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Es sollte ein schöner Inselurlaub werden, bis Susi plötzlich die Träume ihrer Kindheit einholen. Die Sache beginnt mit einem Gewitter auf der Insel Rügen. Danach scheint Susi, die durchschnittliche Familienfrau, plötzlich den Übergang in eine andere Welt gefunden zu haben. Wenn Magie mit dem ganz normalen Alltag der Familie und Nachbarn zusammenprallt, bleiben urkomische und aufregende Situationen, aber auch gefährliche Szenen nicht aus. Mit der Zeit merkt Susi, dass es ganz schön kompliziert werden kann, wenn Träume wahr werden.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ilka Schales
Der Inselblitz
Erzählung
Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Impressum:
© Verlag Kern GmbH, Ilmenau
© Inhaltliche Rechte beim Autor
1. Auflage, Oktober 2016
Autorin: Ilka Schales
Cover/Layout/Satz: Brigitte Winkler, www.winkler-layout.de
Bildnachweis Cover-Motiv: fotolia | © anigoweb
Lektorat: Manfred Enderle
Sprache: deutsch
ISBN: 978-3-95716-217-5
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN E-Book: 978-3-95716-233-5
www.verlag-kern.de
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Für Oli und Conny
und
für mein ICH
Jeder Mensch hat seine „eigenen“ Probleme.
Wichtig dabei ist, dass er nicht für diese, sondern mit
ihnen lebt …
… und einen Weg sucht, um diesen Problemen ihre
Grenzen zu zeigen, zu akzeptieren, Frieden zu schließen
und die Dinge so zu nehmen wie sie sind …
… und auch, wie sie mitunter waren …
Ich bin Susi und habe vor nicht allzu langer Zeit mit Oli den Urlaub an der Ostseeküste, genauer gesagt auf der Insel Rügen, verbracht. Wenn ich aber daran denke, was sich seit unserem Rügen-Aufenthalt so alles ereignet hat, dann scheint mir unser Urlaub eine Ewigkeit her zu sein. Und eigentlich sind wir beide schon wieder reif für die Insel!
Denn: noch im und vor allem nach dem Urlaub hat sich vieles um uns und mit uns ereignet - als ob wir in einem Märchen gelandet wären, aber in einem eher schlechten Märchen. Nicht nur, dass ich in diesem Märchen die Hauptrolle gespielt habe – auch Oli war ungewollt beteiligt.
Und dann gab (und gibt es noch) mein ICH, das mich zeitweise ganz schön in die Zange genommen und dabei den Pegel meiner Verwirrung noch zusätzlich gesteigert hat.
Die Sache hat eigentlich ganz harmlos mit einem Inselgewitter angefangen. Aber dieses Gewitter hat blitzartig meinen und Olis Sommer in eine andere Welt gedonnert. Wenn es überhaupt in der Wirklichkeit Märchen geben sollte, dann haben wir nach diesem Urlaub eines erlebt.
Aber wahrscheinlich bin ich selbst nicht ganz unschuldig daran, dass es so gekommen ist: Weil ich mir während meiner Kindheit unzählige Male gewünscht hatte, dass ich unsichtbar sein könnte! Weil ich dachte, dass ich damit in der Lage sein würde, mich zu wehren. Mich irgendwie zu wehren gegen das Fehlen von Dingen wie Geborgenheit, Zuwendung, Zuhören.
Später, als ich dann erwachsen war und mir nach und nach einen festen Platz außerhalb der Familie geschaffen hatte, habe ich Oli kennengelernt. Und ich bekam all das, was ich bis dahin so sehr vermisst hatte. Die Welt war plötzlich ganz anders – und viel besser für mich!
Oli und ich sind inzwischen ein erfolgreiches Silberpaar und Conny, unsere Tochter, wohnt seit ein paar Semestern in Kassel und studiert dort. Aber trotz der räumlichen Entfernung sind wir ein richtiges Dreiergespann.
Es sollte ein schöner Inselurlaub werden, war es ja auch, bis – bis mich plötzlich die Träume meiner Kindheit eingeholt haben – und Oli und mir einen Sommer beschert haben, den wir wohl nie vergessen werden.
Dieses Jahr schickt einen Herbst auf die Erde, wie er eigentlich nur im Bilderbuch zu finden ist. Es liegt eine ganz spezielle Stimmung in der Luft, die man eben nur zu dieser Jahreszeit erleben kann. Die prächtige Farbenvielfalt rundum strahlt Wärme und Behaglichkeit aus.
Die Natur saugt die warme Oktobersonne auf wie ein Schwamm und man hat das Gefühl, dass sie die Sonnenenergie in ganz viele Farben umwandelt, um die Blätter damit zu färben. Es ist fast unmöglich, die Vielfalt der Farbschattierungen zu definieren, geschweige denn zu „kopieren“. So etwas bringt nur die Herbst-Natur zustande. Die Bäume ringsum sind zu Farb-Wunder-Bäumen geworden. Herrlich anzuschauen – und doch scheint das weit verzweigte Astwerk mit dieser Farbenvielfalt überfordert zu sein – es wirft die Blätter ab!
Hier oben auf dem Berg sind Spaziergänger in größeren und kleineren Gruppen anzutreffen. Sonnen-Auftank-Spaziergänge, denn keiner weiß, wie lang oder kurz der Herbst noch so schön sein wird. Alle genießen dieses herrliche Wetter.
