Der Krabbenfischer - Benjamin Wood - E-Book + Hörbuch

Der Krabbenfischer Hörbuch

Benjamin Wood

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Beschreibung

Longferry, England, Sechzigerjahre. Thomas Flett ist Anfang zwanzig und lebt mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Die Schule hat er abgebrochen, er verdingt sich als Krabbenfischer: ein Handwerk, das ihn sein Großvater gelehrt hat. Niemand kennt das Meer und seine Gezeiten so gut wie Thomas. Früh am Morgen bei Niedrigwasser fährt er mit Pferd und Kutsche los, um sich den Unterhalt für den Tag zu verdienen, ein Leben von der Hand in den Mund. Heimlich lernt er Gitarre spielen und träumt von Joan, der Schwester seines besten Freundes. Aber für Träume ist kein Platz in Longferry. Als der amerikanische Regisseur Edgar Acheson in der Stadt eintrifft, wird Thomas’ vermeintlich einfaches Leben erschüttert. Er bekommt eine Ahnung von der großen, weiten Welt, davon, was da draußen auf ihn warten könnte, und schließt Freundschaft mit dem Mann, der in jeder Hinsicht anders ist als er. Ein Funke in ihm ist entzündet – aber nichts ist so, wie es scheint. Nur eines ist sicher: Am nächsten Morgen bei Niedrigwasser wird Thomas wieder dem Ruf des Meeres folgen. Für »Der Krabbenfischer« wurde Benjamin Wood mit dem Nero Book Awards 2025 und Platz 11 des SPIEGEL Buchpreis 2025 ausgezeichnet und stand auf der Longlist des renommierten Booker Prize 2025.

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Zeit:6 Std. 9 min

Veröffentlichungsjahr: 2025

Sprecher:Raschid Daniel Sidgi

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Longferry, England, Sechzigerjahre. Thomas Flett ist Anfang zwanzig und lebt mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Die Schule hat er abgebrochen, er verdingt sich als Krabbenfischer: ein Handwerk, das ihn sein Großvater gelehrt hat. Niemand kennt das Meer und seine Gezeiten so gut wie Thomas. Früh am Morgen bei Niedrigwasser fährt er mit Pferd und Kutsche los, um sich den Unterhalt für den Tag zu verdienen, ein Leben von der Hand in den Mund. Heimlich lernt er Gitarre spielen und träumt von Joan, der Schwester seines besten Freundes. Aber für Träume ist kein Platz in Longferry.

Als der amerikanische Regisseur Edgar Acheson in der Stadt eintrifft, wird Thomas’ vermeintlich einfaches Leben erschüttert. Er bekommt eine Ahnung von der großen, weiten Welt, davon, was da draußen auf ihn warten könnte, und schließt Freundschaft mit dem Mann, der in jeder Hinsicht anders ist als er. Ein Funke in ihm ist entzündet – aber nichts ist so, wie es scheint. Nur eines ist sicher: Am nächsten Morgen bei Niedrigwasser wird Thomas wieder dem Ruf des Meeres folgen.

© Marc Sethi

Benjamin Wood, geboren 1981, lebt in Surrey und unterrichtet am King’s College in London Kreatives Schreiben. Seine Werke waren u. a. für den Costa First Novel Award und den European Union Prize for Literature nominiert. ›Der Krabbenfischer‹ ist sein fünfter Roman und der erste, der auf Deutsch erscheint.

Werner Löcher-Lawrence, geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Zu den von ihm übersetzten Autor*innen zählen u. a. John Boyne, Hisham Matar, Hilary Mantel und Benjamin Myers.

Benjamin Wood

DER KRABBENFISCHER

Roman

Aus dem Englischenvon Werner Löcher-Lawrence

 

Die englische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel ›Seascraper‹ bei Viking, Penguin Random House UK, London.

Copyright © Benjamin Wood 2025

E-Book 2025

© 2025 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln, nach dem Cover der Originalausgabe von Chris Bentham, Penguin Random House UK

Illustration: Jonathan Pelham nach der Vorlage von Horst Gerlach/Getty Image

Satz: Fagott, Ffm

E-Book Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN E-Book 978-3-7558-1125-1

www.dumont-buchverlag.de

 

Für Isaac und Oren,

wieder und für immer.

 

»Bis hinter das wechselnde, kalte Zwielicht,

weiter als Lachen reicht, bis hinter Tränen und Träume.

Da werden keine Häfen, keine dämmernden Inseln sein!

Nur düstere, dunkelnde Öde, und schließlich, die letzte

Flamme über der Tiefe.«

Rupert Brooke

ERSTES NIEDRIGWASSER

Thomas Flett lebt von der Ebbe, aber er weiß, nicht mehr lang. Bald schon wird auf dem Strand kaum mehr ein Bissen aufzusammeln sein, den man nicht anderswo schneller für den halben Preis kriegen könnte. Die Nachfrage nach dem, was er da fängt, lässt nach, und wer kann schon sagen, ob das Meer überhaupt weiter Krabben liefert, die sich zu essen lohnen. Da ist mittlerweile alles Mögliche im Wasser, was früher nicht drin war. Seltsame Chemikalien, Pestizide, Abwasser. Es ist gerade mal ein paar Wochen her, da war der Sand von Ost bis West mit einem faulig fetten Film überzogen. Im Monat davor ist er auf dem Weg ins Seichte durch Schaumreste gewatet, die nach saurer Milch stanken. Geht alles vorbei, wenn man ihn fragt, aber es verheißt nichts Gutes – er schläft in letzter Zeit nicht besonders. In seinen Träumen sieht er Halden verrotteter Krabben, und er steht mittendrin und versucht sich einen Weg freizuschaufeln.

