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Märchenhafte Geschichten aus Chemnitz, über die Abenteuer von Zipfelhüpf und seinen Freunden, zum Selbstlesen für Kinder ab acht Jahren.
Das E-Book Der Kellerkobold vom Sonnenberg wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kobold,Keller,Chemnitz,Lesespaß,Stadtpark
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 42
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Stadtparkphantom
Abenteuer im Perm
Die Nixe aus dem Zeisigwald
Der Kellerkobold vom Sonnenberg
Weitere Informationen
Wir schreiben das Jahr 2015 und wie immer überschlagen sich die Zeitungen mit grotesken Schlagzeilen. So auch mit dieser vom 3. Juli: „Rhododendron- Zwerg springt Rentnerin an.“ Die kurze Meldung dazu lautete: „In den frühen Morgenstunden sprang eine zwergenhafte Gestalt aus einem Rhododendrongebüsch im Chemnitzer Stadtpark und erschreckte eine Rentnerin fast zu Tode. Die alte Dame erlitt einen schweren Schock und musste notärztlich behandelt werden. Die genaueren Umstände der Tat sind noch unklar.“
Zwei Tage später traf es just am selben Busch einen Jogger, welcher zu Fall kam und mit Prellungen und bösen Abschürfungen in der Notaufnahme landete. Die Polizei nahm Ermittlungen auf und befragte die Opfer zum Tathergang. Übereinstimmend erklärten beide, es habe sich um einen männlichen Täter gehandelt, welcher auffällig dürr gewesen sei. Zudem sei das halbe Gesicht von einem struppigen, schmutziggrauen Vollbart zugewuchert gewesen, so dass man nur habe die blutroten Augen sehen können.
Ah ja. Blutrote Augen. Bevor jemand auf die Idee kam, am geistigen Zustand der Angefallenen zu zweifeln, erstatteten zwei neue Geschädigte Anzeige. Einer von ihnen rief noch vor Ort nach den Beamten und berichtete, der Fremde habe ihn nicht nur mit extrem langen Fingernägeln attackiert, sondern auch noch ins Genick gebissen. Und tatsächlich, auf seiner Haut zeichneten sich blutunterlaufen die Abdrücke menschlich aussehender Zahnreihen ab.
Man richtete ein Sondereinsatzkommando ein, legte sich vor Ort auf die Lauer, installierte Infrarotkameras und staunte nicht schlecht, als immer mehr Bürger behaupteten, sie seien auch an anderen Stellen im Park von einem Zwerg angesprungen worden. Aber weder die Beamten noch die Aufzeichnungen der Kameras konnten Licht ins Dunkel bringen. Die weithin gellenden Angst- und Schmerzensschreie der Betroffenen zeigten den Häschern bestenfalls, dass sie wieder genau am falschen Platz gelauert hatten.
Profiler begannen aufwendige Analysen und kamen zu dem Ergebnis, der, offensichtlich psychisch gestörte Fremde, ging ausschließlich auf Personen los, die größer als er selber waren. Dabei machte er keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Er sprach bei den Überfällen kein Wort. So blitzschnell, wie er ihnen, bevorzugt, ins Genick sprang, tauchte er auch wieder im jeweiligen Gebüsch unter.
Die unmittelbare Nähe des Wassers schien er zu meiden. Jedenfalls wurde er weder an Teichen noch am Chemnitz-Fluss und genau so wenig bei Regen gesichtet. Von Raubüberfällen konnte man nur bedingt sprechen. Wenn, dann klaute er seinen geschockten Opfern das Essen aus der Hand. Sämtliches anderes Eigentum ließ er völlig unangetastet.
Als man des Delinquenten auch nach vier Monaten noch nicht habhaft war, zog man die Polizisten ab und warnte ganz einfach mit Schildern davor, mit Einbruch der Dunkelheit den Park zu betreten. Die Presseleute blieben noch eine Weile, verschwanden aber, als es immer kälter wurde, ebenfalls, um sich lohnenderen Geschichten zu widmen.
Schließlich überzog der erste Schnee die kahlen Sträucher mit einem weißen Tuch und langsamem Vergessen.
Nun ja, nicht ganz – Hundebesitzer fanden morgens immer wieder die Stapfen kleiner nackter Füße. Ihre Tiere machten um einen bestimmten Busch einen großen Bogen und ein paar ganz Neugierige stocherten mit ihrem Spazierstock im kahlen Geäst herum, weil sie hofften, das Geheimnis zu ergründen.
Das Phantom schien zwar noch da, aber in einer Art Winterstarre zu sein, denn es ließ die eiligen Passanten allesamt unbehelligt vorbeiziehen. Eine mitleidige Frau hatte neben einer Bank Sonnenblumenkerne für die hungernden Vögel gestreut und die halb volle Tüte dort vergessen. Als sie wenige Augenblicke später zurückkam, um sie zu holen, fehlte vomFutter jede Spur. Dafür war rund um die Stelle alles mit den Tapsen nackter Füßchen bedeckt.
Kaum zu Hause angekommen, schickte sie mir eine Mail, weil sie wusste, dass ich immer Stoff für neue Geschichten brauchte.
So beschloss ich, trotz des dichten Schneetreibens, sofort den Ort des Geschehens aufzusuchen. Meine innere Stimme drängte mich geradezu, dies zu tun. Eingemummt, als bräche ich zu einer Nordpolexpedition auf, stapfte ich durch die Winterlandschaft. Sie hatte mir die Stelle recht gut beschrieben und ich fand sogar ein paar Schalenreste der Kerne. Zudem bemächtigte sich mir das Gefühl, intensiv beobachtet zu werden.
Ich hockte mich, so dass ich den Busch noch in den Augenwinkeln sehen konnte,seitlich auf die äußerste Kante der Bank. „Du musst keine Angst haben“, dachte ich intensiv, in der Hoffnung, der Fremde könne meine Botschaft empfangen. „Wenn du hungrig bist, komm her! Ich habe dir Schinkenbrote und ein paar Kekse mitgebracht.“
„Zeigt sie mir!“, hörte ich es deutlich im Geäst wispern und erschrak nun doch etwas.
Ich zog das Päckchen aus meiner Manteltasche, öffnete es und bemerkte eine huschende Bewegung zwischen den kahlen Zweigen.
Mit den Worten: „Na komm schon her. Ich bin unbewaffnet“, hielt ich es dem Fremdling gut sichtbar hin.
Zögernd schlich er näher, versuchte, in meinen Augen zu lesen, und griff blitzschnell eines der belegten Brote.
„Das ist alles für dich“, erklärte ich. „Setz dich zu mir. Erzähle, wer du bist, wo du her kommst und was du hier treibst.“
