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Dirk Rose informiert in Schlaglichtern über die Geschichte und wichtige medientheoretische Positionen der Medienkritik. Historisch, systematisch, kompakt. Der medienkritische Diskurs ist über 2500 Jahre alt – und erhitzt noch immer die Gemüter. Dirk Rose geht der Frage nach, warum das so ist. Er entwirft im ersten Teil ein medien- und kulturtheoretisches Beschreibungsmodell der Medienkritik, um im zweiten Teil wichtige historische Stationen von Plato über Rousseau und Herder bis zu Adorno und aktuelle medienkritische Debatten Revue passieren zu lassen. Medienkritik erweist sich somit als eine große Konstante im Nachdenken über unser Wissen und wie es zustande kommt. Ein solcher historisch-systematischer Abriss, der auf gut zweihundert Seiten Platz hat, ist bisher noch nicht vorgelegt worden. Auseinandersetzungen um gegenwärtige Medienentwicklungen werden kontextualisiert und versachlicht, ohne sich auf diese beschränken zu müssen. Das Buch richtet sich an interessierte Beobachter der Mediendebatten unserer Tage ebenso wie an Studierende medienwissenschaftlicher Studiengänge und an Medienschaffende selbst. Medienkritik, so wird man feststellen, berührt uns auch deswegen so sehr, weil unser Selbstbild immer schon durch und von Medien geprägt ist.
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dirk Rose
Medienkritik – Theorie und Geschichte
Wallstein Verlag
Gedruckt mit finanzieller Unterstützung von der Universität Innsbruck: Vizerektorat für Forschung, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät und Forschungsschwerpunkt »Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte« sowie dem Land Tirol.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Wallstein Verlag GmbH, Göttingen 2025
Geiststr. 11, 37073 Göttingen
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Marion Wiebel, Wallstein Verlag
ISBN (Print) 978-3-8353-5898-0
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8923-6
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8924-3
Vorwort
Intro: Kalte Zeichen – Warme Körper (Platon)
Teil I: Theorie
1 Begriffsgeschichte
2 Typen der Medienkritik
3. Formen der Medienkritik
4. Das Medienparadox der Medienkritik
5. Medienkritik und/als Kulturkritik
6. Medienkritik in der Mediengesellschaft
7. Die Öffentlichkeit der Medienkritik
8. Grundmuster der Medienkritik
9. Medienkritik in der Forschungsdiskussion
Teil II: Geschichte
1. Geist und Buchstabe: Schrift und Kritik im christlichen Mittelalter
2. »Mißbrauch« und »vberflussz«: Medienkritik in der Frühen Neuzeit
3. Beobachterparadox und medienkritisches Autorschaftsmodell: Rousseau
4. Volkslieder: Herders ontologische Medienkritik
5. »Zwei ökonomische Logiken«: literarisches vs. journalistisches Feld
6. Die Journalisten oder Entstehung der öffentlichen Meinung
7. Ein alternatives Medium: Die Fackel
8. ›Systempresse‹: Medienkritik im Nationalsozialismus
9. »Kulturindustrie« und »Verblendungszusammenhang«: Medienkritik mit und nach Adorno
10. Die Fälschung oder Das falsche Leben im falschen
11. »Nullmedium« und »Lügenpresse«: Der gekränkte Konsument
12. Medienkritik im digitalen Zeitalter: Skizze einer Herausforderung
Coda: Detoxing
Anmerkungen
Bibliographie
Literatur
Internetquellen
Bildnachweis
Im Jahr 2022 bestimmten die Corona-Epidemie und der Ukraine-Krieg die Schlagzeilen. Es war aber auch das Jahr, in dem sich eine Medienkritik jenseits von »Lügenpresse«-Vorwürfen in Erinnerung gerufen hat. Beinahe zeitgleich erschienen zwei Bücher, die – auf ganz unterschiedlichen Ebenen und mit verschiedenen Zielrichtungen – die Medienkritik (wieder einmal) in die öffentliche Debatte holten.
Jürgen Habermas’ Buch Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Demokratie, das bereits im Titel an sein Standardwerk Strukturwandel der Öffentlichkeit von 1962 anknüpft,[1] setzt aktuelle Tendenzen des digitalen Wandels mit seinem Konzept einer kritischen Öffentlichkeit in Verbindung. Medienkritik taucht darin eher indirekt auf, bei der Frage nämlich, welche Auswirkungen die medialen Veränderungen der letzten Jahre auf die Teilhabe an der demokratischen Willensbildung haben, die bisher maßgeblich durch Gatekeeper in den Massenmedien reguliert wurde. Habermas kritisiert vor allem den Verlust an diskursiver Orientierung: »Die Infrastruktur dieser zu Gefallens- und Missfallensklicks abgerüsteten plebiszitären ›Öffentlichkeit‹ ist technischer und ökonomischer Art.«[2] Dadurch nehme »ein demokratisches System […] im Ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit der Bürger nicht mehr auf die relevanten und entscheidungsbedürftigen Themen lenken und die Ausbildung konkurrierender öffentlicher, und das heißt: qualitativ gefilterter Meinungen nicht mehr gewährleisten kann«.[3]
An diesem Punkt setzt der zweite medienkritische »Bestseller«[4] des Jahres 2022 an. In ihrem Buch Die vierte Gewalt diskutieren Richard David Precht und Harald Welzer, wie dieser Filter in den sogenannten Leitmedien funktioniert, welche Veränderung er durch die sozialen Medien erfährt und welche Auswirkungen das auf das Medien- wie Systemvertrauen der Bürgerinnen und Bürger hat: »Denn je einflussreicher die Leitmedien wurden und werden, umso misstrauischer werden ihre Konsumentinnen und Konsumenten«.[5] Mit ihrem Buch betreiben Precht und Welzer jedoch nicht nur selbst Medienkritik; sie wollen auch Ursachen für die lauter werdende Medienkritik der letzten Jahre aufzeigen, die ihrer Ansicht nach vor allem aus der »Inkongruenz von öffentlicher und veröffentlichter Meinung«[6] erwachsen ist.
Man kann über beide Bücher mit guten Gründen streiten: Schon das ist ein Gewinn. Sie haben jedenfalls eine starke Resonanz über das Fachpublikum oder die Feuilletonredaktionen hinaus erfahren. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zählte Gregor Peter Schmitz, 2022 zum Chefredakteur des Magazins stern berufen, jene Themen auf, die besonders viel Anklang bei der Leserschaft gefunden hatten: »Wir haben zuletzt mehrere Seiten Leserbriefe gedruckt, weil wir so viele Reaktionen erhalten haben – zum Krieg, zu Putin, zu Schröder, auch zum Streitgespräch über die Rolle der Medien mit Richard David Precht und Harald Welzer.«[7] Medienkritik rangiert offenbar auf einer Stufe mit den existentiellen Bedrohungen des Jahres 2022.
Das Thema scheint einen ›Nerv‹ in der Gesellschaft zu treffen; und das nun schon seit einigen Jahren, in denen »sich der Unmut des Publikums über die Massenmedien allmählich aufgebaut hat«.[8] Sogar von Medienkritik als »Breitensport«[9] geht die Rede. In ihr artikuliert sich ein »Unbehagen in der Kultur«,[10] das den Zivilisationsprozess zwar seit seinen Anfängen begleitet, das aber mit der technisch aufgerüsteten Moderne und ihrer mediatisierten Kommunikation zunehmend als Bedrohungsszenario wahrgenommen wird. Dass in einer digitalen Welt der sozialen Medien und der künstlichen Intelligenz, wo die mediale Durchdringung des Alltags ungeahnte Ausmaße angenommen hat, ein solches Unbehagen vornehmlich als Medienkritik in Erscheinung tritt, kann eigentlich wenig verwundern.
