Der Kadaverräumer - Zoltán Danyi - E-Book

Der Kadaverräumer E-Book

Zoltán Danyi

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Rede war von fünf toten Füchsen, die an der ungarisch-serbischen Grenze auf der Straße lagen. Als die Männer vom Räumkommando dort ankommen, sind es Dutzende Kadaver, auch Hunde und Katzen – erschossen, wie sich herausstellt, von Grenzposten, die sich die Zeit vertreiben wollten. Der Krieg auf dem Balkan ist lange vorbei, dennoch sind es Erlebnisse wie diese, die den Erzähler in seine Vergangenheit zurückstoßen.

Im Garten einer Berliner Klinik, in der er gestrandet ist, um seine quälenden Verdauungsprobleme loszuwerden, holt ihn die Musik eines Kusturica-Films ein, und er bricht in Tränen aus, „vielleicht, weil sie an die Oberfläche brachte, wovor er gerne weggelaufen wäre, jene alles verwüstenden, alles ausbeinenden Jahre, die einfach kein Ende nehmen konnten oder wollten, die immer noch andauerten“.

Wer ist dieser Erzähler, der in einem reißenden Redestrom zwischen den traumatischen Schauplätzen seines Lebens hin und her taumelt? Einem Kadaverräumkommando angehörte, das einmal eine ganz andere Aufgabe übernommen hatte? Ist er Opfer, Täter? Ein Überlebender, der im Sprechen Heilung sucht?

Der Jugoslawienkrieg und sein Nachleben haben Zoltán Danyi nie losgelassen – fast zwei Jahrzehnte lang scheiterte er an dem Versuch, eine monströse Realität einzufangen, die ihn selbst fast verschlungen hätte. Eines Tages war der Ton da – ein Sound, der einen beim Lesen bezwingt. Der Text schillert wie die Oberfläche eines verseuchten Gewässers. Schicht für Schicht wird sie abgedeckt. Ein Buch, gebaut wie ein komplexes Musikstück, dessen Schönheit Distanz und Berührung gewährt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zoltán Danyi

Der Kadaverräumer

Roman

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora

Suhrkamp

 I Amerika

1

Die Erde bebte, sagte er, oder es waren nur die Beine, die ihm zitterten, in Berlin lief er den ganzen Tag nur hin und her in den Straßen, seit Tagen lief er nur hin und her, er fing am Morgen an und blieb nicht stehen, bis spät in die Nacht, höchstens kurz, um beim Türken was zu essen, danach machte er weiter, ging auf und ab und kehrte erst in der Nacht in die geliehene Wohnung zurück, tief in der Nacht, kochte sich eine Portion Getreidekaffee und setzte sich vor den Fernseher, aber in den Nachrichten war keine Rede von einem Erdbeben, dabei bebte sie, er spürte seit Tagen, dass sie zitterte, vor dem Fernseher schlief er natürlich sofort ein, und als er wieder aufwachte, war der Getreidekaffee kalt.

2

Der Pfleger verstand vermutlich kein einziges Wort von dem, was er sagte, er war ohnehin schon wieder rausgegangen, er war also allein im Zimmer, er lag auf dem Bett, und um ihn herum war alles weiß, das Bett, der Stuhl, der Boden und die Wände, und auch das Fenster war weiß und die Gitter am Fenster, draußen nieselte es oder hatte gerade aufgehört, und ein Militärflugzeug zog am Himmel vorbei, aber es kann auch sein, dass er es sich nur eingebildet hatte, denn wenn er zu Hause nicht schlafen konnte, dann ging er am Donau-Ufer spazieren, und dabei kam es häufig vor, dass Jagdflieger im Tiefflug über ihn hinwegdonnerten, und der Himmel zitterte, wie ihm jetzt die Knie zitterten, wobei schon das allein ein Wunder war, dass sich diese klapprigen serbischen Jagdmaschinen überhaupt in der Luft halten konnten, sagte er zum Pfleger, der gerade wieder hereinkam, einen weißen Becher auf den Nachttisch stellte und wieder hinausging, und er schaute sich eine Weile nur den Becher an, starrte das weiße Schränkchen an, bis ihm einfiel, wo er stehengeblieben war, und fortsetzte, dass ihm ab da völlig klar war, dass er ein weißes Heft brauchte, denn ein großer Plan begann sich in seinem Kopf abzuzeichnen, er war also nicht wegen der Wandschmierereien und auch nicht wegen der tief donnernden Jagdflieger losgegangen, sondern wegen der weißen Hefte, sagte er und nahm den Becher in die Hand und trank einen Schluck von der süßen Plörre, aber der Pfleger möge das nicht missverstehen, er habe nicht etwa ein Problem mit blauen oder schwarzen Heften gehabt, nein, auch wenn das jetzt ein wenig verworren klinge, denn er könne ihm glauben, das wird auch noch klarer werden, er hatte sich das Ganze schon zu Hause fein säuberlich zurechtgelegt, und dann war es beschlossen, dass er nicht länger in Serbien bleiben konnte, es waren also nicht die Wandschmierereien, nicht die fliegenden Wracks und nicht der erstickende Gestank, die ihn vertrieben hatten, sondern die weißen Hefte, denn wenn er es auch nicht verhindern kann, den Verstand zu verlieren, wenigstens mit dem Leben davonkommen möchte er, und da bleibt einem nichts anderes übrig als ab nach Amerika, sagte er und trank noch einen Schluck, stellte dann den Becher wieder auf dem Schränkchen ab und sah durch die vergitterten Fenster hinaus in den grauvioletten Himmel … zum Beispiel wie der Papst, sagte er dann, denn das fiel ihm auch noch ein, er hatte das einmal vor langer Zeit im Fernsehen gesehen, dass der Papst sich nach jeder Flugreise auf die Knie niederließ und die Erde küsste, genauer gesagt den Asphalt der Startbahn, und genau so hatte er es sich auch vorgestellt, sagte er, wenn er es einmal schaffen würde, nach Amerika zu gelangen, dann würde er sich genauso auf die Knie werfen und den Asphalt von LaGuardia oder JFK küssen.

