Der Kaulquappenkönig - Nadja Neufeldt - E-Book

Der Kaulquappenkönig E-Book

Nadja Neufeldt

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Beschreibung

Nur ein feiner Schleier trennt unsere Wirklichkeit vom Unbegreiflichen. Dahinter sucht Sand nach Leben und ein Pilger nach Hoffnung. Ein Haus treibt seine Bewohner in den Wahnsinn. Der König der Kaulquappen lauert einer Ratte auf, Schatten jagen die Lebenden und altägyptische Götter lesen Kriminalromane. Traust du dich, diesen Schleier zu lüften? Dreizehn neue Kurzgeschichten von der Autorin von "Erstkontakt mit Violine" und "ARES".

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Seitenzahl: 222

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis:

Grey

Sand

Der Murmelgarten

Die Blätter fallen

Der Schattenmeister

Ein Tag im Haus

Das Schneckenhaus

Der Aufstieg des Leonitentums

Ra

Der Kaulquappenkönig

Der Kandidat

Dumme Kinder

Nach dem Ende der Hoffnung

Grey

Im Treppenhaus roch es übel. Lassier hätte sämtliche Moleküle benennen können, die um ihn herumschwebten, doch er blieb beim Wort „übel“. Er betrachtete die metallic graue Tür skeptisch. Die Farbe war an mehreren Stellen abgesplittert, darunter war grauer Kunststoff zu sehen. Kratzer überzogen die Oberfläche rund um das primitive Schloss, als hätten die Bewohner des Öfteren mit dem Schlüssel ihr Ziel verfehlt. Der Griff war mit etwas Klebrigem beschmiert.

Lassier hatte gründlich nachgeforscht und seine Recherchen sagten ihm, dass das hier der richtige Ort war. Aber gleichzeitig konnte er es auch nicht sein. Sie konnte unmöglich hier wohnen. Nicht sie!

Zögernd drückte er den Klingelknopf neben der Tür und desinfizierte ihn zugleich mit seiner Berührung. Aus der Wohnung hörte er ein dröhnendes Rrrrrrrrrr. Es klang, als würde die Tür röcheln.

Schritte näherten sich von der anderen Seite, die Tür wurde vorsichtig einen Spaltbreit geöffnet. Ein rot geädertes Auge mit zu viel Wimperntusche starrte ihn an. „Ja?“

„Guten Morgen“, grüßte Lassier höflich. „Ich würde gerne mit Regina sprechen.“

Die Tür wurde geschlossen, und Lassier hörte die Frau brüllen: „Reg, jemand für dich!“

Er wartete eine Minute, dann eine weitere. Aus der Wohnung kamen Geräusche, Klappern, Wasserrauschen, das Gluckern einer Kaffeemaschine. Ihn schien man vergessen zu haben. Also drückte er noch einmal auf den Knopf. Nach dem lauten Rrrrrrrrrr brüllte die Frau von vorhin wieder: „Reg, ich hab gesagt, da ist jemand für dich an der Tür! Irgendso’n Typ.“

Ein Mann antwortete ihr: „Was für ein Typ, Clarice? Reg, was hast du mit Typen zu schaffen?“

„Haltet mal beide die Luft an“, antwortete eine dritte, raue Stimme. „Ich seh nach.“

Die Frau, die diesmal öffnete, machte bei weitem keinen so heruntergekommenen Eindruck wie ihre Mitbewohnerin. Aber auch sie schien die Nacht durchgemacht zu haben, dem verschmierten Makeup nach zu urteilen. Sie hatte große dunkle Augen, ein wenig größer als bei Menschen üblich. Das verlieh ihr ein exotisches Aussehen. In Verbindung mit dem zerzausten weißen Haar war sie jemand, dessen Anblick man nicht wieder vergaß.

„Kronprinzessin Regaina“, sagte Lassier ehrerbietig.

Ihre Augen wurden für 0,002 Sekunden so groß, dass sie das halbe Gesicht einnahmen. Lassier sah gerade noch, wie ein junger Mann mit nacktem Oberkörper hinter Regina auftauchte und den Besucher finster anstarrte. Dann knallte Regina ihm die Tür vor der Nase zu.

„Wer ist das, Reg?“, hörte Lassier durch den dünnen Kunststoff.

„Ein Versicherungsvertreter“, antwortete Regina knapp.

In seinem Kopf erklang eine verärgerte und sehr laute Stimme.

VERSCHWINDE!

