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Der Koch Benno Wolf sieht sich fast am Ziel seiner Wünsche: Er wird bald seine schöne Freundin heiraten und mit ihr eine Familie gründen. Da findet er im Hof hinter seiner Küche eine Leiche ohne Kopf und daneben liegt sein Messer. Er steht unter Mordverdacht. Die Freundin geht auf Distanz zu ihm. Aus seinem Glück wird nichts werden. Um es zu retten tappt er los, ohne zu wissen, wie er es anstellen soll, den Mörder zu finden. Und ohne zu ahnen, dass es eine böse Geschichte gibt, die siebzig Jahre nach dem Krieg aus den Harzbergen kriecht und sich ihre Opfer sucht.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Edward Mosch
Roman
1
Gegen siebzehn Uhr dreißig betrat Benno Wolf in Halberstadt die Küche des Hotels ‚Brockenblick‘, um sie für das Abendgeschäft vorzubereiten. Er machte das Licht an, ließ Wasser ins Bain-Marie, entzündete zwei der Gasflammen am Herd und fing an, ein wenig Velouté und Demi Glace aufzukochen und mit einem Schneebesen glatt zu rühren. Sein Chef rechnete mit einem schwachen Geschäft an diesem Sonntagabend. Darum machte er nur wenig von den beiden Grundsaucen warm und dazu etwas Sauce Bolognese, goß sie in Wasserbadkasserollen, stellte sie im dampfenden Bain-Marie warm, schaltete die Friteuse ein und sah nach, ob er Zitronenscheiben nachschneiden mußte, ob genug gehackte Petersilie da war und ob das Mehl in der flachen Schale sauber war, in der er Fleischstücke wälzen würde.
Wenn tatsächlich wenig zu tun war, dann sollte er nebenbei eine Kalbskeule ausbeinen und zerlegen, dann wäre für morgen vorgesorgt. Er zog den Wetzstahl aus der Messertasche, tauchte ihn kurz ins Wasserbad und begann mit raschen Bewegungen das Fleischmesser abzuziehen. Das gleichmäßige, helle Schleifgeräusch wurde von den gekachelten Wänden zurück geworfen und mitten in diesem singenden Ton gab es etwas, das ihn störte. Es war ihm erst nicht bewußt, daß es so war, und schon gar nicht, was ihn störte. Dann blieb sein Blick auf der offenen Messertasche hängen. Von da kam die Beunruhigung her. Benno Wolf legte Wert darauf, sein Werkzeug sauber und komplett bei sich zu haben, und jetzt spürte er dunkel etwas Unregelmäßiges, Falsches und das war dicht bei ihm. Dann begriff er. Sauber nebeneinander steckten sein Officemesser, das große Schlagmesser, das Tourniermesser, das Tranchiermesser und sein Filetiermesser in ihren Halterungen. Die Stelle, an der das Ausbeinmesser sein sollte, war leer. Er hörte auf zu schleifen und starrte die Messertasche an. Zum Ausbeinen der Keule würde er das Ausbeinmesser brauchen. Wo hatte er es liegenlassen? Heute war sein dritter Arbeitstag als Alleinkoch in diesem Hotel. Vieles war hier noch ungewohnt und vermutlich war das Messer irgendwo liegengeblieben, weil ihn etwas abgelenkt hatte. Jetzt ging er in Gedanken durch, für was er es zuletzt benutzt haben könnte. Freitag war Salat angeliefert worden, zwei Pakete Frittierfett, Tomatenmark und Pilzkonserven. Bis auf den Salat waren das Sachen, die er in den Keller, ins Magazin gebracht hatte, nicht ins Kühlhaus, welches draußen im Hof stand. Er ging nach unten. Eine schmale, gewundene Treppe aus Stein führte in den Keller. Er mußte, obgleich nicht besonders groß, den Kopf einziehen und ekelte sich wieder vor dem fauligen, schwer süßlichen Blutgeruch, der ihm von unten entgegenkam.
Sein Chef, Horst Winter, fünfundsiebzig Jahre alt, ging regelmäßig zur Jagd und hatte die Angewohnheit, die Köpfe der erlegten Rehe oder Sauen als Jagdtrophäen in einer halb mannshohen Tonne im Keller, neben dem Magazin, aufzubewahren, bis die Fäule soweit fortschritt, daß der Geruch oben bei den Gästen ankam, so hatte Victoria, die Frau seines Chefs, hinter vorgehaltener Hand geklagt. Benno mochte deswegen und wegen seiner Enge das Magazin nicht. Aber er mußte sich dort auch umziehen, weil es keinen anderen Raum dafür gab. Er machte Licht und quetschte sich, den Bauch einziehend, zwischen den aufeinander gestapelten Kartons und den Kartoffel- und Zwiebelsäcken durch, bis zu den Paketen mit dem Frittierfett. Vielleicht hatte er eines aufgeschnitten, um einen Block Fett mitzunehmen. Das Messer war nicht da. Beim Rückweg sah er in den Nebenraum, wo die Tonne mit den Köpfen stand. Konnte ja sein, daß sich der Chef sein Messer ausgeliehen hatte. Nichts. Aber am Freitagmorgen war doch auch der Metzger dagewesen mit vakuumierten Oberschalen, Filets und ein paar Roastbeefs.
