Der Inselstaat - Therese Martino - E-Book

Der Inselstaat E-Book

Therese Martino

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Beschreibung

Ines fliegt zu ihrem Emailfreund Roberto nach Brasilien, mit dem sie seit über drei Jahren Kontakt hat. Roberto, ein Rechtsanwalt,betonte immer wieder, ihm genüge der virtuelle Kontakt. Ines jedoch hat das Verlangen,die Welt, von der er ihr so Vieles erzählt hat,einmal real zu erleben.Auch möchte sie wissen, ob die Zuneigung,die sie für Roberto empfindet, der Wirklichkeit standhalten kann. Dank Rosalina, einer engen Freundin Robertos, kommt das Treffen endlich zustande.10 Tage zeigt Roberto Ines seine Stadt. Ines wird nicht schlau aus Roberto. Er zeigt beinahe keine Emotionen. Nur wenn er von seinem Projekt redet, dass die Welt verändern werde, nehmen seine Augen einen fanatischen Glanz an. Ines erkennt, dass dieses Projekt eine Flucht aus der tristen Realität seines Lebens ist. Sie muss sich entscheiden, ob sie in seiner Scheinwelt leben möchte.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Inselstaat

Der InselstaatImpressum

Montag, 6.September

Eine graue Wolkendecke liegt über dem Flughafen Zürich-Kloten. Der nahende Herbst kündigt sich an mit der schon kühleren Luft am frühen Morgen. Pünktlich um

10.10 Uhr ist die Maschine der Swiss Airline mit Ziel Lissabon startbereit. Alle Passagiere an Bord, Proviant und Gepäck verstaut. Die Triebwerke dröhnen auf, lang-

sam gleitet die Maschine auf der Startpiste vorwärts, wird schneller und löst sich vom Boden. Rasch gewinnt der Flieger an Höhe und durchbricht die graue Wolken-

decke. Blau spannt sich nun der Himmel vor den Kabinenfenster. Ines erblickt die Bergspitzen der schneebedeckten Viertausender in der Tiefe. Noch immer überwältigt

sie jedes Mal ein Hochgefühl wie bei ihrem ersten Flug vor über 30 Jahren. Damals war sie nach Barcelona geflogen, die kleine, erst fünfmonatige Tochter auf ihrem

Schoss. Neben ihr Claudio. Sie hatten sich zugelächelt, hatten den Atem angehalten, als die Maschine im Steilflug nach oben schoss. Claudio war stolz, dass sie sich

diese Art des Reisens leisten konnten. Und er freute sich auf den Urlaub in Spanien, seinem Heimatland. Ines weniger. Sie hatte ein gespanntes Verhältnis

zu ihrer Schwiegermutter, mit der sie die nächsten drei Wochen auskommen musste. Dieser erste Flug damals hatte sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Obgleich

sie im Verlaufe ihres Lebens immer wieder mal geflogen war, war ein Flug für sie ein besonderes Ereignis geblieben.

Über Spanien ist der Himmel wolkenlos, tiefblau. Weit unten erkennt Ines einen mächtigen Fluss. Wie eine riesige bläulich schimmernde Schlange windet er sich durch das Land. Mal glänzt er metallisch im Sonnenlicht, einmal wiederspiegelt er den Himmel, verengt sich und weitet sich dann wieder aus, breit wie ein See. Sogar Strassen, die das Land durchqueren und in Serpentinen Anhöhen erklimmen, kann sie erkennen. Karge, braunrote Hügelzüge. Siedlungen hingestreut wie in einer Spielzeuglandschaft, winzig klein, doch deutlich zu erkennen. Ihr dämmert, dass der breite Fluss der Duero sein muss. Wenn er die portugiesische Grenze passiert hat, wird er von den Menschen Douro genannt. Sie denkt an die berühmten Weingebiete an seinen Ufern, an die unzähligen Menschen und Tiere, die von ihm abhängig sind. Sie kann den Blick nicht abwenden. Ein Gemisch aus freudiger Erregung und mulmigen Gefühl kämpfen in ihr. Auf was lässt du dich bloss ein? schiesst es ihr durch den Kopf. Über den Lautsprecher teilt der Flugkapitän mit, sie befänden sich nun über Portugal. Und dann verschwindet der Fluss von einer Sekunde zur nächsten aus dem Blickfeld von Ines. Nur zu schnell für sie leiten die Piloten den Sinkflug ein. Beim Anflug erkennt sie den Fluss Tejo mit seinem breiten Mündungsbett in den Atlantik. Mit einem noch immer flauen Gefühl in der Magengegend rafft sie ihre Sachen zusammen. Wenigstens braucht sie sich nicht um ihren Koffer zu kümmern. Der wird in Lissabon automatisch in die Maschine nach Fortaleza umgeladen. Etwas beunruhigt ist sie trotzdem. Ines weiss, immer wieder erreichen Gepäckstücke nicht ihren Zielflughafen. Sie beruhigt sich mit dem Gedanken, dass sie ja nicht in den Dschungel fliegt. Notfalls kann sie das Nötigste kaufen, falls ihr Koffer sein Ziel verfehlen sollte.

