Der Koog schweigt nie - Stefan Nordhorn - E-Book

Der Koog schweigt nie E-Book

Stefan Nordhorn

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Beschreibung

Ein Radio, das flüstert. Ein Kind, das hört. Ein Haus, das sich erinnert. In vier unabhängigen Erzählungen entfaltet sich der Delver Koog als Ort, der nicht vergessen will. Jede Geschichte steht für sich und doch sprechen sie miteinander: von Stimmen unter dem Reet, von Spiegeln, die nicht lügen, von Wasser, das nicht fließt, sondern wartet. Stefan Nordhorn führt uns in "Kooggeist", "Die Frau in Schwarz", "Schwarze Segel" und "Regen über 'm Koog" durch Landschaften, die sich dem Zugriff entziehen. Es sind keine Spukgeschichten. Es sind Erinnerungsräume. Chorisch, poetisch, unheimlich still. Wer in Dithmarschen hört, hört mehr, als er wollte. Und wer dem Koog zuhört, bleibt nicht allein.

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

KOOGGEIST

Kapitel 1 – Das Radio

Kapitel 2 – Der Koog

Kapitel 3 – Die Stimmen

Kapitel 4 – Jonas sieht

Kapitel 5 – Trude

Kapitel 6 – Die Träume

Kapitel 7 – Der Spiegel

Kapitel 8 – Der Rückkehrer

Kapitel 9 – Das Haus

Kapitel 10 – Der Mittler

Kapitel 11 – Die Geschichte

Kapitel 12 – Das Ritual.

Kapitel 13 – Das Tor

Kapitel 14 – Hindurch

Kapitel 15 – Die Entscheidung

Kapitel 16 – Die Rückkehr

Nachwort – Der Koog bleibt

DIE FRAU IN SCHWARZ

Die Frau in Schwarz

Kapitel 1: Nebel über dem Koog

Kapitel 2: Die Legende der Eiderschleife

Kapitel 3: Das verschwundene Mädchen

Kapitel 4: Spuren im Schilf.

Kapitel 5: Der Vogelruf bei Nacht

Kapitel 6: Das Tagebuch des Reetbauern

Kapitel 7: Die schwarze Gestalt im Moor

Kapitel 8: Der alte Deichgraf.

Kapitel 9: Die Wasserprobe

Kapitel 10: Der Traum

Kapitel 11: Das Gedächtnis des Koogs

Kapitel 12: Das Lied im Wasser

SCHWARZE SEGEL

Prolog – Delve, 1617

Kapitel 1 – Das Schweigen des Wassers

Kapitel 2 – Das Fass am Höft

Kapitel 3 – Die ersten Toten

Kapitel 4 – Die Glocke und das Kind

Kapitel 5 – Die Spuren im Schlick

Kapitel 6 – Das Pergament

Kapitel 7 – Der Bannversuch

Kapitel 8 – Das letzte Licht

Kapitel 9 – 1712

Kapitel 10 – Der Keller

Kapitel 11 – Die Tür in der Sakristei

Kapitel 12 – Der Kreis

Kapitel 13 – Die Frau am Höft

Kapitel 14 – Die Entscheidung

Epilog – Delve, viele Jahre später

REGEN ÜBER'M KOOG

Prolog

Kapitel 1: Der sechste Januar

Kapitel 2: Das Lied im Wind

Kapitel 3: Die Chronik von Delve

Kapitel 4: Das Kind ohne Namen

Kapitel 5: Der Koog spricht

Kapitel 6: Die Karte unter der Erde

Kapitel 7: Rungholt war nicht allein

Kapitel 8: Der Regen kommt

Kapitel 9: Die 49 Tage

Kapitel 10: Das Lied der Mutter

Kapitel 11: Das zweite Kind

Kapitel 12: Die Stimme im Wasser

Kapitel 13: Die Karte von Langendiekstedt

Kapitel 14: Das Chorbuch

Kapitel 15: Der Name im Wind.

