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Auf einem abgelegenen Bauernhof in Schleswig-Holstein erwarten der Landwirt Willi Braker und seine Frau Else im zweiten Weltkrieg ein Kind. Bei der Geburt gibt es Probleme. Im nationalsozialistisch geprägten Dorf steht der Vater nicht zu den Ereignissen. Nach Kriegsende ergießt sich ein Flüchtlingsstrom aus den deutschen Ostgebieten auf Norddeutschland. Das kleine Dorf Moorbek nimmt genauso viele Menschen auf wie es bereits an Einwohnern hat. Für die Familie auf dem Kätnerhof ein schicksalshafter Einschnitt. Mit Mut und Zuversicht meistern die Kinder ihr Leben, bis sie im höheren Alter von der Familiengeschichte wieder eingeholt werden. Wie sollen sie mit der Vergangenheit umgehen? Sind sie für das Tun und Lassen ihrer Eltern verantwortlich? Welchen Einfluss hat die Geschichte der Eltern auf die anstehenden Entscheidungen?
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Seitenzahl: 80
Veröffentlichungsjahr: 2023
Ingrid Cholewa
Der Kätnerhof am Moor
Eine erlebte Familiengeschichte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Kätnerhof am Moor
Personen der Handlung
Unter Reet
Der Stammhalter
Kriegsjahre
Untermieter
Pauls neue Heimat
Auf dem Moor
Der Paukenschlag
Anstand
Armut im Wirtschaftswunder
Pauls Ambitionen
Wege in die Zukunft
Neue Rückschläge
Freunde
„Hohe Zeit“
Große, weite Welt
Der Ehrenamtler
Die Frauenrolle
Der Praktiker
Verantwortung
Verpflichtung
Verlust
Überraschung
Gerechtigkeit
Puzzle-Teile
Krisenstimmung
Schuld
An Eides statt
Der Birnbaum
Das Schweigen
Impressum neobooks
Kätner, Kötter oder Kossäten waren Dorfbewohner in Preußen, die eine Kate bzw. einen Kotten und eigenes, aber relativ wenig Land besaßen, meist etwas außerhalb vom Dorf.
Der Familiengeschichte liegen Urkunden, eine Dorfchronik, mündliche Überlieferung und eigenes Erleben zu Grunde. Die Namen von Personen und Orten sind geändert.
Ingrid Cholewa
Text und Grafiken - Alle Rechte vorbehalten
Köln 2023
Willi Braker, Landwirt in Moorbek
Else Braker, seine Frau
Paul Braker, erster Sohn
Annette Braker, erste Tochter
Christian Braker, zweiter Sohn
Erika Braker, Pauls Frau
Friedrich Kühl, Annettes Mann
Ida Bottke, Geflüchtete
Barbara, Schwester von Erika
Max, Barbaras Mann
Richard Jensen, Schuhmachermeister
Anita Jensen, seine Frau
Günter Jensen, Sohn von Richard und Anita
„Ich“, Christians Frau
Jens Brüning, Pflegehelfer
Carola Lindemann, geb. Braker, zweite Tochter
Otto Braker, dritter Sohn
Familie Kröger, Nachbarn
Im kühlen Norden, zwischen Nord- und Ostsee, zwischen Hamburg und Kiel, liegt das kleine Dorf Moorbek. Eiszeitlich geprägt mit Bächen, Flüssen und Seen ist der Boden teils fruchtbar, teils sandig karg. Mitten durch das Dorf verlaufen Grenzen zwischen Geest, Lehmboden und Moor. Vor etwa 100 Jahren waren die einen Bauern, entsprechend der Fruchtbarkeit des Bodens, durchaus wohlhabend und kauften manchmal noch Land dazu. Für die anderen Hofbesitzer reichte der dürftige Ertrag gerade so zum Leben.
Willi Brakers Bauernstelle, ein Kätnerhof, lag etwas außerhalb vom Dorf. Viel Land gehörte nicht dazu, aber es reichte für den jungen Landwirt, um selbständig zu sein. Die rot verklinkerte, reetgedeckte Kate mit einer geräumigen Diele und den Stallungen war durchaus ansehnlich. Sie hatte sogar ein Obergeschoss, das nicht jedes dieser kleineren Bauernhäuser aus dem 19. Jahrhundert bieten konnte. So war Willi Braker in der Lage, eine große Familie zu gründen. Der hochgewachsene, kräftige Mann hatte viele Freunde im Dorf. Mittelblondes Haar, an den Seiten kurzgeschoren, ein selbstbewusster, fast stolzer Ausdruck in dem kräftigen, ovalen Gesicht und gleichzeitig fröhliche Leichtigkeit im verschmitzten Lächeln.