Es ist so um die fünf Uhr. Als er aufsteht, tun ihm die Knochen weh. Der Himmel linst halbdunkel durch die Lücke im Vorhang. Die Meeresklamotten, aus denen er sich gestern nach dem Nachhausekommen rausgeschält hat, hängen zum Auslüften über dem Stuhl am Fenster, sein Wollpullover, ölig und räudig vom ständigen Abwischen der Hände, die Hose an den Knien geflickt, das Hemd unter den Achseln essigsauer. Aber was soll’s. Wer schnuppert schon an ihm herum außer seiner Mutter und dem Pferd?

Er trägt frische lange Unterhosen und frische weiße Unterhemden, um den Gestank auszugleichen. Seine Ma faltet sie so klein und ordentlich in seiner Schublade zusammen, dass er sie in Umschläge stecken und ihr zurückschicken könnte. Es ist Donnerstag, also gibt es ein heißes Bad, wenn er am Nachmittag nach Hause kommt. Und hinterher werden ein, zwei Schlückchen Brandy nötig sein, um das Brennen in seinen Knochen zu betäuben, das von den Anstrengungen kommt. Dann sollte ein Schläfchen folgen, wenigstens bis zum Abendessen.

Jetzt putzt er sich erst mal die Zähne und spritzt sich Wasser ins Gesicht. Seine Augen sind geschwollen, wie in Gelee eingelegt. Drei Tage ohne Rasieren haben ihm einen kratzigen Bart beschert – er wird sich später rasieren, wenn er sich wach genug fühlt, den Rasierer gerade zu halten. Seine eingewachsenen Nägel tun heute Morgen doppelt weh, und seine Knie knacken beim Gehen, er braucht nach dem Aufstehen eine halbe Stunde, bis sein Körper richtig funktioniert. Er ist gerade mal zwanzig, schlurft auf seinen Socken aber schwerfällig wie ein Pflegeheiminsasse den Flur hinunter. Die Glühbirne in der Küche schwächelt mal wieder, was ein leichter Schlag auf den Schirm behebt. Er füllt den Wasserkessel, setzt den Herd in Gang, spült seine Flasche aus und löffelt reichlich Kaffeepulver hinein, dazu drei Stück Zucker.

Seine Ma schnarcht in ihrem Zimmer hinten am Flur. Sie klingt wie ein Schwein, das Futter aus seinem Trog schlürft, und entweder wird sie jeden Morgen lauter, oder er erträgt ihr Schnarchen einfach immer weniger. Jedes sabbernde Luftholen zerrt an seinen Nerven. Er kocht ihr eine gute, starke Tasse Tee, quetscht den Beutel im Wasser aus, bis das Ganze die Farbe von Bratensoße hat, trägt die Tasse in die Düsternis und stellt sie ihr auf den Nachttisch. Sie rührt sich nicht, als er die Lampe anmacht, er muss sie an der Schulter anstoßen. Das schlabbrige Fleisch wabbelt unter seiner Fingerspitze, was ihm bewusst macht, wie lange er schon keine Frau mehr angefasst hat. Ein grässlicher Schauder erfasst ihn bei dem Gedanken – seine Jugend neigt sich dem Ende zu, und die paar Mädchen, die er je geküsst hat, würden problemlos an einen Bridge-Tisch passen.

Die verkrusteten Augen seiner Ma brechen langsam auf, und sie schiebt sich am Kopfteil des Bettes hoch. Kein Wort des Dankes, sie nickt den Fortgang des vertrauten Ablaufs nur ab. Ihre Locken sind auf einer Seite ganz platt gelegen. Sie sieht so müde aus, wie er sich fühlt. Ihre Zahnprothese schwimmt in einem Glas auf der Fensterbank und lässt ihn an den Extrazucker in seinem Kaffee und all die Buttertoffees aus dem Laden an der Ecke denken, die er über die Jahre heimlich in sich hineingestopft hat. Er geht in die Küche seine Flasche füllen und weiß, seine Ma wird gleich im Bademantel dastehen und seinen Speck fürs Frühstück braten.

Das Pferd muss gefüttert und aufgezäumt werden. Er steigt an der Hintertür in seine Stiefel und dreht sich unter dem verrosteten, von seinem Großvater gebauten Wellblechvordach eine Fluppe. Das Dach hängt an ein paar losen Schrauben, wenn es noch einmal stärker regnet, ist es unten. Er hat es noch nicht repariert, weil solche Sachen in Ordnung zu bringen Fähigkeiten verlangt, die er nicht hat. Seine Talente gehen in eine andere Richtung – aber wäre sein Grandpa noch am Leben, er würde es Zeitverschwendung nennen, wenn er ihn singen hörte, und wenn seine Ma wüsste, dass er seine Taschenuhr gegen Harry Wyeths Gitarre getauscht hat, würde sie mit dieser Gitarre hinten im Garten ein Feuer machen.

