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JANNIK TRER IST TIEF GEFALLEN. Als Sohn des ersten jüdischen Verteidigungsministers der Bundesrepublik steht dem jungen Jannik eine glänzende Karriere bei der Bundeswehr bevor. In Camp Marmal schafft er es als in Afghanistan stationierter Soldat schnell zum Major. Doch kurz nach seiner Beförderung tötet er in einem Wutanfall aus Rache ausgerechnet den Sohn eines ehemaligen KSK-Leutnants und seine vielversprechende Bundeswehrkarriere nimmt von einem Tag auf den anderen ein abruptes Ende. Plötzlich ist sein Leben, wie er es kannte vorbei und er braucht einen neuen Job. Doch wohin, wenn das eigene Handwerk ein Leben lang der Krieg war? In seiner Verzweiflung heuert Jannik als Söldner bei Marid Ltd., einem global agierenden Sicherheitsunternehmen, an. Fortan kämpft er als Söldner Tag ein, Tag aus zusammen mit seinem Freund Jābo und seinen übrigen Söldnerkameraden im Auftrag des US-Militärs in Süd-Afghanistan. Taliban, Milizsoldaten und extremistische Freiheitskämpfer sind nur einige der Herausforderungen, denen er sich dabei zu stellen hat. Zu seinen Feinden gehören auch seine manisch-depressiven Phasen, in denen er sich vor allem eins wünscht: zu sterben. Beinahe fünf Jahre verbringt er in Afghanistan im Sud seiner Erinnerungen. Bis zum Morgen des 4. Mai 2009 ...
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Für meine Frau
„Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen,
oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“
– John F. Kennedy
Der Jedermannsoldat
Die Geschichte des gefallenen Bundeswehrsoldaten Jannik Trer
Léon-David de la Chessloque
© Léon-David de la Chessloque
Lektorat:
Corinna Luerweg, Hamburg
Umschlag und
Illustrationen:
Stephanie Goldenbaum, Hamburg
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Hardcover
978-3-7469-8940-2
e-Book
978-3-7469-8941-9
1. Auflage 2019
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Teil I: Janniks steiniger Weg
1
2
3
4
5
6
7
Teil II: Annas Abenteuer
8
9
10
11
12
13
Annex
Danke
Über den Autor
Quellen
Teil I: Janniks steiniger Weg
© Illustration:
Stephanie Goldenbaum
1
Jannik Trer wollte eigentlich nur noch eins vom Leben – und das war sterben. Das einzige, was er auf der Ladefläche des rostigen Söldnertransporters von Marid in der afghanischen Wüste von Kandahar suchte, war der Tod.
Die Beweggründe der übrigen Kameraden des Söldnerrudels Nummer 42 waren ebenso vielfältig, wie einfach. Die Gründe im Jahr 2009 bei einer PMC, einer Private Military Company, in Afghanistan als Söldner anzuheuern waren im Kern noch immer dieselben, wie zu Zeiten der freien Kriegerstämme Dschingis Khans, des Perserkönigs Xerxes oder während des dreißigjährigen Krieges unter Kaiser Wilhelm: Geld, Ruhm, Freiheit, Abenteuer oder worauf immer sonst eine stürmische Männerseele in ihrer Unruhe drängte.
Jannik lies kurz seinen Blick durch die enge, stickige Transportkabine schweifen: zwei Männer links, drei Männer rechts von ihm. Ihm gegenüber nochmal sechs. Zwölf Mann – ein vollbesetztes Rudel. Sie stützten ihre Ellbogen auf ihre Knie und sprachen kein Wort. Wie selbstverständlich respektierten sie die Stille auf der Fahrt, so wie man die Stille in der Kirche respektierte. Aber ihre Gesichter sprachen für sie. In alle zwölf Paar Augen der Männer, die ihre gegenseitigen Blicke auf dieser rituellen Fahrt scheuten, war dieselbe Angst, dieselbe Sehnsucht und derselbe aus Verzweiflung geborene Kameradschaftsgeist geschrieben. Sie beteten zum Gott des Krieges, dass er sie diesen Tag überstehen ließ.
Jannik hatte schon vor langer Zeit aufgehört, zu beten. Er richtete seinen Blick wieder auf den Fahrzeugboden der ruckelnden LKW-Fläche und beobachtete stattdessen durch die Löcher die Straße. Nichts als Staub und Steine und ungerade Linien aus verschiedenen Erdtönen, die sich wie eine lange Welle durch das Blickfeld zogen, gab es zu sehen. Braun und Beige wechselten sich mit dunklem Rot und Orange ab, bevor sie in ein leichtes Grau übergingen und wieder zu Braun wurden. Jannik verfolgte den Weg eines Kiesels, der von den Reifen gegen die Unterseite des Fahrzeugs geschleudert und durch ein Loch im Fußraum landete. Nach einigen Zentimetern kam er erst zum Stillstand, wurde dann durch das Ruckeln der Fahrt immer wieder hoch und hinunter geschleudert. Als der Kiesel einige Zentimeter weiter ein neues Loch traf und Jannik ihm nachschaute, wie er wieder auf der Straße verschwand, von der er hochgewirbelt worden war, fragte er sich:
„Was sind wir anderes?“
An die Innenseite seines Oberschenkels lehnte ein Sturmgewehr vom Typ AK-47, das er sich heute Morgen aus der „Sockenschublade“ geholt hatte. So bezeichneten sie liebevoll den chaotisch geführten Stand am Eingang des Söldner-Camps, in dem sie morgens ihre Waffen abholten und abends wieder zurückgaben. Um das Magazin seiner AK war ein weißer Druckverband gewickelt, der vermeiden sollte, dass das Metallgestell, das die Kugeln zusammenhielt, bei dem starken Rückstoß des Gewehres auseinanderfiel. Auf dem hölzernen Vorderschaft hatte der Vorbesitzer mehrere Kerben eingeritzt, um seine getöteten Feinde zu zählen – eine liebevolle Anerkennung, so als wäre das Gewehr selbst ein siegreiches Mitglied des Söldnerrudels, und nicht bloß eine kugelabfeuernde, willenlose Maschine.
Jannik hatte das Gewehr, so wie es war, in die Hand gedrückt bekommen, es kurz überprüft und es lag, wie alle Waffen dieses Typs, gut in der Hand. Es war technisch einwandfrei und die Lieblingswaffe aller Söldner. Ursprünglich ein russisches Fabrikat aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, fand es sich mittlerweile in etwa fünf Dutzend Staaten rund um den Globus und wurde massenhaft nachgebaut, teils mit, teils ohne entsprechende Lizenzen. Seit seiner über sechzig Jahre zurückliegenden Erstauflage war es im Prinzip unverändert geblieben. Ein Meisterwerk von unangefochtener Genialität und Beständigkeit. Nur sein Name, ursprünglich Kalaschnikow, wich mit der Internationalisierung einer neutralen Typenbezeichnung aus Buchstaben und Zahlen. Russische Butter verkaufte sich eben einfach besser, wenn sie einfach nur Butter hieß. Mittlerweile war diese Butter legendär. Bildbände, eigene Biographien und sogar Nationalflaggen setzten ihr Denkmäler als Kriegsheldin aus Stahl und Schrauben.
Auch Jannik mochte sie. Sie war weiß Gott nicht einfach konstruiert, aber an ihr war nichts überflüssig, sie funktionierte immer fehlerfrei und das auch noch nach Jahren ohne jegliche Wartung. Sie war einfach nicht kaputt zu kriegen, egal wieviel Scheiße ihr wiederfuhr. Er und sein Gewehr hatten also viel gemeinsam. Das hatte Jannik von Anfang an gespürt. Sie würden heute gut miteinander harmonieren.
Er warf einen kurzen Blick auf seine digitale Armbanduhr, die er umgedreht mit dem Ziffernblatt am Puls am rechten Handgelenk trug. Er war Rechtshänder, aber hatte nie verstanden, warum man als Rechtshänder die Uhr links trug. Die Uhr zeigte im amerikanischen Format das Datum an: „Mon, 2009/5/4“: Montag, der 5. Mai 2009.
Darunter „7:34 AM“: Halb acht am Morgen. Sie waren pünktlich um 7:00 Uhr vom Söldner-Camp ausgerückt und bereits eine gute halbe Stunde unterwegs. Bis zum Ziel war es ungefähr noch mal so weit.
Zu Hause in Hamburg drängten sich jetzt wahrscheinlich gestresste Großstädter nach dem bitteren Ende ihres zuvor lang ersehnten Wochenendes in die voll gepresste U-Bahn. Sie klammerten sich an die Haltegriffe, während sie sich bemühten, ihre mit viel zu heißem Kaffee gefüllten Pappbecher gerade zu halten, um nichts auf ihre frischgereinigten Anzüge und Kostüme und zu verschütten. Mit verschlossenen Augen duldeten sie, wie sich die Regenschirme ihrer Nachbarn in ihre Waden bohrten. Um nichts in der Welt würde Jannik sein Leben dagegen eintauschen.
Er lehnte sich zurück und starrte auf das Dach der Transportkabine. Über das für den Menschentransport spärlich ausgebaute Heck des Transporters war eine löchrige Plane gespannt, durch die vereinzelte Sonnenstrahlen in die ansonsten weitgehend dunkle Kabine drangen. Sie hatte weniger den Zweck, die Insassen vor der brütenden Hitze zu schützen, als neugierige Blicke von außen fernzuhalten. Letzteres erschien ihm jedoch ziemlich sinnentleert, wusste doch jeder, was in den LKW transportiert wurde, die diese Straße von Panjwai nach Malalai passierten. Aber er gestand die psychologische Hürde ein, die die Plane eventuell bewirken konnte und was noch viel wichtiger war: sie bewahrte ihn vor einem Sonnenstich.
