Der Junge aus Ilocos - Blaise Campo Gacoscos - E-Book

Der Junge aus Ilocos E-Book

Blaise Campo Gacoscos

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Beschreibung

Die Ilocos-Region im Nordwesten der Philippinen ist voller Widersprüche. In der Kultur der Ilocanos treffen jahrhundertealte Traditionen auf die Einflüsse der modernen Hauptstadt Manila, agrarischer Pragmatismus auf christliche Gottergebenheit. Victor ist ein Kind dieser Welt. Nachdem sein Vater die Familie für eine neue Frau verlassen hat, lebt der Junge mit der Mutter, Bruder Raffy und seinen Großeltern in bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Haus am Quinarayan-Fluss. Die Jahre seiner Jugend sind gezeichnet von familiärer Geborgenheit, aber auch von Verunsicherungen aufgrund des niedrigen sozialen Status der Familie und dem frühen Bewusstsein für seine Homosexualität. Diese zwei Faktoren prägen Victors Leben, dem der Roman bis ins mittlere Alter folgt – in die Metropole, ins Milieu greller Schlagzeilen und des großen Geldes, in düstere Rattenlöcher, trunkene Aha-Momente, schwule Badehäuser und trügerische Episoden des Glücks. Am Ende führt der Weg jedoch zurück nach Ilocos. Wo sich ein Kreis schließt und eine Lücke füllt, aber die alten Widersprüche dennoch bestehen bleiben. Die acht konzisen Kapitel in "Der Junge aus Ilocos" beleuchten schlaglichtartig unterschiedliche Phasen in Victors Leben – von frühen Aufbrüchen über die erste Liebe bis hin zu zweifelhaften Erfolgen und der Ernüchterung danach. In Victors Erfahrungen und Begegnungen spiegeln sich teils die Spannungen der philippinischen Gegenwartsgesellschaft, teils die Biografie des Autors wider. Blaise Campo Gacoscos nahm sich jedoch bewusst Freiheiten bei der Zeichnung seiner Hauptfigur. "Ich habe mich für die Romanform entschieden, weil ich Charaktere erschaffen wollte, die mir selbst helfen, den Sinn des Lebens zu begreifen", schreibt er in seinem Nachwort. Bezeichnenderweise lässt er die Geschichte mit einem lakonischen Witz enden, in dem all das mitschwingt, was den Roman generell auszeichnet – Abgeklärtheit, Melancholie und ein kleines Augenzwinkern.

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DER JUNGE AUS ILOCOS

VERLAGSINFORMATION

Die Ilocos-Region im Nordwesten der Philippinen ist voller Widersprüche. In der Kultur der Ilocanos treffen jahrhundertealte Traditionen auf die Einflüsse der modernen Hauptstadt Manila, agrarischer Pragmatismus auf christliche Gottergebenheit. Victor ist ein Kind dieser Welt. Nachdem sein Vater die Familie für eine neue Frau verlassen hat, lebt der Junge mit der Mutter, Bruder Raffy und seinen Großeltern in bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Haus am Quinarayan-Fluss. Die Jahre seiner Jugend sind gezeichnet von familiärer Geborgenheit, aber auch von Verunsicherungen aufgrund des niedrigen sozialen Status der Familie und dem frühen Bewusstsein für seine Homosexualität.

Diese zwei Faktoren prägen Victors Leben, dem der Roman bis ins mittlere Alter folgt – in die Metropole, ins Milieu greller Schlagzeilen und des großen Geldes, in düstere Rattenlöcher, trunkene Aha-Momente, schwule Badehäuser und trügerische Episoden des Glücks. Am Ende führt der Weg jedoch zurück nach Ilocos. Wo sich ein Kreis schließt und eine Lücke füllt, aber die alten Widersprüche dennoch bestehen bleiben.

In acht konzisen Kapiteln beleuchtet Blaise Campo Gacoscos in Der Junge aus Ilocos schlaglichtartig unterschiedliche Phasen in Victors Leben – von frühen Aufbrüchen über die erste Liebe bis hin zu zweifelhaften Erfolgen und der Ernüchterung danach. In Victors Erfahrungen und Begegnungen spiegeln sich teils die Spannungen der philippinischen Gegenwartsgesellschaft, teils die Biografie des Autors wider. Ein kleiner, lebensweiser Roman über Herkunft, Identität und die reinigende Kraft des Loslassens.