Sie reiht sich in die Schlange vor der Passkontrolle ein, passiert sie ohne Probleme und betritt den Teil des Flughafens, in dem sich Shop an Shop und ein Imbissstand an den nächsten reiht. Die Menschen eilen geschäftig umher, kaufen Sandwiches, Süssigkeiten, alles Mögliche. Ines hält nach Mineralwasser Ausschau. Auf Langstreckenflügen müsse man viel trinken. Sagt man.

Es ist Mittag. Ines verspürt keinen Hunger. Im Flugzeug war ein Frühstück serviert worden. Bestehend aus zwei Scheiben Toast, Butter und Marmelade. Dazu Orangensaft in einem Plastikbecher, Kaffee oder Tee, je nach Wunsch. Aber selbst wenn sie kein Frühstück auf dem Flug bekommen hätte, ist sie nicht in der Verfassung, jetzt Nahrung zu sich zu nehmen. Zu aufgeregt ist sie. Sie schlendert von einem Schaufenster zum nächsten. Schmuck, Mitbringsel in Form von Konfekt, Spielzeug für die Kinder, Reiseutensilien werden präsentiert. Bei einem Kiosk ersteht sie eine Flasche Mineralwasser und für Roberto eine Zeitschrift, die die neuesten Automodelle präsentiert. Uma revista nova,eine neue Zeitschrift, nicht eine alte. Roberto hatte ihr einmal erzählt, dass er in jedem Gebäude, das er betritt, nach herumliegenden Zeitschriften Ausschau hält. Er steckt sie in einem unbeobachteten Augenblick ein. Seine Sammlung sei beträchtlich. Er finde es interessant, in diesen Zeitschriften zu stöbern. Je älter, desto besser. Auf diese Weise erinnere er sich wieder an Ereignisse und Themen, die längst nicht mehr aktuell sind.

Lisbõa, Lissabon! Durch die riesigen Fensterfronten in der Wartehalle sieht Ines Schäfchenwolken an einem blassblauen Himmel treiben. Ein grosses Flugzeug, mit einem arabischen Schriftzug bemalt, gleitet langsam auf die Startpiste zu. Beinahe lautlos. Denn hier drinnen hört man das Dröhnen der Motoren nur abgeschwächt. Ines schlendert langsam bis zu Gate 53, von wo aus der Flug nach Fortaleza abgehen wird. Sie hat es nicht eilig. Die meisten anderen Fluggäste schon. Mit raschen Schritten steuern sie auf ihre Einstiegsorte zu. Manche ziehen kleine Rollkoffer hinter sich her, andere haben grosse Umhängetaschen dabei mit dem Nötigsten darin so wie Ines.

Im Warteraum 53 angekommen, setzt sie sich auf einen der schwarzen Metallsessel, die im Boden verankert in Reih und Glied stehen. Auch von hier aus kann sie durch die grosse Fensterfront zusehen, wie ein Flugzeug beladen und mit Kraftstoff versorgt wird. Kurz vor einem Abflug wimmelt es an einem Einstiegsort von Menschen, doch jetzt ist ausser einem Mann, der offensichtlich nervös vor der Fensterfront auf und ab marschiert, niemand da. Eine füllige Frau in einer hellblauen Arbeitsuniform schiebt gemächlich einen vierrädrigen Reinigungswagen von einem Abfallkorb zum nächsten, kippt dessen Inhalt in einen grossen schwarzen Plastiksack, der am Wagen befestigt ist.

Alles erscheint Ines irgendwie unrealistisch. Sie hat das Gefühl, als stehe sie neben sich, schaue sich selber zu auf dieser Reise. In was begebe ich mich da? fragt sie sich erneut. Ich muss verrückt sein, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. In diesem Moment gibt ihr Handy einen Signalton ab. Hastig holt sie es aus der Handtasche. Eine SMS von der Tochter. „Mama, ich habe vor lauter Aufregung die halbe Nacht nicht geschlafen“, lautet die Nachricht. Oh, nicht nur ihrer Tochter ist es so ergangen. Auch sie selber hat fast kein Auge zugetan und ist um fünf Uhr in der Früh aufgestanden. Ihr war ganz schwer ums Herz. Am liebsten hätte sie diese langersehnte Reise nicht angetreten. Und doch hatte sie etwas gedrängt, jetzt nicht zu kneifen. Wehmütig fütterte sie ein letztes Mal Jerry, den Kater. Ihr Sohn würde auf ihn aufpassen, während sie weg ist.

