Der Junge im gelben Jackett - Peter Weitzner - E-Book

Der Junge im gelben Jackett E-Book

Peter Weitzner

0,0

Beschreibung

Dieses ungewöhnliche Buch enthält viele Bücher. Es verdichten sich in Peter Weitzners Roman "Der Junge im gelben Jackett" Erinnerungen, Erzählungen Träume und Reflexionen über Kunst zu einem zeitgeschichtlichen Dokument. Peter Weitzner schreibt aus der Sicht eines Malers. Insbesondere geben seine Künstlerporträts die Aufbruchsjahre nach dem Kriege wieder. Es begann die Zeit, als sich die Kunst neu erfand. Es ist auch ein Buch über Berlin, als über den weiten, leer geräumten Trümmerflächen ein bleiches Licht lag. Die Maler trafen sich in der Paris-Bar, um erregt über ihre unterschiedlichen Positionen zu streiten. Entstanden ist ein facettenreiches Gesamtpoem

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Peter Weitzner

Der Junge im gelben Jackett

Erinnerungen - Erzählungen - Träume

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Erster Teil: Wir revoltieren, also leben wir

Zweiter Teil: In den Ruinen der Zeit

Dritter Teil: Spiel ohne Ende

Impressum neobooks

Erster Teil: Wir revoltieren, also leben wir

Die eine, noch

zu befahrende Meile

Melancholie.                               Paul Celan

Der einbrechende Abend verdunkelt die Straße, Wind fegt in Böen durch seine Haare. Unschlüssig ist er, ob er noch länger auf seinen Freund Peter Peterson warten oder doch schon die Linie 18 in die Innenstadt nehmen soll. Er versenkt sich in den Anblick der Straßenschlucht. In den Fenstern gehen jetzt nach und nach die elektrischen Lichter an. Von einem Moment zum anderen dünkt er sich einem Nichts ausgesetzt zu sein, als wäre die Leere in seinem Magen ein raumgreifendes Organ, als wäre er ein anderer in sich selbst.

Ein Flugzeug durchkreuzt den Luftraum.

Die Dinge verbergen etwas, von dem man nicht zu sagen wüsste, was es ist. Es ist eine beunruhigende Freiheit, die ihn durchdringt, ähnlich dem Wind, der ihn an dieser zugigen Straßenecke erfasst.

Da steht der Junge im gelben Cordjackett am Ende der Geschwister-Scholl-Straße, und schaut, scheinbar unbeeindruckt vom Sturm, in eine unbestimmte Ferne. Nicht starr, sondern forschend, in Erwartung eines noch nicht auszumachenden Ereignisses.

„Was ist mit dir, träumst du?“ Peter Peterson steht vor ihm.

„Endlich, du bist spät dran.“

„Es gab Zoff mit meiner Mutter. Sie verschloss die Wohnungstür

und versteckte den Schlüssel. Ich musste ihn erst finden, um raus zu können.“

„Gut, gehen wir.“

Das war im Jahr neunzehnhundertdreiundfünfzig. Wie jeden Abend wollten sie in eine Jazzbar am Dammtor, dem Treffpunkt der „Exis“. So wurde eine Gruppe von Jungen und Mädchen genannt, die, wohl mehr aufgrund ihrer Aufmachung als nach Sartres Philosophie ihre Bezeichnung erhielt. Doch was sie beide betraf, war Sartre ihr Schutzpatron. Sie stritten über die Interpretation seines Stückes „Die schmutzigen Hände“. Sie hatten vor, es aufzuführen. Die Straßenbahn war überfüllt; sie hingen draußen am Trittbrett.

„Er legt die Naivität einer idealistischen Haltung bloß. Das politische Geschäft, auch das der Revolution, wird von Bedingungen der Realität diktiert. Wer sich da nicht schmutzig machen will, kann nichts bewirken“, rief Peterson.

„Sein Stück offenbart aber, wodurch der revolutionäre Geist vergiftet wird“, antwortete der Junge im gelben Cordjackett.

