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Der kleine Pirat genießt unter der karibischen Sonne sein Leben, bis ein Eisverkäufer auf der Flucht in sein Leben stolpert und eine abenteuerliche Reise nach Grönland beginnt.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Stephan, Hugo, Hund und Jack.
Und für das Kaninchen.
Der kleine Pirat streckte sich auf dem warmen Strand aus. Er grub die Hacken tief in den feinen, weißen Sand, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blinzelte in den Himmel. Ein paar Kokospalmen warfen Schattenspiele auf das sommersprossige Gesicht. Sieben Pelikane flogen im Formationsflug die Küstenlinie entlang. Aus dem Wald, der sich dunkel hinter den Kokospalmen ausdehnte, klangen die vertrauten Geräusche von pfeifenden Vögeln und raschelnden Tieren. Es dampfte noch von dem Regenguss, der kurz nach der Mittagszeit niedergegangen war.
„Ach“, seufzte der Pirat, „könnte es doch immer so entspannt zugehen!“
Der Pirat war gerade am Eindösen, als das Rascheln hinter ihm lauter wurde. Verwundert richtete er sich auf und blickte in die Richtung, aus der nun deutliche, schnelle Schritte zu hören waren. Ob eines von den Schweinchen, die vor Jahrzehnten von anderen Piraten auf der Insel ausgesetzt worden waren und sich hier prima vermehrten, ein Bad im Meer nehmen wollte? Aber hörte er nicht auch eine Glocke bimmeln? Da stolperte ein Eisverkäufer aus dem Dickicht. Er schob seinen Eiswagen vor sich her, blieb unter den Kokospalmen stehen und lehnte sich an einen der hohen, glatten Stämme. Er trug weiße Eisverkäufer-Kleidung mit einer weißen Mütze, jedoch waren die Sachen ziemlich schlammverkrustet. Die kleine Glocke am Eiswagen kam zur Ruhe. Der kleine Pirat stand auf und ging auf den Eisverkäufer zu. Der hatte ihn noch nicht bemerkt. Mit der linken Hand nahm er seine Mütze ab und wischte mit dem rechten Ärmel den Schweiß von der Stirn.
„Hallo!“, sagte der Pirat. Erschrocken sah der Eisverkäufer ihn an, fasste sich jedoch schnell. Während er seine Mütze wieder aufsetzte, machte sich ein Grinsen in seinem Gesicht breit.
„Eis! Leckeres Eis!“, rief er in einem warmen Singsang und deutete mit einer einladenden Geste auf seinen Eiswagen.
„Oh ja, das kommt wie gerufen! Hast du ein Schokoladeneis für mich?“
„Aber selbstverständlich – das beste Schokoladeneis außerhalb von Kolumbien habe ich! Dafür bin ich berühmt!“
Der Eisverkäufer nahm eine Waffel, öffnete die Klappe seines Eiswagens, kratze mit einem großen Eiskugellöffel eine Schokoladeneiskugel zusammen und drückte sie auf die Waffel. Der kleine Pirat, dem das Wasser im Mund zusammenlief, streckte die Hand aus, um nach der Waffel zu greifen. Dabei fiel ihm auf, dass die Hand des Eisverkäufers zitterte. Ehe sie sich versahen, stürzte das Eis kopfüber in den Sand, so dass die Waffel keck ihre Spitze in die Luft streckte.
„Oh nein, das tut mir leid!“, sagten beide wie aus einem Munde. Sie blickten betreten auf das Eis im Sand. „Vielleicht ist es noch zu retten“, meinte der Pirat und kniete sich hin. Als er das Eis aufhob, troff die braune Masse an allen Seiten herab und war über und über mit weißem Sand bedeckt. Es lief dem Piraten über das Handgelenk. Als er das Eis ableckte, begann er zu spucken und zu husten.
