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Jeder kennt und liebt den "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupery. Das Original, als Kunstmärchen einem Erwachsenen gewidmet, ist also eher eine literarische Kuschelvariante für kindlich-emotionale Romantiker und Eskapisten als ein Erkenntnisbuch für Kinder. Diese Version ist einem Kinde gewidmet und gibt die Wahrheiten ungeschönt und knallhart wieder. Sie wurde, da eigentlich im Jahr 2014 geschrieben, etwas aktualisiert und erweitert. Sie ist nicht nur eine brillante Parodie auf den "Kleinen Prinzen", sondern auch ein bitterböses Lehrwerk über den Zustand der Welt und die irren Mächte dahinter. Nicht für Kinder unter 16 Jahren geeignet.
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2020
Widmung
Für Melina
Ich bitte alle Erwachsenen um Verzeihung, dass ich diese Parodie einem Kinde widme, das noch nicht einmal das Original in seiner gleichnishaften Bandbreite verstehen könnte. Aber ich habe eine recht gute Erklärung: Wenn sie eines Tages in der Schule mit dem Original traktiert werden wird, um den -ach so- bedeutungsschweren Gedanken eines philosophierenden Bruchpiloten hinterherzuspüren, dann wird sich diese Welt sehr viel weiterentwickelt haben. Leider nicht zum Positiven.
Melina wird in einer Welt erwachsen, in der der schulische Leistungsdruck und der Stellenwert der Markenklamotten bzw. Gruppenzugehörigkeit höher ist, dafür aber auch die Gefahr, Opfer von Mitschülern zu werden; in der weniger Lehrstellen, Jobs und Möglichkeiten zur Verfügung stehen, dafür aber eine höhere Qualifikation gefordert wird; und diese höhere Bildung aus eigener Tasche bezahlt werden muss; länger und härter gearbeitet werden muss und Urlaubstage oder Feiertage gestrichen werden; privat alle Versicherungen getätigt werden müssen, d.h. jeder z.B. für seine Krankenversicherung selber aufkommen muss; keinerlei staatliche Hilfe mehr geleistet wird und Arbeitslosigkeit ein Leben auf der Straße bedeutet; keine ausreichende staatliche Rente mehr gezahlt wird; der Staat jeden Bürger nach Belieben durchleuchtet und überwacht als Prophylaxe vor Terrorismus; die Schere zwischen Reich und Arm noch größer klafft, auch in Europa; die Finanzmächtigen noch mehr Kosten auf die Steuerzahler und Schuldner abwälzen, während sie immer mehr echten Besitz zusammenraffen; und internationale Konflikte um Rohstoffe und Besitztümer an der Tagesordnung sind, weil die Lebensgrundlage Natur immer weiter verschwindet.
Also nehmen wir einmal die nur angedeuteten Metaphern des Originals „Der kleine Prinz“ ernst, tilgen die naiven bravbürgerlichen Züge und formulieren sie so klar aus, dass selbst Lehrer begreifen, dass die Hintergründe dazu eigentlich zu gesellschaftskritisch für die bürgerliche Abrichtung junger Menschen in staatlichen Anstalten sind. Das wird Melina nicht davor bewahren, das Original lesen zu müssen, aber dieses Nachfolgewerk wird ihr einiges verdeutlichen, wenn sie der grundsätzliche Plot mit der „Muschi-Suche“ nicht abschreckt. Aber auch sie ist nur ein kritischer Seitenhieb auf die seltsame Abscheu der Gesellschaft vor diesem Wort, bzw. diesem Körperteil, und die Diskriminierung aller Menschen, die eine solche ihr Eigen nennen (Make love, not war!).
Melina wird erwachsen und als Erwachsene wird sie das ernten, was die wirtschaftlichen und (in Folge davon) politischen Entscheider von heute gesät und wir einfachen Leute und Schriftsteller nicht verhindert haben: Ausverkauf der Erde, Ausbeutung der Menschen, Diskriminierung der Frauen, Probleme mit und in der Dritten Welt, Krisen in der Wirtschaft und Finanzwelt und Kriege in der Politik.
Alle Kinder werden einmal erwachsen, dann werden sie dies lesen können und verstehen.
Vielleicht sollte ich meine Widmung ergänzen:
Für die erwachsene Melina,
die die Folgen all dessen
auszubaden hat.
Es tut mir leid, dass ich
es nicht habe aufhalten
können.