Kapitel 16: Die Rückkehr der Stimme

Nachwort

KOOGGEIST

Kooggeist ist keine Geschichte über Spuk.

Es ist eine Geschichte über Erinnerung.

Über das, was unter dem Boden lebt.

Über das, was wir nicht sehen wollen.

Und über das, was bleibt, wenn alles andere geht.

Die Versunkenen sind nicht böse.

Sie sind vergessen.

Das ist schlimmer.

Wer in Dithmarschen baut, baut auf Wasser.

Wer in Dithmarschen lebt, lebt mit Stimmen.

Und wer in Dithmarschen hört –

der hört mehr, als er wollte.

Unter dem Reet

Unter dem Reet liegt Wasser,

unter dem Wasser liegt Zeit.

Die Zeit hat keine Richtung,

nur Tiefe, nur Geleit.

Die Tiefe kennt kein Ende,

das Ende kennt kein Licht.

Und wer dort unten wartet,

der spricht, doch spricht er nicht.

Ein Haus auf alten Karten,

ein Kind, das Namen nennt.

Ein Radio, das flüstert,

ein Koog, den niemand kennt.

Doch wer mit Nebel lebt,

der lebt mit einem Chor.

Und wer in Dithmarschen hört –

der hört sehr oft das Moor.

Kapitel 1 – Das Radio

Der Wind hatte sich gelegt. Über dem Delver Koog lag eine Stille, die nicht zur Uhrzeit passte. Es war früher Abend, die Sonne hing noch flach über den Gräben, aber das Licht war matt, als hätte jemand einen Schleier darüber gelegt. Das Haus am Rand des Koogs stand wie ein Fremdkörper in der Landschaft – aufgeschüttetes Land, moderne Fenster, ein Garten, der sich gegen das Moor stemmte. Henning hatte es selbst vermessen, vor drei Jahren, als die Gemeinde das Baufenster freigab. „Stabil“, hatte er gesagt. „Trocken seit ’62.“ Aber manchmal, wenn er nachts wach lag, hörte er das Wasser unter dem Boden.

Drinnen saß Lina auf dem Teppich, die Beine untergeschlagen, das alte Röhrenradio vor sich. Es war ein DDRModell, schwer, kantig, mit einem glühenden Auge in der Mitte. Henning hatte es vom Sperrmüll geholt, eigentlich zum Ausschlachten, aber Lina hatte es sofort beansprucht. „Das spricht mit mir“, hatte sie gesagt. Mareike hatte gelacht, Henning auch. Kinderfantasie. Aber das Radio funktionierte. Nicht gut, nicht klar – aber es sprach.

Wenn Lina den Regler ganz nach rechts drehte, kam ein Rauschen. Dann ein Knacken. Und dann Stimmen. Nicht aus Hamburg. Nicht aus Kiel. Nicht aus dieser Welt. Tief, brüchig, wie durch Wasser gesprochen. Mareike saß am Küchentisch, blätterte durch einen Stapel Arbeitsblätter, als sie Linas Stimme hörte: „Sie sind nett.“ Sie sah auf. „Wer?“ – „Die Stimmen im Wasser.“

Henning kam aus dem Flur, ein Zollstock in der Hand. „Na, dann grüß sie von mir.“

Aber Lina tat es nicht. Sie lauschte. Und das Radio antwortete. Nicht in Worten, sondern in einem Klang, der sich wie Nebel in den Raum legte. Mareike stand auf, ging zu ihr, beugte sich über das Gerät. „Das ist kaputt, Lina. Du sollst nicht damit spielen.“ Doch Lina sah sie nicht an. Ihre Augen waren auf das glühende Auge gerichtet, das jetzt heller wurde. „Du darfst das nicht“, flüsterte sie. Und das Radio knisterte – als würde etwas darin aufwachen.

