Der Kampf mit dem Fachmann - Mechtilde Lichnowsky - E-Book

Der Kampf mit dem Fachmann E-Book

Mechtilde Lichnowsky

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Beschreibung

Wiederentdeckt und nun endlich in einer kommentierten Ausgabe zugänglich: Das vielleicht beste Buch der wunderbaren Mechtilde Lichnowsky Nur allzu oft haben sie das Sagen und das letzte Wort: die Bescheidwisser, Prinzipienreiter und Standpunktvertreter, die - oft selbsternannten - Spezialisten in allen Lebensfragen. Wie diese Spezies den alltäglichen Umgang der Menschen miteinander bestimmt, führt Mechtilde Lichnowsky an vielen anschaulichen Beispielen vor. Sprachlich und analytisch ist sie dabei zweifellos an Karl Kraus geschult: die Genauigkeit des Blicks, die analytische Schärfe, das Gespür für phrasenhafte Verwendung der Sprache im Alltag. Aber was sie besonders auszeichnet ist ein wunderbarer Humor, der in seiner Leichtigkeit an Kurt Tucholsky erinnert, sowie der Mut zu pointierten und oft überraschenden Wortneuschöpfungen. Die Alltagsbeobachtungen, Reflexionen und szenischen Dialoge, teilweise mit Zeichnungen illustriert, sind von einer eindrucksvollen Lebendigkeit und einem bezaubernden Witz. Die in - man würde heute wohl sagen - "auskennerischer" Pose vorgebrachten Behauptungen des Experten werden vom blitzgescheiten Laien in ihrer Borniertheit gnadenlos entlarvt. Dieses Buch ist auch hundert Jahre nach seiner Erstveröffentlichung leicht zugänglich. Es entwickelt einen faszinierenden Sog, denn auch heute findet sich jede und jeder in der Figur des Laien und seinem aussichtslosen Kampf gegen den notorisch schwerhörigen Fachmann wieder.

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Mechtilde Lichnowsky

Der Kampf mit dem Fachmann

Herausgegeben von Hiltrud und Günter Häntzschel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© für ›Der Kampf mit dem Fachmann‹:

Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar

© für diese Ausgabe: Wallstein Verlag, Göttingen 2024

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Marion Wiebel, Göttingen unter Verwendung

eines Portraitfotos von Mechtilde Lichnowsky (1934), © DLA Marbach

Frontispiz: Mechtilde Lichnowsky, 12. August 1921; aus dem Besitz

von Sidonie Nádherný; © Státní oblastní archiv v Praze

ISBN (Print) 978-3-8353-5616-0

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8611-2

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8666-2

INHALT

Der Kampf mit dem Fachmann

Kommentar

Editorische Notiz

Zeitgenössische Rezensionen

Nachwort

»… Wenn mich die Götter als Nachtigall erschaffen hätten … so aber bin ich nur Cäsar …«

Das Gehen ist ein Kampf mit der Entfernung, aber man überwindet sie; das Schlafen ein Kampf mit dem Leben, da gibt es wenigstens Waffenstillstand; die Kunst, ein Kampf mit der Wirklichkeit, und kein Gegner wurde noch so blutig geliebt wie dieser; das Dasein aber ist ein Kampf zwischen dem lebenden Laien und dem toten Fachmann, wobei weder von Überwindung, noch von Waffenstillstand, nicht von Feindesliebe und kaum von Siegespreisen die Rede sein kann; denn, obgleich der Laie, der von Fall zu Fall innerlich ein Fachmann ist, dem Fachmann, der für ihn im Augenblick des Gesprächs ein Erzlaie wird, stets unterliegt, so erntet der Sieger doch keine Lorbeeren, wenn der Laie rechtzeitig das Feld räumt. Das Atemraubende im Kampf mit dem Fachmann liegt für den Laien im erzwungenen Verzicht, ihn durchzukämpfen. Rede und Gegenrede sind das einzige Kampfmittel, These und Antithese ein Tennisspiel, bei welchem die Bälle immer »out« sind; auch scheint der Feind einst in Drachenblut gebadet zu haben, dabei dürfte ihm keinesfalls aufs Ohr ein Lindenblatt gefallen sein, so daß die Hornhaut leider auch den Gehörgang überziehen mußte; dem Laien bleibt nichts übrig sich gegen diesen vollständig hörnenen Fachmann zu wehren, der, einem Drachen gleich, große Worte und Antworten sprüht. Wohl fänden sich an ihm Achillesfersen, allein, er ist erstens kein Achilles und fühlt zweitens nicht wenn er nicht hören will.

*

Die Leidenschaft zum Reim hat viele falsche Sprichwörter verursacht. Z. B. »Der Mensch denkt, und Gott lenkt«. Der Mensch, der es ja können soll, denkt leider nicht, und von Gott kann nicht gesagt werden, daß er denkt, denn er ist allwissend. Richtig ist, daß der Mensch lenkt und Gott lenkt, was einfach genug den trostlosen Wirrwarr hienieden erklärt. Es ist eben eine Frage von zu vielen Lenkern, Kutschern oder, wie ein anderes Sprichwort will, von zu vielen Köchen.

Im Leben ist es so: Entweder ich habe ein Leitseil aber kein Pferd, oder ein Pferd und kein Leitseil, oder ich bin Kutscher und habe Pferd und Leitseil, es sitzt aber schon ein anderer Kutscher am Bock, und der hält Zügel und Peitsche.

Wer sitzt oben? Der Fachmann. Wer steht unten? Ich, der Laie. Wer kann fahren? Ich. Wer fährt? Der Kutscher. Wem kann ich nicht erklären, daß ich fahren kann? Dem Kutscher. Und wollte ich nun mit dem einzigen Verständigungsmittel, der Sprache, etwas erreichen, so wäre eben dieses Reden der Kampf, und zwar ein von vornherein aussichtsloser.

»No warum? Wieso?« sagt der semmelblonde Herr von Einwender.

»Weil die Wortgeschosse niemals das gegnerische Gehirn treffen, sondern, Schuß für Schuß vorbeifliegen. Besser zielen, Herr von Einwender? Das ist es eben, hier nützt kein Zielen und kein Vorhalten; am erfolglosesten ist es, das Wort ohne Abstand, sozusagen mit angesetzter Waffe direkt ins Gehirn abzugeben: der Gegner ist behext, das Wort dringt nicht ein, d. h., es fällt zwischen Kopf und Kopf gewichtslos zu Boden, oder es fliegt, einem Federchen gleich, am Kopf vorbei, und zwar spielt sich dieses Aneinandervorbeireden so ab, daß ich wunderbar ziele ohne zu treffen, weil der Andere behext ist, und er, ohne zu zielen, ohne zu treffen mich doch kampfunfähig macht. Seit Jahren sinne ich nach einem Mittel, den Zauber der Schwerhörigkeit, der Blödheit, der Bosheit, der grundlosen Erbostheit von vornherein, oder was immer die Art des Zaubers sein mag, zu brechen, ich versuche alle Gegenzauber der Sprache, der Deutlichkeit, der sorgfältigen Vorwegnahme aller Gegenargumente, arbeite mit Milde, mit Bescheidenheit, mit Suggestion, mit Courtoisie, umsonst, ein Fachmann wankt nicht, ein Fachmann verschanzt sich, der Fachmann bleibt eine uneinnehmbare Festung.

