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Sandy ahnt nicht, was ihr Umzug nach Swake Valley ins Rollen bringt. Ihr Leben als junge Witwe und Mutter wird plötzlich überrannt von Liebe, Leid und Geheimnissen. Und ihr achtjähriger Sohn Joey spielt unverhofft darin eine wichtige Rolle. Warum begrüßt ihr Nachbar John Darcy sie so griesgrämig? Und was hat es mit dem im Wald lebenden, alten wirren Mann auf sich, der Joey für seinen kleinen Sohn hält? Man munkelt, dass er Frau und Kind umgebracht haben soll. Einziger Lichtblick für die junge Frau ist die Krämerin Old Martha, die Sandy mit offenen Armen empfängt. Aber auch hier merkt Sandy schnell, auch diese Frau muss ein Geheimnis mit sich herum tragen, welches ihr schwer auf die Seele drückt. Ist das Glück und Leben von Sandy und ihrem Sohn in Gefahr, oder ist doch alles ganz anders, als es scheint? *Spannend wie ein Krimi *Berührend wie ein Liebesroman *Mitreißend wie ein Drama! Leserstimme : Das gefühlvollste Buch, das ich jemals gelesen habe Erstauflage 2018 Joey-Das Geheimnis von Swake Valley
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Seitenzahl: 306
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Etwas, das meinen Kindern ewig von mir bleiben wird. Ein Teil meiner Seele. In Liebe für Angie, Marco, Leila und Ridouan Für Mama, Geschwister , im besonderen Carmen. Ich liebe dich, Sis
Für meine Enkel Marcel, Julien Joshua und Julian
Sowie alle, denen ich etwas bedeute
Was füreinander bestimmt ist, wird sich finden. Irgendwann, Irgendwie, Irgendwo
Sandy stellte nachdenklich ihr Hochzeitsbild auf die Kommode zurück. Zwei Jahre ist es nun her, dass Brian von ihr ging und sie und Joey in tiefer Trauer zurückließ. In seiner Heimatstadt, so hoffte sie, würde sie ihm wieder näher sein. Dort wurde er geboren, dort spielte er als Kind, dort stand sein Elternhaus. Brian starb viel zu früh und Sandy wusste nicht, ob sie jemals wieder wird lieben können . Doch die Appalachen in North Carolina waren im Gegensatz zu Atlanta in Süden Carolinas wild, kühler und wohl auch viel stiller. Dass es auch gefährlicher und voller Geheimnisse sein konnte, daran dachte sie allerdings nicht.
John Darcy schaute müde aus dem Fenster hinaus auf die verschneite Veranda seines Hauses. Es war Ende November des Jahres 2016, irgendwo in North Carolina. Der Wind strich hart um die Häuser und brachte immer mehr Schneeflocken mit sich mit.
Achtundsiebzig Winter hatte John schon hier in diesem alten Haus verbracht, dem Stück Heimat, welches einst sein Großvater eigenhändig gebaut hatte. Johns faltige Hände wischten langsam die Fensterscheibe frei, die, blind von vielen kleinen Eisblumen, ihm die Sicht versperrte. Seine eisblauen Augen blitzten verräterisch, als er nun den Blick frei hatte auf die großen verschneiten Tannen, die seine Frau Jacky so sehr geliebt hatte.
Jacky, dachte er, meine Jacky. John wischte sich verstohlen eine Träne von den faltigen, alten Augen, die schon so viel gesehen hatten. Jacky war seit vorletztem Winter nicht mehr da. Obwohl ein warmes Feuer im offenen Kamin brannte, war es kalt im Haus geworden. Ohne Jacky. Fünfundfünfzig Jahre führten sie hier draußen eine glückliche Ehe.
Hatten hier und da mal ein paar Meinungsverschiedenheiten wie in jeder Ehe, aber ohne einen Kuss und ein Gute Nacht gingen die beiden nie zu Bett.
John nahm nun seinen Hut von dem Haken an der Wand und setzte ihn auf seinen Kopf, auf dem das Haar nur noch spärlich und silbergrau wuchs, öffnete die Tür, die, wie immer, leise knarrte.
Ich muss sie mal wieder ölen, dachte sich John, als er nun hinaustrat, um etwas frische Luft zu schnappen. Wie wundervoll der Ausblick vor dem Haus war! Jacky meinte früher oft lächelnd, hier hätte sicher der Autor von "Winter Wonderland" seine Idee zu diesem Song herbekommen, denn genauso könnte man es sich vorstellen. Glitzernde Schneewogen, hohe verschneite Tannen und Eichhörnchen, die wie Kinder im Schnee tobten.
John seufzte bei diesem Gedanken. Kinder.
Ja, Kinder und Enkel waren ihnen in ihrer Ehe leider verwehrt gewesen. Und so blieb er nach Jackys Tod alleine zurück. Die zwei Jahre des Alleinseins mit dem Gefühl, nicht mehr gebraucht werden, hatte den alten einsamen Mann verbittert gemacht. Bis zu ihrem Ende hatte er seine Frau aufopfernd gepflegt. Nie hätte er sie in ein Heim gegeben.
Auch wenn sie ihn längst nicht mehr erkannte und Alzheimer sich zu dem tödlichen Krebs gesellt hatte.
Bis dass der Tod euch scheidet, hatte für John noch Bedeutung. Die jüngere Generation nahm das ja längst nicht mehr so ernst.
Hatte verlernt, über Probleme zu sprechen, sie gemeinsam anzupacken, um eine Ehe zu kämpfen. Sie ging lieber den leichteren Weg der Scheidung.
John griff nun in die Tasche seiner dicken braunen Felljacke und warf den fast schon zahmen Eichhörnchen eine Handvoll Erdnüsse hin. Freudig unterbrachen diese ihr Spiel im Schnee und stürzten sich gierig auf das Futter. Damals hatte Jacky sie gefüttert.