DER AUTOR

Blaise Campo Gacoscos wurde 1968 in Candon, Ilocos Sur, geboren. Er erwarb seinen Bachelor of Arts in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Diliman-Universität in Quezon City, wo er auch seinen Master in Kreativem Schreiben abschloss. Er war Stipendiat des Nationalen Sommer-Workshops für Autoren in Baguio City. Der Junge aus Ilocos (OT: Kites in the Night) ist sein erster Roman

BLAISE CAMPO GACOSCOS

DER JUNGE AUS ILOCOS

ROMAN

Aus dem Englischen von Andreas Diesel

Die Veröffentlichung dieses Buches wurde gefördert aus Mitteln des PhlGoH2025, bestehend aus dem National Book Development Board of the Philippines (NBDB), der National Commission for Culture and the Arts (NCCA), dem Department of Foreign Affairs (DFA) und dem Büro der Senatorin Loren Legarda.

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel

Kites in the Night bei Bughaw, Ateneo de Manila University Press.

© 2022 by Blaise Campo Gacoscos

1. Auflage

© 2025 Albino Verlag, Berlin

Salzgeber Buchverlage GmbH

Wilhelmine-Gemberg-Weg 6 – Haus K

10179 Berlin, Germany

[email protected]

Umschlaggestaltung: Johann Peter Werth

unter Verwendung der Zeichnung Kites in the Night von

Marcel Antonio (Courtesy of Galleria Quattrocento)

Satz: Robert Schulze

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-389-0

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

Für meine Mutter Estrellita Campo

INHALT

I.      Der Junge, der nachts Drachen steigen ließ

II.     Der Knoblauchschäler

III.    Der Fels

IV.    Der Talentmanager

V.     Die Ratte

VI.    Der Mann mit dem Mobiltelefon

VII.   Das Badehaus

VIII.  Die Rückkehr

Nachwort

Danksagung

Glossar

I.

Der Junge, der nachts Drachen steigen ließ

Victor kannte das Spiel aus der Schule. Die Mädchen sprangen über ein aufgespanntes Gummiband, wodurch ihre Röcke so weit nach oben flogen, dass ihre Oberschenkel und Unterwäsche zu sehen waren. Die Jungs aus den höheren Klassenstufen drängten sich um sie herum, um die schwerkrafttrotzenden Sprünge jedes einzelnen Mädchens mit begierigen Blicken zu verfolgen. Er selbst stand zwischen ihnen und beobachtete die Bewegungen der Mädchen, als handle es sich um ein wissenschaftliches Experiment.

Eines Nachmittags spielte Victor, von der Sonne gebräunt, das Gummihüpfspiel mit seinem Bruder und seinen Cousinen, als ein Transporter die Straße entlangraste und dabei jedes Blatt und jeden Grashalm mit feinem Staub bedeckte. Der Transporter hielt vorm Haus der Nachbarn, und eine Frau Mitte vierzig stieg aus. Ihr folgte ein Junge, um die zehn wie Victor, und streckte sich. Er musterte zuerst die Mädchen und dann Victor, der seinen Blick starr und stumm erwiderte. Der Junge war hoch aufgeschossen, und seine Haut war weiß wie Milch.

Vom Drang erfasst, den Neuankömmling zu beeindrucken, wies Victor seine Spielgefährten an, das Gummiband höher zu spannen. Er rollte die Aufschläge seiner kurzen Hose bis zu den Oberschenkeln hoch und rannte auf das Gummi zu. Er hob beide Arme und machte einen Handstand, wobei er das Gummiband mit den Zehenspitzen streifte, und landete anschließend auf den Füßen. Ein perfekter Salto! Während er sich den Schmutz von den Händen wischte, warf er einen Blick über die Schulter, aber der Junge war bereits ins Haus gegangen.

