Der Kleine Rentner und sein Double - Herbert Pfeiffer - E-Book

Der Kleine Rentner und sein Double E-Book

Herbert Pfeiffer

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Beschreibung

Mit hintergründigem Humor beleuchtet der Erzähler, sehr Nahe an seinem Helden, die Odysse eines fitten Ruheständlers im Jahr 2020. Grundmatrix sind die Standardszenen der neuen Rentnergeneration, die nicht mehr nur auf den ewigen Ruhestand zugleitet, sondern sich hungrig in ein neues, gefahrvolles Leben stürzt. Ein unheimlicher Doppelgänger spinnt den roten Faden der Geschichte bis zum Bestehen der Heldenprüfung des Kleinen Rentners. Alles wird überschattet von der Coronapandemie, die bei Beginn der Rente nicht einmal Gott ahnen konnte.

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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Herbert Pfeiffer

Der Kleine Rentner startet schlecht

Hundertsiebzehn Leute waren es geworden, mit ihm hundertachtzehn. Der Kleine Rentner hatte gar keine Abschiedsfeier gewollt. Und jetzt auch noch eine Zoom-Konferenz, wegen Corona. Lauter Briefmarkenbildchen im virtuellen Konferenzraum. Grüne Hände zum Klatschen und ein Chat zum Fragenstellen. Die Männer der Chefetage trugen alle stahlblaue Krawatte, zu Ehren des Kleinen Rentners natürlich. Der hatte nur eine einzige: schwarz für Beerdigungen. Und diese Stahlblauen dislikte er so total, dass sie alle auf die Liste derer kamen, die er nicht bei seiner Beerdigung sehen wollte. Er schüttelte den Kopf und grummelte resigniert.

„Jetzt sei halt nicht so, das waren doch deine Kollegen“, meldete sich seine innere Stimme. Die hatte er sich schon vor Jahren zugelegt, prophylaktisch, als zweite Meinung, zur Mäßigung, weil er immer so zu Sarkasmus neigte. Zumindest sagte das seine Frau, obwohl die nicht vom friedlichen Fach war.

Los ging’s. Die Großkopferten wurden der Reihe nach auf groß geschaltet und lasen aus ihrem Skript. Fromme Sprüche über das Wirken des Kleinen Rentners. Natürlich über Tote und Lebende in der Öffentlichkeit, nur Gutes. Der Kleine Rentner, kurz KR, hatte eine solche Sonntagspredigt schon lange nicht mehr gehört. Beerdigungen hatten ja, wie gesagt, keine stattgefunden. Die Jungen waren noch zu jung, die Alten schon rübergegangen,. Da war mit mehr Feeling performt worden, mit gut geöltem Bibeldeutsch, so sanft hypnotisierend, wohlig. Man konnte dabei jeden Stress vergessen und an das Gute glauben. Hier lief das nicht so. Kahle Discounter-Slogans ohne Poesie wie ein Christbaum ohne Christbaumschmuck. Man lobte den KR: super Arbeit, starker Charakter, bei allen beliebt. Gemeint war das absolute Gegenteil. Diese Sprüche musste man erst übersetzen wie Textbausteine in Arbeitszeugnissen, in perfides Realdeutsch. „Hat stets das Neue gesucht“ sollte heißen: „Er hat uns mit seinen Ideen genervt.“ Oder: „Er hat in Konflikten seine starke Meinung vertreten“ war: „Dem Kerl konnte man nichts sagen“. Hat sich loyal vor sein Team gestellt“ bedeutete: „Dieser Bock hat sich geweigert, uns seine Leute ans Messer zu liefern.“

Der Kleine Rentner musste sich komplett stumm schalten, bis sein Vortrag drankam, weil er die Übersetzungen sonst tatsächlich ins Mikro gebrüllt hätte. „Schalt bloß ab, du, sag ich dir“, hatte Zweitstimmchen schon vor Wochen dringend angeraten. Als zweites Sicherungssystem hatte KR das Corona-Schutzvisier auf Kinnhöhe, nicht um das Virus abzuwehren, sondern als Notfall-Maulkorb. Die Maske konnte er nämlich blitzschnell hochziehen und unverständlich hineinfluchen, aggro „Fuck“, wie Carolin, seine Tochter. Auch für den Fall, dass jemand Lippenlesen konnte.

Rückblick: Er war Chef einer Abteilung gewesen, zwei Jahrzehnte lang. Welche Abteilung, verraten wir später, denn wenn wir jetzt sagen Chefarzt in der Psychiatrie, würden Vorurteile wie Jalousien herabrasseln. Zum Beispiel: „Die Psychiater pumpen doch nur alle Leute mit Psychopharmaka voll.“ Also bitte gleich wieder vergessen. Nur so viel: In den letzten Jahren hatten die Oberen ihm gescheit eingeschenkt, weil er sich mental nicht genug mit Vaseline eingeschmiert hatte. „Zieh hoch!“, mahnte ihn seine Korrekturstimme, bevor er den nächsten Fluch losbrüllte, der dann in die Maske ging, wie Durchfall in die Windel. „Schreib mal ein Buch drüber, Spezi, das entspannt.“

Der Kleine Rentner konzentrierte sich, sein Vortrag war dran. Er hatte ihn minutiös vorbereitet. Zuerst hatte er als Basis eine superböse Version geschrieben, um seine Spannung abzubauen, mit harten Sprüchen wie: „Manche Geschäftsführer glauben ja, psychische Gesundheit werde hergestellt wie ein Schokoriegel.“ Oder: „Meine Chef-Kollegen haben chronische Angst vor Patienten und essen lieber Kekse im Büro der Sekretärin.“ Und: „Intrigen und Gerüchte waren immer das Blut in den Adern unserer Klinik.“

Und so ging der 10.000-Volt-Rohtext weiter. Nachdem sich KR die Beschimpfungen solcherart von der Seele geschrieben hatte, wendete er alles einfach ins Gegenteil um: nette Anekdoten, lustige Geschichten mit geschätzten Kolleginnen und Kollegen, gespickt mit viel „danke, danke“ und „Ich werde euch nie vergessen“ und so was. Als Gag hatte er ab der Hälfte des Vortrags sein Gesicht mithilfe einer App als netten Kasperl verfremdet‒ sollte selbstironisch sein. Er hatte alles als Vortrag perfekt zum Abspielen gespeichert, brauchte nur auf eine Datei zu klicken und sich dann zurücklehnen. Klick. Während KR seinen vorgefertigten Beitrag selbst verfolgte, so nach fünf Minuten, verwunderten ihn doch die Reaktionen des Auditoriums. Die gingen von gerunzelter Stirn und von den Lippen ablesbaren „Häs?“ bis zu Kopfschütteln und ratlosen Fragen an virtuelle Nachbarn. Irgendwann ließ die Moderatorin, seine sehr geschätzte Sekretärin, völlig irritiert, ein paar Chats mit vielen Fragezeichen und Rufzeichen und Smileys garniert rüberwachsen. Aus denen wurde KR schockschnell klar, dass er versehentlich die falsche Vorlesung angeklickt hatte. Die blöden Dateinamen waren so lang, dass man sie nicht mehr lesen konnte. Er hatte „Analoges Lernen aus Physik- und Mathe“ gestartet. Ein Professor servierte auf Youtube wissenschaftliche Schmankerl für Leute, die gerne was Neues, nicht ganz leicht Verständliches, erfahren und sich inspirieren lassen. Also definitiv nix für Psychiater. Allein schon die Formeln! Mathe? Physik? Geht’s noch? Wofür war man schließlich Psychiater geworden?

Eine solche Zumutung war einfach unpädagogisch. Also umschalten, hektisch und auf gut Glück. Und es kam schlimmer: Im Kanu auf dem Scheißefluss mit gebrochenem Paddel. Man sah KRs Kopf mit Kasperl-Morphing. Sein Kasperl sah mehr doof aus als clever und noch dazu alt. Statt coole Sprüche stotterte er „Entschuldigung“ und fünfmal hintereinander kam der Loop: „Wenn ihr das nicht verstanden habt, müsst ihr den Kasperl fragen!“ Und der hielt dabei verzweifelt seinen Mützenbommel zwischen den Stoffhändchen und jammerte wie seine Großmutter: „Ich wollte aber niemanden überfordern.“ Schon wieder hintenrum eine Beleidigung und noch dazu aus dem Mund eines Kasperls. Und es kam noch schlimmer: Im Kanu auf dem Scheißefluss ohne Paddel. KR erwischte nämlich in dem ganzen Chaos den Knopf für den kurzen Clip, das einen Teufel zeigte,  dank Photoshop unverkennbar die Karikatur seines verhassten Direktors. Der Herr Teufel Direktor nibbelte an seiner stahlblauen Krawatte, zeigte den Stinkefinger und schob ihn sich in den Popo.

Als junger Mann hätte KR gesagt: „Ich bin erledigt.“ Jetzt borgte er sich unbeugsam bei seiner Tochter ein kräftiges „Mega Shit“ für diesen GAU.

KR drehte seinen Kopf vom Bildschirm weg und sah aus dem Fenster seines Schreibzimmers. So was tut man gerne, wenn die Kernschmelze droht. Nur noch einmal die Welt sehen in ihrer Pracht vor dem Untergang. Die schräg stehende Sonne beleuchtete schonungslos eine Wolkenfront, die den hellen Horizont auffraß wie ein Borkenkäfer. Das würde richtig scheppern. KR schaltete einfach alles ab, Notknopf aus, zumindest glaubte er das. Er schimpfte auf den Computer, auf das humorlose, blöde Publikum, den teuflischen Chef, nur nicht über sich selbst, und alle hörten im O-Ton mit. Dann folgte ein Ozean mit roten Fähnchen und Ampeln statt grünen Klatschhändchen, ein Shitstorm und 100 Prozent Dislikes mit Daumen nach unten. Die Moderatorin, also die Sekretärin, musste abbrechen. „Entschuldigen Sie bitte die Technikpanne, wir wünschen Ihnen allen einen guten Nachhauseweg.“

„Ich habe dich gewarnt“, hörte der Kleine Rentner seine Stimme. Keine Technik, kein doppelter Boden, lieber Maul halten, aber du immer. Hörst nie zu und dann ist es zu spät. Komm wir trinken einen. Sehen lassen kannst du dich bei denen allen nicht mehr.“

Mit ein paar Kollegen war unser Kleiner Rentner eigentlich auf ein Glas Wein bei 1,50 Meter Abstand verabredet gewesen. Außer seiner Zweitstimme und der Sekretärin kam aber wie zu erwarten niemand. Der Sturschädel KR war dennoch weiter voll auf Widerstandskurs, unbelehrbar.