Nach ihrem Tod übernahm das John, da er wusste, sie waren daran gewöhnt und warteten auf Nahrung. Und er liebte diese Tierchen, die ihn so an Jacky erinnerten. Johns Blick fiel nun auf das Haus unten am Fluss.
Seit Jahren stand es leer, doch nun sah er, dass auch dieses nun bewohnt sein musste, denn es war weihnachtlich geschmückt. John brummte mit zusammengekniffenen Augen vor sich hin. Das passte ihm so gar nicht, dass er nun so in unmittelbarer Nähe Nachbarn hatte. Die sollen ihn bloß in Ruhe lassen! Er brauchte keine Menschen. Keine Unterhaltungen. Keine Störungen. Jacky hatte er gebraucht. Seine Frau. John seufzte und hob traurig seinen Kopf nach oben. Seine Augen suchten den Himmel ab, so, als erwartete er jeden Moment, dass Jacky ihm, auf einer Wolke sitzend, zuwinken würde. Doch nur ein einsamer Bussard zog dort oben langsam seine Kreise. John blinzelte, Schneeflocken fielen kalt in seine Augen und vermischten sich mit seinen Tränen. Doch John war kein Mann der großen Gefühle und rief sich zur Vernunft. Wenn er jetzt noch länger hier stehen würde, würde er erfrieren! Er warf den Eichhörnchen die letzten Erdnüsse hin und ging mit schweren Schritten zurück ins Haus.
*****
Was John nicht bemerkte, war ein dunkelbraunes Augenpaar, welches ihn fasziniert beim Füttern der Eichhörnchen beobachtete.
Die waren ja zahm! Zwei Beine, die in warmen, aber alten Winterboots steckten, kamen nun langsam hinter der Tanne hervor, hinter der sich der dazugehörige, etwa achtjährige Junge versteckt hatte. Gerne wäre er zu dem Treiben im Schnee dazu gestoßen, doch der griesgrämige Ausdruck des alten Mannes hatte ihn davon abgehalten. Zu putzig sahen die Eichhörnchen im Spiele aus, so etwas kannte der Junge aus dem Süden nicht. Eichhörnchen im Schnee. Den gab es dort nicht.
Nur lange, heiße Sommer. Da, dort lag ja noch eine Nuss im Schnee. Vielleicht kamen die Tierchen ja auch zu ihm. Schnell hob seine kleine dunkelhäutige Hand die Nuss auf.
Joey, so hieß der kleine Junge, schaute sich suchend nach den Eichhörnchen um. Wo waren die denn plötzlich? Sein Blick fiel zu dem Haus, in dem der alte griesgrämige Mann verschwunden war. Die Eichhörnchen mussten ihm gefolgt sein und spielten nun auf dessen Veranda. Joey verharrte unschlüssig im Schnee. Dachte an das, nichts Gutes verheißende Gesicht des alten Mannes. Sollte er oder nicht? Langsam setzte er sich in Bewegung. Die Neugierde auf die Eichhörnchen, die wohl zahm waren, war größer als die Angst vor dem Alten.
Doch kurz bevor er die Treppe zur Veranda erreichte, blieb er wieder stehen. Was ist, wenn der Mann ein Gewehr hat?
Mom sagte, so was bräuchte man hier draußen. Und wenn er ihn dann erschoss, dann war es das mit den Geschenken dieses Jahr.
Die würde er dann nicht mehr erleben. Joey kaute unentschlossen auf seinen vollen, rosa Lippen. So lange, bis er einen kleinen Blutstropfen auf seiner Zunge schmeckte.
Vielleicht sollte ich ein anderes Mal wiederkommen, überlegte er gerade, als mit einem Ruck die Tür des Hauses aufgerissen wurde und der alte Mann wütend auf die Schwelle trat.
„Was ist hier draußen los?“, schrie er in die eisige Kälte hinaus. Joey gefror das Blut in den Adern, als er sah, dass der Mann tatsächlich ein Gewehr in seinen Händen hielt, dessen Lauf genau auf ihn zeigte.
John war durch den Krach der spielenden Eichhörnchen aufmerksam geworden und wollte nach dem Rechten gucken. Nun staunte er nicht schlecht, als er einen vor Schreck in den Schnee gefallenen, dunkelhäutigen Jungen vor der Veranda liegen sah.
Seit wann gibt es hier Kinder? Er mochte keine Kinder! Er mochte niemanden! Joey robbte rückwärts durch den Schnee. Nur weg hier! Doch bevor er aufstehen konnte, packte ihn hart eine Hand am Kragen seiner Jacke.
Der Schnee unter Joey verfärbte sich gelb, die Angst lähmte ihn fast, als der alte Mann ihn nun schimpfend aus dem Schnee zog und ihn wütend anschrie: „Was willst du Hosenpisser hier?“ Auch noch schwarzes Pack in der Nachbarschaft!„Na, dir werde ich es zeigen, Bürschchen! .... “ Joey sagte kein Wort vor lauter Angst und sah diesen unfreundlichen Menschen nur voller Entsetzen an. Plötzlich jedoch zerriss der Knall eines Schusses diese Stille. Macht es gut Weihnachtsgeschenke, ich bin jetzt tot, war das Letzte, das Joey dachte, bevor er sein Bewusstsein verlor....
„Heyyyy, aufwachen!“ Irgendetwas schüttelte Joey und zaghaft öffnete er seine Augen. Komisch, dachte er, der liebe Gott sieht ja aus wie der alte Griesgram. Und warum ist es im Himmel so kalt? „Steh auf Junge und verschwinde von meinem Grundstück!“ Joey erschrak, als er die gut bekannte Stimme hörte. Das war nicht der liebe Gott! Ich bin gar nicht tot! Joey kam langsam zu sich und sogleich kroch die Angst wieder in seinen ausgekühlten Körper. Über ihm stand John Darcy mit wütendem Gesicht und schoss abermals in die Luft.