3

Er wollte nichts verpassen, deswegen sah er sich Sky News an, sah sich jede Stunde die Nachrichten und die Vorortberichte an, aber nie im serbischen Fernsehen, denn das serbische Fernsehen war der Krieg selbst, sagte er, für Sky News musste man anfangs nicht einmal zahlen, die Kabelanbieter vor Ort hatten nämlich den Code geknackt und strahlten sämtliche westlichen Sender umsonst aus, so dass er auch die Beerdigung des Papstes live verfolgen konnte, was schon etwas heißen will, denn laut Sky News war das die im Laufe der Geschichte bislang größte Zusammenkunft von Herrschern und Präsidenten und Staatschefs, sagte er, und mit diesem Ergebnis ließ Johannes Paul II. Leute hinter sich wie Winston Churchill und Josip Broz Tito, die auf diese Weise ex aequo nur auf den zweiten Platz kamen, und der Nächstplatzierte wäre bestimmt Ayrton Senna gewesen, hätte man nicht die gelbe Fahne geschwenkt.

4

Er fuhr bis zur ersten Tankstelle in Szeged, tankte den gepimpten Mercedes voll und fuhr gleich wieder zurück, und er war schon in der Nähe der Grenze, als es im Radio Kossuth hieß, dass Ayrton Senna in Imola einen Unfall erlitten hatte und mit dem Helikopter ins Krankenhaus nach Bologna geflogen wurde, aber seine Verletzungen waren so gravierend, dass ihn die Chirurgen nicht mehr retten konnten, sagte er zum Pfleger, die Achse des abgerissenen Reifens hatte sich in Sennas rechtes Auge gebohrt und trat hinten über dem Nacken wieder aus dem Schädel aus, ihn ließ die Formel 1 natürlich kalt, und wenn er mal in das eine oder andere Rennen hineinschaltete, langweilte er sich nach wenigen Minuten, also traf ihn Sennas Tod auch nicht besonders, aber aus irgendeinem Grund hatte er dennoch das Gefühl, dass diese Minute noch wichtig werden würde, und tatsächlich, Sennas Unfall ist seitdem zu einer Art Fixpunkt der Geschichte geworden, eine mehr oder weniger sichere Landmarke, die einem hilft, sich in diesem Irrgarten zurechtzufinden, sagte er, und wenn wir schon dabei sind, fügte er hinzu, wäre es gut zu wissen, ob sich der Papst für die Formel 1 interessierte, ob der Papst sich wohl die Übertragungen angesehen hatte, und wenn ja, ob der Papst Sennas Unfall an jenem Tag im Mai sah, schließlich ist Imola nicht so weit weg vom Vatikan, und wer weiß, wo mehr gebetet wird, auf der Rennstrecke von Imola oder im Vatikan, jedenfalls musste der Papst irgendwie über Sennas Unfall informiert worden sein, wenn sonst nicht, dann aus den Abendnachrichten, vorausgesetzt, diese werden im Vatikan geschaut, aber warum sollte man nicht, der Vatikan ist bestimmt ein Abonnent von Sky News, natürlich ein richtiger Abonnent, nicht wie die Kabelfritzen aus Novi Sad, sagte er, die Nachricht vom Tod des brasilianischen Rennfahrers ist also bestimmt bis zum Papst gelangt, der ein Gebet für ihn sprach, und es kann auch sein, dass der Papst ausgerechnet in jenen Minuten ein Gebet für Senna sprach, als er mit dem bis zum Rand vollgetankten Mercedes an der Grenze ankam und sich einreihte hinter einem Kombi mit deutschem Kennzeichen, der vollgestopft war mit türkischen Gastarbeitern.

5

Emerson Fittipaldi und Nelson Piquet, diese Namen fielen ihm ein, Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet und Alain Prost, weil nämlich die Aufkleber im Dreierpack verkauft wurden, die man dann in ein Album kleben konnte, aber man musste sehr viel davon kaufen, um das Album vollzukriegen, denn manchmal gab es zwei oder sogar drei gleiche Bilder in einem Pack, und so hatte man von manchen zwanzig, dreißig Stück und von anderen gar keins, eine Lösung wäre also gewesen, das ganze Taschengeld für Formel-1-Aufkleber auszugeben, was natürlich nur theoretisch möglich war, denn zum einen hatten sie nie so viel Geld, um es ganz und gar für Aufkleber ausgeben zu können, andererseits wäre diese Methode wegen der sich wiederholenden Bilder sowieso nicht zielführend gewesen, deswegen blühte der Tauschhandel auf, und das war die zweite Lösung, die überflüssigen Bilder untereinander zu tauschen, und die selteneren Bilder wurden dabei ziemlich schnell aufgewertet, es gab welche, die für einen Nelson Piquet bis zu zehn Fittipaldis verlangten, aber so konnte man wenigstens auf Nummer sicher gehen, und jeder bekam das, wofür er bezahlt hatte, und wenn es jemandem nicht einmal so gelang, das Album vollzumachen, dann gab es eine dritte Lösung, denn neben dem Tauschhandel hatte sich auch eine Art Geschicklichkeitsspiel entwickelt, genauer gesagt eine Art Mix aus Geschicklichkeitsspiel und Glücksspiel, bei dem es darum ging, dass zwei Spieler jeweils mit der Bildseite nach unten zwei Bilder auf den Boden legten, und dann musste man auf diese Bilder so draufschlagen, dass sie von der Saugkraft der Handflächen vom Boden hochgehoben wurden und sich in der Luft drehten und mit der Bildseite nach oben wieder auf den Boden fielen, und gewonnen hatte der, dem das bei beiden Bildern gelang, und da dieses Spiel meist auf der Straße gespielt wurde, waren die Bildchen bald schmutzig und zerknittert, aber es war immer noch besser, einen dreckigen Aufkleber ins Album zu kleben, als den Platz dafür leer zu lassen, sagte er.

