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“Der Jade Jaguar” erzählt wie Pedro, ein junger Mann, eines Tages eine Erfahrung macht, die in ihm die Frage um seine Existenz auf dieser Welt zu neuem Leben erweckt. Als er anfängt dieser Frage nachzugehen und seiner Intuition zu folgen, wird schnell klar, dass das Leben selbst ihm die notwendigen Antworten und Erfahrungen zuführt. Seine Reise führ ihn zu Laura, und die Liebe zu ihr bewegt ihn schließlich dazu, mutig Schritte zu wagen, welche ansonsten unvorstellbar gewesen wären. Auf einer Reise nach Barcelona und schließlich nach Guatemala werden ihm mit mystischen Erfahrungen die Zugänge zu der schamanistischen Weisheit einer uralten und faszinierenden Kultur geöffnet.
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2015
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1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
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5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
Nachwort
Pedro stand in der Toilette des Restaurants und wusch sich die Hände. Das Wasser war eiskalt, und erfrischte ihn. Er drehte den Hahn zu und fuhr sich mit den kalten und noch nassen Händen über das Gesicht.
Dann blickte er auf und sah Spiegelbild. Für einen Moment hatte er das Gefühl einem Fremden gegenüber zu stehen. Er erschrak leicht, doch dann blickte er tief in die Augen seines Gegenübers, und zeigte sich die Zunge.
Der ältere Mann neben ihm schaute ihn verdutzt an und schüttelte verständnislos den Kopf. Grinsend trocknete Pedro seine Hände mit ein paar der Papiertücher und wandte sich zur Tür.
Heute feierte er seinen 26. Geburtstag, da durfte er doch wohl ein bisschen verrueckt sein, oder?
Zurück im Speisesaal des Restaurants setzte er sich an den grossen Tisch an dem seine Freunde und Bekannten genüsslich schmausten. Er schaute in die Runde; unter den etwa 20 Gästen waren mindestens 10 verschiedene Nationalitäten. Da gab es Italiener, Deutsche, Franzosen und Belgier, einen Marokkaner, Holländer und Schweden.
Es war wie ein Wunder dass sich in dem Gemisch aus verschiedenen Sprachen überhaupt jemand zurechtfand, doch irgendwie funktionierte es einfach, und die Stimmung war prächtig.
Ihm gegenüber sass sein Freund Marco. Wie lange kannte er ihn jetzt schon? Drei Jahre musste es her sein, dass sie sich zum ersten Mal getroffen hatten.
Er war damals noch ganz neu in der Stadt, und kannte kaum jemanden. Eines Abends hatte er in einer der Discos eine junge Frau kennengelernt, recht gut kennengelernt, wie er sich mit einem Lächeln erinnerte.
Wie es der Zufall so wollte war sie Marcos Mitbewohnerin gewesen, und so kurz die Liaison mit ihr gedauert hatte, so gut hatte er sich mit Marco verstanden, von Anfang an.
Pedro nahm einen grossen Schluck aus seinem Bierglas und genoss das prickeln im Hals. Er hatte gar nicht bemerkt wie durstig er war. Nachdenklich blickte er auf eine flackernde Kerze in der Mitte des Tisches. 26 Jahre… es erschien ihm wie eine Ewigkeit!
"Pedro, was ist denn mit dir heute los? Wird man langsam alt, oder wie?"
Tina gab ihm einen Stoss in die Rippen, und er zuckte leicht zusammen. Ihr Ellbogen war mindestens so spitz, wie ihre Zunge es sein konnte.
"Harter Tag, lange Woche…", er zwinkerte ihr zu.
"Ich hoffe du lässt dir später eine bessere Ausrede einfallen! Es gibt da ein paar Pflichten die du heute noch zu erfüllen hast, sonst muss ich mir Ersatz suchen."Verschmitzt grinste sie ihn an.
Pedro überlegte amuersiert, dass sie ein bisschen betrunken sein musste. Tina war eher etwas prüde und normalerweise nicht so direkt, vor allem nicht wenn andere Leute am Tisch sassen.
Er zwinkerte ihr zu: "Keine Sorge, ich bin ein sehr gewissenhafter Mensch!"Sie lachten beide, und er gab ihr einen Kuss.