Lassier konnte nicht auf die gleiche Weise antworten. Aber er konnte ihrem Befehl auch nicht Folge leisten. Also legte er den Finger wieder auf den Klingelknopf und beließ ihn dort. Er hätte dieses billige Plastikhindernis in Form einer Eingangstür mit einem Gedanken beiseite fegen können, wagte es jedoch nicht.

Die Klingel röhrte in der Wohnung. Nur wenige Augenblicke später riss der Mann mit dem nackten Oberkörper die Tür auf und baute sich vor Lassier auf. Der ließ die Hand sinken.

„Wir brauchen keine Versicherungen oder sonst so’n Müll! Hauen Sie ab.“

„Bedauere“, sagte Lassier ruhig. „Ich bin nicht von einer Versicherung, sondern habe eine Nachricht für Regina von ihrer Familie.“

Der Mann zögerte, warf einen raschen Blick über die Schulter und wandte sich wieder Lassier zu. Regina stand einige Schritte hinter ihm, die Hände vor der Brust verschränkt, und in der Dunkelheit ihrer Augen zuckten kleine Blitze wie ein winziges Gewitter. Sie trug ein zerknittertes Shirt und darunter nur ihre Haut, wie Lassier bemerkte.

ICH BIN AN NACHRICHTEN NICHT INTERESSIERT, donnerte es in seinem Kopf. Die Worte waren so laut, dass Lassier zurücktaumelte.

Der halb nackte Mann machte ein verblüfftes Gesicht.

„Ich hau mich noch mal aufs Ohr“, sagte er zu Regina und kratzte sich im Schritt. „Wenn du willst, dass ich den Typen vorher die Treppe runterwerfe, Babe, sag Bescheid.“ Er beugte sich zu ihr hinab und presste seinen Mund auf ihren. Das sah nach sehr viel Flüssigkeitsaustausch aus, fand Lassier. Er unterdrückte ein Schaudern. Regina machte bei dem Austausch mit, sah dabei aber Lassier herausfordernd an. Schließlich ließ der Halbnackte von ihr ab und verschwand aus Lassiers Sichtfeld.

„Muss ich dir das Hirn zu Brei quetschen, damit du endlich gehst?“, fragte Regina drohend.

„Kronprinzessin Regaina, ich bitte um Vergebung. Ich bin ein Lassier-Bote, nur für diese eine Aufgabe gezüchtet.“

Regina schnaubte sehr unkronprinzessinnenhaft. „Das heißt, wenn ich dir den Kopf abtrenne, wirst du einfach in deinem Reisetank wieder aufwachen und mir bald wieder auf die Nerven gehen.“

„Ja, Kronprinzessin Regaina. Ich bedauere, dass ich Sie behelligen muss. Wenn Sie mir gestatten, die Nachricht zu überbringen, wird meine Aufgabe erfüllt sein. Danach können Sie mir den Kopf abtrennen, sollten Sie das wünschen.“ Lassier sagte es, ohne zu stocken. Seine Existenz war unwichtig. Wieso sollte er sich an etwas Unbedeutendes klammern? Einzig die einprogrammierte Aufgabe war von Belang.

Regina knurrte ein „Na schön! Komm rein“, und Lassier tat es. Nicht nur die Wohnungstür hatte schon bessere Zeiten gesehen. Die ganze Wohnung hätte eine Renovierung oder zumindest eine gründliche Reinigung vertragen können. An manchen Stellen war die Tapete von der Wand gekratzt worden, darunter sah Lassier grauen Putz. Kratzer gab es auch an den wenigen Möbelstücken, an denen Lassier vorbeikam. Dem Geruch nach zu urteilen lebte hier mindestens eine Katze. Der Boden klebte unter seinen Schuhsohlen. Lassier konnte keine Gänsehaut bekommen wie ein Mensch, spürte aber das entsprechende Unbehagen. Er wünschte sich weit weg.

Er folgte Regina in eine kleine Küche, wo die andere Frau am Küchentisch eingedöst war. In der Hand hielt sie eine gebutterte Toastscheibe. Eine große graue Katze saß auf dem Tisch vor der Frau und leckte die Butter vom Toast. Regina klatschte in die Hände. Die andere Frau, Clarice, erinnerte sich Lassier, schreckte hoch. Die Katze sprang vom Tisch und rieb sich kurz an Reginas nackter Wade. Sie ignorierte Lassier vollständig. Clarice machte ein müdes: „Hä?“

„Ich hab Besuch“, sagte Regina zu ihr und deutete auf Lassier. „Lass uns mal kurz allein.“

„Ich frühstücke gerade“, verkündete Clarice und biss in ihren nicht mehr gebutterten Toast. Lassier fühlte sein linkes Auge zucken.