Umso merkwürdiger ist es, dass die Medienwissenschaft vergleichsweise indigniert auf dieses Phänomen reagiert. Medienkritik führte, sieht man von der Glanzzeit der ›Kritischen Theorie‹ in den 1960er und 1970er Jahren ab, meist nur eine Nischenexistenz. Durch die breite Pädagogisierung ihrer Themen hoffte man zudem, das Problemfeld gleichsam ›wegdidaktisieren‹ zu können. Mit der Medieneuphorie der 1990er und 2000er Jahre, die nicht allein dem Internet, sondern auch neuen Sendern und Formaten im Bereich des privaten Rundfunks und Fernsehens galt, schien sich Medienkritik dann vollständig erübrigt zu haben: Der »Herbst der Medienkritik« wurde ausgerufen, sie stände »kurz vor dem eigenen Tod«.[11] Überlebenschancen hätte sie lediglich als eine »Produktkritik«,[12] die einzelne Medienangebote auf ihre Professionalität und sozialverträgliche Ausgestaltung hin befrage. Noch 2010 resümierte der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner: »Der Ist-Zustand lässt sich weitgehend beschreiben als Kapitulation vor den (vermeintlich) übermächtigen (medien-)ökonomischen Parametern.«[13] Ähnlich argumentierte noch zehn Jahre später mit Blick auf die Medienpraxis der Publizist Wolfgang Michal. Seine Kritik am Zustand der Medienkritik ist unter der Überschrift Die Hofnarren des Medienbetriebs mit dem Datum 5. März 2020 auf seiner Webseite nachzulesen.[14] Darin beklagt er »die Unempfindlichkeit der Medien gegenüber der Kritik«, denn »Medienkritik lässt sich bequem als unterhaltendes Element in die Medienwelt integrieren«.
Dies mag für bestimmte Formate wie Kalkofes Mattscheibe zutreffen; die demokratietheoretische Medienkritik von Jürgen Habermas auf der einen und die »Lügenpresse«-Vorwürfe auf der anderen Seite lassen sich in ein solches Unterhaltungsprogramm hingegen nur bedingt integrieren. Sie zeigen vielmehr eine Politisierung des medienkritischen Diskurses an, die für seine Positionierung im wissenschaftlichen Feld nicht unbedingt hilfreich gewesen ist. Medienkritik, lange Zeit ein Spezialgebiet linker Publizistik, wurde nun teilweise zu einem rechten Projekt.[15] Quer durch Europa sind es überwiegend rechtspopulistische Parteien, die beispielsweise den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisieren oder gar abschaffen wollen. Medienkritiker müssen sich nun umgekehrt vorwerfen lassen, ihre Kritik richte sich im Kern gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Unter dieser Prämisse erscheint der Vorschlag von Wolfgang Michal, es sei »überfällig, die Medienkritik aus ihrer Nischenexistenz zu befreien und zur großen Gesellschaftskritik zu machen«, durchaus zwiespältig. Bedingung dafür sei die »bewusste Anknüpfung an die historische Tradition der Kritik«. Michal plädiert dafür, »Medienkritiker müssten erst einmal einen Schritt zurücktreten. Nur so ließe sich ein größerer Zeitraum überblicken, nur so würde man Traditionen entdecken, an die man heute anknüpfen könnte.«
Ein solcher theoretisch wie historisch adäquater Rahmen, medienkritische Stellungnahmen einzuordnen und zu bewerten, fehlt jedoch bislang. So durften sich Richard David Precht und Harald Welzer (wie alle Medienkritiker vor ihnen) den Einwand gefallen lassen, sie selbst wären ja ständig in den Medien präsent; ihre Kritik daher Teil des Systems, das sie kritisieren. Genau dieses ›Medienparadox‹ ist aber eine der Grundvoraussetzungen des medienkritischen Diskurses.[16] Der Einwand gegen Precht und Welzer zeigt, wie wichtig es ist, Medienkritik in ihrer Funktionsweise zu verstehen, bevor man ihre Akteure und Äußerungsformen in den Blick nimmt. Dann stellt sich vielleicht heraus, dass Medienkritik mehr und anderes sein kann als »ängstliche Phantasielosigkeit«.[17]
Allerdings liegt eine historisch-systematische Einführung zur Medienkritik, trotz der verdienstvollen Quellenauswahl von Kleiner, noch immer nicht vor. Mit diesem Buch soll ein erster Versuch unternommen werden, das Phänomen der Medienkritik in seinen theoretischen wie historischen Grundzügen zu beschreiben. Medienkritik, so wird sich am Ende der Lektüre hoffentlich zeigen, ist kein Störgeräusch, sondern Voraussetzung und – um im Bild zu bleiben – Begleitmusik moderner Mediengesellschaften.
Die Pläne für dieses Buch reichen weit vor das Jahr 2022 zurück. Im Jahr 2018 konnte ich mit Hilfe eines Fellowships des Leibniz-Forschungsverbundes Historische Authentizität am Institut für Europäische Geschichte in Mainz wichtige historische Stationen der Medienkritik erforschen. Im Jahr 2020 war es mir durch einen Zuschuss der Richard & Emmy Bahr-Stiftung möglich, in einem Studienprojekt medienkritische Stellungnahmen im zeitgenössischen Feuilleton stichprobenartig zu erfassen. Diesen Institutionen gilt ebenso mein Dank wie dem interfakultären Medienforum der Universität Innsbruck, insbesondere seinem langjährigen Leiter Theo Hug, sowie meinem Kollegen Thomas Schröder, mit denen ich zentrale Kapitel der Arbeit besprechen durfte. Zu Dank verpflichtet bin ich darüber hinaus den studentischen Mitarbeiterinnen Marie-Therese Franke und Sophie Modert, die mich bei der Literatur- und Quellenrecherche unterstützt haben, sowie Judith Kerschbaumer fürs Korrekturlesen.
Die rasante Entwicklung von Medientechnologie und Medienkommunikation geht weder an der Medienkritik noch an ihrer Erforschung spurlos vorüber. Ob und auf welche Weise sich der medienkritische Diskurs in den digitalen (oder postdigitalen) Raum verlagern wird, wäre ein eigenes Thema.[18] Im vorliegenden Band geht es stattdessen um die tiefer liegenden strukturellen wie historischen Voraussetzungen medienkritischen Denkens und Sprechens. Denn merkwürdig (und erklärungsbedürftig) bleibt es, dass die Medienkritik schon hunderte Male für tot erklärt wurde und sich dennoch bis in die Gegenwart hinein einer großen Aufmerksamkeit sicher sein kann. Ihre Paradoxien sind letztlich unsere eigenen, ihre Brüche und Widersprüche finden wir in unserer Mediensozialisation wieder, in der Art und Weise, wie wir mit Hilfe von Medien in die Welt schauen, und welche Welt wir dann zu sehen bekommen. Insofern dürfte der Medienkritik trotz ihres hohen Alters noch eine lange Dauer beschieden sein.[19]
Medienkritik ist so alt wie die Medien selbst. Ihr Urtext ist Platons Dialog Phaidros aus der Zeit um 370 vor Christus. Dort kann man die Klage des Philosophen Sokrates über die »fremden Zeichen«[1] der Schrift vernehmen, die den Lesenden die Verfügbarkeit eines Wissens vorgaukeln, das in Wahrheit nur die Verfügbarkeit von Wissensspeichern darstellt. Ohne die Archivfunktion dieser Medien sei man, was die Gegenstände des Wissens betrifft, im Grunde hilflos.
