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Ein dummer Jugendstreich, eine mörderische Kettenreaktion und mehr als eine bittere Wahrheit: Mit dem Thriller »Der Kreis aller Sünden« gewann der norwegische Bestseller-Autor Torkil Damhaug bereits zum zweiten Mal den renommiertesten Krimi-Preis Norwegens. 1978 kommt im norwegischen Hammerdal ein Fabrikarbeiter auf tragische Weise zu Tode – 38 Jahre später wird der Ort erneut zum Schauplatz des Grauens: Ausgerechnet im Keller jener längst stillgelegten Fabrik schließen vier Jugendliche über Nacht einen Klassenkameraden ein, der ihnen auf die Nerven geht. Die frostigen Temperaturen sorgen dafür, dass der ohnehin labile Morten Nitter beinahe ums Leben kommt. Wie es der Zufall will, wurde Mortens Vater, ein verurteilter Ritualmörder, eben auf Bewährung entlassen. Kurz darauf sind zwei der Jugendlichen tot, von einem Mädchen fehlt jede Spur. Ein klarer Fall – oder? Torkil Damhaug, geboren 1958 in Lillehammer, Norwegen, arbeitete als Psychiater, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte. Er ist ein Garant für vielschichtige Thriller und psychologisch ausgefeilten Nervenkitzel. Entdecken Sie auch die übrigen psychologischen Thriller von Norwegens Bestseller-Autor: »Die Bärenkralle« »Netzhaut« »Feuermann« (ausgezeichnet, wie »Der Kreis aller Sünden«, mit dem Rivertonprisen, dem renommiertesten Krimi-Preis Norwegens) »In der Schusslinie«
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Seitenzahl: 795
Veröffentlichungsjahr: 2019
Torkil Damhaug
Thriller
Aus dem Norwegischen von Knut Krüger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ein dummer Jugendstreich, eine mörderische Kettenreaktion und mehr als eine bittere Wahrheit: Mit dem Thriller »Der Kreis aller Sünden« gewann der norwegische Bestseller-Autor Torkil Damhaug bereits zum zweiten Mal den renommiertesten Krimi-Preis Norwegens.
1978 kommt im norwegischen Hammerdal ein Fabrikarbeiter auf tragische Weise zu Tode – 38 Jahre später wird der Ort erneut zum Schauplatz des Grauens: Ausgerechnet im Keller jener längst stillgelegten Fabrik schließen vier Jugendliche über Nacht einen Klassenkameraden ein, der ihnen auf die Nerven geht. Die frostigen Temperaturen sorgen dafür, dass der ohnehin labile Morten Nitter beinahe ums Leben kommt. Wie es der Zufall will, wurde Mortens Vater, ein verurteilter Ritualmörder, eben auf Bewährung entlassen. Kurz darauf sind zwei der Jugendlichen tot, von einem Mädchen fehlt jede Spur. Ein klarer Fall – oder?
Widmung
Prolog
TEIL I
Ich bin Ann Version 21.2.1
Nitter
Ich bin AnnVersion 21.3.1
Schöpfung und Tod
Ich bin AnnVersion 21.4.2
TEIL II
November 2015
1)
2)
3)
4)
5)
6)
7)
8)
9)
10)
11)
12)
13)
14)
15)
Ich bin AnnVersion 4.2.1
November – Dezember 2015
16)
17)
18)
19)
20)
21)
22)
23)
24)
25)
Ich bin AnnVersion 4.6.1
Dezember 2015
26)
27)
28)
29)
30)
31)
32)
33)
34)
TEIL III
April 2016
35)
36)
37)
38)
39)
Ich bin Ann
August 2016
40)
41)
42)
43)
Ich bin Ann
August-September 2016
44)
45)
46)
47)
48)
49)
50)
Ich bin Ann
September 2016
51)
52)
Der Schrei der Katze
Nach dem Finale
Dank
Für Bente Damhaug (1952-2014)
25. Juni 1978
Der General saß in gespannter Erwartung hoch oben auf der Tribüne.
Diejenigen, die in die Schlacht ziehen sollten, standen unten auf dem Rasen. Einige blickten zu ihm hinauf, andere hatten den Blick gesenkt.