Portugiesische Ansagen schallen durch die grossen Hallen. Ines versteht wenig bis nichts. Nur immer das erste Wort: Atenção!Achtung! Die Ansagen werden auf Englisch, manchmal auch Französisch, wiederholt.

Eine dunkelhäutige Frau um die sechzig, füllig und gross, lässt sich gegenüber von Ines auf einen Sessel fallen. Ihr schwarzes krauses Haar ist straff nach hinten gekämmt und zu einem sehr kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie hat zwei grosse Taschen und einen aus Weiden geflochtenen Korb dabei. Mit einem breiten Lächeln nickt sie Ines zu und beginnt sofort ein Gespräch. Auf Portugiesisch. Ines versteht kaum die Hälfte. Obwohl sie mit Roberto in letzter Zeit öfters mal online geredet hat. Doch Roberto hatte betont langsam gesprochen und gut artikuliert, während ihre Gesprächspartnerin laut und schnell spricht und dabei halbe Worte verschluckt. Ines erfährt, dass die dunkelhäutige Frau auf der Insel Madeira lebt und ursprünglich aus Südafrika stammt. Jetzt ist sie unterwegs nach Johannisburg, wo sie ihre Schwester besuchen will. Vorausgesetzt, Ines hat richtig verstanden.

Es ist jetzt 13.30 Uhr! Ines erkundigt sich, um welche Zeit sie abfliegen werde. „Um 21 Uhr“, antwortet die Frau leichthin. „Muito tempo para esperar“, sagt Ines unbeholfen.Eine lange Wartezeit. Noch länger als die ihre. Doch die Frau lacht und zeigt dabei eine Zahnlücke im oberen Gebiss. Unbekümmert erwidert sie, sie gehe jetzt in den Waschraum, um sich zu erfrischen. Danach werde sie sich eine Sitzbank suchen, um ein wenig zu schlafen. Das könne man hier sehr gut, man müsse nur eine Bank wählen, wo wenige Leute durchgingen. Schon steht sie wieder auf, wünscht Ines eine gute Reise und macht sich mit ihrem Gepäck Richtung Waschraum auf. Ihre breiten Hüften schaukeln im Takt ihres Gepäckes.

Ines wird um 18 Uhr weiterfliegen. Also muss auch sie noch einige Stunden mit Warten verbringen. Aber nun kann sie sich ungestört ihrem Buch widmen. Sie liest in Ruiz Zafons „Das Spiel des Engels“. Einige Zeit gelingt es ihr ganz gut, sich zu konzentrieren. Sie taucht ein in die Welt Barcelonas mit seinen geheimnisvollen Winkeln und Ecken zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Dann aber kreisen ihre Gedanken wieder um ihre Ankunft in Fortaleza. Was wird sie erwarten? Es werden Sekunden sein, in denen sie ihrem Emailfreund in die Augen schauen und dann vielleicht bereits wissen wird, ob ihr Aufenthalt in Brasilien gut werden wird oder nicht.

18.20 Uhr! Ines sitzt in einer Maschine der TAP, wiederum auf einem Fensterplatz. Es hat noch viele freie Plätze. Neugierig beobachtet sie die anderen Gäste, stellt sich vor, wer von ihnen wohl Brasilianer ist. Vier junge Männer sind es definitiv nicht. Sie unterhalten sich auf Spanisch, sind übermütig, lachen, scherzen, sind in Urlaubsstimmung. Fast schmerzlich wird es Ines bewusst, dass auch sie Ferien hat. Doch ein richtiges Urlaubsgefühl stellt sich bei ihr nicht ein. Zu angespannt ist sie.

„Du hast schon Mut, so alleine nach Brasilien zu fliegen“, hatte Ruth gemeint. Und mit Besorgnis in der Stimme erwähnte die Freundin, dass die Kriminalität in Brasilien sehr hoch sei. „Dort werden Leute umgebracht für sehr wenig Geld.“

Das passiere doch überall auf der Welt, nicht nur in Brasilien, verteidigte Ines ihren Entschluss. Doch Ruth war bei ihrer Meinung geblieben. Es sei ein gefährliches Unterfangen für eine allein reisende Frau.

Ines kennt Ruth schon lange. Seit ihrer Ausbildungszeit zur Pflegefachfrau, über 30 Jahre also. Nach der Ausbildung hatte Ruth fast zur selben Zeit geheiratet wie Ines. Nur war die Ehe von Ines schon nach sieben Jahren in die Brüche gegangen, während Ruth bis heute eine intakte Ehe führt, wenigstens nach aussen. Denn aus ihren Schilderungen kann Ines entnehmen, dass das Zusammenleben mit Hannes schwierig ist. Geschäftlich viel unterwegs, war er nicht viel zu Hause. Dafür konnte er seiner Familie einen gewissen Luxus bieten, von dem viele nur träumen konnten. Und - Hannes konnte sehr charmant zu den Frauen sein, was seiner Ehe nicht gut bekam. Ruth litt, konnte die Seitensprünge nur schwer verkraften. Und doch blieb sie bei ihrem Mann. Aus finanziellen Gründen vor allem, um weiter ein sorgenfreies Leben zu führen in ihrem schönen grossen Haus. Ausserdem hat sie die Hoffnung bis heute noch nicht begraben, dass ihr Mann irgendwann einsehen wird, wer die Beste für ihn ist, nämlich sie.