Er konnte Reginas Gesicht nicht sehen, denn er stand hinter ihr, aber Clarice sah es. Und erblickte darin offenbar etwas, das ihren Blick noch glasiger werden ließ. Sie erhob sich widerspruchslos, schnappte sich die graue Katze und verließ die Küche.

Regina füllte einen Becher bis zum Rand mit Würfelzucker und kippte Kaffee darüber. Während die Würfel sich auflösten, sagte sie: „Ich hasse es, sie auf diese Weise zu manipulieren, aber es ist manchmal nötig. Menschen können ewig mit einem diskutieren.“ Sie setzte sich auf Clarices Platz. Erst jetzt sah sie Lassier an. Einen Stuhl bot sie ihm nicht an. „Du hättest später am Tag kommen sollen. Wir haben die halbe Nacht gefeiert …“ Sie schien zu überlegen. „Ich weiß nicht einmal mehr, was genau wir gefeiert haben, aber es war laut.“ Eingehend musterte sie ihn. „Also, Lassier. Seit wann bin ich Kronprinzessin?“

„Seit Ihre Mutter Ihre Schwester wegen Hochverrats hinrichten ließ, Kronprinzessin Regaina.“

„Tatsächlich.“ Nur dieses eine Wort. Keine Frage, keine Überraschung. Eher eine gelangweilte Zurkenntnisnahme.

„Das war vor zwei hiesigen Jahren, Kronprinzessin Regaina.“

Regina kippte sich den gesamten Inhalt des Kaffeebechers in den Mund. Lassier besaß einen Magen und bei dem Gedanken, ihn mit so einer zuckerverseuchten Flüssigkeit zu füllen, spürte er, wie sich sein Magen verkrampfte.

„War es denn Hochverrat, Lassier?“, wollte sie wissen.

„Das ist die offizielle Version, Kronprinzessin Regaina. Über weitere Informationen verfüge ich nicht.“

Sie winkte ab. „Es interessiert mich auch nicht sonderlich. Welche Nachricht hast du für mich?“

„Ihre Mutter befiehlt Ihnen, nach Hause zu kommen, Kronprinzessin Regaina. Sie sollen in die Regierungsangelegenheiten eingewiesen werden.“

Sie lachte laut. „Die alte Hexe hat Sinn für Humor!“

„Über den emotionalen Zustand der Königin kann ich nichts sagen, Kronprinze…“

„Ich bin hier einfach Regina, Lassier. Hör also auf mit dem Kronprinzessinnen-Unsinn“, unterbrach sie ihn. „Du kannst meiner Mutter ausrichten, dass ich nicht vorhabe, zurückzukehren.“

„Ich vermute, sie wird daraufhin weitere Boten entsenden, die Sie abholen sollen, Regina.“

Die Kronprinzessin steckte sich einen Zuckerwürfel in den Mund und zermalmte ihn geräuschvoll. „Sollen sie kommen“, sagte sie nur.

Lassier wartete. Er hatte seine Aufgabe erfüllt und konnte sich nun zurück in den Tank begeben, wo sein Körper eingeschmolzen werden würde, bis das nächste Mal ein Bote gebraucht wurde. Regina hatte ihn aber noch nicht entlassen. Aus Höflichkeit blieb er an Ort und Stelle. Aus den Tiefen der Wohnung ertönte ein lautes Schnarchen.

Regina hörte es auch. „Das ist Bob, mein Lover.“ Lassier konnte sich irren, aber er vernahm in ihrer Stimme bei diesen Worten viele Schwingungen, die auf Leidenschaft hindeuteten. Er würde sich hüten, „Bob“ zu kommentieren. Er war bloß ein Bote und das Leben der Mächtigen ging ihn nur soweit etwas an, wie es für seine Botengänge relevant war. „Er ist unheimlich gut bestückt“, sagte Regina träumerisch. Ihre Augen wurden wieder unmenschlich groß. „Und er hat ein Durchhaltevermögen, oh là, là!“ Sie lachte. „So was gibt’s bei uns nicht, Lassier.“

„Darf ich also annehmen, dass Sie wegen – äh – Bob nicht zurückkehren wollen?“

Der Blick aus den Riesenaugen heftete sich an Lassier. „Mach dich nicht lächerlich, Lassier-Bote. Menschen sind Primaten, Säugetiere, um der Himmelsschwärze willen. Meistens wirklich ekelhaft. Aber manchmal eben äußerst nützlich.“

