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Ein junger König, dessen Eltern gestorben waren, musste nun die Regentschaft über eine riesengroße Stadt antreten. Der König liebte seine Stadt über alles, aber er wollte sie nicht regieren – ihm fehlte die Leidenschaft, um König zu sein. Viel lieber hätte er sich eine andere Bestimmung gesucht. Also beschloss der junge König, das Regieren zunächst zu vertagen und stattdessen zehn Stunden täglich laufen zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Marcel Zischgs Buch vom „König, der weglaufen wollte“ erzählt Geschichten von Königen, Prinzen und Prinzessinnen, die große Träume und Sehnsüchte wahrmachen wollen, aber dennoch immer wieder vor der Frage stehen, was Verantwortung, Mut und Liebe wirklich bedeuten. In märchenhaften Erzählungen voller Fantasie und überraschender Wendungen begegnen wir einem König, der lieber laufen möchte als regieren, einer Hexe mit einem geheimnisvollen Apfelbaum, einem starken Mann, der von einer winzigen Ameise belehrt wird, und vielen weiteren Figuren, die zwischen Pflicht und Freiheit, zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit ihren Weg suchen. Simone Renner illustriert die Geschichten in einem fantasievollen Comic-Stil, der den Erzählungen eine besondere Leichtigkeit verleiht und Figuren und Szenen lebendig werden lässt.
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Marcel Zischg
Der König, der weglaufen wollte
Märchen
Mit Illustrationen von Simone Renner
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2026
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Angaben nach GPSR:
www.engelsdorfer-verlag.de
Engelsdorfer Verlag Inh. Tino Hemmann
Schongauerstraße 25
04328 Leipzig
E-Mail: [email protected]
Copyright (2026) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Illustrationen © Simone Renner
Foto Autor © Simon Rainer
Foto Illustratorin © Simone Renner
Lektorat: Moritz Siegel (Dresden)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Impressum
Der König, der weglaufen wollte
Das Wetterhänschen
Der große starke Mann und die klitzekleine Ameise
Der eilige Mann
Herr und Frau Einfalt
Die Geschichte von der Apfelhexe
Die verlorenen Vögel
Die steinerne Zaubermühle
Die einsame, aber stinkreiche Prinzessin
Das Märchen von den drei Türmen
Kakapo – Ein Kindermärchen aus Neuseeland
Der dicke Prinz
Der Betrüger-Prinz
Das Traumkind
Quellen und Danksagung
Autor und Illustratorin
Ein junger König, dessen Eltern gestorben waren, musste nun die Regentschaft über eine riesengroße Stadt antreten. Der König liebte seine Stadt über alles, aber er wollte sie nicht regieren – ihm fehlte die Leidenschaft, um König zu sein. Viel lieber hätte er sich eine andere Bestimmung gesucht.
Da fiel ihm ein, dass er recht flinke Beine hatte und gerne zu Fuß unterwegs war, was für einen König allerdings gar nicht selbstverständlich schien: Die meisten anderen Könige ließen sich lieber in Kutschen umherfahren.
Also beschloss der junge König, das Regieren zunächst zu vertagen und stattdessen zehn Stunden täglich laufen zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Das gefiel ihm bald schon so gut, dass er eines Tages zu seinen Ministern sagte: „Ich bin nun bereits fast jede Straße in der Umgebung zu Fuß gelaufen – jetzt aber bin ich es leid, immer nur hier herumzulaufen. Dennoch muss ich weiterlaufen, denn ich liebe es so sehr – aber es soll nun anderswo sein.“
Da schlug der klügste seiner Minister, ein noch recht junger Mann, vor: „Dann rennt doch einmal um die ganze Welt herum, Herr König.“
„Das ist eine wunderbare Idee“, sagte der König. Er verschob das Regieren abermals, übergab die Regierungsgeschäfte für eine Weile einem seiner Onkel – und lief einmal um die ganze Welt herum. Auf seinem Weg traf er viele Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen, und alle erzählten ihm wunderbare Märchen und Geschichten. Und weil der junge König Märchen und Geschichten sehr liebte, behielt er sie alle in seinem Gedächtnis.
Als der König zurückgekehrt war, sagten seine Minister: „Nun setzt Euch aber bitte auch auf Euren Thron, Herr König, und regiert die Stadt.“
Der König nickte und setzte sich auf seinen Thron – doch kaum hatte er Platz genommen, da begann er am ganzen Körper zu zittern. Er hielt es einfach nicht aus, auf solch einem Thron festzusitzen und für immer in derselben Stadt wohnen zu müssen.