Benno tappte, so rasch es ihm möglich war, die Treppe hoch und wunderte sich, warum er nicht gleich darauf gekommen war. Ein Roastbeef hatte er gleich im Hof aus der Verpackung geschnitten, um nicht wegen ihr erneut zu den Müllcontainern laufen zu müssen, die beim Kühlhaus standen, und war dann mit dem Fleisch in die Küche gegangen, hatte es pariert, einen schönen Fettstreifen stehen gelassen und dann gleichmäßig große, tiefdunkelrote Rumpsteaks daraus geschnitten, sie in eine Chromarganschale gelegt und mit Öl übergossen. Sicher lag das Messer da, wo er die Verpackung aufgeschnitten hatte.
Es war jetzt kurz nach achtzehn Uhr, eine erste Bestellung könnte jeden Moment kommen. Rasch lief er den Gang entlang, der zu den Toiletten führte und der an seinem Ende einen Ausgang zum Hof hatte. An diesem Oktoberabend war der Hof schon dunkel wie eine schwarze Grube, in die er hineintappte, erst allmählich erkannte er die Umrisse des Kühlhauses, die Rückwand des Hotels, die schwache Lampe über dem Hinterausgang, die drei Stufen, die in den Hof führten. Und dann die Gestalt, neben der Treppe sitzend, mit dem Rücken an der Hauswand lehnend. Wie beim Friseur, dachte Benno, denn wie beim Haareschneiden trug die Gestalt von den Schultern bis zum Bauch, die ganze Brust verdeckend, einen Umhang. Benno Wolf sah hin, einmal, zweimal und mit jedem Mal war ihm mehr, als gäbe der Boden unter ihm nach und er schwebe frei in der Luft. Der Gestalt, die da saß, fehlte der Kopf und der Umhang war kein solcher, sondern das ausgeströmte Blut, das den Menschen dort wie auf einem Frisierstuhl, unter einem Tuch wartend, aussehen ließ. Und gleich daneben lag sein Ausbeinmesser.
„Nicht erschrecken!“
Aus dem Schatten trat ein großer, hagerer Mann von etwa fünfzig Jahren auf Benno Wolf zu und zeigte mit einer abwehrenden Geste auf den Toten. Benno sah, daß seine Hand zitterte.
„Szymczak. Dr. Filip Szymczak.“ Benno Wolf trat zwei Schritte zurück, Richtung Hauseingang, um zu flüchten. Er war etwas korpulent geworden in den letzten Jahren, und dieser Mann hatte längere Beine. Bevor er die Treppe erreichte, würde ihn der… Benno blieb stehen. Wenn jetzt sein Chef dazu käme, dachte er, wenn man ihn so stehen sah, in der Lage. Und gerade hatte er diese Stelle angetreten. Man kannte ihn noch gar nicht, würde kein Vertrauen zu ihm haben und ihn sogar verdächtigen. Was sollte er jetzt tun in dieser Lage?
„Oh Gott“, sagte Benno und setzte sich auf die unterste Treppenstufe.
„Wir könnten es so machen“, hörte Benno das nervöse Haspeln von Szymczaks Stimme, „daß Sie mich hier nicht gesehen haben und ich sah Sie auch nicht, darauf könnten Sie sich absolut verlassen!“
„Machen wir es so“, flüsterte Benno, erhob sich und wollte die Treppe hochkriechen. Die Tür über ihm öffnete sich, Licht fiel heraus und Victoria, die Frau seines Chefs, stand da.
„Zweimal Zigeunerschnitzel, einmal mit Fritten, einmal mit Reis. Die Salate können schon kommen.“
Sie sah ihn an und stieg die paar Stufen hinab in den Hof.
2
„Das ist meines“, flüsterte Benno, als ihm Kommissar Riemschneider das Ausbeinmesser unter die Nase hielt. Er hockte immer noch auf der Treppe und war wie betäubt. Er spürte es kaum, wenn ihn einer der vorbei gehenden Leute streifte. Alles hatte so gut angefangen mit der neuen Stelle. Er verdiente etwas weniger Geld, als in seinem alten Job in Neuss, aber seine Chefs, das Wirtsehepaar Winter, waren erstaunlich fürsorglich und hatten ihm sogar ein Zimmer am Rand der Innenstadt besorgt.
Er sah, wie ein Polizist an Riemschneider herantrat.
„Das sind handgefertigte italienische Schuhe. Ganz neu, ein bißchen Blut ist in einen reingelaufen. Stammt vermutlich vom Opfer. Im linken Schuh klebt noch das Etikett mit den Daten und dem Firmennamen darin, wogegen es im rechten fehlt“, sagte der Mann. „Und die Schuhe stehen vor den Füßen des Toten. Seltsam.“
„Sicher hat er sie sich nicht selbst ausgezogen im kühlen Hof. Das muß der Mörder getan haben“, meinte der Kommissar. „Ist schon merkwürdig!“ Benno sah erst jetzt die Schuhe. Der Polizist gab Riemschneider etwas in die Hand. „Der Ausweis des Toten“, rief der Kommissar, „lautend auf den Namen Pietro Marconi. Italienischer Staatsbürger. Kennt jemand den Namen?“
„Ich“, sagte Victoria.