Plötzlich wurde es ganz still um den Tisch, und jemand dämpfte die Lichter. Alle Augen richteten sich auf eine riesige Geburtstagstorte mit brennenden Kerzen, die wie aus dem Nichts erschien und sanft vor Pedro auf dem Tisch landete.
Jemand fing an Happy Birthday zu singen, alle anderen stimmten mit ein. Eine Mischung aus Englisch, Französisch und Deutsch hatte einen ganz eigenen Charme, und wieder musste Pedro grinsen.
Was für ein verrückter Haufen!
Dann holte er tief Luft um die Kerzen auszublasen, und Tina flüsterte ihm zu: „Vergiss nicht, dir etwas zu wünschen!“
Pedro erstarrte. Er hielt die Luft an und seine Gedanken überschlugen sich. Ein Wunsch… was könnte er sich den wünschen? Er überlegte fieberhaft, alle Blicke auf sich gerichtet, doch es wollte ihm einfach nichts einfallen.
Schliesslich konnte er die Luft nicht länger anhalten, und so pustete er die Kerzen mit einem Mal aus.
Durch den Rauch der verglimmenden Kerzen sah er seine lachenden und klatschenden Freunde, und eigenartigerweise fühlte er einen Hauch von Schuldgefühl, als ob er sie alle betrogen hätte.
Es war ihm einfach kein Wunsch eingefallen.
Was hätter er sich den wünschen koennen? Geld verdiente er mehr als er ausgeben konnte, er machte eine steile Karriere und eines der hübschesten Mädchen der Stadt ging mit ihm aus. Er hatte haufenweise Freunde, und war doch eingentlich rundum glücklich. Musste man im Leben denn überhaupt Wünsche haben?
Er schob den Gedanken einstweilen beiseite, irgendwie war er ihm unangenehm.
Tina half ihm die Kuchenstücke unter seinen Freunden zu verteilen. Nach dem ausgiebigen Mahl schien niemand wirklich Hunger zu haben, aber die meisten assen dennoch brav den Teller leer.
Marco zwinkerte ihm über den Tisch hinweg zu, erhob sich und verschwand in Richtung Ausgang. Pedro schaute sich kurz um, niemand hatte den kurzen Augenkontakt bemerkt.
Er entschuldigte sich und folgte Marco hinaus auf den Parkplatz. Als er in sein Auto einstieg sass Marco schon leicht gebeugt am Beifahrersitz.
"Zeit für dein Geburtstagsgeschänk!"
Beide lachten. Mit gübter Hand verteilte Marco das weisse Pulver auf einer CD Hülle, und machte daraus zwei gleich lange Linien. Dann rollte er einen Geldschein zusammen und reichte ihn Pedro.
Er zoegerte eine Sekunden, beugte sich über die CD Hülle, und zog mit einer kleinen seitwertsbewegung des Kopfes das Kokain in seine Nase. Dann gab er die CD-Hülle an Marco zurück, und dieser tat es ihm gleich.
Als Pedro zu seiner Geburtstagsparty zurückkehrte hatten die Kellner schon abgeräumt, und man war zu Cocktails übergegangen. Er sah seine Freunde mit Mojitos und Caipirinhas, Cuba Libres und Margheritas.
Und er sah vor allem alles in einem ganz neuen und viel klareren Licht. Er konnte fühlen wie die Droge seine Sinne belebte und ihm ein Gefühl von uneingeschränkter Kraft gab.
Er fuehlte sich gross, voller Energie und grenzenlosem Tatendrang.
Sein Mund wurde taub, doch er empfand es als angenehm. Die Party wurde immer ausgelassener und schliessliche wechselte die ganze Truppe in eine Nahe gelegene Diskothek.
Es wurde viel getanzt und viel getrunken, und wie immer wurden tiefsinnige Gespräche geführt an die sich am nächsten Tag niemand mehr erinnerte.
Nachdem die Discothek geschlossen hatte begleitete er Tina zu ihrem Apartment. Es war nicht weit, doch Tina hatte viel zu viel getrunken und er musste sie halb tragen, was die Sache nicht gerade erleichterte. Endlich schwankten sie das Treppenhaus hinauf, und stolperten kichernd durch die Tür. Wenige Sekunden später fiel Tina auf ihr Bett und schlief auf der Stelle ein.
