Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie viele Frösche muss man eigentlich küssen, bis der sagenumwobene Prinz zum Vorschein kommt? Diese Frage stellt sich auch Madeleine Brennike. Die Mitdreißigerin hat ein Problem: Sie verliebt sich ständig in Männer, die weder ihre Qualitäten zu schätzen wissen, noch ihre Liebe erwidern. Als hoffnungslose Romantikerin glaubt sie aber an das Märchen vom ‚Traumprinzen‘. Leider pflastern stapelweise ‚Frösche‘ ihren Weg! Auch das neueste Objekt ihrer verzweifelten Begierde erweist sich nicht als gute Wahl: Hanno Streuber, ihr neuer Chef. Durch diese Obsession gerät ihr einsames Leben nach und nach vollkommen aus den Fugen. Oder wird am Ende der Odyssee aus einem vermeintlichen Frosch vielleicht doch noch ein Prinz?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
PROLOG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Epilog
Ausgelassen tobte eine Kinderschar zwischen den festlich gedeckten Tischen herum. Der weitläufige Garten der alten, gutbürgerlichen Villa an der Elbchaussee war mit bunten Blumengirlanden und roten Luftballonherzen geschmückt. Im hinteren Teil, wo die hohen Tannen das Grundstück einsäumten, war eine Bühne aufgebaut, von der eine Band zum Tanz aufspielte. Davor hatte man Holzbretter auf den Rasen gelegt, die als Tanzfläche dienten und von den anwesenden Gästen schon begeistert genutzt wurde. Die Musikkapelle spielte einen Walzer, den dritten an diesem Nachmittag. Das Hochzeitspaar wiegte sich im Dreivierteltakt und drehte, obwohl die Braut kurz vor der Niederkunft stand, zur Freude der Hochzeitsgesellschaft Runde um Runde. Auch Petrus hatte ein Einsehen und schenkte dem glücklichen Paar einen der ersten milden Vorfrühlingstage Anfang April.
„Sind sie nicht ein hübsches Paar, mein Thomas und deine Cornelia? Ich hab‘ immer gewusst, dass die beiden einmal heiraten werden. Schon in der Sandkiste haben die zwei so schön miteinander gespielt.“
Renate Kirchner, Mutter des Bräutigams, schaute mit verzückter Miene zu ihrem ‚Jungen’ herüber, der durch seine seriös gesetzte Erscheinung den niedlichen Kerl von damals nicht mal mehr ansatzweise erahnen ließ. Mittlerweile Anfang dreißig entsprach er mit seinen kurzen, gescheitelten, blassblonden Haaren, den hellen Augen und dem Frack ganz dem geleckten, erfolgreichen Typ, den man aus Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien kennt.
Renates Brust hob und senkte sich voller Mutterstolz. Auch sie entsprach dem Bild, das man sich von einer Dame der besseren Gesellschaft machte: Das fliederfarbene Wildleder-Kostüm betonte ihre schlanke Silhouette. Der hellblonde Pagenkopf unter einem wagenradgroßen Hut war wohlfrisiert und den Hals schmückte das obligatorische Perlenkollier.
Sie fuhr fort, belangloses Zeug zu plaudern.
„Und dazu dieses herrliche Wetter… Wer hätte das gedacht, als ich Thomas diesen Termin vor einem Dreivierteljahr vorschlug?“
Ihre Augen schweiften über die Gäste, die entweder tanzten oder sich an den vielen Tischen, die neben der Tanzfläche aufgestellt waren, lebhaft unterhielten und blieben schließlich an der jungen Frau hängen, die ihr direkt gegenübersaß. Sie hatte sich schon eine Weile nicht mehr an der Unterhaltung beteiligt und hockte abwesend auf ihrem Stuhl.
Renate musterte sie mit einem Blick, so, wie man ein exotisches und irgendwie ekliges Tier im Zoo betrachtet.
„Du solltest auch langsam ans Heiraten und Kinderkriegen denken! Je älter du wirst, desto geringer ist die Chance einer natürlichen Schwangerschaft!“
Madeleine Brennike fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen Schoss.
„Vielen Dank für Ihre herzliche Anteilnahme an meiner persönlichen Lebenssituation, Frau Kirchner, aber ich brauche keinen Ring, um eine Familie zu gründen“, antwortete sie steif und wandte den Kopf ab, um dem mitleidigen Blick der Mutter des Bräutigams zu entgehen.
Nein, es war wirklich keine gute Idee gewesen, mit Liebeskummer auf eine Hochzeit zu gehen! Die Einladung zu diesem Fest hatte sie vor sechs Monaten von ihrer Tante erhalten und damals gern zugesagt. Sie freute sich sogar darauf, ihrer Cousine und deren Mutter endlich ihren neuen Freund präsentieren zu können, den sie diesmal auch beabsichtigte, zu heiraten. Leider funkte ihr das Schicksal bös dazwischen. Vor zwei Wochen hatte ihr ihr Herzbube beim Abendessen zwischen Hummersuppe und Birne Heléne eröffnet, dass er zurück zu Frau und Kind ginge. Ein herber Schlag. Doch wenn sie ehrlich war, hatte sie es geahnt. Dennoch war sie darauf nicht vorbereitet gewesen. Seitdem heulte sie sich nun jeden Abend in den Schlaf. Sie war also weiß Gott nicht in der Stimmung für irgendwelche dummen Sprüche in Bezug auf ihr Liebesleben!
Madeleine fühlte Renates spöttischen Blick auf sich ruhen und schon in der nächsten Sekunde hörte sie deren helle, singende Stimme.
„Ach, Kindchen, habe ich da etwa eine empfindliche Stelle getroffen? Dein Freund will wohl nicht heiraten?“
Ein maliziöser Zug umspielte dabei ihre rosabemalten Lippen, was Madeleine nur noch wütender machte. Warum ließ man sie nicht in Ruhe Trübsal blasen?!
„Ich denke nicht, dass Sie das was angeht, Frau Kirchner!“
„Also, Madeleine, nun sei doch nicht so unhöflich! Frau Kirchner hat’s doch nur nett gemeint“, mischte sich da Gerda Reinke, Madeleines Tante und Schwester ihrer Mutter, in das unerfreuliche Gespräch ein. Sie bot den absoluten Kontrast zu Frau Kirchners elfenzarter Erscheinung. Hochgewachsen mit breitem Kreuz hatte sie ihre vollschlanke Figur für den feierlichen Anlaß in ein rotweiß getupftes Crèpeskleid gezwängt. Auf ihrem Kopf thronte ein rotes, nach oben hin spitz zulaufendes Ungetüm, das Erinnerungen an den schiefen Turm von Pisa wachrief. Große Rubinohrringe steckten in den Löchern und ihr Mund glänzte dazu passend im gleichen Farbton.
Besonders sympathisch war Gerda die Schwiegermutter ihrer Tochter nicht, aber Thomas Kirchner entstammte einer gutsituierten Hamburger Familie und war gerade als Sozius in die Anwaltskanzlei seines Vaters aufgenommen worden. Cornelia würde also ein sorgenfreies Leben führen und sich ganz der Aufzucht ihres Kindes widmen können.
Sie bedachte ihre Nichte mit einem gönnerhaften Blick.
„Wenn du endlich einen Mann und eigene Kinder hättest, würdest du nicht immer so überempfindlich reagieren.“
Stolz wanderte ihr Blick zur Tanzfläche, wo sich das frisch getraute Paar an einem Tango versuchte. Olé!
„Sieh nur, wie glücklich die beiden sind“, setzte Gerda wie zur Bekräftigung ihrer These mit Nachdruck hinzu. Plötzlich beschlich sie ein schrecklicher Gedanke. „Oder gehörst du etwa auch zu diesen Frauen, die auf ihre...“, verächtlich spuckte sie das Wort aus, „Unabhängigkeit pochen und alles alleine ohne Mann schaffen wollen? Du willst dich hoffentlich nicht künstlich befruchten lassen?! Also, meiner Meinung nach sollten Kinder nicht in der Zentrifuge gezeugt werden! Obwohl… wenn ich an deinen Vater denke, wäre es besser gewesen, wenn meine Schwester ganz auf Kinder verzichtet hätte. “
Scharf zog Madeleine die Luft ein. Ihre dunkelvioletten Augen glitzerten eisig
„Mit anderen Worten: Es wär besser gewesen, wenn ich nicht zur Welt gekommen wäre?! Hör gut zu, liebe Tante: Halte dich aus meinem Leben raus! Mit wem ich was wann und wo zeuge, geht nur mich was an!“
Gerda klappte über so viel ungebührlichem Verhalten glatt die Kinnlade runter, während Frau Kirchner indigniert eine Augenbraue hochzog und Gerdas Nichte mit einem leicht gereizten Blick musterte.
Madeleine fühlte sich hundeelend. War sie nicht schon gestraft genug, dass sie an dieser Hochzeit teilnehmen musste? Wie kamen diese beiden Hinterlassenschaften aus dem letzten Jahrhundert dazu, sie mit ihren angestaubten Ansichten über Ehe und Partnerschaft zu malträtieren? Stand auf ihrer Stirn: Ja, macht mich alle fertig?!