Ines hat sich seit ihrer Scheidung auf keinen Mann mehr eingelassen. Sie war beschäftigt mit Geld verdienen für sich und die beiden Kinder, ihnen möglichst viel Geborgenheit zu geben. Den Vater konnte sie ihnen nicht ersetzen. Claudio war nach der Trennung in sein Heimatland zurückgekehrt. Gerade der Sohn aber hätte eine Vaterfigur nötig gehabt. Im Laufe der Jahre tauchte ab und zu ein Mann in ihrem Leben auf, der sich für sie interessierte. Es war keiner darunter, den sie als Vater für ihre Kinder in Betracht ziehen konnte. Keiner auch, der das Gefühl von Schmetterlingen in ihrem Bauch auslöste. Im Rückblick waren die schwierigen Jahre, die Kinder allein gross zu ziehen, schnell vorbei gegangen. Als auch der Sohn von zu Hause auszog, wurde es still. Und da keimte in Ines hin und wieder das Verlangen auf, den Rest des Lebens nicht allein verbringen zu müssen. Obgleich sie ihre Selbständigkeit genoss. Wäre sie bei Claudio geblieben, würde ihr Leben anders aussehen. Claudio hätte ihrer beider Leben bestimmt. Und sie hätte dem Frieden zu liebe nachgegeben, selbst, wenn sie nicht einverstanden gewesen wäre.

Claudio. Mit dem Blick seiner grünen Augen schaffte er es damals, dass sie viele Prinzipien über den Haufen geworfen hatte. Zum Beispiel, sich nicht im Urlaub ernsthaft zu verlieben, nicht unverheiratet schwanger zu werden. Ihre schicksalshafte Begegnung hatte in einem kleinen Dorf an der Costa Dorada, sechzig Kilometer entfernt von der Weltstadt Barcelona, stattgefunden. Es war im August. Die wärmste Zeit an den spanischen Küsten. Zusammen mit ihrer Schwester Sybille verbrachte sie dort einige Tage Urlaub. Ines gefiel der Ort, weil er noch nicht mit Touristen überschwemmt war wie viele andere Orte an den Küsten Spaniens. Die Unterkunft, das Essen waren hier billiger als in Barcelona. Was dem schmalen Geldbeutel der beiden Schwestern zu Gute kam. Ines war vom ersten Augenblick an begeistert vom Meer, das sie hier das erste Mal in ihrem Leben erblickte. Sie konnte sich kaum satt sehen an der Unendlichkeit des Wassers, an den Wellen, die ans Ufer rollten. Als Kind war sie öfters am Ufer des Vierwaldstättersees gesessen. Hatte sich vorgestellt, wie unendlich tief er sein müsse, finster und kalt, und was wohl alles auf seinem Grund lauere. Es hatte sie gegruselt bei diesen Gedanken. Wie ungleich tiefer musste erst das Meer sein. Fasziniert hatte sie beobachtet, wie kleinere und grössere Wellen an den Strand rollten, die beim sich Zurückziehen den Sand des Strandes aufwirbelten. Die Schwestern lagen im warmen Sand, die Luft flimmerte mittags, ab und zu strich ein lauer Wind über ihre Haut. Ines lauschte dem Rauschen der Wellen, das mal lauter und ungestümer, dann wieder leiser wurde. Ein Rhythmus, der beruhigend wirkte. Wenn der Körper zu glühen begann, tauchten die Schwestern ein in das kühle Nass, liessen sich von den Wellen tragen. Betrachteten den Strand aus der Ferne, die nahen Klippen rechts vom Dorf, das sich in einer Talsenke ins Landesinnere erstreckte. Umgeben von einer kargen, hügeligen Landschaft. Aufgelockert von einigen Pinienwäldchen. Nicht nur die Talsenke, nein, auch die Hügel waren von Häuser übersät. Hier hatten vermögende Einwohner Barcelonas ihre Wochenendhäuschen und Villen gebaut, um im Sommer der drückenden Hitze Barcelonas zu entfliehen. Mit der prächtigen Aussicht auf das Meer. Das stand im Reiseführer von Ines. Sehenswert sei auch der Hafen, in dem grössere und kleinere Fischerboote vor Anker lagen. Ines und Sybille hatten den Hafen einmal besucht, als die Fischkutter abends um fünf Uhr vom Meer hereinkamen. Die Beute, auf Eis gelagert, fand reissenden Absatz bei den Fischhändlern, die die Fischer bereits erwartet hatten. Es herrschte ein Geschrei, ein Stimmengewirr. Die salzige Luft vermischte sich mit dem penetranten Fischgeruch. „Das ist eklig“, hatte Sibylle gesagt und zum Gehen gedrängt. Ines genoss diesen ersten Urlaub nach der strengen Ausbildungszeit. Ihre Arbeitsstelle als frischgebackene Pflegefachfrau in einem Spital, die stressigen Tage der Abschlussprüfungen im Frühjahr, ihr ganzes bisheriges Leben rückte in die Ferne. Hier am Meer verspürte sie eine ganz andere Lebensenergie. Zum ersten Mal plante sie nicht jeden Schritt, den sie tat, im Voraus. Nein, sie lebte ganz im Moment, war gelöst und glücklich wie nie. Das Licht war hier strahlender, die Luft in den Strassen mit fremdartigen Düften erfüllt. Die Menschen sorgloser, lachten und schwatzten munter drauflos. Sibylle aber war das auf die Dauer zu langweilig. Sie sassen wie jeden Abend auf der Terrasse eines Restaurants, genossen einen kühlen Drink, sahen zu, wie die Geschäfte rings um eines nach dem anderen scheppernd das eiserne Rollo an der Eingangstür hinunterliessen. Die Sonne war hinter den Hügeln verschwunden. Trotzdem war es noch immer sehr warm. Erst gegen Morgen würde es etwas abkühlen.