„Ich schäme mich, dass ich in den letzten Jahren überhaupt für diesen Verein gearbeitet habe“, sagte er dreist zu seiner Sekretärin.

„Ich hätte den Schneid haben sollen, mich früher abzuseilen.“

Er saß schon am Tisch, sie stand noch unschlüssig davor. Er sah auffordernd zu ihr hoch und winselte förmlich um Bestätigung. So was tut man nur, wenn man echt Scheiße gebaut hat.

Die Sekretärin sagte nichts, auch KRs Nachrichtensysteme schwiegen. Nur eine Message kam durch: „Super Vortrag.“ Von wem und ob Ironie oder ehrlich gemeint, konnte der Kleine Rentner nicht zuordnen. Wahrscheinlich kam die Botschaft vom Teufel persönlich. Jetzt fand die Sekretärin doch ihre Stimme wieder und meinte trocken, der Kleine Rentner hätte in den letzten Jahren nicht so auf Opposition rumreiten sollen, das hätte auch seinen Mitarbeitern nicht gefallen. Chefs seien eben heutzutage Kugellager zwischen „aufi“, ganz oben, und „obi“, ganz unten in der Hierarchie. So ein Apparat benötige halt nun mal reibungsfreie Abläufe. Der Kleine Rentner wagte nicht mehr, zu widersprechen, überreichte der Sekretärin, wenn auch ohne Publikum, die Geschenke für viele Jahre bester Arbeit und ging nach Hause.

„Du denkst, eigentlich ist es ja super gelaufen“, meinte sein zweites Ich, „stimmt’s?“ Es stimmte, aber absichtlich hätte er sich das nie getraut. Oh du lieber böser Zufall. Die Stromlinienbande wollte er tatsächlich nicht mehr sehen.

Für den nächsten Tag hatte er vor Langem einen Termin bei einem Rentnercoach gebucht, er wusste schon, warum. Ambitioniertes Praxisschild „Your New Life“, aber schlichte Räume. Der Coach kam dezent flott herein mit Abstand und zum Gruß vorgestrecktem Ellenbogen. Sein skandinavischer Akzent zusammen mit dem Bild vom Nordkap an der Wand machte ihn zum Verdachtsnorweger. Geschätzt Mitte 30, mal schauen, was der Jungspund vom Rentnerdasein verstand, sicher alles angelesen. KRs Stimmung war auf defätistisch gestellt. Die Euphorie über das Ende der Arbeitszeit, worauf er ganz heimlich doch immer gehofft hatte, war nach dem letzten Abend erst gar nicht aufgekommen. Natürlich hatte er für den „Day After“ und die Folgezeit einen minutiösen Plan entworfen, wie er seine Tage strukturieren wollte. Und es waren beeindruckend präzise Gedanken, darauf war er saustolz. Seit Jahren war er jeden Tag auf dem Weg zur Klinik mental durchgegangen, was er wohl dann statt der Arbeit tun würde, hatte jede Minute des Tages durchgeplant. Wie eine Choreografie von Alex Honnold, dem Freeclimber im Yosemite am El Capitan, der eine Schlüsselstelle 60-mal kletterte, bevor er sie ohne Seil wagte. Tausende Bewegungen im Gedächtnis eingebrannt. Für Alex Honnold waren danach die 1000 Meter Wand laut eigenen Worten „wie ein Spaziergang im Park“ gewesen. Analog bei KR also ein Rentner-Spaziergang in Raum und Zeit des Englischen Gartens in München. Dieses Drehbuch wollte er dem Coach an den Kopf werfen. Der würde staunen über die ausgefuchste Zeitaufteilung in folgender Reihenfolge:

Alpinismus: 30 Prozent,

Mathe- und Physikvorlesungen: 20 Prozent,

Schreiben ohne Rücksicht auf Erfolg: 50 Prozent.

Der Coach ließ KR kurz reden, hörte mit bestenfalls einem halben Ohr zu und begann dann schonungslos zu dozieren.

„Warum, Herr Wirtz, so viel Neues und Unausgegorenes? Rentner meinen immer, ihr neues Leben beginnt, dabei endet nur das alte. Wieso arbeiten Sie nicht weiter in Ihrem Beruf? Sind Sie so übermütig? Stattdessen kommt: „Ich will schreiben!“. Aber genau das funktioniert doch auf keinen Fall! Belletristik? Chancenlos! Und dann noch Naturwissenschaften so nebenbei. Gar nicht dran zu denken.“

Die ganze Zeit belaberte den KR seine Zweitstimme: „Lass den guten Mann reden, er will doch nur sein Geld verdienen. Und schnäuz dich, du hast da was an der Nase rechts, wie siehst du denn aus?“ Davon unbeeindruckt und einfach, um nicht zuhören zu müssen, dachte KR über die „Wer-wird-Millionär-Frage“ nach, wie denn ein Norweger eigentlich aussehe, wie ein Psychiater und wie ein Rentner. Antwort: Der Norweger sieht aus wie sein Klischee, der Psychiater wie ein Arzt ohne weißen Kittel, aber mit verstrahlten Augen, der Rentner wie ein Fünfmarkstück zu Eurozeiten oder wie ein Love Toy unterm Bett.

Unbarmherzig weiter der Coach: „Da fehlt nur noch der Traum von den großen Reisen. Haben Sie mir den verschwiegen? Denn die sind auch keineswegs abendfüllend. Dazu geht in der Coronazeit ohnehin nur Wohnmobil, minus Länder mit Reisewarnung.“

Er legte eine Pause ein, sah sich die Mimik des Rentners an, der die Lippen unwillkürlich bewegte. Er antwortete gerade innerlich lebhaft seinem Alter Ego, das eindeutig Partei für den Coach ergriffen hatte: „Wenn du so gegen mich arbeitest, schick ich dich auch in Rente, damit du’s weißt.“

Irgendwie registrierte der Coach KRs Anspannung und wurde etwas milder. „Gut, Bergsport ist o. k., aber Ihr Gesamtkonzept für 24 Stunden minus Schlaf hängt vielleicht doch ein kleines bisschen schief, glauben Sie mir. Arbeiten Sie doch, wie gesagt, einfach weiter in Ihrem Beruf, dann müssen Sie mich nie wiedersehen. Sonst landen Sie im schlimmsten Fall bei Gassigehen mit Hund, sein Kacka aufsammeln und warten, bis der Postbote wieder mal eine Arztrechnung bringt.“

„Moment!“, da platzte KR der Kragen und die innere Stimme unterstützte ihn sogar noch mit: „Jetzt hat er es aber genau beieinander, der Depp.“ KR ging in die Offensive: „Ich kenne den Autor dieser Geschichte. Ich weiß, Sie sind Norweger, und ich lasse Sie umschreiben auf Finne, dünnes Eis!“ 

Der Norweger wollte kein Finne werden, seine stylische Fliege zitterte leicht, er fuhr sich durch das gegelte Haar und wiegte seinen Kopf hin und her, aus Angst, der Psychiater könnte seine Gedanken lesen. Psychiater haben ja wie oben gesagt Röntgenaugen. Und das durfte doch niemand wissen, dass dem norwegischen Coach die alten Leute kolossal auf den Senkel gingen. „Ist ja gut. Ich meine nur, Sie sehen fit aus, nicht als ob Sie warten würden, bis Corona ihre Risikogruppe durchkämmt. Aber Sie werden, das sage ich Ihnen noch mal in aller Deutlichkeit, Ihr bisher angestammtes „altes Leben“ nicht so einfach verlassen können, sondern müssen es leicht schaumgebremst weiterführen. Wissen Sie, früher, da sind die Leute brav gestorben, fix und fertig vom Erzklopfen und von Waldarbeiten. Die haben es gerade noch mal kurz ausgleiten lassen, wenn sie nicht schon bei der Arbeit verunglückt waren. Nur wenige hatten überhaupt Rente oder konnten auf dem eigenen Hof oder in der Firma mitwirken, beziehungsweise sich als Senior-Chef oder Austragsbauer unbeliebt machen. Aber der Laden, in dem Sie gearbeitet haben, gehört Ihnen nun mal definitiv nicht, also fällt das weg. Sie sind raus, und die Oberen nehmen einen neuen dynamischen Besen, der vielleicht schlechter kehrt, aber elastischer ist.“

Den letzten Satz konnte der Kleine Rentner nicht mehr abwehren, er traf voll ins Bewusstsein. „Sorry, der Mann scheint doch zu wissen, was er sagt“, warf seine innere Stimme ein. Mit einem „Das muss reichen, mehr Wahrheiten vertrage ich nicht.“ beförderte KR schwungvoll 200 Euro auf das Tischchen. Er warf die Tür halb unabsichtlich recht heftig hinter sich zu. Das nachgerufene „Verlieben Sie sich doch einfach noch mal, das bringt Sie auf ein anderes Gleis“, war krasse Ironie und reine Boshaftigkeit. Das ließ KRs Kopf endgültig ins Schütteln übergehen, eine Mischung aus hin und her und auf und ab, schräg eben. Erst beim Verlassen des Gebäudes las er den Zusatz auf dem Praxisschild: „Bad Ass Therapie“

Er würde seine Tochter fragen, was mit „Bad Ass“ genau gemeint war. Bestimmt eine provokative Methode, um die sanften, verschlafenen Patienten dazu zu bringen, sich ein paarmal öfter was zu gönnen. Patienten waren einfach Verlierer, und Verlierer bekamen Vorwürfe und Spott ab, auch wenn sie nichts dafürkonnten. Schlussfolgerung war, man musste definitiv vermeiden, „Du Opfer“ zu sein.