Sie warf ihre Serviette auf den Teller und sprang so ungestüm von ihrem Stuhl auf, dass er umkippte. Mit gesenktem Kopf stürmte sie Richtung Haus. An der breiten Steintreppe, die zur Terrasse hinaufführte, saß eines der Blumenkinder. Das etwa fünfjährige Mädchen spielte versunken mit seinen Barbiepuppen 'heiraten’. Das hellblaue Kleidchen zierte ein paar Obst- und Grasflecken, die dunklen Zöpfe lösten sich bereits aus den Spangen und der kleine Mund war mit Schokoladenresten wild verschmiert. Als sie Madeleine auf sich zukommen sah, unterbrach sie ihr Spiel und strahlte sie an.
„Hallo, wer bist denn du?“, fragte Madeleine lächelnd und vergaß für einen Moment ihren eigenen Kummer. Sie setzte sich zu der Kleinen auf die Treppenstufen.
„Ich heiße Jill“, antwortete das Mädchen. Die braunen Augen musterten die junge Frau neugierig. „Bist du auch eine Braut?“
Madeleine lachte hart auf und schüttelte den Kopf.
„Nein, meine Kleine, heute gibt es hier nur eine Braut und das ist Cornelia!“
Das Kind legte die Stirn in Falten und überlegte einen Augenblick, dann sah es Madeleine fest in die Augen.
„Und wo ist dein Bräutigam?“
Madeleine fühlte einen heftigen Stich im Herzen. Bei seiner Frau und seinem Kind, dachte sie bitter. Fröstelnd zog sie die Schultern hoch.
„Ich hab‘ keinen.“
„Guckst du deswegen so traurig?“ Die Kleine ließ nicht locker. Sie legte ihr Köpfchen schief zur Seite und meinte dann mit tiefem Ernst in der Stimme: „Du bist so schön, wie Dornröschen und die hat am Ende auch ihren Prinzen bekommen!“
Bei dieser einfachen, für die Kleine so logischen Feststellung stiegen Madeleine die Tränen in die Augen. Hastig erhob sie sich und lief die Treppe hinauf. Sie brauchte jetzt dringend einen Platz, wo sie ungestört heulen konnte.
Sie lief ihrer Mutter direkt in die Arme.
„Ja, Kind, was ist denn los, du weinst?“
„Ach, anscheinend scheint jeder hier zu glauben, dass ich kurz vor dem Verfallsdatum stehe! Tante Gerda und Cornelias ‚reizende’ Schwiegermutter haben mir das eben ziemlich unmissverständlich zu verstehen gegeben! Vielleicht sollte ich mich auf der Stelle erschießen, dann mach‘ ich der Familie wenigstens keine Schande mehr!“
„Mein armer Schatz! Ich weiß, wie weh Liebeskummer tut.“ Mitfühlend nahm Vera ihre unglückliche Tochter in den Arm. „Laß es das nächste Mal langsamer angehen. Es ist immer besser, wenn sich ein Mann um dich bemüht als umgekehrt!“
„Ich werd’s beherzigen, falls es ein ‚nächstes Mal‘ gibt.“ Madeleine gab ihrer Mutter einen Kuß. „Bist du sehr böse, wenn ich abhaue? Ich ertrage diese ‚trunkene‘ Glückseligkeit nicht mehr!“
„Nein, nein, geh nur, ich werde dich bei deiner Cousine entschuldigen.“
Erleichtert verließ Madeleine die Hochzeitsgesellschaft. Als sie den Motor startete, nahm sie sich fest vor, alle Gedanken an Heirat, Kinderkriegen, vor allen Dingen aber an Männer (!) in die hinterste Ecke ihres Kopfes zu verbannen. Morgen wartete ein neuer Job auf sie. Sie würde neue Leute kennenlernen und sich mit großem Elan in die Arbeit stürzen. Da war kein Platz für verflossene ‚Traumprinzen‘!
Schon seit den frühen Morgenstunden schickte die Sonne ihre Strahlen vom leicht bewölkten Himmel auf die Hansestadt herab. Bäume, Büsche und Sträucher zeigten ihr erstes, zartes Grün. Endlich hatte die Natur den Winter abgestreift und war bereit, in voller Pracht und Vielfalt neu zu erblühen. Fast unbemerkt hatte der Frühling Einzug gehalten. Zuvor hatte es tagelang geregnet. Unangenehmer, langanhaltender Dauernieselregen. Hamburger Schmuddelwetter. Aber heute schien wieder die Sonne und machte geradezu Lust, aufzustehen. Auf den Straßen herrschte reger Berufsverkehr.
Tom Jones schickte seinen sexy Hüftschwung durch die Wohnung. Madeleine stand im Badezimmer vor dem Spiegel und tuschte vor sich hinsummend ihre Wimpern. Es war neun Uhr vorbei. Ihre offizielle Arbeitszeit begann aber erst in einer Stunde.
Seit vier Wochen arbeitete sie im Tonstudio, das ihrem neuen Chef Hanno Streuber gehörte. Er hatte sie bei „hithouse production“ als Mädchen für alles eingestellt. Hanno verdiente sein Geld mit der Produktion von Rundfunk- und TV-Spots sowie mit dem Komponieren von Werbemusiken und Trailern. Die Arbeit machte ihr großen Spaß. Allerding hatte sich „hithouse production“ noch nicht von der Flaute erholt, unter der die Werbebranche seit einigen Jahren litt. Der Konkurrenzkampf war noch härter geworden und die Finanzkrise tat ihr übriges, denn nicht wenige Firmen setzten nun bei ihren Werbeetats gnadenlos den Rotstrich an. ‚Konsolidierung’ hieß die Parole, was nichts anderes bedeutete als Einsparungen. Das Geld saß nicht mehr so locker, um es in aufwendige TV-Spots zu investieren, die letztendlich den Absatz der Produkte nicht wesentlich steigerten. Immer mehr Kunden verzichteten daher auf teurer produzierte Werbemusiken und Spots und entschieden sich stattdessen für GEMA freie Musik. Das hatte natürlich Auswirkungen auf die gesamte Studiobranche. In der Stadt machte ein Tonstudio nach dem anderen mangels Aufträge dicht. Madeleine betrachtete diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Hielt dieser Trend an, wäre auf kurz oder lang auch ihr Arbeitsplatz bedroht.
‘Sexbomb, Sexbomb, you ’re my Sexbomb, Baby, you can turn me on.’, schmachtete der ‚Tiger‘ durch die Boxen und verscheuchte die trüben Gedanken. Noch hatte sie ihren Job!
Kritisch betrachtete sie das Ergebnis ihrer Anmalerei im Spiegel. Das Rouge unterstrich dezent ihre ausgeprägten Wangenknochen. Auf die Lippen hatte sie einen Hauch von Rot aufgetragen und der Lidstrich ließ ihre Augen noch ein bißchen größer erscheinen. Das schulterlange, glatte Haar glänzte kastanienbraun im Licht der Badezimmerlampe. Ein paar Strähnen fielen ihr in die Stirn und verliehen ihrem Gesicht etwas Mädchenhaftes. Der gemusterte Sommerrock und die rote Carmenbluse, die ihre Schultern freiließen, unterstrichen ihre zierliche Figur. Ja, sie war eitel genug zuzugeben, dass sie mit ihrem Spiegelbild heute sehr zufrieden war.
Ihre Miene verfinsterte sich.
Bis auf diesem fiesen Pickel direkt auf der Nasenspitze!
Weder Make-Up noch Puder war es gelungen, die gerötete Beule richtig abzudecken. Sie betupfte die Stelle mit dem Concealer und ging anschließend noch mal mit dem Abdeckstift und einer weiteren Schicht Puder drüber. Nur wenn man sich intensiv auf ihre Nasenspitze konzentrierte, konnte man ihn noch erahnen. Einer Frau wäre er natürlich sofort aufgefallen, aber sie arbeitete mit zwei Männern zusammen, die waren auf diesem Auge blind.
Madeleine schaute auf ihre Armbanduhr.
Langsam musste sie sich beeilen, wenn sie noch beim Bäcker halten wollte. Hastig suchte sie ihre Sachen zusammen und verließ die Wohnung. Seit einiger Zeit lebte sie in Eppendorf in einer geräumigen Altbauwohnung, die in einer der vielen kleinen, engen Seitenstraßen lag, wo jeder freie Quadratzentimeter als Parkplatz genutzt wurde. Am liebsten hätten die Anwohner ihre Wagen auch noch hochkant an die Bäume genagelt, so begrenzt war hier der Parkraum. Wenn Madeleine spät abends oder nachts heimkehrte, musste sie manches Mal eine halbe Stunde in der Gegend herumkurven, um ihr Auto entnervt ein paar Querstraßen entfernt im totalen Halteverbot abstellen zu können. In der Schale auf der Kommode in der Diele sammelte sie die Tickets. Doch heute stand ihr Peugeot direkt vor der Haustür.