„Ach was! Sartres Mann stellt sich den Bedingungen, die keiner sich aussuchen kann, um trotzdem handeln zu können.“

„Aber er zeigt zugleich den Umschlag in eine Absurdität, die Menschenopfer fordert.“

„Es gibt keine Revolution ohne Opfer!“

„Richtig, sich opfern aber kann nur aus einer persönlichen Entscheidung kommen und nicht die Entscheidung eines anderen sein.“

An der Station Klosterstern gelangten sie ins Innere der Straßenbahn. Peter Peterson zuckte mit den Achseln: „Die Frage ist so einfach nicht zu klären, jedenfalls nicht durch Schöngeistigkeit.“

In der Straßenbahn provozierte ihr Auftritt die Leute. Die Haare wirr im Gesicht, die hautengen Hosen – eine Aufmachung, die in den Fünfzigern missbilligende Blicke auf sich zog. Sie unterhielten sich lautstark. Peterson brach des Öfteren, den Kopf in den Nacken werfend, in irres Lachen aus, tanzte von einem Bein auf das andere und sah sich bisweilen abrupt um, als wenn ihm etwas entgehen könnte. Seine ins Gesicht hängenden schwarzen Locken, sein fahlgelbes, mageres Gesicht ließen, wenn er, seinen Redefluss unterbrechend, verharrte, um durch das Fenster zu spähen, an einen Jüngling der Antike denken. Der Junge im gelben Cordjackett mit aschblondem Lockenkopf gestikulierte beim Reden, schlug jemandem den Hut vom Kopf, fing ihn im selben Moment aber auf und reichte ihn lachend zurück.

Hineingeworfen in einen schutzlosen Raum, ihre Verletzlichkeit missachtend, überboten sie sich darin, diese mit großartigen Gesten zu überspielen. Von der augenblicklichen Gier zu leben erfüllt, geriet alles Erlebte in den Hintergrund. Nur so ist es zu erklären, dass sie ihrer persönlichen Geschichte wenig Aufmerksamkeit schenkten. Es reichte ihnen, diese zu erwähnen, ohne weiter eindringen, ja, ohne die Geschichten zu genau wissen zu wollen. Vielleicht war ein unausgesprochenes Einverständnis im Spiel. Sie wussten Bescheid in einem grundsätzlicheren Sinn. Sie hatten als Kinder erfahren, was Verfolgung und Vernichtung bedeutet und welche Wirrnisse und Ängste sie auslösen. Jetzt aber streiften sie alles ab, was ihren augenblicklichen Launen im Wege stehen könnte.

Peter Peterson und der Junge im gelben Cordjackett waren ein Gespann, wie durch unbekannte Energie zusammengeführt. Sie stellten sogar fest, dass sie am gleichen Tag Geburtstag haben.

Getrieben, eine aufgestaute Energie auszuleben, streiften sie jede Nacht durch die Stadt. Das Zentrum ihrer Ausschweifungen war die Bar „Handtuch“, ein verräucherter Schlauch, in dem es Live-Musik gab. Es war die Zeit des Jazz. Die Mädchen, auf die sie trafen, hatten strähnige Haare, waren bleich geschminkt, die Augen im fahlen Gesicht schwarz umrandet. Sie nahmen sich das Recht, zu tun und zu lassen, was sie wollten.

Der Jazzdance, dem Rhythmus der Synkopen unterworfen, variierte in kurzen, abrupten Schrittfolgen, ein Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung. Die rasanten Tänze wurden unterbrochen vom Blues. Dann schmiegten sich die Mädchen und Jungen aneinander. Mit offenen Mündern atmend, bewegten sie sich kaum noch von der Stelle, um allein ihre Körper zu spüren.

Im Nebenraum, debattierten die über Zwanzigjährigen. Über den runden Tisch zogen Rauchschwaden. Die tief hängende Lampe gab ihren Gesichtern eine diabolische Note. Eine Zeitung lag vor ihnen, Stalin war tot, hieß es in der Schlagzeile. Ein Junge mit Stoppelhaar schrie, dabei mit der flachen Hand auf die Zeitung schlagend: „Er ist zu früh abgetreten, er hat seine Sache noch nicht zu Ende geführt, es ist ein Jammer!“

Ein Bärtiger lachte: „Du meinst die Schauprozesse, die Massenmorde?“

„Blödmann, du hast ja keine Ahnung von Dialektik, die Notwendigkeit und Freiheit als Einheit begreift.“

„Ja, gewiss doch, die Notwendigkeit, die Menschen frisst!“

Der Junge im gelben Cordjackett lehnte sich an einen Pfeiler, um die Gruppe aus einiger Entfernung ins Auge zu fassen, ihr mimisches Spiel auf sich wirken zu lassen.