Und genau das war auch der Grund, weswegen ich aus dem Haus gegangen bin und einen Spaziergang durch unser schönes Städtchen unternehmen wollte. Aber dann, vor der Haustür, ist mir in den Sinn gekommen, dass es zu dieser Jahreszeit mit so herrlichem Sonnenschein auf dem Berg hinter unseren Häusern besonders schön sein muss … So also sitze ich jetzt hier hoch über der Stadt auf einer Bank und schaue in die Landschaft. Vor ein paar Jahren hatte das Orkantief „Kyrill“ genau an dieser Stelle fast alle Bäume umgefegt. Wie Streichhölzer sind sie innerhalb kurzer Zeit weggeknickt! Es ist abgelaufen wie in einem Hollywoodfilm – innerhalb nur weniger Minuten war der Hang verwüstet. Dieses Ereignis hat damals die ganze Stadt in Atem gehalten.
In der Zwischenzeit ist die Berg-Grundordnung wieder hergestellt, man hat überall kleine Bäume angepflanzt. Alle waren beteiligt, Vereine, Privatpersonen, Schüler und Rentner. Es ist eine richtige Stadt-Wald-Aktion gewesen. Die Bergwelt läuft also inzwischen wieder in guten Bahnen. Und zusätzlich hat man für die nächsten paar Jahre eine freie Aussicht nach allen Seiten, die ich im Moment in vollen Zügen genieße. So kann manchmal auch ein nicht wirklich schönes Naturereignis im Nachhinein noch eine ganz gute Seite haben – wie jetzt gerade für mich.
Die Stadt breitet sich zu meinen Füßen in einer Ebene aus, die rundherum von Bergen eingeschlossen ist. Straßen, die in die Stadt hinein oder aus der Stadt hinaus führen, kann man von hier oben nicht wirklich erkennen. Fast könnte man meinen, dass alle Gebäude und Einrichtungen auf einem übergroßen Schüsselboden Platz gefunden haben. Ich sitze sozusagen am Stadt-Schüsselrand. Es ist eine kleine Stadt, aber dafür gemütlich und überschaubar. Und wir, das sind Oli, Conny und ich, fühlen uns hier pudelwohl.
Während ich unser Zuhause so aus der „oberen Etage“ beschaue, sitze ich auf einer meiner Lieblingsbänke, auf der wir oft zu dritt gesessen sind, als Conny noch klein war und wir gemeinsam die Berge hinter unserem Wohngebiet erobert haben. Dort unten links steht das Gymnasium, in dem unsere inzwischen vierundzwanzigjährige Tochter das Abitur gemacht hat. Sie war damals eine der Besten und Oli und ich haben allen Grund, stolz auf sie zu sein. Inzwischen studiert Conny schon seit einigen Semestern in Kassel Wirtschaftsrecht. Nicht wirklich meine Wellenlänge, aber sie ist glücklich und sehr erfolgreich damit. Und so soll’s ja auch sein. Bestimmt wird sie später einmal irgendwo landen – nur nicht wieder hier in unserer kleinen Stadt. Eigentlich schade – aber sie soll ihren Weg in der Welt gehen – ihren eigenen Weg!
All diese Gedanken schwirren mir im Kopf herum – und auch, dass dieser schöne Herbst eine Art Neuanfang für mich und Oli ist. Die unglaublichen Erlebnisse des vergangenen Sommers waren für unsere Ehe irgendwie schon eine Belastungsprobe der härteren Art – aber inzwischen ist diese Sache abgehakt und glücklich überstanden! Gut so! Jetzt kann es mit meinem zweiten Lebensabschnitt endlich wieder „ganz normal“ weitergehen.
Zweiter Lebensabschnitt für mich deshalb, weil ich mit meinen inzwischen doch schon mehr als fünfzig Jahren zwei total verschiedene Welten kennengelernt habe – zwei Familien-Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. An meine Kindheit und Jugend erinnere ich mich nicht in allen Einzelheiten gern. Ich habe damals das vermisst, was man als Großwerden in einer Geborgenheitsumgebung bezeichnen könnte. Es wird ja immer behauptet, dass man sich „später“ nur noch an die schönen Begebenheiten seiner Vergangenheit erinnert. Aber vielleicht ist jetzt noch nicht „später genug“ für mich, denn wenn ich genau überlege und meine „Erinnerungsereignisse“ ordne, dann wird mir ganz schnell bewusst, dass ich beim Aufzählen der schönen Erinnerungen nicht sehr weit zählen muss.
Mir ist schon klar, dass es Kinder oder Jugendliche gibt, denen es richtig dreckig geht. Demgegenüber bin ich eigentlich „normal“ aufgewachsen: An materiellen Dingen hat mir auch wirklich nichts gefehlt. Darauf haben meine Eltern mit ihrem möglichen Rahmen immer geachtet. Nur eben die richtige Wohlfühlfamilie, wie man sie sich als Kind wünscht und sie auch braucht, um den Sprung ins richtige „eigene“ Leben schadlos zu überstehen, die hat mir gefehlt. Eine Familie, in der man Sorgen und Probleme miteinander bespricht – und löst – und in der man auch Spaß miteinander hat. Eine Geborgenheitskinderstube sozusagen. Und dann hat man auch die Kraft, sich in der „Außenwelt“ zurechtzufinden und zu bestehen. So jedenfalls sehe ich das heute als „erwachsenes Kind“ und Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter. Sicherlich machen auch Oli und ich nicht alles richtig, aber „hundert Prozent“ wohnt vielleicht irgendwo im Dschungel oder … wo auch immer.
Ich war ein sehr ruhiges, oft zu ruhiges, zurückhaltendes und schüchternes Kind. In meinen Schulzeugnis-Beurteilungen war ständig zu lesen: „Susi ist still und verschlossen. Sie meldet sich nicht, obwohl man den Eindruck hat, dass sie die richtige Antwort weiß. Ihren Mitschülern gegenüber ist sie stets freundlich und hilfsbereit, müsste aber insgesamt lebhafter und aufgeschlossener werden.“
Und irgendwie war damals schon für mich klar, dass das Familienklima – mein Familienklima, wenn ich einmal erwachsen bin und heiraten sollte – ein anderes werden muss! Und es ist zum Glück ein ganz anderes geworden!