Während er ihr die Schuhe auszog und sie zudeckte erinnerte er sich an ihren Kommentar am Tisch und musst schmunzeln. Soviel dazu.
Er nahm sich vor sie damit am nächsten Tag ein bisschen zu necken, zog sich dann schnell aus und legte sich neben sie ins Bett.
Auf dem Rücken liegend konnte er die Schläge seines Herzens spühren, es pochte rasend schnell. Er war nicht mehr betrunken, und auch die Wirkung der Droge hatte sich langsam verflüchtigt.
Er nahm solche Dinge selten, eigentlich ging es ihm weniger darum high zu sein, als um das Gefühl des Abenteuers, etwas Verbotenes zu tun.
Er fühlte sich träge und erschoepft, dennoch konnte er nicht einschlafen.
Mit geschlossenen Augen dachte über sein Leben nach.
Er hatte einen riesigen Freundeskreis, mit dem er viel Zeit verbrachte. Eigentlich war immer irgend etwas los, ob er nun mit Marco Squash spielte oder mit irgendwelchen anderen Freunden ein Bier trinken ging.
Und obwohl er eigentlich ständig in Bewegung war hatte er oft dieses eigenartige Gefühl Still zu stehen.
Er nahm ein Taschentuch aus der Schublade im Nachttischchen und schneuzte sich. Seine Nase hatte ihm den Abend offensichtlich etwas übel genommen.
Wenn er mit seinem Job weitermachte konnte er sehr viel Verantwortung übernehmen, und es würde nicht lange dauern bis er richtig viel Geld verdiente.
Er könnte sich im Urlaub tolle Reisen leisten, sich einen Sportwagen kaufen, ein Haus bauen, eine Familie gründen…
Irgendwie war ihm bei dem Gedanken nicht ganz geheuer.
Wollte er das wirklich alles?
Waren seine Vorgesetzten, die das alles schon hatten, eigentlich glücklich mit dem was sie hatten? Irgendwie hatte er oft das Gefühl, dass dem überhaupt nicht so war.
Dann erinnerte er sich an seine Geuburtstagstorte und den Wunsch den er sich selbst schuldig geblieben war. Wie konnte es sein dass er keinen Wunsch hatte? War das normal?
Pedro erwachte mit einem Gefühl von Panik - wo war er? Was war passiert? Er öffnete die Augen und schloss sie sofort wieder. Wo auch immer er war, er hatte vergessen die Vorhänge zuzuziehen!
Langsam kehrten Bruchstücke des vorigen Abends zurück, die Party, die Disco, Marco…
Er verspührte ein Pochen in seinem Kopf, und war einen Moment lange ein bisschen wütend auf sich selbst. Immer das gleiche - die Parties, der vergäudete Tag danach, ganz zu Schweigen vom Kater. Er schüttelte den Kopf, bereuhte es jedoch sofort. Der Schmerz der ihn durchzuckte, machte ihn endgültig wach.
Vorsichtig drehte er sich im Bett um - neben ihm lag noch immer Tina im Tiefschlaf.
Er stützte sich auf den Ellbogen und betrachtete sie.
Selbst jetzt, mit ihrem verschmierten Make-Up und ihren zerzausten Haaren war sie eine schöne junge Frau. Sie schnarchte leicht und er musste grinsen.
Dann stand er auf und zog sich an. Schnell schrieb er ein paar kurze Zeilen:
Guten Morgen.
Heute Abend keine Ausreden, Umfallen gilt nicht!
Kuss, P.
Nach einem letzten verschmitzten Blick auf das Bett schloss er leise die Tür zum Schlafzimmer hinter sich.
Er trat auf die Strasse und hatte das Gefühl in einer völlig unbekannten Welt gelandet zu sein. Anonyme Gesichter eilten an ihm vorbei, manche schneller und manche langsamer. Wo kamen denn um himmels Willen all diese Leute her?
Unbeholfen reihte er sich in den stetigen Fluss von Menschen ein, und machte sich auf den Heimweg.
Mechanisch setzte er einen Schritt vor den anderen und versuchte etwas Klarheit in seinen Kopf zu bekommen.
Die Ereignisse des Vorabends in die richtige Reihenfolge zu bringen war schon eine Herausforderung, und er war sich ziemlich sicher dass er sich an einige Dinge gar nicht erinnern konnte. Nun denn, er war jedenfalls jetzt 26, dessen war er sich einigermassen sicher!