Sie fädelte sich in den dichten Berufsverkehr ein, brauchte dann aber doch noch eine Weile, bis sie endlich im Mittelweg beim Bäcker vorfuhr. Mit einer Tüte frischer Brötchen verließ sie kurz darauf den Laden wieder. Frühstück für ihren Chef und Klaus Engler, dem Toningenieur. Für sie reichte ein Franzbrötchen.
Als sie in die Alte Rabenstraße einbog, an deren Ende das Tonstudio mit Blick auf die Außenalster lag, sank ihre Hoffnung Meter für Meter, hier noch einen Parkplatz zu finden. Wie immer standen auch an diesem Morgen die Autos dicht an dicht. Eine Viertelstunde und etliche Umrundungen später stellte Madeleine ihren Wagen schließlich in zweiter Reihe unter einem Baum ab. Es würde schon gut gehen. In Momenten wie diesen beneidete sie ihren Chef heiß um seinen Stellplatz in der Tiefgarage. Er hatte zwei angemietet: Einen für sein schwarzes Porsche-Cabrio und auf dem anderen stand das Auto seines Toningenieurs. Für sie blieb das tägliche Parkplatz-Roulette.
Ihre Laune hatte sich etwas gebessert, als sie die Eingangstür von „hithouse production“ aufschloss. Sie betrat die Kochnische – und erstarrte. Der Blick in die Spüle, die vor schmutzigem Geschirr, randvollen Aschenbechern und leeren Weinflaschen überquoll und einem bis oben hin gefüllten Mülleimer – ihr Chef musste am Wochenende noch ein bisschen gefeiert haben – zeigten ihr, was sie als Erstes zu tun hatte!
Ihr Stimmungsbarometer sank gen Null.
„Was für ein Saustall!“, schimpfte sie laut vor sich hin. Die Aufräumarbeiten blieben also wieder an ihr hängen! Nicht das erste Mal. Im Zuge der allgemeinen Sparmaßnahmen hatte Hanno vor zwei Wochen beschlossen, auf die Putzfrau zu verzichten.
„Die brauchen wir nicht. Unser Laden ist so klein, wenn jeder sein Geschirr gleich abspült, kann gar nichts schmutzig rumstehen.“
Nur leider klappte es nicht besonders gut. Mit Mühe und Not wusch er selbst in der Woche mal einen Becher ab. Klaus stellte in alter Gewohnheit sein schmutziges Geschirr unbeeindruckt von der Ansage weiterhin in die Spüle in der Hoffnung auf Säuberung, und beim Saugen und Kloschrubben hatten beide Männer jedes Mal urplötzlich unheimlich wichtige Dinge zu erledigen, die keinen Aufschub duldeten. Irgendwie fühlte sich Madeleine dafür verantwortlich, dem Studio ein ‚sauberes Gesicht’ zu geben. Der erste Eindruck war wichtig. Schließlich kamen tagtäglich Kunden. Daher war sie dazu übergegangen, wenigstens einmal in der Woche mit dem Staubsauger durch die Räume zu gehen und das Klo soweit zu reinigen, dass es auch von den Kunden benutzt werden konnte.
Was für ein Morgen!
Grollend betrat sie ihr Büro.
Auch hier sah es nicht viel besser aus.
Aufseufzend warf sie ihre Tasche auf einen Stuhl und schaute sich um. Zwei Schreibtische samt Computer, einem altertümlichen Kopierer, einer Schrankwand und eine kleine Sitzecke waren in dem quadratischen Raum untergebracht. Sie teilte das Büro mit Hanno, doch die meiste Zeit hatte sie es ganz für sich allein, da er entweder hinten im Studio bei Klaus saß oder Termine außer Haus wahrnahm. Vor elf, halb zwölf Uhr mittags ließ er sich eh meist nicht im Studio blicken.
Ihr Blick zum Anrufbeantworter zeigte, dass sechs Nachrichten eingegangen waren. Ihr Blick wanderte weiter zum Faxgerät, wo ein Stapel bedrucktes Papier darauf wartete, von ihr durchgesehen zu werden. Sie musste sich ranhalten, denn in einer knappen Stunde kam der erste Kunde. Bis dahin musste das Studio blitzen, der Kaffee fertig, die Telefonate erledigt und alle Faxe durchgelesen sein.
Sie ging zurück in die Kochnische, streifte die Gummihandschuhe über, ließ das Wasser in die Spüle einlaufen, holte tief Luft - und los ging’s.
Die überqualifizierte ‚Putzfrau’ begann mit ihrer Arbeit!
Für Cora Glöckner begann der Morgen auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Werbeagentur „Wilfore & Reece“ um einiges entspannter. Sie stand in ihrem Büro an der Kaffeemaschine am Fenster und rückte ihre rechteckige, schwarzumrandete Brille auf der Nase zurecht. Die letzten Tropfen zischten in die Kanne.
„Ah, das riecht gut... Kann ich ’ne Tasse haben?“
Kollege Frank Lüders, ein junger Mann Mitte zwanzig, spazierte in ihr Vorzimmer. Ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er nach einem sauberen Becher und schenkte sich etwas von dem schwarzen Muntermacher ein.
Ungehalten kräuselte Cora die Stirn. Sie verstand sich nicht besonders gut mit ihm und hielt ihn mit der Abgeklärtheit und Erfahrung einer 40jährigen Frau für ein unreifes, arrogantes Bürschchen. Seit zwei Jahren arbeitete er als Kontakter in der Agentur und war vor allem durch seinen brennenden Ehrgeiz, so schnell wie möglich die Karriereleiter hinaufzuklettern, aufgefallen. Rücksichtslos setzte er seine Ellenbogen ein und war mit Coras Chef Rolf Meyer, Creative-Director bei „Wilfore & Reece“, dick befreundet. Es war ein offenes Geheimnis, dass er insgeheim schon davon träumte, Meyer einmal in der Nachfolge als Creative-Director zu beerben.
Misstrauisch beäugte sie ihn. Er begegnete ihrem Blick mit einem harmlosen Grinsen und schlürfte seinen dampfenden Kaffee.
Mit gespreizten Fingern fuhr sie sich durch ihre kurze, karottenrotgefärbte Stoppelfrisur, der einzige Farbtupfer in ihrer ansonsten eher tristen Aufmachung, und musterte ihn dabei eindringlich aus ihren leicht schräg gestellten, grünen Augen. Was schnüffelte er hier herum?
Kühl sagte sie: „Rolf Meyer ist nicht da!“
Seit zwei Tagen war ihr Chef wie vom Erdboden verschwunden. Cora hatte keine Ahnung, wo er sich diesmal herumtrieb. Auf keine ihrer E-Mails oder Anrufe hatte er sich bisher zurückgemeldet.
Ungerührt über ihre spröde Art zuckte Frank Lüders mit der Schulter und machte eine wegwerfende Geste.
„Es hat sich ausgemeyert!“
Coras Neugier war geweckt. Scheinbar desinteressiert zupfte sie mit spitzen Fingern ein paar Haare vom Blazer ihres schwarzen Hosenanzuges.
„Wie kommst du denn darauf? Ich dachte, du bist so dicke mit ihm?“ Sie überkreuzte mit dem Mittelfinger den Zeigefinger.
Der junge Mann stellte seinen halbausgetrunkenen Becher mitten auf ihrem Schreibtisch ab und wandte sich zum Gehen. Über die Schulter sagte er lässig: „ Ach Cora, jeder ist austauschbar... Übrigens, wir sollen uns im Konferenzraum einfinden.“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und folgte ihm eilig in den vierten Stock.
Kurz darauf betrat sie nach ihm den großen Raum, in dem sonst Kundenpräsentationen abgehalten wurden. Die meisten ihrer Kollegen waren schon versammelt und blickten ihr gespannt entgegen. Schnell suchte sie sich einen Platz in der Ecke und wartete mit einer ihrer unerklärlichen, inneren Anspannung auf das, was gleich bekannt gegeben werden sollte.
„Guten Morgen, meine Damen und Herren!“
Enno Gutjahr, Geschäftsführer der Agentur, betrat freundlich lächelnd den Raum und stellte sich ans Kopfende des Tisches. Ohne große Umschweife fuhr er fort.
„Sicher wundern Sie sich, was ich Ihnen vor dem Wochenende noch mitzuteilen habe. Aber es gibt da eine wichtige personelle Veränderung, die Sie alle wissen sollten: Mit sofortiger Wirkung arbeitet Rolf Meyer nicht mehr für „Wilfore & Reece“! Als seinen Nachfolger konnten wir Lars Anderson gewinnen. Herr Anderson hat für „Scandansk & Son“, wie Sie wissen, eine der erfolgreichsten Werbeagenturen Dänemarks, in den letzten fünf Jahren viele große Etats an Land gezogen. Für seine Kampagne „Fjordfish – die lustigen Lachshappen" bekam er im letzten Jahr in Cannes den ‚Goldenen Löwen’. Also, genau der richtige Mann für uns! Für unseren neuen Tiefkühlgemüse-Kunden ‚Eismeer‘ wird er die neue Kampagne kreieren.“
Mit den Augen suchte er Cora in der Menge und zwinkerte ihr fröhlich zu.