*

Zweierlei Menschen bevölkern unsern Planeten: Die einen nennen sich Fachmann und sind Laien, die Anderen wären wohl Fachmänner, müssen aber den Laien spielen. Von jeher tobt, ohne Lärm, ohne Waffen, ohne namhaften Sieg, ohne nennenswerte Niederlage ein stumpfer, dumpfer Kampf zwischen Beiden, seien sie nun Händler und Käufer, Ehegatten, Kenner, Liebhaber, Beamte, Bürger, Gouvernanten. Lehrer, Kinder, Arzt oder Patient, Freunde, Verwandte, Bekannte, Weise oder Dummköpfe: das Wort verbindet, entzweit, erhitzt sie, und keiner außer dem besiegten Laien weiß, worum es ging. Der Sieger fühlt sich stark und frech, kennt aber den Siegespreis nicht, während der Laie ihn blinken sieht und in abgrundtiefes Denken fällt. Die unendliche Strahlenenergie der Sonne ist wohl auf das Phänomen ihres Lachens zurückzuführen, denn wenn sie, seit Billionen von Jahrhunderten die einzige Zeugin dieses Kampfes zwischen Fachmann und Laien und Laien und Fachmann, nur einmal darüber weinen wollte, es wäre um uns geschehen; kein Noah wäre dieser Flut gewachsen. Aber Götter weinen nicht, sondern lachen unbarmherzig und dennoch warm genug, daß die Gefahr eines ewigen Friedens oder gar die einer Auflösung aller Fachmänner in Laien nicht besteht.

* **

Daß jeder Vergleich hinkt, ist eine Tatsache, der man nur durch die Erwägung begegnen kann, daß nichts so hinkt wie das Leben selbst, also auch der Vergleich hinken dürfe, oder damit, daß er dem scheinbar gerade gehenden Leben durch Übertreiben oder Zartandeuten, den beiden einzigen Ausdrucksmitteln jeder Kunst, also auch der Redekunst, verstecktes Hinken nachweist. Meine Überzeugung, daß ein stilvoll rhythmisches Hinken einen wunderbaren Tanz bedeuten könne, schalte ich hier ganz aus. Übrigens vollzieht sich das vom Fachmann so gern nachgewiesene Hinken des Vergleichs immer auf einem Bein, das der Vergleichende bei der Anwendung des gewählten Vergleichsbildes nicht benötigt, und es fragt sich, ob der Zuhörer, der als Fachmann gern ein Halbhörer ist, nicht zunächst das Bild in sich aufzunehmen und die Ähnlichkeit zu konstatieren habe, insbesondere da, wo es dem Sprecher auf eine Verdeutlichung ankam. Aus der Tatsache, daß der Hörer sofort, noch ehe er die Identität des Bildes aufnehmen konnte, schon auf Unähnlichkeit hinweist, geht hervor, daß er aus irgendwelchen Gründen gegen die Auffassung des Sprechers gesinnt ist. Allzuschnell wird er, und böswillig, auf die Linie aufmerksam machen, die nicht parallel mit dem Verglichenen läuft.

Natürlich hinkt der Vergleich; denn, wäre er in jedem Punkte mit dem Objekt identisch, brauchte man ihn nicht, sondern könnte auf jenes deuten und wie der jetzt verstorbene S. sprechen, als er seiner Gemahlin in Rom den Petersplatz mit einer stummen Geste des Vorstellens zeigte: »Irma! Ich bitte!« –

Oder man könnte eine Orange mit einer Orange vergleichen. Da hinkt freilich nichts mehr, sondern Objekt und Vergleich verschwinden ineinander, daß der Fachmann staunt und sich der Leiermann wundert. (»Da staunt da Fachmann, und da Leiermann wundat sich«, sagte mir einst ein Oberschlesier, der drei Tage in Berlin gewesen war.) Oder man müßte sich bei der Porträtkunst an Stelle einiger Pinselstriche, die das Haar vorstellen sollen, wirklicher Haare bedienen und wirklicher Haut, will man nicht behaupten, daß auch die Kunst hinke. Jede Kunst ist ein Vergleich, und so hinkt auch jede Kunst. Vergleich und Kunst hinken also … Aber wie sie das Objekt überspringen, das sieht der Fachmann nicht.

* **

Haben Sie je einen Laien mit einem Laien gesehen oder zwei Fachmänner miteinander? Das kommt nicht vor. Jeder Laie sucht den Fachmann. Und erst der Fachmann! Wie er sich nach Laien umsieht! Ein jeder hat nicht nur Anspruch auf den andern, sondern dessen Gegenwart ist ihm Lebensbedingung, und eher, als daß zwei Fachmänner oder zwei Laien zusammengeraten, kommt es vor, daß, der noch vor kurzem Laie war, sich in Gegenwart eines Kollegen schleunigst in einen Fachmann verwandelt. Nicht jeder echte Laie findet den Fachmann, den er verdient, wohl aber fallen dem Fachmann unverdiente Laien zu. Der Kampf mit dem Fachmann ist ein Kegelspiel, bei dem mit dem Kegel nach der Kugel geworfen wird: der Kegel kann nicht rollen, die Kugel nicht umfallen; und wenn der Kegel liegt und die Kugel zu lachen wagt, ja sogar ein wenig vor Lachen rollt, so schreit er noch einmal auf und ruft mit verblüffender Logik: »Was weiter? Soll etwa ein Kegel nicht umfallen?« Und da hat der Tropf wieder Recht, niemand kann es ihm widerlegen, obwohl vor Gott und menschlichen Richtern der Beweis zu erbringen wäre, daß sein Triumphgeschrei hier sinnlos ist, weil es sich nicht um den Effekt des Fallens, sondern um dessen Vorgeschichte handelt: Es hatte ja niemand die Fähigkeit des Kegels und auch seinen Lebenszweck, umzufallen, angezweifelt, sondern nur daran Anstoß genommen, daß er, entgegen seiner Bestimmung, zu rollen versucht hatte. Aber – wann steht man vor Gott oder menschlichen Richtern in Fällen, wo man alles Recht für sich hatte?!