Dieser zweite Lebensabschnitt also, der begann, als ich Oli kennengelernt habe, ist genau so, wie ich ihn mir immer in meinen Kindheits- und Jugendträumen vorgestellt habe: eine Familien-Wohlfühl-Welt. Und ich hoffe, dass das Conny irgendwie genauso sieht, sehen kann. Wir drei verstehen uns prächtig, es herrscht eine offene Atmosphäre in unserer kleinen Familie. Wir reden über alles – wir reden auch nach gut fünfundzwanzig Jahren Ehe noch über alles miteinander. Natürlich gibt es ab und zu Streitpunkte – aber gerade die gehören eben zum guten Miteinander – wenn sie nicht überwiegen! Es wäre ja schlimm, wenn alle Menschen oder Ehepartner immer und zu jeder Zeit die gleiche Meinung zu bestimmten Dingen hätten! So eine Eintönigkeits-Ideenwelt kann man nun wirklich auch nicht wollen! Meinungsverschiedenheiten gehören zum Leben. Es kommt eben nur darauf an, wie man damit umgeht, wie kompromissbereit man mitunter auch ist. Außerdem gibt die Versöhnung dann jedes Mal auch schöne Ehemomente …
Und deshalb starte ich jetzt wieder in Richtung nach Hause – nicht wegen der Versöhnung, sondern weil Oli bald Feierabend hat – und darauf freue ich mich! Wir haben für heute nichts wirklich geplant und unser Balkon ist ein gemütliches Plätzchen, um in Ruhe zu sitzen und bei einer Tasse Kaffee das tolle Wetter zu genießen – und eben zu quasseln. Vielleicht schauen wir uns dabei die Fotos vom vergangenen Rügen-Urlaub an. Jede Menge Digitalfotos, dieses hundertfache Klicken ist irgendwie inzwischen zur Gewohnheit geworden. Unkompliziert, schnell, man muss keinen Film mehr wechseln. Da ich aber nach wie vor Fan von Papierfotos bin, kümmere ich mich nach dem Urlaub immer um Bilder zum Anfassen, auch wenn mir die Auswahl bei dieser Pixelbilder-Masse nicht immer leicht fällt und oft viel Zeit beansprucht. Die so entstandenen Papierfotos habe ich heute am Vormittag aus der Stadt abgeholt – die Urlaubs-After-Show kann beginnen. Es war ja wieder mal ein herrlicher Urlaub – wenn auch mit seltsamen Auswirkungen.
„Rügen ist schön – zu jeder Jahreszeit!“ – das hatte ich im Frühjahr irgendwo in einem Urlaubsprospekt gelesen. Und ich bin mir fast sicher, dass gerade das der ausschlaggebende Punkt war, dass wir uns für den Inselurlaub entschieden haben. Ich bin noch nie auf Rügen gewesen und nun wollen wir in diesem Jahr unseren Sommerurlaub hier verbringen. Wir hoffen natürlich auf ein Bilderbuch-Ostsee-Sommer-Wetter! Dazu vielleicht noch eine Ferienwohnung, die nicht wirklich weit entfernt vom Strand ist. Oli und ich sind zwar keine Sand-Dauerlieger, eher so die aktiven Strandläufer, aber eine geringe Entfernung zum Wasser wäre schon schön. Und Wasserwanderungen kilometerweit, das klingt doch nicht schlecht!
Ich bin nicht nur zum ersten Mal auf der Insel, sondern auch seit vielen Jahren überhaupt mal wieder an der Ostseeküste. Als Kind habe ich einmal den Urlaub mit meinen Großeltern in Kühlungsborn verbracht, aber daran kann ich mich nur lückenhaft erinnern. Was ich noch weiß: Es gab damals zwei Wochen Sonne pur. Resultiert etwa allein schon daraus meine Wetter-Erwartungshaltung? Zu Hause in meinem Fotoalbum klebt ein Bild von damals, auf dem ich liegend bis zum Kopf im Sand eingebuddelt bin und Opa steht mit der Sandschaufel daneben. Es muss in meinen ersten großen Schulferien gewesen sein. Das war’s dann aber auch schon mit der Erinnerung an die Kühlungsborn-Tage. Später, während der Berufsausbildung, verbrachte ich noch einen Ostseeurlaub mit meinen Eltern in Rostock-Lüttenklein. Die Unterkunft befand sich ungefähr eine halbe Autostunde vom Strand entfernt. Und dort sind überall Urlauberlawinen herumgerollt, der Strand war dicht bevölkert. Aber auch in den Ortschaften an der Küste entlang gab es nirgends so eine Ruhe wie hier auf der Insel. Diese Küsten-Urlaubszeit mit meinen Eltern war für mich allerdings ähnlich wie zu Hause – nur eben woanders, kaum urlaubsmäßig.