„Ich möchte niemals sesshaft sein“, stellte der König fest und erhob sich wieder. „Jetzt bin ich sogar einmal um die Welt herumgelaufen mit meinen schnellen Beinen – und ich bin immer noch nicht müde geworden, denn ich scheine besondere Beine zu besitzen. Ihr sollt mir nun einen Weg bauen lassen, meine Minister, der so lang ist, dass selbst ich endlich müde werde, ihn zu gehen – er soll bis ans Ende der Welt führen.“
Da erschraken die Minister: Wie sollten sie einen solchen Weg bauen? Der klügste Minister aber sagte: „Wenn Ihr einen Weg bis ans Ende der Welt verlangt, Herr König, dann akzeptiert Ihr unsere Welt offenbar immer noch nicht als Kugel – obwohl Ihr selbst ja nun einmal um die Erde herumgelaufen seid und sie dabei als Kugel erlebt habt.“
„Das stimmt“, sagte der König nachdenklich, „die Erde ist eine Kugel. Wenn die Erde aber eine Kugel ist, wo könnte dann das Ende der Welt sein?“
Darauf wusste niemand dem König eine Antwort zu geben, woraufhin ihm nun nichts mehr einfiel, um von seiner Pflicht zu entfliehen. Also musste er wohl oder übel seine Regierung antreten: Schweren Herzens ließ sich der junge König auf seinem Thron nieder.
Sogleich traten die Minister vor und übergaben ihm Klageschriften aus dem Volk sowie einige Gesetzesentwürfe. Der König wurde bald sehr traurig, denn ihn langweilte diese Arbeit entsetzlich. Und zudem fühlte er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen.
So sagte er schon bald: „Ich möchte nun zuerst einmal durch mein Reich laufen, um mir meine Entscheidungen in aller Ruhe zu überlegen.“
Mit diesen Worten wollte der traurige König wieder aufstehen. Da musste er jedoch feststellen, dass er auf seinem goldenen Stuhl festgewachsen war und nicht mehr herab konnte!
Der goldene Thron aber flüsterte dem verzweifelten König zu: „Gib dich nun endlich zu erkennen! Triff deine Entscheidung und sage, dass du gar kein König sein willst – sonst lasse ich dich nicht wieder gehen!“
Der König wusste nicht, was er tun sollte – aber auf gar keinen Fall durften seine Minister bemerken, dass er sich nicht mehr erheben konnte. Deshalb verkündete er nun laut: „Meine Minister, ich brauche jetzt zuerst einmal eine Schlafpause auf meinem Thron, bevor ich mich mit den Regierungsgeschäften näher vertraut machen kann.“
Da mussten die Minister murrend den Saal verlassen. Als der König allein war, versuchte er mit aller Kraft, sich loszureißen, wobei er auf seinem Thron im ganzen Thronsaal umhersprang. Das gab zwar einen fürchterlichen Krach, doch es nützte dem König nichts: Er kam einfach nicht mehr vom Thron herunter.
Der Thron aber flüsterte ihm zu: „Gib dich zu erkennen, trauriger König!“
„Bitte“, bat der König unter Tränen, „auf dir festzusitzen ist eine höllische Strafe für mich, mein Thron. Ich hasse es abscheulich, nicht mehr laufen zu können!“
Aber der Thron ließ den König nicht herunter. Schließlich blieb der König erschöpft mitten im Raum still sitzen und blickte aus seinen großen Fenstern ins Freie: Vögel kreisten über den Himmel seiner Stadt, einige von ihnen entschwanden in dichten Wolken und andere am fernen Horizont.
Nun traf der König seine Entscheidung. Er gab sich einen Ruck und rief seine Minister wieder herbei. Mit Tränen in den Augen verkündete er jetzt mitten im Thronsaal: „Es tut mir Leid, meine Minister, doch zum Regieren fehlt mir jegliche Leidenschaft. Dieses Reich braucht einen König, der voller Tatendrang das Beste für dieses Volk will und der mit Herz und Verstand regiert, um diese Stadt zum Besten zu führen. Darum soll der klügste meiner Minister nun König werden – jener, welcher mir so weise widersprochen hat, als ich den Weg zum Ende der Welt befahl.“
„Aber Herr König“, widersprach ein alter Minister, „Ihr seid der rechtmäßige Thronfolger! Ihr könnt Eure Verantwortung nicht einfach abtreten!“
„Ich bin der König!“, betonte der traurige König. „Deswegen kann ich befehlen, was immer ich will. Und ist es etwa eine Flucht, wenn man etwas aufgibt, wozu man keinen Willen hat?“
Da schwieg der alte Minister. Und es wurde beschlossen, dass der klügste Minister König werden sollte. Im Nu schaffte es der traurige König daraufhin, wieder vom Thron aufzustehen. Der klügste Minister konnte sein Glück kaum fassen, denn nichts auf der Welt wünschte er sich sehnlicher, als König zu werden – aber er wollte nicht aus Eigennutz herrschen, denn er war ein Mann mit viel Herz für die Nöte anderer und regierte sein Volk nun voller Inbrunst.