„Iiiieh, nee, jetzt habe ich den Sand zwischen den Zähnen.“
Der Eisverkäufer stand mit hängenden Schultern da und sagte leise: „das war mein letztes Eis. Sonst hätte ich dir gerne ein neues gegeben. Es tut mir so leid!“
Gerade wollte der Pirat ansetzen, um seinerseits zu bekunden, dass ihm dieses Missgeschick so leidtut, als ein Höllenlärm im Wald ausbrach. Schwere Schritte trampelten durch das Gebüsch, Metall schlug aneinander. Der Eisverkäufer wurde blass. „Sie sind da! Sie haben mich gefunden!“, stammelte er. Dem Piraten wurde schlagartig klar, dass der Eisverkäufer nicht zufällig hier aufgetaucht war, sondern auf der Flucht war. Ohne zu zögern griff er dessen Ellenbogen und zog ihn über den Strand zum Meer. Der Eisverkäufer griff mit der freien Hand nach seinem Eiswagen und folgte stolpernd. Neben einem Felsen lag ein kleines Ruderboot am Strand.
„Schnell, fass mit an!“, forderte der Pirat den Eisverkäufer auf. Sie hievten den Eiswagen in das Boot und schoben es in die Wellen. Der Eisverkäufer zog sich als Erster an Bord, der Pirat folgte, nachdem er dem Boot noch einen ordentlichen Schubs gegeben hat. Jeder griff sich ein Paddel und beide legten sich so in die Riemen, als gebe es kein Morgen mehr. Der Pirat lenkte das Boot dabei um eine Landzunge in eine andere Bucht, die vom Strand nicht einzusehen war, weil hier die Bäume dicht an dicht bis ans Wasser standen.
Bevor sie ganz um die Ecke waren, konnten sie acht oder neun Männer erkennen, die unter den Kokospalmen auftauchten. Sie trugen polierte Brustpanzer und Beinschienen, ihre verzierten Helme blinkten in der Sonne. Einige hatten ihre Schwerter gezückt. Einer der Männer bückte sich gerade nach dem Eis, als das Ruderboot ganz in der schattigen Bucht verschwand.
„Ha, wir haben es geschafft! Die haben uns nicht gesehen!“, jubelte der kleine Pirat. Der Eisverkäufer seufzte „danke“ und fiel in sich zusammen. Er hatte das Rudern eingestellt und schaute bekümmert auf seine nackten Füße.
„Ach, komm“, versuchte der kleine Pirat ihn zu trösten, „halt noch einen Moment durch, dann sind wir in Sicherheit und du kannst mir alles in Ruhe erzählen.“ In der Bucht lag ein Segelschiff vor Anker. Es war vielleicht 15 Meter lang, hatte einen schnittigen Holzrumpf und zwei Masten. Am Bug war mit weißer Farbe „Graureiher“ angepinselt. Über das Schanzkleid blickte ein großer, dunkelbrauner Hund sie an und machte „wuff!“
„Alles gut, Brutus!“, rief der Pirat hoch, „ich bin ja gleich wieder bei dir und ich habe uns Besuch mitgebracht!“
In der Zwischenzeit hatte er beide Paddel übernommen und steuerte auf die Backbordseite der Graureiher zu. Dort hing eine Strickleiter ins Wasser. Der Pirat band das Boot an der Leiter fest und half dem Eisverkäufer, die Bordwand hochzuklettern. Dort sank der Eisverkäufer am Mast zu Boden, nahm die Mütze wieder ab und ließ sich von Brutus den Schweiß (oder waren es Tränen?) von den Wangen schlecken.
Der Pirat klettert mit einem Seil, das von einem Querbalken am Mast hing, zurück ins Ruderboot, knotete es am Eiswagen fest und zog ihn über eine Flaschenzugkonstruktion an Deck, wo er ihn neben dem Eisverkäufer absetze. Kurz nachdem er unter Deck verschwunden war, tauchte der Pirat mit einem Tablett vor dem Eisverkäufer auf und setze sich neben ihm auf die Planken.
„Greif zu, ich habe gerade meine Vorräte wieder aufgestockt. Ananas, Kokosnuss, Zuckerrohr, Mangos … und frisches Wasser. Ich habe sogar ein Fass mit Bier unter Deck, das ist sogar noch kühl, wenn dir das lieber ist?“
Der Pirat schaute den Eisverkäufer mit großen, braunen Kulleraugen so erwartungsvoll an, dass dieser schließlich lächeln musste und bei den Leckereien zugriff. So saßen die beiden eine ganze Weile schweigend an Deck. Hin und wieder nahm auch der Pirat ein bisschen Obst. Der Eisverkäufer kaute zufrieden vor sich hin. Brutus hatte es sich zwischen beiden bequem gemacht und schnarchte leise. Die Sonne war hinter dem dichten Wald am Ufer verschwunden. Die Geräusche des Waldes wurden lauter und – wenn man es nicht besser wusste – unheimlicher.