Nach dem Spiel gingen Victor und sein älterer Bruder Raffy nach Hause. Im Hinterhof stand ihre Mutter und wässerte die Pflanzen mit dem Gartenschlauch.

«Bei den Nachbarn sind heute neue Leute angekommen, Mama», sagte Victor.

«Die haben riesige Kisten mitgebracht», fügte Raffy hinzu.

«Wahrscheinlich Verwandte, die hier ihre Sommerferien verbringen», sagte Mama Grace und warf einen Blick auf ihre Kinder. Deren Gesichter, Hände und Füße waren schmutzig, ihre Kleider rochen nach getrocknetem Schweiß. «Ihr beide nehmt jetzt ein Bad und zieht eure Schlafanzüge an. Bald gibt’s Abendessen.»

«Na gut», sagten sie und gingen ins Haus.

Das Abendessen war ein spärliches Mahl aus Mungbohnen und einer Menge Bittermelonenblättern. Als Victor mit dem Essen fertig war, ging er auf sein Zimmer und stellte sich ans Fenster. Das Nachbarhaus war hell erleuchtet, wie das Rathaus bei öffentlichen Festlichkeiten. Aus dem Innern hörte er immer wieder leises Lachen. Der Transporter parkte unter einem Baum und niemand war draußen zu sehen. Nach einigen Augenblicken legte Victor sich auf sein Bett und dachte über den Jungen nach. Wie heißt er, wo kommt er her, wer ist die Frau, wie lange werden sie hierbleiben? All diese Fragen gingen ihm so lange durch den Kopf, bis er einschlief.

Am nächsten Tag wachte Victor auf und schlenderte ins Erdgeschoss. Seine Mama trank am Esstisch ihren Kaffee und sprach mit der Haushaltshilfe, die das Frühstück zubereitete. Manang* Minda war eine entfernte Verwandte, die als Gegenleistung für Kost und dringend benötigtes Geld ihre Dienste im Haushalt anbot. Die beiden wandten die Köpfe nach ihm um, als sie ihn kommen hörten.

Er wünschte ihnen einen guten Morgen und setzte sich auf einen Stuhl neben seine Mama.

«Du bist heute aber früh auf», sagte sie und kämmte sein Haar mit ihren Fingern. «Hast du was vor?»

«Nein», sagte er und gähnte.

Im Hof flatterten und gackerten die Hühner. Victor lehnte sich aus dem Fenster und sah die Frau, die gestern angekommen war, auf sein Haus zuschreiten.

«Mrs. Grace Molina, bist du da?», rief die Frau fröhlich.

Seine Mama lugte durchs Fenster und fragte ungläubig: «Carol? Bist du das?» Dann eilte sie zur Küchentür, um der Frau zu öffnen, und die beiden nahmen einander fest in die Arme. Victor hörte zu, wie sie lebhaft erfreut Nettigkeiten austauschten.

«Jetzt sieh dich mal an! Du hast dir über all die Jahre deine sexy Figur bewahrt», schmeichelte Mutter der Frau und nahm deren schmale Taille in Augenschein. Carol trug ein bauchfreies Oberteil und eine Stretchhose.

«Und du, Schätzchen, bist noch genauso hübsch wie früher», sagte Carol und zwickte seiner Mama in die makellose Wange. «Wie ich sehe, hat sich hier nichts geändert – leider inklusive der schlampigen Arbeit der Gemeindevertreter von Quinarayan. Ich begreife nicht, wieso sie diese wackelige alte Holzbrücke, die jederzeit einstürzen könnte, nicht schon längst ersetzt haben. Obwohl, den Grund kann ich mir schon denken. Aber lassen wir das – wie geht es dir denn, Schätzchen?»

«Gut», antwortete Mutter. «Man lebt halt so vor sich hin.»

«Das mit Nanang* tut mir leid», sagte Carol. «Woran ist sie denn gestorben?»

«Komplikationen mit der Lunge – und sie war halt sehr alt.»

«Wie geht’s Tatang*?»

«Der will sich ums Verrecken nicht den grauen Star behandeln lassen.»

«Na, ich denke, wenn du erst so alt bist, willst du auch nicht noch mehr Schmerzen haben, oder?»