Der General trug einen dunklen Anzug, darunter ein weißes Hemd und eine blaue Krawatte. Sein Gesicht so unbeweglich, als trüge er seine Uniform. Der Mund war unter dem buschigen schwarzen Schnurrbart verborgen, die Augen groß und dunkel und ein wenig geschwollen, als plagten ihn Sorgen, oder als hätte er seit Tagen schlecht geschlafen.
»Wenn sie gewinnen …«, sagte Rafael Munoz und strich sich mit seiner ölverschmierten Hand durch die dünnen Haare. »Wenn die Banditen gewinnen, wird ihnen der General den Pokal überreichen.«
»Wen interessiert das schon?«
Die Nationalhymnen waren beendet. Rafael Munoz hielt es nicht mehr länger auf seiner Kiste aus, als könne er den Gedanken, was geschehen würde, wenn die Banditen gewannen, nur im Stehen nachgehen.
»Das verstehst du nicht«, entgegnete er in seinem gebrochenen Norwegisch. »Wenn er ihnen den Pokal überreicht, werden ihm alle zujubeln, auf der ganzen Welt. Und was er getan hat, werden alle vergessen. Er hat so viel Blut an den Händen.«
»Davon sehe ich nichts.«
»Du kapierst wirklich gar nichts.«
Rafael Munoz ging zum Asphaltbehälter und wandte sich an den Zigeuner. »Du verstehst doch wohl, was hier gespielt wird. Der Verbrecher wäscht seine Hände in Unschuld, und die ganze Welt schaut zu.«
Der Zigeuner lächelte, sagte jedoch kein Wort. So machte er es seit Jahren, er schwieg und lächelte.
»Komm her und setz dich hin, Rafael«, sagte Johnny Lindbekk. »Alle wissen, dass der General ein Verbrecher ist. Aber jetzt geht’s um Fußball.«
Sie hatten einen kleinen Fernseher auf ein paar Paletten gestellt. Das Bild war ziemlich grobkörnig, doch die Spieler auf dem viel zu grünen Rasen waren deutlich zu erkennen. Die Kamera zoomte ein weiteres Mal den General in Schlips und Kragen heran.
»Was schmiert der sich bloß in die Haare?«, fragte Bergmann.
»Bestimmt Schuhcreme«, mutmaßte er selbst mit einem Grinsen, da offenbar keiner der anderen Lust hatte, darüber zu spekulieren, mit was der General seine schwarz glänzenden Haare einölte. »Shoe polish«, fügte er hinzu, weil die Pointe so gut war, dass er sie getrost vor einem internationalen Publikum wiederholen konnte.
Johnny Lindbekk zwang sich zu einem verhaltenen Lächeln.
»Mach dir mal keine Sorgen wegen des Pokals, Rafael. Die Holländer werden bestimmt gewinnen, und die ganze Welt wird sehen, wie blöd der Juntaboss dann aus der Wäsche schaut.«
»Kann schon sein«, murmelte Rafael Munoz und setzte sich wieder hin.
»Die Gauchos hätten nie und nimmer ins Finale kommen dürfen«, ereiferte sich Bergmann. »Die haben die Peruaner bestochen, damit sie sechs Tore von ihnen kassieren.«
»Gauchos?« Rafael Munoz sprang so heftig auf, dass die Kiste umkippte. »Wer ist hier ein Gaucho?«
Obwohl er einen Kopf kleiner als Bergmann war, konnte er jeden Moment explodieren. Eine tickende Zeitbombe.
Bergmann hob die Hände. »Ist ja gut«, sagte er mit einem beschwichtigenden Lächeln. »Du bist doch gar nicht gemeint. Ich dachte, du hasst die Argentinier.«
Rafael Munoz drehte ihm abrupt den Rücken zu und machte sich an der Fernsehantenne zu schaffen.
»Das bringt doch nix!«, rief Bergmann. »Du machst mich nur nervös mit deinem Gefummel!«
Murmelnd fügte er hinzu: »Der Typ sollte lieber mal seinen Verstand einschalten …«
Er griff nach unten, holte eine Flasche mit durchsichtigem Inhalt hervor, zog den Korken heraus und nahm einen kräftigen Schluck. »Der Gaucho sollte sich auch mal einen Schluck gönnen, ehe hier noch was passiert«, sagte er mit gedämpfter Stimme und gab die Flasche an Johnny Lindbekk weiter.
Lindbekk nippte an dem selbst gebrannten Schnaps. Er trank nie viel, schon gar nicht, wenn er für die Arbeitsschicht verantwortlich war. Außerdem wartete zu Hause jemand auf ihn, der wieder mit dem Trinken angefangen hatte.
