Der Kinogeher - Walker Percy - E-Book

Der Kinogeher E-Book

Walker Percy

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Beschreibung

Die Filmbesuche des Kinogehers lassen sich nicht als triviale Zerstreuung verstehen, sie offenbaren ihm die Einsamkeit und Hilflosigkeit seiner Suche. Doch jene Suchen, von denen die Filme erzählen, sind verfälscht: Der Held und Außenseiter endet glücklich als Konformist in der Menge. Die Mutter des Kinogehers, die ihr Kind der vornehmen Verwandtschaft überließ, als sie den einfachen zweiten Mann heiratete, eine Schafferin, die das hier und jetzt Notwendige ohne viel Worte tut, gibt dem Sohn einen Hinweis, als sie in ihrer unsentimentalen Art ihm von der Unrast und den Depressionen seines Vaters, des Arztes, berichtet. Schließlich findet der Kinogeher einen Weg, auf dem er zu suchen beginnen kann. Der Weg führt fort von leicht verdientem Geld und schönen Mädchen, fort auch von spektakulärer Leistung ... »Eine seltene wahre Geschichte« nennt der Üersetzer Peter Handke den Roman, den ersten des Autors, der 1961 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde und Walker Percy sofort bekannt machte.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Der Kinogeher ist der erste Roman von Walker Percy (1916-1990); er schrieb ihn mit fünfundvierzig Jahren. Seit seiner Erstveröffentlichung 1960 hat er eine anhaltende Wirkung entfaltet. Es ist die Wirkung eines Buchs, das sein Übersetzer Peter Handke »eine seltene wahre Geschichte« genannt hat, jenseits der aktuellen Ideologien oder Schreibtheorien.

 Jack Bolling ist Sproß einer seit Generationen in New Orleans ansässigen begüterten Familie und erfolgreicher Makler. Er geht häufig ins Kino und ist nicht wählerisch in seinen Ansprüchen an Film und Filmtheater. Vergeblich redet er sich ein, daß ihn sein Leben zufriedenstellt. Der dreißigste Geburtstag steht bevor, und Bolling erinnert sich, daß er vor zwölf Jahren, im Koreakrieg, beschlossen hat, sich auf die »Suche« zu machen. Das Ziel dieser Suche mag eine Wahrheit sein, die andere längst gefunden haben oder die keiner je gefunden hat – es wäre, so oder so, die für ihn geltende Lebenswahrheit. Der Roman erzählt die Geschichte dieser Suche. Das Eigentümliche der Romane von Walker Percy hat Peter Koslowski in der Neuen Zürcher Zeitung so benannt: »… ein Œuvre von philosophischer Durchdringung und dichterischer Unmittelbarkeit, das man zu diesem Zeitpunkt nicht erwarten konnte und um das man die zeitgenössische amerikanische Literatur beneiden darf.«

Walker PercyDer Kinogeher

Roman

Deutsch vonPeter Handke

Titel des amerikanischen Originals: The Moviegoer

© 1960, 1961 by Walker Percy

Die amerikanische Erstausgabe erschien 1960 bei Alfred A. Knopf, New York.

Textvorlage der deutschen Fassung war die 1963 bei Eyre & Spottiswoode in London erschienene Ausgabe.

Die geringfügigen Kürzungen in der Übersetzung erfolgten im Einverständnis mit Walker Percy.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der Bibliothek Suhrkamp 1494

© der deutschen Ausgabe

Suhrkamp Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlag: Konzept von Willy Fleckhaus

Umschlagabbildung: Walker Percy: The Movie-Goer. London: Eyre & Spottiswoode 1963, Übersetzungsexemplar Peter Handkes mit eigenhändigen Anmerkungen, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek Wien, ÖLA SPH/LW/W133

eISBN 978-3-518-74488-8

W. ‌A. ‌P.in Dankbarkeit

»… das Besondereder Verzweiflung ist eben dies:sie weiß nicht,daß sie Verzweiflung ist …«

Søren Kierkegaard

Die Krankheit zum Tode

Was folgt, ist ein Werk der Einbildung. Jeder Charakter (ausgenommen die Kinostars) und jedes Vorkommnis sind ohne Ausnahme erfunden. Eine Ähnlichkeit mit wirklichen Personen ist nicht beabsichtigt und sollte auch nicht ableitbar sein. Wenn Kinostars erwähnt werden, ist es nicht die Person des Schauspielers, die gemeint ist, sondern der Charakter, den er auf der Leinwand darstellt. Die Geographie von New Orleans und den Bayous ist leicht verändert worden. Zu »Feliciana Parish«: es gibt Bezirke namens East Feliciana und West Feliciana, aber ich kenne in beiden keine Seele.

EINS

1

Heute morgen bekam ich ein Billett von meiner Tante: ob ich zum Lunch kommen könne? Ich weiß, was das heißt. Da ich jeden Sonntag zum Abendessen hingehe und heute Mittwoch ist, kann es nur heißen: sie wünscht eins ihrer seriösen Gespräche. Es wird äußerst ernst sein, entweder eine schlechte Neuigkeit über ihre Stieftochter Kate oder ein seriöses Gespräch über mich und meine Zukunft. An sich genug, einem die Laune zu verderben, doch ich bekenne, daß ich in der Einladung insgesamt nichts Unangenehmes sehe.