Er hoffte, sie würde ihn wegschicken, damit er in seinen Tank zurückkehren und die stinkenden Moleküle dieser Wohneinheit hinter sich lassen konnte. Von irgendwelchen gut bestückten Lovern wollte er wirklich nichts hören. Dennoch konnte er seine Neugier nicht zügeln und wagte es, eine weitere Frage anzubringen: „Weiß er, was Sie sind, Regina?“

Sie griff nach der Tüte mit dem Toastbrot. Durch die Folie konnte Lassier sehen, dass die unterste Brotscheibe grünlich schimmerte. Er wünschte sich, das nächste Mal ohne innere Organe, insbesondere ohne Magen, gezüchtet zu werden.

Regina holte ein paar Scheiben hervor und stopfte sie sich alle auf einmal in den plötzlich unnatürlich großen Mund. Kauend fragte sie: „Wie lange bist du schon auf der Erde, Lassier?“

Zu lange, dachte er. „Seit zwei hiesigen Jahren, Regina. Die Königin hat mich gleich nach der Hinrichtung der Kronprinzessin, Ihrer Schwester, entsandt.“ Während er auf der Suche nach Regina gewesen war, hatte er sein Aussehen und sein Verhalten an das der Menschen anpassen müssen. Er hätte eine Existenz als blubbernde Masse in seinem Tank vorgezogen. Der Tank war wenigstens steril.

„Dann weißt du ja, dass Menschen einem grundsätzlich alles glauben, wenn es nur in ihre Weltsicht passt. Ich habe Bob erzählt, ich käme aus der Elfendimension.“

Lassier konnte sie nur anstarren. Elfen! Diese Welt war wirklich voller Irrsinn.

Er bemerkte, dass Regina ihn musterte. Der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich. Sie blinzelte nicht. „Sag mir, Lassier, hast du meine Mutter bereits über meinen Aufenthaltsort informiert?“

Lassier tat etwas sehr Menschliches, er seufzte innerlich. Es war klar, worauf diese Frage abzielte. Regina wollte nicht zurückkehren. Und wenn er ihr sagte, dass er die Königin noch nicht unterrichtet hatte, würde er sich gleich als Matsch in seinem Tank wiederfinden. Wie schade, dass er antworten musste: „Selbstverständlich, Regina. Die Königin hat tägliche Berichte verlangt. Täglich nach der Zeitmessung der Erde. Die letzte Nachricht habe ich abgesetzt, als ich vor Ihrer Wohnungstür ankam.“

Sie knurrte. Vielleicht war sie frustriert, weil es nichts ändern würde, wenn sie ihn jetzt umbrachte. Er hätte den Körpertod sogar begrüßt. Er fühlte gerade, wie sich feine Katzenhärchen auf seine Nasenschleimhäute legten. Das war keine angenehme Erfahrung. Hoffentlich musste er nicht vor der neuen Kronprinzessin niesen.

„Weißt du“, begann sie und angelte nach einer weiteren Toastscheibe, „welchen Namen ich nach dem Schlüpfen bekam?“ Lassier verneinte.

„Alregainar.“ Sie schauderte.

Du-bist-nicht-gut-genug-um-zu-herrschen? Kein Wunder, dass sie sich hier auf der Erde lieber Regina nannte, die Königin.

„Bevor sie mich verstieß, weil ich mich zu sehr für die Macht zu interessieren begann, änderte Mutter offiziell meinen Namen in Regaina, die Möchtegern-Königin.“ Regina zerrieb das Brot in ihren Fingern zu klebrigen Krümeln. „Wie wird sie mich jetzt wohl nennen? Ufregainare?“

Es-lässt-sich-leider-nicht-vermeiden-dass-du-

herrschst, übersetzte Lassier. Ja, das war der Königin zuzutrauen. Er wollte mit Regina nicht über diese Dinge sprechen, seine Befugnisse reichten dafür nicht aus. Zum Glück erwartete sie keine Antwort, denn sie redete schon weiter. „Zu Hause ist die Sonne nur ein Stern unter vielen, hier jedoch wärmt sie einem die Haut. Ich finde das sehr angenehm. Deshalb werde ich nicht zurückkehren. Herrschen kann ich auch hier.“

„Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Regina“, begann Lassier höflich, „über wen wollen Sie hier gebieten? Etwa über die Menschen? Die sind unberechenbar und unvernünftig.“

„Wenn man weiß, wie man sie zu packen hat, sind sie leicht zu lenken“, verkündete Regina und zwinkerte verschwörerisch. „Ich habe sogar schon damit begonnen.“

Lassier wollte nichts über Menschen hören. Er hatte in den letzten beiden Jahren mehr von ihnen gesehen und gerochen, als ihm lieb war.