In der U-Bahn stand schon wieder ein junger Mann auf, um ihm seinen Sitzplatz anzubieten. Er sah höflich aus, nur wenn man ihn böswillig einschätzte, bemerkte man Schadenfreude. Am liebsten hätte der Kleine Rentner deshalb gesagt, er bereite sich gerade wieder auf eine 15-Stunden-Bergtour auf einen Viertausender in den Ostalpen vor und trainiere Stehen unter Belastung bei Sauerstoffmangel. Stattdessen sah er den freundlichen jungen Mann einfach an und meinte: „Platz anbieten? Wozu?“ Der reagierte pikiert und verständnislos auf den alten Grantler und setzte sich wieder hin. Zwei Plätze weiter wegen Coronaabstand saß ein hübsches Mädchen mit silbernem Paillettentotenkopf auf dem kräftigen Busen und übergroßen künstlichen Wimpern. Das Mädchen war wenigstens so gnädig und sah durch den Kleinen Rentner wie durch Luft hindurch. Denn für junge Frauen und Männer wirken lichte oder graue Haare, Gleitsichtbrille, steife Hüfte und Runzeln wie die Legierung eines Tarnkappenbombers. Unter dem Radar. Bittere Unsichtbarkeit.

Zu Hause erwartete ihn niemand, das ist ja auch eine Form von Unsichtbarkeit. Das Nachbarehepaar, beide Rentner, rüstete sich gerade für eine dreiwöchige Urlaubsfahrt mit einem schicken, großen Miet-Wohnmobil. Sie instruierten die gebrechliche Dame von gegenüber, für die sie immer einkauften, dass sie über das Festnetz durch Rufweiterleitung auf ihr Handy erreichbar wären. Die verstand null, schüttelte den Kopf aus einer Mischung von Bewegungsstörung und Ratlosigkeit. Die Nachbarn hatten ja schließlich kein Kabel hinten am Auto, wie sollte da ihr Telefon zu ihnen kommen? „Lieber Gott, lass mich so nicht enden“, rutschte es dem Kleinen Rentner raus. „Aber sie ist sehr nett und wir mögen sie“, ermahnte ihn KR II.

Auf dem Frühstückstisch lag noch eine alte Breze zum Aufbacken. Brezen konnte man aufbacken, Rentner nicht. Statt sie zu essen, hielt der Kleine Rentner sie sich vors Gesicht und betrachtete sich im Spiegel. Ein verschlungenes Ungetüm, das den Träger von der Welt abschirmte und umgekehrt die Welt vom Träger. Social Distancing hieß das jetzt. Da gab es keinen Gewinner. R-Wert, Reproduktionswert, Rentenwert, alles instabil volatil.

Er nahm die Breze ab und las die Anzeigen im Gemeindeblättchen. Der trockene Teig saugte ein paar angedeutete Tränchen auf und wurde noch salziger. Wenn ihn jemand so gesehen hätte! Der Held am Boden auf den ersten Seiten. Zwischen „Hundefriseur hat wieder Plätze frei“ und „Reinigungskraft gesucht“ fand er eine Annonce des Kunstfaserverlags.

„Erlebnisgeleitetes Schreiben“ hieß es da. „Sie gehören zur Risikogruppe über 65 und wissen, was Angst ist? Sie erleben die Last des Alltags jetzt doppelt und wollen darüber schreiben? Wir helfen Ihnen. Buchen Sie online oder, wenn es zu schwierig für Sie ist, telefonisch unseren Kurs zu coolen, oder wie Sie sagen würden, sagenhaft günstigen 453 €.“ Dann www.kuntfaserverlag.de und die Hotline-Nummer.

„Die wollen dich doch nur anzapfen“, meinte KR II. „Die nehmen deine Geschichten als Steinbruch für ihre Projekte. Wie Musik-Loops im Netz bei Looperman, die jeder benutzen kann. Sag, was willst du einem Leser denn erzählen? Geschichten vom Kleinen Rentner etwa? Wer will das lesen?“

Recht hatte die Stimme. Wahrscheinlich. Der Kleine Rentner schnitt eine Breze aus braunem Backpapier aus, original wie von Lauge gefärbt, versteifte sie mit Klebeband und montierte sie mit den von den selbstgenähten Coronamasken übriggebliebenen Unterhosengummis im Gesicht. Das war zumindest schon ein Alleinstellungsmerkmal. „Geschichten vom Kleinen Rentner mit der Breze im Gesicht“.

Seine Tochter kam mit ihrer Freundin von der Schule. Nein, Quatsch, es war ja „Homeschooling“, und man traf sich nach der Videokonferenz „Französischstunde“, der niemand zugehört hatte, weil ein Externer sie angeblich gehackt hatte. Die Tochter sah Papa mit der Brezenbrille, lachte nicht, sondern ließ humorlos einen Spruch aus der Bad-Ass-Kiste ab: „Papa, so siehst du einfach scheiße aus. Das ist nicht komisch.“ Und übergangslos: „Dürfen wir einen Horrorfilm anschauen?“ Durften sie laut Familienrat von vorgestern eigentlich nicht, taten es aber ungeniert. Bitte jetzt kein Spruch aus eurer Kiste „Wenn ich das zu meinen Eltern gesagt hätte“. Lasst es einfach. Der Film hangelte sich vom satanistischen Symbol an der Wand zum schaurigen Jaulen im Wind, dann eine Séance von Jugendlichen mit Hände-Anfassen im Kerzenlicht, ein daraufhin schreiendes hübsches Mädchen, Licht aus, das Mädchen schwer an den Armen verletzt, reichlich Blut.

Folgender Dialog Vater–Tochter:

„Was ist das?“

„Das wird dann ein Ritualmord, Papa.“

„Warum schaut ihr euch den Scheiß an?“

„Weil es lustig ist. Wir würden gerne ein Trinkspiel machen, wo man saufen darf, wenn ein Klischee kommt, da wären wir dann sofort hacke. Dürfen wir?“

„Ich weiß, eure Klassenkameradin ist gestern in der Intervallwoche Präsenzschooling mit zwei Promille aus der Bank gefallen.“

„Okay, vergiss es, war nur so ein Versuch.“

Das war zu viel Irrsinn, der Kleine Rentner musste raus. Er fuhr nach München in sein Lieblingscafé, mit dem Auto. Öffis mit Coronamaske kriegte er einfach nicht hin. Autofahren, überhaupt Bewegung, brachte seine Ideen in Gang, er brauchte ein großes Ziel, entweder einen sehr schwer bezwingbaren Berg oder einen geilen Romanstoff.

Das Café Schmalznudel am Viktualienmarkt war nur halb besetzt, durfte nicht mehr belegen. Die Bedienung hatte ein Plexiglas-Visier. KR lachte und meinte vor der Bestellung zu der ihm bekannten Service-Dame, er müsse sich erst an ihr neues Äußeres gewöhnen. Die Dame war genervt, er war wohl nicht der Erste mit einer blöden Bemerkung, und ließ ihn stehen. In diesem Moment der Demütigung, selbstverschuldet, kam von der Seite eine Frau in seinem Alter. Also graue Haare, so ein wehendes Tüllgewand mit kesser langer Zipfelmütze, Daunenjacke trotz Hitze und Brille als Accessoire ins Haar geschoben, sodass die langen Strähnen hinter den Ohren hielten.

„Ich habe dich an deiner Stimme erkannt, du mich sicher nicht in meiner ewigen Jugend. Doris, Doris Dirks, wir waren mal zusammen, lass es ruhig sacken.“

Oh ja, sie waren mal zusammen gewesen, sehr nah zusammen, kurz, mit einem fetten Paket „Ich liebe dich“. Romantik voll heißer Luft, aber okay.

„Doris, du wirst es nicht glauben, ich habe oft, also auch gern, an dich gedacht.“

Sie war es, sah immer noch super aus, wenn auch zu selbstbewusst, als ob sie zehn Jahre jünger wäre.

„Und?“

„Mein Mann ist letzte Woche gestorben.“

„Corona? Nicht, oder?“

„Doch, die hatten keinen Beatmungsplatz, war in Italien.“

„Mein Beileid, Doris, ehrlich.“

„Quatsch, entschuldige. Ich sag’ so was immer nur, weil, wenn ein Mann hört, dass ich seit zehn Jahren solo bin, denkt er, die Frau muss einen Hau haben. Wäre umgekehrt bei mir genauso. Du?“

„Ehe, naja, schwierig. Und Tochter mit 17 Jahren.“

„Wenn du mich noch wolltest, wäre ich ja frei. Spaß, sorry, du bist verheiratet, bleib das. Ich geb’ dir meinen Kontakt, warte mal, ich scanne deinen Threema-QR-Code. Und dann bitte noch ein Foto.“ KR hielt die Brezenbrille reflexartig vors Gesicht.

„Mit der Breze? Wozu ist die gut?“.

„Alleinstellungsmerkmal als erfolgreicher Schriftsteller“, quetschte KR raus. Doris war auf das Bild konzentriert.

„Sag mal, hast du einen Zwillingsbruder?“

„Nein.“

„Aber nur dann wäre es logisch, dass du dich so maskierst, also um euch auseinanderzuhalten. Und das wäre auch ein gutes Thema für einen biografischen Roman. Mein Bruder aus dem Nichts zum Beispiel. Ich würde nur Chili und Rucola in den Brezenteig mischen lassen.“

Doris war damals schon immer schnell mit wahnwitzigen Gedanken, und dabei ging ihre Stimme so in die Untertöne, so rauchig esoterisch. Das war auch der Grund, warum er sie trotz schönstem Sex nicht ausgehalten hatte. Und sie dachte im Moment dasselbe und wollte sich rächen.

