Der Kameramann - Ulrich Dehn - E-Book

Der Kameramann E-Book

Ulrich Dehn

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Beschreibung

Alfons kann sehen, lebt aber als Blinder, nur durch seine Kamera will er die Welt wahrnehmen. Er wird Fotograf und erschafft sich seine eigene Welt aus Bildern. Sein Weg führt ihn aus einer Provinzstadt und weg von seiner Familie in die Großstadt Berlin kurz nach der Vereinigung. Mit viel Intuition und seiner Philosophie der mittelbaren Weltwahrnehmung wird er ein bekannter gut verdienender Fotokünstler und schafft sich Freunde, aber auch Rivalen. Die schärfste Rivalin wird ihm schließlich zum Verhängnis, aber seine Lebensgefährtin bewahrt sein Erbe auf ihre Weise. Weltwahrnehmung, direkte und mittelbare, und was sie mit unserem Leben zu tun hat, ist das Thema dieser Erzählung, bis hin zu Auseinandersetzungen auf Leben und Tod.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ulrich Dehn

Der Kameramann

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Geboren werden

Die Kamera

Mehr als sehen

Das Hobby

Die Welt

Die Familie und die Welt

Fotografieren

Vor dem Sturm

Mal weg

Auf dem Weg

Erste Station

Der erste Morgen

Cornelius

Erste Schritte

Sie

Noch mal sie

Bilder

Erfolge

Der Verfolger

Neue Wege

Berlin

Anett

Elba Munders

Anett und Berlin

Die andere Seite von Cornelius

Alfons ohne Cornelius

Streifzüge

Öffentlichkeit

Munders‘ Wege

Das Leben geht weiter

Das Projekt

Der Vorschlag

Das Treffen

Palast der Republik

Das Ende

Ein paar Jahre später. Zweifel

Munders

Mann an der Brücke

Die Brücke

Munders die letzte

Das Leben

Ein neues Leben

Der Zufall

Doreen

Letzte Wege

Das Leben geht weiter

Impressum neobooks

Geboren werden

In einer kurzen und übersichtlichen Straße in einem mittelmäßig wohlhabenden Wohnviertel am Rande von Gruberstadt, einer westdeutschen Kleinstadt, einer sehr kleinen Kleinstadt, in einer Straße mit zweistöckigen Mietshäusern und einigen Reihenhäuser-Reihen und Doppelhäusern. In einem Haus also in einer solchen Straße, und zwar in einem Reihenhaus, wurde an einem Tag im Mai des Jahres 1962, genau gesagt am frühen Morgen Alfons geboren. Alfons war nicht der einzige, es wurden an diesem Tag noch weitere mehr als sechzig Millionen Kinder auf der Erde geboren, aber davon nur noch ein weiteres in Gruberstadt. Das Haus in der kurzen und übersichtlichen Straße, einer Stichstraße, stand an einer Ecke zum Wendekreis, der dicht beparkt wurde und sich deshalb nicht zum Wenden eignete, das Haus und sein Garten gesäumt von Hecken bestehend aus einer Mischung von Buchsbaumsträuchern und Lorbeerkirschgewächsen, beliebig und wahllos aneinandergereiht, präzise geschnitten, aber ohne ein erkennbares Schnittmuster. Falls Alfons eines Tages gut sehen könnte und Urteile ästhetischer Art bilden würde, würde er, so kann man vermuten, für diese Hecke nur Verachtung hegen. Das Haus war beige verputzt und damit angepasst an die anderen, die Gesamtkomposition dieser Häusersymphonie nur durch ein weinrotes Haus unterbrochen, ein freistehendes und zur Zeit der Geburt von Alfons unbewohntes Doppelhaus.