Ich erinnere mich an den Tag, als mein älterer Bruder Scott an Lungenentzündung starb. Ich war acht Jahre alt. Meine Tante war bei mir, und sie nahm mich mit auf einen Spaziergang hinter das Krankenhaus. Es war eine interessante Straße: auf der einen Seite Kraftwerk, Gebläse und Verbrennungsofen des Krankenhauses, alle summend und einen heißen Fleischgeruch ausstoßend; auf der andern Seite eine Reihe von Negerhäusern. Kinder, alte Leute und Hunde saßen auf den Veranden und betrachteten uns. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß Tante Emily alle Zeit der Welt zu haben schien und willig beredete, was auch immer ich zu bereden wünschte. Etwas Außerordentliches, Gutes war geschehen. Wir gingen langsam, im Gleichschritt. »Jack«, sagte sie, mich fest an sich drückend und zu den Negerhütten hinüber lächelnd, »du und ich, wir sind doch immer gut miteinander ausgekommen?« »Yes ma'am.« Mein Herz tat einen heftigen Schlag, und hinten am Nacken kribbelte es wie bei einem Hund. »Ich habe eine schlechte Nachricht für dich, Kind.« Noch nie hatte sie mich so eng an sich gedrückt. »Scotty ist tot. Nun bist du der einzige. Es wird schwer für dich sein, aber ich weiß, daß du handeln wirst wie ein Soldat.« Wahr: es fiel mir leicht, zu handeln wie ein Soldat. War das alles, was ich zu tun hatte?

Das erinnert mich an einen Film, den ich letzten Monat draußen am Lake Pontchartrain gesehen habe. Linda und ich gingen aus, in ein Kino in einem neuen Vorort. Es war offensichtlich, daß sich jemand verrechnet hatte, denn der Vorort hatte zu wachsen aufgehört, und das Kino, ein rosa Stuckwürfel, stand ganz vereinzelt in einem Feld. Ein starker Wind warf die Wellen gegen den Deich; auch im Kino drinnen war der Krach zu hören. Der Film handelte von einem Mann, der bei einem Unfall sein Gedächtnis und folglich alles verlor: Familie, Freunde, Geld. Er kam zu sich als Fremder in einer fremden Stadt. Hier mußte er neu anfangen, einen neuen Platz zum Leben finden, einen neuen Beruf, eine neue Frau. Die Geschichte seiner Verluste war auf eine Tragödie angelegt, und er schien sehr zu leiden. Andererseits war seine Lage schließlich nicht so arg. Er fand binnen kurzem einen pittoresken Wohnplatz, ein Hausboot auf einem Fluß und ein sehr hübsches Mädchen, die Bibliothekarin des kleinen Ortes.

Nach dem Film standen Linda und ich vor dem Eingang und sprachen mit dem Geschäftsführer, oder hörten ihm eher zu, wie er sich beklagte: das Kino war fast leer, was mir gefiel, aber nicht ihm. Es war eine schöne Nacht, und ich fühlte mich sehr wohl. Über uns war der schwärzeste Himmel, den ich je gesehen hatte; ein schwarzer Wind trieb den See auf uns zu. Die Wellen sprangen über den Deich und bespritzten die Straße. Der Geschäftsführer mußte brüllen, um sich verständlich zu machen, und aus dem Trottoirlautsprecher gerade über seinem Kopf zirpte die Konversation zwischen dem Mann ohne Gedächtnis und der Bibliothekarin. Es war die Stelle, wo sie die Zeitungsstöße nach einer Spur seiner Identität durchsuchen (er hat die vage Erinnerung an einen Unfall). Linda stand unglücklich daneben. Sie war aus demselben Grund unglücklich, aus dem ich glücklich war – weil wir in einem Vorortkino draußen in der Ödnis waren, und ohne Wagen (ich habe einen Wagen, aber ich fahre lieber mit Bussen und Straßenbahnen). Ihre Vorstellung von Glück: ins Zentrum chauffiert zu werden und im Blue Room des Roosevelt Hotels zu dinieren. Dazu bin ich von Zeit zu Zeit verpflichtet. (Und es zahlt sich auch aus.) Bei diesen Gelegenheiten wird Linda so aufgeregt wie ich jetzt. Ihre Augen schimmern, ihre Lippen werden feucht, und wenn wir tanzen, streift sie mit ihren schönen langen Beinen leicht die meinen. In solchen Momenten liebt sie mich tatsächlich – und nicht, um sich für den Blue Room erkenntlich zu zeigen. Sie liebt mich, weil es dieser romantische Ort ist, der sie erregt, und nicht ein Film draußen in der Ödnis.

Aber all das ist Vergangenheit. Linda und ich haben uns getrennt. Ich habe eine neue Sekretärin, ein Mädchen namens Sharon Kincaid.

Seit vier Jahren lebe ich ohne besondere Vorkommnisse in Gentilly, einem Mittelklassen-Vorort von New Orleans. Gäbe es nicht die Bananensträucher in den Patios und die Eisenschnörkel am Walgreen Drugstore, würde man nie denken, in einem Teil von New Orleans zu sein. Die meisten Häuser sind entweder Bungalows im altkalifornischen Stil oder neumodische Daytona Cottages. Aber das ist es, was ich daran mag. Ich kann die »Alte-Welt«-Atmosphäre des French Quarter nicht leiden, auch nicht den gezierten Charme des Garden District. Ich habe zwei Jahre lang im Quarter gelebt, aber schließlich wurde ich überdrüssig der Birmingham-Businessmen, die blöd in der Bourbon Street herumgrinsen, und auch der Homosexuellen und Connoisseure in der Royal Street. Onkel und Tante bewohnen ein graziöses Haus im Garden District und sind sehr freundlich zu mir. Aber sooft ich dort zu leben versuche, verfalle ich zuerst in eine Raserei, die mich starke Meinungen zu verschiedenen Themen äußern und Briefe an Herausgeber schreiben läßt, und dann in eine Niedergeschlagenheit, in der ich stundenlang stocksteif liege und zu dem Stuckmedaillon an der Decke des Schlafzimmers hinaufstarre.