Mareike schaltete es aus. Der Knopf war schwergängig, das Gerät zischte, als würde es sich wehren. Dann war Stille. Aber Lina murmelte weiter. Worte, die Mareike nicht verstand. Vielleicht Namen. Vielleicht Orte. Vielleicht nur Geräusche. Sie hob das Kind hoch, trug es ins Bett, deckte es zu. Lina schlief sofort ein. Als hätte sie etwas abgeschlossen. Henning stand am Fenster, sah hinaus in den Koog. „Es wird wieder neblig“, sagte er. Mareike nickte. „Das Radio muss weg. “Henning zuckte die Schultern. „Ist nur ein altes Gerät.“ „Nein“, sagte sie. „Es ist ein Eingang.“

Kapitel 2 – Der Koog

Henning trat aus der Haustür und blieb einen Moment stehen. Die Luft war feucht, schwer, voller Gerüche, die nicht zum Kalender passten. Oktober, aber es roch nach Tau, nach fauligem Gras, nach etwas, das unter der Erde gärte. Der Nebel hing tief über dem Koog, zog Fäden zwischen den Gräben, legte sich wie ein Tuch über die Felder. Die Windräder in der Feme standen still, als hätten sie den Atem angehalten.

Er ging langsam über das Grundstück, die Vermessungsstange in der Hand, das Messgerät am Gürtel. Die Erde unter seinen Füßen war weich. Nicht matschig, nicht nass – aber nachgiebig. Als würde sie sich erinnern. Henning blieb stehen, sah auf das Display. Die Werte sprangen. Nicht stark, nicht eindeutig – aber sie sprangen. Als würde sich etwas unter der Erde bewegen. Langsam. Zielgerichtet.

Er kniete sich hin, stach die Stange in den Boden, prüfte die Tiefe. Zu flach. Der Untergrund war nicht stabil. Und das war neu. Vor drei Jahren hatte er hier selbst vermessen, hatte die Karten geprüft, die Bodenproben genommen. „Trocken seit ’62“, hatte die Gemeinde gesagt. „Keine Altlasten.“ Aber jetzt war da etwas. Etwas, das sich verschob. Nicht viel. Aber genug, um ihn nervös zu machen.

Henning ging zurück ins Haus, zog die alten Pläne aus dem Schrank. Die Gemeindeunterlagen, die historischen Karten, die Bodenprofile. Er breitete sie auf dem Küchentisch aus, schob Mareikes Arbeitsblätter zur Seite. Die Linien waren verblasst, aber deutlich genug. Dort, wo jetzt das Haus stand, war früher Wasser. Ein Moor. Und davor – ein Friedhof. Klein, namenlos, aufgelöst in den Fünfzigern. Keine Grabsteine, keine Dokumente. Nur eine Markierung auf einer Karte, die nie digitalisiert wurde.

Mareike kam herein, die Stirn gerunzelt. „Was machst du da?“ Henning zeigte ihr die Karte. „Hier war früher ein Friedhof.“ Sie sah ihn an, lange, ohne zu blinzeln. „Und?“ „Und vielleicht ist das Radio nicht kaputt.“

Sie sagte nichts. Ging in die Küche. Machte Tee. Henning blieb stehen, die Karte in der Hand, das Messgerät auf dem Tisch. Er dachte an Lina. An das Glühen im Radio. An die Stimme, die durch Wasser sprach. Er dachte an den Koog.

Und der Koog dachte zurück.

Kapitel 3 – Die Stimmen

Die Nacht kam früh über den Koog. Nicht wie anderswo, wo sie sich langsam herabsenkt – hier fiel sie einfach. Als hätte jemand das Licht gelöscht. Der Nebel wurde dichter, kroch über die Felder, schob sich durch die Ritzen der Fensterrahmen. Das Haus stand still, als hätte es sich in sich selbst zurückgezogen.

Mareike saß allein im Wohnzimmer. Henning war noch draußen, irgendwo zwischen den Gräben, mit der Stirnlampe und dem Messgerät. Jonas war in seinem Zimmer, die Tür geschlossen, Kopfhörer auf. Lina schlief. Angeblich.