„Wird es bald? Manchmal ziele ich auch daneben, also verschwinde!“ Noch bevor Joey reagieren konnte, sah er, wie John hart umgerissen wurde.
„Was soll das? Haben Sie alle Geister verloren, ein kleines Kind mit einer Waffe zu bedrohen?“ Joey, mein Liebling, was hat er dir angetan?“ Sandy, Joeys Mutter, beugte sich über ihren zitternden Jungen. Sie hatte den Schuss gehört und war gleich nach draußen gerannt. Wütend schaute sie zu John, während sie Joey half aufzustehen.
„Schämen Sie sich, einem Kind solche Angst zu machen!“ John schaute die aufgebrachte Frau Mitte dreißig grimmig an. Hübsch sah sie aus mit ihren lockigen, langen, dunklen Haaren, den großen schwarzen Augen und dem wohl geschwungenen Mund. Trotz der Wut in ihr sah sie irgendwie gütig aus, dachte John, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Ihm egal, wie sie aussah.
„Er hat nichts auf meinem Grundstück zu suchen“, fauchte er die erboste Frau nun an.
„Und Sie auch nicht!“ „Auf so eine Gesellschaft kann ich auch liebend gerne verzichten!“, schrie Sandy zurück und spuckte dabei verächtlich vor Johns Füße. Dann nahm sie Joey an die Hand und verließ schnellen Schrittes den Ort des Geschehens. Nur weg von hier, dachte sie, solche Nachbarn wünscht man niemanden.
*****
„Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nur vor dem Haus spielen?“, fragte Sandy, während sie mit einem Handtuch Joeys nassen Haarschöpf trocken rubbelte. Ein Bad war heute dringend notwendig gewesen.
„Was wolltest du eigentlich bei dem alten Mann?“, fragte sie Joey nun. Wohlig räkelte sich dieser in dem angewärmten Handtuch, das seine Mutter ihm nach dem Baden umgeschlungen hatte. Er schaute nach oben zu seiner Mutter und meinte mit leiser Stimme: „Ich wollte die Eichhörnchen füttern.“ Stockend erzählte er Sandy die ganze Geschichte. „Ich hatte echt nichts Böses im Sinn, Mom, er ist einfach ausgerastet.“ Sandy reichte Joey seinen Schlafanzug. „Versuche ihm einfach aus dem Weg zu gehen. Alte Menschen sind manchmal sonderbar. Ich möchte nicht, dass dir was passiert. Ich wüsste nicht, was wäre, würde ich dich auch noch verlieren. Nun aber rasch etwas Warmes essen und dann ab ins Bett. Morgen früh müssen wir in die Stadt, Vorräte besorgen.“ Nachdem Joey im Bett war, zog Sandy einen Roman von Stephen King aus dem gut bestückten Bücherregal und kuschelte sich auf den alten Schaukelstuhl vor dem Kamin.
Doch irgendwie konnte sie sich heute nicht konzentrieren, und als sie merkte, dass sie dieselbe Zeile nun schon das vierte Mal las, legte sie seufzend das Buch zur Seite. Der heutige Tag und seine Ereignisse gingen ihr nicht aus dem Kopf.
Nach Brians Tod vor zwei Jahren war der Junge alles, was sie noch hatte. Es hätte sonst was passieren können mit dem Gewehr! Sie wollte es sich gar nicht ausmalen.
Was hatte dieser Alte sich nur dabei gedacht?! Abermals kroch die Wut in ihr hoch. Ja sicher, sie wusste, hier in den Wäldern von North Carolina gibt es wilde Tiere und Gewehre zu Hause sind nichts Ungewöhnliches. Ihr jedoch kommt so etwas erst gar nicht ins Haus!
Auch wenn ihr Vermieter Mr Soew ihr dringend dazu geraten hatte. Und ein Kind damit zu erschrecken ist das Letzte! Sie schaute gähnend auf die Uhr, die auf dem Kaminsims stand und entschloss sich, nun doch auch zu Bett zu gehen. Das Lesen war ihr irgendwie vergangen.
*****
Zur selben Zeit löffelte John hungrig seine Gemüsesuppe. Verdammt, dachte er, er bekam sie einfach nicht so hin, wie Jacky sie früher kochte. Er schüttelte sich, da es ihn plötzlich fröstelte und mit der Kälte erneut auch wieder die Einsamkeit in ihn einzog.
„Da habe ich doch wohl vergessen, neue Holzscheite aufzulegen“, meinte John nun zu sich selber, legte den Löffel beiseite, ging zum Kamin und griff nach einem der Holzscheite, die er fein säuberlich daneben gestapelt hatte. In letzter Zeit sprach John immer öfter mit sich selber, doch das merkte er gar nicht mehr.
Er dachte an seine neuen Nachbarn. Was wollten diese Leute hier in dieser Einöde?
Schwarze! Sicher aus South Carolina.
Na, der Vater des Jungen sollte bloß nicht versuchen sich mit ihm befreunden zu wollen! Er will seine Ruhe! Und von Farbigen sowieso. Bringen nur Ärger. Dass Johns Gedanken voller Vorurteile waren, wurde ihm mit seinem eingefrorenen Herzen erst gar nicht bewusst.
*****
Als Sandy und Joey am nächsten Tag im Auto auf den Weg in die Stadt saßen, fing er wieder an, über den gestrigen Tag nachzudenken.
„Er kann nicht wirklich böse sein, Mom“, sagte er und wandte sich nun Sandy zu, die sich auf die verschneite Straße konzentrierte.
„Wen meinst du, Joey?“, fragte sie, mit den Gedanken bei ihrem bevorstehenden Einkauf.
„Na der Alte, Mom.“ Joey schaltete das Radio leise, aus dem, was sonst um diese Zeit, Last Christmas herausschallte. Sandy schaute Joey kurz verwundert an, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentrierte.