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Mit 6 Jahren beschloss ich, Künstler zu werden. Jedoch wurden meine bewusst minimalistisch gehaltenen ersten Zeichnungen nicht als Reminiszenz an die „art brut“ erkannt und landeten nicht etwa auf dem Kunstmarkt, um mein Taschengeld aufzubessern -wir waren eine arme Familie-, sondern im Papierkontainer. Immerhin dort, denn auch arme Menschen müssen Müll trennen. Es ist sehr schwierig, als Künstler anerkannt zu werden, wenn schon die eigenen Eltern das frühe Talent nur als narrenhändige Schmiererei ansehen.
Ich änderte mein Konzept. Einfache, aber klare Linien ersetzten meine kindlichen Kritzeleien. Um ihnen den Hauch von Exklusivität zu geben, gab ich ihnen anspruchsvolle Titel wie z.B. „Handzahmer weißer Elefant während des Pinkelns von Riesenboa überrascht und verschlungen“. Nun gut, es sah einem Hut nicht unähnlich, was mir viele phantasielose Erwachsene unmissverständlich deutlich machten.
Meine Eltern meinten deshalb, ich solle mit diesem Talent lieber Hutmacher werden. Vielleicht auch aus dem Grund, weil der einzige Hutmacher, den sie kannten, eine Figur aus einem Kinderbuch war. Den ganzen Tag am Tisch sitzen, plaudern, Teechen trinken und kleine Mädchen ärgern, ist schon eine feine Sache.
Aber natürlich hörte ich nicht auf sie. Ich hatte eine Mission: die Menschen durch meine Kunst in den Bann zu ziehen.
Als auch „Von islamistischen Terroristen gekaperte Boing707 bei Zwischenlandung in Landshut von Superriesenboa verschlungen“ nicht als Kunstwerk anerkannt wurde, änderte ich noch einmal mein Konzept.
Nun experimentierte ich mit „Installationen“ und schmierte Margarine auf unseren alten Holzstuhl in der Küche. Als Titel gefiel mir „Fettstuhl“ ganz gut.
Leider machte Onkel Gustav dieses Werk zunichte, als er sich auf den Stuhl setzte und mit seinem dicken Arsch die ganze Margarine aufsaugte. Seine darauf folgende wenig künstlerische Performance auf mein junges Hinterteil nannte er lakonisch „Arschvoll“.
Endlich reifte ich zum Manne und war immer noch davon überzeugt, dass Künstler ein echter Beruf ist. Abgesehen von den guten Arbeitszeiten, die man selbst bestimmte, und der leichten Knete, die man verdienen konnte -wenn man richtig im Geschäft war-, gab’s ja auch weitere Annehmlichkeiten frei Haus, z.B. Aktmodelle, also Frauen, die sich vor einem ausziehen… Um ähnliches zu erreichen müsste man schon Gynäkologie studieren oder zum Pornofilm gehen.
Man macht als Künstler zwar meistens kaum intellektuell anspruchsvollere Dinge als ein Pornostar, wird aber -bei Glück- besser als ein Gynäkologe bezahlt. Wer es dann zum Profi geschafft hat, muss nur aufpassen, dass Putzfrauen im Museum die Werke nicht mutwillig verändern, oder er nicht mit Drogen und 9 Huren im Hotel erwischt wird.
Ich malte inzwischen wie die Großen und konnte fast jeden modernen Klassiker kopieren. Leider machte mir Herr Kujau das Geschäft kaputt. Gerade als ich mit „Göbbels Liebeslyrik“ punkten wollte, kamen seine Hitlertagebücher raus. Damit war der Markt gesättigt, nur mein Magen nicht. So nutze ich diese meine erstklassigen Fälschungen zu dem, wozu die ganze nationalsozialistische Schreiberei taugt: als Klopapier. Aber langsam musste ich Geld verdienen. Es blieb nur der Abstieg in die Kommerzialisierung.
Als ich meine Kunstfertigkeit dazu benutzen musste, Weihnachtsmänner für einen Postkartenverlag zu entwerfen, ahnte ich bereits, dass meine Art von Kunst mich nicht ernähren würde.
Da ich bisher nur Kritzeleien von gefüllten Boas sowie Gesichter wie von Ensor bis Picasso gezeichnet hatte, sahen meine ersten Weihnachtsmänner sehr skurril aus. In langer Nachtarbeit wurden daraus herrlich fettbackige, feist grinsende, kalmundrunde, weißbärtige Männer in rotem Kostüm.
Aber als meinem Arbeitgeber meine Weihnachtsmänner zu traurig drein schauten, ich diese Tristesse trotz aller Mühe nicht aus ihren Gesichtern bekam und auch der Titel „Am weihnachtlichen Kaufrausch verzweifelnder Weihnachtsmann… beinahe von Boa verschlungen“ nichts mehr reißen konnte, endete meine Karriere in der kommerziellen Welt der Kunst sehr kläglich.