Langsam fragte er sich auch, warum sie ihn nicht wegschickte. Seine Botschaft war überbracht, der Rest ging ihn weder etwas an, noch konnte er Reginas Entscheidungen beeinflussen. Hatte sie vielleicht einfach das Bedürfnis, mit jemandem aus ihrer Welt zu sprechen? Schließlich war sie hier auf der Erde ganz allein.

„Ich könnte Unterstützung bei der Durchführung meiner Pläne gebrauchen“, sagte Regina langsam. „Wenn ich alleine handle, dauert es viel länger. Und du bist der Erste aus der Heimat, der mir über den Weg gelaufen ist.“

Lassier hatte keine Zeit zu protestieren, selbst, wenn er es gewagt hätte. Schwarze Augen, die jetzt fast Reginas ganzes Gesicht einnahmen, erstickten jeden Gedanken. Muster und Blitze bildeten sich in ihnen und brannten neue Befehle in sein Gehirn.

Als er wieder zu sich kam, immer noch in der Küche, aber auf dem fleckigen Boden sitzend, ekelte er sich immer noch vor diesem Ort. Aber seine Prioritäten hatten sich geändert.

Regina verspeiste gerade die grünliche Toastscheibe. Lassier fühlte, wie ein Gefühl in ihm aufstieg, und analysierte es. Bewunderung. Ehrliche, geradezu animalische Bewunderung für ihr ganzes Wesen, für die Art, wie sie sich bewegte, für den Klang ihrer Stimme, für ihre Pläne und selbst für den Mut, verdorbene Lebensmittel zu essen. Wäre er ein Mensch, wäre er jetzt in sie verliebt. Zwangsverliebt zwar, aber was spielte das für eine Rolle?

Bob schlenderte gähnend in die Küche. Er war jetzt ganz nackt. Er schenkte dem auf dem Boden sitzenden Lassier einen flüchtigen Blick. Lassier vermutete, dass Bob schon ganz andere Dinge gesehen hatte als seltsame Gäste. Es folgte ein weiterer intensiver Speichelaustausch zwischen ihm und Regina. Dann schenkte Regina ihm Kaffee ein. Der Kaffee dampfte nicht mehr und die Tasse war auch nicht sauber, sondern die von Regina, doch schien Bob sich nicht daran zu stören. Lassier sah weg. Er versuchte, sich zu erheben. Das klappte, doch er stand sehr unsicher auf den Beinen.

Bob schlürfte geräuschvoll den Kaffee. Das Getränk schien ihn ausreichend zu beleben, dass er nun richtig Notiz von dem Besucher nehmen konnte.

„Was macht er noch hier, Reg?“

Regina nahm den letzten Zuckerwürfel aus der Packung und warf ihn sich in den Mund. Kauend sagte sie: „Das ist Lassier. Er wird jetzt öfter hier sein.“ Sie erklärte ihrem Liebhaber weder, wer Lassier war, noch den Grund für dessen künftige Besuche. Bob zuckte die Achseln und ging mit dem Kaffeebecher in der Hand hinaus. Hoffentlich, um sich zu bekleiden. Er lief wohl Clarice über den Weg, denn man hörte sie murren: „Oh, jetzt zieh dir endlich eine Hose an, Bob!“

Lassier sah wieder zu Regina hinüber. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Königin.“

„Wie gut sind deine Manipulationsfähigkeiten, Lassier?“

„Gut genug, um Menschen dauerhaft etwas glauben zu lassen, Königin.“ Das entsprach fast der Wahrheit. Er hatte es bisher nicht fertiggebracht, die Menschen davon zu überzeugen, nicht auf die Gehsteige zu spucken. Da es jetzt so aussah, als bliebe er länger auf der Erde, würde er seine Bemühungen in diese Richtung verstärken.

„Gut. Ich werde dir eine Liste mit Namen geben. Diese Personen wirst du aufsuchen und ihnen bestimmte Gedanken einpflanzen.“

Noch mehr Menschen, dachte er trübsinnig. Andererseits hatte seine Königin recht, sie konnte ja nicht alles selbst machen. Wenn es etwas gab, bei dem er helfen konnte, würde er es mit Freuden tun.