„Wie kommst du darauf? Was ist ein Mann, der kleine Kinder bedroht, denn sonst?“ Joey schaute gedankenverloren vor sich hin.
„Die Eichhörnchen, Mom, du hättest sehen sollen, wie liebevoll er sie gefüttert hat. Und dann hat er irgendwie total traurig in den Himmel geschaut. So, als suche er dort etwas.“ „Hm.“ Sandy nahm sich vor, sich in dem Krämerladen der winzigen Stadt nach dem alten Mann zu erkundigen. Hier kannte sicher jeder jeden und zu einem kleinen abwechslungsreichen Schwätzchen ist die Krämerin sicher auch gerne bereit.
Nach einer Viertelstunde hatten sie Swake Valley erreicht. In der idyllischen kleinen Stadt mitten im tiefsten Norden North Carolinas herrschte emsiges Treiben. Bald war Weihnachten und es gab einiges zu tun. James Eyrin, der schlaksige, schon ins Alter gekommene Bäcker der Stadt, balancierte eine gefährlich wackelnde Leiter und schmückte den übergroßen Donut über seiner Tür mit einer bunten Lichterkette. Fröhlich winkte er Sandy und Joey zu, als diese nun aus ihrem alten Range Rover stiegen, den sie gegenüber vor dem Krämerladen parkten. Sandy winkte zurück. „Passen Sie auf Mister, dass Sie nicht von der Leiter fallen, die wackelt nämlich verdächtig.“
„Wird schon schiefgehen“, lachte James zurück und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Sandy schaute sich um. Was sie sah, gefiel ihr. Sie hasste den Trubel der Großstadt und bereute keine Minute, sich dazu entschieden zu haben, in Brians Heimat umzuziehen. Bäcker, Friseur, eine Wäscherei, ein Metzger, der Krämerladen, ein Café, ein Gasthaus, eine Tankstelle und eine Apotheke waren zu sehen und alles war schon wunderschön geschmückt.
Auch eine Kirche gab es. Sandy sah deren Kirchenspitze hinter dem Café hervorlugen.
Der Geist der Weihnacht lebte in diesem Städtchen und war ansteckend.
Als sie nun die Tür zum Krämerladen aufschob, spielte eine über der Tür angebrachte Glocke in leisen Tönen Jingle Bells. Martha Evans, die Krämers-Frau, schaute von ihrer Zeitschrift hoch, die sie gerade las, legte ihre Hände auf den Tresen und beugte sich lächelnd zu ihrer Kundin vor. Ihr voller Mund lächelte breit wie der Mississippi und auf der frechen Stupsnase, saßen viele kleine Sommersprossen. Die großen rehbraunen Augen strahlten Güte aus, als sie nun Sandy ihre mit Altersflecken übersäte Hand reichte.
„Na, wen haben wir denn da?“, fragte sie mit liebevoller Stimme. „Sie müssen die neuen Bewohner von dem Haus unten am Fluss sein. Na, ob das dem alten Darcy passen wird? Lassen Sie sich von dem Griesgram bloß nicht einschüchtern.“ Sie ging nun um den Tresen herum, strich Joey über den Kopf und reichte ihm eine rotweiße Zuckerstange.
„Na, nun nimm schon Junge, lass es dir schmecken.“ Joey bedankte sich artig und schaute sich neugierig im Laden um. Da standen Kabel neben Dosenbohnen und Corned Beef neben Toilettenpapier. Hier gab es so ziemlich alles. Und vor allem jede Menge Weihnachts-Dekoration. Sandy drückte Marthas Hand.
„Ja das sind wir. Clark mein Name. Sandy Clark. Sie können mich aber gerne Sandy nennen. Darcy heißt er also. Ja, mit dem haben wir schon Bekanntschaft gemacht. Ein komischer Kerl.“ Sandy war froh, dass diese Frau von alleine das Thema auf den Alten gebracht hatte. Die Krämerin winkte ab.
„Ach, er war nicht immer so. So griesgrämig wurde er erst, nachdem seine Frau gestorben war. Er hatte sie bis zu ihrem Tod gepflegt.
Danach wurde er zum Eigenbrötler, kam nicht mehr zur Kirche und nahm auch an keiner weihnachtlichen Veranstaltung mehr teil.“ Sie schüttelte nochmal Sandys Hand.
„Nennen Sie mich ruhig Old Martha“, meinte sie. „So nennt mich hier jeder. Irgendwann haben wir es aufgegeben, John einzuladen, zwingen kann man niemanden“, meinte sie und zuckte ihre breiten Schultern. Dann ging sie wieder hinter den Verkaufstresen und Sandy gab ihre Bestellung auf. Martha packte alles in eine Kiste und legte noch ein paar Zuckerstangen sowie einen Honigkuchen obendrauf. „Kleines Willkommensgeschenk“, lächelte sie gutmütig. „Danke, das ist lieb“, antwortete Sandy und öffnete ihre Geldbörse, um zu bezahlen. Nur gut, dass hier nicht alle Menschen so ablehnend waren wie Darcy, dachte sie, als sie bezahlt hatte und zur Kiste griff.
„Kommst du, Joey?“ Joey löste sich von den Spielsachen, die zur Deko unter einem Weihnachtsbaum lagen und lief schnell zur Mutter. Doch bevor sie die Tür öffnen konnten, wurde diese mit einem Ruck aufgerissen und Sandy schaute entsetzt in das wütende Gesicht ihres Nachbarn, gegen den sie nun stolpernd fiel, während ihr Einkauf hart auf Darcys Füße knallte. Joey schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Das konnte ja heiter werden!