Ein Stück seines Heimweges führte ihn durch den Stadtpark der jetzt, am frühen Nachmittag, nur spärlich besucht war.
Es war wirklich ein schöner Tag, der Himmel war vollkommen blau. Schnell lenkte Pedro seinen Blick wieder auf den Boden, ihm war schon wieder schwindelig geworden.
Einem Impuls folgend setzte sich in die Wiese des Parks. Er zog die Schuhe aus und spührte das Gras zwischen seien Zehen. Es war noch ein bisschen feucht von der Nacht.
Dann liess er sich nach hinten auf den Rücken fallen und ein kurzer Schmerz durchzuckte seinen Kopf – der Kater, erinnerte er sich, doch inzwischen lächelte er.
Eine Ameise lief über seinen Arm und er schüttelte sie ab. In seinem Kopf drehte sich noch alles ein bisschen, doch irgendwie genoss er das Gefühl inzwischen fast.
Er schloss die Augen und spitzte die Ohren. Es gab eine Unzahl von Geräuschen, und wie hypnotisiert liess er sich in ihren Bann ziehen. Sobald er eines erkannt hatte, verfolgte er es soweit er konnte.
Vor seinem inneren Auge erschien ein bellender Hunde an der Leine seiner hübschen Herrin, die graue Maus die auf der Suche nach Nahrung durch das Dickicht tappste blickte sich ängstlich um, und das schreiende Kind zog an der Hand der Mutter… es war wunderbar sich einfach so davontragen zu lassen.
Er spührte den Wind der ihn ganz sanft streichelte, und entspannte sich. Das Leben war doch schön, oder?
Und dann, wie aus dem Nichts, erschien dass tiefe Brummen einer Hummel. Es war lauter als alle anderen Geräusche um ihn herum, die Hummel musste direkt neben seinem Ohr sein. Er bewegte sich nicht.
Als das Geräusch plötzlich verstummte überlegte er, ob da jetzt wohl eine riesige Hummel irgendwo auf seinem Kopf sass?
Doch etwas war anders, noch etwas hatte sich verändert!
Schlagartig wurde ihm bewusst was anders war:
Es war vollkommen still um ihn herum!
Und nicht eher hatte er diese Tatsache begriffen, als auch schon eine unglaublich intensieve Hitzewelle seinen Körper durchfuhr. Erschrocken versuchte er aufzuspringen, doch er war wie gelähmt.
Er war nun vollkommen Wach, seine Sinne schärften sich, und er spührte wie sich von seinem Bauch aus eine fast panische Angst in ihm breit machte.
Was passierte hier?
Hatte er es gestern Nacht vielleicht doch etwas übertrieben. Er versuchte zu schreien, jemanden auf sich aufmerksam zu machen, doch es war nutzlos. Sein Körper reagierte überhaupt nicht.
Fieberhaft überlegte er, was er denn nun machen sollte. Er lag in einem Park, daran war überhaupt nichts Abnormales.
Es könnte Stunden dauern bis jemand auf ihn aufmerksam würde. Seine Gedanken fingen an sich zu überschlagen.
Und dann, wie aus dem Nichts, sprach jemand zu ihm. Die Stimme war so tiefe und wohlklingende, so vollkommen und übermenschlich, dass er vollkommen von ihr in den Bann gezogen wurde.
"Pedro, wohin gehst du?", sagte die Stimme.
Sie wiederholte den kurzen Satz insgesamt drei Mal, und bei jeder Wiederholung war die Betonung ein bisschen anders, und er spührte wie sein ganzes Sein mit dem Klang der Stimme virbrierte.
Wärend er noch dabei war zu überlegen wie, und was er auf diese Frage antworten sollte, spührte er wie er von einer riesigen Welle empor gehoben wurde.
Sie traf ihn vollkommen unvorbereitet, und er fühlte sich wie damals, als er im Pazifischen Ozean.
Sofort war wieder die Angst da. Immer höher und höher wurde er getragen, bis er verspührte dass er auf der Spitze des Welleberges angekommen sein musste. Und es war ihm klar was nun kommen würde: Die Riesenwelle würde ihn samt und sonders verschlingen.