«Stimmt auch wieder», sagte Mutter. «Komm doch rein und lass uns reden.»

«Sehr gern, aber ich hab nicht viel Zeit, heute kommen noch Männer, um am Haus zu arbeiten. Du kennst mich ja, ich finde immer irgendwas zu tun. Ich kann nicht einfach nur dasitzen und die Hände in den Schoß legen.»

«Na, du bist eben auch immer noch ganz die Alte», sagte Mutter, und die beiden Freundinnen lachten.

Als sie ins Haus kamen, stand Victor am Esstisch.

«Du meine Güte! Ist das etwa Victor?», fragte Carol.

«Ja», antwortete Mutter. «Raffy, mein Ältester, schläft noch. Ich habe zwei Kinder.»

«Was bist du groß geworden!», rief Carol aus und ging auf Victor zu.

«Das ist deine Ninang* Carol», sagte Mutter, «meine beste Freundin.» Carol und sie seien im Kindergarten und der Schule in der gleichen Klasse gewesen, fügte sie hinzu; später sei sie Ärztin geworden und habe sich einer Ernährungskampagne auf den Visayas angeschlossen, wo sie ihren kanadischen Freund kennengelernt habe. Sie hatten auf den Philippinen geheiratet und waren dann nach Kanada gezogen, wo sie seither lebten.

Victor nahm Carols Hand und legte sie auf seine Stirn.

«Gott segne dich, Schätzchen», sagte Carol.

«Und du?», fragte Mutter. «Wie viele Kinder hast du?»

«Auch zwei Jungs, ich habe aber nur den jüngsten mitgebracht», sagte sie. «Ach, das ist doch wunderbar! Dann hat mein Kenneth einen Spielkameraden, während wir hier sind.»

«Wie lange bleibt ihr denn?»

«Knapp drei Wochen.»

Sie setzten sich an den Tisch, und Mutter bot ihrer Freundin eine Tasse Kaffee an. «Gern, danke dir», sagte Carol. «Nur ein Löffel Zucker, bitte.»

Die Haushaltshilfe brachte Carols Kaffee. Victor saß still dabei, während seine Mutter und seine Patentante sich angeregt über ihre Kindheit unterhielten: darüber, wie sie auf dem einäugigen Pferd seiner Mutter durch die Stadt geritten waren, oder wie sie einmal zum Entsetzen ihrer Eltern mit bloßen Händen Quallen gefangen hatten. Sie sprachen über ihre Mitschüler, von denen die meisten mittlerweile in unterschiedlichsten Teilen der Welt arbeiteten. Sie erinnerten sich an die Lehrer, die lebenden und die verstorbenen, bis ihr Gespräch allmählich zu erlahmen begann. Nach einer langen Pause sagte Carol: «Ich muss dann mal wieder. Vielen Dank für den Kaffee und das Gespräch.»

Mutter brachte ihre Freundin zur Küchentür. «Ach, beinahe hätte ich’s vergessen», sagte Carol lachend. «Bei uns findet am Wochenende eine Bienvenida-Party* statt. Ich hoffe doch, dass ihr alle kommt.»

«Das lassen wir uns nicht entgehen», sagte Mutter lächelnd.

Als seine Ninang fort war, trug seine Mama ihm auf, nach Großvater zu schauen. «Essenszeit», sagte sie. Victor flitzte sofort los. Sein Lolo* hatte bereits frische Sachen angezogen und saß auf der Bettkante. Victor setzte sich neben ihn. Er nahm den Kamm vom Beistelltisch und kämmte ihm die grau gewordenen Haare. Selbst die Augenbrauen durchzogen weiße Strähnen. Vorm Fenster sah Victor seine Ninang mit verschiedenen Männern reden, die Bolos* bei sich trugen. Er nahm seinen Großvater an der Hand und führte ihn zum Esstisch für die erste Mahlzeit des Tages.

Am Morgen der Bienvenida-Party kam der Friseur des Viertels, um seiner Mama die Haare zu machen. Victor aß sein Frühstück am Esstisch und beobachtete den Kosmetiker und seine Mutter auf der hinteren Veranda. Hiyas hatte sich ein wenig das Gesicht gepudert, seine Haare wirkten drahtig und spröde. Victor verstand nicht, warum seine Mama ausgerechnet Hiyas ihre Haare anvertraute.