Das Radio stand auf dem Sideboard. Seit Mareike es am Nachmittag ausgeschaltet hatte, war es still geblieben. Kein Rauschen, kein Knacken. Aber sie spürte es. Wie man einen Blick spürt, den man nicht sieht. Sie stand auf, ging langsam zum Gerät, berührte den Drehknopf. Kalt. Schwer. Sie drehte ihn ein Stück – nur ein kleines. Das Rauschen kam sofort. Als hätte es gewartet.

Dann die Stimme.

Nicht laut. Nicht klar. Aber da.

„Sie ist bereit“, sagte sie.

Mareike erstarrte.

„Wer?“ flüsterte sie.

„Die, die gehört hat.“

Sie schaltete das Gerät aus. Das Zischen war diesmal lauter, fast wütend. Aber das Wohnzimmer blieb still. Kein Licht, kein Klang. Nur ihr Atem, der zu schnell ging. Sie setzte sich wieder, starrte auf das

Gerät. Es war nur ein Radio. Ein altes, kaputtes Radio. Und doch – sie hatte die Stimme gehört. Nicht eingebildet. Nicht geträumt.

Sie stand auf, ging in Linas Zimmer. Das Kind lag ruhig, die Augen geschlossen, die Hände auf der Decke gefaltet. Mareike setzte sich auf die Bettkante, strich ihr über die Stirn.

„Du hast mit ihnen gesprochen“, sagte sie leise.

Lina öffnete die Augen.

„Sie sind nett.“

„Wer sind sie?“

„Die unter dem Wasser.“

„Was wollen sie?“

Lina lächelte.

„Dass ich komme.“

Mareike schluckte.

„Du bleibst hier. Bei uns.“

Lina nickte.

Aber Mareike wusste, dass das nichts bedeutete.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer, setzte sich wieder. Das Radio war still. Aber sie hörte es trotzdem. Nicht mit den Ohren. Sondern mit etwas anderem. Etwas, das sie vergessen hatte. Oder verdrängt.

Draußen ging Henning durch den Nebel. Die Stirnlampe warf einen schwachen Lichtkegel auf den Boden. Das Messgerät piepte. Die Werte sprangen. Unter ihm bewegte sich etwas. Nicht viel. Aber genug.

Er blieb stehen.

Und der Koog atmete.

Kapitel 4 – Jonas sieht

Jonas lag auf dem Bett, die Kopfhörer über den Ohren, das Display seines Handys flimmerte matt. Er hörte nichts. Nicht wirklich. Musik war nur Tarnung. Er wollte nicht hören, was im Haus geschah. Nicht das Knacken der Dielen. Nicht das Flüstern aus Linas Zimmer. Nicht das leise Summen, das manchmal aus dem Radio kam, obwohl es ausgeschaltet war.

Er hatte es gesehen. Vor zwei Nächten. Lina stand im Flur, mitten in der Nacht, das Radio in der Hand. Es war nicht angeschlossen. Kein Kabel, keine Batterie. Und doch glühte es. Sie sprach nicht. Aber ihre Lippen bewegten sich. Und das Licht im Gerät pulsierte wie ein Herz.

Jonas hatte nichts gesagt. Nicht zu Mareike, nicht zu Henning. Was sollte er sagen? Dass seine kleine Schwester mit einem toten Gerät sprach? Dass sie nachts durch das Haus wanderte, als wäre sie auf der Suche? Dass sie manchmal stehen blieb, die Stirn gegen die Wand gelehnt, und flüsterte: „Hier ist es weich.“

Er stand auf, ging zum Fenster. Der Nebel war dichter geworden. Die Windräder waren verschwunden, die Gräben nur noch Schatten. Der Koog war still. Aber Jonas spürte ihn. Nicht mit den Augen. Nicht mit den Ohren. Sondern mit etwas anderem. Etwas, das unter der Haut saß.