Die erste Zigarette des Tages ist immer ein Genuss, besonders am frühen Morgen, er weiß gar nicht, warum. Das Wetter wird umschlagen, er spürt es in der Luft, spürt die Feuchtigkeit auf seinem Gesicht, die tief hängenden Wolken unter dem erwachenden Himmel. Sieht nach einem durchschnittlichen Tag zum Krabbenfischen aus, aber das hat er schon oft gedacht und ist dann mit leeren Körben zurückgekommen. Wenn er sich reckt, kann er die Schornsteine von Longferry in knapp zwei Kilometern Entfernung ausmachen, dazu eine Reihe Fenster in oberen Etagen, die noch dunkel sind. Wovon träumen die Leute so spät am Morgen? Sicher nicht von verrotteten Krabben. Wohin gehen sie alle, während er sich draußen am Strand abplagt?

Sein Zugpferd, ein gutmütiger Wallach, dem er aus Aberglauben keinen Namen geben will, erwartet ihn. Sein großer Kopf ragt aus der Stalltür, das Tier schaut, wann er mit den Eimern kommt. Stall ist übertrieben, es ist eher ein aus Blech und Hohlblocksteinen zusammengeschusterter Schuppen, den sein Grandpa mal gebaut hat, gerade groß genug, um ein Tier samt Zeug unterzubringen, ein potthässlicher Verschlag an der Ostseite ihres Cottages. Der Garten hinten mit seinem Maschendrahtzaun hält als Koppel her. Fette Dunghaufen bedecken sie wie Maulwurfshügel. Es ist seine Aufgabe, sie einzusammeln und auf dem Rosenbeet seiner Ma zu verteilen, doch das hat Zeit. Erst mal füllt er einen Eimer mit Futter für das Pferd, einen mit Wasser. Beide trägt er über den Trampelpfad im Gras in den Stall, sagt: »Morgen, mein Junge«, und klopft dem Vieh auf den Hals. Während es frisst und säuft, geht er wieder raus, raucht seine Zigarette zu Ende, bereitet das Geschirr vor und hievt das schwere Kummet von seinem Haken. Es überrascht ihn immer wieder, wie schnell das Pferd seine Bedürfnisse stillt und die Eimer leert. Ein großes Tier wie seins braucht grob gesagt zwanzig Liter Wasser pro Tag, was in einer Woche jede Menge Runden vom Stall zum Wasserhahn draußen und wieder zurück bedeutet. Er striegelt dem Pferd das Fell, um es von den letzten Resten Schmutz und Sand zu befreien, und zäumt es dann auf, was ihm längst so in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass er es auch mit verschwommenem Blick und müden Fingern hinbekommt. Das Pferd ist sanftmütig und akzeptiert das Kummet ohne Klage. Es wird auch brav und geduldig warten, bis er den Karren überprüft und sein Frühstück bekommen hat.

In der Küche hängt ein fettiger Specknebel. Seine Ma steht am Herd, barfuß in ihrem Bademantel, der mit jeder Wäsche weiter einzulaufen scheint. Er reicht ihr gerade noch bis zu den Kniekehlen, und richtig zubinden lässt er sich auch nicht mehr. Sie sind größenmäßig nur einen guten Zentimeter auseinander und altersmäßig knapp sechzehn Jahre. Sie bewegt sich wie ein Krebs zwischen dem Herd und der Arbeitsfläche hin und her. Dort liegt ein Schneidebrett, darauf zwei dünn mit Margarine bestrichene Scheiben Brot. Das Radio ist an, aber so leise, dass sich unmöglich sagen lässt, was da gerade läuft. Sie hört, wie seine Stiefel auf dem Boden schmatzen, und sagt: »Was bist du so spät heute?«

»Dachte nicht, dass ich das wäre«, antwortet er und setzt sich an den Tisch, wo sie nicht wirklich für ihn gedeckt, sondern nur die Zeitungen der letzten Tage zur Seite geschoben und so eine Schneise geschaffen hat.

»Ich würde sagen, du bist eine halbe Stunde zu spät.«

»Ich richte mich nach den Karten: Fünf zweiundvierzig, Niedrigwasser. Was haben wir jetzt?« Er sieht auf die Wanduhr. »Scheiße.«

»Sag ich doch«, sagt seine Ma. Es ist fast halb.