Welche Geschichte erzählt Platon in dem Dialog? Phaidros, ein Schüler des Sokrates, begegnet seinem Lehrer und berichtet ihm von dem Rhetor Lysias, bei dem er gerade gewesen ist. Er ist von der Rede des Lysias, einem Konkurrenten des Sokrates, so beeindruckt, dass er eine Abschrift davon erworben hat, die er jedoch vor Sokrates unter dem Mantel versteckt hält. Sokrates entdeckt die Schriftrolle, und es entspinnt sich ein Dialog über die Vor- und Nachteile der Schrift. Um seine Skepsis gegenüber der Schriftmedialität zu illustrieren, erzählt Sokrates die Legende von der Erfindung der Schriftzeichen durch den ägyptischen Gott Theuth. Ihr zufolge habe diese Erfindung nicht die Erkenntnisfähigkeit gestärkt, sondern im Gegenteil das Vergessen beschleunigt: »Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die es kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Erinnerns, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von außen her mittelst fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen.«[2] Die Schrift lagere die kommunikativen wie kognitiven Prozesse, welche der Erkenntnisfindung dienen, in ein Medium aus und verhindere so, dass sie körperlich wie geistig in statu nascendi mitvollzogen werden könnten. Echte Erkenntnis sei nur jene, welche im wechselseitigen Gespräch unter Anwesenden erworben werde. Das Medium der Schrift sei dazu nicht in der Lage und wird daher von Sokrates als »spielender Zeitvertreib«[3] abgelehnt.
Sicher gab es bereits vor Platons Dialog Kritik an der Schriftmedialität, auch wenn wir heute vergleichsweise wenig darüber wissen. Schließlich liegt die Erfindung der alteuropäischen Schrift zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als tausend Jahre zurück.[4] Die Kritik, die Sokrates in dem Dialog äußert, trifft also kein neues Medium mehr. Für sie bedurfte es aber offenbar einer Reihe von Voraussetzungen, um sie formulieren und artikulieren zu können.
Dazu gehört, paradoxerweise, eine relativ gut etablierte »Schriftkultur«. Mit diesem Begriff hat Jan Assmann die spezifische Verwendung von Schrift in frühen Hochkulturen bezeichnet.[5] Nicht die Erfindung von Schriftzeichen allein und nicht einmal die Ausarbeitung von Schriftsystemen, das heißt die über längere Zeiträume stabile Nutzung und Weitergabe von Schriftträgern, sind seiner Ansicht nach ursächlich für den Bedeutungsgrad, den eine Schrift in den frühen Hochkulturen erlangen konnte. Entscheidend sei vielmehr, ob und in welcher Form die Schrift Teil des kulturellen Haushalts einer Gesellschaft geworden ist und wie sie dadurch aufnahmefähig wurde für deren politische, religiöse oder symbolische Praktiken. Eine Schlüsselrolle spielten dabei jene Institutionen, deren Hauptaufgabe darin bestand, Schriftdokumente zu erzeugen und zu verwalten. Das konnten Tempel oder Bildungseinrichtungen sein; aber auch private Förderer und Interessierte, die durch das Sammeln und Verbreiten von Schriftquellen eine Art Medienarchiv anlegten.[6] Auf diese Archivarbeit zielt die Legende des Theuth, die Platon erzählt. Die darin enthaltene Medienkritik ist somit auch eine frühe Institutionenkritik, selbst wenn sich die Schriftkultur im alten Ägypten von der im antiken Griechenland in vielen Punkten unterschied.
Die »strukturelle Mündlichkeit« der griechischen Schriftkultur, so Assmann, erinnere eher an »ein in den Raum der Schrift ausgeufertes Streitgespräch«.[7] Dazu trage die vergleichsweise enge Bindung der Schriftdokumente an mündliche Redesituationen ebenso bei wie der vergleichsweise leichte Zugang zu ihnen, der nicht über starre Institutionen geregelt sei. Beides kann man in Platons Dialog bestätigt finden, gelangt Phaidros doch offenbar ohne größere Probleme an eine Abschrift der Rede des Lysias, die er nur kurze Zeit davor gehört hat. Solche relativ frei zirkulierende Schriftdokumente produzieren, trotz ihrer Verwurzelung in einer strukturell mündlich organisierten Kultur, eine eigene Form von Öffentlichkeit, die sich nicht auf die Agora als Ort der öffentlichen Debatte einschränken lässt. Zwar mag sie dort (oder in den öffentlich zugänglichen Rhetorikschulen) ihren Ursprung haben; sie löst sich aber davon ab und stiftet mit ihrer Unabhängigkeit von Zeit und Raum einen neuen Kommunikationszusammenhang, der keineswegs die bloße Verlängerung der mündlichen Interaktion darstellt. Dieser Punkt beunruhigt Sokrates besonders. Weil die Schriftrolle an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Personen rezipiert werden kann, stiftet sie einen medialen Sinnzusammenhang, in den der Text, den sie enthält, eingebettet wird; ob man will oder nicht. Dadurch erhält er eine zusätzliche Bedeutungsebene, die mit dem konkreten interaktionellen Kontext der Rede des Lysias keineswegs identisch sein muss, ja ihn möglicherweise nicht einmal tangiert. In diesem schriftmedialen Diskurs besitzen die Themen des Textes dieselbe Relevanz wie seine Medialität. »The medium is the message«, könnte man mit Marshall McLuhan sagen.[8] Oder anders ausgedrückt: Die inhaltliche Information wird von der medialen überlagert und substituiert. Für Sokrates war das offenbar keine angenehme Vorstellung.
Eine weitere Voraussetzung von Platons Medienkritik liegt weniger in der Schriftkultur als vielmehr im Schriftsystem des antiken Griechenland begründet. Die griechische Schrift ist nämlich eine »Vollalphabetschrift«,[9] das heißt, sie orientiert sich an der Lautlichkeit der gesprochenen Sprache. Das trifft zwar auch auf andere Schriften im Mittelmeerraum zu. Der Gräzist Eric Havelock hat dennoch in seinem Buch Preface to Plato (1963) die These vertreten, »die Besonderheit der griechischen Alphabetschrift« liege »in ihrer Abstraktheit«: »ein solches Schriftsystem vermag mit äußerster Geschmeidigkeit beliebige Lautfolgen zu transkribieren«.[10] Havelocks These ist mehrfach kritisiert worden, nicht zuletzt von Jan Assmann, weil sie einen Einzelaspekt, den Abstraktions- und Rekombinationsgrad der griechischen Alphabetschrift, zu stark in den Vordergrund rücke.[11] Für die Medienkritik, wie sie Sokrates in Platons Dialog Phaidros formuliert, enthält sie dennoch einen wichtigen Hinweis. Die »fremden Zeichen« der Schrift sind nämlich auch deshalb fremd, weil sie als abstrakte Zeichen keine gegenständliche Parallele in der sinnlichen, genauer: der sichtbaren Welt haben. Das ist bei piktographischen oder logographischen Schriftsystemen anders, die sich trotz einer »Präferenz für das Abstrakte«[12] an bildhaften Zeichen orientieren; man denke nur an die altägyptischen Hieroglyphen. Die Besonderheit einer phonetischen Alphabetschrift besteht darin, dass sie sich zwar weitaus stärker auf die gesprochene Sprache bezieht, dies aber mit Hilfe eines arbiträren Zeichensystems unternimmt. So muss sie der Mündlichkeit gegenüber fast zwangsläufig als defizitär erscheinen. Denn selbst wenn man die jeweilige Sprache als Muttersprache beherrscht, heißt das noch lange nicht, dass man in der Lage ist, die entsprechenden Schriftzeichen zu verstehen und anzuwenden. Diese übersetzen die Lautlichkeit der gesprochenen Sprache in einen eigenen Code, der nur mit Hilfe einer adäquaten Lesefähigkeit decodiert werden kann.