Nuggerud kam von der Mischanlage zu ihnen nach unten.
»Der Mixer ist voll«, verkündete er zufrieden. »Wir können den ersten Durchgang starten.«
»Nein, wir stoppen die Maschine«, entschied Johnny Lindbekk. »Die anderen Jungs wollen auch das Spiel sehen.«
»Hier, Rafael.« Er gab ihm die Flasche. Ein kräftiger Schluck aus der Pulle konnte den Chilenen tatsächlich beruhigen, das hatte er früher schon erlebt. Aus dem Kerl wurde man wirklich nicht schlau. Manchmal sprach er während der gesamten Schicht kein einziges Wort. An anderen Tagen fuhr er wegen jeder Kleinigkeit aus der Haut, so wie jetzt. Natürlich wussten sie, dass es dafür Gründe gab. Und so tolerierten sie sein Benehmen, das sie anderen nicht hätten durchgehen lassen. Rafael Munoz hatte in seinem Heimatland im Gefängnis gesessen. War ein hohes Tier in der Gewerkschaft gewesen. War entsetzlich gefoltert worden. Soweit sie verstanden hatten. Er habe niemals jemanden verpfiffen, sagte er. Die norwegische Botschaft hatte ihm bei seiner Flucht geholfen. Jetzt befand er sich auf der anderen Seite des Planeten in Hammerdal und produzierte Dachpappe, die in die ganze Welt, vielleicht auch in sein Heimatland, exportiert wurde. Obwohl die Auftragsbücher nicht gerade gut gefüllt waren.
Johnny Lindbekk ging zu den Presswalzen hinüber. WM-Finale hin oder her, sie konnten ja nicht für Stunden den Betrieb einstellen. Sie arbeiteten im Akkord, bekamen jede Rolle Dachpappe bezahlt, die sie fertigstellten, und es wäre ein teures Vergnügen, vor dem Fernseher zu hocken und Fußball zu gucken. Doch eine Dreiviertelstunde konnten sie sich schon gönnen. Dann produzierten sie eben ein paar Rollen in der Pause und machten nach dem Spiel mit Volldampf bis in die Nacht weiter.
»Komm und setz dich ein bisschen zu uns«, sagte er zum Zigeuner, wusste jedoch, dass dieser das Angebot nicht annehmen würde. Der Zigeuner interessierte sich nicht für Fußball. Nur für seine Erlösung. Früher war es der Alkohol gewesen, jetzt der Glaube. Und die Familie. Jedenfalls hatte er fünf Kinder, und im Bauch seiner Frau wuchs schon das sechste heran. Angeblich wohnten sie in einer Hütte mit zwei Räumen. Und vielleicht wurde er deshalb auch als Zigeuner bezeichnet, denn über seine Familie wussten sie so gut wie nichts.
»Und das Spiel läuft!«, verkündete Bergmann mit Kommentatorenstimme, worauf Lindbekk zur Sitzgruppe zurückkehrte, die aus leeren Holzkisten bestand. Als Betriebsobmann hätte er sich am Abend des WM-Finales freinehmen können, sprang jedoch ein, nachdem einer der Arbeiter krank geworden war. Viele waren an diesem Abend krank geworden und schafften es mit Mühe und Not, zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen.
Und das Spiel rechtfertigte die Krankmeldungen voll und ganz. Als Argentinien in Führung ging und sich das Gesicht des Generals auf der Tribüne zu einem breiten Lächeln verzog, musste Johnny Lindbekk Rafael Munoz beruhigen. Er ließ ihn einen kräftigen Schluck trinken, behielt den Flüssigkeitspegel der Flasche aber genau im Auge. Die Fabrik war ein Ort für standfeste Männer – im buchstäblichen Sinn. Ab und zu kam es vor, dass einer von ihnen auf die »Brücke« musste, wie einer der alten Jungs den Absatz entlang des Asphaltbehälters getauft hatte, von wo aus sie Papprollen wieder herausfischten. Sie hatten die Geschäftsleitung gebeten, ein höheres Geländer anzubringen, aber dazu war derzeit kein Geld vorhanden.
Als die Niederländer ausglichen, riss Bergmann so enthusiastisch seine Arme nach oben, dass ein Bierregen auf seine Kollegen niederging.