Nach einem freien Fall, der ihm wie eine Ewigkeit vorkam, brach die Welle über ihm, und die Gewalt die sich entfesselte war jenseits jeglicher Vorstellungskraft.
Es gab kein Oben oder Unten, keine Kontrolle, kein Ziel, kein gar nichts. Er wollte schreien, doch kein Laut kahm über seine Lippen.
Er war dieser Urgewalt vollkommen und hilflos ausgeliefert, und spührte wie sie ihm die Kleider vom Leib riss. Er fühlte sich nackt und unglaublich verletzlich, wie ein kleines Kind.
Im gleichen Moment war ihm klar, so musste es sich anfühlen zu sterben.
Der Strudel hörte nicht auf, es ging immer weiter und immer tiefer. Und obgleich die Wucht, mit der er herumgeschleudert wurde, nicht nachliess, so wurde doch die Panik in ihm immer weniger.
Sein Instikt sagte ihm dass es sinnlos war zu kämpfen, und so liess er sich einfach hinunter in die Dunkelheit ziehen.
Eine grosse Ruhe überkahm ihn. Er gab auf.
Und so plötzlich wie alles angefangen hatte, war es vorbei.
Er öffnete die Augen und fand sich immer noch im Park liegend. Ungläubig rieb er sich die Augen, an den Schatten der Bäume konnte er erkennen dass die Sonne bald untergehen würde.
Er musste den ganzen Nachmittag dort gelegen haben.
Nichs schien sich veränder zu haben, und dennoch war alles anders. Er konnte sich genau erinnern was passiert war, die Stimme, die Welle…
Er setzte sich auf und atmete tief ein, sog die Luft tief in seine Lungen. Konnten das die Nachwirkungen der vorigen Nacht sein? Er bezweifelte es, so etwas war ihm noch nie passiert.
Er war verwirrt, und als er aufstand zitterten ihm beide Beine. Langsam und etwas unsicher machte er sich auf den Weg nach hause.
Dort angekommen fiel er komplett erschöpft auf sein Bett und dachte weiter nach. Was war dort im Park passiert? War das ganze irgendwie real oder hatte er es einfach nur seiner Phantasie zu verdanken?
„Wohin gehst du?“, hatte ihn die Stimme gefragt.
Er erkannte in dieser Frage eine Zusammenfassungvon vielen Fragen welche er sich in letzter Zeit mehr oder weniger bewusst gestellt hatte.
Er überlegte mit wem er darüber sprechen könnte, mit wem er diese Erfahrung teilen könnte, doch es fiel ihm niemand ein. Sollte er vielleicht einen Psychologen aufsuchen? War er denn jetzt, gerade mal 26 Jahre alt, schon ein Fall für den Couchdoktor?
Er konnte jedenfalls nicht einfach so tun als ob gar nichts pasiert wäre, das war ihm vollkommen klar. Vielleicht wäre es das Beste sich erst einmal ein bisschen auszuruhen, dann konnte er ja in Ruhe über alles nachdenken.
Er hatte die nächsten zwei Wochen Urlaub - "Zwangsurlaub", wie er den Zeitausgleich nannte. Tina musste arbeiten, und er hatte sich noch gar keine Gendanken darüber gemacht was er in dieser Zeit anfangen wollte.
Kurz entschlossen stand er auf und setzte sich an seinen Laptop. Er rief die Webseite einer der vielen Billigfulinien auf, und schaute sich die Destinationen an.
Eine davon sprang ihm sofort ins Auge - Barcelona.
Einige Wochen zuvor hatte er ein email von einem guten alter Freund bekommen.
Tommy war nach Barcelona gezogen, war dort anscheinend recht glücklich, und hatte ihn herzlich eingeladen jederzeit vorbeizukommen.
Pedro gab sein Abflugsdatum ein, und sah dass der Flug ihn insgesamt nur 60 Euro kosten würde – das war perfekt. Er ueberlegte nicht lange, gab seine Kreditkartennummer ein und kaufte die Tickets.
Dann schrieb er Tommy ein email, in dem er ihm seinen Überraschungsbesuch inklusieve Flugdaten mitteilte.
Offensichtlich war Tommy auch gerade online, denn die Antwort liess nicht auf sich warten.
