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Tragisches Ende einer Ehe – wer wird gehört, wem geglaubt? J.B. Blackwood ist eine Schriftstellerin auf dem Gipfel ihrer Karriere. Patrick, ihr älterer Mann, einst gefeierter Regisseur, steckt tief in einer Schaffenskrise. Eine Kreuzfahrt anlässlich des Hochzeitstages soll die Wogen in ihrer Beziehung wieder glätten. Aber dann kommt ein Sturm auf und Patrick geht über Bord. Es beginnt eine fieberhafte Suche nach der Wahrheit – oder das, was wir Wahrheit nennen. Wie verlässlich sind unsere Erinnerungen? Und wie sehr durchdringen die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau noch immer jeden Lebensbereich? Mit psychologischem Feingefühl erzählt Stephanie Bishop die Geschichte einer Frau, die sich schwierigen Fragen stellen muss – und ihre Worte mit größtem Bedacht wählt.
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Seitenzahl: 558
Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Schriftstellerin J. B. Blackwood ist angekommen im literarischen Olymp – ihr neuester Roman wird noch vor Veröffentlichung mit einem großen internationalen Preis ausgezeichnet. Aber ausgerechnet mit ihrem Mann Patrick kann sie ihr Glück über den Erfolg nicht teilen. Patrick nämlich, Kultregisseur und Professor, sieht seinen Stern am kulturellen Himmel sinken, ist desillusioniert und ausgebrannt. Deshalb überredet J. B. ihn, anlässlich des gemeinsamen Hochzeitstags eine Kreuzfahrt nach Japan anzutreten. Und tatsächlich, der Ausbruch aus dem Alltag scheint genau das richtige Rezept zu sein: Auf hoher See lebt die Beziehung wieder auf, ist intensiv und leidenschaftlich wie damals, als J. B. noch Patricks naive junge Studentin war, die jeweiligen Rollen so klar verteilt. Doch dann kommt eines Abends ein Sturm auf und Patrick geht über Bord, verschwindet in den Wellen. Was danach beginnt, ist eine schmerzliche Suche nach der Wahrheit oder dem, was wir Wahrheit nennen.
Wie verlässlich sind Erinnerungen? Wie berechtigt ist die Verwandlung von Autobiografie in Literatur? Und wie sehr durchdringt patriarchale Macht nach wie vor jeden Lebensbereich? Mit psychologischem Feingefühl und sprachlicher Finesse erzählt Stephanie Bishop in ihrem genre-übergreifenden Roman ›Der Jahrestag‹ die Geschichte einer Frau, die sich schwierigen Fragen stellen muss – und ihre Worte mit größtem Bedacht wählt.
Stephanie Bishop
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
»Sicherlich hätte die Zukunft derjenigen, die ich gewesen bin, auch eine andere, als ich bin, aus mir machen können.«
Simone de Beauvoir, ›Alles in allem‹
Wir müssen fünfzig Fotos für diesen Buchumschlag gemacht haben. Mindestens. Na komm, sagte mein Mann. Tu’s für mich. Sag es, ja?
Ich verdrehte die Augen, dann tat ich, was Patrick wollte. Liebe Liebe Liebe, sagte ich. Diebe Diebe Diebe. Es war ein Witz, aber er hatte recht: Die Wörter zu wiederholen brachte mich zum Lachen. Er bekam, worauf er hoffte, eine Art schüchternes Grinsen, wenn auch nicht unbedingt ein Lächeln, ein akzeptables Foto. Ich weiß echt nicht, warum die ein Foto brauchen, maulte ich, während ich eine andere Haltung einnahm. Natürlich weißt du das, sagte er. Wenn du auf dem Umschlag schön aussiehst, kaufen die Leute das Buch. Und wenn sie bei irgendeiner Figur im Roman kein Gesicht vor sich sehen, dann können sie ihr deins geben. Ich weiß, sagte er. Aber wir müssen das machen. Also komm, sag es noch mal für mich.
Ich war nervös. Ich hasste Fotos. Und dieses würde bald Tausende Male gedruckt werden. Patrick wusste das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Jedenfalls nicht so genau. Drei Wochen zuvor hatte ich einen Anruf von meiner Verlegerin bekommen, die mir mit gedämpfter Stimme, aber voller Begeisterung mitteilte, dass ich mit dem Buch, für das wir jetzt diese Bilder machten, einen wichtigen Preis gewonnen hatte. Nein, sagte Ada. Das ist kein Witz. Sie hatte das Manuskript eingereicht, erscheinen sollte das Buch eigentlich erst in vier Monaten. Ich hatte vor nicht allzu langer Zeit, im Juli, die endgültige Korrekturfassung abgegeben. Aber jetzt würden sie den Drucktermin vorziehen. Alles vorantreiben, die Auflage erhöhen. Die Nachricht sei streng vertraulich. Du darfst es niemandem erzählen, mahnte sie, nicht einmal Patrick.
Nicht einmal ihm? Warum?
Weil er ein altes Klatschmaul ist und weil er dich sehr liebt. Ich weiß, bei euch ist gerade alles etwas schwierig, aber er liebt dich wirklich, und er könnte gar nicht anders, als es überall herumzuerzählen, und wenn herauskäme, dass du das ausgeplaudert hast – na ja, ich weiß nicht. Sie redete schnell, aber im Flüsterton. Ihr Büro hatte Glaswände, die zwar aus dickem Sicherheitsglas waren, doch lautstarke Freudenbekundungen hätten die Aufmerksamkeit und Neugier der anderen ringsum geweckt.
Ist das wirklich wahr?, fragte ich. Mit so etwas hatte ich absolut nicht gerechnet. Das Buch war anders als meine vorherigen Bücher, persönlicher und weitschweifiger, und ich hatte unglaublich lange daran geschrieben.
Meine Hände zitterten. Ich spürte, wie sich Schweiß unter meinen Achseln sammelte, mein T-Shirt durchfeuchtete. Ist das wirklich wahr, bist du dir sicher?, wiederholte ich. Ich fühlte mich wie betrunken, wackelig auf den Beinen, und mir war leicht übel.
Ja, erwiderte sie. Ich habe den Brief vor mir liegen. Die Preisverleihung ist am 2. Dezember in New York. Hier steht, dass in ein paar Tagen weitere Einzelheiten folgen. Sie hatte das alles atemlos hervorgesprudelt, und dann sagte sie: Augenblick, da winkt mir jemand – ach Gott, wir haben ja eine Besprechung, das habe ich völlig vergessen! Tut mir leid, da muss ich jetzt hin, ich rufe dich später noch mal an.
Ich hielt Wort und erzählte Patrick nichts, weder vor noch nach der Fotosession. Doch May, meiner Schwester, erzählte ich es. Schließlich kam sie in dem Buch selbst vor, womit sie gerne prahlte, schon bevor das Buch auch nur in den Druck gegangen war. Aber sie konnte ein Geheimnis für sich behalten, wenn ich sie darum bat, das wusste ich. Und natürlich erzählte ich es Valerie, meiner Agentin. Normalerweise fand die Preisverleihung in London statt. Aber dieses Jahr hatte man sie Ada zufolge nach New York verlegt, um sich bei den Amerikanern lieb Kind zu machen. Viele Mitglieder des Komitees verdross das, aber die Macht der amerikanischen öffentlichen Meinung galt mehr. Es war ohne Frage das größte Ereignis im Kalender des internationalen Literaturbetriebs. Ich konnte das alles kaum fassen, es kam so unerwartet. Es erfüllte mich geradezu mit Angst, mit einer Art Aberglaube, wenn nicht gar Paranoia – das ging so weit, dass ich nicht wagte, den Namen des Preises auszusprechen, nicht einmal im Geiste, ich wollte es nicht beschreien. Er hieß bei mir, sowohl im Gespräch mit Ada als auch in Gedanken, immer nur »der Preis«. Die Fotosession wurde mir dadurch noch unangenehmer.
Na komm, sagte Patrick. Noch ein letztes Bild, als Glücksbringer. Schenk mir ein Lächeln!
Mein Verlag hatte angeboten, einen Profifotografen zu bezahlen, aber das war das Letzte, was ich wollte. Wenn mich jemand aufforderte zu lächeln, fror die linke Seite meines Mundes ein, und ein Muskel unter meinem rechten Auge begann zu zucken. Ich hatte das einmal für ein früheres Buch auf Adas Bitte probiert – damals war ich noch zu unerfahren, um zu wissen, dass ich auch hätte ablehnen könnte. Folglich verbrachte ich drei Stunden in einem kühlen klimatisierten Raum damit, diese Wörter endlos zu wiederholen: Liebe-Liebe-Liebe Diebe-Diebe-Diebe. Dadurch haben die Lippen genau den richtigen Abstand, sagte der Fotograf. Also, wenn Sie nicht lächeln wollen. Wir wollen, dass Sie einladend wirken. Als würden Sie gleich etwas sagen, also ein leicht geöffneter Mund. Als würden Sie mit der Person, die das Bild anschaut, reden, ihr etwas anvertrauen. Offen, aber nicht übertrieben freundlich, ja, genau so, perfekt, bleiben Sie einen Moment so. Dann nahm ich eine andere Haltung ein und wiederholte das Mantra Liebe-Liebe-Liebe Diebe-Diebe-Diebe, während die Kamera klickte. Später lachten wir darüber, Patrick und ich. Für mich sagst du das nie, sagte er. Machst du das mal? Sagst du es, nur einmal? Bitte! Und dann tanzte er eine Art Rumba im Wohnzimmer, Liebe-Liebe-Liebe, sagte er. Diebe-Diebe-Diebe.