„Vielleicht stelle ich dein Foto auch ins Netz. Aber da fehlt mir noch ein Tick. Du musst gucken, dass du entweder nicht gar so rentnerisch aussiehst, oder wenn, dann so richtig voll nach Rentner. Kannst mir ruhig zuhören, du hast schon immer weggehört, wenn man dir die Wahrheit gesagt hat. Schick mir ein gepimptes Selfie.“

Jetzt wie damals gab es eine böse, rotzige Antwort von Karli Wirtz.

„Warum reden wir eigentlichwo wir doch Fische sind?Warum sehen wir uns an,wo wir doch unsichtbar sind?“

Diesen Song der Gruppe Halbmast hatte er mit immer wechselnder improvisierter Melodie für Doris gesungen, wenn es Zoff gab.

Und sie war gleich wieder, wie damals, so beleidigt, dass sie weglaufen wollte. Die Mütze baumelte schon wie der Schwanz einer aufgeregten Katze. Nein, stattdessen ein typischer Doris-Move. Sie streckte ihren linken Arm aus, berührte KRs Schulter und fuhr langsam mit den Fingernägeln kraulend hoch zum Hals. Dann Nägel eingeklappt und mit dem frechen Zeigefinger zart rein in den Mund.

„Schmeckt’s? Wollen Sie noch eine Ausgezogene (Schmalzgebäck, Anm. d. Autors.)?“ Die Service-Dame hatte ihren Humor wiedergefunden.

„Ich nehme noch einen Striezel (Schmalzgebäck, Anm. d. Autors.)“, brabbelte KR, Doris’ Finger noch im Mund.

Doris zog den Finger raus, machte eine Kehrtwendung und rief im Gehen. „Ich werde deine Stilberaterin, undercover, wirst sehen, ich klick dich nach oben. Und deinen Bruder finde ich noch. Jede Breze hat zwei gleiche Löcher!“

Weg war sie. Die Bedienung lachte amüsiert und holte das bestellte Gebäck.

„Noch einen Kaffee?“, jetzt auch sie im Gehen, das wurde zur Mode.

„Ja, groß bitte, mit Süßstoff“.

Der Kleine Rentner konnte der Versuchung nicht widerstehen, die 40 Jahre von Doris zu Doris kurz durchzuscrollen. Die Trennung von ihr damals war nach seiner bisherigen Einschätzung eine der wichtigsten Weichenstellungen im Leben gewesen, wie Kreuzung rechts und dann Unfalltod, oder links und knapp vorbeigeschrammt.

Gut, Rentner wäre er jetzt so und so, aber Doris alternativ zu seiner Frau? Glück oder Unglück? Als 25-Jähriger war klar: ideale Frau, idealer Beruf, und das Leben war ein Selbstläufer. Okay, Arbeit ist stressig, Kinder sind nervig, aber man würde alles besser machen als die Generationen vor einem. Denn wenn man als 25-Jähriger die Rentner reden hörte, also wenn man zwischendrin überhaupt mal nüchtern zuhörte, wie sie vorschwärmten von Enkeln, saftiger Rente, kein Stress mit der Arbeit, Wohnmobil, dann hielt man das für ätzenden Selbstbetrug. Aber man war meilenweit entfernt, darüber ernsthaft nachzudenken oder es denen zu sagen. Alt werden lehnte man einfach ab, so einen Fehler würde man nicht machen.

Denn was taten die alten Gäule wirklich: Sie dissoziierten, psychiatrisch, übersetzt praktizierten „Sofatrance“. Starr dasitzen, kurzer Bewusstseinsblitz wie ein Elektroschock, dabei auf den Bildschirm gucken, und wieder weg. Als Begleitmusik eine Streaming-Serie, 6 bis 12 Folgen am Tag, ohne sich zu schämen, schmerzbefreit. Und diese Wracks nannten die Kinder zärtlich Oma und Opa.

Jetzt war KR One of Us, einer dieser Freaks, und wusste, an dem Schicksal hätte auch keine Doris der Welt etwas geändert. Dann noch dieser unverschämte Norwegertipp vom Verlieben.

Sogar seine Stimme schwieg. Denn nur ein falsches Wort, in diesem Zustand, wer weiß.

Der Kleine Rentner bezahlte und sah beim Hinausgehen alle älteren Herrschaften im Café, davon gab es genug, wütend an, aber die hatten ihm doch nichts getan.

Auf dem Weg zum Parkplatz traf KR einen noch älteren Herrn mit Hund. Der Hund, ein kleiner, wolliger Schäferhundewelpe, wollte von KR beschmust werden und zerrte winselnd an der Leine. Der ältere Herr, FFP2-Maske, hielt gehörig Abstand. Er sei Hubschrauberkonstrukteur gewesen, Frau an Hirnblutung verstorben. Er wolle aber weiterleben, für die Enkel in Neuseeland, er habe zwei Herzinfarkte hinter sich, Hochrisikopatient. Also Abstand, Maske, Abstand, aber er wollte ratschen ohne Ende. Erzählte alles über den Hund, den er aus Polen hatte, Sprachproblem daher. Schon der dritte aus dem Tierheim, immer beste Erfahrungen.

Carolin rief den Kleinen Rentner an. Erzählte aufgeregt, dass Pamelie die ganze Nacht draußen gewesen war. Leute aus der Nachbarschaft hätten sie völlig verdreckt zurückgebracht und über den Zaun geworfen, um das Abstandsgebot einzuhalten. Sie sei jetzt völlig verstört und lasse sogar ihre Lieblingsleckerli stehen.

Der Kleine Rentner reagierte schnell, bat Carolin um eine Skype-Verbindung mit Pamelie. Das klappte. Sie erkannte den Kleinen Rentner und kratzte, wieder aus dem Traum erwacht, am Handyscreen. Dabei gab sie sehnsüchtige Maunzen von sich. Der Kleine Rentner zeigte es dem alten Mann, der war total gerührt, wischte sich die Tränen aus den Augen und ging glücklich zum Abschied winkend weiter. Was hatte der nette Ingenieur noch außer Hund und Skype mit Enkeln?

Jaja, Rente macht das Leben schlank. Kein Stoff für einen Erfolgsroman. Eher Horrorfilm. Alt werden war definitiv nix für Feiglinge.

„Dass du ja nicht auf die Idee kommst, wegen deines Frusts jetzt diese Doris anzurufen, gell?“ Da war Rentner II wieder zur Stelle.

„Ist ja gut, hast recht, dann gehen wir halt auf, wie die Neurofoschung sagt, „Default Mode“, quasi Rentenmodus, Hirn auf Minimalfunktion. Laut einer amerikanischen Studie kommt man mit folgendem Rezept ins Hirn-Default:

„Lassen Sie Ihren Geist wandern.“ Also die meinen „weit weg wandern“. „Vermeiden Sie Gedanken, die sich wiederholen. Lassen Sie die Augen offen und fokussieren Sie die Aufmerksamkeit auf einen zentralen Fixierpunkt.“

„Das wäre dann ein aktives Dauerkoma“, meinte die Stimme. „Das passt nicht zu dir. Und auch nicht der Vergleich mit Rente. Das bist du nicht.“

Die Zweitstimme versuchte wohl, ihn aufzubauen, einzulullen. Da sollte er doch lieber Doris anrufen. Mit Vollspaß an die Wand. Sollte er? Nein, denn er liebte seine Frau, wenn da auch viel Gestrüpp eingewachsen war, und sie noch Jahre arbeiten musste oder durfte, während er schon im Default war.

Wieder zu Hause angekommen, maunzte ihn die Katze an, Pamelie hieß sie, und verscheuchte mit ihrer zärtlichen Kopfzuwendung das Grübeln wie einen Einbrecher. Der Kleine Rentner würde Punkt eins seiner Liste abarbeiten: Alpinismus. Er rief seinen Bergpartner an, was man denn noch vor dem Wochenende, haha, man ist ja Rentner, machen könne, das Wetter sei schön angesagt. Das Gespräch verlief leider identisch wie seit Coronabeginn schon mehrmals. Sein Freund versprach, man könne sich vielleicht mal ganz im Freien auf Abstand treffen, aber Ausflüge zusammen im Auto in die Berge und sich zu nah kommen, wäre der Situation nicht angemessen. Tirol sei gesperrt, und er müsse auch noch seine Frau fragen, was sie vorhabe. Der Kleine Rentner legte auf, bevor er ihm noch sagte, dass er eine staatstreue Angststörung bekommen hatte, und er ihn mit seinen blöden Ausreden verschonen solle. Tirol war nicht gesperrt, und seine Frau war superflexibel nett und hätte ihn nie so vereinnahmt.

Dazwischen Anruf von KRs Ehefrau, im 99-Prozent-Stress, er solle die Kacke der Maus, die diese im ganzen Haus verteilt habe, aufputzen. Pamelie habe sie halbtot eingeschleppt, die Maus war schwanger gewesen, deshalb hätte jetzt eine Mäusefamilie Kleider angenagt, Kot in den Hausschuhen und auf den Backblechen verteilt. Und dann kam das K.-o.-Argument: „Du hast doch jetzt alle Zeit der Welt!“

Nein, hatte er nicht. Und auf den Ton hörte er schon gar nicht und ärgerte sich, dass die Frau gar nicht merkte, wie sehr sie oft daneben war.

Trotzig zu Punkt 2, Mathe und Physik. Professor Paul Wagner aus Wien las auf Youtube über Vektoralgebra. Ein sehr netter, pädagogisch versierter Mann, Wiener Dialekt, sehr bemüht um Studenten. Bisserl verstaubt zwanghaft wirkend, aber okay, alles genau an die Tafel geschrieben.

„Und da zeigt sich…“, fuhr er gerade fort und zog mit der Kreide einen geraden Strich von oben nach unten, indem er die Tafel elektrisch anhob, raffiniert. Aber dem Kleinen Rentner zeigte sich heute nichts. Blackout, zu müde, zu unruhig.