Dieses eigentlich triviale, allen Grundschülern bekannte Problem hat eine keineswegs triviale Konsequenz. Es gibt keinen, auf welchem Weg auch immer, ›natürlichen‹ Zugang zu diesen Schriftzeichen; auch nicht von jenem phonetischen System der gesprochenen Sprache, auf das sich die Schriftzeichen beziehen. In ihrem ontologischen Status bleiben sie damit ausgerechnet dem gegenüber fremd, was sie aufzeichnen sollen, der menschlichen Rede. Und fremd bis unheimlich ist für den Leseunkundigen ihr freies Flotieren, Zirkulieren, Rekombinieren, aufgrund dessen die immer andere Anordnung der immer gleichen Zeichen immer neue Bedeutungen generieren kann. Dies trifft zwar auf alle Schriftsysteme zu, ist aber bei einer phonetischen Vollalphabetschrift wie der griechischen besonders frappant. Mit anderen Worten: Gerade die starke Koppelung an die Mündlichkeit sowohl im Schriftsystem als auch in der Schriftkultur führt im antiken Griechenland zu einer »Schwächung der Autonomie der Schrift«[13] und zu einem im Vergleich mit der mündlichen Kommunikation geringeren Status der Schriftmedialität.
Ein zentraler Topos moderner Medienkritik hat hier seinen Ursprung, die Klage über die Vermitteltheit aller medialen Kommunikation. Das scheinbar organische Ganze eines mündlichen Kommunikationsaktes wird im Medium der Schrift in einen Code zerteilt, den Sender und Empfänger gleichermaßen beherrschen müssen, damit die Übertragung funktioniert und eine – nun vermittelte – Kommunikationssituation zustande kommt.[14] Dem gegenüber erweist sich die Face-to-Face-Kommunikation als weit weniger voraussetzungsreich und, was den Kommunikationsakt selbst betrifft, auch als weitaus direkter; schon deshalb wird ihr oft eine höhere Glaubwürdigkeit beigemessen. Platons Vorbehalt gegen die phonetische Alphabetschrift steht am Anfang jenes ›Logozentrismus‹, den Jacques Derrida auf diesen Begriff gebracht hat:[15] Die Präferenz für das gesprochene Wort und die Bevorzugung der Interaktion gegenüber der mehrstufigen Semiose der Schrift, so Derrida, würden die okzidentale Kultur kennzeichnen, und zwar auch und gerade in ihren Schriftdokumenten. Diese sprechen gleichsam über den Abgrund der Mündlichkeit hinweg, von dem sie in ihren Schriftspuren Zeugnis ablegten.[16]
Die Medienkritik in Platons Dialog Phaidros diskutiert in ihrem Kern erkenntnistheoretische Probleme. Man kann sie daher auch in Bezug zu Platons Ideenlehre setzen. In ihr hat die Schrift im Grunde keinen Platz. Das gilt sowohl für das berühmte Höhlengleichnis wie für die Ausführungen zur Mimesis, die sich beide in Platons Hauptwerk, der Politeia (Der Staat), finden.[17] Im Höhlengleichnis versinnbildlichen die Schatten an der Höhlenwand die Formen und Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens. Auch wenn unklar bleibt, von welchen Objekten diese Schatten geworfen werden oder ob es sich dabei gar um Täuschungen handelt: Mit den (Erkenntnis-)Objekten sind sie durch eine gewisse formale Ähnlichkeit verbunden. Dasselbe Argumentationsmuster lässt sich bei den Ausführungen zur Mimesis im zehnten Buch der Politeia wiederfinden.[18] Dort werden die Gegenstände der dinglichen Welt auf eine erkenntnistheoretisch sekundäre Ebene verwiesen, da sie lediglich Abbildungen der Ideen darstellten. Die mimetische Kunst wiederum produziere nur Abbildungen von Abbildungen, wäre damit also sogar auf einer dritten Ebene anzusiedeln. Ein Tisch, so Platon, ist die Nachahmung der Idee eines Tisches; das Bild des Tisches wiederum ist nur die Nachahmung des konkreten Tisches, und damit epistemologisch gesehen »im dritten Grade von der Wahrheit entfernt«.[19] Dennoch bleibt auch diese Zeichenkette durch eine Analogie der Form untereinander verbunden. Eben diese Ähnlichkeit ist bei der Alphabetschrift nicht mehr gegeben. Bei ihr handelt es sich um arbiträre Zeichenketten, die aufgrund von Schriftkonventionen einen Gegenstand bezeichnen. Ihre graphische Form steht in keinerlei Bezug zur Erkenntnisform der Ideen oder Dinge und muss sie schon deshalb verfehlen. Die Zeichenoberfläche der »Buchstabengärtchen«, mokiert sich Sokrates im Phaidros, diene nur zum »spielenden Zeitvertreib« und produziere am Ende lediglich »Nichtswisser« und »Scheinweise«.[20] Man kann aus diesem Spott freilich auch die Furcht vor der kritischen Dimension einer Wissenspraxis heraushören, die sich auf mediale Zeichensysteme statt auf ontologische Wahrheiten stützt.
Sokrates formuliert seine Kritik an der Schrift also nicht ohne Eigennutz. Seine eigene, die sprichwörtlich gewordene ›sokratische Methode‹ steht einer schriftmedialen Epistemologie in vielen Belangen diametral gegenüber.[21] Ihr Kernelement ist die dialogische Praxis, das heißt die mündliche Kommunikation unter Anwesenden. Nur im Dialog könne man sich den eo ipso unerkennbaren Ideen und ihren unterschiedlichen Manifestationen in der dinglichen Welt annähern. Darum garantiert nur die körperliche Anwesenheit von Lehrer und Schülern, dass sich der Lernende das Wissen bzw. die Methoden zu dessen Erlangung dauerhaft aneigne, indem er sie gleichsam inkorporiert. Eidos und Eros liegen hier dicht beieinander. Nicht umsonst erzürnt es Sokrates, dass sein Schüler Phaidros die inkriminierte Schriftrolle mit dem Text des Lysias ausgerechnet »unter dem Mantel«[22] verborgen hält – und damit die kalte Medientechnik in eine gefährliche Nähe zum warmen Leib als genuinen Ort der Erkenntnis bringt.
Die Schriftrolle gefährdet auf mehrfache Weise den exklusiven Zugriff von Sokrates auf seinen Schüler. Umgekehrt bedeutet die mediale Distanzkommunikation eine Emanzipation von örtlichen Gegebenheiten und ihren Kommunikationsverhältnissen. Sie stellt durchaus eine Bedrohung für deren Instanzen dar: Ihr Wissen erscheint als ein Sinnangebot unter anderen, das sich gegen eine Konkurrenz behaupten muss, welche durch die Distanz an Attraktivität noch gewinnt. Denn die Ferne verspricht auch neue Einsichten und Erfahrungen, wie die Hörer und Leser der Odyssee wohl wussten. Die sokratische Methode ist diesem Emanzipationsversprechen gegenüber eine Unterrichtspraxis von zutiefst aristokratischer Natur. Nicht umsonst schickten in erster Linie die wohlhabenden Bürger Athens ihre Söhne in den Unterricht des Sokrates, der anstelle eines Fakten- ein Orientierungs- und Steuerungswissen anbot.[23] Sich dem sokratischen Wissensmodell zu widmen, setzt nämlich voraus, über genügend Zeit und Muße zu verfügen.[24] Ganz anders verhält es sich mit der Schriftrolle, auf der die Rede des Lysias aufgezeichnet ist: Sie ist (in Abschriften) prinzipiell jedem jederzeit zugänglich, der mit der Kulturtechnik des Lesens vertraut ist. Und auch den Leseunkundigen ist sie durch Vorlesen erreichbar. Weit mehr steht hier der Erwerb von im Text gespeicherten Informationen im Vordergrund; sei es, was das Thema der Rede betrifft, sei es als Anschauungsmaterial, wie eine solche Rede aufzubauen und zu verfassen ist.