Alfons wurde zu Hause und in die Familie Reims hineingeboren und schrie. In den ersten Minuten seines Lebens löste er damit Entzücken aus, das Kind lebt, es ist gesund, schau mal, ganz der Vater. Alfons schrie weiter, als wenn er hoffte, das Entzücken fortschreiben zu können. Das Entzücken erlosch, Alfons schrie ein wenig weiter, dann erlosch auch das Schreien. Sein linker Arm suchte etwas, fuchtelte, drehte sich, schlenkerte, kehrte zum Körper zurück, Alfons hielt die Augen geschlossen. Nun ruderten seine beiden Arme in der Luft, suchten, griffen nach etwas, Alfons‘ Augen waren weiterhin geschlossen und hatten diese Welt bisher nicht gesehen. Kleines, mach doch mal die Augen auf, flüsterte die Mutter, warum willst du uns denn nicht sehen, fragte der Vater, du kannst doch noch gar nicht wissen, wie hässlich wir sind, scherzte der sechs Jahre alte Bruder. Die Hebamme versuchte vorsichtig, die Augenlider des rechten Auges auseinanderzuziehen, aber Alfons schrie und drehte den Kopf zur Seite. Am nächsten Tag versuchte der Arzt sein Bestes, Alfons das Licht dieser Welt erblicken zu lassen, vergeblich. Weiterhin ließ Alfons seine Arme suchen, in der Gegend rudern, von der er noch gar nicht wissen konnte, wie sie eigentlich aussah, gelegentlich zur Ruhe kommen und weiter suchen, auf dem Rücken oder auf dem Bauch liegend.

Alfons wuchs auf als freiwillig nicht-sehendes Kind. Jedenfalls ging seine Umgebung von Freiwilligkeit aus und davon, dass er sehen könnte, wenn er nur die Augen öffnete, da der Arzt keine Anzeichen von Verwachsung oder Verklebung der Augenlider attestierte. Wie es mit der Sehkraft der Augen wirklich stand, konnte naturgemäß niemand wissen, auch Alfons nicht. Die Mutter fügte sich geduldig in das Los, einen faktisch blinden Sohn an das Leben heranzuführen, der Vater, kurznerviger, ließ Alfons häufig spüren, dass er das alles für ein übles Spiel halte und darauf warte, dass der Sohn sich endlich seinen biologischen Möglichkeiten und den optischen Realitäten stelle. Georg, der Bruder, sah es eher als ein unterhaltsames Spiel. Alfons wurde ein Jahr alt, begann zu stehen und zu gehen, erweiterte seinen Radius der selbstkontrollierten Bewegungen, tastete sich durch die Wohnung und suchte. Er suchte, und suchte immer weiter. Er suchte täglich, ab und zu ergriff er einen Gegenstand und führte ihn zum Gesicht und vor die Augen, und es wäre denkbar, dass er nun, nicht sichtbar für andere, doch die Augen öffnete, heimlich, versuchsweise, gewissermaßen um den großen Befreiungsschlag der optischen Eroberung der Welt sorgfältig und im Verborgenen vorzubereiten. Jedoch legte er jeden ergriffenen Gegenstand wieder zurück, hielt die Augen weiterhin geschlossen, und ob die kleinen Maßnahmen dieser Art in irgendeiner Weise mit der Frage der Nicht-Öffnung der Augen in Zusammenhang zu bringen waren, blieb verborgen.

Alfons wurde auf Spaziergänge ausgeführt und hielt sich dann gerne am hausseitigen Gehwegrand mit Mauer oder Hecke, um diese abzutasten. Allerdings schienen die Chancen, das Gesuchte hier zu finden, ihm offenbar gering, so dass er bald auf Tastaktionen im Freien verzichtete und sich auch nur noch ungern zu Spaziergängen überreden ließ. Alfons wurde zwei und drei Jahre alt, begann zu sprechen, ließ sich die Welt erklären und ließ sie vor seinem inneren Auge entstehen und wachsen. Schön war sie so, ungesehen und vor seinem inneren Auge. Nach wie vor ließ er die Augen geschlossen und gab auch keine Auskunft darüber, warum dies so sei und wonach er suchte. Er wurde in einen Kindergarten aufgenommen, auch dort musste man sich damit abfinden, dass er sich in freiwilliger optischer Klausur befand. So wuchs er fast normal auf, hatte Freundschaften, erfuhr Aufmerksamkeit, galt als „der Blinde“ und trug nun eine sehr dunkle Sonnenbrille, die seine Eltern ihm besorgt hatten, um seiner Umgebung das Verhalten ihm gegenüber zu erleichtern und seine „Blindheit“ zur Normalität zu machen. Er war wissbegierig, lernfähig, hörte gut und hatte Freunde, denen es ein exotisches Vergnügen bereitete, auf einen faktisch blinden Spielkameraden Rücksicht zu nehmen. Ein weiteres blindes Kind, tatsächlich blind und mit offenen Augenlidern, mied ihn, ihm die Freiwilligkeit des Nicht-Sehens übel nehmend.