Dabei waren die Zeiten alles andere als leicht. Die Landwirte hatten nach dem ersten Weltkrieg enorme Schwierigkeiten, die hohen Steuern zu zahlen, die der Staat der Bevölkerung aufdrückte, um die Reparationen an die Siegermächte aufbringen zu können. Viele Männer waren gefallen, so auch Willis Vater. Bauern verschuldeten sich, kauften Traktoren und Erntemaschinen, ersetzten also Pferde und Handarbeit, um die Produktivität zu steigern. Aber die Schulden erdrückten sie, Selbstmorde häuften sich, und Höfe wurden billig versteigert.
Es ist gut nachvollziehbar, dass die Landbevölkerung auf die Propaganda der Nationalsozialisten ansprang, die das Leben auf dem Land ideologisch hervorhoben und die Erträge fördern wollten. Herausragende Bedeutung für das Deutsche Reich zu haben, eine unabhängige Versorgung zu sichern, das waren Vorstellungen und Ziele, die das gebeutelte Selbstbewusstsein der Bauern stärkten. Und sie machten bei der Wahl ihr Kreuzchen für Hitlers NSDAP.
Jedes Wochenende zogen die jungen Leute in geselligen Grüppchen durchs Dorf, kehrten hier und da ein, ließen sich den „Köm“, einen Kümmelbranntwein, schmecken und sangen fröhliche Lieder. Volkslieder, Heimatlieder, alles, was im Nazi-Deutschland propagiert wurde und beim Volk gut ankam. Für manch einen eine unbeschwerte, heitere Zeit. Schließlich ahnte man im Dorf nichts von der Kehrseite des Regimes oder blendete es aus.
Mit dem Heiraten hatte sich Willi Braker Zeit gelassen. Erst musste die wirtschaftliche Perspektive stimmen, dann die passende Bauerntochter gefunden werden. Mal war die Auserwählte nicht bereit, in einen so kleinen Hof einzuheiraten und ein Leben voll schwerer Arbeit auf sich zu nehmen, mal gefielen dem jungen Hofbesitzer die ärmeren Mädchen nicht, die ihm schöne Augen machten, weil er für sie durchaus eine „gute Partie“ war. Er war schon Mitte Dreißig, als seine Verwandten im Nachbardorf ein Treffen mit einer Bauerntochter einfädelten. Else Thiemann war die dritte von fünf Töchtern. Jede sollte gut verheiratet werden, denn der einzige Sohn übernahm selbstverständlich den Hof.
Else war klein und zierlich, ihre schmalen Hüften kein Blickfang für Männeraugen, die stabile und kurvige „Deerns“ bevorzugten. Auch trug ihre zurückhaltende Art dazu bei, dass trotz ihrer frischen Gesichtsfarbe und der dunklen, braunen Augen noch kein stattlicher Bauer um ihre Hand angehalten hatte. Doch Willi Braker begann Gefallen an der zierlichen Frau zu finden. Und vielleicht spielte der Beginn des zweiten Weltkriegs auch eine Rolle bei seiner Entscheidung, Else zu heiraten.
Als Landwirt war Willi Braker 1940 im zweiten Kriegsjahr noch nicht von der Wehrmacht eingezogen worden. Er hoffte wohl, durch eine Heirat vom Kriegsdienst verschont zu bleiben. Also wurde im selben Jahr die Hochzeit geplant. Im sieben Kilometer entfernten Altorf fand die Trauung statt, nur eine standesamtliche, auf eine kirchliche Heirat wurde in diesen Zeiten verzichtet. Immerhin fuhr das Paar mit einer offenen Kutsche in die beschauliche Kleinstadt, denn Willi hatte nach wie vor ein Faible für Pferde. Sein treuer Wallach Nero zog die Frischvermählten vorbei an den gelbblühenden Rapsfeldern zur Kate an der Moorkoppel.
Das erste Jahr verlief unkompliziert. Else kannte ihre Aufgaben von zu Hause: Den Herd in der Küche einheizen, im Hausgarten pflanzen und ernten, kochen, einmal in der Woche Brot backen. Manchmal auch auf dem Feld Rüben hacken. Es gab typische Männerarbeit und typische Frauenarbeit, ganz klare Aufgabenverteilung. Willi behielt seine Gewohnheiten bei, ging öfter ins Dorf oder nahm mit seinem Nero am Ringreiten teil. Die Reiter mussten im Galopp einen Ring aufspießen, eine Aufgabe, die im Verlauf des Wettbewerbs immer schwieriger gestaltet wurde, bis zum Schluss der „Ringkönig“ die meisten Ringe ergatterte.