Den jungen Mann in der weissen Jeans beachteten sie erst, als er sich an den Nebentisch setzte. Sybille klagte gerade, langsam habe sie diesen Ort hier gesehen. Sie schlug vor, mit der Bahn noch etwas weiter die Küste rauf, bis nach Rosas zu fahren. Laut Reiseführer laufe dort mehr. Mit Mehr meinte sie, mehr Diskotheken, Partys am Strand, Geschäfte. Der junge Mann am Nebentisch zündete sich eine Zigarette an. Sein Blick begegnete dem von Ines. Sie schaute in seine grünen Augen und hatte das eigenartige Gefühl, als kenne sie ihn schon ewig. So begann die Geschichte einer Liebe, der weder Claudios Familie, die in dem Dorf lebte, noch die Angehörigen von Ines eine grosse Chance geben wollten. Was faszinierte sie an Claudio, der ein Einheimischer war? War es das Fremdartige, das sie anzog wie ein Magnet? Seine Spontanität? War es das seltsam vertraute Gefühl, das sie sich nicht erklären konnte? Sie konnte es nicht beantworten, als Sibylle sie fragte. Claudio lud die beiden in eine Diskothek ein, wo sie Musik hörten, tanzten. Er sprach leidlich Französisch. Und da Ines und ihre Schwester diese Sprache ebenfalls ein wenig beherrschten, konnten sie sich auch unterhalten. Sie lachten viel zusammen. Im Morgengrauen begleitete Claudio die beiden jungen Frauen zu ihrer Pension. „Bleibt doch noch hier“, bat Claudio. Sybille wollte trotzdem sie einen vergnüglichen Abend erlebt hatten, nicht länger bleiben. Sie beharrte darauf, abzureisen. Die Männer hier seien so, sagte sie tröstend zu Ines. Machen dir schöne Augen. Kaum bist du weg, bist du vergessen. Schweren Herzens verabschiedete sich Ines von Claudio, der zutiefst bedauerte, dass sie nicht länger bleiben wollten. Plötzlich erschien ihr die ganze Welt wie verschleiert. Farblos, gedämpft. Unlustig wartete sie am nächsten Mittag auf den Zug, der sie nach Rosas bringen würde. Als sie den Zug bestiegen, kam Claudio, der als Mechaniker in einer kleinen Stofffabrik arbeitete, keuchend angerannt. Er begleite sie nach Rosas, habe Urlaub genommen. Da war die Welt plötzlich wieder strahlend, sprühend vor Leben. Ines verstand sich selber nicht mehr. Wusste nur, dass sie noch nie ein derartiges Gefühl wie für Claudio empfunden hatte. Der Verstand sagte ihr, wenn sie fort sei, habe Claudio sie rasch vergessen. Und trotzdem kostete sie jeden Augenblick aus mit ihm. Selbst als der Urlaub vorbei war, und sie auf der Fahrt nach Hause waren, dachte sie beinahe unausgesetzt an ihn. Sybille äusserte, Claudio habe sie bald vergessen bei all den hübschen Touristinnen, die kamen und gingen.