Tommy schrieb dass er eben diese Wochen leider nicht in Barcelona sein würde, da er für seinen neuen Job ein Seminar in Madrid besuchen muesse. Aber er würde ihm die Wohnungsschlüssel bei seiner Mitbewohnerin Laura hinterlassen, und sie würden sich am Tag vor Pedros Rückflug treffen.
Pedro war etwas traurig, er hatte gehofft einige Zeit mit seinem Freund zu verbringen, doch dann wurde ihm klar dass er eigentlich ja Zeit für sich selbst haben wollte.
Er schrieb seinem Freund ein kurzes „OK“, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und erinnerte sich daran wie er Tommy kennengelernt hatte.
Er hatte damals einen Tauchkurs in Honduras besucht, auf einer kleinen Insel in der Karibik.
Er war an jenem Tag auf einem der Tauchboote unterwegs, um einen Wahlhai zu "spotten". Ein war sehr schwierig eines dieser wunderbaren Riesen der Tiefe zu beobachten, aber man hatte ihm gesagt es sein ein unvergleichliches Erlebnis.
So hatte er beschlossen mit einer kleinen Gruppe hinaus auf das offene Meer zu zu fahren, in der Hoffnung einen dieser Riesenhaie zu treffen.
Was er erst auf dem Boot erfuhr war, dass die harmlosen Walhaie oft mit anderen, nicht ganz so harmlosen Haien unterwegs waren.
Es war ihm schon recht mulmig bei dem Gedanken mitten auf hoher See in das dunkelblaue Wasser zu springen um einem Riesenhai zu begegnen der eventuell eine Eskorte hatte.
Kurz nachdem sie von der Insel abgelegt hatten sah er dann jemanden in voller Montur mit Flossen und Tauchermaske hinten im Boot sitzen.
Alle anderen lagen auf ihren Handtüchern am Sonnendeck oder sassen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich, doch dieser Froschmann schien auf etwas zu warten.
Nach einer guten Stunde gesellte sich Pedro zu ihm, und fragte höflich ihn warum er da mit Flossen und Taucherbrille in der prallen Sonne sitze?
Tommy schaute ihn an, der Schweiss rann ihm über die Stirn, doch er grinste und sagte: Mensch Mann, glaubst du der wartet auf uns wenn es soweit ist? Die kommen doch alle zu spät, bis die ihre Flossen anhaben ist der Hai über alle Berge".
Pedro überlegte kurz, zog sich dann gleichfalls die Flossen an und sie unterhielten sich ein bisschen über Haie. Keiner von beiden hatte je einen gesehen, aber Tommy konnte es gar nicht erwarten.
Und dann geschah es - der Kapitän drosselte den Motor, und ein Matrose schrie "Tiburon, alli!". Alle sahen zu ihm auf, und er zeigte auf eine Stelle direkt neben dem Boot.
Im gleichen Moment spührte Pedro, wie Tommy ihm den Arm um die Schulter legte, und ihn rücklings über die Rehling des Bootes mit in den blauen Ozean riss.
Das Wasser war eiskalt, und alles kam so vollkommen unerwartet dass Pedro zuerst einmal einen riesigen Schluck salziges Meerwasser nahm. Fluchend versuchte er seine Maske uebers Gesicht zu ziehen, bis er schliesslich prustend und hustend auftauchte.
Doch schliesslich war es soweit, und warf dann einen Blick ins tiefe Blau unter sich. Und er traute seinen Augen nicht.
Da war er, der Walhai. So gross wie das Boot neben ihm (jemand sagte ihm später dass es 10 Meter lang war), direkt unter ihm. Tommy konnte es offensichtlich nicht nahe genug sein, er war zu dem riesigen Tier hinuntergetaucht.
Auch Pedro konnte nicht wiederstehen, holte noch einmal tief Luft und tauchte. Noch nie war er einem so grossen Tier so nahe gekommen, und noch viel weniger in freier Wildbahn.
Der Hai bewegte sich langsamen und gemächlichen, er fuellte fast das komplette Sichtfeld der beiden kleinen Gestalten ueber ihm. Das Gefuehl, mit dieser Kreatur gemeinsam in einem endlosen Meer zu schwimmen war ueberwältigend.
Der Hai drehte sich ein klein wenig zur Seite und schien sie einen Moment lange mit seinem riesigen Auge zu betrachten. Dann, mit einer sanftenBewegung seiner enormen Schwanzflosse, verschwand er im tiefen Blau des Ozeans unter ihnen. Der magische Moment war vorbei, und Pedro brauchte dringend frische Luft.