Das Leben in Gentilly ist sehr friedvoll. Mein Onkel betreibt eine Börsenmaklerei, und ich kümmere mich um ein kleines Filialbüro. Mein Heim ist die untere Wohnung eines erhöhten Bungalows, der Mrs. Schexnaydre gehört, der Witwe eines Feuerwehrmanns. Ich bin ein Modellmieter und ein Modellbürger, und es gefällt mir, alles zu tun, was von mir erwartet wird. Meine Brieftasche ist gestopft mit Identitätskarten, Bibliothekskarten, Kreditkarten. Letztes Jahr habe ich einen flachen, olivfarbenen Geldschrank gekauft, glatt und robust, mit doppelten Wänden als Feuerschutz: da habe ich meine Geburtsurkunde hineingelegt, das College-Diplom, die Ehrenvolle Entlassung, die G. ‌I.-Versicherung, ein paar Aktien und meine Erbgutbescheinigung: ein Anteil an zehn Morgen einer ehemaligen Entenjagd drunten im St. Bernard Bezirk – einziges Überbleibsel von meines Vaters vielen Begeisterungen. Es ist ein Vergnügen, die Pflichten eines Bürgers zu befolgen und dafür eine Quittung oder eine saubere Kunststoffkarte mit dem eigenen Namen drauf zu kriegen, die einem sozusagen das Existenzrecht bescheinigt. Wie es mich befriedigt, jeweils gleich am ersten Tag das Autoschild und den Bremsen-Sticker abzuholen! Ich bin Abonnent der Consumer Reports und besitze folglich einen erstklassigen Fernseher, ein (nicht gerade ruhiges) Klimagerät und ein sehr lang vorhaltendes Deodorant. Meine Achselhöhlen stinken nie. Ich höre aufmerksam alle Radiodurchsagen über geistige Gesundheit, die sieben Anzeichen von Krebs, und über sicheres Fahren – obwohl ich es, wie gesagt, vorziehe, den Bus zu nehmen. Gestern sprach einer meiner Helden, William Holden, im Radio ein Statement über den Abfall in der Landschaft. »Gestehn wir's ein«, sagte Holden. »Niemand kann was dran ändern – ausgenommen Sie und ich.« Das ist wahr. Ich bin seitdem achtsam gewesen.

An den Abenden schaue ich gewöhnlich fern oder gehe ins Kino. Die Wochenenden verbringe ich oft an der Golfküste. Unser Kino in Gentilly hat eine Inschrift am Vordach: »Wo Glück so wenig kostet.« Ich bin tatsächlich ganz glücklich in einem Film, sogar in einem schlechten. Andre Leute (so habe ich gelesen) horten erinnernswerte Momente ihres Lebens: den Sonnenaufgang, als man dem Parthenon entgegenstieg, die Sommernacht, als man im Central Park ein einsames Mädchen traf und mit ihr eine zärtliche und natürliche Beziehung einging (wie es in den Büchern heißt). Auch ich habe im Central Park einmal ein Mädchen getroffen, aber da gibt's nicht viel zu erinnern. Dagegen erinnere ich mich an den Moment, als John Wayne, in Stagecoach auf die staubige Straße fallend, mit einem Karabiner drei Männer tötete, und an den Moment, als im Third Man das Kätzchen Orson Welles im Torweg fand.

Meine Begleitung bei solchen abendlichen Ausgängen und Wochenend-Trips ist gewöhnlich meine Sekretärin. Ich habe bis jetzt drei Sekretärinnen gehabt, Marcia, Linda und nun Sharon. Vor zwanzig Jahren muß nahezu jedes zweite in Gentilly geborene Mädchen Marcia genannt worden sein. Etwa ein Jahr danach war es »Linda«. Dann Sharon. In jüngster Zeit, habe ich bemerkt, ist der Name Stephanie Mode geworden. Drei meiner Bekannten in Gentilly haben Töchter namens Stephanie. Letzte Nacht habe ich einen Fernsehfilm über einen Kernexplosionstest gesehen. Keenan Wynn spielte einen Physiker im Zwiespalt, der es oft schwer mit seinem Gewissen hatte. Er unternahm einsame Spaziergänge in der Wüste. Aber es war klar, daß es ihm in seinem innersten Herzen bei der Seelen-Erforschung sehr gut ging. »Welches Recht haben wir, zu tun, was wir gerade tun?« pflegte er, mit einer bitteren Stimme, seine Kollegen zu fragen. »Ich denke vor allem an meine vierjährige Tochter«, sagte er zu einem andern Kollegen und zog einen Schnappschuß hervor. »Welche Zukunft schaffen wir ihr?« »Wie heißt Ihre Tochter?« fragte der Kollege, mit einem Blick auf das Photo. »Stephanie«, sagte Keenan Wynn mit rauher Stimme. Der Klang des Namens erzeugte ein scharfes Kribbeln in meinem Nacken. In zwanzig Jahren werde ich vielleicht eine rosige junge Stephanie an meiner Schreibmaschine sitzen haben.