„Haben Sie keine Augen im Kopf?“, schnauzte sie nun grimmig die nur zu gut bekannte Stimme an. Keinen Moment dachte John daran, dass ja eigentlich er die Tür viel zu stürmisch aufgerissen hatte. Sandy entschuldigte sich murmelnd, bückte sich und legte den Einkauf zurück in die Kiste. Martha kam um den Tresen herum und half ihr dabei.
Was für ein unfreundlicher Mensch, dachte Sandy wütend. Dass dieser Mann einmal nett gewesen sein sollte, war wirklich schwer vorstellbar.
„Steh mir nicht im Weg rum, Junge!“, ging er nun auch Joey an und schaute verächtlich zu ihm herunter, grade so, als hätte er die Pest.
Joey, verlegen an seiner Zuckerstange lutschend, trat schnell einen Schritt zurück. Die auf dem Boden in der Hocke sitzende Martha legte die letzte Dose in den Karton und schaute zu John hinauf.
„Sind wir aber wieder nett heute. Schämst du dich nicht, du alter Griesgram?“ Martha, die eng mit Jacky befreundet war, als diese noch lebte, konnte John nicht einschüchtern, dazu kannte sie ihn viel zu gut.
Der konnte keiner Fliege was zu leide tun.
„Begrüßt man so neue Einwohner der Stadt?“ Der Angesprochene brummelte darauf nur etwas Unverständliches vor sich hin.
„Lassen Sie nur“, meinte Sandy nun. „Wir werden es überleben.“ Sie wollte einfach nur raus hier, weg hier aus dieser Atmosphäre, die nun nichts Weihnachtliches mehr an sich hatte. Martha legte Sandy die Hand auf die Schulter. „Nehmen Sie ihn nicht zu ernst, Sandy, er hat einfach eine Mauer um sich gebaut und lässt seine ganze Bitterkeit an anderen ab.“
Sandy schnappte sich den Karton und lächelte Martha an. „Schon gut, Martha, zum Glück gibt es hier ja auch Menschen wie Sie. So, nun müssen wir aber. Kommst du, Joey?“ Sandy schob die Tür mit den Schultern auf, noch bevor Joey sie öffnen konnte, und trat rasch hinaus. Tief zog sie die frische Luft ein.
Und stieß sie mit einem tiefen Seufzer wieder aus. Willkommen in Swake Valley, dachte sie sarkastisch, als sie nun den Karton im Kofferraum verstaute.
Sie schloss gerade das Auto auf, als sie plötzlich Martha auf sie zurennen sah, winkend einen Zettel in der Hand schwingen „Warten Sie, Sandy“, rief sie. „Lesen Sie das bitte noch durch. Unser jährlicher Backwettbewerb zu Weihnachten.“ Sie reichte Sandy lächelnd den bunten Zettel.
„Sie machen doch mit?“, fragte sie. „Wir feiern das Aufstellen des Weihnachtsbaumes nach Thanksgiving in der Gemeinde immer mit diesem Wettbewerb und das ist eine gute Gelegenheit, Sie der Gemeinde vorzustellen.“ Sandy nahm den Zettel und lächelte zurück.
„Ich werde es mir überlegen Martha, wir sehen uns vorher sicher noch mal. Nächsten Freitag komme ich wieder vorbei.“
„Schön Sandy, dann bis bald.“ Martha schlug die Autotür zu, nachdem Sandy eingestiegen war und winkte dem Range Rover lächelnd hinterher. Sie hatte sich vorgenommen, sich Sandys und ihres Jungen ein wenig anzunehmen. Konnte nicht verkehrt sein, bei einem Nachbarn wie dem alten Darcy.
*****
Langsam fuhren sie auf den schneebedeckten Straßen zurück nach Hause. Nach Hause, dachte Sandy nun und stellte den Scheibenwischer an, da es anfing zu schneien. Werden wir uns hier jemals zu Hause fühlen können?
Sie hatten gerade den halben Weg zurückgelegt, als das Auto plötzlich zu stottern anfing und der Motor ausging. Sandy schaffte es gerade noch, den Range Rover an die Seite zu lenken. Wütend schlug sie die Hand auf das Lenkrad, als sie sah, dass nun die Benzinanzeige blinkte. Mist! Vor lauter Darcy hatte sie vergessen zu tanken! Nun standen sie hier in der Einöde mit leerem Tank. Auch der Ersatzkanister war leer.
„Ich könnte ihn erwürgen!“, fluchte sie nun ratlos vor sich hin. Was sollte sie nun tun?
Hier fuhren am Tag vielleicht drei Autos vorbei. Bis dahin wären sie erfroren.
„Was ist los, Mom? Warum bleiben wir stehen?“, fragte nun auch Joey.
Sandy schaute ihn ratlos an. „Wir haben kein Benzin mehr, Joey.“
Joey schaute erschrocken zu ihr hin. „Und nun, Mom?“
„Lass mich kurz überlegen, Junge“, antwortete Sandy, nur um überhaupt etwas zu sagen. Sie wollte Joey keine Angst machen. Sie hatte zwar ihr Handy einstecken, wusste aber, dass es hier draußen keinen Empfang gab. Draußen stürmte und schneite es immer mehr. Joey, der den Zettel von Martha in den Händen hielt, schaute auf einmal freudig auf.
„Mom, schau doch nur, hier steht die Telefonnummer von dem Krämerladen drauf, da können wir um Hilfe rufen.“ Sandy strich Joey liebevoll über den Lockenkopf.
„Wir haben hier draußen keinen Empfang, Kind“, musste sie ihn enttäuschen. Sechs Kilometer zurück in die Stadt zu laufen, wäre bei diesem Wetter auch viel zu gefährlich. Sie schaute Joey an. „Bleibt uns nichts anderes übrig als zu hoffen, dass bald jemand vorbeikommt“, meinte sie seufzend.
„Na, was glaubst du wohl, wer der Nächste sein wird, der hier vorbeifahren wird, Mom?“, erwiderte Joey und rollte dabei die Augen. Sandy schaute ihn verständnislos an, dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Darcy! Natürlich, er war ja in der Stadt und hatte den gleichen Rückweg wie sie.