„Auf Ihren neuen Chef müssen Sie allerdings noch zwei Wochen warten, Frau Glöckner. Aber ich bin mir sicher, dass Sie alles soweit vorbereiten werden!“
Freundlich blickte er in die Runde.
„Das war’s, Herrschaften. Also, ein schönes Wochenende!“
Aufgeregt diskutierend strebte alles zum Ausgang.
Frank Lüders drängelte sich zu Cora vor und schaute sie mit triumphierender Miene an. „Na, hab ich’s nicht gesagt? Es hat sich definitiv ausgemeyert! Hoffentlich ist der Neue wirklich so gut, wie der ihm vorauseilende Ruf.“
„Das muß er wohl. So leicht gewinnt man nicht den „Goldenen Löwen!“
Cora hatte keine Lust, die Unterhaltung mit ihrem ungeliebten Kollegen weiter fortzusetzen, daher schob sie sich an ihm vorbei und kehrte in ihr Büro zurück. Diese Neuigkeit musste sie erst einmal loswerden.
Sie wählte die Nummer ihrer besten Freundin und wartete ungeduldig. Endlich wurde am anderen Ende abgenommen.
„hithouse production‘, Hanno Streuber – was kann ich für Sie tun?“
„Oh, hallo Hanno, ich bin’s, Cora. Ich wußte gar nicht, dass du die Bedienungsanleitung eurer neuen Telefonanlage schon verinnerlicht hast! Hast du etwa heimlich geübt?“, fragte sie in einem neckenden Ton. Von Madeleine wußte sie, wie ungeschickt Hanno sich anstellte, seitdem die neue Anlage installiert worden war. Fast jeder Anruf, den er versuchte durchzustellen, verendete in einem Freizeichen.
„Hey Cora, ich kann noch ’ne ganze Menge mehr, von dem du nichts weißt. Vielleicht habe ich ja mal Zeit, dir was davon zu zeigen.“
„Oh bitte bemüh‘ dich nicht, ich bin an deinen...“, mit einem ironischen Unterton betonte sie das Wort, „’Talenten’ nicht interessiert. Ist Maddie da?“
„Schon gut, schon gut, ich stell‘ dich durch!“
In der Leitung ertönte eine musikalische Warteschleife, dann war tatsächlich Madeleine am Apparat.
„Hey, Glöckchen, wie geht’s dir?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht... Hast du nachher Zeit, ich muß dir was Wichtiges erzählen!“
„Okay, dann hol‘ mich um 18 Uhr ab!“
Pünktlich um 18 Uhr klingelte Cora an der Eingangstür von „hithouse production“. Hanno öffnete ihr. Abschätzend glitt sein Blick an ihrer Erscheinung herab.
„Wie immer in belebendes Schwarz gehüllt.“ Grinsend betrachtete er ihre Haare. „Wow, damit stellst du glatt jeden Feuermelder in den Schatten.“ Über diesen ‚gelungenen’ Scherz wollte er sich ausschütten vor Lachen.
„Mensch Hanno, als der liebe Gott dich erschaffen hat, gab’s wohl nur noch Ersatzteile.“
Energisch schob sie ihn zur Seite, betrat das Büro und baute sich vor Madeleines Schreibtisch auf. Ihre Freundin hackte eifrig auf die Computertastatur ein. Sie blickte nicht auf, sondern murmelte nur abwesend: „Hi, ich bin gleich soweit...“
Just in diesem Moment kehrte Hanno mit einem Stapel Papier zurück.
„Ach, Maddie... könntest du das hier schnell noch kopieren, bevor du gehst?“
Mit einem treuherzigen Augenaufschlag legte er ihr den Papierstapel auf den Schreibtisch. Madeleine schaute erst auf den Papierberg, dann zu Cora, die voller Ungeduld die Augen verdrehte.
„Hat das nicht Zeit bis Montag? Der Termin ist erst um zwölf Uhr?“
Entschieden schüttelte ihr Chef den Kopf. „Das wird viel zu knapp. Außerdem weiß ich nicht, ob ich am Montag vorher noch reinkomme. Es geht doch ganz fix.“
Cora stieß einen genervten Seufzer aus. Erst gestern hatte ihr Madeleine erzählt, dass Hanno im Zuge seiner neu erwachten Sparwut auch auf die Anschaffung eines modernen Kopiergerätes verzichtet hatte. Das bedeutete, dass Madeleine mit dem vorsintflutlichen Gerät, bei dem sie jedes Blatt einzeln einlegen musste, mindestens eine weitere halbe Stunde beschäftigt sein würde.
„Hast du zwei linke Hände, oder was?“, fuhr sie Hanno schroff an. „Du kannst die Kopien genauso gut selber machen – notfalls am Wochenende! Maddie hat jetzt Feierabend!“
„Laß mal, Cora, das geht schnell.“
„Danke Maddie, du bist eben meine Zaubermaus!“
Hanno schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln, Cora bekam einen triumphierenden Blick, dann war der ‚vielbeschäftigte’ Komponist aus der Haustür ins wohlverdiente Wochenende entschwunden.
Cora schäumte vor Wut, aber es half nichts, Madeleine kopierte sich, beflügelt durch die ‚Zaubermaus’, durch den nicht enden wollenden Zettelberg.
Eine Dreiviertelstunde später konnten die beiden Frauen endlich das Studio verlassen.
Sie schlugen den Weg zum Alsteranleger ein. Eine milde Frühlingsbrise wehte ihnen vom Wasser entgegen. Kurz vor dem Anleger stand ein Eiswagen.
Doch erst musste Cora ihrem Ärger Luft machen.
„Er nutzt dich wirklich nach Strich und Faden aus und du hältst ‚Zaubermaus’ auch noch für ein tolles Kompliment!“
„Ach so schlimm war’s doch gar nicht“, nahm die Gescholtene ihren Chef sofort in Schutz. Aufmunternd hakte sie sich bei ihrer verärgerten Freundin unter und steuerte zielstrebig auf den Eiswagen zu. „Ich spendiere uns ’ne Kugel Eis. Was willst du haben?“
Mit zwei Eistüten bewaffnet schlenderten die Freundinnen wenig später die Holzbohlen zum Anleger hinunter und setzten sich auf eine Bank. Von hier aus hatte man einen herrlichen Panoramablick über die gesamte Außenalster. Das gegenüberliegende Ufer mit den vielen Jugendstilvillen aus der Gründerzeit lag im goldgelben Licht der tiefstehenden Abendsonne. Auf dem Wasser zogen Segel- und Tretboote ihre Bahnen.
Madeleine wandte sich ihrer Freundin zu.
„Also, was sind denn das für wichtige Neuigkeiten, die du mir erzählen wolltest?“
„So, ich glaube, das war alles.“
Prüfend fuhr Lars Andersons Blick über den Wohnbereich der elterlichen Yacht. Soeben hatte er all seine persönlichen Sachen, die er mitnehmen wollte, in einem Pappkarton verstaut. Als feststand, dass er zukünftig als Creative-Director bei „Wilfore & Reece“ in Hamburg arbeiten würde, hatte ihn sein jetziger Arbeitgeber sofort freigestellt. Ein bisschen mit Wehmut dachte er an seine alten Kollegen und die erfolgreichen Kampagnen, die sie gemeinsam kreiert hatten. Doch die Freude auf die neue Herausforderung überwog. Außerdem würde er nicht allein in ein ihm fremdes Land gehen. Seine Verlobte Cathrin Hansen, die in seinem Kreativ-Team bei „Scandansk & Son“ gearbeitet hatte, würde ihm nach Deutschland folgen. Allerdings begleitete sie ihn nicht in die Hansestadt, sondern zog nach München. Ehrgeizig wie sie war, wollte sie ihm beweisen, dass sie ihm als Art-Directorin einer in der Bayernmetropole ansässigen Agentur Konkurrenz machen konnte. Er bremste ihren Enthusiasmus nicht, sprühte sie doch vor neuen Ideen. Aus seiner langjährigen Erfahrung heraus wußte er jedoch, dass sich vieles von dem in der Praxis wahrscheinlich nicht umsetzen lassen würde. Cathrin war Ende zwanzig und musste ihre eigenen Erfahrungen machen.
Nun waren die letzten Tage in seiner Heimatstadt Kopenhagen angebrochen. Beide kehrten gerade von einem Segeltörn auf der Ostsee zurück. In zwei Tagen holte ein Umzugsunternehmen seine Möbel ab. Er würde dann mit dem Auto nachkommen.
Die Hände in die schmalen Hüften gestützt, stand er in der Kabine und sah sich unschlüssig um. Hatte er an alles gedacht?
Cathrin kam mit einem Arm voller Pullover, Turnschuhe und einer Öljacke aus der Schlafkabine und stopfte die Sachen in eine große Tasche.