Es war also ein Gefallen, den ich ihm schon lange schuldete, dass ich diese Wörter jetzt sagte, während er ein Foto nach dem anderen knipste. Später schauten wir die Fotos zusammen durch. Egal, sagte ich. Ich finde sie alle furchtbar. Such du eins aus, sagte ich schließlich zu ihm. Ich will es gar nicht wissen. Welches du nimmst, meine ich.
Das war Anfang Oktober, einen Monat bevor wir zu einer Kreuzfahrt aufbrechen wollten, die ich anlässlich unseres Hochzeitstags gebucht hatte, und ich musste mich noch um etliches kümmern: Visa beantragen, Versicherungsformulare ausfüllen – das Foto war nur ein Posten auf einer langen Liste. Es würde unser vierzehnter Hochzeitstag sein – wobei wir schon vor unserer Heirat ein paar Jahre lang mehr oder weniger liiert gewesen waren –, und in diesem Jahr wollte ich den Anlass endlich einmal richtig feiern. Die Kreuzfahrt war aufwendig: achtzehn Tage, ab Alaska. Wir würden von London aus nach Alaska fliegen, dort in Homer an Bord gehen, dann die Beringsee durchqueren und entlang der russischen Küste nach Hokkaido im Norden Japans fahren. Von dort aus ging es in südlicher Richtung weiter bis Osaka, wo wir in den Zug nach Kyoto steigen würden. Ich hatte das alles mit Bedacht so geplant, dass wir in den letzten Herbsttagen in Japan ankommen würden. Wir würden im goldenen und flammend roten Wald feiern, und er würde mich küssen, während sternförmige rote Blätter herabsegelten und auf meinem Haar landeten. Ich musste den Reiseverlauf nur unwesentlich ändern, um einen Flug nach New York zur Preisverleihung einbauen zu können. Ich würde Patrick damit überraschen.
Wahrscheinlich wäre es sinnvoller gewesen, in Japan an Bord zu gehen und nach Amerika zu fahren. Aber dann hätten wir unseren Hochzeitstag auf dem Meer verbringen müssen, und das war nicht das, was mir vorschwebte. Nicht zu diesem besonderen Anlass, schließlich feiert man im vierzehnten Jahr Elfenbeinhochzeit: Geduld und Stabilität. Ein Glücksjahr, sagen manche, weil es sich aus zweimal sieben zusammensetzt. Zudem hatte ich die Kreuzfahrt gebucht, bevor ich die Nachricht von dem Preis bekommen hatte. Ich hatte kurz erwogen, die Reise komplett umzuorganisieren, mich dann aber dagegen entschieden. Der Zeitplan war straff, aber wir würden trotzdem noch zwei volle Tage in Kyoto haben, bevor ich in New York sein musste.
Wir hatten so etwas noch nie gemacht, waren nie so extravagant gewesen. Tatsächlich hatten wir unseren Hochzeitstag nie groß begangen. Jahr um Jahr waren wir zu beschäftigt gewesen, um mehr zu unternehmen als schön essen zu gehen und vielleicht noch einen Film anzuschauen. Ganz unspektakulär. Wir unterhielten uns über die Arbeit. Er war Filmregisseur mit einer Ehrenprofessur an einer angesehenen Universität, und als seine Filme im Laufe der Jahre immer mehr Beachtung fanden, wuchs auch der Druck. Alle wollten etwas von ihm. Mach weniger, sagte ich wieder und wieder, gib etwas ab. Er war völlig ausgelaugt. Und in letzter Zeit war es nicht einfach gewesen. Etwas musste sich ändern. Er wäre der Erste gewesen, der zugegeben hätte, dass seine zahlreichen Termine, zumindest anfangs, eine Folge persönlicher Entscheidungen waren: Türen öffneten sich ihm, er musste hindurchgehen. Wenn man ihn um ein Drehbuch oder ein Treatment bat, lieferte er es. Aus gelegentlichen Filmproduktionen wurden regelmäßige, aus Kurzfilmen wurden Spielfilme, und mit jedem nahm die öffentliche Wahrnehmung zu: Interviews, Podiumsdiskussionen, Zeitungskolumnen. Es gehe schlichtweg darum, zu investieren, erklärte er ohne jede Scham. In dieser Branche müsse man darum kämpfen, seinen Namen größer und greller, bekannter zu machen – man müsse Territorium beanspruchen, es aufkaufen, wenn nötig die Macht an sich reißen. Unser Hochzeitstag war Ende November, wir hatten eine schöne herbstliche Hochzeit gefeiert, aber in dieser späteren Phase unserer Ehe bedeutete das, dass der Tag mitten in den Vorweihnachtsstress fiel, wenn der Termindruck für den jeweils geplanten Filmstart im neuen Jahr am höchsten war, und Patrick war immer zu gehetzt, um wegzufahren. Also gingen wir einfach essen, tranken vielleicht noch etwas, und dann schlief er auf dem Sofa vor dem Fernseher ein. Aber in diesem Jahr wollte ich es auf jeden Fall anders haben.
Als ich die Kreuzfahrt vorschlug, stand er kurz vor dem Burn-out. Er war ewig nicht beim Friseur gewesen. Duschte nicht mehr so oft wie früher. Inzwischen war er bedeutend genug, um sich das leisten zu können. Wirklich?, fragte er. Willst du das wirklich machen? Er sträubte sich, erklärte, ein Urlaub sei ihm zu mühsam. Packen, zum Abfahrtshafen reisen, in Schlangen stehen, sich beim Essen und am Pool mit Fremden abgeben – darauf habe er keine Lust.
Als wir uns kennenlernten, war er einer der schönsten und elegantesten Männer, denen ich je begegnet war: frisch gebügelte Hemden, blank polierte italienische Schuhe. Im Winter und bei Regen eine Lederjacke. Jetzt brauchte er nur einen Hemdkragen am Hals zu spüren, und schon verspannten sich seine Schultern und die linke Seite seines Nackens begann zu schmerzen. Der Kragen musste nicht einmal eng sein, allein der Gedanke, dass ihn etwas einengen könnte, war ihm unerträglich. Selbst zu wichtigen Meetings erschien er in T-Shirt und Sneakers. Wir spielten das beide herunter, zitierten einander den Tagebucheintrag von Virginia Woolf, in dem sie sich nach einem Paar Schuhe mit Gummisohlen sehnt, damit sie spazieren gehen kann, ohne nasse Füße zu bekommen, und erhoben den Kleidungsstil meines Mannes so zu einem Akt künstlerischen Nacheiferns. Tatsächlich war das anderen Leuten herzlich egal, er konnte in jedem beliebigen Outfit erscheinen und wurde immer bewundert, immer ernst genommen. Manchmal hatten seine T-Shirts sogar Löcher. Bei seinem schwarzen Lieblings-T-Shirt löste sich das Halsbündchen auf. Aber wir zwei erkannten sehr wohl, wie tief seine Erschöpfung reichte. Komm, wir gehen mit unseren Gummisohlen auf große Fahrt, neckte ich ihn, ganz in Woolfs Sinne.
Aber es war nicht nur die Arbeit. Wir waren beide schon länger nervlich ziemlich angespannt, und mit seinem Sohn, Joshua, der mehr und mehr Zeit bei uns verbrachte, lief es nicht gut. Auch das zehrte an uns. Wir wohnten damals in einem Reihenhaus neben einer Tierarztpraxis. Es war ein kleineres, aber geschäftiges Wohnviertel. Weiter oben am Hang standen reihenweise prächtige Häuser von Prominenten oder Bankern, die alle mindestens einen edlen, reinrassigen Hund besaßen. Sie waren äußerst gepflegt, sowohl die Hunde als auch die Nachbarn, und äußerst wohlerzogen: manierlich und schick. Weiter unten am Hang verfielen die Gebäude, aber die Buchläden und Cafés nahmen stetig zu, und wer diese Cafés besuchte, besaß gemeinhin ebenfalls einen Hund, allerdings waren das meistens Promenadenmischungen, wie es so schön heißt, struppiger und weniger wohlerzogen: Bohème-Hunde. Bei dem Tierarzt war also immer viel los.