Er ging in den Flur. Das Radio stand wieder da. Auf dem Sideboard.

Glühte nicht. Summte nicht. Aber war da. Präsenter als alles andere.

Er setzte sich davor, starrte es an.

„Was willst du?“ flüsterte er.

Keine Antwort.

Aber das Gerät vibrierte. Ganz leicht.

Jonas legte die Hand darauf.

Warm.

Zu warm.

Er zog sie zurück, ging in Linas Zimmer. Sie schlief. Oder tat so.

„Lina?“

Sie öffnete die Augen.

„Sie sind da.“

„Wer?“

„Die unter dem Wasser.“

„Was wollen sie?“

„Dass du sie siehst.“

Jonas trat zurück.

„Ich will sie nicht sehen.“

Lina lächelte.

„Du tust es schon.“

Kapitel 5 – Trude

Am nächsten Morgen war der Nebel nicht verschwunden. Er hatte sich festgesetzt, lag wie ein grauer Pelz über dem Land, drückte die Geräusche, verzerrte die Farben. Henning fuhr mit dem Rad nach Delve, die Stirn tief in den Kragen gezogen, das Messgerät im Rucksack. Er wollte mit jemandem sprechen, der mehr wusste als die Gemeinde. Jemand, der nicht in Tabellen dachte.

Trude lebte am Rand des Dorfes, in einem Haus, das aussah, als hätte es sich selbst gebaut. Schieferplatten, Holz, ein Garten voller Kräuter und Dinge, die keine Namen trugen. Sie war alt, aber nicht gebrechlich. Ihre Augen waren klar, ihre Stimme rau. Als Henning klingelte, öffnete sie sofort. „Du kommst wegen dem Kind“, sagte sie. Henning nickte. „Und dem Radio.“ Er nickte wieder.

Sie ließ ihn eintreten, führte ihn in die Küche, setzte Tee auf. Der Raum roch nach Salbei, Torf und etwas Metallischem. „Der Koog nimmt, was ihm gehört“, sagte sie.

Henning schwieg. „Ihr habt gebaut, wo nicht gebaut werden sollte.“

„Die Gemeinde hat gesagt—“ „Die Gemeinde weiß nichts. Oder tut so.“

Sie holte eine Karte aus der Schublade. Alt, vergilbt, handgezeichnet. „Hier war Wasser. Moor. Und davor: die Versunkenen.“

„Was ist das?“ „Nicht wer. Was. Die, die nicht gehen konnten. Die, die unter dem Wasser blieben.“ „Und das Radio?“ „Ein Eingang. Ein Echo. Ein Ruf.“

Henning trank den Tee, obwohl er bitter war. „Was wollen sie?“ Trude sah ihn lange an. „Sie wollen gesehen werden. Gehört. Und manchmal: zurück.“

Kapitel 6 – Die Träume

Mareike träumte von Wasser. Nicht von Meer, nicht von Regen – sondern von Wasser, das kam, obwohl es nicht kommen sollte. Es stieg aus dem Boden, sickerte durch die Dielen, floss über die Teppiche, kroch in die Steckdosen. Sie stand mitten im Wohnzimmer, das Radio glühte, und Lina war nicht da. Nur ihre Stimme.

„Du darfst das nicht.“

Sie wachte auf, schweißnass, das Bettlaken verklebt, die Uhr zeigte 3:17 Uhr.

Draußen war es still. Nicht die Stille der Nacht – sondern die Stille, die bleibt, wenn etwas wartet. Sie ging durch den Flur, barfuß, das Holz unter ihren Füßen kalt.

Das Radio stand auf dem Sideboard. Ausgeschaltet. Aber es summte. Nicht laut. Aber da.

Sie ging in Linas Zimmer. Leer. Das Bett war gemacht, die Decke glatt, das Kissen unberührt.