Ich würde ja gern sagen, daß ich meine Sekretärinnen, diese glänzenden Mädchen, zuerst erobert und dann nacheinander wie alte Handschuhe weggeworfen habe, doch das wäre nicht ganz wahr. Es handelt sich eher um Liebesgeschichten. Jedenfalls fingen sie als Liebesgeschichten an, schöne, sorglose. Verzückungen, die Marcia oder Linda (aber noch nicht Sharon) und mich die Golfküste entlangsausen und dann umschlungen in einer einsamen Bucht von Ship Island liegen ließen, fast ungläubig über das gütige Geschick, ungläubig, daß die Welt solch ein Glück enthielt. Jedoch bei Marcia und Linda endete die Geschichte, gerade als ich dachte, unsere Beziehung käme in ihre beste Zeit. Die Luft im Büro wurde dick von stummen Vorwürfen. Es wurde unmöglich, ein Wort oder einen Blick zu wechseln, die nicht belastet gewesen wären mit tausend versteckten Bedeutungen. Zu allen Stunden der Nacht kam es zu Telefongesprächen, die fast nur aus langen Schweigepausen bestanden – wobei ich mein Gehirn abmarterte nach einem Wort, während am anderen Ende kaum mehr zu hören war als Atmen und Seufzen. Wenn dieses lange Schweigen am Telefon eintritt, ist das ein sicheres Zeichen für das Ende der Liebe. Nein, es waren keine Eroberungen. Denn zuletzt waren meine Lindas und ich einander so überdrüssig, daß wir uns gern Lebewohl sagten.

Ich bin ein Wertpapier-Makler. Es stimmt, daß meine Familie über diese Berufswahl ziemlich enttäuscht war. Einmal hatte ich daran gedacht, Recht oder Medizin oder gar reine Wissenschaft zu studieren. Ich habe sogar geträumt, Großes zu unternehmen. Aber es spricht viel dafür, solch bedeutende Ambitionen aufzugeben und das allergewöhnlichste Leben zu führen, ein Leben ohne die früheren Sehnsüchte; Aktien, Pfandbriefe und Wechsel zu verkaufen; wie alle Welt um fünf von der Arbeit wegzugehen; ein Mädchen zu haben, sich eines Tages vielleicht niederzulassen und einen Schock von eigenen Marcias, Sandras und Lindas aufzuziehen. Außerdem ist die Börsenmaklerei interessanter, als man denkt. Es ist gar kein arges Leben.

Mrs. Schexnaydre und ich wohnen an den Elysian Fields, der Hauptverkehrsstraße des Faubourg Marigny. Obwohl sie, wie die originalen Champs Elysées, als der Stadtboulevard geplant waren, ging etwas schief, und nun verläuft die Straße unscheinbar vom Strom zum See, vorbei an Einkaufszentren, zweistöckigen Blocks, Bungalows und einstöckigen Cottages. Aber sie ist sehr breit und luftig und scheint wahrhaftig wie ein Feld unter dem Himmel zu liegen. Mrs. Schexnaydres Nachbarhaus ist eine ganz neue Schule. Ich habe die Gewohnheit, an Sommerabenden nach der Arbeit zu duschen und dann in Hemd und Hose hinüber zu dem verlassenen Spielplatz zu spazieren und da auf dem Ozeanwellen-Karussell zu sitzen, die Kinoseite der Times-Picayune zur einen Hand, das Telefonbuch zur andern, auf den Knien einen Stadtplan. Wenn ich meine Wahl getroffen und eine Route festgelegt habe – oft in die weitere Umgebung wie Algiers oder St. Bernard –, gehe ich im letzten goldenen Tageslicht auf dem Schulhof umher und bewundere das Gebäude. Alles ist so blank: die vom Sonnenuntergang geröteten Aluminiumrahmen in der Ziegelmauer, die prächtigen Terrazzo-Fußböden und die wie Flügel geformten Pulte. Über der Tür hängt an Drähten ein stilisierter Vogel, vermutlich der Heilige Geist. Der Gedanke, daß die Ziegel, das Glas und das Aluminium aus gewöhnlichem Schmutz gewonnen wurden, gibt mir eine liebliche Idee von der Güte der Schöpfung – obwohl das ohne Zweifel weniger ein religiöses Gefühl ist als ein finanzielles, besitze ich doch ein paar Anteile von Alcoa. Wie glatt, wohlgeformt und maßgerecht sich das Aluminium anfühlt!