In den vergangenen Monaten hatte Joshua fürchterliche Wutanfälle gehabt. Er war siebzehn und ein Spätentwickler. Seine Wutanfälle waren die eines zornigen Teenagers: Er war feindselig, empfindlich, stand mit der Welt auf Kriegsfuß. Er fand alles schrecklich, traute niemandem, beschuldigte seinen Vater: Du machst alles kaputt!, brüllte er. Bis dahin war er ein ausgeglichener Junge gewesen, ruhig und zugänglich. Ein sanftmütiges Kind. Aber diese Person war verschwunden, und er war zu jemandem geworden, den ich nicht wiedererkannte. Die kleinste Kleinigkeit konnte ihn in Rage versetzen – ein Essen, das ihm nicht schmeckte, die Musik, die sein Vater hörte, die Bitte, im Winter doch eine Jacke anzuziehen –, und dann brüllte er los. Wie sehr er uns hasse. Wie verkorkst alles sei, ein einziger verfickter schlechter Witz. Das ist alles deine Schuld!, rief er. Patricks Versuch, vernünftig mit ihm zu reden, machte alles noch schlimmer, bis Joshua irgendwann nur noch kreischte. Und das war kein normales Kreischen. Kein Verweigerungs- oder Protestgeschrei. Es war ein anhaltendes, schrilles, nervtötendes Kreischen, animalische Schreie, die unablässig aufeinanderfolgten, lauter und lauter, fast ohne ein Luftholen zwischendurch. Sie waren schrecklich anzuhören, voller adoleszentem Schmerz, wie eine Reaktion auf eine immer wieder von Neuem zugefügte Wunde. Wenn so ein Wutanfall losbrach, sprach Patrick zunächst ganz sachlich mit Joshua, bat ihn, sich zu beruhigen: Es ist okay, sagte er. Sag mir, was das Problem ist, dann finde ich eine Lösung. Aber das Problem war nicht das Essen oder der Pullover oder der stumpfe Bleistift oder sonst ein Gegenstand, auf den Joshua seine Seelenqualen projizierte, das Problem waren die Seelenqualen selbst, die er nicht richtig zu äußern vermochte und deshalb an irgendeinem unbelebten Gegenstand festmachte. Je mehr Patrick Joshua zu besänftigen versuchte, desto heftiger wurde dessen Wutanfall, bis Lautstärke und Tonhöhe des Kreischens nicht mehr zu ertragen waren und Patrick seinerseits anfing zu schreien. Das verschlimmerte alles noch weiter, irgendwann brüllten sie einander nur noch sinnlos an, hatten jede Beherrschung verloren. Patricks Zorn bewirkte nicht, dass Joshua sich beruhigte, durch Niederschreien ließ er sich nicht zur Räson bringen. Und so wuchs Patricks Zorn immer weiter, bis er schließlich das Zimmer verließ und auf einen Türrahmen einschlug oder gegen die breite Bodenleiste trat, um den Dämon abzuschütteln, während Joshua weiterbrüllte, bis er völlig erschöpft war, wie ein kleines Kind.
Ein Nebeneffekt des Ganzen war die Sache mit den Hunden nebenan – den vielen Hunden, die bei dem Tierarzt in Behandlung waren. Während der ersten Takte eines Wutanfalls ignorierten die Hunde Joshua: Seine Stimme drückte ganz normale menschliche Wut aus. Aber wenn er sich dann hineinsteigerte, lauter wurde, jenes Crescendo bis hin zum anhaltenden, nicht enden wollenden Forte, wurden die Hunde unruhig. Sie kläfften und winselten und heulten. Der Radau der Tiere und der Radau meines Mannes und meines Stiefsohns verbanden sich zu einem unerträglichen Lärm. In solchen Momenten saß ich weinend am Küchentisch und hielt mir die Ohren zu.
Im Sommer kam ich eines Abends nach Hause und musste feststellen, dass gerade wieder ein besonders heftiger Wutanfall im Gang war – ich hörte das Gebrüll schon aus mehreren Häusern Entfernung, es wurde vom Wind herübergetragen. Ich hatte wenige Tage zuvor die endgültige Korrekturfassung meines Buchs abgegeben und war müde, benommen, geistesabwesend. Als ich vor der Haustür stand, merkte ich, dass ich Handy und Schlüssel vergessen hatte, vermutlich bei der Freundin, mit der ich den Nachmittag verbracht hatte. Ich klopfte, aber niemand reagierte. Ich betätigte die Klingel, aber die Batterie war leer. Ich klopfte erneut, klopfte lauter. Weiterhin keine Reaktion. Sie waren so in ihrer Wut gefangen, dass sie mich nicht hörten. Es fing an zu regnen. Ich hämmerte immer wieder gegen die Tür, vergebens. Schließlich gab ich mich geschlagen, lief zur Telefonzelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite und rief auf dem Festnetz an. Patrick nahm ab und machte mir dann die Tür auf. Aber es wurde weiter gestritten – zwischen Joshua und Patrick und dann auch noch zwischen Patrick und mir, als ich ihm sagte, er solle sich beruhigen –, bis schließlich eine Nachbarin, die alte Frau von nebenan, bei uns anklopfte. Während Patrick sich ihr widmete, rief Joshua jammernd nach mir, und ich schaute nach ihm. Guck, sagte er und deutete auf einen roten Striemen auf seiner Wade. Dad hat mich mit einer zusammengerollten Zeitschrift geschlagen. Er hat sie mir auf die nackten Beine gehauen.
Ist das wahr?, fragte ich Patrick, als er wieder hereinkam, ich war geschockt von der Vorstellung, der schieren Möglichkeit.
Er sah mich an, sein Blick war unstet und dunkel vor Erschöpfung. Ich weiß es wirklich nicht mehr, sagte er.
Joshua ging an dem Abend zu seiner Mutter zurück, und etwas später, oder vielleicht war es auch am nächsten Tag, sagte ich zu Patrick: Hör zu, du willst vielleicht nicht in Urlaub fahren, aber ich muss von alldem hier mal weg. Mir zuliebe – kannst du dich mir zuliebe drauf einlassen? Er rieb sich über die Stirn, über die Stelle direkt oberhalb des Nasenrückens. Ja, sagte er. Kann ich. In seiner dauerhaften Erschöpfung hatte Patrick eine Abneigung gegen jegliche Abenteuer entwickelt. Mehr als alles andere hätte ich mir gewünscht, von ihm zu hören: Es tut mir so leid, das alles, ich weiß, dass du das so nicht willst. Lass uns zusammen wegfahren. Stattdessen war es an mir zu sagen: Gut, dann kümmere ich mich um die Einzelheiten.
Es hat etwas Unvorstellbares, in See zu stechen, in diese unermessliche Weite. Dieses Gefühl, man habe sein ganzes Leben noch vor sich – der blaue Ausblick verzaubert einen regelrecht. Unser Schiff hieß Adventure of the Seas. Wir standen auf Deck in der Sonne, nippten an unseren Drinks und dachten genau das: Wie die Zukunft wohl aussehen könnte. Er hatte den Arm um meine Taille gelegt, seine Hand auf meiner Hüfte. Ich spürte die Wärme seines Körpers, seiner Nähe. Das waren unsere alkyonischen Tage – als das reale Leben uns nicht belangen konnte. Dabei wusste ich sehr wohl, dass es bald wieder losgehen würde, ich hatte Patrick versprochen, dass wir an Weihnachten zurück sein würden. Trotz ihrer Auseinandersetzungen hatte Joshua gefragt, ob er die Feiertage bei uns verbringen könne, sehr zur Bestürzung seiner Mutter. Sie mache zu viel Trara, hatte er gesagt, mit dem Essen und den Geschenken, bestehe darauf, dass sie auch jetzt noch diese dämlichen Papierkronen trügen, die immer zu groß waren und einem auf die Nase rutschten. Als Kind habe ihm das alles gefallen, aber jetzt sei es nur noch peinlich. Patrick und ich unternahmen keinerlei derartige Anstrengungen, wir gingen lieber eine Runde im Park spazieren und schauten uns dann zu Hause noch einen Film an. Ich hatte diese paar ruhigen Tage, an denen Patrick und ich für uns sein konnten, immer genossen, aber Patrick schmeichelte es, dass Joshua diese Zeit bei uns verbringen wollte. Ihm gefiel die Vorstellung, dass sein Sohn zu Weihnachten nach Hause kam, es hatte etwas Filmisches, Archetypisches, obwohl Joshua im selben Viertel wohnte wie wir und wir ja gar nicht richtig feierten. Aber genau darum ging es Joshua, das gefiel ihm, und Patrick wollte etwas wiedergutmachen.
Jetzt aber hatten wir die blaue weite Welt für uns. Wir fuhren tagelang bei Sonnenschein dahin. Wie viele Tage genau, weiß ich nicht mehr. Vier? Sechs? Zehn? Ein Tag ging in den nächsten über, und die Zeit verlor jede Bedeutung. Manchmal legte das Schiff irgendwo an, aber wir gingen nicht mit den Ausflüglern an Land. Stattdessen lagen wir herum, tranken, lasen, schliefen. Wir durchkreuzten den Golf von Alaska und dann endlose Meilen offenes Meer. Tag um Tag war nichts als dunkles Wasser um uns herum, und nach einer Weile erschien die Vorstellung von festem Boden unter den Füßen erstaunlich. Wir schauten so lange ins Wasser und in den Himmel, dass der Gedanke an Land einer Illusion gleichkam – etwas, das wir niemals erreichen würden.
Das Wetter war fast zu schön, um wahr zu sein. Seltsam, sagte ein Steward am Pool zu mir, während er sich vorbeugte, um mein Glas aufzufüllen, etwas Regen und Seegang haben wir normalerweise schon. Sie und Ihr Mann bringen uns offenbar Glück, fügte er lächelnd hinzu, während er einen Martini von seinem silbernen Tablett nahm und ihn Patrick reichte. Wir waren seit rund zwei Wochen unterwegs, und ich begann mir auszumalen, wie es wohl in Japan sein würde.