In folgender Weise spielt sich der Kampf mit dem Fachmann ungefähr ab: Kein Zeuge, kein Helfershelfer, nie ein unparteiischer Dritter; der Fachmann, gewissermaßen berechtigt, geht vom falschen Glauben aus; der Laie dagegen, einer blinden Henne gleich, hat ausnahmsweise kein Korn, sondern eine Perle gefunden, die er nicht anbringen kann, weil man ihn nicht so weit ausreden läßt. Der Fachmann, vom falschen Glauben ausgehend, der Laie suche ein Korn, will ihn beschwichtigen. Keine Möglichkeit für den Laien; anzubringen was er weiß, was er will, was ist, überhaupt daß er ein Perlenfinder sei, einmal in seinem Laienleben, und der andere ein sehendes Huhn, das keine findet.

Das blinde Huhn spricht: »Ich habe eine . . . .«

– »Ja, ich weiß«, erwidert der Fachgockel mit geschwollenem Kamm, »du hast ein Korn gefunden, friß es.«

– »Nein, ich habe eine –«

– »Ja ja wir haben schon gehört, du hast ein Roggenkorn im Schnabel –«

– »Nein, etwas Schönes – –«

– »Ja ja ein schönes Roggenkorn ohne Mehltau, dick und mehlreich! Schluck es in Gottes Namen!«

– »Ich kann nicht, ich darf nicht, es ist ja eine . . . .«

– »Das ist ja Hysterie – schlucke nun endlich und schweige.«

So kann das endlos weitergehen. Sie reden aneinander vorbei.

Keiner kann ohne den anderen existieren, weder der Fachmann noch der Laie, aber niemals weiß einer vom anderen, ob er auch richtig, wie sichs gehört, ein Laie ist; dafür erfährt er sehr rasch, wofür sich der andere hält; da er sich nun, aus guten Gründen, auch dafür hält, entsteht das Unmögliche, das Unhaltbare – die Gegenwart zweier Hähne auf einem und demselben Haufen. Dem einen mag zwar nur der Kamm gewachsen sein, allein er kann es beweisen, daß Bauern und Hühner ihn für einen Hahn halten, und dem andern bleibt nur ein Hahnenkampf übrig oder ein stummes Spiel, das die Bedeutung hätte: »ich bin ein Adler und habe hier nichts zu suchen« – oder »ich bin ein Sperling, ich darf wohl da ein bißchen mitpicken«.

»Aber«, meint der Herr von Einwender, der sich sehr lebhaft für all diese Dinge interessiert, »gesetzt, Sie sind der Adler; was ist leichter als den Hahn zu packen und zu zerreißen?« – »Lieber Herr; damit hätte ich noch nicht bewiesen, daß der andere kein Hahn gewesen wäre. Im Gegenteil. Bauern und Hühner wären sich darin einig, daß ein jähzorniger, egozentrischer Lümmel von Adler den Hahn getötet hätte; ich aber will nur klar machen, daß er kein Hahn ist, sowohl ihm selbst als auch den Bauern und Hühnern, sodann auch, wenn dies unmöglich ist, daß ich ein erhabener, weiser, ehrenwerter Vogel bin und kein Kampfnickel.«

Es ist ein merkwürdiger, ein unerklärlicher Wunsch, gerade Bauern und Hühnern Wahrheit bringen zu wollen. Das sind offenbar jene Laien, die diese Art Fachmann zur eigenen Existenz braucht.

Post scriptum:

Man kann halt dem, der dumm ist, oder unecht, nicht begreiflich machen, daß er das eine oder das andere ist; wenn er es begreifen könnte, wäre er nicht dumm, und der Unechte, der seinen Zustand zugäbe, beginge ja eine Art von Selbstmord. Nur wenn beide grundgescheit wären, ließe sich mit ihnen reden; aber da wären sie eben weder dumm noch unecht.

Und warum ersehnen wir geschlagene Laien so lichterloh brennend außer der Klarstellung des Falles noch die Einsicht des in ein Detail falsch verbissenen Fachmanns, wenn weder Bosheit noch Streitsucht, Rechthaberei oder Ungeduld dabei mitspielen? Aus Gerechtigkeit und Menschenliebe; damit jenem unser eigenes Verhalten der Abwehr, der Unlust, der Ablehnung als berechtigt erscheine. Bei Ehescheidung z. B. mag dieses Gefühl den einen Teil, der beide übersieht, drücken; und lieber verharrt er in trostloser Lage, als daß er dem andern das Gefühl der Ungerechtigkeit und das seiner persönlichen Feindseligkeit, auflädt. Wenn nur einer begreift, drückt den andern das Bewußtsein des vermeintlichen Unrechts, das er zufügt. So will es die Menschenliebe, die Nächstenliebe.

Einige Fachmänner im Chor: »Hahaha! Sie, und Nächstenliebe!«

*

Man kann genau wissen, welche Antwort auf eine bestimmte Anrede folgen wird, man kann durch geschickt eingeflochtene Argumente nach dem System »Wie sage ich’s meinem Kinde« vieles vorweg nehmen; aber der Fachmann wird stets die Stelle finden, wo er sich als solcher behaupten kann und gar nicht auf des andern so schön geharkten Boden treten. Alltägliche Beispiele zeigen am besten, was hier gemeint ist.

Ich soll für einen siebenjährigen Neffen, der einen ziemlich großen Kopf hat, einen Hut besorgen. Ich nehme also ein Bandmaß, messe sorgfältig und begebe mich in ein Kindergeschäft. Ich verliere nicht gern Zeit und bemühe mich in wenigen Worten, möglichst klar auszudrücken, was ich zu sagen habe. Auf die Frage, was zu meinen Diensten stehe, erwidere ich daher:

»Bitte einen dunklen Kinderfilzhut, 53 cm Kopfweite.«

Man sollte meinen, daß alles gesagt sei, was für den Anfang nötig ist. Fehlt etwas? Eigentlich nicht. Aber das Hutfräulein, das hier den Wirt vorstellt, mit dem ich die Rechnung nicht gemacht hatte, fragt in gebieterischem Tone auf meine Bitte »Einen Kinderfilzhut, 53 cm Kopfweite«:

»Für welches Alter?«

Ja – ich hätte wohl gleich die Frage stellen sollen: »Gibt es Kinderhüte mit 53 cm Kopfweite?« Da wäre kein Entrinnen des Fräuleins möglich gewesen, sollte ich meinen. Aber vielleicht hätte sie diese Frage erst recht in Verlegenheit gebracht; wahrscheinlich ist ihr nur bekannt, daß in diesem Fach Hüte für Dreijährige, in jenem für Sechsjährige liegen usw. Eigentlich sollte sie einen Ausruf tun und sagen: »Was? 53 cm? Das ist ja riesig!« Und ich darauf: »Ja, er ist zwar erst sieben Jahre alt, aber die Kopfweite hat er eben.«

Die rechthaberische, überlegen zurechtweisende Frage »für welches Alter?«, in einem Tone von: »Sie haben schon wieder ihren Katechismus nicht gelernt«, ist nicht am Platze, wenn ich eine Kopfweite angebe, die viel mehr von der Größe eines Kopfes verrät als die Angabe eines Alters, das nicht für Kleinkopfigkeit garantiert. Der Weise läßt sich natürlich nicht auf den Kampf ein, sondern gibt mild ein Alter an, das das Heranschaukeln von einem Dutzend fingerhutkleiner Hütchen zur Folge hat, die er mit seinem Augenmaß sofort als unbrauchbar erkennt und sanft zurückweist. »Ja, Fräulein, um die 53 cm werden wir halt nicht herumkommen«, versucht er es scherzhaft, »haben Sie ein Bandmaß?« Es ist keines da. – »Haben Sie ’n Bandmaß, Fräulein Cläre?« »’n Bandmaß? Wozu?« – »Die Dame (ganz verrückt!) sucht einen Kinderhut.« – »Für welches Alter?« – (Ich:) »Kopfweite 53 cm« »Ja Sie müssen das Alter angeben!«

Nein, ich muß nicht, ich darf es in diesem Falle ganz besonders nicht.