Aber unversehens haben sich die Dinge verändert. Meine friedvolle Existenz in Gentilly hat sich kompliziert. Heute früh, zum ersten Mal seit Jahren, erschien mir wieder die Möglichkeit einer »Suche«. Ich träumte vom Krieg, oder, besser gesagt, erwachte mit seinem Geschmack im Mund, dem Geschmack bitterer Quitten von 1951 und dem Fernen Osten. Ich erinnerte mich an das erste Mal, als die »Suche« mir begegnete. Ich kam zu mir unter einem Chindoleabusch. Für mich gilt immer das Gegenteil vom üblichen: das werde ich später noch erklären. Was allgemein als »die schönste Zeit« betrachtet wird, ist für mich die schlimmste, und dieser schlimmstmögliche Moment war einer meiner schönsten. Meine Schulter tat nicht weh, war aber gegen den Boden gepreßt, als säße jemand auf mir. Nah vor meiner Nase scharrte ein Mistkäfer unter den Blättern. In mir erwachte da beim Zuschauen eine unmäßige Neugier. Ich war etwas auf der Spur. Ich gelobte: käme ich je aus dieser Lage heraus, würde ich die Suche ständig betreiben. Natürlich vergaß ich alles, sobald ich wiederhergestellt war und heimkam. Heute morgen zog ich mich nach dem Aufstehen wie üblich an und begann wie üblich meine kleine Habe einzustecken: Brieftasche, Notizbuch (zum Niederschreiben gelegentlicher Gedanken), Bleistift, Schlüssel, Schneuztuch, Taschenrechner (zum Berechnen der Kapitalzinsen). Diese Dinge schauten unvertraut aus, und waren zugleich voll von Hinweisen. Ich stand mitten im Zimmer und starrte durch ein Loch, gebildet aus Daumen und Zeigefinger, auf den kleinen Stapel. Unvertraut an ihnen war, daß ich sie wahrnehmen konnte. Sie hätten jemand ganz anderem gehören können. Ein Mensch kann einen solchen kleinen Stapel auf seinem Schreibtisch dreißig Jahre lang anschauen und ihn kein einziges Mal sehen. Er ist so unsichtbar wie die eigene Hand. In dem Moment jedoch, als ich ihn sah, wurde die Suche möglich. Ich badete, rasierte mich, zog mich sorgfältig an, und saß dann am Tisch und durchstöberte den kleinen Stapel nach einem Hinweis, gerade wie der Fernsehdetektiv mit seinem Bleistift die Habseligkeiten eines Ermordeten durchstöbert.

Die Idee der Suche kommt wieder, als ich unterwegs zum Haus meiner Tante bin, auf der Fahrt im Gentilly-Bus die Elysian Fields hinunter. Die Wahrheit ist: ich mag keine Autos. Sooft ich Auto fahre, habe ich das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein. Die Leute auf der Straße können einen nicht sehen; sie starren nur auf den hinteren Kotflügel, bis der ihnen aus dem Weg ist. Die Elysian Fields sind nicht die kürzeste Route zum Haus meiner Tante. Aber ich habe meine Gründe, den Weg durch das French Quarter zu nehmen. William Holden, so stand heute früh in der Zeitung, ist in New Orleans für ein paar Filmszenen, an der Place d'Armes. Es wäre interessant, ihn für einen Augenblick zu sehen.

Es ist ein düsterer Märztag. Die Sumpffeuer von Chef Menteur lodern noch, und der Himmel über Gentilly ist aschenfarbig. Der Bus ist voll mit Shoppern, fast nur Frauen. Die Fenster sind bedunstet. Ich sitze auf dem Längssitz vorn. Neben und vor mir sitzen und stehen Frauen. Auf der langen hinteren Sitzbank sind fünf Negerinnen, so schwarz, daß sie das ganze Heck des Busses verdunkeln. Auf dem ersten Quersitz, mir zunächst, ein sehr gut aussehendes Mädchen, drall, aber nicht allzugroß, vom Kopf bis zur Zehe in Zellophan, die zurückgeschobene Kapuze überglänzt von einem Helm schwarzer Haare. Sie ist herrlich, mit ihrem gespaltenen Zahn und ihren Prinz-Eisenherz-Fransen. Graue Augen und weitgeschwungene schwarze Brauen, kräftige Arme und schöngeschwellte Waden oberhalb der Zellophanstiefel. Eine jener einzelgängerischen Amazonen, die man auf der 57. Straße in New York trifft oder im Nieman Marcus in Dallas. Unsere Blicke begegnen einander. Täusche ich mich, oder sind ihre Mundwinkel auch sonst leicht vertieft und ist der Schwung ihrer Unterlippe auch sonst so köstlich geglättet? Sie lächelt – mich an. Mein Verstand stößt sofort auf ein halbes Dutzend Schemata, den schrecklichen Moment der Trennung zu verhindern. Zweifellos ist sie aus Texas. Sie können Männer fast nie richtig einschätzen, diese leuchtenden Amazonen. Die meisten Männer haben Angst vor ihnen, und so werden sie das Opfer des ersten kleinen Mickey-Rooney-Gebildes, das ihnen in den Weg kommt. In einer besseren Welt sollte es mir möglich sein, sie so anzusprechen: Hör, Darling, du siehst, daß ich dich liebe. Wenn du im Sinn hast, so einen kleinen Mickey zu treffen, überleg es dir besser. Welch eine Tragödie, daß ich sie nicht kenne und sie wahrscheinlich nie wiedersehen werde. Was für eine schöne Zeit könnten wir mitsammen verbringen. Noch diesen Nachmittag könnten wir die Golfküste entlangbrausen. Was für Rücksicht und Zärtlichkeit würde ich ihr beweisen! Wäre das ein Film, brauchte ich nur zu warten. Der Bus würde von seinem Weg abkommen, oder die Stadt würde zerbombt, und sie und ich würden die Verwundeten pflegen. In Wirklichkeit aber kann ich genausogut aufhören, an sie zu denken.

Das ist der Moment, da mir die Idee der Suche wieder kommt. Ich werde davon beansprucht und vergesse für kurze Zeit das Mädchen.

Was ist das Wesen der Suche? fragen Sie.

Es ist wirklich sehr einfach, zumindest für einen wie mich; so einfach, daß es leicht zu übersehen ist.

Die Suche ist etwas, das jeder unternähme, wäre er nicht in die Alltäglichkeit seines Lebens versunken. Heute morgen zum Beispiel hatte ich das Gefühl, ich sei zu mir gekommen auf einer fremden Insel. – Und was tut solch ein Schiffbrüchiger? Er streunt herum und treibt Possen.