6

Um die Wahrheit zu sagen, sah er sich nie ein Formel-1-Rennen zu Ende an, weil er sich nur für Krimiserien interessierte, er könnte also im Grunde sagen, dass er mit amerikanischen Krimiserien groß geworden ist, mit Columbo und Kojak, sagte er, diese beiden mochte er am liebsten, den Typen im Trenchcoat und den Glatzkopf mit dem Lollie, und natürlich In den Straßen von San Francisco, das mit der schönen großen Brücke losging, mit der Golden Gate, diese Serien wurden natürlich spät in der Nacht gesendet, und so lange durfte er nicht aufbleiben, aber am nächsten Vormittag wurden sie immer wiederholt, so dass er keine einzige Episode versäumen musste, und obwohl diese Serien immer vom Gleichen handelten, von Raub oder von Mord oder von einer Kombination aus beiden, wurde er ihrer nie überdrüssig, so wenig wie jener amerikanischen Filme, die sie in den Kinos brachten, Star Wars oder Space Odyssey, und jedes Mal, wenn er am Kino vorbeiging, sah er sich die Plakate an, ans Plakat von Manhattan kann er sich zum Beispiel auch jetzt noch deutlich erinnern, dieses Plakat blieb aus irgendeinem Grund besser in seinem Gedächtnis haften als alle anderen, es kann also sein, dass auch das etwas mit dem Luftbrücke-Plan zu tun hatte, den er bereits erwähnt habe, sagte er zum Pfleger, aber macht nichts, wenn er sich nicht mehr daran erinnere, er werde später sowieso noch darauf zurückkommen.

7

Die Türken zogen jedes Jahr mindestens zweimal durch Serbien und Ungarn, einmal am Anfang des Sommers, wenn sie nach Hause, in die Türkei fuhren, und ein zweites Mal Ende August, wenn sie auf dem Weg zurück zu den Deutschen waren, die ungarischen und serbischen Wege waren also im Grunde den ganzen Sommer über voll mit türkischen Gastarbeitern, und wenn ein ungarischer Türkenschläger oder ein serbischer Held des Mittelalters ausgerechnet da wiederauferstanden wäre, hätte er stante pede einen Herzinfarkt bekommen, wenn er gesehen hätte, wie unbehelligt die Türken im ganzen Land herumbrausten, und tanken wollte natürlich jeder Türke in Serbien, denn in Serbien war der Kraftstoff billiger, also war die Tankstelle, an der er arbeitete, den ganzen Sommer über voll mit Türken, sagte er, und in seiner Vorstellung knabberte er an einer Möhre, während es draußen wieder zu regnen anfing oder seit Tagen gar nicht mehr aufgehört hatte.

8

Früher, sagte er, habe er sich auch mit Kraftstoffschmuggel beschäftigt, eine Zeitlang konnte man davon ganz gut leben, auf der ungarischen Seite tankte er voll, rollte mit dem vollen Tank über die Grenze und lieferte auf der serbischen Seite die Ware ab, sagte er, sie hatten den Tank eines verbeulten alten Mercedes ein bisschen umgebastelt, damit doppelt so viel Kraftstoff reinpasste, und danach schmuggelte er jahrelang mit diesem frisierten Mercedes den Kraftstoff von Ungarn nach Serbien, oder, wie man es damals nannte, nach Klein-Jugoslawien, wo es wegen des Embargos keinen Kraftstoff gab, und in den ersten Jahren des Krieges lebten viele vom Kraftstoff-Schwarzhandel, an der ersten Tankstelle in Szeged tankten sie voll und fuhren nach Serbien zurück und verkauften dort das Benzin und das Petrol für den doppelten Preis, so einfach war das, auf der ungarischen Seite volltanken, auf der serbischen die Ware verticken, zumindest anfangs, denn später legte die Mafia ihre Hand auf den Kraftstoff und die Dinge änderten sich, sagte er, aber egal, am Anfang des Krieges konnte man mit Benzinschmuggel ziemlich gut verdienen, besonders wenn man pro Tag drei- bis viermal fuhr, und es gab welche, die nicht nur den Tank vollmachten, sondern auch Mineralwasserflaschen, die sie dann in jedem erdenklichen Winkel des Autos versteckten, und andere gingen noch weiter und leiteten im Gras versteckt mehrere Kilometer lange Plastikschläuche über die grüne Grenze und ließen über diese den Kraftstoff von Ungarn nach Serbien sickern, und sie konnten mit diesen kleinen Tricks jahrelang die ungarischen Grenzer ausspielen, oder die Grenzer waren für eine entsprechende Beteiligung mit eingeweiht, aber es wurde nicht nur Benzin von Ungarn nach Klein-Jugoslawien verschoben, sondern auch Salami, Frischkäse und Margarine, Kaffee, Schokolade und Seife, Schlüpfer, Unterhosen und auch Zahnbürsten, und damals musste man bereits vier bis fünf Stunden an der Grenze warten, denn immer mehr widmeten sich dem Schwarzhandel, und das lange Warten machte jeden nervös, ihm zum Beispiel verkrampfte sich wegen der Nervosität der Magen, er konnte nicht mehr richtig essen, er knabberte den ganzen Tag im Wagen nur noch an Möhren herum, stand an der Grenze mit dem alten Mercedes und knusperte an den Möhren, sagte er, und da konnte er nicht mehr vier- bis fünfmal am Tag fahren, maximal zwei- oder dreimal, und so war es gar nicht mehr so ein gutes Geschäft, und schließlich erschien die serbisch-ungarische Mafia auf der Bildfläche und fing an, die Leute zu organisieren, und wer auf eigene Rechnung arbeiten wollte, hatte es immer schwerer, die aber für sie die Ware verschoben, überquerten die Grenze in regelrechten Kolonnen außerhalb der Reihe wie die Diplomaten, denn von da an hatten nicht mehr nur die Grenzer, sondern vermutlich auch die lokalen Politiker ein Interesse an der Sache, aber egal, da will er sich nicht einmischen, sagte er, und er habe nur so viel erzählen wollen, dass man damals wegen des erhöhten Verkehrsaufkommens acht oder zehn Stunden an der Grenze warten musste, während die Kraftstoffschmuggler der Benzinmafia um die Reihe herumfuhren und wie die Diplomaten außerhalb der Reihe unterm Schlagbaum durchfuhren, was ziemlich ärgerlich war, sagte er, aber bald wurde auch er aufgesucht, und erst erklärte man ihm nur mit schönen Worten, was es für Vorteile hätte, wenn er für sie arbeitete, da er aber nicht gleich umfiel, drohte man ihm, und als sie auch damit keinen Erfolg hatten, wurde er eines Tages von Motorradrockern unterwegs aufgehalten, irgendwo, noch auf der ungarischen Seite, und diesen Jungs auf den Motorrädern ist es dann gelungen, ihn zu überzeugen, dass er viel besser daran täte, den Kraftstoff in Zukunft für sie zu verschieben, und von da an musste er nicht mehr in der Reihe an der Grenze stehen, er überholte die anderen Autos zusammen mit den Benzinschmugglern, und der graue Jäger stand am Wegesrand und sah ihnen nur zu, und das war es, was er erzählen wollte, diesen grauen Jäger, der in der rostroten Abenddämmerung am Rande des Weges stand, wenn der Rand des Himmels aufreißt und es so aussieht, als würde ein Fuchs dort herauskriechen, sagte er zum Pfleger, im Grunde wollte er darüber reden, nicht über das Benzin, aber egal.