Soll ich ihr antworten: »Für einen siebenjährigen Airdale Terrier, der sich zu Fastnacht kostümieren will?« Wahrscheinlich hätte ich einen durchschlagenden Erfolg gehabt, wenn ich gleich gesagt hätte: »Bitte einen Girardihut für einen kleinen Makrocephalos von sieben Jahren.« Man erlaubt sich solche Scherze nicht, denn »es steht nicht dafür«. Aber das ist der Kampf mit dem Fachmann im winzigsten Ausmaß, auf dem kleinsten Kriegsschauplatz. Das Typische des Fachmanns ist: mit einem scheinbaren Vorrecht Ungedachtes Gedachtem entgegen zu halten, ohne loszulassen, und nie die Möglichkeit eines fachmännischen Mißverständnisses in Erwägung zu ziehen. Der Anprall ist für den Denker schmerzlich und belustigend zugleich, weil er allein die Situation übersieht und niemanden davon überzeugen kann, am allerwenigsten den Sieger.

Hierzu gehört auch die folgende charakteristische Kleinigkeit, die auf Nichtdenken und Falschsprechen, Nichtsehen und Falschhören beruht und in ihren Folgen als ebenso inoffensiv zu betrachten ist wie die vorhergehende. Ich zitiere das Beispiel für die menschlichste aller Betätigung: Sprechen ohne gedacht zu haben, einerseits, und meinerseits: denken ohne gesprochen zu haben. Denn auch hier hätte es »nicht dafür gestanden«, auch hier hätte der arme, harmlose Feind nie begriffen, und doch wäre es, wenn ich es dazu hätte kommen lassen, ein typischer Kampf mit dem Fachmann geworden.

Ich sitze auf einer Bank im Tiergarten, mein Dachshund an der Leine darunter. Ein Minnesänger, der, ehe er sich niederließ, taráram tarára tararámta táa machen mußte, setzte sich ans andere Ende der Bank, was den Hund nicht weiter interessierte; er konnte nur eines nicht vertragen: kostümierte Menschen; also z. B. Pflegeschwestern, Damen in Reiherhüten, Generale und weiß angezogene Köche. Da naht ein Kinderwagen mit einem speziell dazu drapierten Kindermädchen mit dem hennenschweifartig gefalteten, kurzen Schleierhäubchen, das weder vor der Sonne schützt noch die Haare bändigt, sondern nur den Hinterkopf verdoppelt und beschwert und die Stirne dumm aussehen macht. Mein Hund springt vor und bellt sie wütend an: »Hauhau – haube herrrunter – Haube herunter – hau!« Da er an der Leine war, konnte er sonst nichts tun. Es dauerte eine Weile, bis der Kinderwagen mit der Haubenhenne vorüber und außer Sicht war, und solange rief er ihr seine Empörung nach, was ich ihm auch gestattete. Dann erst sagte ich: »Ruhig Käfi! Gib eine Ruh! Sei jetzt ruhig.« – »Aber Frollein«, meinte der Minnesänger, »ein Hund muß doch bellen.« Der Fachmann! Es würde mich nun interessieren zu erfahren, wie viele oder wie wenige meiner Leser hier schon wüßten, was mich zwingt, den Fachmann zu erkennen. Ehe ich fortsetze, will ich noch, um mich vor der Beschuldigung zu sichern, ich sei ein Krakeelmacher, feststellen, daß ich bald nach des Minnesängers Ausspruch aufgestanden und fortgegangen bin, daß der Hund sofort zu bellen aufgehört, und ich dem Herrn nicht ein Wort geantwortet hatte. Die ganze Angelegenheit ist so geringfügig, daß ich mich kaum getraue sie anzuführen, aber doch so charakteristisch, daß ich mich nicht enthalten kann.

Was hatte der Mann gesagt?

»Aber Frollein, ein Hund muß doch bellen.«

Recht hat er; der Hund bellt, das Pferd wiehert, die Maus pfeift. Also muß nun, wenn der Hund bellt, auch ein Hund bellen. Wer würde diesen Satz nicht unterschreiben? Und falsch und falsch angebracht ist er dennoch, denn erstens weiß ich als Naturkennerin und Hundebesitzerin, daß der Hund bellt und nicht anders als bellen kann. Muß er aber immer, immer, immerzu bellen? Zweitens ließ ich ihn bellen, solange es für ihn notwendig und für andere nicht lästig war, weil ich ihm nicht die Bell-Lust verderben, ihn aber schließlich von seinem eigenen Bell-Zwang befreien mußte, wofür Beller und Zuhörer gleich dankbar sind. Der Hund gehorchte auch mit Vergnügen. Dies alles wäre noch festzustellen und vielleicht sogar, wahrscheinlich aber nicht, vom Minnesänger zu verstehen gewesen. Und dennoch sehe ich eine unübersteigbare Stelle, noch ein Hindernis, das mir ein Fachmann hier aufbauen könnte. Gesetzt, ich erzähle den belanglosen kleinen Vorgang und erhoffe vom Zuhörer so viel Denk- und Sprachgefühl als nötig ist, um übereinstimmend mit mir den Satz »Aber Frollein, ein Hund muß doch bellen« zu verwerfen, so kann ich sicher auf folgende Antwort, eine typisch fachmännische, rechnen:

»Wer wird denn Worte so überschätzen! Der Mann wollte doch nur ein Gespräch einleiten, allerdings konnte er nicht voraussetzen, daß Sie sich so ereifern würden. Aber schließlich mögen Sie recht haben – er hätte Sie nicht ansprechen sollen.« Das durfte nicht kommen! Wort für Wort falsch und immer noch keine Antwort. Wo werde ich gegen den gutmütigen Minnesänger eifern, der mir doch nur ein prächtiges Beispiel für meine Theorie lieferte! Worte überschätzen? Nein! Schätzen, was mehr ist. Daß ich angeredet werde? Warum nicht? Jedes seiner Worte hat mich gefesselt und zu langer Gedankenreihe angeregt. Freilich erwiderte ich nichts, denn sonst hätte er mir vielleicht des Fachmanns Sentenz vorgehalten: »Wie kann man nur, ich wollte doch bloß . . . . Aber Frollein« – Kurz mein Thema wäre weiß Gott wo hinübergespielt worden, womöglich ins Fahrwasser der zimperlichen Person, die sich nicht anreden läßt und es übelnimmt, wenn man über ihr klein-Hundchen spricht. Es wäre ein Marmarameer von Mißverständnissen geworden, wenn ich, Fachmann, dem Laien den Fachmannstab in die Hände dadurch gespielt hätte, daß ich auch nur ein Wort über den Vorfall, sei es mit dem Minnesänger selbst, sei es mit einem sonstigen Zuhörer verlor, um z. B. Folgendes zu sagen: »Jawohl Hunde bellen, Pferde wiehern, etc. – aber dieser Hund, der bellen kann, und ziemlich lang hier gebellt hat, wie Sie bemerkt haben müssen, soll jetzt um ¾ 11 Uhr zu bellen aufhören« – oder: »Jawohl, der Hund bellt, aber ein Hund muß nicht immer bellen« – und wäre es noch so schelmisch, noch so lieb vorgebracht, niemand hätte die Arglosigkeit bemerkt, und der Minnesänger hätte gemurmelt: »Ich hab’ mir’s doch gleich gedacht, die ist nicht richtig.« Er ist richtig, denn was er sagte, entspricht dem, was er tat: Ein Hund muß bellen, ein Mensch reden. Also immerzu, unablässig, unabhängig von jeder Denkleistung, so wie sein Hund bellt. Und der andere Fachmann, der, dem ich es beinahe erzählt hätte? Der vertritt nun folgenden Standpunkt, was eine Sache für sich ist, auf die ich noch zurückkommen werde. (Das Standpunktvertreten ist eine Lieblingsbeschäftigung aller Fachmänner.) Also folgenden Standpunkt:

»Daß Sie immer Krakeel haben müssen«, sagt er mir.

»Wieso? Ich will Ihnen doch nur von einem Aphorismus erzählen, den ich einmal machen werde …«

»Aber Sie haben sich doch über die Anrede Ihres Nachbars geärgert.«

»Aber keine Spur!«

»Sie fanden, daß er nicht gedacht habe.«

»Das hat er auch nicht.«

»Wie können Sie ihm das vorwerfen?«

»Das tat ich ja nicht.«

»Großartig! Erst werfen Sie ihm Gedankenlosigkeit vor, dann leugnen Sie!«

Das ist halt der Moment, wo jede Libelle, jeder Rosenkäfer, jede Bachstelze einfach wortlos fortflögen. Dem zum Laien herabgesetzten Menschen ist es leider nicht gegeben; er muß bleiben und Betrachtungen anstellen oder sich zurechtweisen lassen, wo er gar nicht nach dem Weg gefragt hatte.

Der Fachmann wird immer das Allgemeine über das Besondere halten, weil er dieses nicht sieht, sich aber jenes merken und Unstimmigkeiten entdecken kann. Verteidigt der Laie sein Besonderes und verweilt der Fachmann beim Allgemeinen, haben beide dem Wort nach recht. Dazwischen lacht die Sonne. Der weise Laie lasse sich nie mit dem diplomierten Fachmann ein: Fachmänner sind meistens halb, Laien doppelt. Wüßte ich doch Den zu finden, der ganz ist!

* **

Wer ist der Fachmann und wer ist der Laie? Fachmann ist der, der sich im Handumdrehen dazu macht. Im Handumdrehen? Nein, im Wortumdrehen. Und Laie der, der das Wort gerade herausgibt und sich nicht, wenn er es umgedreht zurückbekommt, im Handumdrehen selbst mitdreht. Also ist der Laie ungeschickt und der Fachmann ihm an Gewandtheit überlegen?

Nein – so liegt es nicht; der Fachmann ersetzt mangelnde Erkenntnis durch Dünkel, Urteil durch Herrschsucht, und wenn sich ihm der Laie freundlich naht, zieht er sofort die Zugbrücke hoch und parlamentiert. Da der Laie nicht schreit, die Distanz aber nun zu weit geworden ist, hört der Fachmann schlecht, und wenn der Laie sich bemüht ihm näher zu kommen, so übergießt ihn jener mit siedendem Pech. Warum nennt man ihn dann Fachmann? Weil er sich als solcher benimmt. Und eigentlich ist der Laie Fachmann? Gewöhnlich ja.

Warum läßt er sich dann mit dem andern ein? Weiß er nicht, daß ers mit einem falschen Fachmann zu tun hat? Er weiß es; doch nicht sogleich. Und was, wenn er mit ihm verheiratet ist? Oder wenn er, ohne selbst Beamter zu sein, mit der Behörde in irgend einer Frage zu verhandeln, oder wenn er als Mensch dem Mitmenschen etwas zu sagen hat?

Der Fachmann, der Erkenntnis durch Dünkel und Urteil durch Herrschsucht ersetzt, tut es nicht aus Berechnung, sondern triebhaft; nicht aus raffinierter Tücke führt er seine halbwegs gewandte Dialektik, sondern, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Der Fachmann redet ohne zu wissen, daß er auf dem Mons vanitatis wohnet und dort sein Terrain verteidigt, auf das es niemand abgesehen hatte. Nichts lehrt solche Beredsamkeit wie Eitelkeit, es wäre denn die Liebe zum Gelde.

Eitelkeit also plus der dazgehörenden Dummheit sind die Urgründe aller Fachmannschaft. Wäre Eitelkeit nur ein Plus zu zielbewußter Gewandtheit, sich Mitmenschen überhaupt vom Halse zu halten, so könnte man den Fachmann als einen genialen, wenn auch bösartigen Sonderling ansprechen; aber von diesem, der eine gewisse Berechtigung besitzt, soll hier nicht die Rede sein.

Der Fachmann ist taub und der Laie nicht immer ein Demosthenes. Was sag ich, taub! Turteltaub ist der Fachmann! Und wäre der Laie wirklich ein Demosthenes – gegen den Saus und Braus von Dünkel, in dem der Fachmann lebt, hörte jener selbst nicht sein eigenes Wort.

*

In Salzburg fragte ich einen Kappenfachmann mit aus der Kappe hervorquellendem Hinterkopf, der im Profil s-förmig in den gesternten Uniformkragen verläuft: – »Bitte wann geht der nächste Zug nach Freilassing?« 

– »I bin nöt von durt! Des waaß i nöt.«

Hoffentlich finde ich dann, wenn ich nach Paris fahren wollte, auf dem Perron einen Franzosen.