Zusammen mit Tommy tauchte er auf, und nach Luft schnappend lachten sie und umarmten sich gegenseitig. Ihre Begleiter sprangen gerade ins Wasser, die meisten waren noch hastig dabei ihre Flossen und Masken festzuzurren.
Doch der Hai hatte nicht auf sie gewartet.
Zusammen verbrachten sie den Rest der Woche mit einem unauslöschlichen Lächeln auf dem Gesicht.
Viele Tauchgänge und unzahlige Cuba Libres später trennten sie sich in der Gewissheit, einen Freund fürs Leben gefunden zu haben.
Später am selben Abend erzählte er Tina von seinem Plan. Sie erwiederte nichts, doch Pedro merkte sofort dass sie alles andere als einverstanden war.
Der Rest des Abends verlief in einer angespannten Atmosphäre.
Sie war oft so, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. Doch heute er war nicht in der Stimmung darauf einzugehen und einen Streit vom Zaun zu brechen.
Vielleicht würde es ihnen ganz gut tun einmal ein paar Tage getrennt zu verbringen, ausserdem musste sie sowiso arbeiten.
Sie schaunten noch zusammen einen Film, keine von beiden erinnerte sich am Ende an den Namen des Hollywoodschinkens. Dann meinte Tina kurz angebunden sie muesse morgen frueh aufstehen, und ging nach hause.
Pedro sass im Flugzeug nach Barcelona und er war traurig.
Kurz vor seinem Abschied hatte er Besuch von Tina bekommen. Sie hatte ihn klipp und klar vor die Entscheidung gestellt: Entweder Barcelona oder Sie.
Er konnte diese Reaktion überhaupt nicht verstehen, und wollte sich auf keinen Fall auf diese Art und weise manipulieren lassen.
Es war warscheinlich besser so, musste er sich eingestehen. Er war sogar irgendwie froh, dass sie diejenige gewesen war, die die Entscheidung getroffen hatte.
Vielleicht war die Beziehung eher auf gegenseitige Interessen und gemeinsame Hobbies aufgebaut gewesen, als auf Liebe?
Sein Herz hatte Tina bestimmt nicht gebrochen, und er war sich ziemlich sicher dass es ihr nicht viel anders ging.
Es war ein eigenartiges Gefuehl wieder "single"zu sein, doch als die huebsche Stewardess ihm eine Tasse Kaffee anbot, fühlte er sich schon ein bisschen besser.
Nach seiner Ankunft in Barcelona nahm er sich ein Taxi zur Adresse die ihm Tommy geschickt hatte. Der Taxifahrer war das krasse Gegenteil vom üblichen Taxi-Fahrer Klischee.
Der Mann schien alle Zeit der Welt zu haben, und selbst auf dem kurzen Stück Autobahn fuhr er kaum schneller als 50km/h.
Hupend überholten andere Autos sie, und Pedro musste innerlich grinsen; irgendwie hatte er das Gefuehl diese Stadt würde ihm gefallen.
Als er ankam bemerkte er dass es schon recht spät war. Er packte seine Tasche in eine, und seinen Koffer in die andere Hand und ging die paar Meter zur HausTür. Wie immer wenn er in einer komplett neuen Stadt ankam war er ein bisschen nervös. Er hoffte dass Tommys Mitbewohnerin zuhause sein würde und ueberlegte kurz wie sie sohl sein würde, und wie er sich vorstellen würde. Erst jetzt fiel ihm auf das Tommy ihm gar nichts über Sie gesagt hatte.
Er klingelte, und wartete ein paar Minuten. Er klingelte abermals. Das fing ja gut an.
Nach dem vierten erfolglosen Versuch drehte er sich um und hielt nach einem Cafe Ausschau, um dort zu warten.
Dabei fiel ihm eine junge Frau auf, die nur wenige Meter von ihm entfernt stehen geblieben war. Sie musste etwa so alt sein wie er selbst, hatte langes kastanienbraunes Haar, und grosse grüne Augen die ihn neugierig anschauten. Und sie hatte etwas sehr Anziehendes, was Pedro sofort verlegen machte.