„Woher kennen Sie Marconi, Frau Winter?“ „Aus dem KZ Mittelbau Dora“, antwortete ihr Mann. Er legte einen Arm um ihre Schultern, „sie war als Zwangsarbeiterin dort.“
Benno sah die Winters an. Zwei alte Leute von über siebzig, sie hielten sich jetzt bei der Hand und als sie seinen Blick bemerkten, sahen sie ihn ernst, und wie er fand, mißtrauisch an. Sicher fühlten sie sich elend und hatten Angst. Ihm war nach Weinen zumute. Durch den Schleier seiner feucht werdenden Augen sah er den grell ausgeleuchteten Hof, die Männer der Spurensicherung in ihren weißen Kunststoffanzügen und diesen Doktor Szymczak, der gerade mit dem zweiten Kripobeamten sprach. Benno konnte ihn nicht hören, nur sehen, wie er mit seinen langen Armen vor dem Kripobeamten herumfuchtelte und theatralisch den Kopf in den Nacken warf. Sicher hat er es getan, dachte Benno. Jetzt erregte sich Szymczak so, daß sein Geschrei im ganzen Hof zu verstehen war.
„Sie verdächtigen mich? Ungeheuerlich! Ich bin ganz zufällig hier! Weil ich aus der Toilette kam und in die falsche Richtung lief. Ein Versehen, die falsche Richtung eben.“ Das ist ein Neurotiker, dachte Benno, wie aus einer Maschinenpistole kommen die Worte rausgeschossen. Jetzt trat er dicht an den Beamten heran und bleckte die Zähne, als wollte er ihn beißen.
„Und wenn ich´s gewesen wäre, dann müßte ich doch den Kopf des Toten haben! Wo ist er? Sie suchen herum, aber der Kopf fehlt.“ Das schien zu stimmen. Es war alles da, auch die Mordwaffe, wie Benno glaubte, aber der Kopf fehlte. Szymczak machte einen Schritt auf ihn zu.
„Fragen Sie doch diesen Herrn, es ist doch sein Messer, womit es gemacht wurde!“ Wie versteinert hörte Benno auf das unverständliche Gemurmel, mit dem der Kriminalbeamte antwortete und ihn dabei anblickte.
„Ach was, erst ins Labor. Quatsch!“, schnaubte Szymczak, hockte sich auf eine leere Getränkekiste und verfiel in ein stumpfsinniges Brüten.
„Was soll ich meinem Verwandten sagen? Schon seit gut einer Stunde erwartet er mich.“ Szymczak sprang auf und rannte erregt hin und her.
„Wie heißt ihr Verwandter?“, hörte Benno den Beamten fragen, der ihn dabei weiter ansah.
„Richard Brünn.“ Einen Moment hielten die Leute der Spurensicherung, der Arzt und die zwei Kripobeamten in ihren Bewegungen inne. Auch die alten Winters schienen aus ihrer Traurigkeit zu erwachen und hoben die Gesichter.
„Wenn Sie so freundlich sein wollen, uns zum Präsidium zu begleiten. Wir verständigen Herrn Brünn umgehend. Haben Sie Gepäck, Herr Doktor?“
Dieser Richard Brünn scheint Eindruck zu machen, dachte Benno und versuchte den forschenden Blick dieses Beamten, der ihn weiter ansah, zu ignorieren.
Kommissar Riemschneider trat zu einem Polizisten. Benno konnte nicht verstehen, über was sie sprachen. Aber weil ihn jetzt beide ansahen, glaubte er, daß es um ihn ging. Noch immer war Benno in Gedanken bei Szymczak und wunderte sich über die Beflissenheit, mit der die Polizei den Kerl behandelte, der so offensichtlich mit dem Mord zu tun hatte und darum, seiner Meinung nach, anders angefaßt gehörte. Benno schüttelte ungläubig den Kopf und lächelte den Kommissar an, als der auf ihn zutrat.
3
Sie saßen jetzt alle, Benno, die Winters und Szymczak, um einen ovalen Tisch versammelt in einem größeren Raum im Präsidium. Die Stühle zu Bennos rechter und linker Seite waren unbesetzt, während Szymczak dicht bei Herrn und Frau Winter sitzen durfte und gelegentlich einen raschen Blick über den Tisch hinüber auf Benno warf, der unruhig auf seinem Sitz herum rutschte. Daß man ihn nicht bei den anderen sitzen ließ, sondern absonderte, ihn damit hervorhob und zeichnete als einen, der nicht mehr zu den normalen Menschen gehörte, quälte Benno nicht. Es war ihm momentan sogar ziemlich gleich. Was ihn nervös machte, war sein Taschenkalender. Vorhin waren ihm alle seine Gegenstände abgenommen worden, darunter auch der Kalender. Der war fast ohne Eintragungen, und die wenigen Kritzeleien darin ohne weitere Bedeutung. Aber ganz vorne, gleich nach dem Deckblatt, stand in der Rubrik ‚Im Notfall zu verständigen‘ Milanas Name, ihre Telefonnummer und Adresse. Wenn sie das lesen würden und Milana anriefen, wenn sie ihr sagten, daß er in Untersuchungshaft genommen wurde… Alles sollten sie mit ihm anstellen, aber Milana durfte nicht erfahren, daß er ins Gefängnis mußte.