*

Der Fachmann war dazu auserlesen, in seinem leeren Fach das volle Herz des Laien zu beherbergen. (Ich selbst zöge natürlich vor, mit meinem Herzen in einem vollen Malvasierfaß zu liegen wie der arme junge Clarence, denn mein volles Herz würde das leere Fach sprengen, und was fängt man dann mit den Scherben des Fachmanns an?)

*

Der Fachmann unterscheidet streng zwischen Mann, Weib, Kind. Den Menschen hat er ganz vergessen. Er zwängt ihn nachträglich in die Rubriken Mann, Weib hinein, und siehe, es will nicht passen. Was tat der Fachmann daraufhin? Er schuf die Abteilungen a) normal, b) anormal und stellt sich als Bergscheitel dazwischen mit einem wohlgefälligen Blick auf die Abteilung a). Wie sollte der Laie Mensch dagegen ankämpfen? Der Fachmann erschlägt ihn mit seiner Einteilung, die er als Keule gebraucht, und es gibt keine Rettung mehr.

*

Um 1045 ist der Gatte unwirsch, höhnisch, grob zu ihr. Um 1115 nähert er sich ihr mit ehrbaren Absichten, ohne vorangegangene Aussprache, Versöhnung und dergleichen, und glaubt, nun hätte er alles gutgemacht.

Emma, Ella, Gabi, Meta, Fanny, Milli, Else und Lotte im Chor:

»Aber er hat ja alles gutgemacht! Er hat ja alles gutgemacht.«

Ja – meine Lieben, da scheine ich freilich ein absoluter Laie zu sein. Gar nicht anfangen mit Erklären!

*

Ich kenne eine schöne, 60jährige Frau, die von Zeit zu Zeit, wenn sie herzig und 16jährig sein will, bithl mith ther Thzunge ansthothst, thamith man’ ths ihr glaubth. »Sie ist so charmant, so aufrichtig, so gerade, so echt,« sagen einige Herren im Chor. Der Gegenbeweis wäre zu führen, nicht aber vor diesen Fachmännern. Gar nicht anfangen!

* **

Das menschliche Gespräch besteht eigentlich im Hinhalten einer Öse mit der Erwartung, daß sich ein Haken einstellen werde, der die Öse ergreift, nicht aber ein Angelhaken, mit dessen Beute ein listiger Fischer davonliefe; denn die Öse ist eine Öse und keine Forelle.

Ebenso erwartet der Sprecher, der einen Haken präsentiert, daß der Angesprochene eine Öse darein hänge; nun kann dieser seine Öse so eingerichtet haben, daß er die Rückseite wieder präsentiert und vom ersten Sprecher einen Haken erhält, der ebenso rückwärts mit Ösenöffnung versehen sein könnte, so daß der andere einen neuen Haken daran zu befestigen vermag.

In der Praxis jedoch stehen sich zwei Ösen gegenüber oder zwei Haken – und weder ergibt sich eine Kette – noch ein brauchbarer Verschluß. Typisch ist dann ein Wortwechsel zwischen den Hakenhaltern:

»Sie sollen mir eine Öse hinhalten.«

»Das ist ja eine Öse.«

»Das ist ja ein Haken.«

»Nein, das ist die Öse, geben Sie mir gefälligst einen Haken.«

»Mein Haken soll eine Öse sein?«

»Nein, Ihr Haken ist ein Haken, es sollte aber eine Öse sein.«

»Warum soll denn mein Haken eine Öse sein? Nehmen Sie doch eine Öse.«

»Nein, ich bin der, der den Haken hat und die Öse will.«

»Der bin ja ich.«

Das erinnert an die Geschichte vom Besuch im Narrenhaus. Es betritt einer die Irrenanstalt und wird von einem freundlichen Mann angesprochen, der ihm im Garten einige harmlose Insassen des Hauses zeigt: »Sehen Sie, da sitzt einer, der glaubt Millionen zu haben und macht immer sein Testament. Und hier ist einer, der glaubt, er hat ein Meisennest auf dem Kopf und muß immer sehr vorsichtig gehen, damit es nicht herabfalle. Und hier geht der Präsident von Ecuador spazieren, der immer auf ein Schiff wartet. Und dieser alte Mann, der hält sich für Gott Vater! Aber wie kann das sein – – Gott Vater, das bin ja ich.«

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Wehe dem Laien, der erkennt, daß der Fachmann zu wissen glaubt, was der Laie denkt und deshalb diesem Argumente vorwegnimmt, die jener nicht vorgebracht haben würde, falls ihm Zeit zum Reden gelassen worden wäre. Der Kampf ist ein Wortspiel für den Fachmann, eine Schweigepflicht für den Laien; dieser leidet an Asthma, jener genießt sein Sprudeln, gebietet ihm aber in taktvollster Weise dort Einhalt, wo der Laie gerade nach Luft schnappen und ihn durch geschicktes Auffangen und Zurückschleudern eines unrichtigen Wortes hätte widerlegen können.

Und doch ist der Fachmann kein Künstler – da wäre er ja rehabilitiert und zu allem berechtigt –, sondern ein dummer Bandit, der Geld oder Leben, auf alle Fälle aber das Hemd des Laien begehrt, ein Amateur-Erpresser, der, statt mit einem nicht vorhandenen dunklen oder wunden Punkt des Laien, mit seiner eigenen, von Zweifeln unbeschwerten Helligkeit und Gewandtheit operiert, also wenn man so sagen darf, ein absolut unberechtigter Erpresser.

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Im Gespräch macht sich eine Form bemerkbar, die bloß Form ist – es ist die des Parteiergreifens. Einerlei was gesagt wird, auf ein »Hört-Hört« kann man sich bei ihm nicht gefaßt machen, sondern stets auf ein g’espitztes »Erlaum Se mal!« Der Sprecher mag sich winden wie er will, er mag hundert Gegenargumente auffahren, der Parteiergreifer ist da und waltet seines Amtes.