Plötzlich wurden Janniks Gedanken von dem einzigen Mann unterbrochen, dem dieses Recht hier zustand, und der bislang im Schatten der Stille am Ende der Ladefläche stehend die Fahrt bestritten und wechselweise Dinge in sein schwarzes Blackberry eingetippt und dem zurückgelegten Weg nachgeschaut hatte: der dreizehnte Mann der Einsatzmannschaft, ihr Kapitän, ihr Instructor. Er wies ihnen den Weg durch den Sturm. Aber er würde ihn nicht mitgehen und sie nicht begleiten, sondern sie nur dorthin bringen. Danach waren sie auf sich allein gestellt.
Ihr heutiger Instructor hieß Owen Walker, 41, ehemaliger CIA-Ausbilder im Irak, heute für das doppelte Gehalt Ausbilder bei Marid in Afghanistan.
Jannik kannte ihn. Und er kannte Walkers Markenzeichen: das enge, einen Knopf zu weit offene Hemd, die zurückgegelten, wasserstoffblonden Haare und das wichtigste von allen: seine goldene, verspiegelte Piloten-Sonnenbrille Marke Top Gun, die er während der Fahrt in dem dunklen Truck meist zusammen mit seinem Kamm in der kleinen Hemdstasche verstaute. Außerdem war er der einzige Instructor, der statt der üblichen Kampfstiefel weiße Sneakers trug. Und zwar ausschließlich weiße Nike-Sneakers, von denen sich alle nicht nur fragten, wie er hier in Süd-Afghanistan an die rankam, sondern auch, wie er es schaffte, dass sie in dem Dreck hier draußen immer so glänzten wie seine perfekt gebleachten Zähne.
Der Großteil der Fahrzeuginsassen sah Walker heute zum ersten Mal. Trotzdem machte er sich nicht die Mühe, sich ihnen vorzustellen. Er schien zu erwarten, dass man wusste, wer er war.
Walker drängte sich aus dem hinteren Teil der Ladefläche nach vorn und arbeitete sich an den Streben unter der Plane durch die beiden Reihen bis zur Rückwand der Fahrerkabine vor. Die Söldner zogen ihre Beine zurück, um ihm eine Passage zu bilden.
Als Walker am vorderen Ende der Ladefläche ankam, drehte er sich um und stellte sich neben den Computerbildschirm, der auf der Rückwand der Fahrerkabine angebracht war. Er nahm einen USB-Stick aus seiner Gesäßtasche und steckte ihn an ein lose baumelndes Adapterkabel, das aus dem Bildschirm hing. Dann strich er sich mit dem Kamm seine wasserstoffblonden Haare nach hinten, um sich zu vergewissern, dass sie gut saßen, und wandte sich den meditierenden Söldnern zu.
„Zeit zum Aufwachen, Jungs! Hier ist der Einsatzbahnplan“, beendete Walker in autoritär klingendem amerikanischem Englisch die Stille, während der Rechner hochfuhr und die Bildschirmanzeige immer besser zu erkennen war. Die Söldner wachten aus ihrem rituellen Halbschlaf auf und fixierten den sie mit einem breiten, selbstzufriedenen Lächeln fixierenden Walker. Kein Zweifel: Walker mochte seinen Job.
In seinem Rücken leuchtete auf dem Bildschirm das Firmenlogo auf: ein stilisierter Wolfskopf im Profil, eingerahmt von einem Heroldswappen und darunter die sagenumworbenen Worte „Marid Ltd.“.
Seit Jannik bei Marid angefangen hatte, sah er dieses Logo gefühlt ununterbrochen. Die Firma wurde nicht müde, es auf alles zu drucken, was in ihrem Eigentum stand. Die meisten vermuteten dahinter weniger eine professionell geführte Corporate Identity als die Befriedigung des Egos des schwedischen, bei den eingeweihten nur als „Der Söldnerkönig“ bekannten Hauptanteilseigners und Vorstandsvorsitzenden Magnus Marid. Jannik interessierte nur, dass er auf alles hören musste, was dieses Wappen trug. Das war sein Job. Mehr brauchte er nicht zu wissen.
Das Logo auf dem Desktophintergrund wich einem Programmfenster, das die umliegende Region Kandahar im Überblick zeigte. Auf einer gezeichneten Straße blinkten sieben LKW-Symbole grün auf, die sich langsam, aber erkennbar fortbewegten. Ein Symbol leuchtete dunkelblau. Das war ihr Truck.
„Hier sind wir“, sagte Walker, während er mit dem Zeigefinger auf das blaue LKW-Symbol zeigte.
„Hier liegt bekanntlich der Militärstützpunkt“, fuhr er fort, während sein Finger auf dem etwa zehn Zentimeter nach oben, auf ein dickes, schwarzes Quadrat, über dem die US-Flagge prangte, rutschte.
Das amerikanische Militär hatte vier offizielle Stützpunkte in Afghanistan: einen ganz im Norden in Masar-e Sharif, wo auch die meisten europäischen Staaten ihre Militärpräsenzen aufwiesen, zwei im Osten, wovon einer in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, und einer noch etwas weiter östlich in Bagram am Fuße des Hindukusch lag. Der vierte befand sich im Süden in Kandahar in der gleichnamigen Provinz.
„Das da ist unser Lager. Von dort sind wir gerade aufgebrochen“, ergänzte er, während sein Finger nun wieder ein Stücken zurück nach Süden fuhr. Sein Finger stoppte, als er an einem weiteren schwarzen Quadrat ankam, über dem eine Miniaturausführung des Marid-Logos zu erkennen war: das Symbol für ihr Söldner-Camp.
Auch Marid hatte Stützpunkte in Afghanistan, und zwar exakt an allen vier Stellen, an denen sich auch die amerikanischen Militärbasen befanden. Die Stützpunkte lagen jedoch stets etwas abseits der Hauptstraßen und auch abseits der Basen des Militärs. Niemand sollte bei einer Fahrt durch die Wüste in die Gegend schauen und sich fragen, was „das da hinten“ eigentlich war. Gleichzeitig lagen die Stützpunkte aber so nah, dass die Marid-Söldner schnell zur Hilfe eilen konnten, wenn es mal „brannte“. Da Marid hauptsächlich Aufträge für das US-Militär ausführte, mussten Ziel- und Einsatzorte für ihre Söldner ebenso schnell zu erreichen sein, wie für das Militär selbst. Für den Süden war Panjwai, ein Dorf etwa eine Autostunde südwestlich von Kandahar-City, zur Operationsbasis der lokalen Marid-Operationen auserkoren worden.
„Wir fahren also seit etwa einer halben Stunde Richtung Südwesten“, erläuterte Walker schlussfolgernd.
„Sag bloß …“, dachte Jannik, der die Erklärung als ebenso überflüssig empfand wie die anderen, anwesenden Söldner.
„Ziel ist Maiwand“, stellte Walker klar, während er sich am Gerüst der Plane festhielt und auf die andere Seite des Bildschirms schwang, um von dort aus besser die nächsten Kartenpunkte erreichen zu können. Er zeigte auf einen runden, roten Kreis am linken unteren Bildschirmrand.
Keines der Marid-Camps in Afghanistan lag in einer friedlichen Zone, aber die Arbeit im Camp in Panjwai war mit Abstand am kampfintensivsten und nervenaufreibendsten als im Rest des Landes, egal, was die übrigen Söldner in Bagram und sonst wo sagten.
Die ganze Provinz Kandahar war ein Hexenkessel, in dem ständig irgendeine Gruppe um die Vorherrschaft eines Dorfes, einer Region oder einer strategisch wichtigen Stelle kämpfte. Kontinuierlich wurden von allen Parteien Grenzposten errichtet, die nach einigen Wochen erobert, zurückerobert und wieder eingerissen wurden, nur damit an anderer Stelle keine 10 km weiter das ganze Spiel wieder von vorn losging. Und war eine Talibangruppe einmal besiegt, bildeten sich Splittergruppen, die sich einige Monate lang in internen Machtkämpfen formten und sammelten, bis sie den Mut und die Struktur hatten, um das zu tun, was ihre Vorgänger getan hatten. Es war wie ein ewiges Spiel, dem ständig neue Spieler beitraten, austraten und wieder beitraten und bei dem jeder Sieg nur ein Punkt auf einer Liste war, mit dem einzigen Unterschied, dass niemand eine Punkteliste führte und es kein Spiel war.
Im Moment fand dieses Nicht-Spiel in Maiwand statt, weshalb sich auch ihr Konvoi auf dem Weg dorthin befand. Maiwand war eine kleine Stadt, die zwei Fahrtstunden westlich von Kandahar-City lag. Die Stadt hatte, abgesehen davon, dass sie sich in der Nähe des Flusses Arghandāb befand, was aber auf etwa zwei Dutzend weitere Dörfer in der Nähe zutraf, keine besondere strategische Bedeutung. Sie war aber aus anderem Grund zum Gegenstand heftiger Konflikte geworden. Mit Maiwand wurde die afghanische Volksheldin Malalai von Maiwand verbunden, die auch als die „Mutter der Nation“ verehrt wurde. Malalai kämpfte im zweiten angloafghanischen Krieg von 1878 bis 1880 gegen die britischen Besatzungstruppen für die Unabhängigkeit Afghanistans. Als sie im Jahr 1880 zum Kriegsende den Märtyrertod starb, wurde sie für ihren mutigen Einsatz gefeiert und fortan für ihre Tapferkeit verehrt. Obwohl sie eigentlich aus Khig, einem anderen Dorf in Kandahar, stammte und auch dort beerdigt wurde, brachte jeder sie in Verbindung mit Maiwand. Wenn Khig angegriffen worden wäre, hätte es wahrscheinlich niemanden interessiert. Die Vorstellung, Maiwand könnte unter die Herrschaft der Taliban fallen, hätte demgegenüber für die afghanische Bevölkerung ein unüberwindbares Trauma bedeutet. Darum hatten afghanische Politiker die amerikanische Regierung so lange gedrängt, bis diese sich bereit erklärt hatte, eine Befreiungsaktion zu starten, um den Überfall auf die Stadt ungeschehen zu machen. Als Gegenleistung hatte die afghanische Regierung versprochen, einen Bericht auszustrahlen, in dem der überregionale Wert der Wiederaufbauarbeit und der zivilen Unterstützungsleistungen der in Afghanistan stationierten US-Truppen hervorgehoben wurde. Unter der Militäraktion „Operation Nationalstolz“ fand deswegen seit einigen Wochen ein Angriffsmanöver statt, das seinesgleichen suchte. Da durften auch Marids Söldner nicht fehlen, und so bereitete auch Jannik sich darauf vor, zum Gedenken an Malalai den Frieden nach Maiwand zurückzubringen.