„Welche Gedanken sollen es sein, Königin?“

Regina verzog ihren Mund zu einem Haifischlächeln. „Du weißt sicher, dass einige wenige Menschen glauben, dass es uns gibt, oder?“

„Ja, Königin. Sie nennen uns Greys.“

„Ich kann nicht zulassen, dass Menschen weiterhin in diese Richtung recherchieren. Dieser Glaube muss ins Lächerliche gezogen werden. Mit allen Mitteln. Behauptungen jeder anderen Art dagegen werden wir befeuern. Vor Jahren schon habe ich einige Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht. Flache Erde, Reptilienwesen und anderen Unsinn. Es gibt bereits eine Menge Anhänger. Aber es müssen mehr werden. Sehr viel mehr. Nur so können wir die Menschen von den Dingen ablenken, die direkt unter ihrer Nase vor sich gehen wie beispielsweise meine Machtübernahme.“

Irgendwo in der Wohnung maunzte die Katze. Es klang protestierend. Vielleicht hatte sie etwas gegen Reginas Pläne.

„Die Personen, die du aufsuchen wirst, sind Wissenschaftler und Großunternehmer. Die einen werden wissenschaftliche Erkenntnisse zu unseren Gunsten manipulieren, die anderen es finanzieren. Unser Ziel ist es, die Menschen dümmer zu machen. Wenn niemand mehr die kruden Theorien und Pseudowissenschaften hinterfragt, habe ich so gut wie gesiegt.“

Clarice redete beruhigend auf die Katze ein. Wer würde die Menschen beruhigen, wenn Regina über sie kam, fragte sich Lassier.

„Das Ganze darf nicht zu lange dauern“, warnte sie. „Mutter wird vermutlich schon bald weitere Lassiers schicken, um mich abzuholen. Bis dahin muss ich meine Machtposition so gut gefestigt haben, dass ich mich gegen sie behaupten kann.“

Während des Monologs hatte Lassier Regina hingerissen angestarrt. Ohne Zweifel war seine Königin schlau und ehrgeizig. Ihr Plan war praktikabel und seine, Lassiers Aufgabe, nicht allzu kompliziert. Danach würde er endlich in seinem sterilen Tank zu Matsch zerfließen dürfen. Hoffentlich!

Bevor er die Wohneinheit verließ, fragte er sich, ob er seiner Königin anbieten sollte, die Räume zu reinigen. Der Gedanke, sie in dieser bakterienverseuchten Kloake zurückzulassen, behagte ihm nicht. Aber er befürchtete, seine Befugnisse zu überschreiten. Wenn sie es wollte, würde sie es ihm schon befehlen.

Unten auf der Straße roch es unwesentlich frischer als im Haus. Hier waren es hauptsächlich die Abgase der Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, die seine Nasenflügel beben ließen. Die würden mit Reginas Machtübernahme ganz sicher verschwinden, denn kein Grey würde Rußpartikel in seiner Lunge dulden.

Vor Lassier rotzte ein Passant auf den rissigen Asphalt. Lassier sagte sich, dass ihn das nichts anging. Nur die Pläne seiner Königin waren jetzt noch wichtig. Allerdings würde eine Verzögerung von wenigen Minuten nichts ändern, oder? Nein, entschied Lassier und folgte dem Menschen.

Sand

Das Alien sah sie nicht. Forbes sah es dafür um so besser, denn sie folgte ihm schon, seit sein Auftauchen gemeldet worden war. Eine große Ratte kreuzte den Weg des Aliens und es walzte sie nieder, ohne langsamer zu werden. Natürlich, es hatte auch die Ratte nicht gesehen. Ein Sandi nahm grundsätzlich nichts wahr, was organisch war.

Der Kommunikator in Forbes‘ rechtem Ohr kündige durch eine kurze Vibration eine eingehende Nachricht an. „Haben Sie schon eine Ahnung, wo es hin will, Maria?“

Der Boss, ungeduldig wie immer. „Noch nicht, Sir“, subvokalisierte Forbes. Sie sah kurz nach oben, wo über dem Dach eines halb verfallenen dreistöckigen Gebäudes die Biodrohne schwebte. Das Team sah also genau das, was auch sie sah, nur eben von weiter oben. Die Vorschriften schrieben eine Verfolgung am Boden vor. Gerade waren immerhin sechs Personen an dieser Verfolgungsaktion beteiligt, die ruhig auch mal eine Vermutung äußern konnten. Sie hörte Lee, der zögernd sagte: „Wenn es dieser Straße folgt und die Kreuzung überquert … Die Elder Street endet an der Verpackungsfabrik.“

„Die Kreuzung ist gesichert“, meldete sich Fan. „Die Verkehrsbetriebe sind ziemlich sauer.“

Der Teamchef erwiderte darauf etwas recht Abfälliges, das Forbes nur am Rande mitbekam, denn das Sandi verharrte auf der Stelle. Forbes hielt den Atem an und zwang sich, ruhig zu bleiben. Selbst, wenn es fähig gewesen wäre, Geräusche zu hören, hätte es das Gespräch nicht mitbekommen.