«Aus welcher Provinz kommen Sie?», fragte Mutter ihn, während er ihre Haare mit einem frischen Handtuch trocknete.

«Pangasinan, Ma’am», antwortete Hiyas. Seine Stimme klang tief und rau, als hätte er gestern den ganzen Tag mit seinen Kundinnen geplaudert, dabei sprach Hiyas nur, wenn er etwas gefragt wurde.

«Was hat Sie hergeführt?»

«Mein Bruder hat eine Ilocana* geheiratet, Ma’am. Ich bin zu ihnen gezogen.»

«Ich mag Ihre tiefe Stimme.»

«Danke.»

«Singen Sie?»

«Ja, Ma’am, aber nur für mich.»

Der Friseur legte ihr das Handtuch um die Schultern und machte sich an die Arbeit. Er war so konzentriert, dass er sich auf die Unterlippe biss. Schnipp-schnipp-schnipp machte seine Schere, als er Mutter die Haare schnitt. Hiyas bemerkte Victors Blick und sie lächelten sich an. Seine Mutter bemerkte es und sagte zu Hiyas: «Das ist mein Sohn, ein überdurchschnittlich guter Schüler. Ist er nicht hübsch? Seine Lehrer sagen mir, dass alle Mädchen auf der Schule in ihn verliebt seien. Er ist ein bisschen schüchtern, aber ich glaube, das macht seinen Reiz aus.»

Hiyas lächelte höflich.

Victor aß auf und ging duschen. Er zog ein Hemd und eine Kordhose an und schaute dann im Zimmer seiner Mutter vorbei. Sie saß in einem ärmellosen Musselinkleid an ihrem Toilettentisch und trug Puder auf. Ihr Haar, an den Enden leicht gewellt, wirkte überaus lebendig. Wie es aussah, hatte Hiyas also doch geschickte Hände. Mutter starrte Victor im Spiegel an und sagte: «Du hast die Augen deines Vaters.» Der Junge strahlte.

Als Victor sechs war, hatten seine Mutter und er Monate damit zugebracht, Orte aufzusuchen, an denen sein Vater, wie seine Mutter es ausdrückte, «gesichtet» worden war. Sie fuhren in seine Heimatstadt und befragten seine Verwandten nach seinem Aufenthalt, jedoch vergeblich. Sie nahmen einen Bus nach Norden, wo sein Vater zur Schule gegangen war, und stellten seinen Freunden und früheren Mitschülern dieselben Fragen, ernteten aber nur mitleidige Blicke. Eines Abends kamen sie hungrig und entkräftet nach Hause. Sie setzten sich an den Esstisch und sprachen lange kein Wort, bis sein Großvater sagte: «Es ist schwer, jemanden zu finden, der sich versteckt.»

Seit jenem Tag schien seiner Mutter nur noch das Wohlergehen ihrer Familie am Herzen zu liegen. Sie kaufte sich eine Nähmaschine und lernte, Kleider und Vorhänge zu nähen. Sie lernte auch, den Jeep der Familie zu fahren, für den Fall, dass Lolo ins Krankenhaus musste. Sie blieb die meiste Zeit zu Hause und kümmerte sich um ihren Garten. Sie ging nicht mehr zur Messe, um dem Klatsch auszuweichen.

Eines Nachmittags kam die Lieblingscousine seiner Mutter zu Besuch.

«Mama, Tante Vangie ist hier», verkündete Victor. Sie setzten sich alle auf die Veranda und verlebten einen ruhigen Nachmittag. Die Zusammenkunft enger Verwandter, ob die Runde nun groß war oder klein, verlieh ihm stets ein Gefühl der Sicherheit.

«Weißt du, was aus Clarissa geworden ist, unserer Klassenkameradin mit der dicken Brille?», fragte die Cousine.

«Nein», sagte Mutter, «warum?»

«Na, wer hätte gedacht, dass ausgerechnet dieses dünne blasse Mädel vor uns heiraten und fünf bebrillte Kinder zur Welt bringen würde?»