Es wurde kontrovers diskutiert, einer überschrie den anderen. Mit einem Mal empfand er die erhitzte Erregung als nutzlos, die Widersprüche, in einer fehlgeleiteten Realität begründet, als unlösbar. Ein Mädchen, in einem bis zum Oberschenkel geschlitzten Kleid, die in der Nähe des Tisches auf einem Barhocker saß, verfolgte den Disput mit einem ironischen Lächeln. Sie war ihm schon vorher aufgefallen, weil sie auf eine herbe, ungewöhnliche Art schön war. Es war ihr gefasster Ausdruck, ihr klarer Blick, der ihn faszinierte, wie sie die Runde von ihrem erhöhten Sitz aus beobachtete, als würde sie nicht nur den widerstreitenden Argumenten folgen, sondern die Personen als Ganzes erfassen wollen. Sie schien zu bemerken, dass auch er alles wahrnahm und lächelte ihm zu. In einer Ruhepause, als die Stimmen für einen kurzen Moment verstummten, warf sie einen Handschuh auf die Zeitung, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und sagte, als alle sie ansahen, betont ruhig: „Stalin hat Hitler besiegt, das ist als Erstes festzustellen!“

„Was willst du damit sagen, Celia, sind Stalins Verbrechen damit nichts?“, fragte einer mit einer kreisrunden Brille im hageren Gesicht.

„Stalin brachte seine politischen Gegner um, das ist das, was in jeder Revolution passiert. Zum Verbrechen wird es, wenn die Gewalt auf jedermann übergreift, wenn das Volk selbst zum Feind wird. Doch Hitler aberkennt den Juden und anderen bestimmten Menschen, ob Kindern, Frauen, Männern, das Recht, überhaupt zu leben. Das pure Sein ist ihr Vergehen. Im ersten Fall verrät die Revolution sich selbst, im zweiten wird die Zivilisation vernichtet. Es ist das Ende von allem.“

Das Mädchen argumentierte ruhig, streifte dabei aber mit einer unnachahmlich ungeduldigen Geste ihre schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sie überzeugte mich. Stalin hat Hitler besiegt, das musste bedacht werden.

Ein Langer, der mit am Tisch stand, warf nun ein, wobei er den Bärtigen fixierte: „Es gibt Leute, die immer noch so naiv sind zu glauben, die Geschichte, auf ihrem Höhepunkt angekommen, würde darauf warten, bis sich alle ihre Widersprüche wohlgefällig und friedlich auflösen.“

Der Bärtige lachte: „ Oh, wer ist diese faszinierende Gestalt, die Geschichte heißt; die uns zum Zweck des Guten zwingt, Dinge zu tun, die wir sonst nie verantworten würden?“

Er verließ den Tisch und machte eine wegwerfende Handbewegung.

Das Mädchen Celia zog an ihrer Zigarette und kommentierte mit ihrer rauen Stimme seinen Weggang:

„Der Mann hat keinen Schimmer von Politik, vom Wesen der Revolution null Ahnung und spielt sich hier als Moralist auf. Was kann man schon von solchen Typen erwarten, wenn es darum geht, die Verhältnisse zu verändern?“

Sie blies den Zigarettenrauch gegen die Decke und lachte ihn an.

Der Junge im gelben Cordjackett lachte zurück, wurde aber von einem anderen Mädchen auf die Tanzfläche im Nebenraum gezogen.

Peter Peterson gab beim Tanzen eine bizarre Figur ab. Mit bleckenden Zähnen – die Lust zog sein Gesicht zu einer grinsenden Maske zusammen – schleuderte er mit abrupten Gebärden seine Partnerin umher und warf ruckartig seine schwarzen Locken. Von Raserei ergriffen, schien sein hagerer Körper das Skelett seiner Existenz bloßzulegen. Nur in ekstatischen Eruptionen war die Lust zu leben wiederherzustellen.

Der Stil des Jungen im gelben Cordjackett war nicht minder wild, vielleicht weniger fanatisch, er tanzte figurenreicher. Aber was sich glich, war die Leidenschaft, die ihren Tribut einforderte.

Später, vom Tanzen erhitzt, ging der Junge vor die Tür, machte einige Schritte in die Nacht hinaus und traf unvermutet auf Celia.