Der traurige König wiederum verließ seine Stadt, um die Welt zu entdecken. Mit seinen schnellen Beinen kam er weit herum. Überall erzählte er jene Märchen, welche er auf seiner ersten Weltreise gehört hatte. Aus ihm wurde ein berühmter Märchenerzähler, der reichlich Lohn für seine Geschichten erhielt. Mit seinen lustigen und spannenden Geschichten konnte er auch armen und traurigen Menschen schöne Stunden bereiten.
Da gab es einmal ein großes und reiches Dorf, das hatte viele stattliche Bauernhöfe, saftige Wiesen, frohe und fleißige Bauern, und in der Mitte thronte eine schöne Kirche. Die Menschen waren zufrieden und dankten Gott für all seine Gaben.
Da war aber auch ein launischer Knecht namens Hans in diesem Dorf – Wetterhänschen genannt, weil er stets über das Wetter zu schimpfen hatte: Wenn er auf dem Feld arbeitete, schien die Sonne oft viel zu heiß auf ihn herab und er schwitzte und keuchte, riss seinen Mund auf und klagte:
„Ach, es ist viel zu heiß zur Arbeit,
ach, wenn es doch nur regnete!“
Da regnete es dann einen ganzen Tag lang, regnete und regnete, aber auch das war dem Wetterhänschen nicht recht und es meckerte:
„Ach, es ist viel zu nass zur Arbeit,
ach, ich bleib’ heute zu Haus’!“
Da meckerte dann auch die Magd:
„Ach, es ist viel zu nass zur Arbeit,
ach, ich bleib’ heute zu Haus’!“
Da meckerte dann auch die Bäuerin:
„Ach, es ist viel zu nass zur Arbeit,
ach, ich bleib’ heute zu Haus’!“
Und endlich meckerte sogar der Bauer:
„Ach, es ist viel zu nass zur Arbeit,
ach, ich bleib’ heute zu Haus’!“
Wenn aber dann die Sonne wieder schien, so meckerten das Wetterhänschen, die Magd, die Bäuerin und der Bauer auf dem Feld:
„Ach, es ist viel zu heiß zur Arbeit,
ach, wir geh’n lieber nach Haus’!“
Da meckerten dann bald auch die restlichen Bauern aus dem Dorf:
„Ach, es ist viel zu heiß zur Arbeit,
ach, wenn es doch nur regnete!“
Und als Gott es wiederum regnen ließ, da meckerten die Bauern:
„Ach, es ist viel zu nass zur Arbeit,
ach, wir bleiben heute zu Haus’!“
Und wie Gott dann erneut die Sonne schickte, da meckerten die Bauern:
„Ach, es ist viel zu heiß zur Arbeit,
ach, wir geh’n lieber nach Haus’!“
Da war sogar Gott das viele Meckern endlich leid – und es gab schließlich im ganzen Dorf keinen Bauern mehr, der noch arbeiten wollte! Deshalb schickte Gott ein fürchterliches Unwetter, sodass es tagelang im Tal in Strömen goss, Steine und Felsbrocken herabkollerten und ein unterirdischer See ausbrach, der im Berg gelegen hatte und nun einen großen Teil des Berghangs mitriss. Wasser, Steine und Geröll stürzten zu Tal und begruben das Dorf unter sich. Die faulen Bauern nahmen die Beine in die Hand und keiner hat sie wiedergesehen.
In einem kleinen Dorf lebte ein großer starker Mann, der sich vor nichts zu fürchten glaubte.
Einmal traf der große starke Mann auf dem Berg eine klitzekleine Ameise, die ihn mit piepsender Stimme fragte: „Na, fürchtest du dich denn niemals?“
Der große starke Mann lachte nur und protzte: „Du kleine schwache Ameise! Ich bin der stärkste Mann auf der Welt! Wenn ich will, dann bin ich sogar stärker als die große Mutter Natur.“