„Bitte, lass es nicht Darcy sein...“, schickte Sandy ein laut ausgesprochenes Stoßgebet gen Himmel. Und wusste im selben Moment, dass die Möglichkeit, dass es nicht er sein wird, gleich null war. Außer es geschah ein Wunder und ihr Gebet wurde erhört. Sie saßen nun schon eine halbe Stunde im Auto und konnten nichts anderes tun, als zu warten. Schneeflocken bedeckten langsam die Sicht durch die Windschutzscheibe und Sandy stellte die Scheibenwischer an. „Mom, kann ich den Honigkuchen aufmachen?“, fragte Joey nun und legte seinen Game Boy beiseite, den er Gott sei Dank mitgenommen hatte. „Ich bin hungrig.“
„Klar, Joey, nimm nur, Limonade ist ja auch da, falls du Durst hast“, lächelte sie dem Jungen zu. „Der Kofferraum ist offen.“
„Ok, Mom.“ Joey stieg aus, stapfte durch den Schnee um das Auto herum und öffnete zitternd den Kofferraum. Brrrr, war das kalt! Er merkte nun auch, dass die Blase drückte und wollte lieber schnell erst mal hinter einem Baum verschwinden. Er klopfte an Sandys Fenster, welches sie darauf herunterließ.
„Ja, Joey?“ Joey tänzelte auf zwei Beinen, es war jetzt höchste Eisenbahn.
„Ich verschwinde mal schnell Pipi machen, Mom“, rief er ihr zu und rannte auch schon im selben Moment los. Sandy war gar nicht wohl dabei, Joey im Wald verschwinden zu sehen. Die Appalachen waren nicht ungefährlich.
„Pass auf, Joey, und komm gleich wieder zurück, hörst du?“, rief sie ihm laut hinterher.
Joey drehte sich nicht um, hob aber den Arm und winkte, um zu verstehen zu geben, dass er gehört hatte. Sandy war unsicher. Sollte sie ihm nachgehen? Hier ist keine Menschenseele, er hätte ja auch an den Straßenrand machen können.
Ein plötzliches Ruckeln unterbrach ihre Gedanken. Das Auto schaukelte! Was war das?
Das Blut gefror ihr in den Adern und ließ sie fast ohnmächtig werden, als sie sich erschrocken umdrehte und sah, was da ihr Auto zum Wackeln brachte. Das, was dort laut brummend den Kofferraum durchwühlte, war das Schlimmste, was einem Menschen in dieser Gegend unbewaffnet passieren konnte. Das, was sich gierig durch ihre Lebensmittel wühlte, war ein ausgewachsener Bär! Zwar nicht sehr riesig, aber ein Bär! Und diese konnten sehr gefährlich werden! Joey! Wie sollte sie ihn warnen, ohne sich selber in Gefahr zu bringen? Sie wusste zwar, dass es hier Bären gibt, aber sie hätte nie gedacht, einen so nah der Straße vorzufinden. Und überhaupt, hielten Bären nicht Winterschlaf? All das ging ihr innerhalb von Sekunden durch den Kopf. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie den Spiegel so drehte, dass sie den Bären im Blick hatte.
Joey müsste längst wieder zu sehen sein! Wo bleibt der denn? Sandy traten nun die Tränen in die Augen. Wo ist mein Kind? Ich muss was tun. Sie schaute nach dem Bären.
Alles, was sie sah, war braunes, stumpfes Fell, er musste mit dem ganzen Kopf im Kofferraum sein. Vielleicht, dachte sie, wenn ich mich ganz langsam hinausschleiche, hört er mich nicht. Dann hätten sie zumindest noch die Möglichkeit zu versuchen auf einen Baum zu klettern, bis das Tier außer Reichweite war. Sandy verfluchte nun, den Rat ihres Vermieters nicht angenommen und sich ein Gewehr beschafft zu haben. Die Angst vor dem Tier und gleichzeitig die Sorge um ihr Kind schossen ihr Insulin auf Höchstmaß.
Sie musste es tun, dachte sie, als immer noch keine Spur von Joey zu sehen war. Sie musste allen Mut zusammennehmen und dort hinaus, so lange das Tier noch den Kopf im Kofferraum hatte. Mit klopfendem Herzen und ganz langsam öffnete Sandy die Fahrertür. Langsam setzte sie einen Fuß in den Schnee, zog den anderen nach und erschrak kurz, als das Tier einen brummigen Laut von sich gab. Dann hörte sie nur noch ein lautes Schmatzen. Sie lehnte leise die Tür an, stark darauf bedacht, dass sie nicht einschnappte und den Bären auf sie aufmerksam machte, immer den Blick Richtung Kofferraum. Das Tier war immer noch halb im Kofferraum und sie bewegte sich langsam zur anderen Straßenseite, dort, wo Joey hinter den Bäumen verschwunden war.
Trotz aller Vorsicht konnte Sandy jedoch nichts gegen das Geräusch tun, das der Schnee unter ihren Schritten machte. Dennoch ging sie zaghaft Schritt für Schritt weiter. Trotz der Kälte und des eisigen Windes lief Sandy der Angstschweiß aus sämtlichen Poren. Sie musste immer wieder die Augen zukneifen, hart trieb ihr der Wind die eisigen Schneeflocken ins Gesicht. Immer noch keine Spur von Joey. Das gibt es doch gar nicht!
Die Angst um ihr Kind ließ sie alle Vorsicht vergessen.
„Jooooey“, rief sie nun laut in den Wald hinein, die Angst lähmte sie fast, die Kälte dazu ließ ihr fast die Sinne schwinden. Sie war verzweifelt, wie eine Mutter nur verzweifelt sein konnte, wenn ihr Kind in Gefahr war.