„Ach, du bist es“, sagte sie lachend. „Vorhin hast du so aufmerksam zugehört, ich würde gern wissen, wie du die Sache siehst.“

Nachdenklich, ihn hatte die Thematik die ganze Zeit nicht losgelassen, antwortete er:

„Ich fürchte, die Revolution ist gestorben und mit ihr die Geschichte. Sie wurde vertan, als sie notwendig war. Ich meine, vor neunzehnhundertdreiunddreißig. Das war der Höhepunkt der Geschichte, das war der Moment zu handeln. Es hätte nie geschehen dürfen, was danach geschah; es ist irreparabel. Die Menschheit hat versagt. Aber jetzt noch von Revolution zu sprechen …?“

„Wir revoltieren, also leben wir!“, unterbrach sie ihn lachend.

Sie gingen einige Schritte auf die Moorweide hinaus.

„Auschwitz ist noch nicht beendet, es kann sich überall wiederholen.“

Ihm fiel dieser Satz ein, ohne ihn vorher bedacht zu haben. Sie sah ihn an:

„Das ist es ja: Die Revolte, notwendig wie nie zuvor, stirbt nicht“, erwiderte sie ruhig.

Nach einer kleinen Weile, sie sah ihn lächelnd an, fügte sie hinzu: „ Der Höhepunkt der Geschichte ist auch keine Kirchturmspitze, sondern ein Hochplateau. Da befinden wir uns noch immer.“

Nun lachte auch er sie an: „Gut, überqueren wir das Plateau der Geschichte.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, und sie umarmten sich. Einen Augenblick standen sie da, einander umschlungen, umhüllt von der Nacht.

Auf dem Nachhauseweg entlang der nächtlichen Rothenbaum‑Chaussee, die Straßenbahn fuhr nicht mehr, gingen Peter Peterson und der Junge schweigend nebeneinander her.

In jenen Momenten der Stille spürten sie die Unruhe der Zeit. Sie waren in jener Epoche angekommen, in der jedwede Zukunft von der Gegenwart assimiliert wurde, und diese Wucht des Gegenwärtigen, seine überbordende Energie, die geeignet war einen auszulöschen und das Gefühl vermittelte, ausgeliefert zu sein, einer Macht, die jedes und alles umfasst, von deren inneren Zusammenhalt man nicht die geringste Vorstellung hatte, hinterließ nichts als Leere. Die Botschaft war: Das ist die entblößte Realität. Es gibt nichts, was sie nicht bereits enthält, also auch ihre Auslöschung oder, sehr ungewiss, ihre Befreiung. Entweder – Oder.

Peter Peterson brach das Schweigen und fragte den Jungen, was er von der Stalindiskussion halte.

„Du hast sie also auch mitgekriegt?“

„Ich stand hinter dir, du hast mich nur nicht bemerkt.“ Er fügte hinzu: „ Die Argumente des schwarzhaarigen Mädchens müssten dir doch zu denken geben.“

Ohne Peter Peterson etwas von seiner Begegnung mit Celia auf der Moorweide zu erzählen, antwortete er: „Sie hat recht, Stalin hat Auschwitz befreit, auch wir würden nicht mehr leben, wenn er nicht Hitler besiegt …, wenn nicht abertausende sowjetische Soldaten ihr Leben gelassen hätten.“

Peter Peterson nickte.

In diesem Augenblick krachte es, Glas splitterte, sie erschraken. In der nächtlich kaum befahrenen Straße war ein Auto auf ein parkendes gefahren. Es herrschte sofort wieder Stille, nichts rührte sich. Sie liefen zum Auto hinüber, das vorne zusammengedrückt war, schauten ins Innere und erschraken beim Anblick des Verletzten, der, hinter dem Lenkrad eingeklemmt, regungslos blieb. Sein Gesicht war nur noch blutige Masse. Sie konnten in der Dunkelheit nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte.

Die Fenster im zweiten Stock eines nahen Hauses wurden aufgerissen. Sie schrieen hinauf, dass die Feuerwehr gerufen werden müsse, der Fahrer des Unfallwagens rühre sich nicht!

Die Autotür war nicht zu öffnen. Sie blieben, bis die Sanitäter eintrafen, beobachteten noch die Rettungsaktion, den Abtransport des verletzten Menschen und gingen innerlich erstarrt weiter.