Seine Mutter lächelte.

«Und erinnerst du dich an Albert und Elvira, das schönste Paar in unserem Jahrgang?»

«Ja, was ist mit ihnen?»

«Als Elvira nach London ging, folgte Albert ihr nach und bekam sogar eine Stelle im selben Krankenhaus wie sie. Was für eine Hingabe!»

Ein Moment des Schweigens folgte. Es war später Nachmittag, die Sonne ging unter. Auf der Straße machten sich einige Leute nach der Arbeit auf den Heimweg zu ihren Familien. Die Cousine schaute seine Mutter an und fragte so beiläufig wie nur möglich: «Hast du etwas von deinem Mann gehört?»

«Nein.»

«Was meinst du, wo er ist?»

«Auf dem Mond.»

«Was?», sagte Victor, auf einen Schlag putzmunter. «Heißt das, Papa ist Astronaut geworden?»

Die Cousinen lachten.

Als Victor an diesem Morgen vor der Bienvenida am Toilettentisch stand, fragte er seine Mutter: «Warum hat Papa dich verlassen, Mama?»

Mutter sah ihn im Spiegel an und sagte: «Nun, dein Vater liebte eine andere.»

«Aber warum? Hat er dich denn nicht geliebt?»

«Doch, schon.»

«Wieso hat er dich dann verlassen?»

«Weil er sich nun mal so entschieden hat.» Sie drehte sich zu Victor um und fuhr fort: «Solche Fragen stellt man nicht, mein Sohn. Man akzeptiert das einfach.» Und ehe Victor noch ein Wort sagen konnte, stand Mutter auf und fügte hinzu: «So, gehen wir?» Er nickte.

Seine Mama nahm ihn an der Hand, und sie brachen auf.

Auf der Party kam Carol auf die Molinas zu, um sie zu begrüßen. Sie trug ein figurbetontes Kleid, küsste seine Mutter auf die Wangen und neigte den Kopf, um Großvaters Segen zu empfangen. Danach waren Raffy und Victor an der Reihe, Carols Hand zu nehmen und an ihre Stirn zu führen. Carol warf einen Blick auf die lange Tafel, an der ihre Eltern saßen, und rief ihren Sohn herbei. Kenneth, der ein kariertes Polohemd und Khakihosen trug, kam auf sie zu und wünschte ihnen einen guten Morgen. Als Carol den Gästen ihren Sohn vorstellte, küsste Kenneth Mutter auf die Wangen, ließ sich von Lolo segnen und schüttelte Raffy und Victor die Hand.

«Kommt, wir suchen euch ein Plätzchen», sagte Carol.

Victor und Kenneth tauschten zaghaft ein Lächeln aus, während ihre Mütter drauflosschwatzten. Victor fragte sich, ob sie überhaupt verstehen konnten, was die jeweils andere sagte. Raffy nahm Lolo an der Hand und folgte Carol.

«Willst du spielen?», fragte Kenneth.

Victor nickte.

Kenneth führte ihn in ein Zimmer im ersten Stock des Hauses. Er griff in einen Koffer und zog eine Spielzeugeisenbahn heraus, die richtig pfiff, während sie auf ihren Schienen in Form einer Acht dahinfuhr. Als Nächstes baute er ein Raumschiff zusammen, das in allen möglichen Farben blinkte und sogar vom Boden abheben konnte. «Wow!», staunte Victor, wie gebannt von all den Lichtern, Geräuschen und Bewegungen, die die Spielsachen vollführten. So etwas hatte er im Leben noch nicht gesehen.

Als es Zeit zum Mittagessen war, gingen sie nach unten zum Buffet, füllten ihre Teller, schlängelten sich durch die Menge und aßen auf dem Zimmer. Zum Nachtisch öffnete Kenneth einen Plastikbeutel voller Pralinen mit Mandeln, Pekan- und Walnüssen. Mit denen stopften sie sich die Münder und die Taschen voll.