Patrick lag in der Sonne und drehte die kleinen Papierschirmchen, die immer in den Drinks steckten. Rosa und gelb. Blau und grün. Wieder und wieder wirbelten sie herum. Möwen flogen über uns hinweg. Ich lag neben ihm und las ein Buch. Du solltest eine Sonnenbrille aufsetzen, sagte Patrick, streckte die Hand aus und fuhr mit dem Finger die Kontur meines Schlüsselbeins nach. Hm?, machte ich, ein bisschen angetrunken und schläfrig. Später folgte ich ihm in unsere Kabine, und wir liebten uns. Wir hatten immer guten Sex gehabt, aber an diesem Tag war er spektakulär. So unglaublich lustvoll, dass ich gar nicht mehr richtig spürte, wo mein Körper aufhörte – es durchschauerte meine Gliedmaßen und meine Haut, fast schienen sie sich aufzulösen. In einem Moment war die Lust so intensiv, dass ich das Gefühl hatte, gleich das Bewusstsein zu verlieren. Danach lagen wir da und lauschten den Bässen der Musik über uns, wo eine Party angefangen hatte. Ich legte den Kopf auf seine Schulter, und er drückte mich an sich. Schweiß perlte auf seiner Brust. Wenn wir hochschauten, konnten wir in der gewölbten Deckenlampe ein winziges Spiegelbild von uns sehen. Er strich mir über den Oberschenkel.
Er war gute zwanzig Jahre älter als ich. Als wir zusammenkamen, hatte ich gerade meinen vierundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Er war fünfundvierzig, Dozent für Filmwissenschaft und versuchte, sich als Spielfilmregisseur zu etablieren. Ich war damals seine Studentin, und er hatte sich nicht lange zuvor von seiner Frau getrennt. Er hatte sie verlassen – was ich zu jener Zeit allerdings nicht wusste –, als sie mit Joshua schwanger war. Er versuchte, dem allem zu entfliehen, indem er an einer Universität in Australien eine Stelle als Gastdozent für Film- und Kinostudien annahm, dort lernte ich ihn kennen. Ich besuchte sein Seminar zu Filmgeschichte und -theorie und dann ein weiteres, das sich »Lebendiges Kino« nannte. Ich habe das Kino immer geliebt. Sein Geheimnis, seine Rituale, die Magie der Gefühle, die es in mir auslöst. Ich belegte seine Seminare, weil ich diese Welt verstehen wollte, in ihr leben wollte, und weil meine eigenen Gedanken so oft die Form von Filmbildern annahmen: Wie wird eine Idee zum Bild? Ich wollte das wissen. Das filmische Bild schien das einzige, das die Welt für mich vollständig erfassen konnte. Ein zitterndes, leuchtendes Bild, das einen Kosmos von Gefühlen erschuf, parallel zu meinen eigenen und manchmal stärker als diese. Es schien, als wäre es irgendwie prophetisch, dieses filmische Bild. Als könnte es meine innere Verfasstheit nicht nur zum Ausdruck bringen, sondern vergrößern, erweitern, aus mir herausheben und mit Leben erfüllen.
Ich gehörte zu den Stilleren im Seminar, trug einen langen Pony, an dessen Seiten ich oft herumzupfte. Seine Beredtheit machte mich nervös, die Art und Weise, wie er auf und ab ging und effektvoll dozierte, und dabei stets freundlich wirkte, an unserer Meinung interessiert. Es gab nicht viele wie ihn – Dozenten, denen es wichtig war, was man dachte und sagte. Ich vergötterte ihn. Wie wir alle. Wir alle liebten ihn auf die eine oder andere Weise. Wenn er eine Vorlesung hielt, war der Saal immer brechend voll, und nicht selten saßen Studierende auf den Treppenstufen.
Er griff nie auf Notizen zurück, wenn er diese Vorlesungen hielt, sprach schnell und energiegeladen. Alles schien für ihn relevant zu sein, alles war mit irgendetwas anderem verbunden. Es war anregend, ihm zuzuhören, diese Verbindungen zu entdecken. Wir alle wollten Gegenstand seiner Aufmerksamkeit sein, uns in seinem Glanz sonnen. Damals machte mir das nichts aus, die schiere Menge seiner Gedanken. Wir nahmen an, das sei der normale Weg, Wissen zu erwerben, es uns anzueignen: indem wir alles aufsaugten, was er sagte. Außerdem hatte ich selbst nicht viel zu sagen. Natürlich hatte ich seine Kurzfilme gesehen und seine Essays gelesen, und wenn ich mich doch einmal meldete, bezog ich mich gelegentlich darauf. Ich wusste, dass ich jedes Mal errötete, wenn ich den Mund aufmachte. Ich errötete schon bei dem Gedanken daran, den Mund aufzumachen. Die Röte begann auf meiner Brust und breitete sich in knallroten Flecken über den Hals bis hoch zu den Wangen aus. Manchmal errötete ich sogar, wenn ich ihm bloß zuhörte. Und wenn ich tatsächlich etwas sagte, auf etwas reagierte, was er gesagt, oder einen Gedanken weiterführte, den er im Seminar geäußert hatte, dann kamen meine Überlegungen nur ganz leise heraus. Gelegentlich interpretierte er mein langsames Handheben nicht als Wortmeldung, sondern nahm an, ich wolle mir ans Haar oder an den Kragen fassen. Doch er fragte immer nach. Ist das eine Wortmeldung, oder fassen Sie sich nur ans Haar? Ich war oft zu verlegen, um zu sagen, Ja, das ist eine Wortmeldung, schüttelte stattdessen den Kopf und ließ die Hand wieder sinken, abermals errötend. Er ermunterte uns zur Zwanglosigkeit, zu Zwischenrufen. Machen Sie den Mund auf!, sagte er gern. Unterbrechen Sie mich! Sagen Sie mir, wo ich falschliege! Aber wenn ich das versuchte, war meine Stimme so schwach, dass er mich nicht zu hören schien, selbst wenn er mich anschaute und meine Lippenbewegungen sah, oder er ließ sich erst darauf ein, mich zu hören, nachdem er den langen, elaborierten Satz, in dessen Mitte er sich gerade befunden hatte, als ich etwas einwarf, konzentriert zu Ende gebracht hatte. Mir machte das nichts aus. Auch den anderen nicht. Es war sein Recht als Dozent. Er war in Amerika geboren, hatte aber französische Eltern, und man hörte ihm das bei einzelnen Vokalen an. Der französische Film, sagte er, liege ihm im Blut. Wir hörten ihn alle gern reden. Später würde auch ich viel zu sagen haben und lernen, wie ich es sagen konnte. Aber damals war das noch nicht so – ich wusste nur eins, nämlich dass ich Schriftstellerin werden wollte, doch ich verfügte noch nicht über die Worte dafür oder wenn, dann wusste ich nicht, wie ich mit ihnen umgehen sollte. Damals war alles noch in meinem Kopf.
Das änderte sich gegen Ende des Semesters, als auf dem ganzen Campus Aushänge mit der Ankündigung eines öffentlichen Seminars von ihm auftauchten. Gehst du hin? Ja geht denn irgendwer nicht hin? Wenn du hingehst, kannst du für mich mitschreiben? Das waren die Fragen, die überall zu hören waren. Die Kommentare. Wissen Sie eigentlich, hörte ich einen Studenten am Ende einer Sitzung zu ihm sagen, wissen Sie eigentlich, dass Sie Keanu Reeves total ähnlich sehen? Echt. Wie er seine Hände bewegt, bei Interviews? In dem, wo er gefragt wird, was er glaubt, was im Leben nach dem Tod mit einem passiert? Mann, der hat dermaßen schöne Hände. Aber Sie sehen eher aus wie so eine Art kalifornischer Keanu, ein Surfer-Keanu. Viele meldeten sich zu dem öffentlichen Seminar an, nur damit sie später sagen konnten, sie seien dabei gewesen.
An dem Tag seiner Veranstaltung schüttete es. Außerdem blies ein starker Wind, so stark, dass er die Regenschirme umstülpte. Ich war trotzdem schon früh da, war durch den Regen zum Hörsaal gerannt. Ein paar Leute saßen bereits in den vorderen Reihen, plauderten und lachten. Sie hatten Bag-in-Box-Wein und Plastikbecher dabei. Ich suchte mir einen Platz in einer der hinteren, oberen Reihen und hängte meinen Mantel zum Trocknen über die Stuhllehne, die feuchte Wolle roch muffig, nach Tier. In diesem großen Raum hallte jedes Geräusch wider – jeder Schritt, jedes Husten. Ich zog einen Schreibblock und ein Buch aus meiner Tasche und tat beschäftigt, bis das Seminar begann.
