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Dirk Röse entwirft in seiner historischen Novelle eine faszinierende alternative Realität voller Spannung und Dramatik. Sie erzählt von einer Welt, in der Jesus von Nazareth niemals gekreuzigt wurde und deren Entwicklung über 1.500 Jahre einen grundlegend anderen Verlauf nahm. Im Jahr 1518 strandet Cassius, ein römischer Centurio, mit seinen Soldaten im alten Friesland. Sein Auftrag: den Jeschua-Schrein zum Kaiser nach Rom zu bringen und dafür zu sorgen, dass das Heiligtum nicht in die falschen Hände gelangt. Auf dem gefährlichen Weg durch Germanien gerät Cassius nicht nur an seine körperlichen Grenzen. Zunehmende Zweifel am Sinn seiner Mission stellen all seine Überzeugungen auf den Kopf. Doch auch die Sekte der Jeschuaiten erhebt Anspruch auf das begehrte Relikt und will es den Händen der Römer entreißen – sogar um den Preis des eigenen Lebens. Wer wird aus dem gnadenlosen Wettlauf um den Jeschua-Schrein als Sieger hervorgehen?
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2017
Der Jeschua-Schrein
Alternativ-Historische Novelle
von Dirk Röse
Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe
ISBN 978-3-943531-35-0
ISBN 978-3-943531-34-3 (Kindle E-Book)
ISBN 978-3-943531-32-9 (Print Ausgabe)
© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke
Hastedter Osterdeich 241 | 28207 Bremen
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Isabella Benz | Juliane Stadler
Umschlaggestaltung | Illustration: Detlef Klewer
Satz | Gestaltung: Jana Hoffhenke
Ebook-Realisierung: Eridanus IT-Dienstleistungen
Zitate entnommen von/inspiriert durch: http://lutherbibel.net/
Was geschieht, wenn an einer entscheidenden Stelle der Weltgeschichte der Trotz über den Gleichmut siegt?
Im Kern und ganz am Rande ist dies eine Geschichte über Pontius Pilatus. Der Jeschua-Schrein entwirft eine alternative Realität, in der das beginnende Mittelalter und der einsetzende Untergang des Römischen Reiches mit dem ausgehenden Mittelalter und dem Umdenken in religiösen Fragen zusammenfallen.
Zu der zeit aber gieng ein gebot aus von dem Keiser Augusto, das alle welt geschetzt würde. Vnd diese schetzung war die allererste vnd geschach zur zeit, da Quirinius Praefectus in Syria war. Vnd jederman gieng, das er sich schetzen liesse, in seine stad. Da machet sich auff auch Josef aus Galilea, aus der stad Nazareth, nach Judaea zur stad Dauid, die da heisst Bethlehem, darumb das er von dem hause vnd geschlechte Dauid war, auff das er sich schetzen liesse mit Miriam, seinem vertraweten weibe, die war schwanger. Als sie aber daselbst waren, kam die zeit, das sie geberen solte. Vnd sie gebar jren ersten son vnd wickelt jn in windeln vnd leget jn in eine krippen, darumb das sie keinander raum in der herberge hatten.1
Kalendis Octobribus/1. October 2271 r. Z., vor der Küste Gallias2
Die Jagd hatte die ganze Nacht gedauert. Die leichten hibernischen Segler waren den zwei römischen Schlachtschiffen so nah wie möglich gekommen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, beschossen zu werden. Im Schutz der Dunkelheit hatten die Verfolger auf jedem Schiff einen zusätzlichen Mast aufgestellt.
Als nun die Morgendämmerung einsetzte und die ersten Strahlen der Sonne durch die Wolkendecke brachen, hissten die Hibernier alle Segel und holten die letzten wenigen hundert Meter auf.
Rí Vlothus stand am Bug und fragte sich, auf welchem der beiden Schiffe der Schrein sein mochte. Erst vage, dann immer deutlicher nahm er wahr, dass eines der feindlichen Schiffe sich zurückfallen ließ, während das andere die Flucht ergriff.
»Hängt euch an das schnellere Schiff!«, rief er über das Rauschen der Wellen hinweg. Der Trick der römischen Seeleute war so alt wie leicht zu durchschauen. Sie überließen das eine Schiff dem Kampf mit den Verfolgern und versuchten sich mit jenem abzusetzen, auf dem sich der Schrein befand.