Trotz der späten Stunde war es in dieser heruntergekommenen Gegend ziemlich laut. Drei Häuser hinter Forbes brüllten sich mehrere Personen so aggressiv an, dass es im ganzen Block widerhallte. Irgendwo zu ihrer Rechten waren mehrere Katzen aneinandergeraten. Und der Verkehrslärm, obwohl leiser werdend, drang bis hierher. Das Alien hatte all das bislang ignoriert. Sandis taten das immer, weshalb man ihnen nachsagte, stocktaub zu sein. Ob sie wirklich keine Organischen sehen und keine Töne erfassen konnten oder ob sie das alles schlicht nicht interessierte, wusste niemand; es lief letztlich aufs Gleiche hinaus.

Jetzt wirbelte das Alien um die eigene Achse. Es sah beunruhigend aus, fand Forbes, obwohl sie diesen Vorgang nicht zum ersten Mal beobachtete. Dieses Sandi war wie alle seiner Art doppelt mannshoch. In der Mitte der sich stets verändernden Gestalt befand sich ein kugelähnliches Gebilde von der Größe eines Autoreifens. Die Sandkörner waren hier fest aneinandergefügt. Die Menschen hielten das Gebilde für den Kopf der Kreaturen. Um diesen Kopf herum wallten dichte Stränge wie Tentakel, jedoch waren sie nicht mit der Kugel verbunden. Wodurch das Ganze zusammengehalten wurde, hatte man noch nicht herausgefunden. Alle Proben, die man bislang hatte untersuchen können, deuteten auf reines Siliziumoxid hin. Ein Sandi war also eigentlich nicht wirklich ein Sandi, sondern eher ein Quarzi, dachte Forbes sarkastisch, während das Alien die Tentakel um die Kugel herumkreisen ließ. Die feinen Stränge zuckten wild durch die Luft, wurden mal länger, mal kürzer. Die feinen Tentakel erinnerten Forbes an die Stacheln eines Igels. Nur waren sie natürlich um einiges gefährlicher. So eine Quarzpeitsche konnte einen Menschen glatt in der Mitte durchtrennen. Das war einer der Gründe, warum sich die Menschen in Deckung begaben, sobald sie eines der Sandis sahen.

Die wirbelnde Bewegung hatte aufgehört. Nun glitt das Alien weiter die Straße entlang, mit Forbes im Schlepptau. Sie bemerkte, dass sie ihre Waffe in der Hand hielt und steckte sie wieder ins Holster. Die Waffe war zwar gegen ein Sandi durchaus nützlich – sofern man die Kugel im Zentrum sofort beim ersten Versuch traf – aber gleich darauf sollte man so schnell vom Ort des Geschehens weglaufen, wie man nur konnte. Die Aliens standen miteinander in Kontakt; erledigte man eines, kamen zwanzig weitere angeschwirrt und metzelten alles nieder, was sich in ihrer Nähe aufhielt.

Sie hatten die Kreuzung fast erreicht. In der Nähe des letzten Hauses sah Forbes Quinn, der ein paar späte Passanten verscheuchte. Sie nickten einander zu.

Die Straße, die zur Fabrik führte, interessierte das Alien offenbar auch nicht, denn es bog nach rechts ab. In dieser Richtung kam man in den belebteren Teil der Stadt; dort würde es sehr viel schwieriger werden, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Menschen fürchteten und hassten die Aliens, und weil verängstigte Menschen immer Dummes taten, rechnete Forbes mit Komplikationen. Wären die Sandis doch bloß in der Nähe ihres abgestürzten Raumschiffes auf Madagaskar geblieben! Aber nein, sie mussten ja überallhin teleportieren und die Bevölkerung nervös machen. Und man wusste nicht einmal, warum sie an irgendwelchen Orten auftauchten. Manche Wissenschaftler vermuteten, dass die Aliens auf der Suche nach Leben auf Siliziumoxidbasis waren.