„Gleich wird es stockdunkel. Lass uns reingehen, bevor die Moskitos uns auffressen!“
Der Eisverkäufer folgte dem Piraten eine steile Treppe hinab.
„Warte, ich zünde eine Laterne an, bevor du irgendwo gegenläufst!“
Der Eisverkäufer fand sich in einem gemütlichen Raum wieder, dessen Wände fast vollständig aus Regalen und Schranktüren bestanden. Neugierig sah er sich um. In der Mitte war ein Tisch festgeschraubt, um den drei Stühle standen. An der Steuerbordseite hing eine Hängematte. An der Wand zum Bug hin, durch die der vordere Mast zu laufen schien, stand ein Herd. Daneben gab es eine Tür. In der Wand nach Achtern gab es ebenfalls eine Tür.
„Hier ist das Wohnzimmer, das Schlafzimmer und die Küche“, der Pirat breite seine Arme auf und drehte sich einmal im Kreis.
„Hinter der Tür“, er wies nach vorne, „befindet sich alles, was man als Pirat zum Segeln und so braucht. Und da hinten“, er wies auf die hintere Tür, „sind alle Vorräte, also Obst, Gemüse, Wasser und auch frische Unterhosen. Setz sich doch! Magst du jetzt ein Bier? Oder lieber einen spanischen Rotwein?“
Der Eisverkäufer überlegte noch, was ein Pirat wohl zum Segeln ‚und so‘ brauchen könnte, wurde beim Rotwein aber hellhörig.
„Ein Rotwein wäre jetzt genau das Richtige!“, sagte er, zog den Kopf ein und ging zum Tisch. Der Pirat hatte die Lampe an die niedrige Decke über den Tisch an einen Haken gehängt, verschwand kurz hinter der hinteren Tür und stellte zwei große, glänzende Rotweingläser auf den Tisch, in denen die Flamme der Laterne lustig funkelte. Aus einer staubigen Flasche zog er den Korken, schnupperte einmal, sagte: „hm!“, und goss beiden einen großen Schluck ein. Der Eisverkäufer nahm das Glas hoch und blickte durch die tiefrote Flüssigkeit Richtung Laterne. Er ließ den Wein ein paarmal im Glas kreisen, dann hob er es an die Nase, machte ebenfalls „hm“ und trank mit geschlossenen Augen einen Schluck. Nach einer Weile öffnete er die Augen, setzte das Glas ab und meinte:
„Jetzt habe ich noch nicht einmal ‚zum Wohle‘ gesagt. Dabei hast du mir gerade das Leben gerettet. Ich schulde dir wohl eine Erklärung. Wo soll ich bloß anfangen? Also, erstmal: Danke! Und: zum Wohle!“
Er hob sein Glas in Richtung des kleinen Piraten, der sein Glas auch hob und ebenfalls „zum Wohle!“ sagte. Beide nahmen einen großen Schluck.
„Den Wein habe ich vor drei Jahren bei einem Überfall auf ein spanisches Kriegsschiff erbeutet. Der ist gut, was?“
Der Eisverkäufer nickte anerkennend. Er lehnte sich zurück und wollte die Beine ausstrecken, jedoch lag mittlerweile Brutus unter dem Tisch. Also zog er die Füße zurück unter seinen Stuhl, setzte sich aufrecht hin, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte sein Kinn auf die gefalteten Hände.