»Die Petraea zieht steuerbord vorbei«, schrie Rí Vlothus zu dem anderen hibernischen Segler hinüber. »Die Rathlín hält sich backbord«,
ergänzte er mit Blick auf seinen Steuermann. Das zurückgefallene römische Schiff brachte seine Kanonen sicher schon in Stellung. »Haltet Abstand!«, brüllte Rí Vlothus, sodass es auch noch auf der abschwenkenden Petraea zu hören war.
Die Römer sandten den ersten Gruß. Ein Schwall von Pfeilen schwirrte durch die Luft. Doch gegen den Wind kamen sie nicht an, und die meisten landeten in den Wogen.
Rí Vlothus spürte die Gischt auf seinem wettergegerbten Gesicht. Er lächelte, als die Rathlín einen weiten Bogen um den schweren Römer zog. Auch die Petraea kam zügig voran. Die Legionäre an Deck des gegnerischen Schiffes tauschten Pfeil und Bogen gegen klobige Hakenbüchsen.
Meter um Meter zogen die hibernischen Segler an dem Schlachtschiff vorbei. Da kam Bewegung in die Legionäre. Befehle wurden erteilt. Der erste kritische Augenblick war gekommen. Kurz darauf erzitterte die Luft unter den Breitseiten des römischen Schiffes. Todbringend zog ein metallisches Geräusch durch die Luft. Eine Kanonenkugel erreichte die Rathlín, zerfetzte die Reling und riss zwei Krieger in den Tod. Rí Vlothus schickte ein Stoßgebet zum Himmel und reckte den Hals, konnte über das römische Schiff hinweg aber nur die Segel der Petraea erkennen. Der Rauch des Mündungsfeuers lag noch in der Luft. Auch das Schwesterschiff war beschossen worden. Weiter und weiter glitt die Rathlín am Feind vorbei, bis sie ihn endlich überholt hatte. Als auch die Petraea unbeschädigt aus dem Schatten des gegnerischen Schiffes auftauchte, stieß Rí Vlothus triumphierend den Arm in die Luft. Sogleich richtete sich sein Blick auf das Schiff, das nur eine kurze Strecke voraus auf der Flucht war. Es konnte nicht
entkommen.
Er stieß einen ermunternden Schrei aus und zeigte in die Rahen. Seine Mannschaft verstand. Einige kletterten in die Masten und ließen lange Taue nach unten fallen. Andere befestigten Enterhaken an Bord des Schiffes. Mit pochendem Herzen sah Rí Vlothus, wie sich die Männer bewaffneten. Säbel, ein leichter Schild, der eiserne Helm mit seiner Furcht erregenden Maske.
Der Steuermann bewegte den Segler direkt auf den Römer zu. Immer näher kamen sich die Gegner. Kanonenrohre ragten aus dem Rumpf des römischen Schlachtschiffes und glänzten in der Sonne. Plötzlich stand eine Traube von Legionären am Heck und feuerte eine Salve ab. Hastig duckten sich die hibernischen Krieger hinter die Holzaufbauten.
Die Erschütterung riss Rí Vlothus beinahe von den Beinen, als die Schiffe zusammenstießen und der hibernische Segler knirschend am Rumpf des Feindes entlangschleifte. Die Krängung erfasste beide Schiffe und trieb sie wieder ein Stückweit auseinander.
»Enterhaken!«, schrie er und zog sein Schwert.
Die metallenen Krallen schwirrten durch die Luft und verbissen sich im römischen Holz. Aus den Masten und vom Deck schwangen sich die Hibernier auf das gegnerische Schiff. Andere ergriffen die Seile der Enterhaken und hangelten sich hinüber. Salve um Salve schossen die Römer aus ihren Büchsen. Dann krachte eine Breitseite mit voller Wucht in die Rathlín. Holz splitterte, Schreie hallten, Blut und zerfetztes Fleisch mischten sich mit dem Meerwasser.
Rí Vlothus ahnte, dass dies das Ende seines Schiffes war. Er griff nach einem Tau und schwang sich mit wütendem Geschrei hinüber zum Feind. Mit beiden Füßen landete er auf dem gegnerischen Deck und verstummte.