Benno schnappte hörbar nach Luft. Die beiden Kripobeamten hinter ihm, die von einem zum anderen liefen, stockten. Daß sie da herumliefen und er sie zeitweise nicht sehen konnte, quälte Benno. Es war ihm dabei, als stochere ein Zahnarzt mit einer Nadelspitze in einen offenen Nerv herum.
Er zog seine Schultern zusammen. Jedesmal, wenn der Dicke, dieser Riemschneider, sich ihm näherte, hinter seinem Rücken den Schritt verlangsamte, war es Benno, als würde er aufgefordert aufzustehen und etwas zu tun, zu sagen, eine Tat zu begehen, damit die Luft, die er anhielt, wieder strömte und der Kommissar nicht länger hinter ihm stehen bleiben mußte. Er fühlte sich schuldig, allein dadurch, daß er sitzenblieb, weiter die Luft anhielt und nichts tat, was den Kommissar Riemschneider aus seiner ihm sicher unbequemen Haltung in seinem Rücken, erlösen würde.
Er seufzte. Das passierte, ohne daß er es kommen gefühlt hatte.
„Sagten Sie etwas?“ Der Kommissar trat näher an ihn heran.
Benno wandte sich halb um.
„Tut mir leid.“
„Was tut Ihnen leid?“
„Ich wollte nicht seufzen. Es ist einfach geschehen.“ Er hoffte, daß dies so verstanden würde und ihn der Kommissar in Ruhe ließe und jetzt nicht Anlaß sähe, in ihm herum zu bohren, nur weil er unbeabsichtigt geseufzt hatte.
„Sie haben noch vor kurzem in Neuss gekocht. Warum sind Sie da weggegangen?“
Er will mich anschuldigen. Benno dachte das nicht, er fühlte es so, und es betäubte ihn. Der Beamte kam ihm wieder in den Sinn, der ihn ständig angestarrt hatte. Der war sicher mit diesem Riemschneider unter einer Decke. Dann fiel ihm die dicke, hängende Unterlippe des Kommissars auf. Er betrachtete den schweren Mann.
Eine häßliche, hängende Unterlippe. Es war ihm, als sei Riemschneider so ein Gesicht beschert worden von all den Verdächtigen vieler Jahre, mit denen er sich hatte befassen müssen. Von Leuten, die im Verhör lange leugneten und dann doch zusammenbrachen, die dann wie welker Salat in ihren Stühlen hingen, die Form verloren und plötzlich alt aussahen. Die hatten das Gesicht des Kommissars gezeichnet. Und jetzt sah er in ihm eine dieser Figuren, die es bald den anderen aus seiner langen Praxis gleichtun würde. Wenn er etwas wartete, dann ginge es mit Benno auch bald so nach unten. Als wolle er ihn dazu ermuntern, zeigte er diese hängende Unterlippe, die schon den Weg wies. Und das alles nur, weil Benno aus Versehen geseufzt hatte.
„Sie haben doch in Neuss gekocht?“
„Ja, hab ich.“
„Und, hat es Ihnen da nicht mehr gefallen oder warum sind Sie sonst weggegangen?“
„Also, die haben alles auf asiatisch umgestellt. Thai-Küche und so. Konnte ich nicht.“
„Sie wurden entlassen?“ Benno nickte. Er sah immer noch auf diese Lippe und brachte es nicht fertig, wegzusehen.
„Sie haben also Ihren Job an Ausländer verloren. Und hier kriegen Sie sicher weniger Geld, als drüben. Sind Sie denen böse?“ Benno versuchte zu verstehen, worauf der Kommissar hinauswollte.
Er stützte sein Kinn in die Hände und überlegte, ob er den Ausländern oder sonstwem böse war.
Das war kein schlechter Job gewesen. Allerdings Nachtarbeit. Die Gäste, meist Düsseldorfer Huren und ihre Zuhälter, die mitten in der Nacht, oder am frühen Morgen Station machten in der Kneipe, in der er kochte.
Die Arbeit war ziemlich einfach gewesen: Dicke Steaks für die Zuhälter, so englisch gebraten, daß das Blut raus spritzte, wenn sie das Fleisch anschnitten und Salate mit Ei für die Damen. Aber dann übernahm ein neuer Besitzer den Laden und der wollte es auf asiatisch haben. Die Mädchen waren jetzt vor allem Koreanerinnen und Vietnamesinnen, das Essen war danach: fernöstliche Spezialitäten. Für den neuen Chef rechnete es sich, er legte finanziell zu und konnte sich in Ruhe von den Nutten kraulen lassen. Benno verlor seine Stelle, weil er asiatische Küche nicht konnte. Er suchte nach einem neuen Job und merkte auf einmal, daß es von Thai-Kneipen, Sushi-Bars, vegetarischen Lokalen, türkischen, italienischen, spanischen Restaurants nur so wimmelte. Aber er konnte weder japanisch noch türkisch kochen, sondern nur deutsche Küche und das, was auf der Karte als ‚international‘ bezeichnet wird: Cordon bleu, Boeuf Stroganoff und so weiter. Einen so ausgerichteten Laden fand er in Halberstadt.