Plötzlich hörte sie eine männliche Stimme, die sie kurz zusammenfahren ließ! „M’am, bewegen Sie sich jetzt bloß nicht, bleiben Sie ganz still stehen.“ Sandy gefror zu Eis, als sie nun wahrnahm, dass der Bär genau auf sie zu lief, wütend das Maul aufriss, indem messerscharfe Reißzähne blitzten. Doch als nun drei Schüsse die Stille durchbrachen, machte das Tier erschrocken kehrt und rannte zurück in die andere Seite des Waldes. Schnell ging der Fremde, der aus dem Nichts gekommen zu sein schien, auf Sandy zu und packte ihren Arm. Sein markantes Gesicht mit indianischen Zügen schaute sie ängstlich an.
„Alles ok M’am?“, fragte er. „Was machen Sie hier jenseits der Straße in einem Schneesturm, dazu noch ohne Waffe?“ Sandy brach zitternd in seinen Armen zusammen. Das war einfach zu viel für sie.
„Joey...“, murmelte sie, sodass der Mann sie kaum verstand.
„M’am?“
„Joey“, wiederholte Sandy und brach in Tränen aus. „Er ist irgendwo da draußen. Ganz alleine, bitte, Sie müssen ihn finden...“Sie ergriff beide Arme des erschrockenen Mannes und schüttelte sie hart. „Hören Sie? Sie müssen ihn finden!“......
Sandy erzählte schnell, was sich abgespielt hatte.
„Wir müssen ihn suchen“, meinte sie zitternd. Kevin, so hieß der Fremde, sah Sandy beruhigend an.
„Er kann ja nicht weit sein, M’am. Ich werde nach ihm suchen, aber Sie gehen besser zum Auto zurück, Sie sind ja ganz durchgefroren.“ Sandy protestierte, doch Kevin brachte sie resolut zum Auto zurück. Alleine würde er schneller vorankommen. Schwer stapften sie durch den hohen Schnee zurück zu den Autos. Kevin hielt Sandy weiterhin am Ellenbogen fest. Er bemerkte, dass sie immer noch zitterte. Kevin hielt ihr nun die Autotür auf und schob sie sanft hinein.
„Bitte, versprechen Sie mir, hier zu warten und das Auto nicht zu verlassen“, sagte er sanft, aber bestimmt. „Ich möchte Sie nicht auch noch suchen müssen in dieser Kälte.“ Sandy nickte nur fröstelnd. „Bitte, bringen Sie ihn mir zurück“, flüsterte sie kaum hörbar und ließ sich erschöpft auf den Sitz sinken.
„Ich verspreche es“, beruhigte Kevin sie, warf die Tür zu und stapfte zurück zum Wald, um nach dem Jungen Ausschau zu halten. Von seinen Befürchtungen hatte er Sandy natürlich nichts gesagt, es hätte sie nur noch mehr aufgeregt. Ein kleiner Junge, die Wildnis und ein Schneesturm, das könnte böse ausgehen, vor allem für einen Jungen wie Joey, der hier nicht aufgewachsen und mit den Gefahren bekannt war.
Sandy hatte ihm erzählt, dass der Junge Tiere liebte und wohl einem nachgerannt wäre, etwas anderes könnte sie sich nicht vorstellen. Kevin, hier aufgewachsen, konnte sich jedoch da viel mehr vorstellen, was passiert sein könnte, doch das verschwieg er lieber.
Kevin erreichte nun die ersten Bäume und schrie in den Wald hinein: „Joey! Joeeey, wo steckst du, Junge?“ Hart flogen ihm die Schneeflocken ins Gesicht. Nichts. Keine Antwort. So weit konnte der Junge doch gar nicht gekommen sein. Kevin ärgerte sich, Bella, seine Schäferhündin, nicht mitgenommen zu haben, aber die wartete zu Hause in England auf ihn. Dort, wo er jetzt lebte und arbeitete. Kevin hatte in England Medizin studiert, verliebte sich und blieb dort. Das mit Stella war längst schon zu Ende, aber die Kinder im Childrens Health Hospital, die brauchten ihn und so blieb er.
Er hoffte, Joey würde ihn nicht als Arzt brauchen und dass er ihn wohlbehalten finden würde. Mittlerweile standen die Bäume sehr dicht aneinander und schlugen ihm ihre Äste hart in das vor Kälte gerötete Gesicht. Erschrocken unterbrach Kevin seine Gedanken und rief abermals nach dem Jungen.
Er formte seine Hände zu einem Trichter und rief, so laut er konnte: „Joey, Junge, wo steckst du?“ Doch außer den Stimmen des Waldes hörte Kevin nichts, was auf den Jungen hinweisen könnte. So stark, wie es schneite, waren auch Fußspuren schnell wieder zugeweht. Kevin war ein gestandener Mann, aber langsam bekam auch er es mit der Angst zu tun. Das sah nicht gut aus. Gar nicht gut. Was, wenn der Junge sich verletzt hatte. Bewusstlos im kalten Schnee lag? Wie lange würde so ein zarter Kinderkörper das aushalten. Als Arzt war ihm klar, dass hier jede Minute zählte. Aber ebenso war ihm klar, dass auch er sich in Gefahr bringen könnte. Hier in der Kälte, im Schneesturm, der ihm fast die Sicht nahm. Auch ihm drohte die Gefahr, sich zu verlaufen, desto tiefer er in den verschneiten Wald hineinkommen würde.
Gerade, als Kevin am Überlegen war, nicht doch nicht besser dem Sheriff Bescheid zu geben, sah er etwas Rotes durch den Schnee blitzen. Schnell bückte er sich und schob den Schnee beiseite, der dieses Etwas halb verdeckte. Eine Zuckerstange! Diese konnte nur von Joey sein. Er wusste, dass Martha, seine Mutter, diese stets in der Weihnachtszeit an die Kinder verschenkte. Und hier spielten üblicherweise niemals Kinder. Doch wo war der Junge bloß?! Kevin schaute auf seine Uhr. Zwanzig Minuten war Sandy nun schon alleine im Auto und wartete. Er konnte sich vorstellen, wie es in ihr aussah. Entschlossen schob er die Äste auseinander und stapfte suchend weiter durch den immer höher werdenden Schnee. Er musste das Kind finden!