»Was hab ich gesagt!«, brüllte er. »Oder etwa nicht, Johnny? Die Holländer machen die Gauchos platt. Da kann der General auch nichts dran ändern.« Er guckte zum Chilenen hinüber. »Hey, Raffa, freust du dich nicht?« Rafael Munoz trank einen weiteren Schluck. »Heute ist dein Glückstag. An den wirst du dich dein ganzes Leben lang erinnern.«
Damit hatte er recht.
Nicht nur Rafael Munoz, auch er selbst und Johnny Lindbekk würden diesen Tag, den 25. Juni 1978, ihr Leben lang im Gedächtnis behalten. Aber nicht wegen des WM-Finales, obwohl es sich zu einem der besten Endspiele aller Zeiten entwickeln sollte – samt der unvergesslichen Szene, die sich nach vierzehn Sekunden der Nachspielzeit ereignete. Zu diesem Zeitpunkt stand es immer noch unentschieden. Der Schiedsrichter hat die Pfeife bereits im Mund, um das Spiel abzupfeifen. Da ist Rensenbrink nach einem langen Pass plötzlich frei im Strafraum, spitzelt den Ball am argentinischen Keeper vorbei, doch der Ball prallt gegen den Pfosten statt ins leere Tor. Alle schreien auf: die über siebzigtausend im Stadion, fast eine Milliarde Fernsehzuschauer und vier Arbeiter einer Fabrik in Hammerdal.
In diesem Moment hätte alles zu Ende sein können. In diesem Moment hätte alles einen anderen Verlauf nehmen können.
Rafael Munoz stieß eine lange Tirade auf Spanisch aus. »Un centímetro«, wiederholte er ein ums andere Mal, als der Pfiff des Schiedsrichters ertönte.
»Puta madre«, murmelte er düster. Und als die erste Halbzeit der Verlängerung angepfiffen wurde: »Am Ende wird der General jubeln. Dieser Tag ist verflucht.«
Der nächste argentinische Treffer bestätigte seine Voraussage. Und als der dritte folgte, sprang Rafael Munoz auf und trat gegen die Holzkiste, auf der er gesessen hatte, sodass sie fast gegen die Garderobentür krachte.
»Das will ich mir nicht ansehen!«
»Okay, wir machen weiter«, sagte Johnny Lindbekk und schickte Nuggerud los.
»Pappe gerissen«, meldete Nuggerud, als er an der Hebebühne vorbeiging und auf der Treppe zur Mischanlage verschwand.
Johnny Lindbekk drehte sich zu Bergmann um und nahm ihm die halb leere Flasche aus der Hand.
»Genug für heute.«
Sein Kollege krümmte sich ein wenig nach vorne, wie er es immer tat, wenn er zu viel getrunken hatte.
»Rafael, geh mit dem Zigeuner auf die Brücke und kontrollier die Pappe«, befahl Lindbekk. »Jetzt müssen wir richtig Gas geben.«
»Ich bin nicht dein Sklave«, gab Rafael Munoz zurück, und es folgte eine weitere Tirade auf Spanisch. Irgendetwas von Mördern und Faschisten. Schwer zu sagen, wen er damit meinte. Er verschwand nach draußen und knallte die Tür hinter sich zu.
Bergmann wollte ihm nachsetzen, doch Johnny Lindbekk hielt ihn zurück. »Lass ihn. Er wird bald wieder da sein.«
Er hatte schon einige Wutausbrüche von Rafael Munoz erlebt. War ihm in den Umkleideraum gefolgt, wohin der Chilene sich dann immer verzog und die Wand anglotzte. Mehrere Minuten konnte das dauern. Oder eine volle Stunde. Doch er war stets zurückgekehrt.
»Guck auf der Brücke, ob alles in Ordnung ist!«, rief er dem Zigeuner zu, ehe er sich daranmachte, die Presswalzen wieder in Gang zu setzen.
Der Zigeuner warf ihm einen fragenden Blick zu. »Wir müssen aber zu zweit da oben sein.«
Womit er zweifellos recht hatte. Der Behälter mit dem kochenden Asphalt befand sich in drei Metern Tiefe. Nach dem letzten Treffen mit Direktor Meyer hatte der Vorarbeiter das Thema zur Sprache gebracht. Es ging um die Sicherheitsvorkehrungen. Von nun an sollte ein Arbeiter zur Absicherung stets einen Kollegen bei sich haben. Bis das neue Geländer angebracht werden würde. Irgendwann im nächsten Jahrhundert.