9

Amerika war natürlich, zumindest von Serbien aus gesehen, das Unmögliche an sich, von Serbien aus wäre er also nie nach Amerika gekommen, darauf würde er Gift nehmen, da er sich lange Zeit noch nicht einmal vorstellen konnte, dass er von Serbien jemals zum Beispiel nach Wien oder Berlin kommen könnte, sagte er, Serbien oder wie man es damals nannte Klein-Jugoslawien wurde während der Kriege wirklich immer kleiner, immer enger, immer käfigartiger, zu den Ungarn oder den Rumänen kam man noch, um Zahncreme, Socken, Margarine zu kaufen, aber weiter zu kommen erschien völlig unmöglich, zumindest für ihn, denn es reichte schon, wenn er an Wien oder Berlin dachte, schon begann ihm schwindlig zu werden, als würde er in einem Keller leben oder in einem Erdloch und der bloße Gedanke ans Licht würde ihn schon umwerfen, Amerika also, das war Mission Impossible an sich, nach Amerika zu kommen schien undenkbar zu sein, als hätte er in die Kindheit zurückgewollt, sagte er, wobei die Kindheit irgendwann für alle verloren geht, aber am meisten verlieren sie doch diejenigen, die mit der Kindheit auch das Land verlieren, in dem sie aufgewachsen sind, und Jugoslawien ging vollständig im Sumpf unter, als wäre es nie dagewesen, also sucht er in letzter Zeit in diesem Sumpf nach etwas, an dem er sich festhalten könnte, wie zum Beispiel am Plakat von Manhattan, und da er in seiner Kindheit so viele amerikanische Filme gesehen hatte, tröstete er sich jetzt damit, dass er vielleicht gar nicht in Jugoslawien, sondern in Amerika aufgewachsen war, und tatsächlich, in letzter Zeit begann sich ein seltsames Heimweh nach Amerika in ihm zu regen, und er dachte, wenn er schon gehen muss, warum sollte er nicht gleich mit dem Schwierigsten anfangen, doch Amerika, das schien beinahe unmöglich zu sein.