„Das kannst du bestimmt alles gut gebrauchen. Das Wetter in Hamburg soll noch schlechter sein, als hier“. Es blitzte schelmisch in ihren Augen. Sie trat auf ihn zu und legte ihre Arme um seinen Hals. „Du mußt dich also nicht groß umstellen... zumindest was das Wetter betrifft.“
Ihre Lippen suchten seinen Mund.
Seine Hände umschlossen ihre Taille. Er zog sie an sich und lächelte zärtlich auf sie herab. Mit ihrem frischen Teint, den blonden Haaren, die sie nachlässig zu einem Pferdeschwanz hochgebunden hatte und den hellen Augen verkörperte sie genau das Bild, das man sich allgemein von einer Skandinavierin macht. In ihrem wollweißen, grobmaschigen Rollkragenpullover und der hellen Jeans wirkte sie jung und unbeschwert.
Er beugte sich zu ihren Gesicht herab und küsste sie lang und intensiv. Mit einem Ruck zog er ihr den Pullover über den Kopf und warf ihn auf den Boden. Sein eigener landete daneben. Er hob sie hoch und trug sie in die Schlafkabine. Ihre Erregung wuchs. Mit fahrigen Händen zogen sie sich gegenseitig aus und sanken engumschlungen auf das Kabinenbett.
In diesem Augenblick brach die Sonne durch die Wolkenwand und schien durch die Bullaugen in die Kabine hinein. Ihre Strahlen ließen Cathrins Schultern seidig glänzen.
Ihr Atem ging schneller.
Gebannt beobachtete sie das Spiel seiner Muskeln. Seine warmen Hände glitten langsam an ihrem Oberschenkel hinauf. Ihr Herz raste. Sie bäumte sich auf und drängte sich seinen Fingern entgegen. Er hatte es nicht eilig und kostete ihre Erregung aus. Seine Lippen benetzten ihre nackte Haut mit zärtlichen, kleinen Küssen. Lustvoll stöhnte sie auf und bog sich ihm entgegen. Heiße Wellen pulsierten durch ihren Körper. Sie genoss es, wie seine Finger zart ihre Brüste umschlossen und sie leicht massierten. Sein Mund erkundete langsam und genüsslich jede ihrer Rundungen. Cathrin konnte es kaum noch aushalten. Kleine, elektrische Blitze durchzuckten sie. Im sanften Wellenschlag bewegte sich die Yacht auf und ab und schaukelte beide zum Höhepunkt.
„Ich liebe Männer mit Erfahrung.“
Wohlig rekelte sie sich in seinem Arm.
„Ihr wisst wenigstens, wie ihr eine Frau befriedigen könnt.“
Sie rollte sich auf seine Brust und schaute ihn unverwandt an.
„Männer mit Erfahrung sind wie guter alter Wein - erst nach jahrelanger Lagerung gelangt er zur richtigen Reife.“
Lars schürzte die Lippen.
„Danke für die Blumen, allerdings bin ich nicht sicher, ob ich mich jetzt geschmeichelt fühlen soll. Irgendwie fühl ich mich gerad‘ ziemlich alt und das liegt nicht an meinen grauen Haaren.“
Sie beugte sich über ihn und küsste seine gebräunte, haarlose Brust. Ihre Hand glitt über seinen flachen Bauch nach unten.
„Du bist mein Sechser im Lotto“, flüsterte sie verheißungsvoll an seinem Hals. Statt einer Erwiderung rollte er sich über sie.
Wind war aufgekommen.
Die Yacht tanzte unruhig auf und ab. Cathrin war froh, dass sie nicht mehr draußen auf dem Meer kreuzten, sondern hier aneinandergekuschelt im Kojenbett lagen.
Lars streichelte sanft ihre Schulter.
„Glaubst du, dass wir’s hinbekommen?“
Erstaunt hob sie den Kopf.
„Warum sollten wir uns dümmer anstellen, als Millionen anderer Paare?“
Er löste sich aus der Umarmung und richtete sich auf. Seine ehemals schwarzen Haare waren zerzaust und schon mit vielen Silberfäden durchzogen, obwohl er erst vor einem Monat seinen vierzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Eine widerspenstige Locke fiel ihm in die Stirn. Mit einer ungeduldigen Handbewegung strich er sie zurück.
„Du weißt, dass ich kein Freund von Wochenendbeziehungen bin. Ich hab’s nun mal gern, wenn ich die Frau, die ich liebe, jeden Abend sehe.“ Er schwang die Beine aus dem Kojenbett und stieg in seine Jeans.
Cathrin erhob sich ebenfalls. Während sie in ihren Tanga schlüpfte, verzogen sich ihre Lippen zu einem Schmollmund. In ihren hellblauen Augen lag ein leichter Vorwurf.
„Manchmal klingst du richtig antiquert! Es ist nur vorübergehend... Und wenn du Sehnsucht nach mir hast, bist du mit dem Flieger in einer Stunde entweder bei mir oder ich komme zu dir.“ Sie umfaßte ihn von hinten und rieb ihre nackten Brüste an seinem Rücken. „Schon vergessen? Wir sind das ‚perfect couple‘! Und bald werden wir heiraten. Es spricht also alles dafür, dass wir diese kleine Entfernung wohl problemlos meistern werden.“
Er musste über ihre unerschütterliche Zuversicht lächeln. Für Cathrin gab es nur Ziele, die sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln erreichen wollte. Alles andere blendete sie aus. Mit eisernem Willen hatte sie bei „Scandansk & Son“ rasch Karriere gemacht. Sie besaß Talent, Ehrgeiz und schien über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Ideen zu verfügen. Jedenfalls arbeitete sie sich innerhalb weniger Jahre von einer kleinen Teamassistentin zur Produktionerin hoch. Er bewunderte ihre Zielstrebigkeit, Tatkraft und Energie, mit der sie jede Hürde scheinbar mühelos nahm. Unter ihren Freunden und Kollegen galten sie bald als ‚das Traumpaar’. In nicht allzu ferner Zukunft wollten sie sich mit einer eigenen Agentur selbständig machen. Nur über den Standort gab es noch Meinungsverschiedenheiten. Cathrin wollte das Unternehmen unbedingt in Kopenhagen ansiedeln, während es ihn nach New York zog. Als das Angebot von „Wilfore & Reece“ kam, betrachtete sie es als persönliche Herausforderung, an ihrer eigenen Karriere zu basteln und bewarb sich kurzerhand bei einer Münchner Agentur, wo gerade der Posten eines Art-Directors frei geworden war. Zwar wußte sie, dass es andere Mitbewerber gab, die qualifizierter waren als sie, aber sie war von sich und ihren Fähigkeit so überzeugt, dass sie ihrem neuen Arbeitgeber schon beim ersten Bewerbungsgespräch glaubhaft darlegen konnte, dass sie die Beste für diesen Posten sei.
Er zog sie in die Arme und strich ihr mit einer liebevollen Geste über die Wange. „Gut gebrüllt, Löwe. Mit dir an meiner Seite werde ich’s sicher schaffen!“
Sie blinzelte schelmisch zu ihm auf.
„Genau das wollte ich von dir hören!“
Zwei Tage später stand er auf der Straße vor seiner Wohnung und schaute dem davonfahrenden Umzugswagen nach. Als dieser um die Ecke bog, ging er zurück in die leere Wohnung. Ein letztes Mal spazierte er durch alle Räume, die jetzt, ihrer Behaglichkeit beraubt, nur noch Kälte und Verlassenheit ausstrahlten. Seine festen Schritte hallten auf dem Parkettboden. Fünf Jahre hatte er hier gelebt und sich wohlgefühlt. Nun war ein weiterer Abschnitt in seinem bisher sehr bewegt verlaufenen Leben zuende gegangen. Gleich würde er in seinen vollgeladenen Volvo steigen und seiner Heimatstadt für lange Zeit den Rücken kehren. Er freute sich auf die neue Aufgabe bei „Wilfore & Reece“. Entgegen vieler seiner Kollegen nahm er die Herausforderung an, mit dem alten Team weiterzuarbeiten. Der Versuchung, das vielleicht über Jahre hinweg gewachsene Team nach spätestens einem halben Jahr unter dem Vorwand der ‚betriebsbedingten Kündigung‘ zu entsorgen und durch neue Mitarbeiter zu ersetzen, die ‚loyaler‘ und ‚formbarer‘ waren, widerstanden nur wenige. Nach seiner Auffassung ging so allerdings das wertvollste Potential eines Unternehmens, nämlich Erfahrung und Betriebskenntnisse, unwiderruflich verloren. Er liebte die Herausforderung. Ehrlichkeit, Fairness und das Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter waren die Eckpfeiler seines Führungsstils und hatten sein letztes Team bei „Scandansk & Son“ fest zusammengeschweißt. Das sollte ihm nun auch bei „Willfore & Reece“ gelingen!
Auf seiner Tour durch die leere Wohnung war Lars wieder im Flur angelangt.