Walker doppelklickte mit dem Finger auf Maiwand und die Übersichtskarte blendete in eine Detailkarte der Siedlung über. Über ihr prangte der Schriftzug „Maiwand Tactical Map“. Es war eine spärlich bestückte Karte, die aus von einem Militärsatelliten aufgenommenen Bildern zusammengesetzt, von der CIA eilig beschriftet und dann an Marids technische Zentrale weitergeleitet worden war. Dort wurde sie schnell noch optisch angepasst, bevor man sie auf ein paar USB-Sticks lud und dann wie heiße Mandeln an die Instructors verteilte. Und genau so sah sie auch aus.
„Hier unten …“, begann Walker, während er auf ein Gebäude im linken unteren Bildschirmrand zeigte, das mit einem roten X markiert war. „… befindet sich unser taktisches Ziel.“ Walker betonte die Worte „taktisches Ziel“, indem er Silbe für Silbe abgehackt aussprach, als stammten die Worte von einem Roboter. Währenddessen schaute er in die Runde, um sich zu vergewissern, dass er sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden noch gewiss war. Als er zu jedem einmal Augenkontakt gefunden hatte, fuhr er fort.
„Das US-Militär hat einen Tipp bekommen, dass es sich bei dem Gebäude um ein Munitions- und Waffendepot der Taliban handelt. Und da ist noch was: Die Taliban haben eine Waffe gestohlen, die das Militär wiederhaben will. Wir haben Grund zu der Annahme, dass sich die Waffe in dem Depot befindet. Ihr sollt Sie wiederbeschaffen.“, erklärte Walker. Er ließ die Information in der Gruppe sacken.
„Also wir sollen unsere Hand in den Dreck stecken, damit die feinen Soldaten ihr verlorenes Spielzeug wiederbekommen und sich nicht die Hände schmutzig machen – das kennen wir ja schon“, dachte Jannik zynisch.
„Unsere Aufgabe ist es, in das Depot einzubrechen und die Ware zu sichern. Wenn Ihr das geschafft habt, macht ihr Meldung an die Zentrale und die GIs holen die Sachen ab“, erläuterte Walker das Missionsziel.
„Also einbrechen, Ware sichern und warten. Ist das richtig?“, hallte es von Michael, einem der Söldner aus der Runde, wieder. Michael wohnte in den Camp-Quartieren im selben Stockwerk wie Jannik war erst gestern vom zweiwöchigen Einführungslehrgang in Kabul gekommen.
„Richtig“, erwiderte Walker blitzschnell, so als würde er einen Angriff kontern. Dann fuhr er fort. „Im Prinzip also eine einfache Mission. Hingehen. Erobern. Zurückkommen. Fertig“, fasste Walker zusammen.
„Von wegen einfache Mission …“, dachte Jannik und bemühte sich, seine Gedanken nicht laut auszusprechen. „Wenn das wirklich ein Munitionsdepot ist, kommen wir da nicht so leicht rein“
„Euer erster Zwischenstopp ist dieser Dorfbrunnen.“ Walker zeigte auf einen Platz im linken Drittel der Karte. Neben seinem Finger war die Kontur eines Kreises zu erkennen, daneben ein paar schwarze Flecken. Jannik vermutete, dass es verschleierte Frauen waren, die Wasserkrüge trugen. „Wenn ihr es bis dahin geschafft habt, sucht ihr eine sichere Stelle, an der ihr kommunizieren könnt. Dann geht ihr dem Hauptquartier Bescheid“
„Eine sichere Stelle? Als ob es so etwas dort gäbe …“, dachte Jannik. Er musste beinahe lachen angesichts der Behauptung Walkers, blieb aber still.
„Sind noch andere Trupps mit derselben Mission unterwegs?“, fragte Raoul, ein kleiner, pummeliger Puerto-Ricaner mit einem Pfeil-Tattoo im Gesicht, der ganz am Ende der Ladefläche saß.
„Nein“, lautete Walkers schnelle und eindeutige Reaktion. Er schien das Gefühl zu haben, eine Erklärung nachschieben zu müssen. „Aus taktischen Gründen ist nur ein Trupp auf das Ziel angesetzt.“
Aus taktischen Gründen konnte vieles heißen. Von Ihr müsst nicht alles wissen über Was weiß ich? oder Geh mir nicht auf den Sack! bis hin zu einem einfachen Fick dich! konnte es für diverse Antworten stehen. Aber in jedem Fall hieß es immer vor allem eins: Weitere Rückfragen würden nirgendwo hinführen. Also wurden auch keine gestellt.
„Wir sind beinahe angekommen, also verteile ich jetzt die Ausrüstung und wir überprüfen sie gemeinsam“, fuhr Walker fort.
„Immer wieder dieselbe Leier …“, dachte Jannik entnervt.
Walker zog eine klobige, schwarze Kiste unter einer der Sitzbänke hervor und nahm drei schwarze Boxen von unterschiedlicher Größe heraus.
Jede Marid-Söldnerausrüstung bestand, neben der dünnen, aus Kostengründen nicht einmal kugelsicheren Standardeinsatzweste in Schwarz und dem allgemeinen Soldatenspielzeug, aus drei elementaren Kommunikationsgeräten. In konsequenter Fortsetzung der Firmensymbolik hatten sie allesamt offizielle Bezeichnungen, welche an das Wolfslogo angelehnt waren.
Das erste Ausrüstungsstück war das Wolfsherz, ein kleiner schwarzer Apparat von der Größe einer Zigarettenschachtel., der an ein Handy erinnerte. Ursprünglich unter der Projektbezeichnung MCB entwickelt (eine Abkürzung für Marid Communication Batch), war es der Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation auf dem Schlachtfeld. Er enthielt einen Hochleistungssender und -empfänger, der per Satellit eine direkte Verbindung mit der Einsatzzentrale herstellen konnte, wo auch immer auf der Welt der ihn tragende Söldner sich befand. Zudem waren ein Prozessorchip und eine Flash-Festplatte verbaut. Auf der Festplatte war standardmäßig ein simpel strukturiertes Bedienungsprogramm installiert. Dieses Programm hatte nur eine einzige Bedienfunktion: den Benutzer zu identifizieren. Dazu befand sich an der Vorderseite des Geräts ein kleines Touch-Display mit Fingerabdrucksensor. Einmal identifiziert, regelte das System alles andere von allein. Das Wolfsherz war genauso groß, dass es in die linke Brusttasche der Kampfweste passte. Vorschriftsmäßig war es auch genau dort, und nirgendwo anders, aufzubewahren. Weil diese Tasche sich aber auch sehr gut eignete, um Zigaretten zu transportieren, nutzte Jannik seine vor allem dafür.
Das Wolfsherz wurde ergänzt durch die Wolfssicht. Eine hochauflösende Live-Bild-Kamera in Zylinderform, die sich in eine Halterung an der Schulterpartie der Einsatzweste stecken ließ. Sie wurde an- und wieder ausgeschaltet, indem man den Zylinder in der Mitte entweder entgegen oder mit dem Uhrzeigersinn drehte. Knöpfe oder Anzeigen gab es nicht.
Der dritte Teil der Kommunikationsausrüstung war das Wolfsohr – ein minutiöses In-Ear-Kopfhörerstück.
Alle drei Geräte waren in mattschwarz gehalten und mit dem Marid-Logo versehen. Beim Wolfsohr jedoch enthielt es eine kleine Abweichung von seiner üblichen Ausgestaltung. Dort, wo eigentlich das Auge des Wolfs sein sollte, war lediglich eine LED-Leuchte montiert, die rot leuchtete, wenn das Gerät noch mit dem eigenen Wolfsherz synchronisiert werden musste, und grün, wenn die Synchronisierung abgeschlossen war.
„Zuerst die Handys“, begann Walker, öffnete den ersten der drei Kästen, der ein Dutzend Wolfsherzen in einer Schaumstoffpackung enthielt, und reichte ihn Mike, dem Mann auf dem vordersten Sitz in der linken Reihe direkt neben ihm. „Loggt euch ein und steckt die Geräte dann weg.“
Der Kasten ging herum. Als er bei Jannik angekommen war, nahm auch er sich ein Wolfsherz heraus und reichte den Kasten nach rechts weiter. Er malte mit dem Zeigefinger auf dem Display einen Kreis und das Gerät fuhr augenblicklich hoch.
Er tippte sein Passwort ein: seine Dienstnummer, gefolgt von seinem Geburtsdatum – dem 5. Juli 1971.
248-G23-71#507
Das Display strahlte kurz weiß auf.
WILLKOMMEN ZURÜCK
IM RUDEL,
JANNIK TRER!
Jannik hatte jedes Mal ein komisches Gefühl, wenn er seinen eigenen Namen las. Er wusste nicht, was es war. Aber es gab ihm alles andere als das Gefühl von Geborgenheit. Eher als hielte er einen Brief hoch, der nicht an ihn adressiert war. Das ging ihm seit seiner Kindheit so. Das Gefühl kam jedes Mal, wenn er den Briefkasten öffnete und seine Post herausholte, wenn er seine Gehaltsabrechnung studierte oder seinen Personalausweis vorzeigte. Auch als er zu Marid ging, verschwand diese merkwürdige Empfindung nicht. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er gedacht, er hätte jemandem die Identität gestohlen und versucht, damit durchzukommen. Er konnte es sich nicht erklären.