Alfons schuf sich eine Welt, aus dem, was er hörte und fühlte, aus dem, was er wünschte und erträumte, aus dem, was andere wünschten und von ihren Träumen erzählten und was er davon ebenfalls wünschenswert fand. Eine Welt, die für ihn Bestand hatte, weil die Gefährdungen dieser Welt nur aus seinen eigenen Kreationen hätten stammen können. Eine geschützte Welt, die ihrem Schöpfer in keiner Weise suggerierte, es doch einmal mit der wirklich optisch erfahrbaren Welt auszuprobieren. Das Einzige, was er sich vorstellen konnte, war Mittelbarkeit, ein geschützter Blick, eine kreative Kontrollmöglichkeit des zu Sehenden.

Die Kamera

Es geschah, als Alfons fünf Jahre alt war und einige Stunden alleine im Hause zubrachte. Ihm als einem nach dem Urteil seiner Umgebung „vernünftigen“ Jungen und mit seinem kleinen Bewegungsradius traute man zu, gelegentlich unbeaufsichtigt zu Hause sein zu können. Wieder einmal streifte Alfons wie schon so oft durch das Haus, öffnete Schubladen, die er schon oft geöffnet hatte, in der Erwartung, dass sich doch inzwischen noch einmal etwas getan haben könnte – was er erwartete, das war nach wie vor sein Geheimnis –, strich an den Regalen entlang und wiederholte das, was er für jedes einzelne Regal schon unzählige Male erledigt hatte: tasten, einzelne Gegenstände verrücken, Bücher herausholen und dahinter greifen. Und schließlich hielt er inne: Ein neuer, bisher nicht ertasteter Gegenstand ließ ihn vor Erregung erschauern. Rechteckig, schachtelartig, aber metallisch, mit einer runden Vorwölbung auf einer Seite, die wiederum von einer metallisch eingefassten gewölbten runden Glasscheibe geschlossen wurde. Alfons beschlich der Verdacht, dass er das gefunden hatte, was er seit seiner Geburt suchte. Er nahm die Brille ab, die er heute ausnahmsweise auch im Hause getragen hatte, und tastete den Gegenstand noch so lange ab, bis er das runde Guckloch auf der Rückseite erfühlte. Dass es so etwas geben musste, war ihm aus den Erzählungen seiner Eltern über die vielfältigen Möglichkeiten dieser Welt bekannt. Dann hielt er sich diesen Gegenstand, die Kamera, mit dem Guckloch vor sein rechtes Auge und öffnete dies zum ersten Mal in seinem Leben. Nun machte er zwei Entdeckungen: Sein rechtes Auge konnte sehen, und das, was er vor seinem Gesicht hatte, war tatsächlich das, was er gesucht hatte: Mit seinem rechten Auge und mit dem Apparat davor sah er die Welt genau so, wie er sie hatte sehen wollen, nicht unvermittelt, blendend, unerwartet, aufreizend, mit unübersichtlichem Horizont, nicht eine Welt, die ihm diktieren konnte, wie sie gesehen werden wollte. Nein, sie war ordentlich erfasst, mit konzentrischen Kreisen um einen Mittelbereich, mit einfassenden Eckstrichen – das Menü der sichtbaren Welt zubereitet für das Fassungsvermögen und die Fassungsbereitschaft des genau definierten optischen Hungers des Betrachters. Er konnte sie verändern, schärfer machen und verschwimmen lassen. Alfons schwenkte seinen Kopf mitsamt Kamera und war begeistert. Zu Recht hatte er sich jahrelang dem unvermittelten diktatorischen Anblick dessen verweigert, was die anderen die Wirklichkeit dieser Welt nannten. Genau das, was er hier sah, war die Version von Realität, der zu begegnen er geboren worden und bereit war. Die Welt, die er suchte, seine Welt. Nicht irgendeine. Seine.