Nun also mein drittes Ostsee-Erlebnis – das Insel-Ostsee-Erlebnis mit Oli. Conny ist ja inzwischen in einem Alter, in dem man kaum noch den Urlaub mit den Eltern verbringt. Und irgendwie hat das auch seine Richtigkeit. Ich freue mich riesig auf diesen „Älteres-Ehepaar-ohne-Kind-Urlaub“! Schönes Wetter haben wir ja bestellt – und obwohl wir keinerlei Rückmeldung von der Wetterzentrale erhalten haben – die Sonne „arbeitet“ im Akkord! Einen Plan für diese Inselzeit haben wir nicht aufgestellt. Pläne stellen ja sowieso nur die Theorie des Lebens dar. Und es kommt meistens alles anders als geplant, auch im Urlaub. Einfach nur Ostseeluft genießen, wandern, mit dem Fahrrad fahren, baden und am Strand sitzen, den Sonnenuntergang beobachten …
Die Ortschaften hier auf der Insel sind manchmal kilometerweit voneinander entfernt. Und wegen der Ruhe überall könnte man fast glauben, dass die Uhren langsamer ticken als im Rest der Welt. Wir wohnen in einem der größeren Orte zwischen dem Wieker Bodden auf der Westseite und dem Ostseestrand auf der Ostseite der Insel. Für meine Begriffe handelt es sich jedoch eher um ein kleines Dorf, in dem man sich aber sehr wohlfühlen kann. Ich habe mir schon ausgemalt, wie dieses Inselortleben in der Nichturlauberzeit läuft: Da bleiben die Uhren wahrscheinlich total stehen! Aber wir sind ja im Urlaub – und da wollen wir uns erholen, also auch Ruhe haben. Ist schon irgendwie gemütlich hier. Reedgedeckte, kleine Häuser, mit meist nicht mehr als einer Etage, liebevoll gepflegte Vorgärten, die mit vielen bunten Blumen zum Wohlfühlen einladen. Und wenn man die Straßen entlang geht, erwartet man eher eine Pferdekutsche als ein Auto oder gar einen Bus, denn an einigen Stellen gibt es noch richtig altes Kopfsteinpflaster, über das man holpern und stolpern muss, um von Ort zu Ort zu kommen.
Unsere Ferienwohnung haben wir übers Internet gefunden und dann per Telefon gebucht. Das mit dem Telefon gefällt mir irgendwie besser. Internet ja, aber mit der Muschel am Ohr (heutzutage heißt diese Muschel meist Handy) kann man vielleicht gleich noch ein paar Nicht-Standardfragen loswerden. Jedenfalls hatten wir Glück: Die Wohnung war für unseren geplanten Urlaubstermin noch zu haben, die Hauptsaison hat gerade noch nicht begonnen. Richtig gemütlich ist es hier. Wir wohnen in der oberen Etage eines kleinen Zweifamilien-Hauses. Ein Küche-Stube-Zimmer mit zwei großen Glastüren, die beide auf den gleichen Balkon führen. Eine richtig große Fensterfront also. Ich liebe große Fenster und somit viel Licht im Zimmer sowieso über alles. Der Balkon, er bietet nicht wirklich einen schönen Ausblick: unter uns der Hof mit Garage und Hundezwinger, nach vorn große Bäume, seitlich die Nachbarn. Da wir aber nicht vorhaben, unseren gesamten Urlaub auf dem Balkon zu verbringen, ist das schon in Ordnung so. Man kann am Abend eben noch ein Stündchen an der frischen Luft verbringen, wenn man einfach nur die Beine ausruhen lassen will. Also genügt uns das, so wie es ist, vollkommen. In der Stubenhälfte stehen eine Bettcouch, ein Sessel und ein Couchtisch, auf dem frische Blumen stehen. Kleiner Blumen-Willkommensgruß. Da fängt der Urlaub schon mal richtig gut an. In der Ecke auf dem Schränkchen der Fernsehapparat wird für uns nicht wirklich eine große Rolle spielen. Zwischendurch mal ein paar Neuigkeiten erfahren – aber sonst brauchen wir den bestimmt nicht!
Mit dem Radio ist das dagegen eine ganz andere Sache. Das singt und erzählt auch zu Hause den ganzen Tag. Und für die Frühstücksnachrichten oder die kleine Morgenmusik ist das hier genau richtig. Das Fernseh-Schränkchen ist mit Büchern und Urlaubsprospekten bestückt. Nette Sache, so kann man sich gleich informieren, was auf der Insel alles los ist. Obwohl wir natürlich zu Hause schon allerlei „Insel-Informationen“ aus dem Internet gesammelt haben.
Die Küche bietet alles, was man sich als Ferienwohnungsurlauber in einer Küche so wünscht: genügend Geschirr (auf den ersten Blick viel zu viel), ein paar Gewürze, Kaffeefilter, eine Kaffeemaschine, einen Toaster, einen Wasserkocher – und eine Geschirrspülmaschine! Deswegen das viele Geschirr! Diese Ferienwohnung gibt uns somit die Gewissheit, dass wir bei eventuell auftretender Abwaschfaulheit keine Pappteller-Mahlzeit haben werden. Zu Hause haben wir so einen neuzeitlichen Tellerwäscher nicht. Im Gegenteil: Das Geschirrspülen ist bei uns im Laufe der Jahre zu einer Art „Kommunikationstätigkeit“ geworden. Ich wasche auf, Oli trocknet ab – da kann man so schön quatschen dabei, den Tag auswerten oder Pläne für den folgenden Tag schmieden.
Im Schlafzimmer steht ein großer Schrank, in dem unsere Sachen locker Platz finden. Neben den Betten, die sich unter einer Dachschräge befinden, sind beidseitig große Ablagen angebracht, die genügend Platz für meine unerlässlichen Urlaubsutensilien Bücher, Rätselheft, Schreibblock und Stiftemappe bieten. Oli ist begeistert: „Durch das Fenster über unseren Betten kann man ja den Himmel sehen! Und Sterne beobachten! Na, wenn das kein toller Urlaub wird!“
Das Badezimmer hat auch so ein schräges Dachfenster. Von hier aus kann man, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, übers Dorf blicken. Der Flur ist zwar etwas eng geraten, dort steht aber ein großer Kleiderständer, auf den wir all unsere Wetter- und anderen Jacken hängen, in der Hoffnung, dass die während der nächsten zwei Wochen dort auch hängen bleiben können!