Doch nach zehn Tagen traf ein Brief von Claudio ein. Auf die Rückseite war ein grosses rotes Herz gemalt. Ein Briefwechsel begann. Sybille war erstaunt. „Das der dich nicht vergessen hat“, sagte sie. Claudio besuchte Ines in den Weihnachtstagen, sie ihn an Ostern. Nach etwas mehr als einem Jahr Bekanntschaft fassten sie den Plan, zusammenzuziehen. Claudio reiste in die Schweiz. Fand rasch Arbeit, nachdem sie geheiratet hatten. Ines war da schon schwanger. Es gab kein grosses Fest. Weder Claudios noch Ineses Familie nahmen teil an der Zeremonie im Zivilstandesamt, die an einem Donnerstagvormittag stattfand. Der Zivilstandesbeamte hatte zuvor Ines zur Seite genommen und gefragt, ob sie nicht vielleicht eine Scheinehe eingehe, damit ihr künftiger Ehemann arbeiten könne. Trotz all der Widrigkeiten, sie waren glücklich. Ines dachte, nichts und niemand könne sie je trennen. Sie wollte der Welt beweisen, dass ihre Liebe stark war und alle Widerstände besiegen könne. Sie lernte spanisch, Claudio deutsch. Nach der Geburt der kleinen Tochter war das Glück vollkommen.

Kurz nach dem dritten Geburtstag der Tochter aber begann sich Claudio zu verändern. Er, der nie viel Geld besessen hatte, kaufte sich einen schicken Wagen, den sie in Raten abzahlen mussten. Er wollte teilhaben am Luxus der reichen Schweiz. Dabei waren es gerade auch seine Ideen gewesen, die Ines gefallen hatten. Ideen von einer friedlichen Welt wo man ohne viel Geld, einfach nur mit dem Nötigsten glücklich sein konnte. Claudio fühlte sich in seinem Ego verletzt. In seiner Heimat war er Claudio. In der Schweiz der Hilfsarbeiter ohne abgeschlossene Ausbildung, ein Ausländer. Das gab man ihm am Arbeitsplatz zu spüren. Sass er in seinem BMW, war er plötzlich wieder wer. Nicht mehr ein Mensch zweiter Klasse. Er freundete sich mit einem anderen Spanier an, verbrachte immer mehr Zeit mit ihm. In seiner Sprache zu reden bedeutete ein Stück Heimat. Während Ines ganz in ihrer Mutterrolle aufging und den Wunsch hatte, eine gute wenn nicht perfekte Mama für ihre Tochter zu sein, schloss sich Claudio immer mehr an seinen neuen Freund Alvaro an. Irgendwann lernten die beiden Cristina und ihre Kollegin Anabel kennen. Cristina und Anabel arbeiteten in der Küche eines Landgasthofes in einem kleineren Ort am Ufer des Vierwaldstättersees. Claudio und sein Kollege trafen die beiden jungen Mädchen im Treffpunkt der Spanier, im „Centro Español.“ Anfänglich waren Cristina und ihre Kollegin Anabel wohl einfach froh, konnten sie sich mit jemandem in der Muttersprache unterhalten. Doch Claudio und sein Freund Alvaro tauchten bald schon täglich im Gasthof auf. Alvaro war mit über vierzig noch unverheiratet. Er hatte ein Auge auf Anabel geworfen, während Claudio sich Cristinas annahm. Das Wichtigste dabei war, sie sprachen die gleiche Sprache, kamen aus dem gleichen Land, ja sogar aus der gleichen Provinz und vergassen so ein wenig ihr Heimweh. Fast drei Jahre führte Claudio ein Doppelleben. Erfolgreich verschwieg er Cristina, dass er verheiratet war. Als sie es trotzdem erfuhr, versicherte er ihr, er werde sich scheiden lassen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit. Er liebe seine Tochter, nur deswegen habe er die Scheidung noch nicht eingereicht.

Natürlich merkte auch Ines, dass etwas nicht mehr stimmte. Dass ihre Beziehung abflachte. Claudio war oft mürrisch, launisch. Er blieb halbe Nächte fern. Wenn Ines Nachtschicht hatte, kam er oft gar nicht nach Hause. Denn während Ines arbeitete, betreute ihre Mutter die kleine Enkeltochter bei sich zu Hause, damit Ines tagsüber schlafen konnte. Ines bemerkte das unberührte Bett, stellte Fragen. Er sei auf dem Sofa eingeschlafen, erklärte Claudio etwa ausweichend. An Sonntagnachmittagen machte er einen kurzen Spaziergang mit Frau und Tochter, dann verschwand er. Offiziell ging er in das Centro Español Karten spielen. Sie schliefen kaum noch zusammen. Trotzdem wurde Ines wieder schwanger. Claudio wurde immer unzufriedener mit seinem Leben, mit den engstirnigen Schweizern, wie er sie nannte, mit seinem Job. Was sich auf die Qualität seiner Arbeitsleistung in einer grossen Milchverarbeitungsfabrik auswirkte. Und so entliess man ihn. Er träumte davon, ein eigenes Restaurant zu eröffnen. In Spanien. Während seiner Arbeitslosigkeit war er noch weniger zu Hause. Auf Ineses Frage, was er denn den ganzen Tag treibe, kamen vage Antworten. Einem Kollegen helfen, seine Wohnung zu renovieren, etwa. Er freute sich nicht über die erneute Schwangerschaft. Den Grund erfuhr Ines später. Claudio hatte Cristina erklärt, er schlafe nicht mehr mit seiner Frau. Als sie nun über Dritte erfuhr, dass Ines schwanger war, kehrte sie bei Nacht und Nebel nach Spanien zurück. Claudio reiste ihr nach, holte sie zurück. Beteuerte einmal mehr, er werde sich scheiden lassen.