Das Display wurde wieder schwarz. In der Entfernung waren ein paar leise Schüsse und der matte Klang einer detonierenden Bodenmiene zu hören, der eine Fahrzeugachse zerriss. Walker blickte in die Runde.
„Haben jetzt alle ein Batch?“, fragte er, während er die leere Schachtel von rechts entgegennahm. Die leere Verpackung versank wieder im Karton. Ein prüfender Blick auf das Blackberry. Das Display zeigte zwölf grüne Herzen in zwei Reihen. Alles in Ordnung.
„Dann sind jetzt die Ohrstecker dran“, verkündete er und nahm eine zweite, deutlich kleinere Schachtel aus dem Karton und reichte sie herum. „Und passt ja auf, dass ihr das richtige Ohr nehmt. Nicht, dass die Ziegenficker denken, ihr wärt vom anderen Ufer.“
Niemand lachte, außer einem: Michael, der Neuling hatte sich geoutet. Jeder sonst kannte den Witz. Der Witz diente nicht dazu, sie zu erheitern, sondern einzig der Selektion von Veteranen und Neulingen, und er hatte seinen Zweck erfüllt.
Als die Schachtel bei Jannik angekommen war, starrte ihn ein dezimiertes Rudel Wölfe im Miniaturformat mit roten Augen an. Er nahm sich einen heraus und reichte den Kelch weiter. Dann drückte er das kleine Teil an seine Brust und beobachtete es aufmerksam. Nach ein paar Sekunden wechselte die Farbe des Wolfsauges von Rot zu Grün. Jannik steckte es sich ins Ohr und wartete.
„Sie gehören zu Rudel 42“, ertönte es nach ein paar Sekunden in seinem Ohr.
In den Gesichtern der anderen konnte er lesen, dass sie das Gleiche hörten.
„42?“, fragte Michael auf der Suche nach Bestätigung.
„Ja, bei dir auch?“, antwortete sein Sitznachbar Enzo, ein kleiner Südamerikaner mit breitem Kiefer, aus Höflichkeit. Enzo hatte zuvor zwei Jahre in einem Marid-Camp in Venezuela gearbeitet und in der Nähe liegende Drogenfarmen bewacht und war erst vor einem Monat nach Afghanistan gekommen.
„Ja“, bestätigte Michael nochmals.
Erneut warf Walker einen Blick auf sein Smartphone. Auf seinem Display leuchteten zwölf kleine Ohren neben den grünen Herzen auf.
„Ihr müsstet alle zu Trupp 42 zugeordnet sein“, sprach Walker laut und deutlich, während er weiter auf sein Blackberry schielte. „Sind alle zu Trupp 42 zugeordnet?“, sagte er, während er den Kopf hob und sein Blick die Runde machte.
Ein paar nickten und suchten Augenkontakt. Die meisten taten nichts.
„Gut“, stellte er fest. „Dann sind als Nächstes die Kameras dran.“
Schließlich holte Walker eine dritte Schatulle hervor, die etwas kleiner als die Erste, aber etwas größer als die Zweite war. Erneut ging sie herum. Erneut wurde der Inhalt an die Brust gedrückt.
„Kamera synchronisiert“, erklang es in ihren Ohren.
Dann verschwand der Inhalt in der vorgesehenen Halterung an der Schulter und die leere Box im Karton. Ein zweites Symbol erschien neben den Herzen auf dem Display. Der Instructor machte ein zufriedenes Gesicht. Alles erledigt. Er drückte mit dem Daumen auf Enter und das Blackberry wanderte wieder in die Hosentasche.
„Nur noch fünf Minuten!“, brüllte Walker in die Runde, während er seine ausgestreckte Hand, von der er alle fünf Finger spreizte, herumzeigte wie ein Sammelbild.
Mit Ausnahme von Wolfssicht, Wolfsohr und Wolfsherz, den Sammelsurien aus der Sockenschublade, der Einsatzweste und der Kampfstiefel war einem als Söldner bei Marid die übrige Ausrüstung, allem voran die eigene Kleidung, selbst überlassen.
Entsprechend divers war das Erscheinungsbild der Söldner. Lange schwarze Hosen und Oberteile, beige Kakihosen, Shorts, T-Shirts – alles war erlaubt. Die meisten trugen wegen der Hitze dünne oder helle Kleidung. Manche trugen unter den Einsatzwesten nur Unterhemden, damit die Ärmel der Weste an den Schultern nicht so scheuerten. Lange schwarze Kleidung wie bei den Special Forces oder sogar eine Kopfbedeckung war oft ein Zeichen dafür, dass jemand gerade erst bei Marid angefangen hatte. Erfahrene Söldner versuchten üblicherweise mit allen Mitteln, die lockeren Kleidervorgaben zu nutzen, um zusätzliche Hitze im Einsatz zu vermeiden.
Jannik trug meistens sandfarbene Cargohosen aus Baumwolle oder einfache Farmerhosen aus Leinen und einfarbige, weiße T-Shirts mit einem weiten V-Ausschnitt, bei denen er an besonders heißen Tagen die Ärmel aufrollte oder unter die Weste stopfte. Es war günstige, schnörkellose Kleidung, die man im Zweifel einfach wegwerfen und durch einen Einkauf auf einem der Wochenmärkte in Kandahar City für kleines Geld ersetzen konnte. Heute hatte er sich am Vormittag für eine von fünf identischen Cargohosen mit abtrennbaren Beinen entschieden, bei der er nur das linke untere Bein abgetrennt, das rechte dagegen lang gelassen hatte. Bei seinem T-Shirt dagegen hatte er nur den rechten Ärmel abgerissen.
Die ungleichmäßigen Klamotten waren einer dieser Späße, mit denen die Söldner ihre Individualität und ihr ungestümes Wesen zum Ausdruck brachten und mit denen Jannik die dröge Alltagsroutine zu seiner Belustigung aufheiterte.
Vor allem aber kamen so seine Tattoos zur Geltung. An seinem rechten Oberarm kam so ein umgedrehtes Dreieck zum Vorschein, in dessen Mitte ein Wolfskopf prangte, der an das Marid-Logo angelehnt war. Darunter eine römische Drei, als Zeichen dafür, dass er bereits drei Jahre im Dienst von Marid stand. An seiner linken Wade prangte das gleiche Tattoo, nur etwas ausgebleichter, da es bereits zwei Jahre älter war, und mit einer römischen Eins unter dem Dreieck versehen. Bald würden es fünf Jahre sein und ein neues Tattoo würde fällig werden, diesmal auf seiner Brust.
Aus der Entfernung hörte man die Schüsse lauter werden. Das dumpfe Rumpeln von Explosionen hallte durch die sandige Luft.
„Handgranaten? Unwahrscheinlich. Raketen? Hoffentlich nicht.“, überlegte Jannik. Stellenweise wurde das Knallen von einzelnen Schreien übertönt. Der Klang von Zerstörung empfing sie wie das Gedudel einer Einkaufsmall. Das Ruckeln unter den Füßen wurde stärker. Der LKW verließ die Straße.
Jannik überprüfte sein Magazin. Er holte es heraus und drückte mit dem Daumen auf die obere Kugel, um sicherzugehen, dass es voll war. Die Kugel gab nicht nach. Fürs Erste hatte er 40 Schuss. Er zog den Verband um das Magazin stramm und steckte es wieder herein. Es klickte. Er liebte dieses Geräusch. Jeder Söldner liebte dieses Geräusch. Es war die Art der Waffe, vor ihrem Besitzer zu salutieren. „Ich bin bereit!“, sprach sie. „Mach von mir Gebrauch!“
„Scheint zu funktionieren“, dachte Jannik und glitt, um sich zu kratzen, unbewusst mit den Fingerkuppen über seinen rechten Unterarm, dessen Haut beinahe vollständig verbrannt war. Bei einem Bundeswehr-Einsatz in der Umgebung von Camp Marmal hatte die Frau einer Familie, die sie über die Taliban-Besetzung in ihrem Dorf ausgefragt hatten, sich gegen die Soldaten mit heißem Wasser wehren wollen und ihn und zwei seiner Kameraden mit kochendem Wasser aus einem Kochtopf überschüttet. Seitdem war sein Unterarm bis zu den Haarwurzeln verbrannt und fühlte sich an wie das Leder eines Fußballs.
Die Schüsse draußen wurden immer lauter. Die weiteren Trucks der Kolonne mussten jetzt dicht nebeneinander fahren, statt wie bislang hintereinander. „Strategische Truppendeportierung“ hieß das im Fachjargon. Doch um das zu verstehen, musste man kein Fachmann sein. Wenn die LKW dicht nebeneinander fuhren, konnten die Feinde nicht auf alle auf einmal schießen und die Überlebenschancen für die Insassen stiegen. So einfach war das.
Der LKW fuhr einen großen Bogen.
„Es geht los …“, dachte Jannik.
„Alles klar, wir drehen uns jetzt, damit ihr direkt in Laufrichtung aus dem Truck springen könnt. Ihr springt in der Reihenfolge, wie ihr jetzt sitzt. Möglichst immer zu zweit, verstanden?“ Walker machte keine Pause, um die Antwort abzuwarten. Die Frage war rein rhetorisch.
„Danach rennt ihr sofort los und haltet nicht an, bis ihr in Deckung seid. Euer erstes Ziel ist der Brunnen in der Mitte des Dorfes, kapiert?“, erklärte Walker und machte eine weitere, seiner theatralischen Pausen. „Wenn ihr dort angekommen seid, gebt kurz Bescheid oder wartet auf weitere Befehle, bevor ihr zum Waffenlager weitermarschiert. Euer Taxi kommt voraussichtlich in vier Stunden, wenn alles glattgeht. Es kann länger dauern, wenn die GIs auf sich warten lassen.“
„Wenn die GIs auf sich warten lassen, brauchen wir kein Taxi mehr …“, stellte Jannik für sich fest.