„Ja, und wenn Sie jetzt nicht fragen, dann sind Sie selber schuld, da muss ich Sie jetzt ganz streng ermahnen, geben Sie sich einen Ruck. Schauen wir es uns gut an. Praktizieren wir die Methode des kontinuierlichen Anstarrens, und die Lösung wird uns ins Auge springen wie ein Vektor.“

Der Kleine Rentner schaltete ab, er hatte Herrn Wagners Wink verstanden. Er musste nur seine Umgebung genau anstarren, einsaugen. In seinem Hirn waren dann Ideenscheren, die daraus DNA-Schnipsel schnitten. Gerade hatte es für Crispr/Cas9 den Nobelpreis gegeben. Aus den kleinen Momentaufnahmen konnte man sich dann die Story zusammensetzen wie Aminosäuren und Proteine aus den Genen.

„Und es fügt sich zusammen“, hätte Professor Wagner gesagt. „Leiwand, Herr Professor!“, bedankte sich KR mit dilettantisch imitiertem Akzent Richtung Wien.

Der Kleine Rentner stand vor dem Spiegel im Bad und dachte an Mäusekacke, so braune kleine Walzen wie Wildreiskörner.

„Ist ja gut, liebe Frau. Ich werde hernach die Küche fegen“, sagte Zweitstimmchen an seiner Stelle halblaut zum Spiegelbild. Doch vor dem Hernach starrte er erst mal kontinuierlich durch sein Auge in sein Inneres, ganz gespannt, was in seinem Hirn passieren würde. Er konnte es ja gleich ins Handy diktieren. Zuerst störten Vorstellungen von Mäusekot, dann ein Telefonat. Ein Freund, mit dem sich nur schwer ein Treffen vereinbaren lässt. Immer Terminangebote, nie klappte es. Diesmal war es noch schlimmer. Der Freund erzählte, er habe vor zwei Monaten einen Schlaganfall erlitten. Seine Ärztin hatte damals die Polizei geschickt, weil er nicht zum Termin erschien, und ihm echt das Leben gerettet. Er aber sei unvernünftig, das gebe er zu, und lebe jetzt mitsamt seiner Halbseitenlähmung ohne Pflege zu Hause. Im Moment lag der Depp also in seiner Badewanne und kam nicht mehr raus.

„Was machst du auch für einen Scheiß!?“, fluchte KR. „Mit dir kann ich meinen Roman nicht beginnen. ‚Einsam und hilflos in der Badewanne‘‒ das ist kein Opener.

„Beruhig dich, die Sanis sind schon unterwegs, dauert halt noch, Corona, viel zu tun. Aber du willst schreiben, du? Schaust du eigentlich immer noch aus wie früher? Ja, ich glaube drei Jahre sind es her. Wow. Ich meine, so komisch nach nix hast du immer ausgesehen mit ausgewachsenen Klamotten, lieblosen Farbkombinationen.“

Der Kleine Rentner überlegte und schaute in den Spiegel und an sich herunter bis zu den Schuhen. Wieder die Frage: „Wie sieht ein Rentner aus?“

„Ich arbeite an mir“, antwortete er mit Verzögerung, der Freund nörgelte weiter an ihm herum, dass er ihm immer Geschichten erzählt habe, die zu kompliziert waren, zu surreal, kein Flow, der die Leser mitnahm. Die Predigt ging, bis die Sanis klingelten und mit dem Schlüsseldienst öffneten. „Kümmre dich zuerst mal um dein Styling“, waren die Abschiedsworte. „Siehst ja, entschuldige noch mal, anonym aus, wie so ein gesichtsloser Virus.“

Wodurch zu den Mäusen übergeleitet wurden, denn die hatten Hantaviren im Angebot. Wenig Todesfälle, aber trotzdem Viren.

Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken aufzuschäumen. Alter Psychiatertrick. Dieser Schrei nach Styling. Der Kleine Rentner war eigentlich immer offen für gute Ratschläge. Da war er nicht böse, wenn man ihn kritisierte.

Intuitiv kramte er sein altes rot-weiß kariertes Hemd heraus, Hornknöpfe oder vielleicht auch Plastik, wenn schon. Was lag näher als bayrisch, fürs Erste? Im Internet suchte er sich das Trachtengeschäft Mayer in Trudering. Nix wie hin, noch geöffnet. Die Verkäuferin war aber laut Zettel an der Tür „Kurz weg“. Der Kleine Rentner musste ein wenig seine Coronamaske schwenken, weil er sich langweilte, aber nicht lange. Da fuhr ein Auto mitten auf eine Verkehrsinsel zu und rammte ein Schild. Eine ältere Frau stieg aus, die Maske halb vor den Augen, unförmig, zu groß, wie eine Schweineschnauze. Die war ihr wohl hochgerutscht, weil es sie vielleicht am Mund gejuckt und sie sich ins Gesicht gefasst hatte oder so. Verzweifelt stand sie da, stieg schulterzuckend wieder ein, fuhr rückwärts quietschend noch mal über das Schild und mit einem U-Turn davon. Der Kleine Rentner schmunzelte, lustige Omi, er hatte kein Mitleid mit dem blöden Verkehrsschild. Das aber hatte ein Mann, der alles beobachtet hatte: „So geht es ja nicht.“

„Ungeschickt von der alten Frau eben, was soll’s?“, meinte KR. „Sind Sie Polizist? Haben Sie sich die Nummer gemerkt?“

„Schon, beides“, meinte der Herr in Zivil und rief seine Kollegen an. Arme Oma. Aber sofort diktierte KR ins Handy: „Rentnerin, hilflos, ungerecht behandelt, überstrenger Polizist, sehr unentspannt.“ „Danke“, rief er dem verdutzten Beamten noch nach.

Die Verkäuferin war zurück, stülpte ihre Maske über, so wie eine Bartbinde von unten. Der Kleine Rentner betrat das Geschäft. Die Wahl war schnell getroffen. Bestickte kurze Lederhose, edles Teil. Die Verkäuferin sah KR mit dem Verkäuferinnenblick, Typ Nummer 1 an: „Schick, steht ihnen fantastisch.“ Der Kleine Rentner erzählte kurz vom Verkehrsschild, weil er geschönte Verkaufskomplimente nicht mochte. Sie ging ansatzlos in wüste Schimpferei über. Jede Woche würde das verfickte Verkehrsschild in eine andere verfickte Richtung umgefahren. Das mit der verrutschten Maske täte der alten Frau auch nicht helfen, scheiß Corona.

„Entschuldigen Sie meine Ausdrücke, ist doch wahr.“

Sie würde am liebsten auswandern, wenn das ginge, so ein eingepferchtes Leben sei wie ein viel zu enger BH, wenn er das verstünde.

Er verstand, fühlte sich zumindest ein, indem er ungestraft die entsprechende Körperpartie der Dame betrachtete, sehr belebend, und zahlte. Dann ließ er sich noch von ihr fotografieren, schickte das Bild gleich an Doris und verabschiedete sich standesgemäß bayrisch mit „Pfüat eahna.“ Gegenüber war die Filiale einer mittelguten Bäckereikette. Der Kleine Rentner musste ja die Breze für die Augen optimieren. Also Bayer-Styling plus ein Touch Surrealismus. Die Anstell-Schlange zog sich zwanzig Meter auf den Gehsteig. Zwei Kunden höchstens durften gleichzeitig eintreten. Nach einer halben Stunde war KR drinnen, beim zu knappen Vorbeigehen an einer Frau brüllte die ihn an: „Abstand!“ Sein „Wie sind Sie denn drauf!?“ erwiderte sie nicht. Menschen am Rande der Impulskontrolle. Ein Mädchen vor ihm lachte und brachte KR wieder runter. Sie liebäugelte mit Doughnuts und betastete dabei immer ihren Bauch, wohlgemerkt flachen Bauch, noch zumindest, während ihre Zunge wie eine Schlange den Duft ertastete. Dem Kleinen Rentner wurde als Flashback noch mal bewusst, wie ausgiebig und lange so ein Tag ohne Arbeit war. So geduldig angestellt hätte er sich vorher nie. Er war ja eigentlich mitten in der Arbeit als Schriftsteller und bestellte großzügig: „Zehn Brezen bitte, und einen Cappuccino.“

Dann bat er das Mädchen um einen Spiegel, sie hatte natürlich keinen dabei. Sie bot ihm ein Foto mit ihrem Handy an. Er posierte mit über die Augen gehaltenen Brezen.

„Wenn Sie hier essen oder trinken wollen, müssen S’ fei unterschreiben, gell. Dann Abstand zu der jungen Dame bitte, Gesetz ist Gesetz. Und die Brezen zahlen S’ fei alle, probiert wird hier nicht“, sehr angespannt der Backwarenverkäufer.

„Mache ich, keine Angst“, meinte der KR, „ich zahle. Nur Viren zahlen nicht, was sie anrichten.“

Jetzt hatte er sich gleich drei Probleme eingehandelt, denn der Verkäufer schimpfte lawinenartig los, sowohl über den Rentner, das Corona-Virus als auch die Maßnahmen gegen Corona.

„Jetzt stehen eh schon d’Leit Schlange da draußen und gehen wieder hoam, weil’s lang dauert und kaffan stattdessen im Supermarkt, weil’s da schneller geht.“ Der Mann war eher mager, gar nicht Bäckerklischee, wippte aber seinen Bauch auf den Rentner zu und wieder weg, als wolle er Eindruck schinden. Das Mädchen lachte in ihre Maske hinein, hielt sich noch die Hand vor, was den Verkäufer noch mehr aufbrachte.

„Und dann kommen so Leute wie Sie und legen ois komplett lahm. Zahlen S’ jetzt bitte, aber glei, nehmen S’ ihre Bekanntschaft oder Tochter, is mir wurscht, mit und verzupfen S’ eahna.“

Das hätte KR auch gemacht, wenn nicht das junge Mädchen, also seine gerade frisch adoptierte Tochter, ihn, also Vati, um ein Autogramm gebeten hätte, auf den Kassenzettel, und ein Selfie mit ihr und ihm. Dann fragte sie noch den Verkäufer, ob er Zuckerguss in der Tube hätte, damit das Autogramm auf die Breze des Rentners und in ihr Gesicht für das Selfie gemalt werden könne. Der Verkäufer ahnte eine Falle, so wie versteckte Kamera, und befahl seine Kavallerie zurück.