Es ist gewiß nicht nötig vom Wetter zu sprechen, aber manchmal reißt es einen doch zu sagen: »Ist das heute ein blauer Himmel!« – »Aber Wind« erwidert der Parteiergreifer, der natürlich nicht bedenkt, daß der Ausruf keineswegs eine allumfassende Diagnose des Wetters vorstellen, sondern nur einer im wahrsten Sinne des Wortes himmlischen Farbe gelten sollte. Es ist etwas anderes, zu sagen: »Ist das heute wieder ein Blau, freilich, der Klee könnte etwas Feuchtigkeit brauchen – allein vielleicht bringt der herrschende Wind den vom Landwirt erhofften Regen; jedoch … . usw.« und zu sagen: »Ist das ein Blau heute« und vom andern etwa das Wort »Kobalt, Capri oder Äquator« zu erwarten. Kein Ladenfräulein wird auf die Frage »Was kostet das?« antworten: »Bauchweh«, weil sie eben, Ausnahmen abgerechnet, ein wirklicher Fachmann ist und auf den sprechenden Kauffachmann eingeht. Da gibt es kein Mißverständnis, kein aneinander Vorbeireden, wenigstens unter 88 Fällen von 100. Der Parteiergreifer aber vertritt immer einen unsichtbaren Klienten, einmal ist es der Wind, einmal ist es, Gott weiß warum ein junger Arzt, den er gar nicht kennt, sondern sich nur vorstellt. Man sagt: »Dr. M. ist der Typus des genialen Arztes – ein großer Künstler«. – »Aber schon etwas alt« beginnt der Parteiergreifer sein umgekehrtes Plaidoyer. Hätte man gesagt: »Dr. M. ist etwas alt geworden.« – »Ja, aber der Typus des genialen Arztes« wäre die Antwort gewesen. Es ist kein Entrinnen, selbst wenn man wie jener Diener spricht, der seinen Herrn, ehe dieser des Morgens aufstand, vom Wetter zu informieren hatte und sich eines Tages in folgender Weise seiner Pflicht entledigte: »Heute ist es kühlicht Euer Gnaden, jedoch auch wieder etwas schwülicht.«

Für nichts ließe sich die Metapher »sich abspielen« treffender gebrauchen als für Gespräche; die meisten werden, einerseits sicherlich, mechanisch heruntergespielt: der Sprechfachmann verfügt nämlich über einige Rollen, und je nach dem Stichwort greift er mechanisch zur entsprechenden Phrase, die ihm, wie er weiß, eine Entgegnung sichert, auf welche er wiederum ein Sprüchlein erwidern kann, das ihn als Denker schillern läßt. Das Schillern ist des Sprechmanns Lust. Man kann im Gespräch, formal und ideell bescheiden, ruhig voraussetzen, daß alles Sprechbare z. B. über Napoleon bekannt sei, und dennoch an irgend eine Tatsache erinnern, die sich gerade im Gespräch ergeben mag und diesem, nicht aber Napoleon zu dienen hat. Sofort wird der Parteiergreifer einfallen: als Sprechmann setzt er beim andern keine allgemeine umfassende Erinnerung voraus, sondern ein spezielles Vergessen, das er willkürlich aus dem unermeßlichen Material herausgreift und, einem Antonius von Padua gleich, der Verlorenes angeblich wiederfindet und zurückerstattet, dem Vergesser vorhält. Dieser muß sich nun gegen einen und mehrere Historiker wehren, kann aber z. B. nur sagen: »Ich weiß wohl, aber« oder: »Das wissen wir ja alle, aber ich will sagen, daß« oder: »Mein lieber Geschichtsprofessor, danke sehr, aber –« und nun möchte man den Refrain eines Berliner Couplets singen:

Die Entgegnung des Parteiergreifers beruht eben auf den Erfordernissen des Rede- und Antwortspieles und nicht auf einem Ergreifen des speziell Gesagten; nichts ist leichter für Fachsprecher als die Formel: »Sie vergessen, daß Napoleon« und jetzt stehen ihm alle Schubladen offen, in welchen er Philosophie, Physiognomik, Geschichte und weiß der Teufel was für Wissenskram aufgestapelt hat. Er kommt mir mit Ajaccio, wenn ich in der Malmaison bin, verteidigt den General, wenn ich den Politiker verurteile, er bricht über den Imperator den Stab, wenn ich den Konsul hervorhebe, und wenn ich die Totenmaske bewundere, so erinnert er mich an die untersetzte Gestalt; sage ich: Napoleon war ein Unheilstifter, so kommt er mit dem Code, und das einzige, was ich nicht mehr vorbringen kann, ist: »Ja – Sie vergessen, daß ich gar nicht von Napoleon sprach und nicht sprechen wollte, sondern nur feststellte, daß auch in der napoleonischen Zeit die Schwalben südwärts zogen, wenns kalt wurde, und Sie erwidern mir, was ich selber weiß, daß Napoleon ohne die französische Revolution nicht zu denken sei … Kehren wir doch zu den Schwalben zurück!!« Allein das geht nicht mehr. Der Fachmann spricht als Verteidiger oder Urteil fällender Staatsanwalt, wo der Laie nur sprach und atmete.

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Eine ebenso merkwürdige wie die vorhin beschriebene Beschäftigung des Fachmanns, die den Unvorsichtigen zum Kampf mit ihm verführt, ist die des Standpunktvertretens. Meist sind auch hier die Punkte, auf denen mit Plattfüßen getreten wird, nur eine Gesprächsform und darum in 99 Fällen von 100 Verlogenheit von Primanern und andern gerngroßen Parteiergreifern. Und wie ernst nimmt die Laienfachmannherde diese Dialektik der Standpunktvertreter! Richter, Pädagogen, Redakteure, Minister, Hörer und Leser aller Arten nehmen das Wort auf und nicht den Mann. Und das Wort schafft ein Bild, das Bild wirkt, obgleich das Gefühl, das es hätte produzieren sollen, die Natur, die Wirklichkeit, nie existiert haben. Aber der Laienbruder Hörer, der sich für den maßgebenden Fachmann kontra Laien hält, nimmt ernst. Er erwidert ernst. Der Standpunkt des andern, ohnehin schon plattgetreten, wird neuerdings vertreten und ernst genommen. Es wird sogar darauf zu dessen Gunsten reagiert. Der Standpunktvertreter wird siegen, andere werden mittreten, die Hörer sind Mitfachmänner geworden. Wie sich da der wahre Laie wundert! Was ist leichter als reden? Der Säugling spricht oft, noch ehe er läuft. Was ist leichter darzustellen als Familiensinn, Patriotismus, Nächstenliebe? Was ist in Wirklichkeit seltener vorhanden! Wie häufig ertönt das Lied vom braven Mann in ohrenkränkender Melodie, ohne Kontrapunkt! Und das Wort des Patridioten, wie riecht es nach vertretenem Standpunkt, der keiner Analyse auf wahre Empfindung standhält, Lied und Wort in einem Deutsch, daß man aus den Ohren weinen möchte, in allgemeinen Aperçus über Mangel und Elend watend, mit Ausrufzeichen der Ergriffenheit und Ritardandi des Mitgefühls, während Sprecher oder Sänger keinen Finger rührten, die Not wo anders als bei sich selbst zu lindern, oder besser gesagt, sie sich selbst fern zu halten als Leidender und auch selbst als Zeuge. Das Standpunktvertreten beginnt mit dem dialektischen Parteiergreifen und hat ebensowenig mit Wahrheitsuchen zu tun, als die Tätigkeit des Schwätzers, der im Namen von Thron, Altar, Kunst, Wissenschaft, Religion, Nächstenliebe und Moral stets mit den gleichen glühenden, auch giftige Gase sprühenden Worten ins gleiche Feuer gerät, das nicht für die Sache brennt, sondern für ihn, den Anfacher. Sie alle verbrennen an ihrem Fieber; und wenn man sie mißt, zeigt das Thermometer 36’5. Sie alle gebrauchen schön gefüllte Worte; und wenn man eines näher betrachtet, fallen durch einen unglücklichen Zufall die zwanzig anderen aus dem Vorrat heraus, wo sie aufgestapelt lagen, um täglich hervorgeholt und zurückgestellt zu werden.