Man kann der Medienkritik des Sokrates vorhalten, sie verteidige ihre eigenen Interessen eines exklusiven Zugangs zu Wissen und Methode bzw. Wissen als Methode. Zugutehalten kann man ihr jedoch, dass sie den Fokus auf die Abhängigkeit erkenntnistheoretischer Fragen von ihren medialen Voraussetzungen richtet. In einem durchaus aufklärerischen Sinn macht Sokrates’ Kritik auf das stillschweigende Mitlaufen medialer Praktiken bei der Wissensproduktion und -distribution aufmerksam.
Damit provoziert sie indes, ob sie will oder nicht, die Nobilitierung des Anderen aller Medientechnik, insbesondere des menschlichen Körpers und dessen sinnlichen Wahrnehmungsvermögens. Der Dualismus von Körper und Medientechnik, von Nah- und Distanzverhältnissen prägt seither die abendländische Medienkritik bis in die moderne Medientheorie hinein.[25] Medientechnik hat ihre Ursache in den Grenzen der Wahrnehmung, die durch unsere Sinnesorgane gesetzt werden. Sie verspricht, diese Grenzen zu überwinden und damit unsere Erkenntnis auf eine Art und Weise zu erweitern, die unser natürliches, körperliches Vermögen überschreitet. Der sokratischen Methode muss das schon deswegen verdächtig erscheinen, da sie nicht auf Extension, sondern auf Konzentration, auf die möglichst präzise Klärung eines Sachverhalts und dessen Erkenntnismöglichkeiten abgestellt ist. Weil der menschliche Körper bis heute die Grenzzone aller Medientechnik bildet, kann er zum bevorzugten Objekt dystopischer wie utopischer Medienphantasien werden, die alle mehr oder weniger auf eine Verschmelzung von technischen und körperlichen Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögen abzielen. In der Sorge des Sokrates um den Körper des Phaidros, in dessen Nähe sich die Schriftrolle befindet, haben diese Vorstellungen einen frühen Ausdruck gefunden.
Nicht nur deshalb ist Platons Dialog zu Recht als »Gründungstext der Mediologie«[26] bezeichnet worden. Er verdeutlicht, wie sehr Medientheorie bzw. Medienreflexion ihren Ursprung in medienkritischen Denkmustern haben. Denn erst was aus der Selbstverständlichkeit des Gebrauchs herausfällt und zum Objekt kritischer Beobachtung wird, kann theoretisch erfasst werden. Das Hauptaugenmerk von Platons Medienkritik gilt einer vermittelten (und vermittelnden) Distanzkommunikation, die mithilfe eines medialen Zeichensystems operiert. Ihr setzt er als »Kommunikationsideal«[27] die Interaktion unter Anwesenden und die mündliche Kommunikationssituation entgegen. Wie bei jeder Kritik wird damit zugleich die implizite Norm eines Soll-Zustandes postuliert. Der Unterscheidung in eine positiv besetzte mündliche und eine negativ besetzte schriftliche Kommunikation entspricht die Trennung in eine primäre Rede bzw. in ein primäres Erkennen, die an den sprechenden Körper und seine Sinnesorgane gebunden sind, und in eine sekundäre Kommunikation, die sich medialer Mittel bedient, und die schon deshalb mit Zweifeln behaftet ist, weil ihr die Falsifikation durch das sinnliche Gegenüber fehlt. Sie erhält ihre Informationen, wie das Beispiel des Phaidros zeigt, im Wortsinn immer schon aus zweiter Hand.
Mediengeschichtlich gesehen kommt Platons Kritik allerdings zu spät:[28] »Platon steht nicht an der Schwelle zur literalen Kultur in Griechenland«, sondern »befindet sich vielmehr in einer bereits etablierten Schriftkultur«.[29] Die Kritik an der Schrift und die Berufung auf eine vermeintlich unverstellte mündliche Kommunikation als Gegenbild tauchen erst in dem Moment am Horizont des abendländischen Denkens auf, als mit der Verbreitung des ersten technischen Mediensystems Distanzkommunikation immer wahrscheinlicher wird. Platons Kritik haftet eine Verlusterfahrung an, welche alle medienkritischen Diskurse von Anfang an in ein, mit Schiller gesprochen, »sentimentalisches« Licht rückt.[30]
Das spiegelt sich auch in dem Medienparadox von Platons Dialog. Denn er ist in genau jenem Medium überliefert, das in dem Text kritisiert wird: der griechischen Alphabetschrift. Es ist freilich Platon, und nicht Sokrates, der diese Dialoge (auf)schreibt. Sokrates, der Kritiker der Schrift, bleibt »der ›Nichtschreiber‹: er will nichts mittheilen, sondern nur erfragen«.[31] Die Illustration in einer mittelalterlichen Handschrift führt das Verhältnis zwischen den beiden anschaulich vor Augen (wenn auch mit vertauschten Namen): Sokrates steht hinter dem Rücken Platons und flüstert ihm ins Ohr, was dieser mit dem Federkiel zu Papier bringen soll. Wollte man einen Begriff Friedrich Kittlers dafür verwenden, so könnte man sagen, Platon fungiere als eine Art »Aufschreibesystem« seines Lehrers.[32]
Angesichts dieses Medienparadoxes drängt sich die Frage auf, ob der Schrift für Platons Dialoge eine andere Funktion zukommt als bei der aufgeschriebenen Rede des Lysias. Dort erfüllt sie den Zweck, die Rede im Medium zu verdoppeln und ihre Inhalte denen zugänglich zu machen, die bei ihrer mündlichen Realisation nicht anwesend sein konnten bzw. sie denen, die dabei waren, zum Nachlesen zur Verfügung zu stellen. Das Medium fungiert hier tatsächlich als Supplement der mündlichen Rede, in deren Funktionszusammenhang es sich einschreibt.[33] Das Aufschreiben der sokratischen Dialoge dient hingegen nicht der bloßen Reproduktion rhetorischer Sprechakte. Es archiviert vielmehr eine mündliche Praxis, die nicht dem Buchstaben, sondern der Methode nach wirken soll. Hierfür können die aufgeschriebenen Dialoge eine Hilfestellung bieten; ersetzen können sie diese Praxis jedoch nicht.
Aber auch aus anderen Gründen griffe es zu kurz, die Medienkritik von Platon schon deshalb beiseitezulegen, weil sie in dem Medium verfasst ist, das sie kritisiert. Denn ein solches Medienparadox ist konstitutiver Bestandteil aller Medienkritik;[34] schon allein, aber nicht nur, aus wirkungsstrategischen Gründen. Schließlich will Platon mit seinem Text nicht jene Schüler erreichen, die ohnehin brav der sokratischen Methode folgen, sondern diejenigen, welche ihr durch das Medium der Schrift verloren zu gehen drohen. Die von Platon aufgeschriebenen Dialoge des Sokrates erinnern eine expandierende Schriftkultur an ihr mündliches Anderes als gemeinsamen logos. Dies kann nur in dem Medium zur Geltung gebracht werden, in dem diese Absetzungsbewegung stattfindet (und auf die es zurückweist). Darüber hinaus führt die Dialogform vor Augen, dass »in der Topik der Medienkritik stets beides möglich ist: Argument und Gegenargument.«[35] Medienkritik ist damit von Anbeginn auch Anerkenntnis jener medialen Zusammenhänge, die sie kritisiert. Gegner und Befürworter medialer Kommunikation werden im Phaidros gleichermaßen fündig.