Johnny Lindbekk überlegte, ob er Rafael Munoz holen sollte. Bergmann war nicht mehr sicher genug auf den Beinen, um die Brücke zu betreten. Fertige Rollen zu verpacken und zu stapeln, war in seinem Zustand schon schwer genug.
»Ich muss den Kühlschlauch kontrollieren, du musst also diesmal allein nach oben gehen«, entschied Johnny Lindbekk, und der Zigeuner gehörte nicht zu jenen, die in solch einem Fall protestiert hätten.
25. Juni 1978. Ein kalter Winternachmittag in Buenos Aires. Der Sommerabend in Hammerdal – draußen vor den kleinen Fenstern unmittelbar unter der Decke der im Untergeschoss liegenden Produktionshalle war es hell und warm.
Johnny Lindbekk ging zu den Presswalzen und kontrollierte den Kühlschlauch. Er gab dem Zigeuner ein Zeichen, der sich nach vorne beugte und mit zwei Stöcken im großen Behälter mit kochendem Asphalt stocherte. Offenbar bekam er das lose Ende der Papprolle nicht zu fassen.
»Ganz ruhig, da oben.« Johnny Lindbekk blieb stehen und betrachtete die dampfende Flüssigkeit. In so etwas werden Heiden und Sünder nach ihrem Tod geworfen, dachte er schaudernd. Doch um das Seelenheil des Zigeuners musste er sich ja keine Sorgen machen. Der hatte trotz allem vorgesorgt, damit er nicht dereinst in der Hölle landete.
Er zuckte zusammen, starrte nach oben.
»Nicht so weit an die Kante!«, rief er, doch sein Ruf verfehlte die Wirkung. Die Brücke war offenbar ein bisschen rutschig geworden, und ein Mann, der ausrutscht, kann durch einen Ruf nicht zurückgehalten werden. Der Zigeuner ließ die Stöcke los, schwankte an der Kante vor und zurück und ruderte mit den Armen, als wäre er ein Turmspringer, der es sich im letzten Moment anders überlegt hatte.
Das passiert nicht, schoss es Johnny Lindbekk durch den Kopf, ehe er im Eiltempo die Leiter hinaufkletterte und mit einem Brüllen, das den Lärm der Maschine übertönte, auf die Brücke sprang.
Ich werde sterben.
Ich gehe den Pfad am Fluss entlang und weiß, wie es geschehen wird.
Wie kannst du das wissen?
Ich habe es schon immer gewusst. Seit ich vier oder fünf Jahre alt war. Damals hatte ich die ersten Anfälle. Sie nannten es falschen Krupp. Echter Krupp ist schlimmer, aber den gibt es fast nicht mehr. Wenn du falschen Krupp hast, schnürt sich deine Kehle zu, und du kriegst keine Luft mehr. Große Hände quetschen deinen Hals zusammen.
So begann der erste Anfall. Ich habe geschlafen und geträumt, dass ich auf einer Schaukel sitze. Dann wurde mein Hals zusammengeschnürt, und ich konnte nicht mehr atmen. Die Dunkelheit kriecht in mein Kinderzimmer hinein und ergreift von mir Besitz. Ich stehe auf und gehe zu Mama und Papa. Ja, es stimmt, ich gehe, denn plötzlich fühle ich mich vollkommen ruhig. Es kann nichts Schlimmeres passieren, als dass ich sterbe und verschwinde.
Papa, ich sterbe, sage ich mit der wenigen Luft, die ich noch habe. Er hebt mich hoch. So wird es sein, wenn ich sterbe. Ich werde hoch in die Luft gehoben.
Aber das mit dem falschen Krupp ist doch schon über zehn Jahre her. Und jetzt gehst du am Fluss entlang.
Das mache ich jeden Sommer, da ist es hell, egal, wie spät es ist.
Jetzt ist kein Sommer.
Es ist November. Auf der anderen Seite des Flusses kann man die Umrisse der Fabrik erahnen. Sie zeichnen sich ab und lösen sich wieder auf, wie ein Schloss in einem Märchenfilm. Die Mauern sind aus rotem Backstein. Doch wenn es so dunkel ist wie jetzt, sehen sie schwarz aus.