Benno blickte den Kommissar an.
„Nö, bös bin ich denen nicht und es hat ja auch was Gutes: Ich wohn endlich näher bei meiner Freundin als früher.“
„Aber Sie mußten bis hierhin gehen, um noch was für sich zu finden. Überall Türken, Libanesen und so weiter. Und die kommen auch immer mehr nach Halberstadt. Kriegen Sie nicht manchmal Angst oder vielleicht auch einen Haß auf die?“
Benno schüttelte den Kopf. Plötzlich sah er das Gesicht des Kommissars ganz dicht über sich und hob abwehrend die Hand.
„Sie machen mir was vor! Sie sind wegen der Ausländer rausgeflogen und hier schleichen die Ölaugen auch schon überall herum, machen ihre stinkenden Dönerbuden auf und deutsche Kneipen machen dicht. Und dann läuft Ihnen noch dieser Pietro Marconi vor die Füße, hier, mitten in Ihrer neuen Existenz. Ein Kerl, wie ein Orientale, Prachtexemplar von einem schwarzhaarigen Kanaken.
Da ist bei Ihnen was durchgebrannt. Da konnten Sie gar nicht anders. Geben Sie es zu!“
Es klopfte. Benno zuckte zusammen. Sicher war sein Kalender gelesen worden und jetzt kam Milana.
„Herr Brünn ist da“, meldete ein Polizist von der Tür her.
„Soll eintreten.“
Benno sah einen uralten, eisgrauen Mann in der Tür stehen. Er war in einen schwarzen Anzug gekleidet. Unter dem Jackett trug er eine dunkle Weste und Benno war es einen Moment so, als sähe er die silberne Kette einer Taschenuhr darauf blinken. Die Winters und Szymczak erhoben sich von ihren Plätzen. Die beiden Beamten machten bei der Begrüßung eine Verbeugung vor Brünn und nannten ihn ‚Herr Stadtrat‘. Benno erhob sich. Richard Brünn ging langsam von einem zum anderen um den Tisch herum und gab jedem die Hand. Szymczak war eilig auf Brünn zugegangen und stand nun dem Alten im Weg, als der Herrn Winter begrüßen wollte. Offensichtlich hatte Szymczak geglaubt, Brünn würde sich zuerst ihm zuwenden. Der musterte jetzt seinen Verwandten und sah auf dessen Schuhe.
„Filip Szymczak mein Name. Doktor Szymczak. Bitte sehr um Verzeihung, Ihnen unter diesen Umständen begegnen zu müssen.“ Szymczak wendete sich gequält ab und strich sich mit der Hand über die Augen.
„Mein Junge, die Umstände sind nicht so schlimm, wie deine ausgelatschten Schuhe. Morgen kaufe ich dir was Anständiges.“ Er wandte sich zu den beiden Beamten.
„Was hat er verbrochen?“
Es klopft, dachte Benno. Er lehnte sich sachte gegen die Wand und horchte auf sein Herz.
„Ja, mit so einem Ding, mit einem Ausbeinmesser.“ Der Kommissar erklärte Brünn, was passiert war.
Es sitzt weiter oben, dachte Benno. Kann das sein, daß es in den Hals steigt? Milana wird alles erfahren. Er fühlte mit dem Finger nach. ‚Geben Sie es zu‘, hatte ihn Riemschneider aufgefordert. Benno sah die Leute an, die sicher alle glaubten, daß er es getan hatte. Sie kamen ihm wie eine Mauer vor. Mit den Fingern könnte er sie erreichen, die Wand dieser Falle, in der er saß. „Erst muß er versucht haben, den Kopf mit einem großen Fleischermesser abzutrennen“, erklärte der Kommissar, „das machte aber im Kehlkopfbereich und an den Halswirbeln Probleme. Da war das große Messer kaum zu gebrauchen, die Spuren zeigen es. Scheint von Werkzeugen was zu verstehen, er hat dann das Ausbeinmesser genommen.“ Benno merkte, daß ihn alle ansahen. Der Kommissar begann wieder mit seinen Rundgängen um den Tisch, an dem die anderen Platz genommen hatten. Benno wollte sich nicht setzen, fühlte plötzlich Victoria Winters Hand an seiner Schulter und ließ sich zum Stuhl schieben. Jetzt blieb der Kommissar hinter ihm stehen. Benno sah ihn nicht, aber er fühlte sich erneut aufgefordert, etwas zu tun, zu sagen, eine Erklärung zu liefern. Der Kommissar ging weiter und kam Benno ins Blickfeld. Er sah ihm nach, solange das möglich war, ohne den Kopf zu drehen. Dann spürte er ihn erneut hinter seinem Rücken, während der zweite Beamte sich in Bewegung setzte, auf der gegenüberliegenden Tischseite stehen blieb, und ihn ansah. Immer nur ihn. Benno setzte sich.