10

In Berlin dann furzte er die Straßen voll, lief tagelang hin und her, obwohl es die ganze Zeit nieselte, und wenn ein Bus an ihm vorbeifuhr, ließ er mächtig einen fahren, die Berliner Busse fahren zwar leise, ein bisschen überdecken sie die Geräusche aber doch, also wartete er anfangs, bis ein Bus neben ihm fuhr, und ließ erst dann einen oder zwei heraus, es ging ihm nicht in den Kopf, wie sich so viel Luft in ihm ansammeln konnte, sein Bauch war vollkommen aufgebläht, und er spürte überall kleine Stiche, sagte er, aber es kann sein, dass das Ganze nur wegen des Benzins war, ja, ganz sicher war es der Benzinschmuggel, der ihm den Bauch ruinierte, und wie ärgerlich allein schon die Tatsache ist, dass es überhaupt Landesgrenzen gibt, wie kann das angehen, dass man so vor sich hinfährt, und dann wird man auf einmal angehalten, damit sie einem in die Tasche schauen und in die Unterhose, daran konnte er sich nicht gewöhnen, obwohl er täglich die Grenze zwischen Serbien und Ungarn überquerte, sein Bauch verkrampfte sich jedes Mal, obwohl er immer und überall die Regeln einhielt, aber an der serbisch-ungarischen Grenze behandelt man einen jeden, als wäre er ein Alkohol- und Tabakschmuggler, und ihm verkrampfte sich der Magen noch Jahre später, als er schon mit dem Zug unterwegs war oder per Anhalter und er keinen Kraftstoff mehr schmuggelte, sondern nur Hefte mit unlinierten Seiten, es kann also sein, dass nicht das Benzin, sondern die Grenze seinen Bauch ruiniert hat, es sollen sich also alle zur schwarzen Hölle scheren, die sich Grenzen ausgedacht haben, sagte er, dann starrte er vor sich hin und hielt eine kurze Pause, um schließlich fortzufahren, dass er ja eigentlich auch gut und gerne ins Gras hätte beißen können, ein Wunder, dass er es überhaupt lebend da rausgeschafft hat und nur seine Gedärme dabei draufgegangen sind, die dafür aber vollständig, so dass er in Berlin ununterbrochen auf den Straßen furzen musste, und deswegen fing er langsam an, die Serben zu verstehen, die die Ungarn nicht mögen, dabei hatte er vorher eine normale oder fast normale Darmfunktion, aber die Serben spürten schon damals, dass irgendwas mit ihm nicht stimmte, denn irgendetwas an den Ungarn, den Albanern, den Bosniaken und den Zigeunern muss wirklich abstoßend sein, sagte er, und nun sehe auch er, dass die Serben recht hatten, die Ungarn und die Albaner stinken wirklich mehr als die Serben, aber da kam er erst in Berlin dahinter, wo er ohne Unterlass furzen musste, und er fing schon an zu denken, dass die Sache vielleicht wirklich einen nationalen Charakter hat, und dass die Ungarn, zumindest »die Ungarn jenseits der Landesgrenzen«, die sogenannten Vojvodina-Ungarn mehr furzen als der Durchschnitt, aber egal, eigentlich wollte er nur ausdrücken, dass er, was ihn anbelangt, die Serben nunmehr vollkommen verstehe, sagte er und hielt kurz inne, um dann fortzufahren, dass es in Berlin ununterbrochen nieselte, aber ihn störte das nicht, er war bis spät in die Nacht auf den Straßen unterwegs, er kehrte höchstens mal zu Mittag beim Türken ein, um eine Portion Kebab mit Reis hinunterzuschlingen, sagte er zum Pfleger, der natürlich kein Wort davon verstand, was »dieser Unglücksrabe« da schwafelte, sowieso war er schon längst hinausgegangen, er war wieder allein im Zimmer, aber er redete und redete nur weiter, dass er natürlich nach den Fürzen einigermaßen erleichtert war, wenn auch nur für wenige Minuten, denn danach fing sein Bauch wieder an sich aufzublähen, zu spannen und anzuschwellen, und ob er wollte oder nicht, er musste wieder etwas rauslassen, und das war noch der bessere Fall, wenn er es rauslassen konnte, denn wenn die Winde drin blieben, fing sein Bauch früher oder später an zu stechen und zu reißen, was sich derart steigerte, dass er schließlich ein Gefühl hatte, als würde man schön langsam Messer in ihm drehen, und da blieb ihm nichts anderes übrig, als zurück in die Wohnung der Schauspielerin zu gehen, sich auf den Boden zu legen und sich auf dem nackten Parkett hin und her zu wälzen, unbegreiflich, wie so viel Luft in seinen Gedärmen Platz hatte, und er beschäftigte sich nicht mehr damit, ob sich die Erde bewegte oder nicht, er wollte nur noch den seine Gedärme sprengenden Wind loswerden, also wälzte er sich zwischen den umherliegenden Sachen der Schauspielerin auf dem Boden und versuchte, sich irgendwie Erleichterung zu verschaffen, aber ihm taten vom vielen Umherlaufen auch die Fußsohlen weh, dort, in der Mitte, er zeigte darauf, das Gewölbe zwischen großem Zeh und Ferse, könnte auch sein, dass er einen Senkfuß hat oder einen