Platon und Sokrates auf einer mittelalterlichen Illustration (allerdings in vertauschten Rollen)
Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens ist Medienkritik bereits an ihrem Anfang in der Antike ein hochgradig melancholischer Diskurs, der um seine eigene Vergeblichkeit weiß. Und zweitens bilden die Nutzer des kritisierten Mediums ihre Hauptzielgruppe. Medienkritik setzt ein Wissen um das jeweilige Medium und dessen Funktionsweise voraus, selbst dann, wenn sie zum Ziel haben mag, dieses Wissen als defizitär erscheinen zu lassen. Es ist daher müßig, Medienkritik mit dem Hinweis diskreditieren zu wollen, sie würde in einem Medium vorgetragen. Erst diese mediale Verankerung verschafft ihr eine ernstzunehmende Position, von der aus sie auf Augenhöhe mit dem Gegenstand ihrer Kritik operieren kann.
Wer die Medienkritik der letzten Jahre und Jahrzehnte, und sei es nur am Rande, verfolgt hat, wird eine Reihe von Argumenten aus Platons Dialog Phaidros wiedererkennen: Fragen nach der Glaubwürdigkeit medial vermittelten Wissens, nach der (Un-)Aufrichtigkeit medialer Kommunikation, dem Status von primärem und sekundärem Diskurs, der Dichotomie von medialer Distanzkommunikation auf der einen und der Interaktion unter Anwesenden auf der anderen Seite, die diätetische Forderung nach medialer Enthaltsamkeit usw. Die Wirkmächtigkeit von Platons Dialog lässt sich auch daran ablesen, dass seine Kritikpunkte »ihre Kraft bis ins 20. Jahrhundert entfalten«.[36] Man wird ihnen deshalb in diesem Buch immer wieder begegnen.
Heute ist es das Smartphone, und nicht die Schriftrolle, das wir unter oder im Mantel verstecken, fasziniert von seinen Möglichkeiten und zugleich immer noch irritiert davon. Und die Handyhülle – teils wie ein Fetisch gestaltet, der bekanntlich die bösen Geister bannen soll – hält noch immer die kalte Medientechnik vom warm durchbluteten Körper auf Abstand.
Medienkritik ist, folgt man der Wortgeschichte, ein vergleichsweise junges Phänomen. Erstmals taucht der Begriff in den 1940er Jahren im deutschen Sprachraum auf, um schnell an Verbreitung zu gewinnen.[1] Seine Genese und Karriere sind eng mit den beiden Wörtern innerhalb des Kompositums verwoben. Die modernen Massenmedien prägen im 20. Jahrhundert auf ganz neue Weise die Gesellschaft, nicht zuletzt durch die Etablierung der elektronischen Medien. War bis dahin in der Regel nur von einzelnen Medien wie der Zeitung oder der Fotografie die Rede, so rückt nun zunehmend das institutionelle und technische Ensemble in den Mittelpunkt, das unter dem Kurzbegriff ›Medien‹ subsumiert werden konnte. Gleichzeitig erfährt der Kritikbegriff im Kontext der sogenannten ›Frankfurter Schule‹ und der Kritischen Theorie, die mit den Namen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer verbunden sind, eine Aufwertung und medienspezifische Neuausrichtung.[2] Beide Entwicklungen lassen die Bildung des Neologismus ›Medienkritik‹ in der Mitte des 20. Jahrhunderts wahrscheinlicher werden und verleihen seiner Verwendung eine gewisse Plausibilität.
Das Phänomen der Medienkritik ist indes deutlich älter, wie der Blick zurück auf Platon gezeigt hat. Dagegen ließe sich einwenden, dass diese Kritik – wie die gesamte Schriftkritik der Antike und des Mittelalters – in erster Linie eine Medialitätskritik darstellt, die den medialen Status der Schrift aus dem Blickwinkel der mündlichen Kommunikation und ihrer Dominanz heraus kritisiert. Folgt man dieser Ansicht, beginnt Medienkritik erst mit dem Auftauchen früher Massenmedien, etwa der periodischen Presse, im frühen 17. Jahrhundert.[3] Nicht umsonst firmiert sie bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Regel als Zeitungs- oder Pressekritik.[4] Dieses medienhistorische Argument lässt sich allerdings problemlos auf einer historischen Zeitleiste verschieben, je nachdem, welchen Medienbegriff man anlegt bzw. was man unter ›Massenmedien‹ versteht. So lässt Dieter Roß, ehemals Professor für Journalistik, die Medienkritik in einem »engeren, modernen Sinn«[5] mit dem 19. Jahrhundert beginnen, als sich ein professioneller Journalismus herauszubilden begann. Und wenn man sich, wie gesehen, an der Begriffsgeschichte orientiert, so »darf behauptet werden, dass dieser Begriff für unser heutiges Verständnis ganz wesentlich mit dem Aufkommen der modernen Massenmedien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden ist«.[6]
Jenseits dieser für sich jeweils berechtigten Datierungsversuche macht es durchaus Sinn, dem Phänomen der Medienkritik, das bis in die Antike zurückreicht und das abendländische Denken maßgeblich geprägt hat, eine größere historische Tiefe zuzusprechen.[7] Einige Grundmuster der Medienkritik, die bis heute Bestand haben, finden sich nämlich bereits in Platons Dialog Phaidros.[8] Zudem bleibt die Medialität von Kommunikation auch für spätere Formen der Medienkritik, bis hin zu aktuellen Debatten um Social Media, ein konstituierendes Element; selbst wenn sich der Fokus dabei zum Teil verschieben mag. So enthält der kritische Diskurs über die Digitalisierung wesentliche Aspekte aus der Geschichte der Medienkritik bis in die Beschreibungsmuster und Narrative hinein.[9] Man tut daher gut daran, eine theoretische wie historische Analyse der Medienkritik nicht allzu eng an die Begriffsgeschichte zu binden und sie auch nicht allein einem einzelnen Medium und dessen gesellschaftlichen wie kulturellen Wirkungen zuzuschreiben.
Dennoch: Medienwandel und Medienkritik hängen eng miteinander zusammen. Auf die Erfindung jedes neuen Mediums folgt meist eine erste Phase der Kritik: »In der Regel wird die Etablierung neuer Medien von einem kulturkritischen Diskurs begleitet«.[10] Am Ende einer solchen »Etablierungsphase« steht dann die »Verbreitungs- und Differenzierungsphase«, in der sich »weder die Medieninstitutionen noch die Nutzungs- und Produktformen mehr grundlegend ändern«.[11]
In den jeweiligen Phasen des Medienwandels erfüllt die Medienkritik unterschiedliche Funktionen. Während sie in der Etablierungsphase eines neuen Mediums eine eher abwehrende Haltung vertritt, welche dem Neuen skeptisch gegenübersteht, entwickelt sie im Zuge der Etablierung und Verbreitung eines neuen Mediums einen (selbst-)aufklärerischen und reflexiven Diskurs über das neue Medium und dessen Auswirkungen mit. Das lässt sich am wohl wichtigsten Medienwandel der Neuzeit, der Erfindung des Buchdrucks, nachverfolgen, der anfangs vergleichsweise wenig Kritik auf sich gezogen hat: »Wenn Kritik in der frühen Neuzeit geäußert wird, so zumeist als Einschränkung des Lobes, als warnender Zusatz zu einer ansonsten positiven Wertung der neuen Technologie.«[12] Dafür wurden die medienkritischen Stimmen zum Buchdruck gegen Ende der Frühen Neuzeit, im 18. Jahrhundert, immer lauter.[13] Erst jetzt wurden durch neue Medienformate wie Zeitung und Zeitschrift sowie durch eine höhere Alphabetisierungsrate die Konsequenzen einer Etablierung von Druckmedien im Alltag deutlich sichtbar. Medienkritik am Ende des 18. Jahrhunderts ist darum nicht zuletzt Selbstreflexion der neuen medialen Praktiken in Gesellschaft und Kultur.