»Dann mal nichts wie runter mit dem Frühstück.«

Sie gibt ihm einen vollgepackten Teller. Der Speck ist zu heiß, also taucht er erst einmal ein Stück Brot in den weichen Dotter seines Spiegeleis. »Okay«, sagt seine Ma. »Aber schling nicht so.«

Doch das tut er. Er stopft alles so schnell in sich rein, wie sein Mund es weiterbefördern kann. Seine Ma lehnt am Spülbecken, steckt sich eine Fluppe an und betrachtet ihn unter gesenkten Lidern. Fast so, als sähe sie die Nachbarskatze einem Vogel nachstellen und könnte sich nicht dazu durchringen dazwischenzugehen. Er sitzt da, isst und erträgt ihre Aufmerksamkeit. Es gibt Männer in der Stadt, die vor Glück sterben würden, hätte Lillian Flett einen Blick für sie übrig, wobei er nie verstehen wird, was das Theater soll. Sie mag ja ordentlich zugelegt haben, deine Ma, aber sie ist immer noch eine sehr schöne Frau, sagen die Kerle, wenn sie auf einen Drink vorbeikommen. Es ist ein Kompliment, das ihn mit jedem Mal schlimmer schmerzt. »Ich muss in die Stadt, bevor du zurückkommst, ich treffe da wen«, sagt sie. »Und ich denke, wenn ich ein bisschen was von unseren Schulden bei Pattison’s begleiche, kann ich ein paar Sachen anschreiben lassen. Magst du lieber Hack oder Koteletts?«

»Ist mir gleich. Solange du noch was für den Stromzähler hast. Ich esse nicht wieder bei Kerzenschein.«

»Da bleibt noch reichlich übrig.«

»Okay. Dann Koteletts.«

»Gut. Damit ist das Abendessen geklärt.«

Als sie sich abwendet, um in den Abfluss zu aschen, hebt sie einen Fuß an, und er kann ihren schmuddeligen Fußballen sehen. Die Hornhaut vorn an ihrem großen Zeh. Ihre Fußgelenke sind so geschwollen, dass ihre Waden wie von einer glänzenden Wurstpelle überzogen wirken. Früher ist ihm so was nicht aufgefallen, aber mittlerweile ist das Haus geschrumpft, zu klein, um ihnen ausreichend Privatsphäre zu gewähren – und seine Ma bewegt sich immer noch herum, als wäre er der unschuldige Junge, dem es nichts ausmacht zu sehen, was immer sie von sich unbedeckt lässt. Wobei die traurige Wahrheit ist, dass er nicht wegschauen kann, so wie er bei einem brennenden Haus oder zwei Betrunkenen, die sich auf einem Parkplatz prügeln, nicht wegschauen könnte. »Danke fürs Frühstück«, sagt er. »Ich gehe jetzt besser und spanne den Wagen an.« Er hat noch nicht ganz fertig gekaut, steht aber bereits auf und stellt seinen Teller in die Spüle, um ihn abzuwaschen.

»Lass mal. Ich mach das«, sagt sie.

»Danke, Ma. Bis später.«

»Es ist Donnerstag, ich bin nachher weg. Lass dich auf dem Rückweg trotzdem nicht aufhalten.«

»Stimmt.« Wie könnte er das vergessen. Heute ist ihr Rommé-Abend, sie spielt Karten im Gemeindesaal mit den Ladys, die sie stur, wie sie ist, nicht Freundinnen nennen will, und sie wird erst nach elf wieder da sein. So lange gehört das Haus ihm, endlich mal wieder. Er wird seine Gitarre aus dem Versteck im Stall holen, wo sie eingewickelt in eine verlotterte Satteldecke liegt. Er wird sich mit ihr ans Feuer setzen und an den Melodien arbeiten, die er sich beigebracht hat. Anschließend kann er noch rüber zum Folk-Abend im Fisher’s Rest, seine sechs Pence zahlen und demjenigen zuhören, der gerade singt. Vielleicht setzt er sich auch auf die Liste, wenn er denn den Mut dazu findet. »Ich komme direkt her, wenn ich beim Händler war. Mit ein paar Pfund in der Tasche, wenn alles gut geht«, sagt er zu ihr.

»Aye, so Gott will.«

»Bis dann.«

»Bis dann, mein Junge.«

Er nimmt seine Flasche und gibt ihr auf dem Weg nach draußen einen Kuss auf die Wange. Hinten dann zieht er sein Ölzeug an. Bald schon wird Regenhutwetter sein, aber jetzt stopft er das Ding erst mal in die Tasche und entscheidet sich stattdessen für Pops alte Kappe, seinen Glücksbringer. Er nimmt auch die dicke Plane mit. Sie ist zu einem kleinen Bündel geschnürt, ordentlich und trocken, so bewahrt er sie auf, so hat er es gelernt. Das Pferd draußen scheint ganz zufrieden in seinem Unterschlupf, hat aber keine Wahl – das Tier und er gleichen sich mehr, als es den Anschein hat.

Er nimmt es beim Zügel und führt es den Weg hinauf zum Karren. Darin stapeln sich ein halbes Dutzend leerer Körbe, die er nur zu gerne füllen würde. Die beiden Netze sind so zusammengelegt, dass er keine Schwierigkeiten haben wird, sie später auszubringen. Seine Plane hat noch Platz. Das Pferd steht brav und ruhig da, während er dafür sorgt, dass die beiden Stangen der Schere richtig in ihren Schlaufen stecken und das Tier ordentlich angespannt ist. Er setzt sich auf den Bock, ein Stück weit hinter dem Pferd, und greift nach den Zügeln. »Los geht’s, mein Junge.« Er schnalzt mit der Zunge, und sie rollen durchs Tor aus dem Hof.