Endlich sind alle Sachen an der richtigen Stelle, unsere Urlaubsgrundordnung ist sozusagen hergestellt. Bei der Ankunft haben wir schon gesehen, dass sich ganz in der Nähe, sozusagen fast schräg gegenüber, ein Lebensmittelmarkt und ein Kaufhaus, in dem es wahrscheinlich alle notwendigen Nicht-Essereien gibt, befinden. Und obwohl wir für den Ankunftstag, heute ist Sonntag, genug zu essen in der Kühlbox mitgebracht haben, nehmen wir nach dem „Einzug“ erst einmal diesen schräg gegenüber liegenden Lebensmittelmarkt genauer in Augenschein. Vielleicht gibt es da noch was Leckeres für unser erstes Urlaubsabendbrot. Wir haben’s uns nach der langen Autofahrt schließlich verdient! Außerdem: Am Sonntag einkaufen, das ist für uns nicht alltäglich. Zu Hause gibt es lediglich ein paar verkaufsoffene Sonntage übers Jahr verteilt. Aber wenn sich hier schon mal die Möglichkeit bietet, an allen sieben Tagen der Woche einzukaufen – also versuchen wir unser Glück! Für alle „flüssigen Lebensmittel“, die im Urlaub, dazu im Sommer, besonders wichtig sind, gibt es gleich nebenan zusätzlich einen großen Getränkemarkt. Man kann hier also wirklich alles Notwendige bekommen. Sogar Verpflegung und andere wichtige Dinge für mitgebrachte Haustiere – aber die haben wir ja nicht.
Einkaufen ganz ohne Auto! Und dazu nur einfach schräg über die Straße laufen! Auch mal schön! Wir überqueren die Straße natürlich ganz vorschriftsmäßig zügig und im rechten Winkel, obwohl man sich bei dieser „Verkehrsdichte“ hier eigentlich jede Menge Zeit zum Überqueren der Straße lassen könnte!
Nach dem ersten Rügen-Urlaubs-Abendbrot – es gab Fisch, der letzte Nacht bestimmt noch fröhlich im Meer herumgeschwommen ist – gehen wir noch auf eine erste Erkundungstour durch den Ort. Unsere Beine haben nach dieser achtstündigen Autofahrt noch etwas Bewegung nötig. Außerdem sind wir neugierig, wo wir in den nächsten zwei Wochen so wohnen werden! Dann aber fallen wir nach dem ersten gemütlichen Abend-Dorfrundgang sofort und total müde in unsere Ferienbetten. Wir kommen kaum noch dazu, den Dachfensterhimmel über uns anzuschauen, bevor wir tief und fest einschlafen.
Angekommen im Urlaub. „Was man in der ersten Nacht in fremden Betten träumt, das geht in Erfüllung!“ – Dieser Spruch ist mir jedenfalls schon oft begegnet. Ich habe aber eine traumlose Nacht hinter mir. Hätte ja so gern was Schönes geträumt. Pech gehabt! Oder vielleicht auch Glück!
Oli ist schon wach. Ich rolle mich hinüber in sein Bett und wir schauen uns durch das Dachfenster den Himmel an. Keine Wolke, die Sonne scheint über alle Inselzipfel! Es sieht also ganz nach einem herrlichen Sommertag aus. Ein Blick auf den Wecker sagt uns: Raus aus den Federn! Obwohl wir Urlaub haben (oder gerade deshalb?) wollen wir doch nicht den Tag verschlafen!
Frühstück. Mit ofenfrischen Brötchen. Oli hat sich für „nur mal schräg über die Straße“ geopfert. Urlaubsluxus – für mich. Schließlich ist er selbst auf die Idee gekommen. Aber dann nach dem Frühstück wollen wir endlich die Ostsee sehen! Wir sind ja schon über die Rügen-Brücke bei Stralsund gefahren und mit der Wittower Fähre übergesetzt, aber so richtig mit hochgekrempelten Hosenbeinen in der Ostsee stehen – genau das ist heute unser Tagesziel! Das Auto bleibt auf dem Hof stehen, Auto-Ruhetag, dafür Oli-und-Susi-Wandertag!
Auf geht’s in Richtung Strand. Die Straße, die dorthin führt, ist eine richtige alte Holperpflasterstraße, die uns erst mal ehrfürchtig stehen bleiben lässt, um uns gedanklich in alte Zeiten zurückzuversetzen. Nachdem wir dieses „alte Bauwerk“ bestaunt haben, wandern wir mit unseren Rucksäcken auf dem Rücken weiter in Richtung Ostseewellen.
Und dann stehen wir vor dem unendlichen Wasser. Es ist einfach nur schön hier! Das Rauschen der Wellen, die kühle Brise – und dazu Sonne überall! Was will man mehr! Dieser Augenblick fühlt sich fast an wie „Chillen auf den Antillen“! „Hosenbeine hochkrempeln und los geht’s!“, holt mich Oli aus meiner Antillen-Traumwelt. Das ist Erholung pur – hier kann man die Welt um sich einfach vergessen. Wir entdecken kleine Quallen im Wasser, manchmal kommt auch ein Riesenschwarm Minifische vorbei und ein Stück weiter sehen wir einen kleinen Aal. Und freche Möwen gibt es hier überall. Der Gedanke „Ich will jetzt endlich die Ostsee sehen!“ hat uns am Morgen so beansprucht, dass wir vor lauter Aufregung die Badesachen im Schrank liegen gelassen haben. Als wir aber eine ganze Weile den Strand entlang gewatet sind, merken wir ganz schnell, dass unsere Badesachen auch für die folgenden zwei Wochen ihr Dasein im Schrank kaum unterbrechen werden. Weil: Es ist hier an vielen Stellen „in“, „ohne“ zu baden. Und warum soll man den Rucksack mit Sachen beladen, die man gar nicht gebrauchen kann. Das Wasserwaten macht uns solchen Spaß, dass wir dabei die Zeit total vergessen. Irgendwann ruft mich mein Magen in die Realität zurück und verkündet, dass er jetzt mal was zu tun braucht. Und natürlich haben wir nicht nur keine Badesachen dabei, sondern auch nicht den kleinsten Gedanken daran verschwendet, etwas Ess- oder Trinkbares einzupacken. Sind wir innerhalb dieser paar Urlaubsstunden hier wirklich schon so gedankenlos geworden?