beginnenden Plattfuß, eventuell auch schon einen gar nicht mehr beginnenden, sondern einen voll entwickelten, verschissenen Plattfuß, sagte er, so dass er abends, wenn er zurück in die Wohnung kam, sich vor den Fernseher setzte und immer nur an seinen Fußsohlen herumdrückte, sie massierte, aber er schlief schnell ein, er stürzte nahezu in den Schlaf, wie ein gefällter Baum umfällt, und er schleppte sich erst gegen Morgen aus dem Sessel ins Bett hinüber, und in der Früh, als er mit Ach und Krach aufstand, torkelte er in die Küche, kochte sich einen anständigen Kaffee, keine Zichorie, und davon kam er so einigermaßen wieder zu sich, aber dabei zog er sich auch schon an, damit er so schnell wie möglich loskonnte, als hätte er einen Termin einzuhalten oder eine bestimmte Strecke zu absolvieren, und vom Kaffee bekam er natürlich Hunger, also kaufte er sich beim Bäcker an der Ecke ein Hörnchen mit Schinken und vertilgte es gleich unterwegs, aus dem Papier, ohne Unterbrechung ging er durch die Straßen, als würde er etwas suchen oder als würde er dafür bezahlt, und zwar nicht zu knapp, sagte er, aber ihm ging nur der Luftbrücke-Plan im Kopf herum, das heißt, ob etwas aus diesem Plan werden würde, denn es war schließlich auch vorstellbar, dass sie den Luftkorridor bald wieder öffneten, und dann könnte er es schließlich doch noch nach Amerika schaffen, es war also noch nichts verloren, zumindest vorerst, denn es hatte sich alles schön zurechtgelegt in seinem Kopf, und die Dinge liefen bis jetzt fast von alleine, nach Berlin zu kommen war zum Beispiel viel leichter, als er es sich vorgestellt hatte, an der Tankstelle begegnete er nämlich jeden Tag zahlreichen Autos aus Berlin, sie hatten ein großes B im Kennzeichen, und er hatte seine Reisetasche da schon jeden Tag bei sich, vollgepackt mit Unterhosen und Unterhemden, aber er wollte nichts überstürzen, er wartete ruhig auf den geeigneten Augenblick, wie der graue Jäger am Rande des serbischen Dorfs, er wäre natürlich lieber mit Serben mitgefahren als mit Türken, nicht, dass er irgendwas gegen Türken hätte, rein gar nichts hat er gegen sie, es ging nur darum, dass in den Autos der Serben mehr Platz war, weil die Türken jeden noch so kleinen Winkel vollpackten, sagte er, aber schließlich fuhr er dann doch mit einem Türken nach Berlin, der fuhr nämlich ausnahmsweise mal alleine mit einem alten Mercedes, der gleichen Sorte, mit der auch er einst das Benzin verschob, und das deutete er als gutes Zeichen, so dass er, nachdem der Türke vollgetankt hatte, ihn fragte, ob er einen Platz für ihn bis nach Berlin hätte, aber der Türke verstand erst nicht, was er wollte, »Was?«, fragte der, und da sagte er es noch einmal, genauso perfekt wie beim ersten Mal »Ist das ein Platz für mich in Berlin?«, und zeigte dabei abwechselnd auf sich und auf den leeren Sitz, und da verstand der Türke endlich, aber er dachte, das wäre ein Witz, und lachte herzlich, er aber blieb ernst und wiederholte »ein Platz« und »für mich« und »in Berlin«, so dass der Türke endlich begriff, dass er keine Witze machte, er wirklich mit ihm nach Berlin wollte, er nickte, »ja, ja, kein Problem«, vielleicht, weil er dachte, wie gut, dann muss er wenigstens nicht alleine fahren und hat jemanden, mit dem er sich unterwegs unterhalten kann, was sich schließlich als Irrtum herausstellte, denn eine Unterhaltung fand nicht wirklich statt, der Türke betete die ganze Zeit nur sein Zeug herunter, und er versuchte anfangs auch wirklich hinzuhören, aber mit der Zeit sah er ein, dass es reicht, wenn er von Zeit zu Zeit zustimmend »ja, ja« sagte, dann redete der Türke zufrieden weiter, im Großen und Ganzen lief die Unterhaltung also so ab, dass der Türke nur laberte und laberte, und er stimmte manchmal zu, der Türke muss im Übrigen irgendeinen seltsamen Sprachfehler gehabt haben, seine Zunge bewegte sich nämlich wie ein flinkes kleines Tier ständig zwischen seinen Lippen heraus, was nicht gerade sehr einnehmend aussah, so dass ihm sogar der Gedanke kam, was, wenn das ein Arschficker war, ein Homo, ein kleiner türkischer Päderast, und er ihn nur deswegen mit Freuden mitgenommen hatte, als er ihn um einen Platz im Auto bat, aber egal, er habe im Grunde nichts gegen die Homos, solange sie ihn in Ruhe ließen, sagte er, und über die serbisch-ungarische Grenze kamen sie innerhalb weniger Stunden, danach brauchten sie nicht einmal so viel, um Ungarn zu durchqueren, ein seltsames Land, man kann innerhalb von zwei Stunden hindurchfahren, so dass sie gegen Mittag schon irgendwo in der Slowakei waren, und da hielt der Türke an einer Tankstelle