Um diese Stunde dauert es nicht lange bis zum Strand. Fünfzehn Minuten über den unbefestigten Weg hinter dem Cottage, der einen Bogen nimmt, bis er auf die Marshbank Road führt, wo die Pferdehufe plötzlich laut über den Teer klackern und das Gummi der Reifen leise rauscht. Hier stehen die Häuser nicht mehr vereinzelt da, sondern bündeln sich auf beiden Seiten zu Gruppen, an deren Rändern Läden ihre Waren in Schaufenstern präsentieren und ihn dazu verleiten, sich nach Dingen zu sehnen, die er sich nicht leisten kann: gute Lederstiefel, einen richtigen Rasierpinsel, einen schönen wollenen Anzug, dicke Bücher mit glänzenden Umschlägen, neue LPs.

Zu Zeiten seines Großvaters fuhren die Krabbenfischer noch in Prozessionen hinaus, mit zwölf Karren die Promenade herunter, und ihre Pferde machten so einen Lärm, dass sie selbst zu hören waren, wenn die Kirchglocken läuteten. All die Männer haben sich zur Ruhe gesetzt oder sind weggezogen, und einige liegen auch auf dem Friedhof von St. Columba. Er ist der einzige verbliebene Krabbenfischer der Stadt, der an den alten Praktiken festhält. Weiter unten an der Küste bei Broughton ließe sich mehr Geld verdienen. Dort fischen sie mit Motorschleppern, die ihre Drei-Meter-Netze auch durchs tiefere Wasser ziehen. Niemals würde er sich das mit seinem Pferd trauen. Vier-, fünfmal so viel wie er fangen sie da. In Broughton gibt es auch nicht so viele gefährliche Senklöcher, und der Strand ist von Dünen geschützt. Die Schlepper haben maßgefertigte Kessel an Bord, sodass sie die Krabben noch vor Ort kochen können, um die Lebensmittelvorschriften zu umgehen. Seine Ma, die große Pläneschmiedin, findet, er soll bei der Bank ein Darlehen aufnehmen, sein Unternehmen aufrüsten, auf dem Schrottplatz ein Transporterfahrgestell und einen Motor kaufen und mithilfe von einem Mechaniker ein Führerhaus und einen Kessel draufbauen. Aber ihm fehlt die Motivation. Er baut keine Imperien. Er ist Pops Methoden gewohnt und wird sie nicht so einfach aufgeben. Die hässlichen Schlepper rosten schnell, und wenn man ihn fragt, sind sie reine Geldverschwendung, kein anständiges Schiff, kein anständiges Fahrzeug, nichts als ein Außenklo auf Rollschuhen mit einem großen keuchenden Motor. Nein, da gibt er die Sache lieber ganz auf, als sich auf so ein Ding einzulassen.

Früh am Morgen ist nie viel Verkehr auf der Promenade. Der Sand weht an den Gullys der Straße entlang. Im Sommer ist Longferry eine Stadt, in die manche Leute gezielt kommen. Tagesausflügler stolzieren Arm in Arm am Meer entlang, und ab Juli parken ständig ganze Buskolonnen in den Haltebuchten und spucken Horden von Sandalen tragenden Rentnern und aufgedrehten Kindern aus, denen Eiscreme von den Händen tropft. Da ist die Fangsaison schon vorbei, die Krabben pflanzen sich fort, und der Strand wird zum Spielplatz, ob er will oder nicht. Anfang März ist Longferry jedoch genauso trostlos wie jeder andere Ort auch, und die Leute kommen höchstens hier vorbei, während sie auf dem Weg zu etwas Ansprechenderem sind. Sie halten vielleicht kurz am Strand, um ihre Hunde etwas herumlaufen zu lassen.

Er steuert seinen Karren die Rampe hinunter und fährt diagonal über den Strand. Im Norden ragen die langen Stelzen des Piers mit seinen strahlenden Lichtern empor, südlich liegt Broughton zwischen grasbewachsenen Dünen, die in Marschland übergehen. Wenn er seine Uhr nicht eingetauscht hätte, könnte er jetzt nachsehen, wie lange es noch dauert, bis das Wasser wieder steigt, aber wenn man sich so gut auskennt wie er, hat man so was ohnehin im Gefühl.

Im Moment ist das Meer nur ein schwacher grauer Bach, drei, vier Kilometer weit draußen. Er fährt über den gerippten Sand, der butterweich unter den Rädern nachgibt. Beißend kalter Wind und Sprühregen stechen ihm ins Gesicht. Abgesehen von seinem Pferd ist niemand da, mit dem er reden könnte, und es antwortet nicht, würde aber auch nichts Vernünftiges beizutragen haben, wenn es reden könnte. Mächtige Dampfwirbel steigen von seinen Flanken auf, während es vorantrottet, und das Klirren des Geschirrs bildet die Begleitmusik. Er hält den Blick auf die Schultern des Tiers gerichtet und achtet auch noch auf die kleinste Veränderung seines Verhaltens oder Gangs. Der Boden hier ist keineswegs sicher, und es kann jederzeit sein, dass es falsch auftritt und wegsackt. Ein Zugpferd kann siebzehn, achtzehn Handbreit messen und trotzdem in den Kanälen von Longferry Probleme bekommen. Überall auf dem Strand gibt es Senklöcher, wenn man nur weit genug hinausfährt. Sie können ein Pferd bei den Fesseln nach unten ziehen, bis es sich nicht mehr bewegen kann, und wenn dann keiner da ist, der es mit einem wieder herauszieht, muss man das Geschirr durchschneiden und es ertrinken lassen. Seinem Grandpa ist das in sechzig Jahren Krabbenfischen ein halbes Dutzend Mal passiert. Wenn man mit solchen Geschichten aufgewachsen ist, entwickelt man keine Gefühle gegenüber einem Pferd.