„I glab, jetzt wird’s hinten höher als vorn. I mog nimma.“ Damit bat er höflich alle aus dem Geschäft und schloss für heute. Draußen schnäuzte er sich von unter der Maske mit zwei Fingern laut auf den Boden und ging unter dem Protest der Kunden wortlos Richtung U-Bahn.

Der Kleine Rentner war also auf dem besten Weg, eine Kultfigur zu werden. Einen weiblichen Fan hatte er ja schon und zehn Brezen, von denen zwei als Vorlage in die engere Wahl kamen. Das Mädchen war mit den acht übrigen Brezen, Geschenk, abgezogen und hatte ihm das Selfie schon geschickt. Aber das „Und bleiben Sie gesund!“ empfand er schon wieder als Anspielung auf Alter und lätschigen Rentner. Ungerecht, so ein Virus hatte mit SARS-CoV-2 COVID-19 einen Horrornamen und durfte einfach seine Arbeit machen. Für Viren gab es keine Berentung, schlimmstenfalls drohte Desinfektion. Doch unbegrenzte Existenz, denn alle Viren waren ja baugleich. Nur Lebewesen waren sie keine. Sei’s drum. Wenn man es recht überlegte, war das Virus auch ein Schriftsteller. Es suchte sich einen Verlag mit Kunden, die wir dann Opfer nennen, bot als Manuskript seine RNA an und wurde in den Zellen, also dem Verlag, millionenfach abgelesen, kopiert und ausgedruckt. Die Leser, also die vom Druckergebnis infizierten Kunden, starben sogar dafür oder daran, wie an den Schmerzmitteln in Trump-Land. Natürlich gab es Viren, die gerade nicht gut gingen oder nur bei Schweinen, oder es war gerade nicht Saison, zu warm, zu kalt. Aber meistens lief das Geschäft. Wenn die ätzende Kritik, also die Desinfektion, zu heftig wurde, konnte das Virus notfalls sein Manuskript ein wenig mutieren. Das Umfeld musste allerdings stimmen wie beim Schreiben auch. Daran musste KR arbeiten, damit er in die Gedanken- und Gefühlslevel einschwingen konnte und der Text dann nur so sprudelte.

Das Mädchen hatte ihm noch eine Nachricht geschickt. Sie würde ihm eine Webseite basteln, cool und marktwirksam. „Bis bald, Vati.“ Es fügte sich. Ein Gefühl der Wärme strömte von seiner virtuellen Tochter aus. Und da ploppte in ihm ein „Da kam mir plötzlich die Idee“ auf. Oder wie soll man so was anders nennen, Hirnfurz? Diese von der Wärme dieses Mädchens getriggerte Idee war, sich einen süßen Hund zu besorgen, denn Wärme kann man nie genug haben. Auf ins Tierheim nach Riem. Auf dem Weg schickte ihm seine Frau, übrigens Teamleiterin im Projekt Autonomes Fahren bei BMW, wie üblich den Einkaufszettel von Gemüse bis Eis und Katzenfutter, nicht zu vergessen Mäusetotfallen und narkotisierendes Gift, kein Cumarin. Sie war im Homeoffice in der Zweitwohnung der Familie, immer Zoom-Konferenzen und Mordsdrohkulisse durch die Vorstände, weil Hunderten ihrer Mitarbeiter wegen Corona gekündigt werden sollte.

Der Kleine Rentner wurde an der Pforte des Tierheims sehr freundlich empfangen. Hinein durfte er laut Aushang wegen der Pandemie nicht. Er wurde per Video befragt, ob er auch einen großen Garten hätte, wie viele Personen im Haushalt seien, ob es Treppen gäbe, und wenn ja, ob diese mit Stoff bespannt seien, damit der Hund nicht ausrutschen könne. „Mir kommen fei vorbei und schau’n genau nach, dass Sie nur nicht meinen, gell!“

Von den Mäusen sagte er nichts. Sie kamen beim virtuellen Rundgang an einem Käfig vorbei, wo ein wuscheliges Wesen zitternd ins Eck gekuschelt war.

„Des ist ein Labradoodle, also Pudel kreuz Labrador, die hat aber eine Agoraphobie, des müssen S’ genauer den Tierarzt fragen, sie geht nirgendwo hin. Deswegen heißt sie bei uns Schisserle.“

Tatsächlich, als die Tür geöffnet wurde, zeigte die Welpin keinerlei Anstalten, raus zu wollen, und ließ sich auch mit Leine nicht zu einem Kennenlern-Rundgang bewegen, allenfalls ein bisschen streicheln, wobei sie vor Angst bibberte.

„Die will keiner, schwierig is’ sie“, meinte die Dame.

„Nehm’ ich“, kurzentschlossen, ohne zu wissen warum, der Kleine Rentner.

Als er die Hündin eine Woche später nach Medizincheck, Impfung, Entwurmung und diversen unterschriebenen Verträgen abholte, hatte KR schon einen Namen, den er aber erst zu Hause verriet.

„Das ist Madame Corona.“

Jetzt gab es bei Frau und Tochter Carolin, 17 Jahre, große Fragezeichen. Sie sagten nichts. Mama blickte sehr streng, Carolin versuchte, Corona zu streicheln. Die zog sich unter den Tisch zurück.

„Wisst ihr, ich brauche Inspiration und das ist jetzt Corona für mich. Sie hat totale Angst rauszugehen, da symbolisiert sie das Gefängnis meiner Freiheit.“

Ratlose Blicke, unhörbare Denkblase „Ist er jetzt total verrückt geworden?“.

Der Kleine Rentner beschwichtigte: „Ich kümmere mich um sie. Ihre Agoraphobie ist sicher heilbar.“

Carolin war schon ganz verliebt in Corona.

„Ich weiß, das ist auch bei Menschen so, wenn sie Angst vor öffentlichen Plätzen haben. Du arme, kleine Süße du.“

Die Mama war nicht verliebt, schüttelte den Kopf, sagte immer noch nichts, winkte nur resigniert mit der Hand ab im Sinne von „Da ist Hopfen und Malz verloren“.

„Kontrollier lieber die Mausefallen. Ich fürchte, da ist überall der Köder weggefressen. Ach was, ich mach das, Herr Künstler.“

So böse meinte sie es gar nicht, oder doch? Mäusekacke lenkte sie vielleicht ab von dieser BMW-Stress-Kacke.

Der Kleine Rentner war tatsächlich mit seinen Gedanken übers Ziel hinausgeschossen. Wie kam er dazu, eine psychisch kranke Hündin mit Inspiration zu beauftragen? Noch dazu piepste gerade eine Nachricht von seiner virtuellen Tochter aus der Bäckerei, Pebbles nannte sie sich mit Codenamen. Die Tochter linste über seine Schulter. Das tat die immer so.

„Hallo Papa, Webseite ist work in progress, www.der-coole-rentner.de“.

„Wer ist das?“

Die Frau kam dazu, sah den Text auch.

„Ja, wer ist das?“

Es folgte die Geschichte der spontanen virtuellen Adoption, die beide nicht glaubten.

„Weißt du, das ist einfach hirnrissig. Ich frage mich langsam, was mit dir los ist. Wirst schon wissen, was du machst.“

Dieses verächtliche Gepolter seiner Frau, Carolin nickte zustimmend, brachte das Fass eine fette Welle näher ans Überlaufen. Er brauchte Abstand.

Der Kleine Rentner diktierte auf dem Klo ins Handy: „Meine Tochter aus dem Nichts.“ Das war quasi zurückgeätzt. Er würde mit der Überschrift einen Blog beginnen.

Er brauchte jetzt nur noch fachmännischen Rat auf dem Gebiet des Verlagswesens. Da bot sich an, illegalerweise einen alten Freund zu besuchen. Illegal, weil es laut Coronavorschriften nicht erlaubt war, mehrere Familien zu treffen, und seine Tochter sich schon für die Nachbarn entschieden hatte. Er fuhr also nach kurzem, konspirativem, telefonischen Komplott zu seinem alt-intellektuellen Spezl Wagenbert, dem Carl-Karl Wagenbert. In dessen jugendstilmäßig eingerichteter Wohnung standen Bücherregale flächendeckend an allen Wänden, Tapetenersatz quasi. Überall lagen aufgeschlagene Werke, große und kleine, mit Einmerkern oder aufgehalten mit einem Stein aus der Mineraliensammlung.

„Ich werde was schreiben, brauche Arbeit und Identität, berate mich bitte.“

Carl-Karl wusste, was kommen würde, schenkte sich einen Avocado-Schnaps ein und sah KR nicht mal an. Er war doch gut gealterte 70, die Kleider hingen schlapp an den kantigen Etagenknochen von Schultern und Hüften. Teure, glatte Lederstiefel, ein kleiner Brillantring, den er ständig zum Mund führte, als müsse er damit die heiligen Worte seiner Guru-Predigt gegen Widersprüche imprägnieren.

„Für deine Identität bist du selbst zuständig. Willst du was Fachliches schreiben?“, nörgelte er mit einer Satzmelodie, die KRs „Nein“ schon vorwegnahm.

„Auf keinen Fall, fachlich bin ich berentet, da kommt nur Belletristik infrage.“

Die Antwort darauf war jetzt schon genervt verächtlich. Carl-Karl setzte an, alles mit einer Prognose wie der von Pankreaskrebs niederzumachen.