Er schulterte seine Reisetasche, Schloss die Haustür ab und fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten. Den Haustürschlüssel warf er in den Briefkasten seines Vermieters. Dann trat er aus dem Hauseingang ins Freie.
Inzwischen hatte sich die dunkle Wolkendecke am Himmel aufgelockert. Zaghaft schickte die Sonne ein paar warme Strahlen hindurch. Ein kräftiger Wind fuhr ihm durch die Haare. Er atmete tief die würzige Meeresluft ein, ehe er seine Tasche auf die Rückbank seines Wagens stellte und einstieg. Dann startete er den Motor und fuhr, ohne sich noch einmal umzublicken, die schmale, kopfsteingepflasterte Gasse hinunter.
Mit dem Pinsel in der Hand stand Madeleine vor der Staffelei und starrte mit gefurchter Stirn auf die Leinwand. Angelehnt an den von ihr so geschätzten Salvatore Dalí-Stil hatte sie eine Skizze von einem Herz angefertigt, dessen eine Hälfte müde und verwelkt von einer Kommode herabhing. Doch irgendwie fehlte ihr heute die Inspiration. Nach dem Abitur hatte sie ein paar Semester Kunst und Musik studiert, mit dem Ziel, diese beiden Fächer später einmal zu unterrichten. Dann aber machte sie während der Semesterferien ein Praktikum bei einem Musikverlag, wo man ihr nach kurzer Zeit eine feste Stelle anbot. Der Job reizte sie, also überlegte sie nicht lange. Sie brach das Studium ab und kümmerte sich fortan um Texter und Komponisten. Lange Zeit machte ihr die Arbeit im Verlag Spaß, doch dann ließ sie sich auf eine Affäre mit Dieter Hengst ein, Produzent des verlagseigenen Studios. Von Anfang an gestaltete sich ihre Beziehung schwierig, da er nie ernsthaft daran dachte, seine Frau und seine neunjährige Tochter zu verlassen. Zwischen ihnen kam es zu immer größeren Spannungen, die schließlich selbst den Kollegen nicht mehr verborgen blieben.
Als sich Dieters Ehefrau dann auch noch an den Verlagschef wandte, legte dieser Madeleine nahe, zu kündigen. Assistentinnen gab es wie Sand am Meer, gute Produzenten aber waren so rar, wie die berühmten schwarzen Perlen in den Austern. Wie der Zufall es wollte, suchte „hithouse production“ gerade eine neue Mitarbeiterin für die Disposition und Buchhaltung. Cora stellte die Verbindung zu Hanno her und Madeleine hatte einen neuen Job.
Während ihrer Zeit im Musikverlag hatte sie das Malen komplett vernachlässigt. Vor ein paar Wochen hatte sie jedoch ihre Staffelei wieder aus dem Keller geholt und damit begonnen, das, was sie bedrückte, auf der Leinwand auszudrücken. Es war, als drängte etwas aus ihrem Inneren heraus und wollte unbedingt Gestalt annehmen.
Seitdem malte sie. Herzen…
In allen möglichen Formen und Variationen. Mal zerbrochen oder mit einem Pfeil durch die Mitte in sich zusammenfallend, mal zertreten am Boden liegend oder von den aufgewühlten Wellen eines tobenden Ozeans verschlingend.
Aufseufzend legte sie den Pinsel auf die Palette.
Es war Samstagmorgen. Zwei lange Tage lagen vor ihr, in denen sie sich mit ihren Freunden treffen oder ins Kino gehen, an die Elbe fahren oder durch die Boutiquen shoppen könnte, bis ihre Kreditkarte glühte. Allerdings waren die meisten ihrer Freundinnen verheiratet oder lebten in einer festen Beziehung, so dass sie nur hin und wieder für Unternehmungen am Wochenende zur Verfügung standen. Insgeheim beneidete Madeleine sie um dieses Glück. Die Enttäuschung mit Dieter hatte sie mittlerweile überwunden, denn sie hatte sich frisch verliebt.
In ihren neuen Chef!
Zugegeben – ein überstrapaziertes Klischee, aber wo lernt man sich besser kennen, als bei der täglichen Arbeit im Büro? Und außerdem – Chefs sind auch nur Männer.
Gleich als sie das erste Mal bei ihrem neuen Chef für den neuen Job vorsprach, traf sie der Blick aus seinen Rehaugen mitten ins Herz. Es war wie der berühmte Urknall, der durch seine Explosion ein neues Universum erschuf.
Ihr neues Universum hieß: Hanno Streuber!
Mit seiner charmant-lässigen Art und dem jungenhaften, frechen Grinsen hatte er sie ohne es zu wissen binnen Sekunden im Sturm erobert. Allerdings gab es da einen winzig kleinen Wermutstropfen, denn auch er war – fast schien es wie ein Fluch – bereits vergeben! Vergessen der Kummer und Schmerz der letzten gescheiterten Beziehung, vergessen der Ratschlag ihrer Mutter, es diesmal langsam angehen zu lassen – ihr Herz hatte einen neuen Anker gefunden!
Seit sie für ihn arbeitete, lebte sie nun an den Wochenenden wie ein Junkie auf Entzug. Fünf Tage in der Woche bekam sie eine Überdosis von Hanno - dann kam das Wochenende.
Samstag, besonders aber Sonntag schienen sich die Stunden, Minuten und Sekunden wie Kaugummi in der Länge zu ziehen. Es war, als würde sie an diesen beiden Tagen in einer Art luftleerem Raum schweben. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich nach ihm. 48 lange Stunden, in denen sie seine Nähe nicht spüren, ihn nicht riechen, hören oder gar mit ihm sprechen konnte. Daher verbrachte sie die Sonntage meist bei ihrer Mutter oder bei ihrer besten Freundin Cora, doch an diesem hatten beide etwas anderes vor.
Das Sonnenlicht schien fahl durch die milchigschmutzigen Scheiben. Madeleine schaute zum Fenster hinaus und überlegte, womit sie die Stunden dieser beiden unausgefüllten Tage am besten totschlagen konnte. Sport! Ja, Sport war immer eine gute Möglichkeit, sich richtig auszupowern. Sie konnte um die Außenalster laufen oder Stunden in der Therme verbringen, bis ihre Haut wie eine schrumpelige Pflaume aussah. Oder - und das reizte sie von allen Möglichkeiten am allerwenigsten - sie stürzte sich auf die liegengebliebene Hausarbeit. Mit grimmiger Verachtung entschloss sie sich schließlich für letzteres. Das war billiger und schonte ihr Konto.
Sie sortierte alte Kleidungsstücke aus, wienerte den Holzboden, bis er glänzte und putzte zu guter Letzt auch noch sämtliche Fenster. Erstaunt stellte sie anschließend fest, wie hell es auf einmal in ihrer Wohnung wieder war.
Abends machte sie es sich vor dem Fernseher bequem. Doch keines der Programme konnte ihre Aufmerksamkeit lange fesseln. Nachdem sie sich eine Viertelstunde durch sämtliche Sender gezappt hatte, schob sie eine DVD in den Recorder, die sie kürzlich aus dem Studio mitgenommen hatte.
Sie kuschelte sich in die Sofakissen und starrte gebannt auf den Bildschirm. Spot für Spot spulte ihr persönliches Unterhaltungs-Programm Hannos ‚Cannesrolle’ ab. Für jeden dieser Spots hatte er die Musik komponiert. Mit verzücktem Lächeln bemühte sie sich, die einzelnen Instrumente herauszuhören.
Sie schloss die Augen und träumte sich in ihre eigene, rosarote Welt hinein, in der Hanno ihr seine Liebe gestand.
Endlich war das langweilige Wochenende vorüber und der Montagmorgen erreicht! Madeleine war nervös, zugleich kribbelte es freudig-erregt in ihrem Bauch. Gleich würde sie Hanno wiedersehen! Ein neuer Kunde hatte sich mit zwei Sprechern für einen Rundfunkspot angesagt. Klaus Engler öffnete, als sie schwerbepackt mit zwei Einkaufstaschen an der Tür klingelte
„Moin Madeleine, da bist du ja endlich. Die Agentur hat eben angerufen und den Termin um ’ne halbe Stunde vorverlegt. Sagst du Hanno Bescheid? Ich bereite alles im Studio vor.“
Hastig stellte sie ihre Einkäufe in der Kochnische ab und lief ins Büro.
„Na, dann wollen wir unseren Herrn Starkomponisten mal aus seinen süßen Träumen klingeln“, sagte sie fröhlich und wählte Hannos Nummer.
Es meldete sich sein Anrufbeantworter. Sie hinterließ eine kurze Nachricht und versuchte es auf seinem Handy, aber auch dort sprang nur die Mailbox an. Sie sprach ebenfalls eine kurze Nachricht drauf und eilte zurück in die Kochnische, um alles für den Kundenbesuch vorzubereiten.
Kurze Zeit später klingelte es an der Haustür. Sie lief in den Flur, begrüßte den Kunden und einen der Sprecher und führte beide nach hinten ins Studio.