Selbst beim besten Wetter ist es eine wahnsinnige Schufterei. Er weiß, dass er jetzt ein paar Stunden da draußen sein wird, mit dem Geschrei der Möwen in den Ohren, die von oben auf ihn scheißen, und er wird genau das Gleiche machen wie schon an zahllosen Tagen zuvor. Das Ganze langweilt ihn mehr, als es ihn erschöpft. Hin und wieder lässt er seinen Gedanken freien Lauf, pfeift eine Melodie oder erfindet neue Strophen für »The Jolly Waggoners«, aber wenn er nicht aufpasst, passieren Fehler, zum Beispiel könnte ihm ein guter Fang aus dem Netz entwischen, wenn er die Kopfleinen nicht richtig festmacht. Genau so etwas kostet Zeit und Geld, und seine Ma wird ihn ausschimpfen, wenn er ohne was für die Kasse zurückkommt, und sie wird sich auch später nicht scheuen, ihn immer wieder daran zu erinnern, wie sehr er sie enttäuscht hat. Wenn er sich da draußen nicht konzentriert, liefert er sich dem Unerwartbaren aus. Erfahrung ist alles, worauf er sich verlassen kann.

Mittlerweile ist er gut anderthalb Kilometer weit draußen und kann sie vor sich sehen, die weiße Lippe des Meeres, noch mal etwa anderthalb Kilometer weiter. Ihr Anblick ist ihm vertrauter als der Nebelhauch seines eigenen Atems in der Luft. Früher hat ihm das alles nichts ausgemacht, die Kälte, die Einsamkeit, die Schufterei, aber das war lange, bevor er irgendwelche Sehnsüchte entwickelt hat, die über das hinausgehen, was er zu wollen hat. Früher hat er gedacht, es wäre genug, die Körbe morgens mit Krabben zu füllen und nachmittags das Geld dafür einzukassieren. Arbeiten heißt überleben – so hat’s ihm sein Pop erklärt, und was braucht ein Mann sonst? Vielleicht eine Frau, wenn man denn eine findet, die einen will. Ein Dach über dem Kopf. Große, volle Vorratsschränke, um seine Liebsten zu ernähren. Hin und wieder einen guten Tropfen Brandy und einen Abend im Pub. Was könnte er sich mehr wünschen? In diesen letzten Jahren hat er allerdings kapiert, dass er sich mit zu wenig zufriedengibt. Das, womit er sich beschäftigt, wenn er nicht am Strand ist, lässt ihn sich wirklich lebendig fühlen. Wenn er Songs auf seiner Gitarre übt und neu arrangiert, läuft er zu Höchstform auf. Würde er in die Liga der großen Schlepper-Krabbenfischer wechseln, säße er fest. Kein Schwein würde ihn je ansehen und denken: Mein Gott, der Junge ist so ein guter Krabbenfischer, dass es mir den Atem nimmt. Da ist er ganz sicher. Also muss er all seinen Mut zusammennehmen. Bald schon wird er auf die kleine hölzerne Bühne im Fisher’s Rest steigen, und die Leute werden ihr Bier wegstellen und ihm zuhören, wenn er singt, da ist er sicher. Vielleicht klatschen und applaudieren sie sogar und sagen hinterher: Wir haben ja nicht gewusst, was in dir steckt, Junge.

Der Hintern des Pferdes schwankt vor ihm hin und her. Er steckt sich eine Selbstgedrehte an und raucht sie herunter, während sie die nächsten anderthalb Kilometer hinter sich bringen. Als sie das Wasser erreichen, fühlen sich seine Fingerspitzen ganz kribblig an. Er ruft: »Whoah!«, und spannt die Zügel. »Warte, Junge. Wir bringen die Netze aus und sehen, dass wir’s schnell packen.« Er steigt hinunter auf den glänzenden Sandstrand, und unter seinen Sohlen schmatzt es. Das Meer hat den Sand gekräuselt, der hier draußen völlig unberührt ist. Die einzigen Fußabdrücke sind seine. Er schiebt den Ausleger hinter dem Hintern des Pferdes quer über das Gespann – es ist einfach nur ein Holzbalken, der die Netze seitlich hält – und lässt ihn einrasten. Er hängt die Netze ein, breitet sie auf dem Strand aus und überprüft, ob die Kopfleinen fest gesichert sind. Bevor er wieder aufsitzt, belohnt er das Pferd mit einer Möhre für seine Anstrengungen und streicht ihm über die Nüstern. »Los, friss schon, wir haben zu tun. Du kriegst noch eine, wenn wir fertig sind.«

