noch reif für eine fette Dusche und ein frischbezogenes Bett, wo ich mich draufschmeißen konnte. Doch das Leben war kein Ponyhof, auch wenn die Reise in dem Sinne Luxus für mich bedeutete. Denn wer konnte sich schon als glücklich schätzen und mit seinem gesamten bezahlten Jahresurlaub sechseinhalb Wochen die abenteuerreichste Reise seines Lebens machen? Eigentlich sollte ich mich nicht beschweren und dennoch, die ersten Tage erschienen mir als die Energie raubenden Tage meiner Reise zu sein. Denn nicht nur, dass ich mich vollkommen fertig fühlte, auch meine Beine fühlten sich plötzlich schwer an. Warum entschied man sich auch seine neuen Wanderschuhe, die man gerade einmal einen Monat besaß, genau am Tag der Hinreise ausreichend einzulaufen. Don`t blame on them! Meine neu gekauften Wanderschuhe von Albatross, die vor allem unverschämt teuer gewesen waren, waren wirkliche Goldschätze, denn ich hatte sie im Laden genau eingeschätzt und nun hatten diese mir am wenigsten Sorgen bereitet. Die schweren Beine waren nur von dem Gewicht der Schuhe und dem ständigen Sitzen in den Flugzeugen gekommen.

Ich habe erleichtert geseufzt, als ich das Podest erreichte, an dem die Boarding Pässe vergeben wurden. Ich reichte dem netten Herrn daraufhin meinen Reisepass, welcher schließlich meine Daten fleißig im System eingegeben hat. Dann hat er mich freundlich lächelnd angeschaut und mich nach meinem Rausflugticket aus Neuseeland erkundigt. Dies war der Moment gewesen, mich zu fragen, wieso zur Hölle das Ganze überhaupt passierte. Doch da mir die Situation vorher nie untergekommen war, kam diese Forderung für mich wie eine böse Überraschung, aber gleichzeitig wurde diese auch zu eine meiner Erfahrungen, die ich mit auf meinem weiteren Weg nehmen würde. Denn ich hatte nämlich keinen Flug aus Neuseeland heraus gebucht, sondern nur einen Rückflug von Sydney nach Düsseldorf, um mir so etwas Freiheit und Spontanität zu geben.

Seit meiner letzten Reise nach Thailand, die ich mit meiner auserwählten Weltreisefreundin bestritten hatte, habe ich festgestellt, wie befreiend das Gefühl sein konnte, ganz frei durch ein Land zu reisen. Ohne jegliche Gedanken zu machen, wohin es als nächstes ging. Das Abenteuer durch Neuseeland unterschied sich allerdings von meiner vergangenen Thailandreise. Durch die vielen Orte und der engen Taktung meines Reiseplans hatte ich nicht die Möglichkeit, für jeden einzelnen Tag die Weiterreise und die Richtung spontan zu planen. Diese Erkenntnis wurde mir schon zu Anfang meiner Reise klar.

Jegliche Vorstellungen und Alternativen, die ich mir zurechtgelegt hatte, wurden mit einem Mal in diesem Moment zerschlagen. Sei es nur ein blödes Ereignis oder eine höhere Macht, aber heute glaube ich fest daran, dass diese Reise von etwas Höherem getrieben wurde. Ich nenne es Schicksal. Manch anderer Zufall. Und die an nichts von beidem glaubten, würden mir sagen, dass es Humbug sei. So oder so, irgendetwas davon war es dann wohl gewiss.

Ich habe während der Situation am Flughafen beinahe eine Heulattacke bekommen. In der Regel wusste ich, dass alles gut werden würde, denn ich war schon immer auf Reisen ein Glückskind gewesen. Es spielte dann auch keine Rolle, wie brenzlig auch eine Situation wurde. Doch in der Situation selbst, müde und verschwitzt, wie ich war, war ich einfach nur verzweifelt. Ich hatte den netten Herrn nur hilflos angesehen, der mich bemitleidend drauf hinwies, dass ich jetzt noch innerhalb von Minuten meinen Flug buchen müsste, um überhaupt in den Flieger nach Auckland hineingelassen zu werden.

Panisch wie ich wurde, musste ich innerhalb der kürzesten Zeit eine Entscheidung treffen, wie meine Reise weitergehen würde. Denn wenn ich euch verraten würde, dass mein ursprünglicher Plan gewesen war, nach vier Wochen Neuseeland, das Land von Queenstown aus zu verlassen, um Tasmanien, dann Melbourne und zum Schluss Sydney zu besuchen, dann war das, was ich nun tat, wohl meine intuitivste Entscheidung meines Lebens. In diesem Moment ging es nicht um irgendwelche zerschlagenen Pläne. Sondern um das, was ich wirklich wollte und was nun um jede Minute meines Lebens, aber auch um jede Minute meines baldigen Fluges nach Neuseeland entschied. Mit dieser kleinen ungeplanten Buchung entschied sich meine nächste Tat über meinen Reiseverlauf und somit meinem Reiseschicksal. Denn auch bis heute glaube ich daran, dass jede Entscheidung im Leben, ob gewollt oder ungewollt, eine drastische Veränderung der Zukunft hervorrief. Und somit wären wir dann bei der Frage: Was wäre, wenn…

Was wäre, wenn ich von vornherein meine Flüge gebucht hätte? Was wäre, wenn ich meinen eigentlichen Plan durchgezogen hätte? Was wäre, wenn der kommende Verlauf, nicht so gekommen wäre, aufgrund dieser einen einzigen Entscheidung, die nun so entscheidend gewesen war, um meine gesamte Reise auf den Kopf zu stellen? Was wäre, wenn alles anders verlaufen wäre als der Verlauf, den ich hier gerade erzählte? Was… Wäre… Wenn…? Wisst ihr, wir haben manchmal keinerlei Einfluss über bestimmte Dinge, die über uns hineinbrechen. Aber wir haben die Kontrolle und tragen die Entscheidung, wie wir weitermachen wollen und tragen damit auch eine entscheidende Rolle in unserem Leben, aber auch in unserem Lebenslauf und den Erlebnissen in der spannenden Reise unseres Lebens. Sowohl in der Welt als auch in der eigenen Realität, die wir in unserem Alltag wahrnehmen.

Während ich dezent panisch überlegte, wie nun meine Reise tatsächlich aussehen würde, tippte ich in meinem Smartphone nach möglichen Flugseiten, doch fand zunächst keine Gescheite. Der Mann, mit dem ich zuvor noch geredet hatte, telefonierte und informierte den Flieger, dass eine Passagierin noch ihren Flug buchte. Ich habe gewusst, dass er mich damit meinte und ich fühlte mich erleichtert, dass er mich nicht gänzlich in meiner Situation hängen ließ.