Drei lange Tage war er unauffindbar. Nicht erreichbar, denn es war noch nicht das Zeitalter der Handys. Ines, hochschwanger, litt Qualen, stellte sich die furchtbarsten Dinge vor, was ihm zugestossen sein könnte. Sie fragte bei Kollegen nach, doch keiner hatte eine Ahnung. Endlich fasste sie sich ein Herz und bat ihren Schwiegervater in Spanien um Rat. Der versuchte sie zu beruhigen. Claudio tauche bestimmt bald auf. Sie solle noch zuwarten, die Polizei noch nicht einschalten. Als Claudio wieder da war, übernächtigt und erschöpft, beantwortete er ihre Fragen nicht. Er könne jetzt nicht darüber sprechen.

Nach der Geburt ihres Sohnes wirkte Claudio depressiv, zeigte keine Freude. Ines bat ihn zu erklären, was los sei. Er schwieg. Cristina hatte ein weiteres Mal die Schweiz verlassen. Denn Claudio hatte sein Versprechen noch immer nicht eingelöst, die Scheidung einzureichen. Ines spürte, dass etwas ganz und gar nicht stimmte: „Du hast doch eine andere Frau. Ich spüre das doch.“ Blödsinn, Hirngespinste, schnauzte Claudio. Für Ines waren die Tage qualvoll. Sein abwesender Blick sagte ihr genug. Sie begann ernsthaft mit den Nachforschungen. Durchsuchte seinen Geldbeutel und fand ein Foto. Das Bild einer jungen Frau. „In Liebe, Cristina“, stand auf der Rückseite. Ines weinte lange, doch dann raffte sie sich auf. Ihr Sohn war gerade mal ein halbes Jahr alt, als Claudio die Schweiz verliess. Nach drei Monaten in einer Fensterfabrik hatte man ihm erneut gekündigt. Er erfülle die Anforderungen nicht. Darauf erklärte Ines ihm, sie könne nicht länger mit ihm zusammenleben. Nach allem, was geschehen sei. Ihr Vertrauen sei verloren. Und war Vertrauen nicht die Basis für eine glückliche Beziehung? Er solle nun in Spanien seinen Traum vom eigenen Restaurant verwirklichen, sagte sie.

Nachdem er abgereist war, hatte Ines das Gefühl, sie schaffe das weitere Leben nicht mehr. Selbstmordgedanken tauchten auf. Doch dann dachte sie wieder an die Kinder und was aus ihnen werden würde ohne sie. Claudio tat sich in Spanien mit Cristina zusammen. Sie pachteten ein kleines Restaurant in Südspanien, arbeiteten die ersten Jahre hart, doch dann verdienten sie endlich genug Geld, um sich ein Haus zu kaufen und schliesslich sogar das Restaurant. Cristina war eine gute Köchin, hatte geschäftliches Geschick. Auch dank ihr lief es gut mit dem Restaurant.

Harte Jahre waren es auch für Ines gewesen, allein mit den Kindern. Trotz allem schätzt sie sich heute glücklich, wenn ihre Freundin sich wieder einmal über Hannes beklagt. Ihr redet kein Mann drein. Sie hat gelernt, Entscheidungen alleine zu treffen, ist unabhängig. Und doch! Als die Kinder erwachsen wurden, sann sie, wie gesagt, oft darüber nach, ob sie den Rest ihres Lebens wirklich allein verbringen sollte. Nicht zuletzt auf Drängen der Tochter hatte sie sich bei einer Internetpartnervermittlung angemeldet. Aber da sie schon viele negative Geschichten in diesem Zusammenhang vernommen hatte, glaubte sie im Grunde nicht, dass es auf diese Art und Weise klappen würde. Eigentlich war sie bloss neugierig gewesen, wie ihre Chancen standen.

Das Abendessen wird serviert. Nudeln an einer Tomatensauce, dazu ein kleines Hühnerschnitzel. Ein Stück trockener Kuchen, den sie nicht definieren kann, als Abschluss. Die Flugbegleiter, hauptsächlich Männer, machen immer wieder mit einem Isolierkrug die Runde und bieten ChãTeeoder Kaffee an.