Er steigt zurück auf den Bock und schnalzt mit der Zunge, bis das Pferd knietief durchs Meer watet. Vermutlich haben sie etwa zwei Stunden, bis das Wasser wieder steigt. Vielleicht, im besten Fall, kann er dem Pferd vier Runden abverlangen, viermal durchs seichte Wasser, jeweils etwa dreißig Minuten lang. Nach jeder Runde lässt er das Tier sich auf dem Trockenen ausruhen, während er den Fang sortiert. Es sind immer Kohleklumpen und Tangnester mit im Netz, die er rausholen und wegwerfen muss. Dazu jede Menge winzige Krabben, Quallen und Babyschollen, die niemandem etwas bringen. Manchmal sind auch Petermännchen dabei, die einen sogar noch durch die Handschuhe erwischen: Die Viecher hasst er mehr als alles andere. Die schönen braunen Krabben sind es, nach denen er sucht. Die ausgewachsenen, nicht die jungen, die siebt er aus und wirft sie gleich zurück. Alle guten Krabben, die ihm ins Netz gehen, wird er beim Händler zum Tageskurs verkaufen.

Die erste Runde verläuft ohne besondere Vorkommnisse, erbringt aber auch nicht viel, gerade mal knapp einen halben Korb voll, der Rest ist Schutt und Unerwünschtes. Während der zweiten Runde wird der Regen dichter und klatscht dem Pferd auf den Rücken. Er schüttet sich etwas Kaffee in den Becher seiner Thermosflasche und schlürft ihn weg. Seine Finger sind bereits taub vor Kälte, trotz der Handschuhe, und als er die Netze erneut ausbringt, ist es ein Kampf, die Leinen richtig festzumachen. Das Pferd friert nicht so schnell, doch jetzt steht es mit eingeklemmtem Schweif da, was ihm Sorgen bereitet. Pop hat die Pferde immer um die Nieren herum abgetastet, wenn er dachte, es könnte ihnen zu kalt werden. Er streicht dem Tier über den Rücken, und es strahlt so eine Wärme aus, dass er die Hand gar nicht wieder wegnehmen will. Er gibt ihm noch ein Stück Möhre und streicht ihm erneut über die Nüstern, um es aufzumuntern.

Das Ergebnis der zweiten Runde ist erbärmlich. Er fürchtet, dass es ein weiterer von diesen fürchterlichen Tagen wird, an denen der Fang morgens so schlecht ist, dass Ma ihn am späten Nachmittag noch mal losschickt. Zweimal Niedrigwasser am Tag bedeutet schließlich, dass sich zweimal was verdienen lässt. Es wäre nicht der erste Abend seines Lebens, an dem er bei Laternenlicht wieder hinausmüsste, selbst wenn Nebel sich aus dem Nichts heranschleicht oder mit erbsengroßen Hagelkörnern in Böen heranpeitscht. Er hat schon eine Menge Sauwetter ertragen, um es seiner Ma recht zu machen. Sie führt Buch darüber, was sie den Leuten in der Stadt schuldet, welche Rechnungen am Ende des Monats noch offen sind, und irgendwie weiß sie sein Geld stets so zu verteilen, dass ihre Schulden nie ganz getilgt werden, aber auch kein Gerichtsvollzieher an die Tür klopft. Eines Tages, wenn es keine Krabben mehr gibt, wird sie über ihren Schatten springen und zur staatlichen Fürsorge gehen müssen. Im kommenden Sommer werden sie die Grenze zur Verzweiflung wohl überschreiten.

Bei der dritten Runde fängt es plötzlich an zu schütten, und er muss seinen Regenhut aufsetzen. Pops Stoffkappe ist durchnässt. Bis auf den lauwarmen Rest Kaffee in seiner Thermosflasche hat er nichts mehr zu trinken. Er reckt den Arm nach hinten, holt die Plane und breitet sie aus, um die Ausrüstung im Karren zu schützen. Das Pferd ist noch nicht so durch den Wind, dass es die Arbeit aufgeben will. »Wir haben schon Schlimmeres erlebt, oder, mein Junge?«, ruft er, als könnte das Tier sich erinnern. Einer von Pops Sprüchen. Sie machen weiter. Kleine Wellen schlagen gegen die Räder des Karrens und spritzen hoch in sein Gesicht. Der Regen verleiht dem Meer ein Honigwabenmuster. Er versucht, das Beste aus der Situation zu machen, sieht aber, dass das Pferd unwillig wird. Bald schon schnaubt es nervös und weigert sich dann, einen weiteren Schritt zu tun. Er wirft die Zügel auf und schnalzt mit der Zunge, aber nichts geschieht. »Geh weiter, Junge, weiter jetzt.« Das Pferd lässt ihn abblitzen. »Was regt dich so auf?« Er steigt vom Karren ins Wasser, die Dünung reicht ihm die Schienbeine hinauf. Er geht vor und packt das Zaumzeug. »Beruhige dich, was ist denn, hä? Das bisschen Regen.« Er streicht ihm über die Nüstern, aber das Pferd schnauft nur und will nicht mehr. Vielleicht ist es auf einen Stein getreten. Es sieht elend aus, und er kann dem Tier keine Vorwürfe machen. »Komm schon«, sagt er und zieht das Pferd am Zaumzeug aus dem Wasser. Als es auf festerer Erde steht, wirkt es gleich viel glücklicher. Er inspiziert die Beine des Pferds und das Fahrwerk des Karrens. »Ich nehme an, du hast für heute einfach genug von meinen Ansagen, du faules Pony.«