„Braucht noch jemand ein Stirnband?“, fragte Walker in die Runde. Die Frage schien Jannik etwas aus dem Zusammenhang gerissen. Walker hielt ein paar schwarze Stoffstücke mit einem Wolfslogo darauf in der Hand und bot sie jedem einmal in der Runde an. Er erntete nur Kopfschütteln.
Janniks dickes, kastanienbraunes Haupthaar war oben gut zwanzig Zentimeter lang. Er hatte es seit einem Jahr nicht schneiden lassen. Trotzdem kam es für ihn nicht infrage, ein Stirnband anzulegen oder sich die Haare auf ein paar Millimeter herunter zu trimmen, wie es viele Söldner der Einfachheit halber taten.
Stattdessen gab er morgens eine walnussgroße Portion Pomade in die Haare und kämmte sie sich nach hinten, damit sie ihm nicht ins Gesicht fielen. Meist hielt die Frisur jedoch nicht länger als bis zum Ende der morgendlichen Fahrt.
Jeffrey, ein glatzköpfiger Kongolese, der neben Jannik saß, nahm schließlich doch eins von Walkers Stirnbändern, band es sich um und blickte stolz in die Runde.
„Seht her!“, rief Jeffrey, während er sich aufrichtete und seine Fäuste zu den Seiten ausstreckte, als würde er zwei Schwerter ziehen. „Ich bin ein waschechter Ninja. Ein Kongo-Killer-Ninja.“
Alle lachten, selbst Walker. Auf die optische Erscheinung wurde bei Marid kein Wert gelegt. Jannik war das willkommen. Nicht nur seine Haare, auch seinen Bart ließ er anstandslos wachsen. Janniks bauschiger Bart konnte mühelos mit jedem Großstadthipster mithalten. Er hatte sich seit über einem Monat nicht rasiert und wirkte durch seine langen Haare, seinen vollen Bart und seine starke Behaarung an den Unterarmen tatsächlich ein wenig wie ein Wolf.
Wenn der Job bei Marid einen Vorteil gegenüber seiner ehemaligen Anstellung bei der Bundeswehr hatte, dachte Jannik zuweilen, dann, dass ihm niemand mehr Vorschriften über sein Aussehen machte. Auch nicht, wenn man wie ein Wolf aussah. Jannik dachte kurz an seinen Vater, von dem er die Haare geerbt hatte.
„Tut mir leid für den Pelz“, hatte sein Vater, der allseits geschätzte Elias Trer, ihm schon als Kind immer gesagt. Elias hatte sich schon im Vorfeld für Janniks Körperbehaarung, die er als Erwachsener bekommen würde, entschuldigt. „Den hast du von mir. Dafür hast du die blauen Augen von deiner Mutter.“
„Ist das etwas Gutes?“, hatte Jannik ihn gefragt, während er sich, vor ihm sitzend zu seinem Vater umdrehte und in sein bärtiges Gesicht mit dem großen Brillengestell auf der Nase blickte.
„Ich habe mich damals sofort in sie verliebt“, hatte Janniks Vater geantwortet und ihm über den Kopf gestreichelt.
„Bei Jawe, sie war eine schöne Frau! Sie ist es noch immer. Ich stellte mich ihr vor und sagte: ‚Ich heiße Elias‘. Johanna‘, hat sie geantwortet und mir dabei direkt in die Augen gesehen. Ein Blick und es war um mich geschehen. Wenn du erwachsen bist, Junge, werden viele Frauen deinen Augen so erlegen sein wie ich deiner Mutter erlegen war. Schöne Augen können selbst ein widerspenstiges Herz erlegen wie eine Flinte ein starkes Tier“, hatte Elias ihm erzählt, ohne dass Jannik es damals wirklich verstand. „Und es ist allemal besser, als wenn du meine Nase bekommen hättest“, hatte er spaßeshalber hinzugefügt.
„Glaub mir, mein Junge. Wenn du Jude bist, hast du es bereits schwer genug in diesem Land. Man gönnt dir nichts und das bisschen, was du dir hart erarbeitest, nehmen sie dir auch noch weg“, sagte Elias ihm immer gesagt. „Und wenn du auch noch eine große Nase hast, ist es gleich doppelt so schwer“, scherzte er noch halbherzig.
Janniks Vater Elias hatte diese zynische Selbstironie, die Jannik erst nach lange nach dem Tod seines Vaters verstand. Jannik hatte erst ein erwachsener Mann werden und lernen müssen, wie man Juden in der Welt da draußen noch heute behandelt, bevor er verstehen konnte, was sein Vater hatte schultern müssen und wie leicht er damit umzugehen schien.
Für ihn war er immer nur „Papa“, aber für die Öffentlichkeit war Elias H. Trer gewesen – erster jüdischer Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland. Geboren in Hamburg-Barmbek, wo auch Jannik geboren und aufgewachsen war, seit Studienzeiten Mitglied der SPD, später Rechtsanwalt, seit 1965 Mitglied des Bundestags und schließlich 1978 vereidigt von Urgestein Helmut Schmidt höchstpersönlich. Janniks Vater war der ganze Stolz ihres Viertels und der jüdischen Gemeinde gewesen.
Solange, bis 1981, ein Jahr vor Ende seiner Amtszeit, zwei Anhänger einer rechtsradikalen Gruppierung Elias Trer gemeinsam mit seiner Frau Johanna auf offener Straße direkt auf dem Stephansplatz mit Maschinenpistolen bei einem Besuch der Hamburger Staatsoper niederschossen. Jannik war damals neun Jahre alt gewesen, es war eine Woche vor seinem zehnten Geburtstag, als ein gutes Dutzend Männer von der Geheimpolizei, begleitet von noch einmal so vielen Ermittlern der Mordkommission, bei ihm und seiner Tante Esther, Elias jüngerer Schwester, vor der Tür standen. Seine Tante Esther hatte ihnen, wie für sie üblich nur mit ihrem Bademantel und Hausschuhen bekleidet, die Tür geöffnet. Der zehnjährige Jannik hatte sich aus Angst hinter ihr versteckt und sich an ihrem Bademantelgürtel festgehalten.
Die ernst dreinschauenden Männer von der Geheimpolizei in ihren schwarzen Trenchcoats hatten ihr unter ihren Regenschirmen die Dienstausweise ins Gesicht gedrückt und Esther gesagt, dass ihr Bruder und seine Frau von Unbekannten ermordet worden waren. Man vermute eine rechtsradikal motivierte Tat, wisse aber noch nichts Genaueres. Man müsse dringend mir ihr sprechen, auch wegen der „Sorgerechtssituation“. Esther und Jannik verbrachten den weiteren Abend im Rathaus und den Folgetag in einem Büro im Verteidigungsministerium, und als sie nach zwei Tagen Formalitäten-Marathon wieder nach Hause kamen, war Jannik nicht mehr derselbe. Viel von ihm war in dieser Nacht gestorben. Der übrige Rest blieb in den kalten Fluren und Besprechungsräumen des Rathauses und des Ministeriums. Und das kleine Bisschen, was übriggeblieben war, schleppte er seitdem mühsam durch die Welt, in der stillen Hoffnung auf Erlösung, und sei es nur in Form des Todes.
Janniks junge Kinderseele war hungrig auf das Leben gewesen und das, was kam, und gleichzeitig war sie so satt von dem, was das Leben ihm in jungen Jahren bereits angetan hatte. Erst als er mit 18 zur Bundeswehr ging, entdeckte er die Sonnenseite des Lebens wieder. Das harte körperliche Training gefiel ihm gut. Der Zusammenhalt der Truppe gab ihm ein Gefühl von Gemeinschaft. Das erste Mal seit Langem hatte er wieder das Gefühl, Teil des Lebens zu sein. Und er hatte wieder einen echten Freund gefunden. Linus war ebenfalls mit 18 zur Bundeswehr gegangen, ebenfalls Jude gewesen und im Waisenhaus aufgewachsen. Sie hatten ähnliche Wege beschritten und sich vom ersten Tag der Grundausbildung an verstanden.
2001 wurden Jannik und Linus mit vielen anderen als erste deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert, nachdem die Bundesregierung den USA ihre „uneingeschränkte Solidarität‘ ausgesprochen hatte. 2003, im Alter von 32 Jahren, wurde Jannik aufgrund seiner Leistungen im Einsatz zum Major befördert. Jannik hatte sich oft gefragt, ob sein Aufstieg zum Major eine dieser Beförderungen war, die den anspruchsvollen Bedingungen in Afghanistan geschuldet war – ausgesprochen, um ihn motiviert zu halten, und nicht wegen seiner Leistung. Linus‘ Beförderung hatten sie übergangen, obwohl er sie aus Janniks Sicht mindestens genauso verdient hatte wie er. Als Jannik ein Jahr nach seiner Beförderung einen Abend in einer Kneipe mit ein paar anderen Offizieren verbrachte, rammte ein rechtsradikaler Kamerad Linus unter der Dusche ein Messer in den Bauch und ließ ihn auf den Badezimmerfliesen verbluten. Jannik würde nie vergessen, wie er über Linus sterbendem Körper gebeugt war und gesehen hatte, wie er das Leben aushauchte.
Jannik hatte sich dafür gerächt, den Namen des Mörders seines Freundes aus seinen Kameraden herausgeprügelt und ihm schließlich so zugesetzt, dass der Mörder noch in derselben Nacht ebenfalls seinen Verletzungen erlag. Für Jannik war das Gerechtigkeit, aber sein damaliger Oberbefehlshaber nannte es „Selbstjustiz“ und eine „für einen Offizier nicht verzeihbare Verfehlung“. Er hatte seine unehrenhafte Entlassung befehligt und ihm weismachen wollen, dass sie noch die mildere der beiden in Betracht gezogenen Alternativen gewesen sei.