„Also“, begann er, „ich bin Poti und ich bin Eisverkäufer.“
Nun lehnte sich der Pirat zurück und legte seine Füße auf Brutus‘ Rücken. Aufmerksam lauschte er. Poti kam aus der Stadt auf der anderen Seite der Insel. Der Pirat kannte die Stadt nur von wenigen Besuchen, wenn er mal auf legale Weise bestimmte Waren anschaffen musste. Es war eine freundliche Stadt mit weißen Häusern, einem quirligen Hafen und einem bunten Markt. Über allem thronte die Festung des Königs. Sie war ein dunkelgrauer Bau aus grob behauenen Steinen, einer hohen Mauer und einem dicken Turm. Im Gegensatz zur Stadt wirkte die Festung düster und bedrohlich. Der Pirat hatte von den Kellerverliesen unter der Festung gehört und mied daher die Stadt so gut es ging. Poti jedoch war immer ein zufriedener Bürger gewesen, der morgens sein Eis herstellte und nachmittags durch die Straßen zog, um es zu verkaufen. Er hatte einen guten Ruf, oft warteten die Menschen schon vor den Häusern auf ihn und die Kinder liefen ihm sogar lachend entgegen. Er machte Mangoeis, Vanilleeis und Schokoladeneis. Das Schokoladeneis war seine Spezialität. Er stellte es mit deutlich mehr Kakao her als andere Eisverkäufer. Seinen Kakao bezog er aus Kolumbien von einer besonders liebevoll geführten Kakaoplantage, auf der alle Mitarbeiter frei waren und Geld für ihre Arbeit bekamen. Poti war darauf sehr stolz. Nach getaner Arbeit reinigte Poti seinen Eiswagen in seiner kleinen Wohnung, danach traf er sich mit Freunden am Hafen. Sie saßen am Kai, ließen die Beine über dem Hafenbecken baumeln, sahen dem Mond, den Sternen und den Fischern zu und erzählten sich Geschichten. Zwischendurch holten sie sich Eintopf und Bier aus der nahen Schankwirtschaft. Wenn doch einmal einer dieser heftigen tropischen Regenschauer runterkam, konnten sie bei den Fischern im Gemeinschaftsraum sitzen und beim Netzeflicken helfen. Es war ein schönes Leben.
„Ja, es war ein schönes Leben“, seufzte Poti, „meinetwegen hätte es immer so weitergehen können!“
„Entschuldige, wenn ich dich unterbreche,“ der kleine Pirat beugte sich vor, „wie schafft man es überhaupt, hier unter der tropischen Sonne kaltes Eis herzustellen? Wo nimmt man die Kälte her?“
Poti zog die Augenbrauen hoch.
„Ach je, genau da kommen wir ja zu dem Problem! Außer der Kälte, die die Festung des Königs ausstrahlt, gibt es hier keine Kälte. Die kommt von weit, weit her.“
Potis Gesichtsausdruck verfinsterte sich und er blickte in sein Weinglas. Nach einem tiefen Schluck sprach er weiter.
„Das Geheimnis meiner Zunft ist Gletschereis von Grönland.“ Poti sah auf, um die Reaktion des Piraten zu beobachten. Dem fiel die Kinnlade runter.
„Grönland!?“ Wow! So weit bin ich noch nie gekommen. Wie schafft ihr das Eis hierher?“
„Es gibt ein Schiff, das einmal pro Jahr die Reise hoch in den Norden antritt. Die Kögröli, die ‚Königliche Grönland-Linie‘. Sie ist jedes Jahr mit den ganzen Ladeluken voller Gletschereis in den Hafen eingelaufen und die halbe Stadt hat mitgeholfen, das Eis in die Keller der Stadt und der Festung zu schafften. Die Zunft der Eisverkäufer war an dieser Linie genauso beteiligt wie die Fischhändler, die Gastwirte und so weiter. Je größer dein Anteil war, desto mehr Eis hast du bekommen. Meinen Anteil habe ich schon von meinem Vater geerbt und der von seinem Vater und so weiter. Ich hatte einen guten Anteil.“
Der Pirat schenkte Wein nach und begann, Kartoffeln zu schälen. Brutus knurrte im Schlaf. Das Meer plätscherte leise an der Bordwand.
„Alles war gut, meinetwegen hätte es immer so weitergehen können. Aber dann standen eines Tages diese Männer vor mir. Ich hatte gerade das frische Eis in meinen Eiswagen gefüllt und wollte mich auf den Weg durch die Stadt machen. Als ich meine Wohnungstür öffnete, standen die beiden gepanzerten Schergen des Königs vor mir. Ich sah nur dunkle Silhouetten, die Sonne stand genau hinter ihnen.“
Poti grüßte die beiden schüchtern, aber freundlich.
„Mitkommen!“, blaffte der linke Soldat.