Sich der Möglichkeit der Suche bewußt zu werden heißt: etwas auf der Spur sein. Nichts auf der Spur sein, heißt: Verzweiflung.

Die Filme handeln von der Suche, fälschen sie aber ab. Die Suche endet da immer in Verzweiflung. Sie zeigen zum Beispiel einen Zeitgenossen, der an einem fremden Ort zu sich kommt – und was tut er? Er schließt sich mit der örtlichen Bibliothekarin zusammen, fängt an, den Kindern des Ortes zu beweisen, was für ein netter Kerl er ist, und wird ansässig. Binnen zwei Wochen ist er so sehr in Alltäglichkeit versunken, daß er ebensogut tot sein könnte.

Was suchen Sie – etwa Gott? fragen Sie lächelnd.

Ich zögere mit der Antwort, da doch alle andern Amerikaner das Problem für sich selbst gelöst haben. Eine solche Antwort liefe darauf hinaus, daß ich mir ein Ziel setzte, das sonst alle erreicht haben, und hieße also, eine Frage stellen, die niemanden auch nur im geringsten interessiert. Wer will denn auch unter 180 Millionen Amerikanern der hinterletzte sein? Denn wie jeder weiß, glauben nach den Meinungsumfragen 98% an Gott, und die übrigen 2% sind Atheisten und Agnostiker – was keinen einzigen Prozentpunkt für einen Sucher läßt. (Was mich betrifft, so beantworte ich Meinungsumfragen so gern wie jeder und freue mich, kluge Antworten auf alle Fragen zu geben.) Wahrhaftig: es ist die Furcht, die eigene Unwissenheit zu verraten, die mich zurückhält, das Ziel meiner Suche zu benennen. Kann ich doch nicht einmal die allereinfachste Frage beantworten: bin ich bei meiner Suche 100 Meilen vor oder 100 Meilen hinter meinen Mitbürgern? Das heißt: Haben 98% schon gefunden, was ich suche, oder sind sie so sehr in Alltäglichkeit versunken, daß ihnen nicht einmal die Möglichkeit einer Suche begegnet ist?

Ehrlich: ich weiß keine Antwort.

Als der Bus eine Betonüberführung hinauffährt, von wo man einen schönen Blick auf New Orleans hat, merke ich, daß ich mit gerunzelter Stirn eine edle junge Wade anstarre, die in metallblaues Nylon gehüllt ist. Jetzt ist sie sich fraglos meiner bewußt: sie zerrt heftig an dem Regenmantel und schaut mich verärgert an – oder bilde ich es mir ein? Weil ich sicher sein möchte, lüfte ich den Hut und lächle ihr zu: wir könnten immer noch Freunde werden. Aber das wirkt nicht mehr. Ich habe sie für immer verloren. Mit lautem Zellophangerassel stürzt sie aus dem Bus.

Ich steige an der Esplanade aus (Geruch von Röstkaffee und Kreosote) und gehe die Royal Street hinauf. Dieser untere Teil des Quarter ist der beste. Die Eisenmuster an den Balkonen hängen durch wie ausgeleierte Spitze. Kleine französische Cottages sind hinter hohen Mauern verborgen. Durch dunstverschleierte Fahrwege kann man in Hofräume blicken, die sich in Dschungel verwandelt haben.

Heute ist mein Glückstag. Wer biegt aus der Pirate's Alley, einen halben Block vor mir? – William Holden.

Holden überquert die Royal und wendet sich zur Canal Street. Bis jetzt ist er unerkannt. Die Touristen tummeln sich entweder vor den Kunstgewerbeläden oder fotografieren die Balkone. Sicher ist er unterwegs zum Lunch bei Galatoire's. Er ist ein attraktiver Gesell, unauffällig gut aussehend, tief sonnengebräunt. Er spaziert mit den Händen in den Taschen dahin, den Regenmantel über eine Schulter geworfen. Gerade überholt er ein junges Paar, das sich zwischen mir und ihm befindet. Nun gehen wir zu viert, in geringem Abstand. Ganz schnell habe ich ein Bild von dem Paar. Sie sind um die zwanzig und in den Flitterwochen. Keine Südstaatler. Wahrscheinlich aus dem Nordosten. Er trägt eine Jacke mit ledernen Ellbogenflicken, Röhrenhosen, angeschmutzte weiße Schuhe und geht mit dem Matrosengang der Nordstaaten-Studenten. Beide sind unscheinbar. Er hat dicke Lippen, kurzgeschnittenes, rötliches Haar und eine entsprechende Haut. Sie ist mickrig. Sie sind nicht wirklich froh. Er fürchtet, ihre Flitterwochen seien zu konventionell, sie seien ein übliches Flitterwochen-Paar. Zweifellos hat er sich vorgestellt, es könnte was sein, das Shenandoah Valley hinunter nach New Orleans zu chauffieren und den Flitterwöchnern an den Niagara-Fällen und in Saratoga aus dem Weg zu gehen. Und jetzt, 1500 Meilen von daheim, sind sie umzingelt von Paaren aus Memphis und Chicago. Er ist ängstlich; er wird bedrängt von allen Seiten. Jeder, an dem er vorbeigeht, ist ein Vorwurf, jeder Hauseingang eine Bedrohung. Was ist nur los? grübelt er. Und sie ist unglücklich, aber aus einem andern Grund – weil er unglücklich ist und sie das weiß, aber nicht weiß, warum.