Heute erinnere ich mich nicht mehr daran, was er im Einzelnen sagte. Er ging auf der kleinen Bühne auf und ab und äußerte komplizierte Sätze voller Fremdwörter: Distribution, Radikalisierung, Divergenz, Matrix. Seine Stimme kam tief aus seiner Brust. Besser erinnere ich mich daran, wie fesselnd, wie erhebend ich es fand, ich erinnere mich an mein Gefühl, eine ganze Gedankenwelt tue sich vor mir auf, eine parallele Dimension, die nicht meine Zukunft war, aber die gleiche Anziehungskraft ausübte, die gleiche gespannte Erwartung von Brillanz, Ruhm, Freude in sich trug. Selbst wenn solche Erwartungen sich nicht bestätigen, wenn wir in unserer realen Zukunft nichts von alledem erlangen – dies war meine Wahrnehmung, während ich ihm zuhörte, seinen Gedankengängen folgte, die der Welt, wie ich sie begriff, eine neue Ordnung gaben. Es gibt Momente im Leben, in denen man eine Offenbarung erlebt, von der Macht einer Offenbarung erfasst wird, und anders lässt sich nicht erklären, warum diese Veranstaltung einen derartigen Eindruck bei mir hinterließ. Ich wollte auch so denken. Ich wollte wissen, wie man so zu denken lernt. Ich wollte Gedichte, Bücher, Erzählungen schreiben, die auch diese Kraft, diese Energie, diese Intensität hatten und das alles für mich bewahrten. Ich schrieb nicht mit, notierte nur hastig einzelne Sätze. Ich merkte, dass ich schwitzte. Meine Hände waren feucht. Vor mir saß eine große, dünne Frau, die sich weder rührte noch regte, in dieser ganzen Stunde nicht ein einziges Mal ihre Sitzhaltung änderte. Sie hatte ihre maßgeschneiderte Jacke angelassen und schien kaum zu atmen. Weiter links in der Reihe vor mir saß einer meiner letztjährigen Dozenten, ein zerzauster Professor für Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts, der vermutlich kein Filmliebhaber war, denn er beschäftigte sich damit, etwas, das nach Tierhaaren aussah, aus dem Wollpullover zu zupfen, der auf seinem Schoß lag. Hundehaare vielleicht, dünne weiße Striche, die an die metrischen Zeichen erinnerten, mit denen er sich den ganzen Tag befasste.
Am Ende des Vortrags gab es stürmischen Applaus, gefolgt von Fragen. Mein Herz pochte heftig, ich fühlte mich atemlos – wie gern hätte ich mich beteiligt. Doch meine Gedanken fügten sich nicht zu einer kohärenten Frage. Es gab zu viel, was ich nicht verstand. Ich wollte meinen Eifer zeigen, nicht aber meine Dummheit offenbaren. Einmal hob ich meine zitternde Hand an, führte sie dann aber doch nur an meinen Hals, statt sie über den Kopf zu strecken. Schließlich hob ich sie richtig in die Höhe, er deutete auf mich, und ich brachte mit zitternder Stimme meine Frage vor. Er hielt sich die gewölbte Hand hinters Ohr, um mir zu signalisieren, dass er mich nur schlecht verstand, und ich wiederholte meine Frage, diesmal lauter, mit vor Scham glühendem Gesicht. Patrick – oder vielmehr Professor Heller, wie er damals für mich hieß – dankte mir wortreich und antwortete dann in aller Ausführlichkeit, wobei er sehr deutlich machte, wie klug die Frage war, allerdings weiß ich nicht, ob er das ernst meinte oder nur meiner unübersehbaren Verlegenheit entgegenwirken wollte. Dann war es vorbei. Der Hörsaal leerte sich. Ich stand auf und zog meinen Mantel an, vermied jeden Blickkontakt mit meinem Lyrikprofessor und reihte mich in die Schlange ein, die sich vor der schmalen Tür gebildet hatte. Erst als ich zwei Treppen hinunter, durch den Flur und die Eingangshalle gegangen war, fiel mir auf, dass ich meinen Schirm vergessen hatte. Draußen hörte ich den Regen herunterprasseln. Ich eilte zurück, aber mein Schirm war weg. Kein Wunder, es war ein billiges schwarzes Ding, das genauso aussah wie das Dutzend anderer Schirme, die auf den Boden gelegt oder an die Wand gelehnt wurden, sobald der dafür vorgesehene Plastikeimer voll war. Viele der Männer, so war mir aufgefallen, hatten große Schirme mit langem Stock – groß wie Golfschirme, was bedeutete, dass sie ein trockenes Kraftfeld von rund anderthalb Metern Durchmesser um sich herum hatten. Wenn diese Schirme geschlossen waren, spazierten die Männer damit herum, wie es ein gutes Jahrhundert früher Dandys getan hätten, schwangen sie im Gehen nach vorn und ließen die Spitze dann klackend auf dem Pflaster aufkommen, den glatten Holzgriff, glänzend vom vielen Gebrauch, locker in der halb geschlossenen Hand. Mein Schirm dagegen war ein typischer Frauenschirm: klein, leicht, problemlos in einer Handtasche zu verstauen. Die Sorte Schirm, bei der selbst ich mit meinem zierlichen Körperbau mich ganz schmal machen musste, um darunter zu passen. Ein höflicher Regenschirm, der keinen Raum einnahm, sodass Mantelärmel und Handtasche immer schnell dunkel vom Regen waren. Ich ging die Treppe wieder hinunter.
Draußen hatte sich die Menge zerstreut. Nur Patrick war noch da. Natürlich nannte ich ihn damals nicht einmal in Gedanken so. Aber es kommt mir komisch vor, geradezu unpassend, fast wie eine erotische Maskerade, ihn jetzt als den Professor oder Professor Heller oder gar Professor H. zu bezeichnen, wie manche Studierende es gern taten. Er stand auf dem Bürgersteig und betrachtete den Verkehr, wartete vermutlich auf ein Taxi. Der Reißverschluss seiner Rebellen-Lederjacke war bis oben zugezogen, und er hielt einen riesigen Schirm in Männergröße über seinen Kopf, mit dem Logo des Hotel Intercontinental. Die Sorte Regenschirm, wie ich später lernte, die ein wohlhabender, aber unpraktischer Mann, ein Gutbetuchter, der sich gern als Systemverweigerer geriert, aus einem Fünf-Sterne-Hotel stiehlt. Er bemerkte mich, wie ich da unter dem Vordach stand und überlegte, ob ich zur Bushaltstelle rennen oder lieber warten sollte, bis der Regen nachließ. Kommen Sie doch rüber!, rief er. Mir kam gar nicht in den Sinn, dass auch er zu mir kommen und mich unter dem Schutz seines riesigen Schirms hinausgeleiten könnte. Also flitzte ich los, über den Bürgersteig bis zu ihm. Für uns beide hielt er den Schirm etwas höher. Er dankte mir noch einmal für meine Frage und wollte wissen, ob ich mit den anderen in den Pub gehen würde. Ich verneinte unter irgendeinem Vorwand und verhedderte mich dann in einem langatmigen Kompliment zu seinem Vortrag, seinen Filmen, was auch immer.
Gehen Sie auch nicht?, fragte ich. In den Pub, meine ich.
Nein, sagte er. Ich muss einen Flug erwischen, oder auch nicht, wenn sich dieses Wetter nicht ändert.
Er hatte ein Taxi bestellt. Während er sprach, winkte er mit ausgestrecktem Arm dem Fahrzeug, das sich gerade näherte.
Steigen Sie ein, sagte er. Sagen Sie mir, wo Sie hinwollen. Und statt den Schutz seines Regenschirms zu verlassen und zu meinem Bus zu rennen, rutschte ich neben ihn auf den Rücksitz.
An jenem Tag auf dem Schiff blieben wir noch ein bisschen länger auf dem Bett in unserer Kabine liegen, dann drehte er sich weg und stand auf, um zu duschen. Hinterher zog er seine Badehose an. Ich wollte, dass er bei mir blieb, aber er wirkte plötzlich gereizt, unruhig. Ich muss mich abkühlen, sagte er, ich brauche ein bisschen frische Luft. Kommst du auch?
Mal sehen, sagte ich. Ich komme nach. Er griff nach einem Bademantel, schlüpfte in die vom Schiff gestellten Schlappen und machte sich auf den Weg zum Oberdeck, wo sich der Pool und das Casino befanden.
Das Meer war vollkommen ruhig. Ich stellte mir vor, dass die Luft draußen weich und mild war. Ich könnte ewig auf diesem Schiff bleiben, dachte ich, könnte wieder und wieder die Erde umrunden, mich daran gewöhnen, den Erdboden nicht mehr unter den Füßen zu spüren, und in der Sonne ganz ledrig werden, während ich mich an Ananas, Mangos und Melonen labe. Ich folgte Patrick nicht gleich nach oben – ich war schläfrig, nachdem wir uns so verausgabt hatten, deshalb legte ich mich nach dem Duschen hin, um ein bisschen auszuruhen. Ich hatte ein Buch griffbereit und wollte eigentlich lesen, aber ich kann kaum weiter als einen Absatz gekommen sein, bevor ich fest einschlief. Als ich aufwachte, war es dunkel, und das Schiff schwankte heftig. Unser Bullauge war direkt über der Wasseroberfläche, und während sich das Schiff hob und senkte, sah ich erst den Himmel, dann nur Meer – das Bullauge war wie ein verletztes Menschenauge, das sich immer wieder in eine Schüssel mit trübem Wasser senkt. Und sich heraushebt, blinzelnd. Patrick war nicht da. Ich zog mich an und machte mich auf die Suche nach ihm.