Kaum eine Planke, auf der nicht ein hibernischer Fuß stand. Aber seine Leute kämpften nicht länger. Die Legionäre rotteten sich eilends zusammen und bildeten eine kleine Schildkrötenformation. Zu seinen Füßen entdeckte Rí Vlothus einen römischen Centurio. In seinem Hals klaffte eine tiefe Wunde. Er war tot.
Es dauerte einen Augenblick, bis Rí Vlothus verstand, warum die Römer nicht kämpfen wollten. »Eterniten«, murmelte er und atmete erleichtert auf.
Jeschua hatte Friedfertigkeit gepredigt, und Rí Vlothus war seit Tagen bedrückt, weil um des Schreines willen Menschen sterben muss-ten. Doch nun war der Kampf vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass sie auf römische Eterniten stoßen konnten, die den Kampf ebenso scheuten wie er. Nun sah er mit eigenen Augen, was er bislang nur als Gerücht gehört hatte. Dass die römische Armee durch die Sekte unterwandert und stark geschwächt war.
Tief in seinem Innern regte sich Misstrauen. »Durchsucht das Schiff!«, befahl er. Es konnte nicht sein, dass die Römer den Schrein diesem laschen Haufen anvertraut hatten. Ruckartig wandte er sich um und hielt Ausschau nach dem zweiten römischen Schlachtschiff. Er stampfte mit dem Fuß, als er sah, dass es abgedreht hatte und gegen den Wind nach Nordwesten kreuzte.
Das Warten zog sich hin, während seine Krieger das Schiff durchsuchten. Die Römer kämpften nicht und hielten ihre Reihen dicht geschlossen. Die Rathlín sank, und die Taue, die sie mit dem Kriegsschiff verbanden, knirschten am Holz. Das römische Schiff hatte bereits leichte Schlagseite, als die hibernischen Krieger schließlich meldeten, dass es keine Spur vom Schrein gab.
Rí Vlothus blickte stumm zum Himmel und sagte dann: »Alle Mann auf die Petraea und zurück nach Hibernia. Man hat uns reingelegt.«
Vnd Jeschua zoch hinauff gen Jerusalem vnd nam die zwelff juenger beiseiten auff dem wege vnd sprach zu jnen: »Sihe, wir ziehen hinauff gen Jerusalem, vnd der menschen son wird den Hochepriestern vnd Schrifftgelerten vberantwortet werden, vnd sie werden jn zum tode verdamnen vnd werden jn vberantworten den heiden zu geisseln vnd zu creutzigen, vnd am dritten tage wird er wider aufferstehen.«3
Nonis Octobribus/7. October 2271 r. Z., vor der Küste Fräislounds4
Nacht für Nacht saßen die Matrosen an Deck und spannen ihr Seemannsgarn: Elmsfeuer, Klabautermänner und Seeungeheuer. Die Legionäre zitterten vor Furcht und mochten sich dennoch dem Bann der Geschichten nicht entziehen. Auch weil sie an Deck bleiben wollten. Die meisten vertrugen die Überfahrt nicht und waren seekrank. An Deck ließ es sich besser aushalten, selbst wenn es ihnen vor riesigen Kraken und zerstörerischen Riesenwellen graute.
Centurio Cassius stand achtern und sah in die Sterne. Ihn plagten schwüle Phantasien über pralle Nixen, die an Bord krochen und über ihn herfielen.
Er hatte den Göttern ein üppiges Opfer dargebracht, bevor er und seine Hundertschaft in See gestochen waren. Zuversichtlich war er trotzdem nicht. Die seichte Brise trug erregte Wortfetzen zu ihm herüber, die von einem abscheulichen Geisterschiff erzählten, das seit einigen Monaten durch das Mare Germanicum trieb. Es schreckte ihn nicht. Cassius ahnte, dass das, was sie auf dem Festland erwartete, weitaus schlimmer war. Geisterstädte, verödete Landstriche, Menschenleere. Die Pest zog durch Nordeuropa. Er wusste aus sicheren Quellen, dass es Magna Germania schwer getroffen hatte. Direkt vor der Abfahrt hatte er einen Mann gesprochen, der erst vor Kurzem dort gewesen war. Er hatte behauptet, wochenlang durch Fräislound gewandert zu sein, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Praefectus von Hibernia aber hatte Cassius persönlich versichert, dass die Pest dort längst vorüber war und jetzt weiter im Osten wütete.