Jetzt bemerken sie Holden. Die Frau stößt ihren Begleiter an. Für einen Moment wird der Mann lebhaft – aber der Anblick Holdens hilft ihm nicht wirklich. Im Gegenteil: Holdens glänzende Gegenwart macht ihm nur die eigene schattenhafte, unbelegbare Existenz deutlich. Offensichtlich ist ihm elender als je zuvor. Was für ein Geschäft, denkt er wohl, hinter einem Filmstar herzutrotten – ebenso könnten wir uns die Hälse verrenken in Hollywood.

Holden klopft die Taschen ab nach Streichhölzern. Er ist hinter einigen Damen stehengeblieben, die Eisenmöbel auf dem Trottoir betrachten. Sie wirken wie Hausfrauen aus Hattiesburg, die für einen Einkaufstag hierhergekommen sind. Er bittet um ein Streichholz; sie schütteln die Köpfe, und dann erkennen sie ihn. Verwirrung und Durcheinander. Niemand kann ein Streichholz für Holden finden. Inzwischen hat das Paar ihn eingeholt. Der junge Mann streckt ihm das Feuerzeug hin, beantwortet Holdens Dank mit einem knappen Nicken und geht weiter, ohne einen Schimmer von Erkennen zu zeigen. Holden bewegt sich einen Moment zwischen ihnen; er und der Junge reden kurz miteinander, blicken zum Himmel auf, schütteln die Köpfe. Holden schlägt ihnen auf die Schulter und geht von dannen.

Der Junge hat es erreicht! Er hat Berechtigung für die eigene Existenz gefunden, die nun so erfüllt ist wie die Holdens – indem er es vermied, zu solch einer Rotte zu gehören wie die Damen aus Hattiesburg. Er ist ein Bürger wie Holden; sie sind zwei Weltmänner. Ganz unversehens steht die Welt ihm offen. Niemand droht mehr aus einem Patio heraus oder aus einer Sackgasse. Auch sein Mädchen ist ihm wieder zugänglich. Er legt ihr den Arm um den Nacken, ribbelt ihren Kopf. Auch sie fühlt die Veränderung. Sie hat nicht gewußt, was los war, ahnt auch nicht, wie es sich wieder gefügt hat, doch jetzt weiß sie: alles ist gut.

Holden ist in die Toulouse Street abgebogen und strahlt im Gehen ein Licht aus. Eine Aura erhöhter Wirklichkeit bewegt sich mit ihm, und alle, die da hineingeraten, fühlen sie. Nun bemerkt ihn jeder. Er zieht förmlich einen Strudel zwischen den Touristen und den Barkeepern und -mädchen, die an die Türen der Lokale gerannt kommen.

Ich fühle mich hingezogen zu Filmstars, aber nicht aus den üblichen Gründen. Ich habe kein Verlangen, Holden anzusprechen oder sein Autogramm zu kriegen. Es ist ihre besondere Wirklichkeit, die mich beschäftigt. Der junge Yankee ist sich ihrer wohlbewußt, auch wenn er getan hat, als kennte er Holden nicht. Selbstverständlich würde er nichts lieber tun, als Holden auf die beiläufigste Weise zu seinem Verbindungshaus mitnehmen. »Bill, ich möchte Ihnen Phil vorstellen. Phil, Bill Holden«, würde er sagen und im besten Matrosengang zur Seite schlendern.

Es ist Lunchzeit in der Canal Street. Eine Parade zieht vorbei, aber niemand schaut besonders hin. Es ist noch eine Woche bis zum Mardi Gras, und es handelt sich um eine neue Parade, eine Frauen-»krewe« aus Gentilly. Eine krewe ist eine Gruppe von Leuten, die zur Karnevalszeit zusammenkommen und eine Parade und einen Ball veranstalten. Jedermann kann eine Krewe bilden. Natürlich bestehen die berühmten alten Krewes wie Comus, Rex und Twelfth Night weiter fort, aber es gibt Dutzend andere. Vor kurzem bildete eine Gruppe von »Syrern« aus Algiers eine Krewe namens Isis. Die Krewe heute muß die von Linda sein. Ich habe versprochen, sie anzuschauen. Rote Traktoren ziehen die Festwagen; Gerüste knarren, Papier und Leinwände zittern. Ich vermute, daß Linda unter dem halben Dutzend Schäferinnen ist, die kurze Faltenröcke tragen und Sandalen mit über den bloßen Waden gekreuzten Riemen. Aber ich bin nicht sicher, denn sie sind maskiert. Wenn Linda darunter ist, dann sind mir ihre Beine schon schöner vorgekommen. Alle zwölf Beine haben eine Gänsehaut. Ein paar Geschäftsleute bleiben stehen, um die Mädchen zu betrachten und Flitterzeug aufzufangen.

Ein warmer Südwind türmt die Wolken auf und trägt ein fernes Gerumpel herbei, das erste Gewitter des Jahres. Die Straße wirkt gewaltig. Die Leute erscheinen in der Entfernung winzig und archaisch, wie Fußgänger auf alten Drucken. Täusche ich mich, oder hat sich ein Nebel von Beklommenheit, ein dünnes Gas von Unbehagen auf die Straße gesenkt? Die Geschäftsleute eilen zurück in ihre Büros, die Shopper zu ihren Autos, die Touristen zu ihren Hotels. O William Holden: wir brauchen dich wieder. Schon wird das Gewebe fadenscheinig ohne dich.