an, um zu tanken und um pissen zu gehen, und eigentlich hatte auch er schon sehr gemusst, trotzdem antwortete er, als sich der Türke an ihn wandte und ihn fragte, ob er nicht auch aufs Klo müsse, »nein, nein, gar nicht«, denn das hätte ihm noch gefehlt, dass sich diese türkische Schwuchtel in einem slowakischen Klo an ihn rangemacht hätte, er entschloss sich also lieber einzuhalten, aber dann stellte sich natürlich schnell heraus, dass er die Situation vollkommen falsch verstanden hatte und der Türke ihn deswegen fragte, ob er aufs Klo müsse, weil er nicht wollte, dass sie zusammen gingen, es sei nämlich besser, wenn einer dabliebe und auf den Wagen aufpasse, während der andere Wasser lässt, aber da war es schon zu spät, um sich zu korrigieren, und er musste einhalten, zumindest für die kurze Zeit, bis sie durch die Slowakei hindurchgerollt waren, sagte er, ein seltsames Land, mit dem Auto kann man es innerhalb einer Stunde durchqueren, so dass sie schon irgendwo in Tschechien waren, als er deutlich spürte, dass er sich jetzt aber wirklich in die Hosen machte, wenn sie nicht anhielten, sie hatten gerade Brno hinter sich gelassen und schaukelten auf der heruntergeranzten tschechischen Autobahn auf Prag zu, die sie im Übrigen so durchschüttelte, dass er nicht mehr nur pissen, sondern auch noch furzen musste, aber das konnte er noch schön leise in den Sitz hineinlassen, und als sie irgendwo in der Nähe von Prag wieder anhielten, um zu tanken, wartete er gar nicht, bis der Türke irgendwas fragte, er öffnete gleich die Tür und spurteteinaus, aber sosehr er sich auch beeilen wollte, er musste schon so nötig, dass er nur noch watscheln konnte, und bis er am mobilen Klo angekommen war, waren einige Tropfen schon in seine Hose gelaufen, im Toi Toi allerdings wollte es dann ums Verrecken nicht loslaufen, vielleicht, weil er stundenlang eingehalten hatte, und er stand nur da im stickigen Pissegeruch, und Schweißtropfen liefen ihm über den Rücken, aber es gelang ihm nur, ein haardünnes Rinnsal aus sich herauszupressen, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich auf den dreckigen Sitz niederzulassen und wie Morsezeichen, tropfenweise, abgerissen die Pisse aus sich herauszulassen, aber abgesehen davon fuhr er im Grunde gut mit dem Türken, er hätte nie gedacht, dass es so einfach geht, man setzt sich morgens in ein Auto und steigt am Abend in Berlin aus, wobei es natürlich auch ein wenig Glück dazu brauchte, zumindest so viel, dass es ihm gelungen war, eine vorübergehend leerstehende Wohnung zu besorgen, aber die Dinge regeln sich manchmal auch von alleine, sagte er zum Pfleger, der gerade ins Zimmer gekommen war, einen weißen Becher auf den Nachttisch stellte und wieder hinausging, diese Sirups sind gut, fuhr er fort, aber, um die Wahrheit zu sagen, langsam bekomme er doch Hunger, das nächste Mal solle man ihm also ein Salamisandwich mitbringen, wenn es geht, noch besser wäre ein Burek mit Schafskäse, zuletzt hatte er gestern und vorgestern etwas gegessen, ein Schinkenhörnchen beim Bäcker an der Ecke, das er im Gehen, aus dem Papier heraus aß, so wie man zu Hause, in Serbien, den Burek isst, denn der Burek schmeckt anders gar nicht, nur wenn man ihn aus dem Einwickelpapier heraus isst, die Amerikaner essen den Hamburger auch so, sagte er, hier machte er eine kurze Pause und fuhr dann fort, es könne auch sein, dass es gar nicht mit dem Plakat von Manhattan anfing, sondern mit dem kurzärmeligen T-Shirt, das er von jemandem aus Amerika bekommen hatte, auf das mehrmals, hin und her gedreht, der Kopf von Präsident Lincoln und die amerikanische Flagge aufgedruckt waren, der Kopf so groß wie eine Faust, die Flagge wie eine Handfläche, und auch auf den Ärmeln des T-Shirts war noch Platz für einen halben Kopf und eine halbe Flagge, und außerdem war dieses T-Shirt noch überall voll mit silbernen Sternen, es könnte also durchaus sein, dass es nicht mit dem Plakat von Manhattan anfing, sondern mit diesem Tennis-Shirt, und wie schade es sei, dass ihm das nicht vor der Abreise eingefallen war, sonst hätte er dieses T-Shirt mit auf die Reise nach Amerika nehmen können, aber wer hätte überhaupt gedacht, dass er es wirklich bis nach Berlin schafft, früher reichte es, nur an Wien oder Berlin zu denken, und schon wurde einem schwindlig, sagte er, denn Serbien war geschlossen wie ein pleitegegangenes Unternehmen, und er hatte nicht wirklich daran geglaubt, dass er es jemals herausschaffen würde, dabei war das Ganze total simpel, er setzte sich am Morgen in einen türkischen Mercedes und stieg am Abend auf der Martin-Luther-Straße aus.