Später sitzen wir an einem Kiosk mitten im Wald, der kleine, aber leckere Mahlzeiten für zwischendurch anbietet. Die frische Ostseeluft und die doch etwas länger gewordene Wasser-Wate-Tour haben echt hungrig gemacht. Es ist richtig gemütlich hier im Schatten der hohen Bäume. Der Wald lebt hier ein ganzes Stück über uns, denn die Bäume stehen in dieser Gegend auf Stelzen. Und während man bei uns zu Hause in Thüringen manchmal kaum zwischen ihnen hindurchgehen kann, findet sich hier zwischen den Stämmen sogar genügend Platz, um eine Urlauber-Verpflegungs-Station mitten in den Wald zu integrieren.
Ich habe meine Füße von den leichten Wanderschuhen befreit und auf die Bank neben uns gelegt. Urlaub auch für die Füße. Wir warten auf unsere kleine Mahlzeit, denn hier wird man sogar bedient. Oli ist mit der Küstenwanderkarte beschäftigt. Wie immer, wenn er Stadtpläne oder Wanderkarten zu Gesicht oder in die Hände bekommt, ist er nicht ansprechbar. Im Nu ist er dann in dieser Pläne- oder Kartenwelt versunken. Daran habe ich mich im Laufe unserer gemeinsamen Jahre gewöhnt und mir deshalb auch abgewöhnt, ihn bei seinen Studien zu stören. Es gibt schließlich Schlimmeres. Ich beobachte inzwischen die vorbeikommenden Urlauber. Ehepaare mit oder ohne Kind. Händchen haltend oder Arm in Arm, wie meist Oli und ich, wenn wir unterwegs sind. Aber es gibt auch „vereinzelte“ Paare, die nicht miteinander – oder vielleicht sogar gemeinsam mit ihren Kindern – gehen. Ganz so als ob sie nicht zusammen gehören. Vereinzelte Familien auf Wanderschaft.
So in etwa muss es ausgesehen haben, als meine Eltern damals mit mir oder auch ohne mich unterwegs waren. Wir sind stets vereinzelt als Familie in Erscheinung getreten. Das ist mir aber erst so richtig bewusst geworden, als ich dann schon mit Oli unterwegs war.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, das Essen wird gebracht. „Guten Urlaubsappetit wünsche ich dir!“, höre ich Oli sagen. Die Wanderkarte liegt jetzt neben dem Rucksack auf der Bank. Wir lassen es uns schmecken. Später rührt Oli mit dem Kaffeerührstäbchen Wellen in seine Tasse, sodass der Kaffee fast über das Tassenufer schwappt. Sieht fast so aus, als ob er in irgendwelchen Gedanken rumkramert. Plötzlich nimmt er dieses Rührhölzchen, das an einem Ende etwas breiter ausfällt, um dort Platz für ein kleines Loch zu haben, klopft es am Tassenrand ab und schaut mich durch diese kleine Öffnung hindurch an. „Wie wäre es, wenn wir eine Hühnergötter-Suchaktion starten?“, höre ich ihn dabei fragen. Hat ihn etwa die Löcher-Verwandschaft auf diesen Gedanken gebracht? „Der Weg vom Kaffeerührstäbchen mit Loch zum Löcherstein ist ja nun auch wirklich nicht weit. Deine Gedankengänge sind manchmal schon recht seltsam!“, antworte ich. Aber trotzdem gefällt mir die Idee. Diese Steine sollen ja sogar Glück bringen. Und hier auf der Insel soll es viele davon geben. Wir verschieben diese Aktion allerdings auf morgen oder übermorgen … Wir haben ja noch fast zwei Wochen Rügen-Zeit vor uns. Für heute müssen wir erst mal wieder zurück zu unserer Ferienwohnung, denn es ist inzwischen schon fast Abend geworden. Im Urlaub vergeht die Zeit eben immer viel schneller als im richtigen Leben!
Schaffen wir’s noch mit Laufen?“, schaut mich Oli fragend, aber fast schon optimistisch an.
„Wir werden keinen Bus brauchen, es kann ja gar nicht so weit sein“, machen wir uns gegenseitig Mut. Und der Kaffee wird schon auch gleich seine Wirkung tun. Außerdem haben wir jede Menge Zeit! Es ist Sommer, also abends lange hell, und jetzt brennt die Sonne auch nicht mehr gar zu sehr. Auf beiden Seiten des Weges stehen große Bäume, da lässt sich schon auch ab und zu ein Schattenfleck finden!
Unterwegs fahren zwei Insel-Busse vorbei, aber „Wir laufen Urlaub!“, sagen wir plötzlich gleichzeitig wie einstudiert, als uns gerade so ein Bus überholt. Und dann müssen wir beide lachen.
Inzwischen sind unsere Köpfe endgültig auf der Insel angekommen. Wir leben jetzt Urlaub. Anders als gestern Abend noch geplant, haben wir heute einen „ruhigen Urlaubstag“ hinter uns. Ein bisschen im Dorf spaziert, ein Schläfchen auf dem Balkon, ein paar Seiten gelesen. Wir räumen gerade die Abendbrotreste wieder in den Kühlschrank, als uns dieser unüberhörbar entgegen schreit: „Wollt ihr nicht endlich mal wieder etwas einkaufen?“ Ja, auch so ein Kühlschrank hat eben „seine“ Bedürfnisse.