Wir fuhren gerade an der Halbinsel Kamtschatka vorbei, Richtung Ochotskisches Meer. Als ich die Treppe hinaufging, kam eine Durchsage aus den Lautsprechern. Alle Passagiere wurden gebeten, in ihre Kabinen zurückzukehren, da wir gleich in einen Sturm geraten würden, der sich nicht mehr umfahren lasse, weil der Seegang schon zu rau sei. Doch als ich das Lido Deck erreichte, hielt sich noch eine größere Gruppe am Pool auf, und auch an der Bar waren noch etliche Leute, also bestellte ich mir einen Drink, dachte, warum nicht, dachte, der beruhigt vielleicht die Nerven, und hielt zugleich nach Patrick Ausschau. Hinter mir lachte ein dicker Mann laut, klatschte sich auf den Schenkel. Vielleicht hatten sie die Warnung nur vorsichtshalber ausgesprochen. Eine Formalie, aus Versicherungsgründen, irgend so etwas: Sobald das Risiko benannt war, lag die Verantwortung ganz bei uns. Dann entdeckte ich Patrick am Roulette-Tisch – er gestikulierte, tätigte wohl gerade einen Einsatz. Als ich zu ihm kam, legte er einen Finger auf die Lippen, den Blick auf die Scheibe fixiert, in der die Kugel kreiste, bis sie schließlich in einem Nummerfach landete. Er stieß einen Triumphschrei aus und setzte gleich wieder, nachdem er ein Bündel Geldscheine aus der Tasche seines Bademantels gezogen und gegen Jetons eingetauscht hatte. Er war betrunken, er musste stundenlang allein da oben gewesen sein, während ich schlief, seine Haare waren noch feucht vom Schwimmen. Brust und Gesicht waren sonnenverbrannt. Er lehnte sich an mich, während seine Augen der Kugel folgten. Und dann verlor er. Er wollte unbedingt weiterspielen, weiteres Geld setzen, obwohl er keins mehr hatte und ihm kein Kredit gewährt wurde, also wurde er aggressiv: laut, wild, ungehobelt.
Dann brach der Sturm los. So plötzlich wie gewaltig. Niemand hatte die Höhe der Wellen vorhergesagt: neun Meter, bei einer Windgeschwindigkeit von bis zu 80 Stundenkilometern. Das erfuhr ich später. Ich hatte gerade meinen Drink entgegengenommen, als die Möbel plötzlich von einer Seite des Raums auf die andere zu rutschen begannen, man hörte Glas zerbrechen und Leute schreien. Große Topfpflanzen und Tische knallten erst gegen die eine Wand, dann gegen die andere. Ich hielt mich fest, wo es nur ging, an Bänken, einem Pfeiler in der Mitte des Raums. Draußen zuckte ein Blitz. Dann wurde es still, ganz still. Ich hörte eine Frau weinen. Ich kroch in Patricks Richtung, hielt mich an demolierten Möbelstücken fest. Einzelne Leute standen auf, wischten sich die Kleider ab. Patrick war gegen eine Wand geschleudert worden, und als ich ihm aufhelfen wollte, stieß er mich weg. Er rappelte sich hoch und steuerte die Bar an. Aber dann sank er plötzlich in einen Sessel und schloss die Augen. Ich hatte meine Tabletten gegen Übelkeit genommen, er seine jedoch nicht, und der Sturm in Kombination mit dem Alkohol war zu viel – im nächsten Moment stemmte er sich wieder hoch. Mir ist kotzübel, sagte er und taumelte Richtung Deck, während das Schiff heftig schwankte. Die Tür war nicht verschlossen, und ich sah, wie er sie aufstieß und in die Dunkelheit trat. Was hatte er vor? Ich schaute ihm einen Augenblick lang nach und überlegte, ob ich ihm helfen sollte, wusste aber, dass er lieber allein war, wenn er sich übergab, er hatte nicht gern Leute um sich, wenn er sich krank oder schwach fühlte. Ich hatte mir wehgetan, als der Sturm losgebrochen war, und fühlte mich leicht benommen. Dann legte sich das Schiff erneut auf die Seite, noch stärker als zuvor, und ich hörte ihn nach mir rufen. J. B., rief er – so nannte er mich gern, nicht bei meinem eigentlichen Namen, sondern den mittleren Initialen, unter denen ich auch meine Bücher veröffentlichte. J.B! Komm raus, J. B.! Seine Stimme drang durch das Tosen des Sturms, wie sie immer durch alles zu dringen vermochte. Ich hörte Glas splittern. Sah die hoch aufragenden dunklen Wellen, sah Wassermassen über die Reling krachen. Ich machte mich auf den Weg zu ihm.
Kurz vor der Tür verlor ich das Gleichgewicht, rutschte auf dem nassen Boden aus. Die Nacht draußen war kalt, das Meer laut. Er hing über der Reling, hielt sich mit einer Hand fest. Ich ging zu ihm, doch er wehrte mich ab. Ich hatte erst ein Mal erlebt, dass er sich übergab, weil er zu viel getrunken hatte. Im Allgemeinen hielt ich ihn davon ab, mehr als ein, zwei Gläser zu trinken. Mochten andere Leute vom Alkohol entspannt und heiter werden, so wurde er nach ein paar Drinks mürrisch. Oder vielleicht ist reizbar das bessere Wort. Manchmal auch wütend. Deshalb zog ich sein Glas oft unauffällig zu mir herüber, während er redete, und leerte es selbst.
Der Sturm wurde heftiger. Patrick!, rief ich. Was machst du da? Komm, ich helf dir rein, sagte ich und legte ihm die Hand auf den Rücken. Er schüttelte sie ab. Etwas Finsteres hatte ihn erfasst, eine Veränderung, die ich nicht verstand. Er wandte mir das Gesicht zu und sagte etwas, das er vielleicht nicht gesagt hätte, wenn er nicht so betrunken gewesen wäre. Etwas, das er schon länger mit sich herumtrug. Das er versucht hatte nicht auszusprechen. Das er oft gedacht hatte, immer mal wieder. Etwas Schreckliches, das ich später zu vergessen versuchen würde.
Das meinst du nicht ernst, sagte ich. Du bist betrunken. Total betrunken. Dann brüllte er das Gleiche noch einmal. Ich trat einen Schritt zurück, verängstigt, ungläubig. Er hob plötzlich den Arm, als wollte er mich angreifen – ein Tiger vor dem Prankenschlag. Das Schiff neigte sich zur Seite. Patrick rutschte aus, übergab sich wieder, wischte sich den Mund am Bademantel ab. Wir müssen rein, raus aus dem Sturm, rief ich, während ich schwankend Richtung Tür ging. Aber er war schneller und packte mich am Handgelenk, mit hartem Griff. Was soll das?, sagte ich. Er spuckte mich an, und ich wand mich los. Ich schrie ihn an, durch Wind und Regen, aber vermutlich hörte er mich nicht, denn in diesem Moment krachte ein Donnerschlag. Er fasste mich bei den Schultern, als eine riesige dunkle Welle sich neben uns auftürmte, die Gischt und weiße Marmorierung waren im Licht des Blitzes deutlich sichtbar. Das Schiff hob sich und sackte wieder herunter, und wir verloren beide das Gleichgewicht. Mir wurde flau im Magen, wie auf der Achterbahn. Er ließ mich los, und ich wankte nach drinnen. Das Schiff legte sich auf die Seite, und die schwere Stahltür knallte zu, trennte uns voneinander. Patrick!, schrie ich, während ich mich mit der Tür abmühte, doch als es mir endlich gelungen war, sie aufzustoßen, war er nirgends mehr zu sehen. Die Wellen sahen aus wie riesige Berge mit Schneekappen. Sie hoben und senkten sich, krachten gegen das Schiff. Die sprühende Gischt bildete Höfe um die Lampen auf der Galerie. Das Schiff legte sich wieder auf die Seite. Ich klammerte mich an der Reling fest und hangelte mich vorwärts. Noch immer war er nirgends zu sehen. Ich arbeitete mich weiter vor, rief seinen Namen, die Reling war glitschig von der Nässe. Wenig später hörte ich zum ersten Mal den Ruf: Mann über Bord! Mann über Bord an Backbord!
In Schostakowitschs Cellokonzert in Es-Dur gibt es einen Moment nach etwa einem Drittel des zweiten Satzes, wo die Cellistin mit dem Bogen auf die Saiten schlagen muss. Sie schlägt schnell und erzeugt kurze, misstönende Laute – eine Mischung aus einem Klatschen und dem Splittern eines festen Materials. Man kann dieses Stück nicht auf einem Instrument mit Darmsaiten spielen, es müssen Stahlsaiten sein, sonst könnten sie beim Daraufschlagen reißen – was manchmal dennoch passiert. Es ist eine kraftvolle, geradezu Furcht einflößende Passage – man assoziiert das Geräusch von Stiefeln, die schnell auf ihr Ziel zumarschieren, etwas, das in Stücke geschlagen wird, Angriff, Zusammenbruch, vergeblichen Widerstand, Angst und Schrecken, die sich wieder und wieder ins Gedächtnis drängen, wie ein Traum vom Fallen, in dem man fällt und fällt, aber nie auf dem Boden aufschlägt. Um diese Laute zu erzeugen, muss die Cellistin ihr Instrument mit solcher Wucht bearbeiten, dass mitunter geradezu der Eindruck entsteht, sie peitsche es, prügele ein erlahmendes Tier. Doch während das geschieht, scheint jede Anstrengung aus dem Körper der Cellistin zu weichen, sie überlässt sich ganz und gar dem Bogen, sinkt über das Instrument, auf es, in es hinein, gibt sich ihm völlig hin. Es sieht aus, als ließe sich die Cellistin in den Klang fallen – den Klang des Schreckens, des russischen Winters und der langen, tiefen Kälte, der Dunkelheit, als fiele sie und fiele.