Das Unglück schien wie ein mahnendes Beispiel dafür, was Gewalt bewirkt; wenn auch diese hier nicht durch menschlichen Wahn einer ideologisch oder religiös motivierten Maßnahme verursacht worden war. Der blutüberströmte, bewusstlose oder zu Tode gekommene Mensch jener Nacht entsetzte sie. Es schockierte sie, was plötzlich und unvorhergesehen, von einem zum nächsten Moment, ein Leben vernichten kann.

Das konkrete Erlebnis machte dem abstrakten Diskurs ein Ende.

Das letzte Stück, den Lockstedterweg hinauf bis zum Wendloherweg, ging der Junge allein.

Der Wind hatte sich gelegt, die Nacht war jetzt lau und sanft. Die Stille nach den tobenden Stunden, beendet vom Unfall, hüllte ihn ein. Er befand sich wie in einem unvermessenen Raum. Weder bedrückt noch befreit schritt er aus, innerlich still geworden. Seine Schritte hallten auf dem Pflaster wider. Er fühlte sich wie nach einer überstandenen Schlacht, die nicht zu gewinnen war, der man sich jedoch täglich, eher noch: Nacht für Nacht von Neuem stellen musste. Den Haustürschlüssel hatte er, wie so oft, vergessen. Er musste seine Mutter, mit wiederholten Rufen zum dritten Stock hinauf, aus dem Schlaf reißen. Sie warf ihm die Schlüssel herunter, begleitet von der berechtigten Klage über seine Rücksichtslosigkeit.

Zeit der Unruhe

Ich lege den Stift zur Seite und schaue auf die See. Die Wellen rollen behäbig heran; geradezu zeitlupenartig. Die See zeigt heute ihre immerwährende Präsenz einprägsamer als in Phasen ihrer Wildheit. Ihre in sich selbst schwankende Masse, ihre auf alle Wesen wirkende Macht nimmt gefangen. Man ergibt sich der brachliegenden Zeit des Mittags, Bilder vergangener Zeiten erscheinen. Unsere Zeit ist von Unruhe durchdrungen. Doch in Momenten wie diesen genießt man das Glück nichts zu wollen, nichts zu erwarten, nur da zu sein. Man träumt im hellwachen Zustand und ahnt, es gab eine Ära, in der die Ruhe sich ins Unermessliche ausdehnte und die Unruhe, in einer Art Umkehrung der Pole, sich zu einem Energieknoten verdichtete. Vielleicht ist die Ruhe auch gleichzusetzen mit der Fähigkeit, in sich selbst zu bleiben und nur das zu sein, was man ist.

Initiation

Sein Verständnis von Kunst begann als er sechzehn war und Picasso entdeckte. Wie ein Sprung ins kalte Wasser wirkte der Kosmos zerschlagener und neu zusammengesetzter Welten auf ihn. Eine Initiation. Picassos metaphorische Energie, die Dinge neu und immer wieder anders zu kombinieren, sollte prägend für sein Kunstverständnis werden. Seine Bilder waren dem Jungen gegenwärtig und sollten ihn nicht mehr loslassen. In ihnen entdeckte er das Versprechen von etwas Unzerstörbarem, von einer poetischen Macht, die wesentlicher ist als alle anderen Formen der Macht.

Picasso in seiner unwiderlegbaren Gegenwärtigkeit verkörperte für ihn die Hoffnung, die im Jetzt ihre Erfüllung findet und nicht erst in einer Zukunft, die nie eintritt.

Picasso notierte:

„Man hat noch nichts Besseres hervorgebracht als die Skulptur der Primitiven. Wem fiele die Präzision der Höhlenzeichnungen nicht auf? Die assyrischen Reliefs bewahren noch die gleiche Reinheit des Ausdrucks. Diese wunderbare Einfachheit ist verloren gegangen, weil der Mensch aufgehört hat, einfach zu sein. Er wollte weiter sehen und verlor die Fähigkeit, das zu begreifen, was er vor Augen hatte.“

In jener Zeit, als er mit eigenen Versuchen begann, hatte er einen Traum.

Er saß neben Picasso auf roter Erde, ihre Rücken lehnten an der gelben Mauer eines monumentalen Palastes. Sie sahen schweigend in die Landschaft.