Ihm war aus den Gesprächen seiner Familie bekannt, dass ein Fotoapparat nicht nur zum Durchschauen, sondern auch zum Festhalten und Dokumentieren der Seh-Früchte gedacht war. Was damit gemeint war und wie das Resultat des Festhaltens aussehen sollte, wusste er nicht. Aber er versuchte diesen Vorgang nun in Gang zu setzen, noch einmal, diesmal wieder mit geschlossenen Augen, den Apparat abtastend nach den Instrumenten, die dies ermöglichen sollten. Es gab einiges, was die fühlenden Finger entdeckten. Ein Rädchen mit Rillen, das sich, immer wieder sanft einrastend, in beiden Richtungen drehen ließ. Er drehte es in beiden Richtungen mehrfach komplett. Es geschah nichts. Ein weiteres Rädchen schien mit einem Griff-ähnlichen Auswuchs verbunden zu sein. Das Rädchen selbst war so schwerfällig, dass es sich nur mithilfe dieses Griffs bewegen ließ. Er setzte seinen rechten Daumen an und drückte den Griff und bewegte das Rädchen, das sich um ungefähr sechzig bis siebzig Grad drehen ließ. Dann stieß es gegen einen Widerstand, und als Alfons seinen Daumen zurückzog, schnellte es von selbst in seine Ausgangslage zurück. Was war nun geschehen? Noch einmal setzte er seinen Daumen an und versuchte den Vorgang zu wiederholen. Vergeblich. Das Rädchen war jetzt festgerastet. Was hatte Alfons da wohl angestellt? Er verzichtete auf weitere Tätigkeiten an diesem Rad, um nicht noch mehr Unheil anzurichten. Die Suche ging weiter. Er ertastete einen etwas schrägen Knopf auf der Vorderfront des Gehäuses neben der runden Vorwölbung. Er berührte ihn, und auf einen leichten Druck hin gab der Knopf nach und verursachte ein leichtes kurzes metallisch knirschend-raschelndes Geräusch. Das klang in Alfons‘ Ohren ordentlich, er hatte diesmal nicht den Eindruck, Schaden angerichtet zu haben. Er kannte das Geräusch, vermutlich hatte er sich in der Nähe befunden, wenn ein Familienmitglied den Apparat betätigte. Was hatte er nun angerichtet? Was tat dieser Apparat? Ein erneuter Druck auf den Knopf blieb erfolglos. Der Apparat hielt nur den einen einzigen Knopfdruck aus. Alfons schüttelte den Kopf. Er legte das Gerät vorsichtig an seinen Platz zurück und beschloss, erst einmal gründlich über alles nachzudenken. Über diesen Apparat und das, was er gerne damit machen würde. Wie soll man sich das vorstellen: das, was man durch ein Loch in der Maschine sehen kann, festhalten. Ein einziges bestimmtes Bild gewissermaßen einfrieren und immer wieder genau dieses Bild durch das Guckloch sehen können? Anderen dieses Bild zeigen, dieses eine Bild? Welche anderen Möglichkeiten gab es? Es musste mehr geben in einem solchen schweren und komplizierten Apparat mit Rädern, Knöpfen und geheimnisvollen Geräuschen.

Mehr als sehen

Die Monate vergingen. Alfons nutzte jede Gelegenheit, sich immer wieder, oft mehrmals täglich, dieses Apparates zu bemächtigen und ihn weiter zu untersuchen. Er fand heraus, dass, wenn er erneut mit dem Daumen das eine schwerfällige Rädchen mit Daumendruck gegen den Griff drehte und in die Ausgangslage zurückschwingen ließ, der Knopf an der Vorderseite wieder gedrückt werden konnte und zur Produktion jenes metallisch schmatzenden Geräusches in der Lage war. Was passierte da? Gab es im Gehäuse des Apparats etwas, was ihm leider verborgen blieb, aber das ganze Geheimnis lüften würde? Immer wieder tat er es. Und eines Tages ging es nicht weiter. Er versuchte, den Griff zu drücken, dieser verweigerte sich einer Bewegung. Ebenso konnte der Knopf an der Vorderseite nicht mehr gedrückt werden. Die Maschine war, so dachte Alfons, zerstört. Er sprach mit niemandem darüber. Seine Geschichte mit diesem Apparat blieb sein Geheimnis. Sie war leider jetzt erst einmal zuende.