Wir laufen die paar Schritte quer über die Straße, um unseren Vorrat aufzufüllen. Ostseeluft macht eben doch irgendwie hungrig! Strandstunden sind um diese Tageszeit für die meisten Urlauber vorbei – jetzt beginnt die große Wanderung zum Supermarkt. Man könnte jetzt und hier fast meinen, dass dieser Lebensmitteltempel das einzige Highlight auf der Insel wäre. Die Regale sind sehr eng angeordnet und prallvoll, sie scheinen uns entgegenzurufen: „Schaut her, es gibt hier nichts, was es nicht gibt!“
Die Einkaufsdisziplinen Schubsen und Drängeln sind im Marktprogramm inbegriffen. Als wir uns gerade der Kühltruhe mit dem Eisangebot nähern wollen – auch das kleine Tiefkühlfach will gefüttert werden – nimmt neben mir gleichzeitig eine junge Frau Anlauf in die gleiche Richtung. Und obwohl ich im Allgemeinen in der Lage bin, viele Sachen zu akzeptieren, rege ich mich jetzt fast ein bisschen auf. Es herrscht Hochsommer – o.k.! Aber weniger als diese Frau anhat – geht nicht! Und der Stoff ihrer knappen „Kleidung“ – scheint Gardinenstoff zu sein! Dazu diese kunstvoll hochgesteckte Haarpracht mit unendlich vielen Einsteckverzierungen! Und genau wie diese Frau aussieht, genau so benimmt sie sich auch! Sie rempelt alle Leute an und schubst, während sie sich der Kühltruhe nähert, eine ältere Dame so kräftig zur Seite, dass diese fast stürzt. Und dabei rast der Einkaufswagen der jetzt völlig verstörten Dame mit voller Wucht gegen meinen Fuß!
Dem Einkaufswagen hat das nichts getan, er ist stabil genug gebaut. Aber mein Fuß war in diesem Duell eindeutig der Schwächere. Mein Mund war reaktionsschnell wie selten und hat sofort ein nicht zu überhörendes „AAUUTTSCH!!!“ ausgespuckt. Wodurch die ältere Dame gleich nochmal erschrocken ist und sofort ein „Entschuldigung!“ stottert. Dabei ist sie ja nicht wirklich die Schuldige – was ich ihr dann auch gleich entgegenstottere. Nachdem Oli und ich etwas Luft geholt haben und ich meinen Fuß kaum bewegen kann, schauen wir uns nach dieser kämpferischen Hochsteckfrisur-Dame um – aber die ist inzwischen natürlich längst davongerauscht.
Als wir dann in der Kassenschlange stehen – natürlich trotzdem nicht ohne Eis im Wagen! – macht sich mein linker kleiner Zeh mit einem Schmerz bemerkbar, der mich fast lähmt! Nach dem Bezahlen packen wir unsere so schwer erkämpften Sachen in den Beutel und verlassen diesen Schubs- und Drängelmarkt für heute.
Draußen fallen inzwischen ein paar Tropfen vom Himmel. Keinen Schirm dabei. Macht aber nichts, es sind ja nur ein paar Tropfen. Und es sind zum Glück ja auch nur ein paar Schritte bis zu unserer Wohnung. Trotzdem fällt mir das Gehen schwer – der kleine linke Zeh pocht und hämmert munter drauf los! „Also zu Hause erst mal ganz schnell unters kalte Wasser damit!“, versucht mich Oli aufzumuntern.
Wieder in der Stube hat er es inzwischen übernommen, unser Einkaufsgut in die Schränke und den Kühlschrank einzusortieren, auch das so teuer erkämpfte Eis in Form von Patschen, die ich besonders mag. Aber im Moment habe ich erst mal ein ganz anderes Problem. Ich humple nach der kalten und ausgedehnten Zehdusche in die Stube, setze mich in den großen Sessel an der Balkontür und lege den linken Fuß auf das Sofa. Der Zeh ist inzwischen zum Kullerzeh mutiert, sieht eigentlich sogar ganz lustig aus! „Es gibt Kugelvasen, Kugelschreiber, Kugelfische – und jetzt auch Kugelzehen! Gibt es auch Schuhe für Kugelzehenfüße?“ – typisch Oli. „Ich habe im Moment keine Zeit zum Lachen, ich habe im Moment ein Problem mit den Schmerzen – und morgen dann wahrscheinlich mit den Schuhen!“, brumme ich zurück. Aber ich weiß ja, dass er es nicht schlecht meint.
Meine Gehversuche für den morgendlichen Kleinkram fallen unerwartet gut aus. Kugelrund lässt sich der kleine Zeh vom großen Fuß durchs Zimmer schieben, es ist zu ertragen. Nur, eine längere Inselwanderung, die für heute angedacht war, wird ausfallen. Und wenn aus „Plan A“ nichts wird, dann hat das Alphabet ja zum Glück noch weitere Buchstaben. „Plan B“ heißt in unserem Fall für heute: Strandtag.
„Na gut, dann fahren wir einfach an den Strand, dort musst du keine Schuhe anziehen und kannst gleich im Ostseewasser den Fuß kühlen!“, sagt Oli und bedauert mich ein bisschen. Und das tut sogar gut! Aber erst mal müssen wir trotzdem eine Schuhfindungskommission gründen. Schließlich möchte ich ja nicht überall barfuß rumhumpeln. „Versuch es doch einfach mal mit diesen schönen Sandalen, die dort hinten in der Ecke stehen!“, will mich Oli beim Problem der Schuhfindung unterstützen. „Schön – das ist bei diesen Dingern die Vergangenheitsform!“, denke ich laut. Und ich habe auch keine wirkliche Ahnung, warum die eigentlich mit in den Schuhbeutel gehüpft sind. Haben diese Sandalen etwa hellseherische Kräfte?