Schließlich fragte er Picasso:

„Womit beginnen, wenn alles schon geschehen ist?“

Der war ungehalten und antwortete nur kurz:

„Nichts ist geschehen! Alles muss immer aufs Neue erfunden werden, beginne etwas, dann findest du es.“

Die Ahnen sind einsilbig und geben pauschale Antworten. Sie meiden jede Form von Verbrüderung. Sie bleiben auf Distanz und es ist ratsam, sich ebenfalls zu distanzieren und sich in einer Identifikation niemals zu verlieren. Nur scheinbar befindet man sich in den Begegnungen auf gleicher Ebene mit ihnen. Sie sind überlegen, fern und nah zugleich. Ihre allgemeine Botschaft aber ist immer: Du lebst, du bist es, auf den es jetzt ankommt!

Die Ehrerbietung hat auf dem Terrain der Begegnung keine Bedeutung. Es ist ein spröder Kontakt. Sie wollen beides, dass man sie bedenkt und von ihnen ablässt, dass man sie ehrt und vergisst.

Die Mütter

Peter Peterson lebte zusammen mit seiner Mutter und Großmutter, die Jüdinnen waren, in einer beengten Wohnung. Sein Vater, ein Roma, war verschollen. Was da genau geschehen war, war nicht mehr auszumachen. Die Familie hatte, versteckt in Dänemark, überlebt, dort einen neuen Namen angenommen und war, aufgrund von Rentenansprüchen, zurückgekehrt. Das Schicksal von Petersons Vater blieb im Dunkeln.

Der Junge im gelben Jackett hatte mit seiner Schwester in Verstecken überlebt und war einer schon ausgestellten Deportation entkommen. Sein Vater, der Jude war, wurde ermordet. Seine Mutter, Nichtjüdin, die anlässlich seiner Geburt nach jüdischem Ritus in Wien neunzehnhundertsechsunddreißig zum Judentum konvertiert war und damit der Gestapo eine Vorlage für das Todesurteil der gesamten Familie lieferte, war mit ihren Kindern untergetaucht. Der Junge konnte erst nach dem Krieg die Schule besuchen, schloss diese mit der zehnten Klasse ab und begann, gerade fünfzehn geworden, neunzehnhunderteinundfünfzig eine Kaufmannslehre. Peter Peterson, verschont vom Schulausfall, besuchte das Gymnasium. Darum beneidete er den Freund. Peterson spielte auch Geige im Schulorchester. Er lud ihn einmal zu einem Hindemith-Konzert ein. Er spielte beeindruckend. Doch exzentrisch und impulsiv wie er war, zerbrach er eines Tages seine Geige in einem Wutanfall. Und das nur, weil seine Mutter ihn wiederholt ermahnt hatte zu üben.

Mit seiner Mutter gab es immer furchtbaren Streit, der stets schreiend ausgetragen wurde und durchwegs seine „nächtliche Herumtreiberei“, die eine Vernachlässigung der Schule nach sich ziehen würde, zum Thema hatte.

„Ihn“, seine Mutter zeigte auf den Jungen, „kannst du nicht zum Vorbild nehmen, er schafft seine Lehre offenbar auch, wenn er die halbe Nacht herumstreunt.“

„Du hast gar nichts mehr zu melden, es ist allein meine Angelegenheit was ich mit meinem Leben anfange, ich bin kein Kind mehr.“ Und Peterson fügte hinzu: „Halte dich einfach raus; ich gehe sowieso, wann ich will.“

In gewisser Weise hatte Peter Peterson recht; sein Handeln war das Ergebnis der Gewalt, die auf die Familie eingewirkt und sie zerstört hatte. Er war zu früh fertig geworden. Bei dem Jungen im gelben Jackett, bei vergleichbar erlittener Bedrohung in der Kindheit, verhielt es sich ebenso. Vielleicht war er weniger gewaltsam. Das soll nicht heißen, dass Peter Peterson ein sich selbst reflektierendes Bewusstsein abging. Im Gegenteil. Nur bei ihm schien es wie ein seiner Existenz hinzugefügtes Instrument, bei dem Jungen hingegen ein sein Wesen ausmachendes Element.