Forbes las aus beruflichen Gründen hin und wieder ein paar dieser Publikationen und fühlte sich hinterher genauso schlau wie vorher. Sie selbst glaubte nicht, dass die Sandis auf der Suche nach was auch immer waren. Sie versuchten vielleicht nur, die Zeit herumzukriegen, bis sich ihr Raumschiff wieder repariert hatte. Denn wenn sie nach Leben suchten, hätten sie irgendwie auf die ferngesteuerten Maschinen reagiert, mit deren Hilfe die Forscher mit ihnen zu kommunizieren versuchten. Manche von den Apparaten hatten viele Quarz-Komponenten gehabt, um das Interesse der Aliens zu wecken. Die Sandis ließen jedoch stets nur ihre Tentakel herumpeitschen und verschwanden wieder.

Deshalb fand Forbes die Frage ihres Teamleiters, wohin das Sandi denn wollte, völlig absurd. Die hatten keine Ziele, schlichen nur hin und her und störten den Verkehr.

Auf der anderen Straßenseite standen ein paar Menschen und verfolgten das Alien mit Blicken. Forbes ahnte, dass das Alien und seine Verfolgerin gerade auf einigen Plattformen im Live-Stream zu sehen waren, weil einige der Beobachter ihre Smartphones in den Händen hielten. Dann bog das Sandi erneut ab, und noch einmal einen Block weiter.

„Ich wünschte, die hätten keine Hummeln im Hintern“, seufzte Fan über Funk.

„Wenn es Ihnen gelingt, bei diesen Biestern einen Hintern zu finden, Julia, kriegen Sie den Nobelpreis“, versprach der Boss trocken. Von Fan hörte man als Antwort ein „Pfff“.

„Drei Blocks weiter in dieser Richtung liegt eine recht wohlhabende Gegend“, meinte Quinn. „Ich habe die örtlichen Sicherheitskräfte informiert.“

„Maria, ich schicke Ihnen Verstärkung. Für den Fall, dass jemand Mist baut, sind Sie befugt, Verhaftungen vorzunehmen.“

„Verstanden“, sagte Forbes.

Etwa hundert Meter entfernt landete eine Personendrohne und entließ Hansen, der sich sofort von dem Fluggerät entfernte. Personendrohnen waren nicht organisch und Hansen wollte das Alien nicht unnötig neugierig machen. Die Drohne schoss davon.

Das Sandi bewegte sich nun schneller, sodass Forbes in den Laufschritt wechseln musste, um dranzubleiben. Es wuselte an Hansen vorbei, der sich gerade noch in eine Hecke drücken konnte, um nicht von den Tentakeln aufgespießt zu werden. Hinein in eine engere Gasse, dann links durch eine etwas breitere, dann geradeaus und fünfzig Meter weiter nach rechts. Es wirkte fast so, als eilte das Alien nun auf ein Ziel zu. Forbes hätte ohne ihre Navi-Linsen längst die Orientierung verloren.

„Spielplatz voraus“, meldete Fan.

„Alarm an alle Empfänger in der Umgebung ist raus“, echote Quinn.

„Die Polizeieinheit gruppiert sich um“, sagte der Boss. „Kinderkrippe am Ende der Straße wird gesichert. Zwei Nachrichtendrohnen im Anflug, der Polizei wurde die Freigabe zum Abschuss erteilt.“

Im selben Moment gab es einen Knall fast direkt über Forbes. Sie duckte sich und wich instinktiv nach links aus. Geschmolzene Plastikfäden regneten dort herab, wo sie gerade noch gewesen war.

„Zweite Drohne zieht sich zurück.“ Der Boss klang ruhig, aber Forbes konnte sich seine Genugtuung vorstellen. Er hasste die Paparazzidrohnen. Forbes hätte diese hier auch gerne selbst erledigt, doch ihre Munition war organisch und für die Drohnen leider nicht geeignet. Außerdem war da immer noch das Sandi, dem sie auf den Fersen bleiben musste, oder was auch immer es stattdessen hatte.

Als sie wieder nach ihrem Zielobjekt blickte, musste sie schon wieder ausweichen, denn es sauste geradewegs auf sie zu. Wegen ihres Bio-Anzugs war sie eigentlich geschützt, doch was zum Teufel ..? Es peitschte mitten durch die Plastiktrümmer, griff mit den Tentakeln einige auf, führte sie zur Zentralkugel und warf sie wieder von sich. Dann preschte es wieder in Richtung Spielplatz.

Auf dem Kommunikationskanal herrschte verblüffte Stille. Dann meinte Quinn: „Hat ihm wohl doch nicht geschmeckt, was?“

„Vielleicht servieren wir ihm einfach beim nächsten Mal eine andere Kunststoffsorte“, schlug Fan vor.