Genau an der Stelle, an der sich mein Kugelzeh auf die Sohle dieser Treter bettet, bietet sich ihm ein freier Ausblick in die Welt. Jedenfalls bedeutet dieses „unbewusst“ mitgereiste Schuhwerk im Moment ein kleines Stück Urlaubsglück für mich. Und nach einem Laufversuch zwischen Flur und Balkon steht fest: Genau diese alten Treter werden meine Insel-Eroberungs-Hilfen sein! Trotzdem bewege ich mich mehr humpelnd als gehend und vorsichtshalber erst mal barfuß die Treppe hinunter bis zum Auto.
Wir finden zum Glück einen Parkplatz gleich in Strandnähe. Die meisten Urlauber schlafen wohl doch etwas länger – und außerdem sieht der Himmel heute nicht ausschließlich nach Sonnenschein aus! Wir laufen die paar Schritte bis zum Wasser. Dort gibt es nur eines: Schuhe aus und Hosen hochkrempeln. Diese Wasserwatschelei mit Sanduntergrund ist eine Wohltat für meinen Kugelzehfuß, weich und zugleich recht kühl. Und so laufen wir den ganzen Strand entlang – bis zum Segelboothafen. Dort setzen wir uns auf eine windgeschützte Bank hinter dem Imbiss und beobachten die Segelboote, die im Hafen liegen und die Matrosen, die dort gerade ihre Pause verbringen. Es gibt da schon ein paar ganz tolle Typen – bei beiden.
Segelboote findet Oli schon immer toll. Mein Traum wäre dagegen eher so ein ordentliches großes Hausboot mit allen Extras, auf dem man zum Beispiel den gesamten Bodensee erobern könnte. Wassertaugliche Luxusklasse sozusagen.
„Träum weiter Susi!“, denke ich gerade, als mich das Gebell zweier riesiger Hunde, die dort drüben neben der Treppe zur Aussichtsplattform von ihren Herrchen spazieren geführt werden, aus meinen Superhausboot-Träumen weckt. Hunde sind nicht unbedingt meine Lieblingstiere. Nach dem Motto: „Tust du mir nichts – tue ich dir nichts!“, also einer Art friedlicher Koexistenz, komme ich aber inzwischen ganz gut mit diesen Vierbeinern zurecht. Trotzdem warte ich lieber, bis sich diese zwölf Beine ein Stück entfernt haben, bevor ich den Aufstieg zum Aussichtsturm wage. Denn Aussichtstürme, egal wo sie sich befinden, sind ein Muss für mich. Von möglichst ganz weit oben in die Ferne schauen, das hat mich schon immer gereizt. Schon der Ausblick aus meinem Küchenfenster zu Hause aus der fünften Etage bedeutet für mich ein Stück Freiheit. Absolut gern bin ich auch in Kassel am Herkulesdenkmal, wenn wir ab und zu Conny besuchen. Der Ausblick auf die Stadt und die nordhessische Landschaft ist einmalig. Als ich zum ersten Mal dort oben war, wollte ich gar nicht mehr fort. Und hier bietet sich wieder eine Aussichtsgelegenheit, die ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Da ist auch mein Kugelzeh gerade nicht stimmberechtigt. Also steige ich tapfer humpelnd die Treppe hinauf.
Jetzt stehe ich hier oben und schaue über die Ostseewellen. Und über die Segelschiffe. Oli ist unten geblieben, er steigt nicht so gern Treppen hoch, schon gar nicht welche, die so weit nach oben führen wie hier. Bequemlichkeitspflege. Schade eigentlich. Und er verpasst wirklich etwas! Die Aussicht ist grandios! In meinem nächsten Leben werde ich Turmwärter oder Gipfelskulptur oder … Man kann von hier aus ganz weit die Küste entlang schauen, bis Kap Arkona! Und dort wollen wir morgen hin.
Nach dem Balkon-Abendbrot unternehmen wir einen kleinen Rundgang durch den Ort. Wir wollen keine Schnelligkeitsrekorde aufstellen. Und auf dem Laufsteg befinden wir uns auch nicht, also humpeln wir noch eine Runde durch unsere Urlaubsheimat! Das Wetter hat seit dem Nachmittag etwas gewechselt. Es gibt inzwischen ab und zu ein paar dunkle Wolken. Antenne Mecklenburg-Vorpommern hat bei „Wie wird’s Wetter, Werner?“ heute zum Frühstück schon ein paar Regenschauer angekündigt, örtlich auch mal Gewitter. Naja, „örtlich“ muss ja nicht unbedingt da sein, wo wir uns gerade befinden. Schirm und Jacke bleiben zu Hause. Wollen ja nur im Ort ein Stück auf und ab.
Am Dorfteich setzen wir uns auf eine Bank und beobachten die Goldfische. Irgendwie produzieren die ein chaotisches Schwimmmuster, das Oli vorsichtig als „etwas unaufgeräumt“ bezeichnet. „Vielleicht haben die heute früh auch den Wetterbericht gehört und sind dadurch etwas hektisch?“, gebe ich zu bedenken. Aber wiederum lassen die sich vom Wetter wahrscheinlich kaum beeindrucken – nass sind sie ja ohnehin schon.
Ein Stück weiter sehen wir in einem sehr schön angelegten Vorgarten Hühnergötter am Strick baumeln. „Das ist eine tolle Idee! So könnte man die bei uns zu Hause auf dem Balkon auch aufhängen!“, schlage ich vor. Oli stimmt mir zu und legt gleich fest: „Morgen versuchen wir unser Glück. Wenn wir am Strand entlanglaufen, werden wir unsere erste Löcherkiesel-Suchaktion starten!“
Aber plötzlich donnert es ganz in der Nähe. Ist jetzt doch ein