Aus Rücksicht vor seinem „familiären Hintergrund“ würden sie es vorziehen, ihn nicht vor ein Kriegsgericht zu stellen. Zuerst hatte er gedacht, sie würden ihm damit einen Gefallen tun wollen. Doch im Nachhinein war ihm klargeworden, dass sie sich damit vor allem selbst einen Gefallen tun wollten. Wer wollte schon den Sohn des ersten jüdischen Verteidigungsministers anklagen, wenn der Grund für seine Tat der Mord an einem anderen Juden war? Ein potenziell rechtsradikal motivierter Mord innerhalb der Bundeswehr hätte nicht gerade positive Schlagzeilen nach sich gezogen. Seinem Oberbefehlshaber schien schnell klar geworden zu sein, dass ein Gerichtsverfahren eine Katastrophe für alle Beteiligten geworden wäre, egal, wie das Urteil gelautet hätte. Jannik den Prozess zu ersparen, war also weder Nachsicht noch Gefälligkeit gewesen, sondern schlichtweg Eigennutz.
Letztendlich, so hatte Jannik für sich festgestellt, hatten sie sich nur um die einzige Wahrheit gedrückt, welche der Grund für den ganzen Schlamassel seit seiner Kindheit gewesen war: dass in der Bundeswehr, egal, ob an ihrer Spitze oder an ihrem Bodensatz, kein Platz für Juden war.
Nach Linus‘ Tod wurde Jannik erneut in eine tiefe Krise gestürzt. Die Bundeswehr und sein bester Freund, die beiden einzigen Dinge, die ihm nach dem Tod seiner Eltern Sinn gestiftet hatten, waren am selben Tag und mit derselben Unvorhersehbarkeit aus Janniks Leben getreten wie damals seine Eltern. 2004, mit 33 Jahren, stand er wieder vor demselben Nichts, vor dem er bereits mit zehn Jahren gestanden hatte. Wie bereits mit zehn Jahren hatten ein paar Nazis ihm alles genommen, was ihm lieb war. Und so wie mit zehn Jahren wünschte er sich auch mit 33, wieder zu sterben. Die Rache an Linus‘ Mörder hatte Jannik nicht von den Schmerzen befreit, die Linus Tod bei ihm verursachte: Janniks Geister, die die Ärzte in seiner Kindheit ‚Depressionen‘ getauft hatten, kehrten zurück.
„Was macht man, wenn man die letzten 15 Jahre bei der Bundeswehr als Soldat verbracht hat und sonst nie irgendetwas Vernünftiges gelernt hat?“, war eine Frage, die ihm danach nicht mehr aus dem Kopf ging. „Geht man zu einer Sicherheitsfirma und wird Türsteher oder Bodyguard? Oder fängt man noch mal eine neue Ausbildung an? Ganz von vorn, quasi ein kompletter ‚Neustart‘?“
Jannik hatte die Antwort auf dem Boden eines Glases gesucht und gefunden: Saufen, bis der Tod einen endlich holt. Es wäre auch beinahe so weit gewesen, hätte ihm nicht ein guter Engel in Gestalt seines zukünftigen Söldnerkollegen Jãbo eines Abends in einer Bar eine Visitenkarte, auf der das Marid-Logo und die Telefonnummer eines Marid-Recruiters aufgedruckt war, in die Hand gedrückt.
„Wenn du mal einen Abend ne Pause von der Flasche brauchst“, hatte Jãbo ihm gesagt. „Dann schick doch mal deinen Lebenslauf hin. Die suchen Leute wie dich.“
„Leute wie mich?“, hatte Jannik sich gefragt. „Was heißt ‚Leute wie mich‘?“ Er hatte noch einige Abende bei der üblichen Menge Alkohol darüber nachgedacht und immer wieder am Tresen die Visitenkarte betrachtet. „Warum nicht?“, hatte er sich schließlich gesagt. „Was habe ich schon zu verlieren?“
Und ehe er sich versah, hatte Jannik ein Zimmer im Marid-Camp und ein Gewehr aus der Sockenschublade in der Hand. Endlich hatte er wieder eine Ablenkung und er konnte er wieder tun, was er am besten konnte: töten. Seitdem wartete er tagtäglich, dass der Schatten seines Daseins endgültig in der Wüste verblasste und er von seinem Leid ein für alle Mal erlöst wurde.
1. Oktober 2004 – seit diesem Datum war Jannik als Söldner bei Marid unter Vertrag. Rund viereinhalb Jahre trug er mittlerweile bereits das Wolfslogo auf seiner schwarzen Einsatzweste. Bald hatte er ein kleines Jubiläum zu feiern und seinen 38. Geburtstag – vorausgesetzt, ihn erwischte in den nächsten beiden Monaten keine Kugel.
Der Beruf als Söldner machte Jannik Spaß und lenkte ihn von den Geistern seiner Vergangenheit ab. Aber überwunden hatte er sie nicht. Seit dem Ausscheiden aus der Bundeswehr hatte Jannik endgültig nichts mehr von Leben gewollt. Daran hatte auch seine neue Anstellung bei Marid nichts ändern können. Aber das Leben hatte offenbar viel von ihm gewollt. Es hing an ihm wie eine Krankheit. Fremde wollten ihm einen Job vermitteln, angebliche Freunde wollten ihn besuchen, Mitarbeiter von Behörden wollten ihm einen Weg zurück ins Berufsleben zeigen und Frauen wollten mit ihm zusammen sein. Und jetzt gerade wollte Walker, dass Jannik ihm zuhörte.
„Aufpassen!“, zischte Walker in Janniks Richtung, als er merkte, dass Jannik etwas geistesabwesend war. Jannik gehorchte und nickte Walker zur Bestätigung zu.
Walker ballte die rechte Hand zu einer Faust und ließ sie an seiner Brust abprallen. Dann hob er sie in die Luft. Es war eine archaische Geste, so alt wie die Menschheit selbst und so unmissverständlich wie kaum eine andere Geste. Kraft. Stolz. Glück. Zuversicht. All das sollte sie ausstrahlen. Und das tat sie auch. Sie war so abgedroschen wie effektiv.
„Für das Rudel!“, rief Walker, als seine Faust in der Luft erstarrte.
„Für das Rudel!“, hallte es aus der Gruppe zurück. Jeffreys Schrei war besonders deutlich.
Jannik empfand den Ruf mehr als halbironischen Glückwunsch wie ein „Möge die Macht mich euch sein!“ Daher antwortete er Walker auch nicht, sondern strich sich in vorgetäuschter Konzentration durch die Haare. Sofort erntete er den ein oder anderen abfälligen Blick dafür, aber er war das gewohnt.
Der Laster kam zum Stillstand. Jannik spürte das Ruckeln der Fahrzeugachsen beim Stoppen des LKW.
„Los!“, schrie Walker.
Eilig schlug Raoul die Plane vor der Ladeluke weg, sprang gemeinsam mit Coleman, seinem gegenüberliegenden Sitzpartner, durch die sich auftuende Öffnung und rannte los. Sonnenstrahlen schimmerten herein und wurden sofort danach durch das Zurückflattern der Plane wieder verbannt. Eine Salve Kugeln traf hörbar den LKW. Das nächste Sitzpaar, bestehend aus Pedro und Enzo, schlug die Plane auf, schwang sich hinaus und rannte los. Ihnen folgten mit einem rasanten Sprung die nächsten beiden.
„Weiter, weiter!“, rief Walker von hinten. „Die nächsten!“
Jetzt war Jannik dran, zusammen mit Michael. Jannik hielt die Plane auf und Michael sprang heraus. Aber Michael rannte nicht sofort los, sondern pfriemelte stattdessen irgendwas an seinem Gewehr.
„Hat er nicht gehört, dass er sofort losrennen soll?“, dachte Jannik. „Egal. Dafür ist jetzt keine Zeit.“
Jannik folgte Michael nach draußen.
„Endlich wieder festen Boden unter den Füßen“, dachte er, als seine Stiefel den heißen Sand berührten. Kaum hatte er den Gedanken gefasst, bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie Michael von einer Kugel in die Stirn getroffen wurde. Jannik hatte keine Zeit nach ihm zu sehen, geschweige denn, ihm zu helfen. Er tat, was Michael hätte tun sollen: Er rannte sofort los.
2
Marid-Söldner wurden nicht direkt am Einsatzort ausgesetzt, weil die tatsächlichen Einsatzgebiete mit Transportern nur schwer zugänglich waren. Das kurze Stück Strecke vom Abladepunkt der Trucks bis zum ersten Eckpunkt des Zielgebiets – die Landebahn, wie die Söldner sie nannten – war deshalb kritisch.
Die Landebahn von Maiwand bestand aus einer etwa einen Kilometer breiten, hügeligen und minenverseuchten Ackerfläche, in deren Mitte eine bis zur Unkenntlichkeit zerbombte Straße bis zum Dorfeingang führte. Am Dorfeingang hatten Militär und PMCs einen Feuerschutz bietenden Schützengraben errichtet, der eine erste Möglichkeit für eine Orientierung und eine Verschnaufpause bot. Doch bis zum Schützengraben gab viele Möglichkeiten einen Fehler zu machen. Und der größte Fehler, den man machen konnte war stehen zu bleiben.
Janniks Söldnerkollege Jãbo hatte ihm deshalb vor der Nacht seines ersten Einsatzes einen Tipp gegeben, der noch immer in ihm nachhallte:
„Was auch immer du auf der Landebahn tust, Jannik … bleib niemals stehen!“, lautete der dringliche Ratschlag.
Mit der Hetze von Hunden auf Fuchsjagd hasteten die ankommenden Marid-Söldner von den Transportern in Richtung Dorfeingang.