„Deine Entscheidung – ich sage dir, da gehen nur über 500 Seiten, Minimum, mit autobiografischer Basis, geschichtlichem Hintergrund, Krieg und Flucht, wahlweise böse missverstanden in der Kindheit und dann doch was geworden. Und nicht zu vergessen ein gutes Stück Grausamkeit, auch wenn es nur die Ermordung eines Hundes ist. Besser ist dutzendweise Naseabschneiden oder Skelettieren bei lebendigem Leib.“ Dabei richtete er sich auf und hob die Hand wie ein Schwert über KRs Haupt. „Schon das allein schaffst du mit deiner Psychiaterseele nie. Aber das fordert der gechillte Leser von heute. Kannst ja mal üben, wird eh für die Katz sein, also für den Papierkorb. Er sank, von der Hinrichtung erschöpft, wieder in seinen Sessel. „Gib’s mir ruhig, ich lese es, dauert allerdings, habe zu tun. Die Verlage tun alles, inklusive Portale zur Eigenveröffentlichung, nur um Manuskripte abzuwehren wie lästige Moskitos. Magst was trinken? Hilft auch gegen Kreativität.“

Carl-Karl hatte gerade ein großes Werk über die Entwicklung der Buchtitel in den 2000ern veröffentlicht, zumindest versucht, die Verhandlungen liefen zäh. Als fossiler Intellektueller wollte er den aufkommenden Kommerz und die neuen Formate im Internet geißeln. Das interessierte nur solche Redakteure, die entweder in Rente oder schon tot waren. KR schob noch nach „just for completeness“, dass er weder intellektuell noch kommerziell sein wollte, einfach nur sein Ding erzählen, möglichst surrealistisch und komisch.

Als hätte Carl-Karl seine Gedanken gelesen: „Genau. Am schlimmsten ist Surrealismus und komisch. Aber du bist ja stur, mach nur, mach nur.“ Sprach‘s und trank das dritte Glas Avocado-Schnaps.

„Wie geht es Frau und Kind?“

„Ach ja, ich habe eine neue Tochter.“ Mit dieser Fiktion rächte sich KR, ließ Carl-Karl beim vierten Gläschen stehen und haute ab, obwohl ja die Zusammenfassung der Verlagsszene korrekt gewesen war.

„Und ich habe schon einen Verlag im Auge“, rief er in der Tür. Natürlich meinte er damit den Kunstfaserverlag. Das sagte er aber dem Carl-Karl nicht, der wäre im heiligen Zorn explodiert.

Dem Kleinen Rentner fiel es sehr schwer, sich jetzt konsequenterweise beim Kunstfaserverlag anzumelden, doch daran führte kein Weg vorbei. Corona schüttelte ihren süßen Kopf, während er das Onlineformular ausfüllte.

Er übte fleißig, die Hündin zum Ausgehen zu bewegen. Vorerst blieb sie eine Gefangene ihrer Phobie. Nur das Katzenklo wusste sie zu nutzen. Aus dieser Kerkersituation fiel es ihm noch schwerer, vier Wochen später zur ersten Seminarstunde zu gehen. Die Minen der Kolleginnen und Kollegen waren ja verdeckt. Unter den Coronamasken dampfte und blubberte der dazugehörige O-Ton. Voller Anspannung schrieben manche mit den Fingern wie Luftgitarristen Texte auf virtuelles Papier. KR ahnte mit Gewissheit, sie waren, wie er, bis zur Verzweiflung sicher, dass ihr Werk diesen Lottopreis der Veröffentlichung bekommen musste. Jedoch unkontrolliertes Herumzupfen an den Kleidern, bei Frauen am Dekolleté, bei Männern am Hosenbund, bewies: Ihr Inneres wusste, dass sie chancenlos bis zum Gehtnichtmehr waren. Der Kleine Rentner unterdrückte seine peinlichen Körpersignale mit hohem Energieaufwand. Niemand sagte nur ein Wort zum anderen, man vermied Blickkontakt, die Augen auf weit gestellt.

Bevor doch noch jemandem etwas rausrutschte, wurden sie aus dieser schrägen Choreografie erlöst. Aber durch wen? Wir kennen ihn seit Kurzem, auch wenn er sich getarnt hat. Dicke Wollklamotten, Schal, dunkle Brille, Ring abgezogen, weiße Turnschuhe. Erraten, es war Carl-Karl. Keine Geste zu KR. Parole: „Ich bin gar nicht da und deswegen ist es auch nicht peinlich.“

Der sonst so distinguierte Carl-Karl startete seine Begrüßung sehr lässig, noch dazu mit Arbeits-Du. Dabei gingen seine Augäpfel unter dem superschwarzen Brillenglas sicher hektisch immer wieder zu KR. Das zu fühlen ist wie ein Horrorfilm light.„Schön, dass ihr da seid.“ Vermutetes Augenflackern, also wir wissen es ja, räuspern, zitternde Stimme.

„Gleich vorneweg. Ich sehe euch an, ihr wisst genau, euch droht brotlose Kunst. Das Stigma des Dilettanten und die Blamage, nie zu veröffentlichen.“

Pause. Carl-Karl musste ja hier auch an sein eigenes Buch denken, deshalb kam es sehr überzeugend.

„Ihr müsst nicht rein in diese Sackgasse, nein! Ihr könnt für jemanden arbeiten. Ihr könnt für den Kunstfaserverlag arbeiten.“

Lieber Carl-Karl, das klang eher wie: „Ihr müsst nicht länger Schafe sein!“ Und aha, jetzt kam’s auch.

„Vielleicht muss ich einschränkend hinzufügen, gegen Gebühr. Garantiert ist: Ihr könnt arbeiten und bei unserem Projekt „Erlebnisorientiertes Schreiben“ lernen. Ihr werdet wertvolle Erlebniszuträger sein, aus denen gestandene Autoren, wohlgemerkt nicht ihr selbst …“

Carl- Karl brach ab, blickte sehr nervös in die Runde, panische Zuckungen am ganzen Körper. Rasch fing er sich wieder.

„Ähhm…aus denen erfahrene Autoren, vorläufig leider nicht ihr selbst, Erfolgsgeschichten komponieren werden. Von dem Erlös werdet ihr, wie gesagt, vielleicht ein klein wenig abbekommen, Tantiemen, Minitantiemen. Klingt doch gut. Möchte jemand etwas sagen?“

Carl-Karl wischte sich den Schweiß von der Stirn, schüttelte den Kopf, also die Augen und Ohren, richtete den Blick nach oben und zur Seite, als höre und sehe er da was. Dann rückte er seinen Stuhl in eine von der Rückwand gedeckte Position, als sei da wer hinter ihm.

Keiner widersprach. Die Einführung zeigte Wirkung. Der Erstschlag saß. Eine Kollegin von Carl-Karl hatte die Krise bemerkt, kam aus dem Hinterzimmer, sprang als Co-Moderatorin ein. Junge Frau, Mitte 20, wir ersparen uns Details ihres Aussehens. Man kann ja nicht jede Nebenfigur ausmalen, noch dazu, da man mit Maske eh nix sieht, wenn man sie trägt wie Intimwäsche vor den Geschlechtsteilen.

Carl-Karl ging erst mal zum WC. Die junge Frau fuhr ihre Lautstärke wie mit einem Mischpult-Fader leise hoch. Ein gedehntes „Guuuuhhht“ fing die Aufmerksamkeit. Dann mit mehr Volume. „Wir machen heute nach dem Einzelgespräch eine kleine Vorübung. Eine oder einer von euch wird mehreren Personen kleine Teile einer ganzen Geschichte erzählen, getrennt. Die Personen werden sie dann wiedererzählen, auch getrennt und in anderer Reihenfolge. Die anderen Kolleginnen und Kollegen werden dann die Story wieder zusammensetzen, neu zusammensetzen. Also decompose, recompose, das nennen wir die Fourier-Methode. Bei dem Begriff muss man nicht in die Tiefe gehen. Dazu werdet ihr im Theorieteil unseres Kurses eine ganze Menge über Dramaturgie und Stoffentwicklung lernen, ganz basic. Wir sehen uns zehn Mal, und begleitend zu diesem Basiskurs werdet ihr als homework eine Auftragsliste an verschiedenen Schauplätzen durcharbeiten, an denen ihr eure ganz eigenen Geschichten erlebt. Die schreibt ihr fleißig auf, am besten ins Handy diktieren. Je richer das Material ist, das ihr uns loadet, desto mehr Chancen habt ihr, dass wir es usen. So begreift ihr spielerisch, wie eine Geschichte gemacht wird und könnt, jetzt kommt leider wieder ein Vielleicht, am Ende des Tages, dann selber starten. Schreiben ist lernbar, Erfolg ist leider ein pixeliges Ding, wie soll ich sagen, ihr würdet es kapriziös nennen.

Wer von euch nicht den ganzen Weg mit uns geht, kann nach dem Basiskurs aufhören, muss aber die Kursgebühr entrichten. Die anderen können nach Ablieferung ihrer Geschichte, falls wir mehr als 60 Prozent davon pushen können, sogar das Kurshonorar erlassen bekommen, zum Teil jedenfalls. Wie Kollege Carl-Karl formuliert hat, ein Lottogewinn. Also an den Start. Während Sie bitte eine kurze Vorstellungsrunde unter Kolleg:innen machen, erhalten Sie schon mal ein Handout.“

Die junge Dame teilte zwei Listen aus, während die Schüler stolz ihre Vita herbeteten. Wenn man in vorgerücktem Alter über sich spricht, leuchten die Augen einfach. Der ganze Krempel von „was ich in soundso vielen Jahren“, „wenn ich zurückblicke“ und „meine Pläne“ verselbständigt den Ausfluss der Seele wie aus einer geöffneten Blase. Und ob große oder kleine Blase, in 20 Sekunden ist das meiste draußen und der Rest tröpfelt nur noch nach. Diesen Fakt können die Leser:innen jetzt mal googeln und experimentell im Selbstversuch nachprüfen.

„Die erste Liste zeigt euch, wie wir erfolgreiche Fernsehformate in ihre Frequenzbestandteile zerlegt haben, die Dekomposition.“

Jetzt kam Carl-Karl zurück, immer noch recht derangiert, aber tapfer. Er schwitzte unter seiner Maskerade und führte dauernd den ringlosen Finger nach alter Gewohnheit zum Mund. Carl-Karl, war immer noch eine Autorität. Er wurde wieder vorgelassen, nett angelächelt von der Kollegin. Er las einfach vor, wollte es zumindest, musste dazu die Brille auf die Haare stecken, um zu sehen. Effekt: Man sah sein Veilchen, für KR die Folge eines Sturzes im Suff, Avocado-Schnaps. Carl-Karl wollte schnell lesen, um alle von seiner Person abzulenken, verhaspelte sich ständig.