In den folgenden Wochen lud Victor Kenneth mehrfach zu sich nach Hause ein und brachte ihm bei, die Wasserjambose im Hinterhof hinaufzuklettern. Er machte Kenneth mit in Salz und Zuckerrohressig getauchten Yambohnen bekannt. Er nahm Kenneth mit ans Ufer des Quinarayan und zeigte ihm, wie man Libellen jagte und Frösche fing. Eines Abends, als die Meeresbrise durch die Baumkronen blies und der Mond am Himmel hing wie der Perlenohrring seiner Mutter, ließ Victor mit Kenneths Hilfe am Ufer einen Drachen steigen. Nachdem er das Seil an einem Bambusfloß festgebunden hatte, legten sie sich in den Sand und sahen zu, wie der Drachen mit seinem Flatterschwanz über ihnen schwebte.

Victor erzählte Kenneth von den Abenden, an denen er mit seinem Großvater nach dem Essen ans Meer ging. Dann rauchte Großvater am Ufer seine Pfeife und brachte ihm bei, wie man Drachen steigen ließ. Lolo lehrte ihn, den Drachen steigen zu lassen und ihn gegen den Wind zu ziehen.

«Gegen den Wind!», rief er, während Victor die Küste entlanglief und seinen Drachen hinter sich herzog. Natürlich hatte es mehr als nur einen gescheiterten Anlauf gegeben. Einmal wollte der Drachen partout nicht aufsteigen. Ein andermal stieg er zwar auf, drehte sich aber nur in der Luft im Kreis und stürzte ins Meer. Doch dann kam der Abend, an dem Victor seinen Drachen endlich triumphal gen Himmel fliegen sah. «Du hast es geschafft, Apo*! Du hast es geschafft!», rief Großvater und klatschte in die Hände.

Kenneth warf Victor einen Blick zu und fragte: «Lässt du immer abends Drachen steigen?»

«Nein», antwortete Victor, «nur wenn Vollmond ist.»

«Wieso?»

«Ich mag es, den Drachen zusammen mit dem Mond zu sehen.»

Kenneth schaute Victor fragend an. Victor rollte sich auf die Seite, sah ihn an und stützte den Kopf auf dem Arm ab. «Wo ist dein Vater, Kenneth?»

«Wahrscheinlich daheim.»

«Wie weit ist das von hier weg?»

«Ziemlich weit. Mit dem Flugzeug hat es eine Million Stunden gedauert.»

«Vermisst du ihn?»

«Ja, manchmal. Warum?»

Victor ignorierte die Frage und sagte: «Was würdest du machen, wenn er eines Tages einfach aus dem Haus gehen und nicht mehr zurückkommen würde?»

«Wie meinst du das? Dass er gar niemals wieder zurückkommen würde?»

«Ja.»

Kenneth runzelte die Stirn. «Ähm, weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich beim Notruf anrufen.»

Victor legte sich wieder auf den Rücken und schaute in den gewaltigen Himmel.

«Weißt du was», sagte Kenneth, «ich hab deinen Vater gar nicht kennengelernt.»

«Ich weiß», sagte Victor, den Blick fest auf den Drachen und den Mond am fernen Horizont gerichtet. «Ich auch nicht.»

Am zweitletzten Abend der Ferien holte Kenneth Victor zum Versteckspielen mit den anderen Kindern der Nachbarschaft ab. Victors Mutter sah gerade mit seinem Bruder fern, als er sie um Erlaubnis bat.

«Aber wir sehen ihn doch morgen auf der Despedida*-Party», sagte Mutter, ohne den Blick vom Fernsehapparat zu lösen. Carol hatte sie zu einer Abschiedsfeier im Strandhaus ihrer Familie in einem Nachbarort eingeladen. «Kann er denn nicht ohne dich mit den andern spielen?»

Victor stand reglos da und wartete die Entscheidung seiner Mutter ab. Nach einer Pause fragte seine Mutter Raffy, ob er zum Spielen mitgehen wolle. «Pssst!», zischte er, in das Basketball-Spiel im Fernsehen vertieft.

Mutter drehte sich zu Victor um und sagte: «Na gut, geh schon, aber sei rechtzeitig wieder zu Hause.»

«Danke, Mama», sagte Victor und rannte nach draußen.