„Sie sagten, daß Pietro Marconi um fünfzehn Uhr fünfundvierzig bei Ihnen eincheckte, Herr Winter. Kurz nach achtzehn Uhr entdeckte der Koch die Leiche. Marconi muß also zwischen sechzehn und achtzehn Uhr ermordet worden sein.“ Winter nickte Riemschneider zu. Benno fühlte auf seinem Kopf die Atemwärme des Kommissars, der hinter ihm stand. Er sah, daß Victoria aufstand, und wunderte sich darüber.
„Benno! Ich sah Sie“, Victorias Stimme klang dünn und schwach, „Benno, ich sah Sie um kurz nach fünf im Hof.“ Es wurde ganz still im Raum.
Er blickte Victoria an, sie hob die Hände und hielt sie, als sollte er etwas hineingeben.
„War ich nicht“, Benno hörte seine Stimme krächzen, „da war ich nicht.“
Benno kam es so vor, als kröche dieser Beamte der ihn ständig ansah, über den Tisch auf ihn zu.
„Achtzehn Uhr fing Ihr Dienst an.“ Herr Winter sprach wie zu sich selbst.
„Und was machen Sie dann kurz nach siebzehn Uhr im Hof?“
„Das war ich nicht. Erst fünf vor halb sechs kam ich ins Haus.“ Kommissar Riemschneider stellte sich neben Benno auf.
„Ein Motiv, Herr Wolf, Sie hatten ein Motiv über den Südländer herzufallen! Und Sie wurden im Hof gesehen. In der fraglichen Zeit.“
„Das muß ein Anderer gewesen sein“, sagte Benno. Riemschneider setzte sich auf einen der freien Stühle und blickte Victoria an.
„Erzählen Sie nochmal, was haben Sie gesehen und wann?“
„Ich kam von der Stadt ins Haus und bin in den Saal gegangen, um zu sehen, wie weit unser Kellner mit dem Eindecken ist. Es war so fünf nach fünf. Da sah ich jemanden draußen durch den Hof gehen.“
„Wo ging der hin?“
„Weg vom Haus, zur Gasse hin, die hinter dem Hof lang geht.“
„Die Person schien also das Grundstück zu verlassen?“
„Ja. Und sie hielt in jeder Hand ein kleines Ding. Konnte es nicht erkennen.“
„War die Person Ihr Koch, der Herr Wolf?“ Victoria knetete die Hände und dachte nach.
„Ich sah ihn ja nur von hinten und es wurde schon dämmerig. Aber ich habe gleich gedacht, was macht der Koch um die Zeit da hinten?“
„Woher wissen Sie, daß es ein Mann war, kann es nicht auch eine Frau gewesen sein?“
„Das war ein Mann. Ich sah es an den Bewegungen.“
„Sicher haben Sie die Person aber nicht erkannt?“
„Nein.“
„Ihren Mann haben Sie nicht aufmerksam gemacht?“
„Nein“, mischte sich Winter ein, „wir hatten an dem Tag viel zu tun.“ Er nahm seine Finger zu Hilfe und zählte daran ab.
Um halb zwei traf ich mich mit meiner Frau in der Stadt. Wir besuchten dann einen Kollegen im Krankenhaus. Victoria war anschließend bis gegen fünf Uhr in einem Vortrag im Gleim Haus. Und ich saß im Hotel mit unserem Kellner zusammen, um über die Gesellschaft zu sprechen, die wir am Wochenende zu Gast haben. Kurz vor vier kam Marconi, der sich vor zwei Wochen anmeldete. Der Kellner blieb den Abend über bei uns.“
„Es läuft alles auf Sie zu, Herr Wolf. Möchten Sie sich nicht äußern?“ Benno sah um sich. Alle schienen Riemschneiders Worte erwartet zu haben. So sahen jedenfalls die Mienen aus, die sie machten. Und jetzt wollten sie sein Geständnis haben. Da hörte er ein lautes, knöchernes Klopfen.
Richard Brünn hämmerte mit dem Knöchel auf die Tischplatte.
„Einspruch! Haben Sie auch mal bei Winter so nachgehakt wie bei dem Koch? Victoria kannte diesen Italiener vom KZ her“, Brünn wandte sich zu Horst Winter, „und Sie kannten ihn sicher auch. Warum kommt der zu Ihnen in Ihr Hotel und wird genau da umgebracht und warum kam der überhaupt?“ Winter zuckte mit den Schultern.
“Vermutlich wollte er noch einmal dieses Lager sehen, in dem er Zwangsarbeiter war. Es ist ja hier in der Nähe. Darum ist er wohl gekommen.“
“Oder kam er wegen Ihrer Frau? Oder wegen Ihnen?
„Nein.“
Horst Winter hob unbeholfen die Hände und ließ sie wieder fallen. Brünn blickte Winter ins Gesicht, mahlte mit seinem Unterkiefer und stocherte mit dem Zeigefinger vor ihm in der Luft.
„Gammeln immer noch diese Schweinereien in Ihrem Keller herum? Diese Köpfe in der Tonne! Zum Kotzen. Wie erträgt das Ihre Frau?“
Riemschneider mischte sich rasch ein.