Fragend blickte ihr Klaus entgegen.
„Was ist mit Hanno?“
„Wieso? Hat er sich noch nicht gemeldet? Ich versuch’s gleich noch mal.“ Sie lief zurück ins Büro und drückte auf die Wahlwiederholung.
Endlich nahm Hanno ab.
„Jaaa??“
Es klang verschlafen.
„Hanno? Menschenskind, warum meldest du dich nicht? Vor einer halben Stunde hab‘ ich auf deinen AB gesprochen. Die Agentur hat den Termin vorverlegt - der Kunde und einer der Sprecher sind schon da...“
„Ist ja gut, schrei nicht so, ich bin nicht taub!“
Hanno gähnte ihr herzhaft ins Ohr. Im Hintergrund vernahm sie eine weibliche Stimme, die verschlafen nach der Uhrzeit fragte.
Augenblicklich verspürte Madeleine einen eifersüchtigen Stich. Er war nicht allein! Das erklärte natürlich seine Verspätung, gleichzeitig machte es ihr aber auch deutlich, dass er seine derzeitige Freundin immer noch nicht in die Wüste geschickt hatte, worauf sich ihre ganze Hoffnung stützte. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihm wegen eines Jobs hinterher telefonieren musste. Bei der momentanen, angespannten Lage des Studios war es allerdings alles andere als klug, durch das Nichteinhalten von Terminen einen neuen Kunden gleich zu verprellen. Aber ihr Chef schien vom Führen seines Unternehmens seine eigene Auffassung zu haben.
Ärgerlich blies sie eine Haarsträhne aus der Stirn und fragte kurz angebunden: „Wann kommst du? Der Kunde wartet nicht ewig. Einer der Sprecher hat bereits in 1 ½ Stunden seinen nächsten Job.“
Wie auf Stichwort klingelte es an der Eingangstür.
Sie drückte auf den Summer.
„... und soeben trifft der zweite Sprecher ein.“
„Ja doch, ich kann nicht hexen. Gib ihnen ’nen Kaffee und unterhalte sie solange. In spätestens zwanzig Minuten bin ich da. Erzähl irgendwas von Staus oder ’nem wichtigen Arzttermin. Dir wird schon was einfallen!“
„Na toll!“
Wütend und enttäuscht knallte Madeleine den Hörer auf die Gabel. In Augenblicken wie diesen wünschte sie Hanno von ganzem Herzen in besagtes Land, wo der Pfeffer wächst. Bestimmt lag er mit dieser Suzie, sein neuestes ‚Beistellpferd’, im Bett.
Eine Welle der Eifersucht überflutete sie.
Wie schnell wirkt eigentlich Zyankali?!
Toningenieur Klaus steckte den Kopf zur Tür herein.
„Was ist? Wo bleibt Hanno?!“
Sie straffte die Schultern, rollte mit dem Stuhl zurück und erhob sich.
„Der Herr liegt noch im Bett und das nicht allein. Aber er war so freundlich, uns in Aussicht zu stellen, dass er sich demnächst hier einfinden wird. Wir sollen unsere Gäste solange unterhalten!“ Unüberhörbar ihre beißende Ironie.
Und Hanno beeilte sich tatsächlich. Eine halbe Stunde später erschien er frisch rasiert und in bester Laune, winkte Madeleine beim Reinkommen fröhlich zu und lief den langen Flur Richtung Studio entlang. Sekunden später hörte sie, wie die schalldichte Studiotür aufgerissen und gleich wieder hinter ihm ins Schloss fiel. Eine schwere Lagerfeld -Wolke - sein bevorzugtes Aftershave - blieb in der Luft hängen.
Dieses Parfüm verursachte bei Madeleine regelmäßig Kopfschmerzen, da es aber nun mal sein Lieblingsparfüm war, bemühte sie sich, es gut zu finden und unterdrückte die aufsteigende Übelkeit. Eines Tages würde sie ihm eines schenken, das viel besser zu ihm paßte, als dieser Mottengeruch.
Ihr Chef war nicht nur ein guter Komponist, sondern auch ein exzellenter Entertainer, was er jetzt einmal mehr unter Beweis stellte. Charmant und nie um einen guten Spruch verlegen hatte er innerhalb kürzester Zeit den leicht angesäuerten Kunden gnädig gestimmt, die lange Wartezeit war verziehen, die beiden Sprecher in bester Laune – kurz: im Studio herrschte eine entspannte, lockere Atmosphäre und in weniger als einer Viertelstunde war der Spot eingesprochen. Hochbefriedigt zog der Kunde mit den beiden Sprechern ab.
„Na – wie habe ich das gemacht?“
Mit selbstgefälliger Miene stand Hanno vor Madeleines Schreibtisch und wollte für seine ‚Glanzleistung’ gebührend gelobt werden.
Stirnrunzelnd blickte sie von ihrem Bildschirm auf und stellte insgeheim fest, wie gut er heute wieder in seinem bunten Seidenhemd und der engen, schwarzen Lederhose aussah. Und das mit Mitte Vierzig! Zwar entsprach er nicht unbedingt dem Typ Mann, von dem man sagen würde, dass er attraktiv war. Dafür war die hervorspringende Nase zu groß, die Oberlippe zu schmal und die Augen standen ein wenig zu eng beieinander. Aber er strahlte die drei großen S aus, bei denen sie einfach schwach wurde: Selbstsicherheit, ein (wenn auch übersteigertes) Selbstbewusstsein gepaart mit einer gehörigen Prise Sexappeal. Die hellbraunen Haare zeigten erste graue Stellen und waren deshalb streichholzkurz geschnitten, aber seine Augen konnten so einschmeichelnd gucken und sein Lächeln war (vor allem, wenn er etwas wollte), dermaßen umwerfend, dass Madeleine jedes Mal restlos dahinschmolz.
Ihre Gedanken begannen, sich zu verselbständigen. In ihrem Tagtraum sah sie sich mit ihm an einem menschenleeren Strand leichtbekleidet im weißen, puderweichen Sand unter Palmen liegen. Seine sehnige Hand glitt langsam an ihrem Körper entlang. Gierig suchten seine Lippen ihren Mund. Sie küssten sich wild und hemmungslos...
Es war ihr gar nicht bewußt, dass sie einen kleinen, sehnsuchtsvollen Seufzer ausstieß.
„Hey, Maddie, du guckst so komisch – ist dir nicht gut?“
Plopp!
Die rosarote Luftblase zerplatzte und sie landete unsanft in der Realität.
Verlegen senkte sie die Augenlider.
‚Reiß dich zusammen, blöde Kuh. Die letzte Nacht hat er mit dieser Suzie und nicht mit dir verbracht!’, rief sie sich innerlich zur Ordnung. In einem betont forschen Ton hörte sie sich laut sagen: „Ja, du hast es wieder mal geschafft. Trotzdem könntest du dich bemühen, die Termine einzuhalten oder dich zumindest zu melden, wenn’s später wird. So was lassen sich die Kunden auf Dauer nicht gefallen.“
Lässig stützte Hanno die Hände auf ihrem Schreibtisch ab und knipste sein umwerfendes Lächeln an. Sein Aftershave stieg ihr in die Nase. Verzweifelt versuchte sie, das Kribbeln zu ignorieren.
„Ich hab‘ doch dich, Maddie-Maus. Solange du die Kunden mit deiner freundlichen Art bei Laune hältst, kann gar nichts schiefgehen. Hast du Lust, mit mir nachher noch ein Weinchen bei ‚Bodo’s’ zu trinken? Ich lade dich ein, quasi als kleines Dankeschön für deinen Einsatz!" Dabei schaute er sie mit einem treuherzigen ‚Ich-weiß-schoin-wie-ich-meine-Assistentin-bei-Laune-halten-kann‘- Blick an.
Das Kribbeln in ihrer Nase wurde unerträglich, während ihr Herz jubilierte. Er wollte mit ihr nach der Arbeit was trinken gehen!
Mit leicht zusammengekniffenen Augen blinzelte sie zu ihm auf und wollte ihm gerade sagen, dass sie seine Einladung sehr gerne annähme, stattdessen nieste sie ihm mitten ins Gesicht.
Hatschi!
Angeekelt wich er zurück und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
Mit einem harmlosen Lächeln sah sie ihn an, als sei nichts geschehen.
„Ich gehe sehr gern nachher mit dir noch was trinken.“
„Maddie, bitte, sei nicht so naiv! Du bist definitiv nicht Hannos Typ!“
Cora Glöckner drückte mit einer ungeduldigen Geste ihre Zigarette im Aschenbecher aus.
„Man heiratet nie seinen Typ“, beharrte Madeleine am anderen Ende der Leitung trotzig auf ihrer Vorstellung von Glück.