Es stand ein Ausflug in den Zoo der benachbarten Stadt an. Der Vater hatte das festgestellt, was Alfons nicht wissen konnte. Erinnerungsbilder, Zebras, Elefanten, die mit Äpfeln gefüttert wurden, Leoparden, eine Giraffe, davor Georg, der inzwischen elfjährige Bruder. Das ging alles nicht, denn die zwanzig Bilder, die der Vater noch auf dem Film vermutet hatte, waren nicht mehr da, und er hatte nicht für einen Ersatzfilm gesorgt, weil er dachte, es gäbe noch zwanzig Bilder. Der Vater war verärgert. Ein Film und Bilder. Alfons dachte über seine Optionen nach. Bilder waren die Abbildung dessen, was er durch das Guckloch des Apparats hindurch gesehen hatte, wie auch immer sie entstanden. Ihm hatte aber genau das gefallen, was er durch das Loch sehen konnte. Was ein „Bild“ daraus machte, interessierte ihn nicht. Und auch war ihm nicht nachvollziehbar, was an Gutem für den Menschen ein „Bild“ mit sich führte. Wer die Welt so mochte, wie sie war, konnte sie jederzeit sehen, sofern er bereit war, die Augen zu öffnen. Ein Bild war etwas anderes, eine andere Welt, nicht einfach die konservierte eine, und nicht kontrollierbar, es war vorhanden. Alfons hatte „Bilder“ gesehen, durch die Kamera, schwarz-weiße Abbildungen einer Wirklichkeit, die es so eigentlich gar nicht geben konnte. Auf einem dieser Bilder stand ein Sofa im Mittelpunkt, auf diesem Sofa saßen drei Menschen, der größte in der Mitte, zwei Menschen auf Lücke hinter ihnen, gut gekleidet, alle blickten den Betrachter des Bildes an, ernst oder mit einem freundlichen Lächeln. Auf einem anderen Bild stand ein gut gekleideter Mann alleine neben einem Stuhl, auf dessen Lehne er sich aufstützte, winkelte ein Bein an und schaute ebenfalls in die Richtung des Betrachters. Alfons vermutete, dass es sich um Vorfahren seiner Familie handelt, die aber sicherlich nicht ihr ganzes Leben in diesen Posen zugebracht hatten. Es gab eine Welt auf den Bildern und eine Welt ohne Bilder. Die Welt auf den Bildern war nicht die Welt, die er wollte. Die Welt ohne Bilder, einfach mit geöffneten Augen, wollte er sich nicht zumuten.

Das Hobby

Alfons wuchs heran, mit Sonnenbrille und jetzt als Schüler, als freiwillig Blinder und zugleich freundlicher Schulkamerad. Er fand Freunde, die ihm zur Hand gingen, eine Lehrerin, die ihm zusätzlichen Unterricht erteilte, einen Lehrer, der ihn an den Sportunterricht heranführte und ihn nicht nur Schwimmen lernen, sondern auch vom Sprungbrett springen ließ, indem er ihn über die Situation des Beckens informierte. Seine Freizeit verbrachte Alfons außer mit den Hausaufgaben mit dem Erforschen der Welt durch den Fotoapparat hindurch. Wann immer es möglich war, alleine oder im Beisein von Familienmitgliedern, holte er den Apparat heraus – dass damit auch offenkundig wurde, dass er für das „Verschwinden“ der zwanzig Bilder verantwortlich war, war ihm gleichgültig – und erkundete die Welt aus der Perspektive des Kameraobjektivs. Die Winkel des Hauses, alle seine Etagen, der Keller, all das, was ihm jahrelang seine freiwillige Blindheit vorenthalten hatte, machte er sich jetzt zugänglich, in einer Form, über die er selbst jederzeit Herr war. Das Haus war die Welt, die nun gründlicher Erfassung bedurfte. Alfons traute sich nicht mit dem Fotoapparat aus dem Haus hinaus, die dann zu erwartende neue Weite und Offenheit war ihm unheimlich. Auch hatte er bisher nicht mit der Kamera aus dem Fenster geschaut. Das schien ihm eine lange Vorbereitung zu erfordern. So blieb er draußen der „blinde“ Alfons und freute sich an der Welt vor dem inneren Auge.