Er wollte sich gerade auf dem Weg zu einem Café auf der anderen Strassenseite machen, da lächelte sie plötzlich und machte die letzten paar Schritte auf ihn zu.
"Hola Pedro, bienvenido a Barcelona. Soy Laura!"
Sie gab ihm einen Kuss auf beide Wangen.
Pedro war vollkommen perplex.
Obwohl er recht gut Spanisch sprach brachte er nur ein halb gestottertes: "Hola Laura. Mucho gusto" zustande. Er war sich bewusst dass er in diesem Momento recht lächerlich wirken musste, doch so hatte er sich die Mitbewohnerin nun wirklich nicht vorgestellt.
Sie übersah höflich sein Erstaunen, nahm ihn am Arm und zog ihn durch die Tür zum Aufzug. Wärend die Stockwerke an ihnen vorbeifliegen zu schienen, entschuldigte sie sich heiter.
"Ich bin etwas spät dran, hatte ein kleines Problem in der Arbeit. Hast du lange gewartet?".
Pedro sagte ihr dass er eben erst angekommen war, und dann hielt der Aufzug mit einem Ruck. Sie waren im letzten Stock angekommen.
Laura zeigte ihm kurz die Wohnung, was Pedro Zeit gab sich etwas zu fangen. Es war ein wirklich huebsches Appartment, simpel aber geschmackvoll eingerichtet, er was wirklich zählte war eine wunderbare Terasse mit Blick über die ganze Stadt bis aufs Meer hinunter.
Er setzte sich kurz auf einen der Stuehle und genoss den leichten Wind der vom Meer heraufwehte. Einen Augenblick lange glaubte er es zu riechen.
Laura kam auf die Terasse und lächelte wissend. "Ich sehe du hast dir schon einen Lieblingsplatz ausgesucht? Lass dir Zeit, und geniesse den Sonnenuntergang. Heute Abend bin ich bei ein paar Freunden zum Abendessen eingeladen - hast du Lust mitzukommen?"
Pedro überlegte kurz, und verneinte dankend.
"Ich will nicht stören, ich finde mich schon allein zurecht, danke".
Laura zuckte sie mit den Schultern, lächelte und nickte.
Pedro nannte sich innerlich gerade einen riesigen Esel weil er die Einladung abgelehnt hatte, doch jetzt war daran nicht mehr zu ändern.
Diese Frau brachte ihn wirklich durcheinander.
Laura rief ihn aus seinen Gedanken.
"Hier ist eine Kopie der Wohnungsschluessel, und hier ist meine Nummer. Wenn du irgendetwas brauchst dann melde dich einfach. Vielleicht sehen wir uns morgen. Und…“, sie zögerte kurz, „…du störst hier nicht."
Seine Hand streifte ganz leicht die Ihre als sie ihm die Schluessel gab, und er war wie gelähmt. Die Ausstrahlung dieser Frau war geradezu atemberaubend.
Er hörte wie sie die Türe hinter sich schloss.
Pedro setzte sich wieder, und sah plötzlich dass sie ihm eine Flasche Bier auf den Tisch gestellt hatte.
"Gracias!". Er wusste nicht ob sie ihn noch gehört hatte.
Langsam trank er das Bier und dachte nach. Ob sie wohl einen Freund hatte? In was für einem Verhältnis sie wohl zu Tommy stand… dieser Schurke hätte ihn aber auch wirklich vorwarnen können!
Aber worüber dachte er da eigentlich nach?
Er nahm den letzten Schluck, und ging sich duschen. Immerhin war das sein erster Abend in Barcelona!
Er fand die U-Bahn Station und machte sich auf den Weg ins Stadtzentrum. Er beschloss einfach an irgendeiner Station auszusteigen, und so landete er auf einer riesigen Strasse voller Menschen. Es waren so viele und unterschiedliche Leute, die offensichtlich von den verschiedensten Teilen des Erdballes stammten.
Er liess diese neue Stadt auf sich wirken. Es war schön hier, angenehm warm, und die Leute schienen irgendwie weniger gestresst als daheim.
Klar, es war nicht ganz so sauber und steril wie zuhause, aber es war auch nicht schmutzig. Und irgendwie hatte alles so einen gewissen Charme, der ihn in seinen Bann zog.
Er traute sich noch nicht recht begeistert zu sein, doch er war auf dem besten Weg dazu.