Mitten in der Fuchsjagd rannte der haarige Wolf Jannik. Die heiße Glut der Sonne knallte ihm auf die Stirn und trieb ihm nach nur wenigen Metern bereits den Schweiß ins Gesicht. Mit seinen feuchten Händen umklammert er sein Gewehr. Das Adrenalin schoss ihm in den Kreislauf, als hätte man ihm kurz vor dem Absprung eine Spritze verpasst.
Das Adrenalin übertönte seinen depressiven Anflug und im Moment zählte für ihn vor allem eins: Überleben um jeden Preis. Er wich dem MG-Feuer der auf den Häuserdächern lauernden Taliban- und Milizkämpfer aus, die mit schweren Maschinengewehren auf die herannahenden Söldner feuerten. Die Kugeln einer breiten Salve verpassten ihn nur knapp. Sein Nebenläufer hatte weniger Glück. Das großkalibrige Dauerfeuer erfasste ihn und er fiel mit einem stumpfen Keuchen vornüber in die trockene Erde. Eine Miene explodierte vor Jannik und schleuderte ihm die Überreste von etwas, das bis vor einigen Sekunden der Arm seines Vordermanns gewesen war, gegen die Brust, während er im Rauch der Explosion einen Haken schlug.
An einer Barrikade wich es aus und hüpfte stattdessen über ein breites Schlagloch. Jeder Schritt schien sich endlos in die Länge zu ziehen. Er kam dem Ziel ersichtlich näher und doch lagen noch immer ein Dutzend Möglichkeiten zu sterben zwischen ihm und seinem Ziel. Aber schließlich, entgegen aller Erwartungen, kam er an.
Janniks Stiefel rutschten über ein paar verschlissene Sandsäcke in ein Stück aufgesprengte Straße, das in den rettenden Schützengraben umgebaut worden war. Er war drin. Die erste Hürde war geschafft.
Mit nervösen Mienen sahen die im Graben in Deckung hockenden Söldner sich gegenseitig an.
„42?“, fragte Raoul und zeigte mit dem Lauf seiner Waffe auf Jannik. Raouls Pfeil-Tattoo pulsierte neben der großen Schlagader an seiner Stirn. Jannik nickte und drückte den Lauf von Raouls Gewehr mit der Handfläche etwas nach unten. Offensichtlich hatte Raoul ihn in der Hektik nicht wiedererkannt.
„42?“, fragte Raoul, nun an Coleman gerichtet, einen jungen, blonden Engländer mit kurzen Haaren, der neben Jannik im Schützengraben hockte.
Coleman hatte früher beim 21. Regiment der Queen's Guards in London gedient und vor ein paar Jahren seine Bärenfellmütze gegen eine Marid-Weste getauscht. Jannik hatte ihn einmal gefragt, warum. Ihm erschien es nicht logisch, dass jemand eine Anstellung bei den Queen's Guards gegen die Hölle bei Marid eintauschte. Aber als Coleman abgewunken hatte, fragte Jannik nicht weiter nach. Jannik hatte selbst eine Geschichte, über die er nicht gern sprach. Jeder bei Marid hatte eine Geschichte. Und die wenigstens waren ruhmreich. Sie alle endeten mit einem alten Gewehr aus der Sockenschublade und einer schwarzen Kampfweste.
Coleman nickte ebenfalls. Raoul schien zufrieden.
„42?“, brüllte Raoul durch den ganzen Schützengraben. Ein paar entfernt stehende Söldner drehten sich kurz um und wandten sich dann wieder ab. Keiner von ihnen antwortete auf Raouls Ruf. Stattdessen begannen sie selbst, auf der Suche nach weiteren Mitgliedern die Nummern ihrer Rudel durch den Schützengraben zu brüllen.
„Dann sind wir zu dritt“, stellte Raoul fest.
„Michael hat‘s bereits beim Aussteigen erwischt“, sagte Coleman. „Ich hab‘s gesehen.“
Jannik nickte, die Nachricht bestätigend, ohne selbst etwas hinzuzufügen. Er überlegte, dass Michael ungefähr in Colemans Alter gewesen war und ihm fiel wieder ein, wie sie sich Coleman und Michael gestern Abend nach Michaels Ankunft im Camp über ein Spiel des FC Barcelona gegen Real Madrid unterhalten hatten. Der FC Barcelona hatte gewonnen und Coleman hatte ihm dafür Geld geschuldet. Michael war leidenschaftlicher Fan des FC Barcelona gewesen, Coleman dagegen ein eingeschworener Fan von Real Madrid. Für Jannik hatte es immer nur den HSV gegeben. Das hatte ihn bereits deutlich mehr Geld gekostet als Michael und Coleman zusammen.
Coleman war jetzt 27, Michael war 25 gewesen, als ihn vor wenigen Augenblicken im Beisein Janniks eine Kugel in den Kopf traf.
„Viel zu jung zum Sterben. Und viel zu jung für diese Art von Krieg“, dachte Jannik.
„Aber gibt es überhaupt das richtige Alter für diese Art Krieg?“, war Janniks nächster Gedanke. Er war zehn Jahre älter als Coleman. Aber bereit fühlte er sich an keinem Tag. Allenfalls merkte man ihm seine mangelnde Bereitschaft nach den vier Jahren, die er nun bei Marid arbeitete, weniger an als zu Beginn.
„Hartes Sperrfeuer heute“, meinte Raoul.
„Das Sperrfeuer ist immer hart“, dachte Jannik.
„Das stimmt“, antwortete Coleman Raoul.
„Wir können froh sein, es geschafft zu haben“, sagte Jannik und ließ sich widerwillig auf das Gespräch ein. „Da sagst du was“, sagte Raoul und nickte, als hätte Jannik gerade eine bahnbrechende Erkenntnis ausgesprochen.
„Bescheuerter Schützengraben-Smalltalk …“, dachte Jannik im selben Augenblick. Jannik, Coleman und Raoul warteten, dass weitere Rudelmitglieder zu ihnen stießen, und schwiegen sich für einige Augenblicke an. Raoul lief nervös umher und schaute zu den anderen Rudeln, um sich zu vergewissern, ob er nicht doch jemanden wiedererkannte, während Coleman mit der plötzlichen desinteressierten Abwesenheit eines jungen Mannes in die Hocke ging und auf den Boden starrte. Jannik lehnte sich an die Innenseite des Grabens und beobachtete das über ihre Köpfe hinwegschießende Feuer von Gewehrsalven. Söldner um Söldner rutschte zu ihnen in den Schützengraben. Die in den Graben strömenden Söldnerrudel sortierten sich. Zur Enttäuschung von Jannik und seinen Kameraden stammte jedoch keiner von ihnen aus Rudel 42.
„Sind etwa schon alle tot?“, dachte Jannik. „Das wäre neuer Landebahn-Rekord.“
Dann erkannte Raoul jemanden wieder, der einige Meter neben ihnen in den Graben rutschte. Es war Mike, der gegenüberliegende Sitzpartner von Raoul – ein großgewachsener Amerikaner mit breiten Schultern, schwarzen Haaren und großen Händen, die ein altes M4-Gewehr umklammerten. Mike erkannte Raoul ebenfalls und nickte ihm zu.
„Wo ist der Rest?“, fragte Mike, als er zur Gruppe stieß.
Jannik zuckte mit den Schultern. Er bemerkte, dass Mike neben ihm von den Vieren der einzige war, der ein Marid-Tattoo auf dem Oberarm hatte. Folglich war auch er bereits mindestens drei Jahre als Söldner bei Marid.
„Vielleicht am Brunnen“, wandte Coleman ein. „Walker hat gesagt, wir treffen uns am Brunnen“, rief Coleman den anderen ins Gedächtnis.
„Wir sind jetzt zu viert. Sollen wir noch warten oder gehen wir zum Brunnen?“, sagte Raoul und blickte fragend in die Runde.
„Warten. Gehen. Ist doch alles scheißegal. Früher oder später müssen wir alle gehen, egal, wie lange wir warten“, dachte Jannik, von einem seiner manisch-depressiven Gedankenschweife erfasst.
„Lasst uns gehen“, ergriff Mike die Initiative und war bereits im Begriff, den Schützengraben am anderen Ende wieder zu verlassen. Jannik, Raoul und Coleman folgten ihm.
Sie kletterten aus dem Feuerschutz des Schützengrabens und machten Platz für die hinten nachrutschenden Kameraden.
Behutsam schlichen sie zu viert über die hinter dem Schützengraben liegende Eingangsstraße von Maiwand. Schnell wechselten sie von der offenen Straße auf den überdachten Bürgersteig, um im Schatten der Balkone Schutz zu suchen.
Ständig kontrollierten sie nach links und rechts in die Seitengassen oder Hauseingänge. Noch war niemand zu entdecken. Sie hörten nur das Schreien sterbender Menschen in unbestimmbarer Nähe.
Die Häuser auf dem breiten Eingangsstraße entsprachen der üblichen, afghanischen Dorfarchitektur mit Wänden aus rotem Ton, sandigem Lehm und weichem, weißen Stein. Die Scheiben vor den grobmaschig vergitterten und ausnahmslos rechteckigen Fenstern waren größtenteils zerbrochen. Auf dem Boden vor den Eingängen lagen zersplitterte Fensterläden.
Janniks Aufmerksamkeit wurde kurz von einem Fensterladen gefesselt, der sich löste und auf dem Boden vor dem Hauseingang zersplitterte, als ein junge mit kurzen schwarzen Haaren und einem Bürstenschnitt sprang hinter einem Autowrack hervor. Barfuß rannte er schreiend über den heißen Asphalt in Richtung des Schützengrabens. Mike, Raoul und Coleman waren für einen Moment zu perplex, um die Sprengstoffweste um die Brust des Jungen und den Totschalter in seiner hochgereckten Hand zu bemerken. Doch Jannik feuerte geistesgegenwärtig auf den Arm des Jungen, der augenblicklich den Totschalter fallen ließ. Sein kindlicher Körper wich mit einem lauten Knall einem niedrigen Loch im Boden, aus dem eine Rauchschwade hervorstieg.