Mareike rief. Keine Antwort. Sie rief lauter. Henning kam aus dem Schlafzimmer, die Stirn gerunzelt, die Stimme rau. „Was ist los?“

„Lina ist weg.“

Sie suchten. Zimmer für Zimmer. Keller. Dachboden. Garten. Nichts.

Dann hörten sie es. Ein Klopfen. Nicht an der Tür. Nicht am Fenster. Sondern unter dem Boden.

Henning holte das Messgerät. Die Werte sprangen. Etwas bewegte sich. Nicht viel. Aber genug.

Sie standen im Wohnzimmer, das Radio zwischen ihnen.

Es glühte. Nicht rot. Sondern blau. Wie Wasser.

Dann sprach es. Nicht laut. Nicht klar. Aber da.

„Sie ist da, wo ihr nicht seid.“

Kapitel 7 – Der Spiegel

Jonas saß auf dem Rand der Badewanne, die Tür halb offen, das Licht gedämpft. Er hatte das Radio gehört. Nicht direkt – aber durch die Wände. Es war wieder angegangen. Ohne Strom. Ohne Berührung. Es sprach. Nicht laut. Nicht klar. Aber da.

Er stand auf, ging in den Flur. Das Haus war still. Mareike schlief, Henning war noch nicht zurück. Der Koog hatte ihn behalten, für eine Weile. Jonas trat vor den Spiegel im Flur. Groß, alt, mit einem Rahmen aus dunklem Holz. Er sah sich. Aber nicht nur sich.

Hinter ihm stand Lina.

Sie war blass, die Augen weit offen, die Lippen bewegten sich. Aber sie sprach nicht. Jonas drehte sich um. Niemand da. Er sah wieder in den Spiegel. Lina war noch da. Aber jetzt war sie nicht allein.

Etwas stand neben ihr.

Groß.

Dunkel.

Nicht Mensch.

Nicht Tier.

Etwas, das aus Wasser gemacht war.

Oder aus dem, was unter Wasser lebt.

Jonas trat zurück. Der Spiegel vibrierte. Ganz leicht.

Er wollte schreien.

Aber der Ton blieb ihm im Hals stecken.

Lina sah ihn an.

Im Spiegel.

Nicht im Raum.

Dann sprach sie.

Nicht mit dem Mund.

Sondern mit dem Spiegel.

„Du darfst das nicht.“

Kapitel 8 – Der Rückkehrer

Henning kam erst nach Mitternacht zurück.

Das Fahrrad stand schief im Carport, der Lenker verdreht, das Rücklicht noch an.

Mareike hörte die Tür, hörte seine Schritte – aber sie klangen anders.

Langsamer.

Schwerer.

Als würde er nicht allein gehen.

Er trat ins Wohnzimmer, blieb im Türrahmen stehen.

Sein Gesicht war blass, die Augen tiefer als sonst, als hätte der Nebel ihn ausgehöhlt.

„Warst du bei Trude?“ fragte Mareike.

Er nickte.

„Und?“

„Sie sagt, der Koog nimmt, was ihm gehört.“

Mareike wollte etwas sagen, aber Henning ging an ihr vorbei, ohne sie anzusehen.

Er roch nach Erde.

Nicht nach draußen – sondern nach unten.

Nach nassem Holz, nach altem Wasser, nach Dingen, die nicht mehr leben, aber auch nicht tot sind.

Er ging ins Bad, schloss die Tür.

Mareike blieb stehen, das Herz zu schnell, die Gedanken zu laut.

Dann hörte sie es.

Ein Tropfen.

Dann noch einer.

Dann viele.

Sie öffnete die Tür.

Das Licht flackerte.

Henning stand vor dem Spiegel, das Wasser lief aus dem Hahn, aber er rührte sich nicht.

Sein Blick war leer.

Seine Lippen bewegten sich.

Aber er sprach nicht.

Im Spiegel war er nicht allein.

Etwas stand hinter ihm.

Groß.

Dunkel.

Nicht Mensch.

Nicht Tier.

Etwas, das aus Wasser gemacht war.