Für einen kurzen Moment war Cora versucht, das Gespräch zu beenden, dann aber überlegte sie sich ihre nächsten Worte mit Bedacht. Wenn ihre Freundin so wie jetzt auf stur schaltete, erreichten sie auch die bestgemeintesten Ratschläge nicht. Seit siebzehn Jahren waren die beiden Frauen miteinander befreundet. Sie hatten sich bei der Führerscheinprüfung kennengelernt. Cora, damals dreiundzwanzig, war schon zweimal durch die Praktische gerasselt. Sie war hypernervös und litt entsetzlich unter Prüfungsangst. Das erste Mal hatte sie sich falsch in einer Einbahnstraße eingeordnet, um links abzubiegen, das zweite Mal übersah sie glatt ein Stoppschild. Beim dritten Mal saß sie zusammen mit dem Prüfer im Fond des Wagens und verfolgte halb ängstlich, halb neidisch, wie souverän Madeleine gleich im ersten Anlauf ihre Fahrprüfung bestand. Dann musste Cora ans Steuer. Diesmal lief alles perfekt. Im Laufe der Jahre avancierte Cora bei ihrer Freundin zu einer Art ‚persönlichen Beraterin für alle Lebenslagen‘ mit Schwerpunkt auf Liebesdinge. Mit einer Engelsgeduld bemühte sie sich, der Freundin bei deren chaotischen Beziehungsgeschichten teils kritisierend, teils beratend beizustehen. Aber in Sachen ‚Hanno’ biß sie bei ihr auf Granit.
Cora holte tief Luft und entschied sich für die direkte Variante. Mit vorsichtigen Andeutungen kam man hier nicht weiter.
„Versteh‘ doch, Süße: Dein Hanno steht auf Gehirn amputierte Austauschware aus dem Botox-Katalog mit Schlauchbootlippen, Megatitten und angeschweißter, möglichst platinblonder Wallawallamähne. Du verschwendest nur deine Zeit.“
Ihr Gespräch wurde unterbrochen.
Kollege Frank betrat das Vorzimmer und machte sich neugierig an einem Ordner zu schaffen, den Cora eben für den neuen „Eismeer“-Kunden angelegt hatte. Die ersten vertraulichen Unterlagen für den neuen Creative-Director.
„Du, ich muß Schluss machen. Mach dir für nachher bloß keine allzu großen Hoffnungen, dann wirst du nicht enttäuscht!“ Sie legte auf und schlug den Ordner mit einer raschen Handbewegung zu.
Frank konnte seine Finger nicht mehr rechtzeitig zurückziehen und schrie empört auf.
„Aua! Mensch Cora, willst du mir die Finger brechen?!“
Böse funkelte er sie an und rieb sich seine schmerzenden Glieder.
Ungerührt musterten ihn ihre Katzenaugen.
„Was blätterst du auch in Dingen herum, die dich nichts angehen?! Die Unterlagen sind, wie’s in dicken, fetten Lettern draufsteht, vertraulich! Du weißt hoffentlich noch, was das bedeutet. Aber ich erklär’s dir gern noch mal: Erst wenn Lars Anderson sie dir persönlich zum Lesen gibt, kannst du einen Blick draufwerfen, verstanden?“
Sie stand auf und Schloss den Ordner in dem Teil der Schrankwand ein, wo sie alle vertraulichen Unterlagen aufbewahrte.
Beleidigt verzog ihr Kollege das Gesicht, machte aber keinerlei Anstalten, den Raum zu verlassen. Sein bubenhaftes Gesicht stand in scharfem Kontrast zu dem eleganten Boss-Anzug, den er trug. Er wirkte darin wie ein Jungendlicher, der unter allen Umständen einen seriösen Eindruck vermitteln wollte. Durchbrochen wurde dieses Bild nur durch seine glatten, kinnlangen Haare, die er eingegelt zu einem längst aus der Mode gekommenen ‚Hengstschwänzchen‘ im Nacken zusammengebunden hatte.
Demonstrativ rieb er sich seine Hand.
„Spiel dich bloß nicht so auf... sonst wird es dir noch mal leidtun, wenn ich hier erst was zu sagen habe!"
Mit einem kurzen, harten Auflachen quittierte sie seine herablassenden Worte. „Hach, eher blühen in der Antarktis die Blumen und die Eisbären tanzen im Baströckchen unter Kokospalmen Hula-Hula, als dass wir das erleben werden, mein Freund! Und jetzt raus hier, im Gegensatz zu dir habe ich noch ’ne ganze Menge zu tun!“
Mit einem blasierten Gesichtsausdruck stolzierte er zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um und maß sie mit arrogant nach oben gezogenen Brauen. „Wir werden ja sehen, Karotte, wer hier im Baströckchen unter Palmen tanzt!“
„Raus jetzt!“, schrie sie ihn unbeherrscht an und grollte, als die Tür hinter ihm zufiel, „Ratte, du miese, kleine Ratte!“
Madeleine warf einen flüchtigen Blick auf ihr Telefondisplay. 16:45 Uhr zeigten die grünen Leuchtziffern. Der letzte Kunde war vor einer Viertelstunde gegangen, der Schriftkram erledigt – sie war bereit für ihr Date mit Hanno! Aber der Herr Starkomponist ließ auf sich warten. Er saß hinten im Studio und klönte mit Klaus. Ob er ihr Date vergessen hatte?
Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und überzog ihre Schreibtischunterlage mit kleinen, schwarzen Galgen, während sie angestrengt überlegte, ob sie zum Hörer greifen und im Studio anrufen sollte. Dann aber unterdrückte sie diesen Impuls. Nachher nahm noch Klaus ab. Er musste ja nicht unbedingt etwas von ihrem chaotischen Seelenzustand mitbekommen. Eine weitere halbe Stunde wurde ihre Geduld noch auf die Folter gespannt. Zwischenzeitlich war sie schon so weit, ihre Sachen zu packen und zu verschwinden.
Endlich, gegen Viertel nach fünf, erschien Hanno in der Tür.
„Was ist - wollen wir los?“
Das kleine Openair-Café ‚Bodo’s Bootsteg’ lag unterhalb des Alsteranlegers ‚Alte Rabenstraße’ direkt am Wasser. 130 Jahre stand der Anleger schon an dieser Stelle und war damit der älteste von Hamburgs insgesamt neun Anlegern entlang der Alster. Das Café galt vor allen Dingen in den Sommermonaten als Werbekantine von „Wilfore & Reece“ – zumindest um die Mittagszeit. Handys waren hier strikt verboten, trotzdem brummte der Laden. Auch Hanno ging oft hierher, um sich mit den Leuten aus der Agentur zu treffen. Daher überraschte es Madeleine auch nicht, als er den Besitzer des Cafés überschwänglich wie einen alten Freund begrüßte und ihm kumpelhaft auf die Schulter schlug. Auf dem Steg, an dem einige Ruder- und Segelboote im Wasser lagen, waren noch ein paar Liegestühle aufgestellt.
„Da hinten werden zwei frei…, los, Maddie, besetzt sie... ach, und Tom... zwei Weißwein-Schorlen!“
Mit großen Schritten folgte Hanno seiner Assistentin und ließ sich in einem der gerade frei gewordenen Liegestühle nieder. Madeleine folgte seinem Beispiel und glitt neben ihn vorsichtig auf das wackelige Gestell, als befürchtete sie, noch im selben Moment, wo ihr Po den Stoff berührte, damit zusammenzuklappen.
‚Bin gespannt, wie der weitere Abend verläuft. Der Anfang ist jedenfalls schon mal ganz vielversprechend’, dachte sie hoffnungsvoll und ihr Herz tat einen erwartungsvollen Hüpfer.
Tom brachte die bestellten Getränke und Hanno prostete ihr mit einer weltmännischen Geste zu. Sie nippte an ihrer Wein-Schorle und blickte über den Rand des Glases verunsichert zu ihm. Das Gespräch zwischen ihnen war auf einmal wie abgeschnitten. Während es ihr im Büro keinerlei Probleme bereitete, sich mit ihm zu unterhalten, lief die Unterhaltung, sowie sie das Studio verlassen hatten, eher schleppend. Fieberhaft durchforstete sie ihr Gehirn nach einem Thema, mit dem sie den Gesprächsfaden wieder aufnehmen konnte.
Er schien ihre Unsicherheit überhaupt nicht zu bemerken, sondern streckte seine langen Beine aus, schob die dunkle Sonnenbrille aufs Haar und lehnte den Kopf zurück. Doch die Sonne hatte sich bereits hinter den hohen Eichen versteckt. Um diese Zeit lag das Café komplett im Schatten.
„Ach, eh ich’s vergesse - ich werde gleich abgeholt“, begann er das ‚Gespräch’ und leerte mit einem großen Schluck sein Weinglas bis zur Hälfte. Er warf ihr einen gönnerhaften Blick zu. „Aber solange können wir uns ja noch unterhalten!“
Da war er, einer dieser schlimmen Sätze, den sie in ihrem Inneren irgendwie befürchtet und darum in die hinterste Ecke ihres Kopfes verbannt hatte, der, einmal ausgesprochen, innerhalb einer einzigen Sekunde all ihre schönsten Hoffnungen für diesen Abend zerstörte.
Ich werde gleich abgeholt!