„Herr Winter, haben Sie eine Ahnung, was der Herr Marconi im Hof bei den Müllcontainern zu suchen hatte?“
„Der wollte wohl rauchen. Im Haus dürfen die Gäste nicht rauchen.“
„Stimmt, wir fanden zwei Kippen neben dem Toten.“
Richard Brünn stand mit einem Ruck auf.
„Sie lenken ab, Kommissar! Herr Winter ist ein Nazi, das wissen Sie. Wenn der Koch vielleicht was gegen Südländer hat, wie Sie es unterstellen, bei Herrn Winter ist das erwiesen. Ich lasse nicht zu, daß Sie das übergehen!“ Riemschneider schwieg. Benno kam es vor, als hinge seine Unterlippe jetzt noch tiefer als zuvor. Brünn stützte sich auf der Tischplatte ab, reckte den faltigen Hals und sah Winter direkt ins Gesicht.
„Sicher war der Mörder ein Rechtsradikaler. Einer wie dieser Klaus Hey, der Hundezüchter, dem Sie, Herr Winter, Ihren Saal vermieten, damit er dort mit seinen Kumpanen Schweinereien ausbrüten kann.“ Winter stand auf, krebsrot im Gesicht und wollte sprechen. Brünn winkte verächtlich ab und wandte sich an Scymczak.
„Raus mit der Sprache! Was hattest du hier zu suchen?“ Der Alte übernimmt ganz selbstverständlich die weitere Vernehmung, dachte Benno. Kommissar Riemschneider bekam rote Ohren und setzte sich leise auf einen Stuhl bei der Wand.
„Ich bin am Spätnachmittag in Halberstadt angekommen und wollte ein Bier trinken, bevor ich zu Ihnen ginge.“
„Dann liefen Sie zur Toilette, anschließend in die falsche Richtung und landeten im Hof?“ fragte Riemschneider mit leiser Stimme. Szymczak nickte und sah bange auf Richard Brünn.
„Also, es tut mir leid, Herr Brünn, erst mal muß ich ihn hierbehalten. Den Koch sowieso!“
Riemschneider stand verlegen auf und gab Brünn schüchtern die Hand. Benno hörte etwas von einer erkennungsdienstlichen Behandlung, zu der er und Filip gebracht werden sollten, und dachte dabei ans Verbrecheralbum und mit einem Mal kam ihm der furchtbare Gedanke, daß sein Foto womöglich veröffentlicht würde und dann könnte Milana alles erfahren. Er sah zu, wie sich die Leute erhoben und wie Brünn mit einer herablassenden Bewegung dem Kommissar die Hand gab. Benno stand nicht auf. Er fühlte sich kraftlos und zentnerschwer. Er war noch nie in einem Gefängnis gewesen und jetzt sollte er in eines hinein. Er merkte, wie seine Hände unter den Stuhl griffen, auf dem er saß, und wie sich die Finger daran festhielten.
Man brachte sie in eine Gemeinschaftszelle. Benno ließ sich aufs Bett fallen, legte die Hände über seine Augen und blieb eine Weile liegen, bis er sich beruhigt hatte. Was würde morgen sein? dachte er. Morgen würde er in der Küche fehlen müssen. Und noch einen Tag später würde ihn der Chef entlassen. Was sollte Winter mit einem Koch anfangen, der nicht in der Küche schmorte, sondern im Kittchen? Aber das war nicht das Schlimmste, was passieren könnte. Das Schlimmste war das mit Milana. Wenn sie erfahren würde, daß man ihn für einen Mörder hielt. Dagegen wäre der Jobverlust eine Kleinigkeit. Milana, die sich aufregte, wenn er in der Abendstille laut hustete, was die Nachbarn stören könnte. Milana, die sich für ihn schämte, wenn er im zerknitterten, nicht ganz frischen Hemd neben ihr her ging und die darum sogar auf die andere Straßenseite wechselte, um nicht mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden.
Milana, die er liebte, die er heiraten wollte, an der Seite eines Mordverdächtigen? Sie würde ihn sofort verlassen, wußte Benno.
Gegen zwei Uhr in der Frühe erwachte er mit einem Ruck. Er hatte kaum geschlafen, weil er Szymczak die ganze Zeit im Auge behielt und sich nicht traute, einzuschlafen. Der hatte sich mit den Schuhen an den Füßen und in allen Kleidern auf sein Bett gehockt, die Knie zur Brust gezogen, die Arme darum gelegt und sich vor und zurück geschaukelt. Ohne einen Ton zu sagen, ohne einmal mit Schaukeln innezuhalten. Wie in einen zu engen Kasten gezwängt, saß er da, beleuchtet vom matten Schein der Deckenlampe. Benno sah mit steigendem Grausen zu. Er war mit einem Mörder zusammengesperrt. Mit einem, der obendrein irre zu sein schien, so wie er sich benahm. Wie hatten ihn die Wärter nur mit dem in eine Zelle sperren können? Weil sie nicht gesehen hatten, was mit Szymczak los war? Wenn sie so kraß versagten, dann war von ihnen kein Schutz zu erwarten, dann würden sie auch nie den Täter überführen und alles bliebe an ihm hängen. Benno fühlte sich schwach, ständig war ihm, als müsse er sich übergeben. Und dann schlief er doch ein. Als er hochfuhr, schaukelte Szymczak immer noch auf seinem Bett und brummte dazu. Sein Gesicht aber war Benno zugewandt. Benno sah in seine brennenden Augen, sah, wie dieser Mann vom Bett glitt, mit den langen Armen voraus weisend, auf Benno zu.