Das Dunkel vertieft sich. Zehn Minuten stehe ich und rede mit Eddie Lovell, und als wir uns schließlich die Hand geben und auseinandergehen, könnte ich nicht die kleinste Frage darüber beantworten, was da gerade gewesen ist. Wie ich Eddie zuhöre, der selbstverständlich und stetig von einer Sache nach der andern redet – dem Geschäft, seiner Frau Nell, dem alten Haus, das sie gerade auffrischen –, ordnet sich das Gewebe zu einem klaren Muster aus Investitionen, Familienprojekten, lieblichen alten Häusern, ein bißchen Lektüre von Theaterstücken usw. Es überkommt mich: das ist nicht das Leben. Mein Exil in Gentilly ist die schlimmste Selbsttäuschung gewesen.

Ja! Schauen Sie ihn an. Während er redet, schlägt er eine gefaltete Zeitung gegen das Hosenbein, und seine Augen betrachten mich und erkunden zugleich das Terrain hinter mir: es entgeht ihnen da nicht die kleinste Bewegung. Ein grüner Laster biegt in die Bourbon Street hinab; die Augen schätzen ihn ein, stoppen ihn, verlangen die Papiere, winken ihn weiter. Ein Geschäftsmann geht ins Maison Blanche; die Augen wissen von ihm, wissen sogar, was er vorhat. Und die ganze Zeit redet er, nach allen Regeln der Kunst. Die Lippen bewegen sich kräftig, modellieren aus den Wörtern zierliche Formen, ordnen die Argumente und bleiben während der kurzen Pausen gleichsam in Schwebe, zu einem attraktiven Charles Boyer-Mund geschürzt – während in einem Winkel sich ein wenig Speichelgewebe ansammelt wie das klare Öl einer guten Maschine. Nun klimpert er mit den Münzen in der Tasche. An ihm ist nichts Dunkles! Er ist so selbstverständlich wie ein Hühnerhund, der über ein Feld läuft. Er versteht hier alles, und alles hier kann verstanden werden.

Eddie betrachtet den letzten Festwagen, ein unklares Gebilde mit einem zerquetschten Füllhorn.

»Wir sollten Besseres zeigen.«

»Das werden wir auch.«

»Gehst du zum Neptunball?«

»Nein.«

Ich schenke Eddie meine vier Karten zum Neptunball. Er hat immer das Problem mit den auswärtigen Kunden (in der Regel Texaner), besonders mit ihren Ehefrauen. Eddie bedankt sich – und auch für etwas andres.

»Danke, daß du mir Mr. Quieulle geschickt hast. Ich bin dir dafür wirklich verpflichtet.« Eddie versinkt geheimnistuerisch in sich selbst, die Augen glitzern aus der Tiefe.

»Sag mir nicht –«

Eddie nickt.

»– daß er dich als Vermögensverwalter eingesetzt hat und dann gestorben ist?«

Eddi nickt, immer noch in sich versunken. Er beobachtet mich aufmerksam, verhalten, bis ich ihn verstehe.

»In Mrs. Quieulles Namen?«

Wieder nickt er, den Unterkiefer vorgestreckt. Der gleiche tanzende Blick, fast schadenfroh. Seine Zunge krümmt sich und sucht die Wangenhöhlung.

»Ein trefflicher alter Mann«, sage ich zerstreut und merke dann, daß Eddie feierlich wird wie ein Bischof.

»Ich möchte dir etwas sagen, Binx. Es ist mir eine Ehre, ihn gekannt zu haben. Ich bin nie jemandem begegnet, ob jung oder alt, der ein größeres Wissen hatte. Dieser Mann redete zu mir zwei Stunden über die Geschichte der Zuckerkristallisation, und es war ein reiner Abenteuerroman. Er hat mich verzaubert.«

Eddie beteuert mir, wie sehr er meine Tante und meine Cousine Kate bewundert. Vor mehreren Jahren war Kate verlobt mit Eddies Bruder Lyell. Am Vorabend der Hochzeit kam Lyell bei einem Unfall um; Kate war dabei und überlebte. Nun fixiert mich Eddie, sein baumwollweiches Haar fliegt im Wind. »Ich habe noch keinem erzählt, was ich von dieser Frau denke –« Er nimmt sich mit Absicht das Wort »Frau« heraus, um es zu berichtigen durch das folgende Kompliment: »Ich halte mehr von Miß Emily – und von Kate – als von sonst einem auf der Welt, außer meiner Mutter und meinem Weib. Wieviel Gutes diese Frau getan hat.«

Er murmelt, wie schön Kate sei; nach Nell sei sie, etc. – und das ist eine Überraschung, denn meine Cousine Nell Lovell ist eine unscheinbare Person.

Die Parade ist zu Ende; der Schlag einer letzten Trommel.

»Was gibt es bei dir Neues?« fragt Eddie und schlägt mit der Zeitung gegen sein Hosenbein.

»Nicht viel«, sage ich und merke, daß Eddie nicht zuhört.

»Komm uns besuchen, mein Lieber. Ich möchte, daß du siehst, was Nell geleistet hat.« Nell hat Geschmack. Die beiden kaufen unablässig in der Umgebung Reihenhäuser auf, richten sie wieder her, mit Jalousien im Badezimmer, Saloon-Schwingtüren für die Küche, alten Ziegeln und einem Zuckerfaß für den Hinterhof, und verkaufen sie nach ein paar Monaten mit großem Profit.

Die Wolke wird blau und drückt auf uns nieder. Nun erscheint die Straße als ein geschlossener Raum; die Ziegel an den Gebäuden glimmen mit einem gelben, wie gespeicherten Licht. Ich schaue auf die Uhr: zu meiner Tante kommt man