Geschockt blickte Mike Jannik an.
„Wenn ich es nicht getan hätte, wären unsere Jungs da hinten jetzt auch tot.“, erklärte Jannik mit kaltem Blick.
Mike nickte. Das genügte ihm als Antwort.
„Harter Hund“, dachte Raoul.
Coleman war zu schockiert, um einen klaren Gedanken zu fassen. Er wartete darauf, dass sein Herzschlag sich wieder ein wenig verlangsamte und das Klingeln in seinem Ohr, das die Explosion verursacht hatte, etwas leiser wurde.
Mike ging weiter und Raoul folgte ihm. Jannik winkte Coleman mit zwei Fingern über seiner Schulter zu – das Zeichen, ihn zu überholen. Jannik hatte Sorge, dass Coleman abfiel, so benommen, wie er schien.
Als sie am Ende des überdachten Bürgersteigs ankamen, ging Janniks kleines, unvollständiges Vier-Mann-Rudel geschlossen in die Hocke.
„Das ist der Platz“, stellte Raoul fest und blickte an Mikes Schulter vorbei zu dem zerstörten Brunnen in der Mitte. Aus einem bröckelnden Steinfisch sprudelte rotbraunes Wasser. Über einem Handkarren aus Holz, dem das linke Rad fehlte, hing im Schatten der Hauswände der leblose Körper eines amerikanischen GIs. „Das ist unser erster Checkpoint.“
„Sicher?“, fragte Coleman.
„Ja“, antwortete Raoul mit der für ihn üblichen Wortsparsamkeit.
„Er hat recht. Das ist der Platz von Walkers Karte“, sagte Mike mit entschlossener Stimme.
„Okay“, antwortete Coleman. Seine Zweifel schienen beseitigt.
„Bleibt nah an den Hauswänden, sonst erwischen euch die Schützen über euch, die sich auf den Dächern verschanzt haben“, bemerkte Jannik.
„Alles klar“, bestätigte Coleman Janniks Warnung.
„Folgt mir“, übernahm Mike das Kommando und schlich, gefolgt von Raoul und Coleman, bedächtig und achtsam au den offenen Platz. „Wir suchen jetzt eine sichere Stelle und dann rufen wir die Zentrale an.“
Jannik blickte nachdenklich zurück in Richtung der Landebahn, wo die ankommenden Kameraden noch immer schutzlos dem Gewehrfeuer der Schützen auf den Dächern ausgesetzt waren. Er überlegte, wie viele bereits deshalb fielen, weil sie auf den ersten Metern von einem MG erfasst wurden. Es nervte ihn, dass man sich in der Einsatzzentrale nur darum scherte, dass man irgendwie die Landebahn überlebte, anstatt sie ordentlich zu sichern.
Er erinnerte sich, wie es Michael beim Ausstieg erwischt hatte und beschloss im selben Augenblick, das Rudel erst einmal ziehen zu lassen. Er drehte sich um und verließ die Hauptstraße, die vom Schützengraben zum Checkpoint führte, um stattdessen nach einem Treppenaufgang, der zu den Dächern der auf der Lauer liegenden MG-Schützen führte, zu suchen. Jannik folgte ohnehin lieber seinem eigenen Rhythmus, der augenblicklich wieder in ihm erklang, als hätte jemand in dem Moment der Abnabelung von der Gruppe auf einen neuen Track in einer Playlist geklickt.
„Das Waffenlager kann warten“, dachte Jannik.
Coleman kämpfte gegen das Klingeln in seinem Kopf an. Die trockene Luft schnürte ihm den Atem ab.
„Reiß dich zusammen!“, ermahnte er sich und strich sich durch sein strubbeliges, hellbraunes Haar. „Du bist immerhin Brite! Du warst Queens Guard, verdammt nochmal!“
Er blickte über seinen Gewehrlauf hinweg auf Raouls schwitzende Nackenfalte, die über seinen Westenkragen ragte. Ein flüchtiger Schatten huschte in Colemans Augenwinkel vorbei. Hektisch blickte er nach links und duckte sich panisch weg, während er durch das Visier die gegenüberliegenden Häuser absuchte.
„War wohl doch nichts…“, dachte er und ging weiter.
Alles um ihn herum sah aus, wie in einem der Ego-Shooter auf seiner X-Box. Aber es fühlte sich an wie die Hölle auf Erden.
Als er vorsichtig um die Ecke blickte, sah Jannik am Eingang zum Dachaufgang drei bewaffnete Männer Schmiere stehen. Über ihren Häuptern war zwischen den Häusern eine Wäscheleine, gespannt von der löchrige und verwitterte Kleidungsstücke und ein großes, rotes Bettlaken hingen, das sich im zwischen den Häuserschluchten pfeifenden Wind wölbte.
Jannik zielte auf die Schulterpartien und Köpfe der drei Wachmänner. Sein Lauf wanderte von links nach rechts und wieder zurück, während das Mündungsfeuer in seinem Gesichtsfeld aufflackerte. Dann verschwand er wieder hinter der Mauerecke und zählte.
„Eins, zwei …“, zählte Jannik, lauschte darauf, ob Gegenfeuer oder Schreie erklangen und warf sodann einen prüfenden Blick auf die Männer, die er soeben beschossen hatte. Keiner regte sich. Er huschte über die Leichen hinweg zum Dachaufgang hinauf. Vorsichtig ging er mit dem Rücken zuerst um die Ecke. So hatte er es vor Jahren gelernt und so hatten sie es ihm auch beim Einführungslehrgang vor dem Camp beigebracht: niemals in Blickrichtung laufen. Den Gewehrlauf immer auf die obersten Stufen richten.
Im ersten Stock war niemand zu sehen. Links eine Eingangstür. Ein Tritt aus der Hüfte und sie knallte auf. Zwei Räume. Im ersten Raum stand ein leerer Tisch mit zwei Schemeln. Ein Fenster zur Straße mit Blick auf die Wäscheleine und die drei Leichen in der Häuserschlucht. Im zweiten Zimmer lag eine schmale, schmutzige Matratze auf dem Fußboden. Von den Bewohnern keine Spur.
„Hier würde ich auch nicht mehr wohnen wollen“, dachte Jannik und eilte zurück zur Treppe.
„Moment mal … waren wir nicht gerade noch zu viert? Wo ist der bärtige Killer hin?“, dachte Mike, als er nervös über den Platz schlenderte. Er sah sich um, konnte Jannik jedoch nirgends erspähen.
„Hey, wo ist der andere?“, brüllte er Raoul an. Raoul blickte hinter sich und zuckte dann ratlos mit den Schultern.
„Was ist mit dir? Hast du ihn gesehen?“, rief er zu Coleman, der immer noch wie benommen über den Platz trudelnde. Coleman hörte ihn nicht, sondern betrachtete seine sich scheinbar drehenden Schuhspitzen.
Mike schnaufte ihm vorwurfsvoll entgegen, während er sich eine Strähne seines an den Seiten ausrasierten Mittelscheitels aus dem Gesicht pustete.
„Hoffentlich kommen die andern bald“, dachte er und klimperte nervös mit den Fingern auf dem Griff seines M4. „Mit dem Diabetiker und dem Grünschnabel hier komme ich keine drei Meter weit …“
Jannik hockte auf dem schmalen Treppenabsatz zum Dach und beobachtete aus dem Schatten die beiden MG-Schützen: Zwei Männer mit schwarzen Tüchern vor den Gesichtern, aus denen nur die Augen herausguckten, und mit kugelsicheren Westen über ihren weißen Gewändern, hockten hinter dem Geschütz und feuerten vom Dach auf die anstürmenden Söldner. Eine betätigte mit rüttelnden Unterarmen energisch den Abzug. In seinem Gesicht flackerte das Dauerfeuer der MG, während sein Partner die Munitionskette hielt und seinen Vordermann immer wieder auf neue Ziele auf der Landebahn aufmerksam machte.
„Da seid ihr …“, dachte Jannik. Hinter den beiden erspähte er eine Munitionskiste und ein paar aufgetürmte Sandsäcke. Ein Stück weiter rechts erhob sich ein Fahnenmast eine große Flagge.
„Schwarz, rot, grün“, dachte Jannik, als er die Flagge betrachtete. „Die afghanischen Nationalfarben. Aber statt der Moschee in der Mitte stehen dort nur drei Buchtstaben.“ Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die Hand vor die Stirn, um sie in der blendenden Sonne besser erkennen zu können. „FFA“, las er schließlich die weißen, breiten, übergroßen Buchstaben, die sich auf der Flagge im Wind wölbten. „Front Freies Afghanistan … Ich wusste nicht, dass die bereits so weit nach Westen vorgedrungen ist. Also sind das Milizsoldaten …“, schlussfolgerte er.
Er hielt einen Moment an, bevor er aus dem Schatten des Treppenaufgangs die euphorisch feuernden Milizsoldaten in Angriff nahm, die seinen Kollegen die Landung erschwerten und die auch Michael auf dem Gewissen hatten.
„Los!“, gab er sich innerlich selbst den Befehl und feuerte eine Dreiersalve auf den vorderen Schützen, dessen Oberkörper vornüber auf das Stativ fiel. Abrupt verstummte das MG. Das zweite Besatzungsmitglied verstand erst nicht, was passierte und tippte seinen scheinbar faulen Kollegen an, um ihm zu signalisieren, dass jetzt keine Zeit für eine Pause war. Als er vom MG-Stativ leblos auf den Boden rutschte, begriff er.
Doch da nahm Jannik ihn bereits in Angriff. Diesmal traf er aber nur die Metallverdeckung über dem Lauf.
„Verdammter Feuerschutz!“, dachte er.