Standpunktvertreten ist zuweilen die Sache eines 16jährigen Gernegroß, einer 27jährigen Gänseklein, auch mit Vorliebe bei eingetrockneten Geheimräten, wie bei noch etwas feuchten vortragenden Räten zu finden; Sand am Meer ist im Vergleich zum Massenauftreten dieser Menschenart eine Rarität.

Doch meinte ein Fachmann für Menschenkenntnis zum 16jährigen Gernegroß: »Das verliert sich mit zunehmendem Alter,« von der 27jährigen Gänseklein: »Wenn die einmal ein Kind haben wird,« beim trockenen Geheimrat: »Nun, er ist eben etwas stereotyp geworden,« und beim grünen vortragenden Rat: »Er ist etwas Streber, da schustert er sich!« Alles zu Unrecht. Die Passion zum Standpunktvertreten verliert sich nie, weil sie als Ersatz für nicht vorhandene Schöpfungskraft zum Wesen eines Charakters gehört; sie zeigt sich auch schon früh wie die Zeichen des Schöpferischen. Und was die Mutterschaft betrifft, so hat sie niemals gedankenloses Standpunktvertreten aufgehoben, sonst würde keine Mutter je an ihrem Kind sündigen. Ferner, was stereotyp werden möchte, ist sicher beizeiten schon ein wenig chronisch; und wer gar etwas aus Streberei tut, hört erst recht nicht damit auf, wenn er erreicht haben sollte, was er angestrebt hatte; am Charakterwechsel würde man ja einstiges, jetzt aufgegebenes Streben nachträglich erkennen.

Wie wird nun eigentlich das Standpunktvertreten gemacht? Ich will es gleich zeigen. Auch hier wird man als »Laie« rettungslos besiegt; an einen Kampf mit diesen Fachmännern ist gar nicht zu denken.

Die indische Geschichte mit den sechs Broten wird erzählt: Ein Mann kauft täglich sechs Brote und antwortet auf Befragen nach dem Zweck dieses täglichen Einkaufs: »Eines sei für ihn selbst, eines werfe er weg, zwei gebe er zurück, und zwei liehe er aus.« »Was das heiße« wurde er gefragt. »Nun«, erwiderte er, »eines esse ich, eines ist für meine Schwiegermutter, zwei gebe ich meinen Eltern und zwei meinen Söhnen.« Die Zuhörer fanden an dem kleinen Märchen Gefallen, und jeder schien den Sinn erfaßt zu haben. Nur ein Fachmann im Parteiergreifen oder eigentlich mehr im Standpunktvertreten erklärte sich mit der Behandlung der Schwiegermutter unzufrieden. Nun müßte man wissen, was für eine Sorte Mensch er war. Keineswegs einer, der stets an andere denkt, sich in ihre Lage versetzt, für andere Opfer bringt, überhaupt Rücksichten nimmt, sondern ein junger, sehr eitler, etwas präpotenter Schwätzer mit journalistischer Begabung, der nie so handelt wie er schönredet und überdies von seiner eigenen Schwiegermutter, denn er hat eine, gewiß mit weniger Respekt zu scherzen pflegt als es der Brotkäufer tat. Es war klar, daß er das Wort gegen diesen ergriff, um in der Gesellschaft hervorzutreten, und zwar nicht einmal so sehr um Warmherzigkeit zu dokumentieren, als eben aus ehrgeiziger Lust, durch Dialektik im Mittelpunkt einer Diskussion zu stehen, wozu den Standpunktvertreter nur wahre Entrüstung berechtigte. Wenn die Geschichte aus einer allgemeinen Brotverteilung bestanden hätte, so wäre ihm, um sich aus der Situation des Zuhörers zu retten, ein Witz eingefallen, etwa der Art: »Na, der Schwiegermutter hätte ich nur ein halbes gegeben!« Er selbst würde überhaupt nur fünf Brote gekauft haben! Und dennoch, selbst wenn alle von seiner Überzeugungslosigkeit überzeugt wären, niemand könnte sich öffentlich weigern, ihn ernst zu nehmen oder ihm ins Gesicht sagen: »Sie – jetzt haben Sie nur gesprochen und weder gedacht noch gefühlt.«

Übrigens versuchte einer ihm klar zu machen, daß ja die Worte des Inders nicht an die Schwiegermutter selbst gerichtet waren, sondern daß er ihr als selbstverständliche Pflicht das Brot, das sie braucht, gibt, daß aber dieses Brot, genau betrachtet, für ihn verloren, also so gut wie weggeworfen sei, was nicht einmal so paradox ist, als es klingen mag, sondern als ein harmloser Witz erscheint; er redet etwas kühl darüber – schließlich kann er sich als Gentleman nicht damit brüsten –, aber handelt gut und gerecht.

Nein! Der Fachmann beharrt auf seinem Standpunkt. Das Märchen ist poesielos, roh, ja es gelingt ihm sogar, die bewundernden Blicke einiger Weichdenker einzuheimsen.

Das Heer der Standpunktvertreter ist Legion. Nur reden, wenn gedacht oder gefühlt wurde? Ja – dann müßte 79 Prozent der Menschheit den Tag über 21 Stunden lang schweigen.

Die Sache mit diesem Standpunktvertreter verhält sich nun so: Er ist zu unschöpferisch veranlagt, um in Bildern zu denken. Er erkennt auch den Sinn eines Sprachbildes nicht. In seiner Eitelkeit kann er aber nicht mit vielen einer Ansicht sein, z. B. Freude an einer kleinen indischen Geschichte zeigen. Durch seine Dialektik wird er plötzlich zum einzigen Fachmann der Gesellschaft und selbst der Märchenerzähler muß schweigen. Niemand kann ihm sagen: »Sie haben das Märchen nicht verstanden, weder dessen Belanglosigkeit, die dem Erzähler bekannt ist, noch seine harmlose Familienpoesie.« Man könnte ihm ja gerade das nicht beweisen, da er sich durch Standpunktvertreten hervortut und eben dadurch Mitdenken dokumentiert.

Im Kampf mit dem Fachmann gibt es keinen Schiedsrichter.

Peinlich ist auch die Lage, in die der Erzähler gerät, eine kleine Geschichte verteidigen zu müssen, die gar nicht so hervorragende poetische Qualitäten besitzt, als er ihr eben durch die Verteidigung beizumessen scheinen muß; und in diese Lage kommt der bedrängte Laie nur zu häufig.