Wie schlimm es auch immer um Magna Germania stand, diese Mission forderte die Götter heraus. Cassius rechnete nicht damit, dass er und seine Truppe überleben würden. Wenn nicht die Pest sie dahinraffte, würden die Fräisen sie niedermetzeln oder fanatische Jeschuaiten über sie herfallen.
Er wusste, dass die Jeschuaiten den Schrein zurückhaben wollten und alles Erdenkliche dafür taten, ihn zu finden und seiner habhaft zu werden. Deshalb reisten Cassius und seine Legionäre auch möglichst unauffällig auf einem leicht bewaffneten Kaufmannsschiff. Dennoch waren ihnen an den ersten Tagen der Überfahrt zwei hibernische Segler gefolgt, auf denen Cassius Jeschuaiten vermutete. Die Sekte wachte darüber, dass der geraubte Schrein nicht von der Insel geschmuggelt wurde. Erst als das römische Kaufmannsschiff an der Südküste Britanniens nach Norden abgedreht und damit die Route zum Mittelmeer und nach Rom verlassen hatte, waren auch die Hibernier verschwunden.
Cassius hatte zunächst den Kopf darüber geschüttelt, dass die Reise über das Meer nach Fräislound führen sollte, um von dort auf dem Landweg durch Magna Germania und das römische Reich bis nach Rom fortgesetzt zu werden. Es war ein gewaltiger Umweg. Doch die hibernischen Segler hatten ihn davon überzeugt, dass die umständliche Route berechtigt war. Ganz sicher hätten diese das Kaufmannsschiff angegriffen, wenn es weiter Richtung Süden gefahren wäre. Er dachte an die zwei römischen Schlachtschiffe, die einige Tage früher abgelegt hatten und als reines Ablenkungsmanöver den Seeweg durch Gibraltar nach Rom nehmen sollten. Vermutlich waren die Kriegsschiffe längst von hibernischen Jeschuaiten aufgebracht
worden.
»Land in Sicht!«, ertönte eine Stimme aus dem Großmast.
Cassius rieb sich müde über das Gesicht und versuchte sodann, die Dunkelheit mit seinem Blick zu durchdringen. Er erahnte das Land mehr, als dass er es sehen konnte. Die Kraft seiner Augen hatte in den letzten Jahren nachgelassen.
Hinter sich hörte er Schritte. Kapitän Salvius lehnte sich neben ihn an die Reling. Er hatte eine gedrängte, kräftige Statur und ein Gesicht, dunkel und maserig, wie die Planken seines Schiffes. Salvius roch nach Wein und kaute auf einem widerwärtigen, braunen Kraut herum.
»Rottumerouw, ein kleines Piratennest. Jede Menge kleine Inseln hier. Die nächste ist Borkyn, auch nicht besser. Grobschlächtiges Volk. Gut, dass es dunkel ist. Sollen uns lieber nicht sehen. Wir steuern zwischen beiden Inseln durch in den Dollard.« Salvius räusperte sich und spuckte aus. »Verfluchte Bucht. Vor hundert Jahren war da noch Land. Moor und Sumpf. Alles im Meer versunken. Ganze Dörfer untergegangen. Sind da immer noch, unter dem Wasser. Hab mal gesehen, wie ‘ne Holzhütte auftauchte. Mitten in der Bucht. Zerfiel in ihre Einzelteile. Darunter war ‘ne ganze Familie. Skelettiert. Zwei Erwachsene, fünf Kinder, ein paar Ziegen. Alle ersoffen.«
Cassius beobachtete, wie das Schiff langsam an Rottumerouw vorbeizog. Es war nicht mehr als ein langgezogener, düsterer Fleck, der sich kaum vom dunklen Hintergrund abhob. In ihm stieg das Bild zerlumpter Piraten mit fauligen Zähnen im grausam grienenden Mund auf. Er nickte. »Rom ist weit.«
Der Kapitän sah ihn irritiert an, richtete sich auf und sagte: »Morgen sind wir in Embden, der Wind steht günstig.« Dann ging er zurück zu seinen Leuten und erteilte lauthals Befehle.