Ines ist nun ganz ruhig, denkt an Roberto. In Bälde würde sich erweisen, ob das Gefühl der Zuneigung, das sie für Roberto empfindet, auch bei einer realen Begegnung andauern wird. Sie ist sich durchaus bewusst, dass man per Email und Skype einen Menschen kennenlernen kann, doch ihm in der Realität zu begegnen, ihn riechen, sehen, fühlen, 24 Stunden zusammen sein, das ist wieder eine andere Ebene.

Anfänglich ist sie sehr skeptisch gewesen, als Roberto sie anschrieb. Was um Himmels Willen sollte sie mit einem Mann, der in Brasilien lebt? Er aber meinte, er suche eigentlich nicht eine Lebenspartnerin, sondern eher den Austausch mit Leuten auf anderen Kontinenten. Für ihn sei es interessant, mehr über Europa zu erfahren. Und im Gegenzug könne sie sein Land kennenlernen. Seine Emails waren witzig, interessant. Es war ihr sympathisch, dass er nicht ein Sexabenteuer suchte wie so viele andere. Eine völlig fremde Welt tat sich ihr auf. Und bald mochte sie seine Emails nicht mehr missen.

Oftmals verbrachten sie Stunden im Chatroom. Sie unterhielten sich über Politik, Umweltthemen, alles Mögliche. Sie lernte die brasilianische Küche kennen und er die schweizerischen Spezialitäten. Roberto hatte sie zu Beginn auf Spanisch angeschrieben. Er konnte aber auch leidlich Englisch und dann auch noch spanisch. Anfänglich korrespondierten sie also auf Spanisch. Für Ines war das kein Problem, da sie diese Sprache dank ihrem Ex-Mann beherrschte. Bald einmal begann sie portugiesisch zu schreiben. Spasseshalber. Aber Roberto war ein guter Lehrer und korrigierte sie. Oftmals schrieb er ihre Texte nochmals, zuerst in korrektem Portugiesisch. So lernte sie relativ rasch die portugiesische Sprache, geschrieben vorerst. Obgleich sie sich also oft im Chat trafen, verkehrten sie nur schriftlich. Roberto sagte, er gehe jeweils für ihre Zusammenkünfte in ein Internetcafé. Er könne dort nicht mit ihr sprechen. Die Mikrofone seien nicht eingeschaltet. Meistens sass er aber an einem Computer mit Kamera. So konnte sie ihn wenigstens sehen. Und hatte sich vergewissert, dass sein Profilbild mit dem Mann im Chat übereinstimmte. Bald einmal schaffte auch sie sich eine Kamera an, auf seinen Wunsch hin. Ob er in seinem Büro keinen Computer habe, hatte sie ihn einmal erstaunt gefragt. Doch, sicherlich, war die Antwort. Aber er habe dort keine Kamera installiert. Denn im Büro arbeite er schliesslich. Ines wusste inzwischen, dass er Rechtsanwalt war. Welches Spezialgebiet, hatte sie gefragt. Scheidungen und Wirtschaftsdelikte war seine Antwort.

Mit der Zeit entstand der Wunsch in Ines, den Emailfreund einmal persönlich kennenzulernen. Nach langen Jahren des Alleinseins flatterten plötzlich Schmetterlinge in ihrem Bauch. Sie war überrascht. Hatte sie doch geglaubt, dass ihr das nie wieder passieren würde. Das Verrückte war nur, dass sie sich in einen Menschen weit weg, tausende Kilometer entfernt, verliebt hatte. Wie bereits erwähnt, hatte Roberto zu Beginn ihrer Bekanntschaft gesagt, er suche in erster Linie den Austausch mit Menschen auf anderen Kontinenten. Ihm schien die Fernbeziehung offenbar zu genügen. Schriftliche Unterhaltung über Emails und am Wochenende skypen. Ines konnte, durfte ihm also keinen Vorwurf machen, wenn er sie nicht persönlich kennenlernen wollte. Ihr Verstand sagte, es ist okay. Ihre Gefühle aber fuhren Achterbahn.

Ihre virtuelle Beziehung wurde immer zeitintensiver. Sie skypten halbe Nächte. Ines musste in jener Zeit mit sehr wenig Schlaf auskommen. Eine gewisse Skepsis blieb immer vorhanden. Sie staunte, wie viel Zeit er mit ihr verbringen konnte. Also musste er nicht gerade ein erfolgreicher Anwalt sein, folgerte sie. „Wenn überhaupt“, ereiferte sich Ruth. „Du kannst seine Angaben nicht überprüfen. Er kann im Prinzip erzählen, was er will.“ Fragte Ines ihn nach seinem Berufsleben, so wurde er merklich zugeknöpft.