Der Ruf wurde wiederholt: Mann über Bord an Backbord! Ein Besatzungsmitglied nach dem anderen schrie es hinaus. Ich begriff zuerst nicht, was das bedeutete. Es kam nicht bei mir an. Um mich ging es eindeutig nicht, denn ich stand noch da, die Augen zum Schutz vor dem quertreibenden Regen zusammengekniffen. Eine Trillerpfeife ertönte, gefolgt von einer Alarmglocke. Dann wurde etwas über die Lautsprecheranlage durchgesagt. Ich war durch das Schwanken des Schiffs desorientiert. Während der Sturm allmählich nachließ, kamen Leute zur Reling gerannt. Es schien undenkbar – natürlich, wer würde so etwas für möglich halten –, dass dieser Ruf mit Patrick zu tun haben, dass er derjenige sein könnte, der hinuntergestürzt war. Dann wurden die Schiffsmotoren abgestellt. Ich konnte ihn nirgends entdecken. Ich rief nach ihm. Ich rannte an der Seite des Schiffs entlang, rutschte aus, suchte nach ihm. Ich sah, wie jemand einen weißen Rettungsring ins Wasser warf, wie der Ring kreisend durch die Dunkelheit fiel, kleiner und kleiner und noch kleiner wurde und schließlich im Wasser verschwand. Ab und zu wurde er als weißer Fleck in den Wellen wieder sichtbar. Mehrere Frauen weinten. Ein Suchscheinwerfer schwenkte hin und her. Weiter vorn auf dem Deck stand eine Gruppe offiziell aussehender Gestalten, in ihrer Mitte ein Mann, der irgendwohin zeigte. Ah, dachte ich, da ist er ja, und ein Schrei entfuhr mir. Ich rannte zu ihm, drängte mich zwischen den Leuten hindurch. Doch ich hatte mich geirrt. Oh, sagte ich. Oh. Ich dachte, Sie wären – Erst in diesem Moment begriff ich, was passiert war.
Natürlich war er derjenige, nach dem gesucht wurde, niemand sonst war draußen gewesen. Mein Mann, schrie ich, mein Mann ist weg – Er fiel zwölf Decks tief. Die Überwachungskamera lief zwar, aber unbeaufsichtigt, und sie war mit keinem Warnsystem verbunden. Die Aufnahme war grobkörnig: die weiße Flanke des Schiffs, das graue Meer. Sein Körper erscheint schwarz, es sieht aus, als schlüge er gegen die Seite des Schiffs oder versuchte, sich daran festhalten, wie eine Katze, die gesprungen ist und sich überschlägt. Später in den Fernsehnachrichten wurde sein fallender Körper mit einem Lichtkreis hervorgehoben, einem helleren, leuchtenden Kreis, in dem seine Umrisse erkennbar waren. Sie ließen die Aufnahme langsamer ablaufen, zoomten an ihn heran. Spielten das Ganze noch einmal von vorne. Die Reling, über die er gestürzt war, zeigte die Aufnahme nicht, nur die Seite des Schiffs. Weder den Anfang noch das Ende des Sturzes. Wie in einem Traum.
Jemand stützte mich. Ein Mann von der Besatzung trat zu mir. Wir tun, was wir können, sagte er. Wir haben sofort reagiert, schnell gehandelt. Ein kraftloses Gefühl in meinen Beinen, ein Durchschauern, ein Schwinden der Sinne, aber nicht vor Lust. Ich erinnere mich nicht ans Zusammenbrechen. Hier, sagte jemand. Sie steht unter Schock, wir sollten sie reinbringen. Ein Mann hob mich hoch, einen Arm unter meinen Schultern, den anderen unter meinen Knien. Ich hörte eine Frau rufen, klagen. Also dann, sagte der Mann, der mich trug. Sie sollte jetzt liegen.
Wir waren vom Ort des Unfalls ein Stück abgetrieben. Es dauerte einige Zeit, das Schiff zu wenden und zurückzufahren, um näher an der Unfallstelle Anker zu werfen, in der Hoffnung, wir würden Patrick dort entdecken: winkend, rufend, an den winzigen weißen Rettungsring geklammert. Es gab früher so eine Werbung für Drops, wie kleine Rettungsringe sahen sie aus, in orange, lila und grün gestreiftes Papier eingewickelt; wenn man das bunte Papier abpulte, erschien Silberpapier darunter, und unter dem Silberpapier fand man dann die ordentlich zu einer Rolle aneinandergereihten ringförmigen Drops. Life Savers hießen sie, glaube ich, Lebensretter. Wenn ich die Werbung sah, lief mir immer das Wasser im Mund zusammen. Ich dachte damals, die verschiedenen Farben stünden für unterschiedliche Geschmäcker, aber sie schmeckten alle gleich, zu süß und leicht bizzelig, und man musste die Rolle sehr vorsichtig auspacken, damit die schön aufgereihten Drops mit dem Loch in der Mitte nicht auf den Boden fielen. Ich erinnere mich, wie ich dem weißen Rettungsring nachsah, der kleiner und kleiner und noch kleiner wurde, oder vielleicht war er auch einfach im Dunkeln immer schlechter zu sehen, oder er verschwand im weiß schäumenden Wasser. Alle waren an Deck geeilt, um mit Ausschau zu halten. Ich wurde auf eine Liege gebettet, eine weiche Decke über Brust und Beinen. Eine Frau in Uniform zupfte die Decke zurecht und hockte sich neben mich. Es tut mir leid, sagte sie. Aber ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen.
Ich sagte ihr alles, was ich sagen konnte. Dass er hinausgegangen war. Dass er nach mir gerufen hatte. Dass ich zu ihm rausgegangen war und danach wieder hinein. Wie die Tür zugeknallt war. Hat er irgendwas zu Ihnen gesagt?, wollte sie wissen. Es war so laut da draußen, antwortete ich. Ich konnte ihn nicht verstehen.
Sie sah mich seltsam an, etwas huschte über ihre hübschen Züge, die Stupsnase, die fast mandelförmigen Augen. Aber warum haben Sie ihn da draußen allein gelassen?
Das hab ich doch nicht, sagte ich. Ich meine, ich bin zu ihm rausgegangen, weil er mich gerufen hat, und dann habe ich versucht, ihn reinzuholen, und als dann die Tür zugefallen ist, war er nicht – war er nicht – Ich fing an zu weinen. Sie legte mir beruhigend die Hand aufs Bein.
Es tut mir leid, sagte sie. Wir lassen das besser, das hat Zeit bis später. Jetzt beruhigen Sie sich erst mal. Ich bringe Sie zu Ihrer Kabine. Meinen Sie, Sie können laufen?
Ich war benommen und zitterte unübersehbar, aber wenn ich irgendetwas nicht wollte, dann an einem öffentlichen Ort sein, wo mich alle anstarrten. Ja, ich glaube schon, sagte ich.
In der Kabine bebten meine Glieder noch so heftig, dass es mir nicht gelang, meine Sandalen auszuziehen, also bückte sich die Frau und öffnete die Schnallen, und dann half sie mir ins Bett, das mir jetzt hart und unbequem erschien – es war mir unbegreiflich, wie ich das je hatte anders empfinden können, wie ich so entspannt darin hatte schlafen, wie Patrick und ich darin solche Lust hatten erleben können.
Ich hoffte, in einen tiefen Schlaf zu sinken – eine unerträgliche Müdigkeit breitete sich in mir aus, meine Arme und Beine fühlten sich so schwer an, als stünde ich unter Betäubungsmitteln, eine Schwere, die an Taubheit grenzte. Und ein schrecklich elendes Gefühl. Doch stattdessen lag ich hellwach da, schlotterte, obwohl ich nicht fror, ein bisschen wie das seltsame, nicht kontrollierbare Zittern, das einen erfasst, wenn man per Lumbalpunktion ein Anästhetikum verabreicht bekommt. Meine Zähne klapperten, und ich bebte am ganzen Körper. Dann hörte ich den ersten Hubschrauber, die Suche begann jetzt richtig. Ich lag mit Blick aus dem Bullauge. Die See war immer noch rau, der Himmel dunkel, aber hin und wieder sah ich den Strahl des Suchscheinwerfers über das Wasser streichen. Haben Sie irgendwelche Fragen?, hatte die Frau in Uniform noch wissen wollen. Ich hatte den Kopf geschüttelt. Natürlich hatte ich sehr wohl eine Frage, brachte es aber nicht über mich, sie zu stellen. Wie lange, wollte ich gern wissen, wie lange kann ein Mensch in dieser rauen, eisigen See überleben? Wie viele Stunden oder vielleicht auch nur Minuten blieben uns? Draußen hörte ich die Hubschrauber. Sie kreisten und kreisten.
Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, und das Meer war ruhig. Die Luft war sehr kalt, als wäre ohne jede Vorwarnung der Winter angebrochen. Bei Tageslicht hoffte man, eine bessere Chance zu haben, ihn zu finden. Ich wusste nicht, wo genau wir uns befunden hatten, als er über Bord ging. Später sagte man mir, wir seien in russischen Gewässern gewesen, und es seien russische Hubschrauber, die weiterhin über uns kreisten. Es sei jetzt auch in den Nachrichten, hieß es. Ein Bild vom Deck, auf dem sich Schaulustige drängen: Urlauber mit ihren eigentlich zur Vogelbeobachtung mitgenommenen Ferngläsern, die jetzt für einen anderen Zweck eingesetzt wurden. Seit dem Sturz hatte sich die Atmosphäre an Bord verändert – es war keine Partyreise mehr, nicht einmal mehr so recht ein Urlaub. Das Schiff blieb vor Anker liegen, kleinere Boote schwärmten aus, um die Suche zu unterstützen. Ich blieb in meiner Kabine, bis auf einen kurzen Moment früh am Morgen, als ich aufs Oberdeck ging, um selbst Ausschau zu halten. Ihm sei schleierhaft, sagte der Kapitän, wie so etwas habe passieren können. Die Reling reichte einem Mann ungefähr bis zum Brustkorb. Alle spekulierten: eine Art Monsterwelle habe ihn erfasst, er habe sich weit über die Reling gebeugt, um sich ins Meer zu übergeben, oder natürlich, er sei gesprungen. Allesamt Gerüchte, aber ich hielt jede gewisperte Möglichkeit für mehr oder weniger die Wahrheit, für äußerst wahrscheinlich, für die wahre Geschichte. Wenn er nicht gefunden wurde, würde das Schiff weiterfahren müssen, aber es würde nicht mehr dem ursprünglich vorgesehenen Kurs folgen. Wir würden in Otaru auf Hokkaido anlegen, und ich würde dort von Bord gehen. Dann würde das Schiff umdrehen und auf der gleichen Route wieder zum Ausgangsort zurückfahren. In Otaru, sagte der Kapitän an jenem Morgen zu mir, werden die Behörden einige Informationen von Ihnen benötigen. Zu den Lebensumständen Ihres Mannes. Hauptsächlich aus Versicherungsgründen, erklärte er freundlich. Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten. Ich weinte die ganze Zeit, während er mit mir sprach, ich war erschöpft und durcheinander – ich verstand nicht, was als Nächstes passieren sollte: mit mir, mit dem Schiff, mit den anderen Passagieren, die wieder zurück nach Hause fahren würden. Ich hatte in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und tat auch in der folgenden, als sich das Schiff Richtung Hafen in Bewegung setzte, weil man nichts gefunden hatte, kein Auge zu. Ich fürchte, sagte der Kapitän, die Chance, dass er noch lebt, liegt jetzt praktisch bei Null. Bei diesem Seegang und diesen Temperaturen. Entsprechend veränderte sich der Sprachgebrauch der Suche. Gesucht wurde nicht mehr nach einem Mann, nach meinem Mann, nach Patrick, sondern nach einem Leichnam. Es dauerte die ganze Nacht und einen Großteil des nächsten Tages, bis wir den Hafen erreichten. Als wir am späten Nachmittag eintrafen, war es sehr kalt. Ich hatte meinen Mantel im Koffer, aber nicht griffbereit, und so fröstelte ich in meinem dünnen Pullover, als mich ein Steward vom Schiff geleitete, eine Hand sanft an meinem Ellenbogen, als führte er eine Blinde. Ich wusste, dass ich mit Joshua reden musste. Möglicherweise hatte er es bereits in den Nachrichten gesehen. Man sagte mir, dass Patricks Name jetzt publik gemacht worden sei. Der Steward brachte mich zu einem Taxi und gab dem Fahrer eine Folge von Anweisungen. Daraufhin brachte dieser mich zu einer Polizeiwache in Sapporo, wo man mich bat, eine Aussage zu Protokoll zu geben. Ich nahm an, dass auch andere darum gebeten wurden: die Crew, der Kapitän. Der diensthabende Beamte war Japaner und sprach nur holpriges Englisch. Man werde mir weitere Fragen stellen müssen, sagte er. Man habe nach einem Dolmetscher geschickt. Alle gingen sehr behutsam mit mir um. Meine Augen brannten vom Weinen, und es kam mir vor, als schwankte der Boden unter meinen Füßen, denn ich hatte kaum geschlafen, wollte nur eins: wachen, aufmerksam bleiben, die Augen offen halten, wie es so schön heißt, für den Fall, dass er doch wieder auftauchte, an Land gespült worden war, nach Hause taumelte. Aber woher sollte er wissen, wo er mich finden würde? Was, wenn er nicht wusste, wo ich war – wo man mich hingebracht hatte? Dass ich bereits hier war? Wo unsere Reise uns ja gar nicht hatte hinführen sollen? Mich erfüllte in diesem Moment jene gesteigerte Wahrnehmung des Lebens, des Lebendigseins, die mit bestimmten Entbehrungszuständen einhergeht. Ich habe Frauen, die nicht essen, ihren Hunger auf diese Weise beschreiben hören: eine Erhellung der Welt, eine Schärfung der Aufmerksamkeit, eine Intensivierung des Empfindens. Sogar die Luft in meiner Nase kam mir dünner, leichter, reiner vor, wie die kalte Luft hoch oben in den Bergen. Der nördliche Himmel wirkte spröde, wie aus dünnem geblasenem Glas.
Ich stand kurz vor dem Delirium. Nah genug, um kaum noch Hemmungen zu verspüren, als man mich in den Vernehmungsraum führte. Meine eigene Biografie war bereits Teil der Presseberichterstattung. Ich bemerkte das zufällig, als eine Meldung auf meinem Handy aufpoppte. Die Frau des Vermissten und mutmaßlich Verstorbenen. Man hatte auf das Foto von mir zurückgegriffen, das auf der Website meines Verlags zu finden war – das Foto, das Patrick gemacht hatte. Mein Abbild leicht verschwommen und zu dunkel. Irgendwie, also, keine Ahnung – so fingen meine Studierenden ihre Sätze gern an, alles blieb im Ungefähren, wurde relativiert, verwässert, und so ähnlich – irgendwie konturlos und unbestimmt – fühlte ich mich jetzt, als ich an dem kleinen Holztisch in der Mitte des Zimmers Platz nahm. Der Vernehmungsbeamte setzte sich mir gegenüber und stellte ein Aufnahmegerät zwischen uns. Dann traf der Dolmetscher ein. Er verbeugte sich, sodass ihm das glänzende Haar ins Gesicht fiel, und stellte sich mit leiser, sanfter Stimme vor, es war kaum mehr als ein Flüstern. Er strich sich das Haar aus der Stirn und setzte sich neben mich. Der Beamte sagte sofort etwas zu mir und beobachtete mich dabei genau. Der Dolmetscher übersetzte: Sie haben gesagt, Sie hätten den größten Teil des Nachmittags vor dem Unfall mit Ihrem Mann verbracht. Können Sie uns sagen, was Sie getan haben, wie er auf Sie gewirkt hat?
Mein Mund war trocken. Mir fiel es schwer zu sprechen. Ich wandte mich an den Dolmetscher. Könnte ich bitte etwas zu trinken bekommen?, bat ich. Er nickte und stand auf, winkte den Wachmann herbei. Sie wechselten ein paar Worte, woraufhin der Wachmann die Tür öffnete und einer Frau im Nachbarzimmer eine Anweisung erteilte. Wir drei am Tisch warteten schweigend. Bald kam die Frau mit einem Glas Wasser, das sie vorsichtig mit beiden Händen trug. Sie stellte es vor mich hin, verbeugte sich leicht und zog sich zurück. Ich trank und wischte mir den Mund mit meinem Pulloverärmel ab. Der Beamte sagte etwas, und der Dolmetscher gab es weiter: Bitte fahren Sie fort. Ich nickte, sah mich um. Das Zimmer, in dem wir saßen, war weiß gestrichen, mit dunklen Stellen an den Wänden, wo der Tisch entlanggeschrammt war oder jemand mit einem schwarz besohlten Stiefel dagegengetreten hatte. Durch die Lüftungsschlitze hörte ich das Pfeifen des offenbar auffrischenden Windes.
Wir, sagte ich, also ich, meine ich. Ich hatte eigentlich – Der Dolmetscher wartete darauf, dass ich den Satz beendete. Mir war übel. Ich beugte mich vor, stützte den Kopf in die Hände, und als sich der Raum um mich herum zu drehen begann, hängte ich den Kopf zwischen meine Knie. Lassen Sie sich Zeit, sagte der Dolmetscher. So viel Sie brauchen.
Es gab ein paar Dinge, die ich sagen wollte. Dinge, die ich unbedingt irgendwem erzählen musste, aber hier, wie ich wusste, nicht sagen konnte. Und dann die Dinge, von denen ich wusste, dass ich sie sagen sollte. Die sie hören wollten. Es gibt nie nur eine Version. Selbst hier in diesem Zimmer konnte ich nicht wissen, wie und inwieweit meine