Mit in die Hüften gestemmten Händen steht er da und versucht zu entscheiden, was er tun soll. Der Regen trommelt auf seinen Kopf, rinnt ihm über die Krempe und bringt seine Gedanken durcheinander. Schließlich wischt er sich über die Stirn und sieht zum Himmel hinauf. Der ist so düster, als zöge ein Gewitter auf. Es heißt, ein Pferd spürt so etwas. »In Ordnung. Wir machen Schluss. Aber du weißt, dass ich dich doppelt hart rannehmen muss, wenn wir das nächste Mal hier sind.« Dem Pferd ist das Gesagte egal, es hat nichts anderes vor. »Bringen wir dich raus und packen zusammen.«

Er führt das Pferd weiter Richtung Ufer, langsam und stetig. Als sie nahe genug sind, dreht er um und holt die Netze ein. Am Strand bewegt er sich vollkommen instinktiv. Er vollführt diese Handgriffe, seit er vierzehn ist. Damals war er so schmalbrüstig, wie ein Junge in dem Alter nur sein konnte, und trug Pops riesige Ölzeughosen mit einer Schnur um den Leib, damit sie oben blieb. Diese Abläufe sind so tief in ihn eingeätzt, dass er sie fast nicht mehr registriert. Moment mal.

Die Netze liegen wie zwei zusammengefallene Ballons am Strand – in dem einen, dessen Öffnung dem Wind zugewandt ist, hängt irgendein dicker Brocken. Und dazu auch noch ein ziemlicher Klumpen Krabben, Tang und kleine Fische. Er geht hin, um das Ganze genauer zu betrachten. »Kein Wunder, dass du nicht mehr wolltest«, sagt er zum Pferd. »Du hast da ein Stück Eisen mitgeschleppt.« Es ist ein Glück, dass es das Netz nicht zerrissen hat. Aber als er das Ding aus dem Netz heraushebt, erkennt er: Es ist kein Schrott, wie er angenommen hat, sondern eine verrostete Metallkiste, etwa so groß wie Mas Familienbibel, mit Verschlüssen wie an einem Einmachglas. Der Regen klatscht dumpf und schwer darauf, und er fühlt, dass dort etwas drin ist, das hin und her rutscht, wenn er sie kippt.

Langsam wird das Pferd unruhig, es will getrocknet und gefüttert werden. »Okay, okay, ganz ruhig, ich komme ja schon.« Er findet einen Platz für die Kiste im Karren und wickelt die Plane drumherum. Dann eilt er zurück. Das andere Netz ist voll wie lange nicht. Er rüttelt das Schüttelsieb, so schnell er kann, lässt alles Unnütze durchfallen und hält die dicken braunen Krabben zurück. Trotz der ganzen Aufregung ist es heute ein anständiger Fang. Am Ende hat er zwei Körbe gefüllt, was das durchschnittliche Ergebnis eines Tages am Meer ist. Wäre er gierig oder verzweifelt, würde er sein Pferd noch auf eine weitere Runde schicken, aber er ist glücklich mit dem, was er hat, will selbst auch raus aus dem Regen. Er klopft dem Pferd auf die Flanke. »Das erspart uns eine weitere Schicht heute Abend. Gut gemacht, Junge.« Er sammelt die Netze ein, legt sie hinten auf dem Karren zusammen und bringt den Ausleger ein. Seine Nase läuft fürchterlich bei all dem Meerwasser und Regen. Als er den Karren in Richtung zu Hause in Gang setzt, zieht er einen gelben Klumpen Schleim in der Kehle zusammen und spuckt ihn in den Wind. Er schmeckt so, wie Lack riecht.

Es rappelt in der Metallkiste, als sie durchs Watt fahren, durch all die Furchen im Sand und über das Treibholz holpern. Er überlegt, ob sie sich eine Weile am Pier unterstellen sollen, damit sich das Pferd ausruhen und etwas fressen kann, bevor sie zum Händler fahren und ihren Fang verkaufen. Und er würde gern mal schnell in die Metallkiste gucken. Vor seinem inneren Auge läuft ein alberner Film ab, der die möglicherweise in der Kiste verborgenen Schätze zeigt. Vielleicht wendet sich sein Glück ja zum Besseren. Wie viel wiegt ein Goldbarren? Wie viel ein Beutel Diamanten? Er erlaubt sich, darüber nachzudenken, wie er solch ein Vermögen ausgeben würde, zieht ein wenig am linken Zügel, sodass das Pferd in einem leichten Bogen auf den Pier zusteuert.