Da ich nichts weiter gelernt hatte, außer Farbe auf Leinwand zu verteilen, und meine wirklich bedeutendsten Werke die mit der Boa waren -das Wesentliche ist unsichtbar-, bekam ich schnell Gelegenheit, an einem staatlichen Quiz teilzunehmen. Die Fragen waren nicht allzu schwer, aber tiefgreifend: 16 Bögen Hartz IV. Ich muss zugeben: eine Blamage für mich als Künstler und ein starker Knick in meinem Lebensentwurf!
Ich kann zwar China nicht von Arizona unterscheiden, aber zum Glück bekam ich einen 1-Euro Job als Postflieger über ein ziemlich unbewohntes Stück Wüste im Norden Afrikas, und fliege seitdem auch Postkarten von fröhlich grinsenden Weihnachtsmännern, gemalt von „echten“ Könnern ihres Fachs. So auch zum Zeitpunkt dieser Geschichte.
Eine meiner ersten Zeichnungen der Boa-Serie hing in meinem Cockpit. Jedoch habe ich den Titel geändert in „Boing707 mit allen leicht bekleideten Playmates der letzten 5 Jahre an Bord, von Riesenboa verschlungen“. Man will ja auch was fürs Auge.
Und wie ich nun so flog, passierte es mir immer wieder mal, dass ich nach hinten ging, um die herrlich fröhlichen Weihnachtspostkarten meiner ehemaligen Konkurrenten aus dem Flieger zu werfen. Da aber dann niemand da war, der das Flugzeug steuerte, stürzte ich dabei regelmäßig ab. Zum Glück nicht tief, da ich sowieso ein Tiefflieger bin.
So auch dieses Mal.
Mitten in der Wüste kam mein Flugzeug abrupt zum Stehen. Eine Spur von Weihnachtskarten zeigte meinen Bremsweg. Aber ein Rad war angebrochen.
Ich holte mein Werkzeug und machte mich an die Arbeit, das Ersatzrad zu montieren.
Ich hatte nur für eine Woche Wasser dabei, und wollte zu Weihnachten wieder zu Hause sein.
Am Abend schlief ich ermüdet ein und am nächsten Morgen weckte mich ein zartes Stimmchen.
„Zeichne mir eine Muschi.“
Ich fuhr hoch:„Wie? Was? Wer?“
„Zeichne mir eine Muschi.“
Ich sprang auf, als hätte ich den leibhaftigen, fröhlich grinsenden Weihnachtsmann gesehen, und rieb mir die Ohren. Da sah ich einen kleinen Pimpf nicht unweit vor mir, der mich beobachtete. Noch Jahre davon entfernt, Haare am Sack zu bekommen, forderte er ganz dreist zum dritten Mal:„Du, zeichne mir eine Muschi.“
Also gut, dachte ich, soll der Kleine eine bekommen. Ich zog ein Blatt Papier und einen Stift aus der Tasche und zeichnete ihm die niedlichste Muschi-Katze, die ich vermochte. „Hey Mann, keine Miezekatze, sondern eine Muschi… eine knutschlippige, flaumbehaarte, kuschelweiche Schmusemuschi, wie sie die Frauen haben…“
Welch Ausdrucksweise für einen vermutlich Achtjährigen. Um den Pimpf nicht zu verärgern und ihn vielleicht schnell wieder loszuwerden, malte ich mit wenigen Strichen das, was er verlangte.
„Nein, nein, das sieht ja aus wie ein geschwollenes Gorillaauge nach dem Clinch mit beiden Klitschkos. Ich brauche eine Knuddelmuschi.“
Da ich nicht gewillt war, diesem Kinde eine originalgetreue Muschi zu zeichnen, malte ich einen Weihnachtsmannsack mit Kordel und sagte:„Die Muschi, die Du willst, hat Santa Klaus in diesem Sack für Dich.“ Der Pimpf bekam große Augen. „Au, ist die geil!“
Ich dachte nur:„Und du verrückt…“
Wie um diesen ersten Eindruck zu bestärken, wiegte er, die Zeichnung betrachtend, den Kopf hin und her und sagte plötzlich:„Sie nur, jetzt ist sie erregt…“
So machte ich die Bekanntschaft des kleinen Pimpfes.
Mein neuer Wüstenfreund hatte wohl recht lange nicht mehr mit jemandem geredet und so sprudelte alles aus ihm heraus. Während meiner Arbeit an dem Rad erfuhr ich vieles über diesen Knilch, was mich nicht die Bohne interessierte.
So behauptete er, von einem anderen Planeten zu kommen, der so klein war, dass er darauf kein Fußballfeld einrichten könnte, und wenn er es täte, die eine Hälfte immer auf der Nachtseite läge, während auf der anderen Tag wäre, dass er