Was darf man sich aber unter ›Medienkritik‹ konkret vorstellen? Hier werden die Antworten ziemlich diffus. Medienkritik, so liest man in einer Veröffentlichung von 2018, ziele »auf Medien ›an sich‹, auf das individuelle Vermögen, diese auf die eine oder andere Weise zu nutzen oder auf die gesellschaftlichen Bedingungen, der [die] verschiedenen Ebenen von Medien zugrunde liegen«.[14] Folgt man dieser Ansicht, lassen sich drei Bedeutungs- und Verwendungsebenen von Medienkritik unterscheiden: (1) als medienspezifische Kritik, die auf die Produktionsbedingungen medialer Kommunikation abzielt, (2) als kritische Reflexion der Medienwirkung und des Nutzungsverhaltens der Medienrezipienten und (3) als Gesellschafts- oder Kulturkritik. Dass alle drei Ebenen eng miteinander verwoben sind, liegt auf der Hand: Medienproduktion und -rezeption finden unter bestimmten gesellschaftlichen, technischen und historischen Bedingungen statt. Problematisch wird es daher oft, wenn diese drei Bedeutungsebenen der Medienkritik isoliert betrachtet und unabhängig voneinander verhandelt werden.
Während die erste und zweite Bedeutung von Medienkritik unter den Stichworten »Medienkompetenz« oder »Medienurteilsfähigkeit« im Fokus der Aufmerksamkeit stehen,[15] findet der dritte Bereich – der den Rahmen für die ersten beiden Bedeutungsvarianten liefert – eher selten Beachtung. Allerdings richtet sich Medienkritik in den meisten Fällen nicht gegen ein Einzelmedium bzw. gegen einzelne mediale Inhalte, auch wenn diese oft den Anlass für medienkritische Interventionen bilden. Im Fokus steht vielmehr ein systemischer Zusammenhang, der durch ein mediales Zeichensystem repräsentiert wird. Darum bildet die Schrift als erstes mediales Zeichensystem, das eine stabile interpersonale Nutzung garantiert, welche von Ort und Zeit abstrahiert, den Hauptangriffspunkt der frühen Medienkritik. Seit dem 20. Jahrhundert tendiert die Medienkritik aufgrund der Systemrelevanz medialer Kommunikation fast zwangsläufig zur Gesellschafts- oder Kulturkritik. Ihr normativer Anspruch verdeckt dabei, dass es sich bei ihr – im Sinne Kants – um einen regulativen Diskurs handelt. Die Medienkritik wartet nicht auf Erfüllung ihrer Forderungen, denn sie weiß, in der Etablierungs- und Verbreitungsphase neuer Medien, um ihre Vergeblichkeit. Wohl aber verdient sie Beachtung, weil sie ein notwendiges Korrektiv ubiquitärer medialer Nutzungspraktiken darstellt.
Wenn in diesem Buch von Medienkritik die Rede ist (und das ist beinahe überall der Fall), dann sollen alle drei Bedeutungsvarianten Berücksichtigung finden; obgleich ein Schwerpunkt auf der weiter gefassten kulturphilosophischen wie gesellschaftstheoretischen Bedeutungsvariante liegt, weil diese letztlich die anderen beiden in sich fasst. Medienkritik, so könnte eine knappe Arbeitsdefinition lauten, ist Kritik an einer (medial) vermittelten Distanzkommunikation, ihren Institutionen, Akteuren und Formaten. Sie lässt sich, wie die beiden folgenden Kapitel zeigen, in unterschiedliche Typen und Formen aufgliedern, bleibt aber in ihrem strukturellen Kern vergleichsweise stabil. Das hat ihr den Vorwurf eingetragen, sich ständig zu wiederholen.[16] Man kann sie freilich auch als eine Art basso continuo zur immer rasanteren und umfassenderen Mediatisierung der Welt begreifen.
Es mangelt nicht an Versuchen, das vergleichsweise unübersichtliche und vielgestaltige Phänomen der Medienkritik in systematischer Hinsicht zu kartieren. Hans-Dieter Kübler hat 2018 eine Typologisierung der Medienkritik aus einer gegenwartsbezogenen Perspektive vorgeschlagen.[1] Er unterscheidet insgesamt sieben verschiedene Typen, die bei der »Produkt- bzw. Werkkritik« ihren Anfang nehmen, über die »Genre- und Programmkritik« zur »Journalismuskritik« und schließlich zur »Medienkritik als Struktur- und/oder Systemkritik« bzw. »Gesellschaftskritik« führen. Diese Typologisierung erschließt in aufsteigender Tendenz verschiedene Grade und Ausprägungen aktueller medienkritischer Praxis.
In einer stärker historisch-systematisch ausgerichteten Perspektive wird man vermutlich zu einer anderen Typologie gelangen, die in erster Linie nach dem Objekt- sowie Adressatenbezug der Medienkritik differenziert. Sie kann sich dafür an den eingangs beschriebenen drei Bedeutungsebenen orientieren, die im Begriff ›Medienkritik‹ enthalten sind, fasst sie aber operativ präziser. Für die Objektebene lassen sich dabei drei Typen der Medienkritik unterscheiden:
Kritik an Einzelmedien bzw. Medieninhalten (»Produktkritik«)
Kritik an Medienentwicklungen bzw. Medienwandelprozessen
Kritik an der Mediengesellschaft
Der erste Typus dominiert zweifellos die medienkritische Praxis in der Gegenwart.[2] Bei dieser Art der Medienkritik werden einzelne Medien oder Medieninhalte aufgrund einer wie auch immer begründeten Norm kritisiert, von der sie abweichen. Das kann einzelne Formate und Sendungen wie das Dschungelcamp oder einzelne konkrete Medieninhalte betreffen. So hat ein Bild aus dem Jugoslawienkrieg von 1992, das ein vermeintliches Konzentrationslager zeigt, Anstoß für eine medienkritische Analyse nicht nur des Bildes selbst, sondern auch seiner medialen Verbreitung bzw. Deutung gegeben.[3] Die implizite Norm, aus der sich eine solche Medienkritik speist, ist in der Regel dem Konzept einer objektiven, neutralen und angemessenen Berichterstattung in einer pluralistischen und rational argumentierenden Öffentlichkeit verpflichtet. Vor diesem Hintergrund können ganze Mediengattungen, etwa Boulevardmedien, der Kritik anheim fallen; ebenso wie ein einzelnes Bild, das nicht dem Kodex eines handwerklich korrekten Journalismus entspricht. Das Leitbild einer solchen Medienkritik bilden die sogenannten ›Qualitätsmedien‹.[4] Dass sich deren Standards selbst erst in Auseinandersetzung mit der ›Parteipresse‹ des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts[5] und in vielleicht noch stärkerem Maße mit der Etablierung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks herausgebildet haben, mithin einer historischen Begründung bedürfen, wird dabei oft vergessen, verhilft aber den Qualitäts- oder Leitmedien zu einer spezifischen Deutungsmacht innerhalb der medialen Landschaft. Indes lässt sich die implizite Norm einer solchen Einzel- und Produktkritik auch aus dem Medienformat ableiten. Die Kritik trifft in diesem Fall beispielsweise nicht Boulevardmedien als solche, sondern weniger gut oder schlecht gemachte Boulevardmedien; wobei man zugeben muss, dass die erfolgreichen Produkte in diesem Sektor auch deshalb so erfolgreich sind, weil sie meist dem Format besonders gut entsprechen. Offensichtlich spielen hier Geschmacksfragen eine mindestens ebenso große Rolle wie Erwartungshaltungen an das Medienformat bzw. den Medientyp. Auch deshalb neigt diese Medienkritik gleichzeitig zur Abundanz wie zur Redundanz. Die Kritik an den Geschmacklosigkeiten der Boulevardmedien, um beim Beispiel zu bleiben, ist so alt wie das Medium selbst; denn Grenzverletzungen des ›guten Geschmacks‹ gehören zum Geschäftsmodell dieser Medien.[6]