Peter Peterson zog den Freund zur Tür, seine Mutter zur Seite schiebend. Die Mutter schrie und seine hagere Großmutter, die in ihrer gekrümmten Haltung zitternd dabeistand, ihre Strickjacke mit ihren knochigen Händen zusammenhaltend, flüsterte:

„Mein Gott, er gerät ja ganz nach seinem Vater.“

Beim Hinuntergehen meinte Peterson:

„Was soll ich machen, da müssen sie durch.“

Er schob alles zur Seite, was ihm im Wege stand, seine Lust auszuleben, selbst die eigene Mutter. Seine Großmutter, die nur noch ein Fähnchen ihrer selbst war, eine Leid geprüfte, in sich selbst zusammengefaltete Gestalt, nahm er gar nicht mehr wahr.

Aber war der Junge anders?

Seine Mutter hatte es aufgegeben, ihn gängeln zu wollen, wenn er nur seine Lehre durchhielt. Und da er diese schon zur Hälfte absolviert hatte, beschloss er aus eigenen Stücken, den Abschluss nicht aufs Spiel zu setzen, ungeachtet dessen, dass er den Beruf verabscheute und schon jetzt wusste, dass er ihn nie ausüben würde. Er hielt durch, weil er fühlte, dass eine abgebrochene Sache ihn nur schwächen könnte.

Er kam mit vier bis fünf Stunden Schlaf aus, denn schon um sieben klingelte der Wecker. Alle waren zugleich im Aufbruch. Seine Mutter arbeitete als Sekretärin, ebenso seine Schwester, und sein sieben Jahre jüngerer Bruder machte sich fertig zur Schule. Das Radio brachte Schlagermusik und war auf maximale Lautstärke eingestellt. Wichtig war jedoch nur die Uhrzeit, die, im Takt von drei Minuten die Musik unterbrechend, angesagt wurde, wie um mit einer akustischen Peitsche das morgendliche Ritual Abertausender zu rhythmisieren. Menschenmassen beugten sich Tag ein Tag aus, Jahr um Jahr dieser verordneten Hast, und jede Verrichtung wurde in aller Schnelle ausgeführt, nicht einmal drei Sekunden oder einen Handgriff verschenkend.

Er wusch sich, zog ein gestärktes Hemd an, band sich die Krawatte, schlüpfte in seinen Anzug, befeuchtete sein Haar, kämmte es nach hinten, schlang die von seiner Mutter zubereitete Buttermilchsuppe hinunter, versah seine Hosenbeine mit Schutzzwingen, damit sie nicht von der Fahrradkette verschmutzt würden, sprang, Tschüss rufend, die Treppe abwärts, schwang sich aufs Fahrrad und radelte im schnellstmöglichen Tempo quer durch Hamburg nach Altona zur Firma Albert Lindloff.

Das letzte Mal, dass seine Mutter ihren Willen ihm gegenüber behauptete, er war noch nicht fünfzehn, bestand darin, diese Lehre für ihn durchzusetzen. Er selbst hätte lieber eine Hospitation als Handwerker in den Werkstätten für Bühnenbau im Hamburger Schauspielhaus angetreten. Das Vorstellungsgespräch dort verlief gut, man wollte ihn nehmen, und der Einblick in diese Kunstwelt, die Lebendigkeit der unterschiedlichen Arbeiten, die dort in einer mit Licht erfüllten Werkhalle ausgeführt wurden, überstieg alle seine Erwartungen. Das alles begeisterte ihn und er konnte sich keine bessere Anstellung vorstellen. Seine Mutter entschied sich jedoch für eine kaufmännische Lehre, wohl in der Meinung, richtig zu handeln und davon überzeugt, dass er ihr das später danken würde. Sie irrte sich.

Die Mütter, überfordert mit ihren vaterlosen Söhnen, unternahmen nach all den Irrungen und katastrophalen Eingriffen in ihr Leben, übermenschliche Anstrengungen das Dasein wieder in normale Bahnen zu lenken. Sie hatten aber nicht mit dem Eigensinn ihrer Söhne gerechnet.

Mit sechzehn begann der Junge sein nächtliches Parallelleben. Er konnte nach Feierabend nicht schnell genug nach Hause radeln, sich umziehen, das hieß, sich verwandeln, um mit Peter Peterson loszuziehen.

Ella

Louis Armstrong und Ella Fitzgerald sollten ein Konzert in der Ernst-Merck-Halle geben. Die Halle war weiträumig abgesperrt. Man rechnete, mit einem Ansturm von Menschen. Die Freunde versuchten auf Umwegen in die Halle zu gelangen Der Junge hatte. Peter Peterson im Gedränge verloren.