Es dauerte nicht lange, da merkte Else, dass sie schwanger war. Viel Rücksicht konnte sie nicht erwarten, denn die Arbeit musste getan werden. Sie war 36, damals eine „Spätgebärende“, für Mutter und Kind ein Risiko. Zumal die ärztliche Versorgung auf dem Land eher dürftig war, kaum jemand ein Telefon hatte, geschweige denn ein Auto. Betreut wurden Schwangere von einer Hebamme, die gelegentlich ins Haus kam und für Frauen in einem größeren Umkreis zuständig war.
Der Geburtstermin näherte sich, Else spürte die ersten Wehen. Dann immer öfter. Willi hatte noch die Ruhe weg, denn so viel wusste er: Das erste Kind dauert. Die Stunden vergingen, Else mühte sich ab, wurde immer schwächer. Endlich schwang sich Willi aufs Fahrrad, um Ilse Stäker im Nachbarort zu benachrichtigen. Eine Viertelstunde hin, eine Viertelstunde zurück. Nach weiteren zehn Minuten kam die Hebamme angeradelt. Sie erfasste die Situation schnell: Die Geburt ging nicht voran, Elses Becken war eng und wenig „geburtsfreudig“. Die werdende Mutter verlor ihre Kräfte und arbeitete nicht mehr richtig mit. Einen Arzt rufen? Gesunde Landmenschen brauchen möglichst keinen Arzt, und eine tüchtige Hebamme schon gar nicht. Also irgendwie durchhalten.
Das Kind kam. Es war bläulich angelaufen und wollte keinen Schrei von sich geben. Aber die Hebamme war erfahren genug, einige Tricks anzuwenden, bis der kleine Junge zu atmen begann und energisch kundtat, auf dieser Welt angekommen zu sein. Fast klang seine kräftige Stimme wie ein Vorwurf, warum er denn so lange hatte warten müssen. Das Kind wurde versorgt, die erschöpfte Mutter auch. Doch es kam nicht die richtige Freude auf, das sorgenvolle Gesicht der Hebamme verriet, dass etwas nicht stimmte. Der Vater wurde hereingerufen, er war bei der Geburt natürlich nicht dabei gewesen, keine Männersache. Willi Braker, sonst die Gelassenheit selbst, erstarrte, als er hörte: „Die Beinchen, die Beinchen, sie bewegen sich nicht!“ - Ein Sohn, der Erbe des Bauernhofes, dessen Beine sich nicht bewegten, welch ein absurder Gedanke. Völlig inakzeptabel!
Zunächst wurde nicht viel über die augenscheinliche Behinderung des Babys gesprochen. Die Nachricht von der Ankunft des Stammhalters Paul auf dem Moorhof kursierte schnell im Dorf. Glückwünsche, anerkennende Worte. Gut gemacht, Bauer Braker, gleich ein Sohn! Wenn gelegentlich ein Besucher hinaus kam, war dem sorgfältig gewickelten Baby nichts anzumerken. Es trank und gedieh, es war aufmerksam und begann zu lächeln. Zwischen den Eheleuten jedoch war Funkstille. Sie hatten nie viel miteinander gesprochen, jedenfalls nicht über Persönliches. Und über Gefühle schon gar nicht. Else übernahm langsam wieder alle Arbeiten in Haus und Hof, war aber bedrückt, wie es denn wohl mit dem Kind weitergehen solle. Ihre Mutterliebe war trotz oder gerade wegen der Sorgen ungebrochen. Und doch trug sie eine Last von Schuldgefühlen. Warum ist mein Kind nicht gesund? Warum konnte ich meinem Mann keinen strammen Stammhalter schenken?
Auf Drängen der Hebamme, die immer mal wieder hereinschaute, um Mutter und Kind zu betreuen, wurde der kleine Paul einem Arzt in Altorf vorgestellt. Dieser konnte die Behinderung nur bestätigen, zeigte sich betroffen, machte aber auch Hoffnung und empfahl, das Kind in einer Klinik vorzustellen, vielleicht könne eine Operation die Nervenbahnen zu den Beinchen wieder aktivieren.
Nun konnte im Dorf nicht mehr verheimlicht werden, dass Elses Baby behindert war. Der Vater tat sich unendlich schwer, seinen Kumpels dieses Unglück zu gestehen. Für ihn war es ein persönliches Versagen, mit dem er möglichst nichts zu tun haben wollte. „Es ist leider so: Else hat das Kind vom Wickeltisch fallen lassen!“ Sprach’s und goss sich einen doppelten Köm hinter die Binde.