11

Seit einer Weile sei er übrigens auch nach Budapest per Anhalter gefahren, sagte er, an der Tankstelle habe er sich leicht eine Mitfahrgelegenheit organisieren können, und für den Rückweg sei er mit dem Bus zum Tesco neben der Autobahn gefahren, dort fand er immer Autos aus Serbien, er musste also nur warten, dass sie aus dem Tesco herauskamen, und wenn man ihn im ersten Auto nicht mitnahm, dann im zweiten, aber ganz sicher im dritten, denn die Serben haben ein großes Herz, die Serben würden ihren letzten Bissen Brot mit einem teilen, sagte er, aber darüber wollte er jetzt gar nicht reden, sondern darüber, dass er in Pest viel Zeit in verschiedenen Schreibwarenläden verbrachte, nicht selten mehrere Stunden, denn er brauchte ein gutes Heft, also durchforstete er regelmäßig die Schreibwarenläden, er sah sich auch die Stifte und die Radierer an, aber so richtig interessierten ihn nur die Hefte, aber natürlich kaufte er nicht gleich das, was ihm gefiel, sondern legte es zurück an seinen Platz, ging hinaus und machte einen Spaziergang über die Andrássy-Straße oder am Nyugati-Bahnhof oder am Donau-Ufer und ging danach ins Geschäft zurück und sah sich das Heft noch einmal an, aber er wollte es nicht übereilen, also ging er auch noch in andere Geschäfte und sah sich das Angebot an, linierte Hefte schloss er gleich zu Anfang aus, aber über die karierten sann er lange nach, denn anfangs wären auch noch karierte Hefte in Frage gekommen, er fand nur keins, in das die Gitterlinien zart genug gedruckt gewesen wären, sagte er, zum Schluss blieben also nur noch unlinierte Hefte, und dann überlegte er sich mehrfach, welche der unlinierten Hefte geeignet wären, die kleinen, die mittleren oder die großen, die kleinen verwarf er gleich, aber über die mittlere Größe dachte er lange nach, in einem der Geschäfte nahm er ein mittleres Heft auch unter den Arm und lief damit zwischen den Regalen auf und ab, als würde er sich nur umsehen, er blätterte durch die Quittungs- und Notizblöcke, zog mit einem Bleistift eine dünne Linie auf ein Blatt Papier und löschte sie dann wieder, aber dabei achtete er nur darauf, wie es sich anfühlte, das Heft unter der Achsel zu halten, fast eine ganze Stunde sah er sich auf diese Weise im Geschäft um und legte dann das Heft doch wieder zurück ins Regal, denn er stellte fest, dass er doch nicht das mittlere, sondern das großformatige Heft brauchte, sagte er, und dann kam die Farbe des Einbandes dran, denn auch darüber musste er lange nachdenken, anfangs hielt er Blau oder Schwarz für am geeignetsten, dabei gefiel ihm natürlich Bordeaux am meisten, ja, das bordeauxfarbene Heft hatte ihn nahezu hypnotisiert, aber gerade deswegen hielt er Blau oder Schwarz für geeigneter, er vertraute hypnotisierenden Anziehungen nämlich nicht mehr, er kaufte also während dieser Anhalter-Ausflüge nach Budapest im Allgemeinen nur Hefte und vielleicht einige Unterhosen, aber die nur, wenn sie heruntergesetzt waren, und aus irgendeinem Grund waren in Pest immer nur die blauen Unterhosen heruntergesetzt, so dass bald sein gesamtes Unterhosensortiment blau wurde, und das Fiese daran war, dass er zu blauen Unterhosen doch keine weißen Unterhemden anziehen konnte, wie würde das aussehen, wenn er eine blaue Unterhose und ein weißes Unterhemd, oder, wie man bei uns sagt, eine weiße Majica angehabt hätte, also musste er die Majica auch gegen blaue tauschen, nur dass die nie heruntergesetzt waren, umsonst jagte er ihnen eine Weile lang hinterher, am Ende musste er sie zum vollen Preis kaufen, und danach musste er auch sämtliche Socken gegen blaue tauschen, also waren es erst nur die Hefte, dann die Hefte, die Unterhosen und die Majica, und ganz zum Schluss die Hefte, die Unterhosen, die Socken und die Majica, derentwegen er nach Pest fuhr, und, wie er bereits erwähnt hatte, für den Hinweg fand er leicht einen Transport, an der Tankstelle gab es immer jemanden, der ihn mitnahm, und auch auf dem Rückweg konnte er die Sache auf dem Tesco-Parkplatz lösen, aber die Hefte schrieb er im Allgemeinen nur halb voll, bevor er sie wegwarf, es gab sogar welche, in denen er nur auf die erste Seite ein, zwei Sätze schrieb, bevor er sie wegwarf, sagte er und sah zum Fenster hinaus, dann fielen ihm aus irgendeinem Grund die Fliederbüsche ein, und er fuhr fort, dass es im serbischen Dorf, in dem er die heiße Ware ablieferte, unglaublich viele Fliederbüsche gab, weiße und violette und betörend duftende, den Kraftstoff sogen sie mit einem Rohr aus dem Mercedes heraus und füllten ihn in Plastikkannen, und sobald er das Geld hatte, brach er sofort wieder auf zu noch einer Runde, so ging das, zumindest am Anfang, denn später warb auch ihn die Benzinmafia an, aber damals, an jenem ersten Mai, als Senna verunglückte, arbeitete er noch nicht für die Mafia, die Wolken hatten eine Farbe wie Hühnermägen, die in der Suppe mitgekocht waren, und wie er über den Feldweg Richtung Dorf schaukelte, schlüpfte am Horizont die Sonne hervor, und der Jäger stand am Wegesrand und wartete nur, wer weiß, worauf, und da fiel ihm der Hirschjäger ein, genauer gesagt, Robert De Niro in einer Szene in Die durch die Hölle gehen, in der davon die Rede ist, dass man einen Hirsch mit einer einzigen Kugel niederstrecken muss, sagte er und nahm den Becher, führte ihn zum Mund, aber dann trank er doch nicht, sondern stellte den Becher wieder auf den Nachttisch, von der Plörre möchte er nichts mehr, sagte er, man solle ihm lieber einen Burek mit Fleisch bringen, oder, wenn es keinen Burek gibt, dann wenigstens ein Schinkensandwich vom Bäcker an der Ecke, im Übrigen falle ihm vom Burek ein, dass er einen Freund hatte, einen Maler, er habe vielleicht schon von ihm erzählt, der ist während des Krieges zum Vegetarier geworden, er war davor auch schon dünn wie ein Strichmännchen, aber nachdem er sich das Fleisch abgewöhnt hatte, nahm er noch mehr ab, zum Frühstück aß er nur eine Handvoll Leinsaat, Kürbiskerne und Sonnenblumenkerne, zu Mittag einen Burek mit Schafskäse oder Apfelmus und zum Abend gar nichts, er trank nur einen Tee, so dass er schön langsam immer mehr wie eine Skizze aussah, aber, um Missverständnisse zu vermeiden, das war kein Kunstmaler, sondern ein Anstreicher, und als er beschloss, Vegetarier zu werden, hielten ihn alle für bekloppt, weil die Leute in der Vojvodina selbst die Cornflakes mit gebratenem Speck essen, und der Burek wird nicht in Öl gebraten, sondern in Schmalz, und auch das Blech und der Teig wird mit Schweineschmalz bestrichen, deswegen glänzt der frisch gebackene Burek so schön, natürlich wusste das der Anstreicher nicht, so dass er auch in seiner Phase als Vegetarier vor Schweineschmalz triefenden Burek aß, sagte er zum Pfleger, der wieder ins Zimmer gekommen war, aber weder Burek noch Hörnchen dabeihatte, noch nicht einmal ein verschissenes Marmeladenbrot, er öffnete nur das Fenster und ging wieder hinaus, aber egal, Burek liege ihm sowieso oft schwer im Magen, und wenn das so sei, dann knabbere er eine Möhre, sagte er und nahm den Becher und trank, was blieb ihm anderes übrig, einen Schluck vom Sirup und setzte dann fort, dass er es sich in letzter Zeit schon wieder abgewöhnt hatte, er kaufte keine Hefte mehr, weil er die Schnauze voll hatte von dem Ganzen, und jetzt bräuchte er nur noch ein weißes Heft, ein großformatiges, unliniertes, weißes Heft, aber in Pest verkaufte man nur geschmacklose Fotoalben mit weißem Einband, zuletzt allerdings, als er auf der Jagd nach serbischen Autos auf dem Tesco-Parkplatz war, fiel ihm auf einmal Amerika ein, das heißt, wenn er ein weißes Heft haben wollte, dann wird ihm wohl nichts anderes übrig bleiben, als nach Amerika zu fahren, was einem auf den ersten Blick lächerlich erscheinen mag, aber man denke doch mal an Robert De Niro, sagte er, und daran, dass man einen Hirsch mit einem einzigen Schuss niederstrecken muss, denn er sei auch schon dahintergekommen, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu, dass man auch die serbischen Sammellager genauso, mit einem einzigen Satz, mit einem einzigen gezielten, kurzen einfachen Satz ins Herz treffen muss.

12