Der zweite Typ der Medienkritik, der sich vor allem mit Medienwandelprozessen auseinandersetzt, kann im weiten Feld der Fortschrittsskepsis und Kulturkritik verortet werden. Er gewinnt gleichwohl durch seinen Medienbezug eine eigenständige und für die Reflexivität der Medienkritik wichtige Kontur. Denn abgesehen von der fundamentalen Schriftkritik Platons in einer überwiegend oralen Kultur und abgesehen von Aussteigerphantasien à la Rousseau oder Thoreau ist dieser Medienkritik meist auch eine Form von Mediennostalgie eingeschrieben, die selten expliziert wird. Sie ist die andere, melancholische Seite der Technologiekritik, welche Kathrin Passig mit Fokus auf die Entwicklung des Internets analysiert hat.[7] In diesem medienkritischen Diskurs stehen sich altes und neues Medium bzw. altes und neues Mediennutzungsverhalten gegenüber. Wenn etwa Peter Härtling meint, man könne am PC keine literarischen Texte verfassen, so spricht der Mediennutzer von Stift und Schreibmaschine.[8] Und dass der Fernsehmann Johannes B. Kerner mit dem Medium Twitter zunächst wenig anfangen kann, verwundert gleichfalls wenig.[9] Eine solche Kritik an technologisch gestützten Medienwandelprozessen sollte darum auch nicht allein der Häme der ›Sieger‹ in medientechnologischen Wandlungsprozessen überlassen bleiben. Sie schärft nämlich noch in ihren abstrusen Momenten den Blick für die Spezifik sowohl des alten als auch des neuen Mediums. Und auch für Veränderungen innerhalb eines Mediums kann sie sensibilisieren. Dass Radiosendungen heute wesentlich anders als vor dreißig Jahren produziert werden, zeigt eine Weiterentwicklung des Mediums an, die man durchaus kritisch sehen kann. Sie lässt sich ebenso als Verlustgeschichte vertrauter Stimmen, Formate und Inhalte schreiben, deren nostalgischer Impetus sich aus einer der Vergangenheit angehörenden Medientechnologie speist. Eine solche Medienkritik führt vor allem die Selbstverständlichkeit etablierter Medien vor Augen, die oft gar nicht mehr als solche (und damit auch nicht als Objekt der Kritik) wahrgenommen werden. Theodor W. Adorno kritisiert Kino und Fernsehen als Teile der »Kulturindustrie«[10] im Medium eines Buches, das in einem Großverlag erscheint, der selbst industriell arbeitet. Das schlechte Medium ist offenbar immer nur das neue; und zwar schon deshalb, weil die bereits vorhandenen Medien ganz wesentlich die Wahrnehmungsdispositive und kulturellen Praktiken ihrer Nutzer geprägt haben. Bücher (oder klassische Musik) sind für Adorno keine Medien; sie sind die Welt, in der er lebt.
Der dritte Typ der Medienkritik kann sich, wie das bei Adorno der Fall ist, aus dem zweiten ableiten, muss es aber nicht. Hier fungiert die Medien- größtenteils als Gesellschaftskritik, wobei die Kritik an ›den‹ Medien eine Art Stellvertreterfunktion für größere gesellschaftliche oder kulturelle Zusammenhänge einnimmt. In ihrer sozialwissenschaftlich orientierten Spielart nimmt eine solche Medienkritik vor allem die Institutionen und sozialen Trägerschichten der Massenmedien bzw. die damit verbundenen Interessen in den Fokus. Die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber auch an der globalen Macht der Internetkonzerne, gehört in diese Kategorie. Oft, aber nicht immer, ist eine solche Kritik ideologisch oder weltanschaulich bestimmt. In ihrer phänomenologischen Spielart wendet sich die Medienkritik aus einer konsequent anthropozentrischen Perspektive gegen die Zumutungen einer medialisierten Existenz, die sie mit interaktionellen Erfahrungsgehalten und Wertvorstellungen konfrontiert. Das ›Authentische‹ und ›Unmittelbare‹ sind ihre Schlagworte, die – schon fast vergessen – im digitalen Zeitalter neuen Auftrieb erhalten haben.[11] Dass diese Spielart der Medienkritik mit Selbstbeschreibungsmustern einer modernen Subjektkonzeption verschränkt sein kann, verleiht ihr ein hohes reflexives Potential, das indes unterschiedlich ausgeschöpft wird.
Diese drei Typen der Medienkritik werden spezifiziert durch zwei mögliche Arten ihrer Perspektivierung, welche sich aus ihrem Adressatenbezug ergeben. Denn Medienkritik trifft entweder die Produzenten oder die Rezipienten von Medieninhalten; wobei der Umstand, dass im Netz beide Rollen zusammenfallen können, nichts an dieser grundlegenden Adressierung ändert. Im Zweifelsfall trifft die ›Produser‹ die Kritik von beiden Seiten.
In ihrer häufigsten Form ist Produzentenkritik Kritik am Journalismus. Diese hat eine lange Tradition und reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, in eine Zeit also, in der es den Berufsstand des Journalisten in unserem heutigen Sinn überhaupt noch nicht gab.[12] Spätestens an der Schwelle zum 19. Jahrhundert wurde durch die Ausdifferenzierung des Printmarktes in einen Literatur- und einen Medienbetrieb die Journalismuskritik Allgemeingut.[13] Allerdings entfaltet die Produzentenkritik keinesfalls nur im ersten Typ der Medienkritik ihre Wirkung, wie man vielleicht annehmen könnte. Zwar liegt es nahe, dass die Einzel- oder Produktkritik den jeweiligen Akteuren, und hier insbesondere den medial sichtbaren, zugerechnet wird. Aber auch die Kritik am Medienwandel und an der Mediengesellschaft lassen sich aus der Perspektive einer Produzentenkritik formulieren; sind es doch Medienproduzenten, die beispielsweise neue Medientechnologien oder -formate etablieren; und nicht zuletzt sind es gesellschaftliche Institutionen und Machtregime, welche Mediengesellschaften maßgeblich beeinflussen. Insofern beschränkt sich die Produzentenkritik nicht allein auf Personen; es geht ihr ebenso um die (institutionalisierten) Ermöglichungsbedingungen genau jener Medien und Medieninhalte, die dann einer solchen Kritik anheim fallen können.
Ähnlich breit sollte man auch die Rezipientenkritik auffassen, die indes deutlich seltener anzutreffen ist. Was die Einzel- bzw. Produktkritik betrifft, ist sie aufs engste mit Problemen der Medienwirkung verbunden, das heißt mit handlungsleitenden Einflüssen von Medieninhalten oder Medienformaten. Auch wenn, oder gerade weil, die Wirkkraft von Medien auf den einzelnen Rezipienten höchst umstritten ist,[14]