Der sprang zur Tür. „Hilfe! Hilfe!“
„Wie er mich behandelt hat, der Alte! Die Schuhe. Gnädig will er mir Schuhe kaufen. Schwein, dreckiges Schwein!“ Jetzt schrie Szymczak, daß man es im ganzen Gefängnis hören mußte. Er schrie, wie ein verletztes Tier, ein Tier, dem man mit einer Lanze die Seite aufgebrochen hat. „Scheiß auf seine verfickten Schuhe. Dieser Kübel voll alten Dreck, diese kaputte Mumie, dieser Schmutzfleck auf der Menschheit, warum lebt er noch? Ich will keine Schuhe, ich will meinen Anteil!“
Dabei tastete sich Szymczak an den Zellenwänden entlang und schlug mit den Fäusten dagegen.
„Hilfe! Hilfe!“ brüllte Benno, als Szymczak nur noch einen Meter von ihm entfernt war.
Die Tür flog auf, drei Wärter zerrten Szymczak heraus. „Gibt er meinen Anteil nicht heraus, hole ich ihn mir!“ hörte ihn Benno kreischen. Er hielt sich die Ohren zu und plumpste aufs Bett.
Gegen elf Uhr am nächsten Tag ging die Zellentür auf, Kommissar Riemschneider trat ein. Benno erhob sich vom Bett, auf dem er gesessen hatte, und versuchte die Fassung zu behalten.
„Ich komme vom Haftrichter, Herr Wolf.“ Die Untersuchungshaft wird verlängert, sie behalten mich hier, mein Job ist weg, dachte Benno.
4
Horst Winter, Wirt und Inhaber des Hotels „Brockenblick“, saß in seinem kleinen Büro hinter der Rezeption seines Hotels und blätterte seinen Terminkalender durch, als Benno die Schwingtür des Hoteleingangs aufstieß und zu ihm rannte.
„Sie haben mich freigelassen, Herr Winter!“ Er sah auf Winters von Gichtknoten geschwollene Finger, die die Seiten des Terminkalenders weiterblätterten. Winter hob nicht den Blick. Bennos Freude verflüchtigte sich. „Hat sich an der Mittagskarte etwas geändert? Ich sollte in der Küche sein. Es ist schon halb zwölf“, schloß er mit belegter Stimme, als keine Antwort kam. Winter klappte den Terminkalender zu und sah Benno an. „Herr Wolf, wir müssen miteinander sprechen.“ Benno setzte sich. Winter klopfte auf das vor ihm liegende Terminbuch. „Die Gäste haben abgesagt.“
„Nein“, sagte Benno und fühlte, daß er anfing zu schwitzen. „Weil Sie hier kochen, darum haben sie abgesagt. Alles, was passiert ist, hat sich rumgesprochen. Die Leute gruseln sich und wollen nicht da essen, wo der Koch womöglich ein Mörder ist.“
Benno erhob sich schwerfällig. Der Chef würde ihn rauswerfen, damit sich keiner mehr gruseln mußte und die Gäste wiederkämen. Und diesen Argwohn der Leute sollte er auf seinen Buckel nehmen und fortschleppen. Möglichst weit weg, damit sie sagen könnten, „er hat sich dünne gemacht und gibt demnach zu, schuldig zu sein.“ Benno legte seine Fingerspitzen auf Winters Tisch, um das sachte Schwanken zu verbergen, das ihn überkam. Kreislauf, dachte er. Bin nicht fit. Keine Zeit für Sport. Aber so würde er sich nicht vom Hof jagen lassen!
„Tatsächlich, Herr Winter, bei so einem Koch wollte ich auch nicht essen.“ Auf einmal war ihm ganz leicht zumute, geradezu frech.
„Ich verstehe Ihre Gefühle gut, Herr Wolf! Ich halte Sie nicht für schuldig.“
„Dann erfüllen Sie mir eine Bitte.“ Benno sah auf seinen Chef, der wieder den Terminkalender öffnete und nervös darin blätterte. Sicher am Überlegen, wie er die nächsten Gesellschaften hindern könnte, abzusagen.
„Gerne erfülle ich Ihre Bitte. Ihr Gehalt für den November werden Sie auch bekommen.“ Benno fühlte sich immer noch leicht, geradezu übermütig gestimmt. Er ging zur Wand, wo ein Kalender hing und zeigte auf den Monat Oktober.
„Heute ist der einunddreißigste Oktober. Geben Sie mir Zeit bis zum zehnten November, um die Sache aufzuklären. Ich finde den, der es getan hat!“ Er war so im Überschwang, daß er die Brust herausstreckte und selbst an seine Worte glaubte.
„Sie sind toll, Benno!“
„Bin ganz klar“, sagte Wolf und stand stramm da, obgleich es in seinen Ohren bedrohlich rauschte.
„Benno, das ist was für die Polizei. Sie haben keine Ahnung von so einer Sache.“