Sandys Füße indessen wippten hoch und runter. Teils aus Kälte, teils aus Nervosität.
Sie starrte sie an, nahm verschwommen die Krümel auf Kevins Fußmatte wahr und dachte unsinniger weise daran, dass er sie mal absaugen könnte, riss dann aber erschrocken den Kopf hoch, als sie das Geräusch eines sich näherten Wagens hörte. Hier fuhren ja so selten welche vorbei. Das musste der unfreundliche Alte sein, dachte sie seufzend, auch noch das jetzt.
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Darcy dachte erst, die Schneeflocken spielten ihm einen Streich, aber nein, dort standen zwei Wagen am Wegesrand. Als er näher herankam, erkannte er auch, wem sie gehören mussten. Aha, dachte er, Kevin ist also mal wieder im Lande. Und das Auto daneben, das gehörte doch dieser neuen Nachbarin!
Verwundert stellte er fest, dass diese jedoch in Kevins Wagen saß. Alleine. Das war auch durch die Schneeflocken zu erkennen, die an den Fensterscheiben klebten. Was war denn da bloß los? Grimmig trat John nun auf die Bremse. Er hasste es, aufgehalten zu werden, war aber noch so viel Mensch, um schauen zu wollen, ob hier ein Mensch Hilfe brauchte.
Sandy zuckte abermals zusammen, als er nun die Autotür aufriss.
„Gibt es ein Problem mit dem Auto, M’am?“, fragte er mit zusammengekniffenen Augen und versuchte dabei so freundlich zu klingen, wie er es eben seit Jackys Tod sein konnte.
Sandy verdrehte die Augen. Nein, dachte sie, warum sollten wir ein Problem haben? Wir haben angehalten, um ein paar Erdbeeren zu pflücken. Doch im selben Moment taten ihr ihre sarkastischen Gedanken leid und sie schaute Darcy mit einem gezwungenen Lächeln an.
„Nett, dass Sie fragen Mr Darcy. Nein, die Autos sind ok.“ Dann seufzte sie tief und erklärte dem alten Mann den Sachverhalt. Dieser schüttelte darauf beängstigt den Kopf.
„Wie kann man nur so dumm sein? Aber so sind sie, die Stadtleute, keinen Respekt vor der Natur und ihren Ur-Gewalten. Bei einem Schneesturm in ein unbekanntes Waldstück gehen! Unverantwortlich!“ Na toll, dachte Sandy wütend. Eine Standpauke war genau das, was sie jetzt noch brauchte. Darcy lehnte kopfschüttelnd an Kevins Autotür und schaute nun in Richtung Wald.
„Wie lange ist Kevin denn nun schon dort drinnen?“, fragte er Sandy nun. Diese schaute auf ihre Uhr.
„Zwanzig Minuten ungefähr, Joey jedoch fast eine Dreiviertelstunde.“ So, als würde ihr dies erst jetzt richtig bewusst werden, sprang sie plötzlich auf.
„Ich muss ihn suchen!“ Doch Darcy drückte sie rigoros zurück in den Beifahrersitz.
„Nichts da, wir wollen Sie nicht auch noch verlieren! Sie bleiben hier! Warten Sie einen Moment“, sagte er und ging zurück zu seinem Auto. Als er erneut die Autotür öffnete, drücke er Sandy eine Thermoskanne in die kalten Hände.
„Trinken Sie einen heißen Schluck Kaffee.
Und versuchen Sie sich zu beruhigen. Es wird niemandem helfen oder ihn zurückbringen, wenn Sie jetzt hier einen Nervenzusammenbruch bekommen. Ich fahre zurück in die Stadt und alarmiere den Sheriff.“ Sandy nahm dankend den Kaffee entgegen. Plötzlich fühlte sie ein unbändiges Verlangen nach einer Zigarette, obwohl sie schon lange keine mehr angefasst hatte.
„Sie haben nicht zufällig eine Zigarette für mich?“, rief sie nun eine wenig verschämt in Richtung Darcy, der schon im Begriff war zu gehen. Dieser drehte sich um, griff in seine Jackentasche und warf ihr ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug zu.
„Wenn es Ihre Nerven beruhigt, M'am. Aber Sie müssen mir versprechen, im Auto zu bleiben“, knurrte er. Sandy versprach es, setzte sich, zog eine Zigarette aus der zerknüllten Packung, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug in ihre Lungen. Doch richtig beruhigen konnte sie auch das Nikotin nicht. Wie hypnotisiert starrte sie nun in die Richtung, in der erst ihr Kind und dann noch Kevin verschwunden waren.
Bitte, lieber Gott, lass beide gesund zurückkommen, schickte sie nun ein Stoßgebet Richtung Himmel.
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Kevin indessen irrte weiter durch den verschneiten Wald. Immer wieder nach dem Jungen rufend. Dabei versuchte er ja nicht die Orientierung zu verlieren. Was nur hatte den Jungen dazu verleitet, sich derart in Gefahr zu bringen?
Plötzlich stutzte er. Da! Hinter ihm nahm er ein Geräusch wahr. Es hörte sich wie Schritte im Schnee an. Schwere Schritte. Das konnte nicht Joey sein. Der Bär! Das war das Erste, was Kevin in den Kopf schoss und er zog vorsichtshalber sein Gewehr aus der Halterung, die er auf dem Rücken trug. Langsam pirschte er sich an einen großen Baum heran und versteckte sich hinter dessen breitem Stamm.