„Also, in der Auswertung von Erfolgsstorys ist es so, dass der Punkt ‚Die Ehefrau verliebt sich neu‘ mit einem Anteil von 15 Prozent vorkommt, also zeitlich, wie lange es dauert, nein, nein, Seiten, also Zahl der beschriebenen Normseiten. Ihr Mann, der von der Ehefrau natürlich, verliert den Job, also Thema ‚Der Mann verliert den Job‘: 17 Prozent. Also, ähm, ohne Rente gerechnet. ‚Das Kind nimmt Drogen‘, also das von Ehefrau und Mann: 13 Prozent. Das ist zu hoch, vielleicht doch 1,3 Prozent, außer man nimmt die Intensivstation nach der Überdosis mit dazu und den Krach zu Hause. ‚Im Meer der Emotionen‘ belegt 15 Prozent“.

Hier übernahm spontan die Kollegin wieder, Carl-Karl war zu verworren, und Emotionen waren schon gar nicht sein Ding. „Hier meinen wir alle Passagen wie „sie oder er fühlte und spürte tief in sich“ oder „da wurde ihm oder ihr schmerzlich ganz inside bewusst.“

Carl-Karl kam wieder, er kämpfte: „Dann ein paar mit fünf Prozent, wir müssen ja auf Hundert kommen. Das sind Dämonen der Vergangenheit, Opa wird dement und so etwas Ähnliches.“

Die Kollegin kommentierte pflichtbewusst und politisch korrekt: „Bitte nicht Demenz stigmatisieren, Telefonhörer wie eine Banane schälen oder als Duschkopf benutzen, das ist definitiv stillos.“ Sie übernahm noch kurz das heikle Thema Sex: „Dann kommt Softpornoauch mit 5 Prozent, eher schon 6 Prozent. Wird immer häufiger, zum Beispiel unsere Sextrends 2020, die Intimfrisur und Love Toys.“

Carl-Karl wollte sich einklinken, brachte aber kein Wort raus. Deshalb las die Kollegin über seine Schulter vom Blatt weiter.

„Dann romantische inserts, wenn die Dramaturgie ein wenig chillen erfordert, das heißt so nachdenklich den Strand entlangschlendern, sanfter Regen, also wie Musikeinspielung, wenn es dann verfilmt wäre. Das werden Sie alles lernen.“

Jetzt kam die Kollegin ins Grübeln. „Das müssen dann aber 10 Prozent sein, wenn ich nachrechne. Denn am Schluss kommen insgesamt nur noch 5 Prozent Mix aus Körperverletzung, Großeltern waren Nazis, Mutproben wie Bungee-Jumping und Dating-App. Solche points nennen wir Must-haves.“

Carl-Karls Maske war heruntergerutscht, er kam schwer ins Zittern, die Kollegin half ihm, sie wieder hochzuziehen. Jetzt war er endgültig weit weg, voll fertig. Der Kleine Rentner dachte fast hörbar laut: ein Alkoholentzugsdelirium. Die Kollegin wunderte sich gar nicht, als sie, Achtung ärztlicher Notfall, Carl-Karl zur Seite bat, sich vor ihn stellte, ihn abschirmte.

Für die anderen ging es weiter: „Dann gehen Sie laut Liste zwei vor. Sie werden ganz einfach drei bis vier Punkte aus der Liste wählen, die Sie bearbeiten möchten. In vier Wochen sehen wir uns wieder mit ihren Ergebnissen, also Erlebnissen. Und bitte keine Verweise in den Texten auf Corona mit Masken und Abstand, strikte Anordnung der Geschäftsleitung. Einfach rausrechnen. Jetzt kriegen Sie alle noch ein Einzelgespräch und unsere Kunstfaser-App. Danach beginnt auch schon der Basiskurs.“

Der Kleine Rentner musste Carl-Karl ärztlich versorgen, der zitterte hochfrequent, ein epileptischer Entzugskrampf stand bevor. Wir wissen nicht, welche schamhafte Hexe KR veranlasst hatte, sich eine Schmelztablette des Beruhigungsmittels Lorazepam einzustecken. Die bekam nun Carl-Karl elegant verdeckt eingeflößt mit Gebrauchsanweisung: „Nimm das, schnell!“ Ein kurzer Blick zu Carl-Karls Kollegin. Die schien sehr wohl Bescheid zu wissen, schickte rücksichtsvoll die Leute in einen Vorraum, wo sie zum Einzelgespräch abgeholt würden.

Carl-Karl verzog sich, vom KR gestützt, in einen Ruheraum, wo im Kühlschrank ein gutes Fläschchen Hochprozentiges lagerte. „Spiel nicht den Helden, trink das auf ex und ruf mich morgen an, aber nicht nüchtern, sonst Delirium, Anfall und was weiß ich.“

„Ich habe vorhin einen aufblasbaren Blauwal gesehen, der über mir schwamm und mich ‚Süßes Karlchen‘ nannte‒ mit K, ohne C.“

„Schon gut, trink ihn einfach weg.“

Der Kleine Rentner würde dieses Beratungsgespräch nicht auf Honorar berechnen. Das Einzelgespräch mit ihm führte eine Studentin, sie hatte auf die Maske ein Kätzchengesicht gemalt, richtig nett. Sie befragte KR ganz routiniert, aber mit dem überhöflichen Lächeln einer Bäckereifachverkäuferin, die es einfach satthatte, Semmeln einzutüten. Er sollte eine Kurzgeschichte skizzieren. KR improvisierte, er fände eine Szene lustig, in der ein Ehepaar sich streitet, ob man Filme anschauen soll, in denen sich Paare nur streiten. Die Studentin nahm die Hinterfotzigkeit zur Kenntnis, kein Kommentar, sie blieb souverän, händigte KR die zwei Listen aus. Der sah auf der dreiseitigen Liste 2 nur den ersten Punkt, irgendwas mit „Pfisterbrot kaufen“. Er fragte nicht, unterschrieb den Vertrag und ging. Er würde den Grundkurs nicht abschließen, lieber 453 Euro in den Sand setzen. Noch mehr beschäftigte ihn das Alkoholentzugsdelirium von Carl-Karl. Der Sturz einer Ikone. Nicht dass er ihm den Alk vorwarf, aber seinen Verrat an der Kunst, wenn er bei dem Verlag mitarbeitete, um seinen Schnaps zu finanzieren.

Seine Stimme meldete sich: „Hast du eigentlich gut gemacht. Carl-Karl wird dir dankbar sein. Oder er wird dich hassen, weil du jetzt alles weißt.“

Zu Hause versuchte KR, sich klarzumachen, dass er zutiefst am Boden war, deprimiert, gedemütigt, alternativlos, ohne Plan B. Um das ganze Elend, also den Weltschmerz, besser fühlen zu können, beschloss er zu weinen. Wenn man irgendeine Aussonderung vorhat, sei es aus Mund, Nase, Augen, Harn- und Geschlechtsbereich, dem Po, empfiehlt sich das Pressen. Also setzte er sich auf die Kloschüssel, presste mit allen Muskeln von Hirn bis Zehe. Er war dabei auf alles gefasst, außer auf nichts. Es geschah nämlich nichts. Kein Rotz, keine Tränen, kein Ejakulat, kein großes oder kleines Geschäft, einfach nichts. Waren alle seine Gefühle und Sekrete tot? Niedergetrampelt und ausgetrocknet durch Kunstfaser? Nein. Nein. Im Gegenteil. Ihm ging es zunehmend besser. Mut, List, taktische Kriegsführung, Durchhalten. Das waren die gedanklichen Sekrete, die sein Pressen herausgebracht hatte, direkt in das Hirntäschchen mit dem Dateiordner „Auf geht‘s“. Er ging in sein Schlafzimmer zum Kleiderschrank. Krieg braucht Berufskleidung, Uniform.

Zuerst schlüpfte er in sein blau-weiß kariertes Trachtenhemd, sah wirklich schick aus. Dann hineingesprungen in die neue kurze Lederhose mit Trägern und besticktem Schild, Königswappen. Das Hineinspringen musste er noch mal üben, da hatten sich so eckige Altherrenbewegungen eingeschlichen. Also noch mal, frisch und elegant, hopp. Leider hatte er nicht diese Trachten-Haferlschuhe. Mit solchen hatte er sich als Kind immer Blasen gelaufen. Deshalb kalkulierter Stilbruch mit weißen Turnschuhen. Dann kam das Visier des neuen bayrischen Ritters. Er nahm nicht die Breze aus Backpapier, sondern die vor vier Wochen beim Bäcker gekaufte. Sie war mittlerweile steinhart. Er montierte das Gebäck mit einem Doppelklebeband an Stirn und Wangenknochen. Über den Mund im Bereich des unteren Brezenlochs kam ein Mundschutz, blau-weiß kariert wie das Hemd. Es sah ganz besonders aus, keinem Genre zuzuordnen, nicht ganz Bayer, nicht halb Mode, nicht Halloween. Er brauchte keinen Verlag mehr, er war bereit für den Alleingang. Natürlich konnte er so nicht auf die Straße gehen, er machte ein Selfie, mal schauen für die Webseite oder das Buchcover.

Auf der Kunstfaserliste stand nun:

„Erwerben Sie eine Auswahl von Brotscheiben drei verschiedener Sorten in 8 mm Stärke beim Hoflieferanten ‚Pfister‘.“

Corona lag vor der Badezimmertür. Ihr Katzenklo wollte noch geleert werden. Kacken im Garten ging noch nicht. Zu viel Schisserle. Dabei war in den Garten gehen so einfach wie Brot schneiden lassen bei Pfister. Oder nicht? Corona wollte KR zurückhalten, bellte alarmiert. Sollte KR auf einen Hund mit Agoraphobie hören? So was durfte er nicht mal sich selbst erzählen. Mit einem mulmigen Gefühl auf zu Pfister.

Paranoia light