Ich hätte den Gehweg nehmen können, der an der Hauptstraße entlangführt. Eigentlich hätte ich längst zu Hause sein sollen. Am Fluss entlang geht’s zehn Minuten schneller. Nicht, dass Mama das merken würde. Sie fragt nie, warum ich zu spät komme. Sie erinnert sich auch nicht, wann wir verabredet sind. Manchmal ruft sie an, aber der Akku von meinem Handy ist leer.
Es ist November, es ist dunkel, und du bist auf dem Heimweg.
Ich mag den Herbst, allein in der Dunkelheit unterwegs zu sein. Die Dunkelheit umhüllt mich wie eine Decke, in der ich mich verstecken kann. Manchmal schließt sie sich etwas zu eng um mich, dann kriege ich Atemprobleme, als hätte ich wieder falschen Krupp.
Der Turm der Fabrik ragt in den dunkelgrauen Himmel. Ein Finger, der senkrecht nach oben zeigt, sagt Papa immer, aber auch er weiß nicht, auf was er uns aufmerksam machen will. Vielleicht auf die Dunkelheit. Oder das Nichts.
Ich komme zur Fußgängerbrücke, die zum Fabrikgelände hinüberführt. Diesen Weg nahmen früher die Arbeiter von den Baracken, die unten entlang des Flusses errichtet worden waren.
Ich sollte doch lieber umkehren und an der Hauptstraße entlanggehen. Sie ist nur ein paar Minuten entfernt.
Hast du vielleicht Angst?
Glaub nicht. Aber die Luft hier erschwert mir das Atmen.
Du drehst also um?
An der Brücke bleibe ich stehen. Dort ist ein Tor mit einem Betreten-verboten-Schild. Wahrscheinlich gab es das Schild schon, bevor die Fabrik geschlossen wurde. Ich hab Fotos in einem alten Buch von Papa gesehen. Den Rauch aus dem Schornstein. Die Arbeiter, die draußen auf der Rampe saßen, auch von ihnen stieg Rauch auf.
Ich rüttle am Tor. Die rostigen Ketten rasseln. Ich sehe schon vor mir, wie ich über das Tor klettere, die Brücke überquere und auf der anderen Seite im Dunst verschwinde. Ich probiere oft Dinge aus, vor denen ich mich fürchte. Zum Beispiel an diesem dunklen Herbstabend am Fluss entlangzugehen. Wenn ich nach Hause komme, werde ich Mama davon erzählen. Im Dunklen am Fluss entlangzugehen, ist überhaupt nicht gefährlich. Vielleicht hat dann auch Mama weniger Angst, wenn sie weiß, dass ich mich nicht fürchte.
Und während ich das denke, höre ich es.
Was hörst du?
Einen Schrei. Er kommt vom Fabrikgelände. Es ist ein seltsames Geräusch, als wenn man sich selbst die Ohren zuhält und einen Schrei ausstößt.
Es klingt wie dein eigener Schrei?
Am Anfang schon. Aber dann wird er leiser, klingt mehr wie ein Schluchzen. Vielleicht eine eingesperrte Katze. Plötzlich sehe ich einen Lichtschein in einem Fenster. Und ich habe nicht gezwinkert, da bin ich ganz sicher. Da war ein Licht, aber nicht so eins, das man sieht, wenn man sich die Hände hart auf die Augen drückt, sondern ein Aufblitzen im Dunkeln, dann war es wieder verschwunden. Und der Schrei wurde von dem Dunkel verschluckt, wenn du verstehst, was ich meine.
Ich bleibe stehen und blicke zum Gebäude hinüber. In der Ferne höre ich einen dumpfen Knall, als schlage eine schwere Tür zu. Danach Schritte auf dem Kies. Ich drehe mich um, kann aber meine Füße nicht bewegen, als wären sie festgefroren.
Ich werde sterben. Ich weiß, wie es sich anfühlen wird.
Ann, sage ich, und als ich meinen Namen höre, ist es, als würde ich meinen Körper verlassen und mich ansehen.
Komm, Ann, wir gehen, sage ich.
Ja, antwortet Ann, gehen wir. Und ich sehe, wie sich meine Beine in Bewegung setzen, erst sehr langsam, die Stiefel fühlen sich wie Betonklötze an, dann schneller.
Jetzt laufen wir, sage ich zu Ann. Und sie rennt los, stolpert über etwas, vielleicht eine Wurzel, denn sie prallt gegen einen Baum. Stell dir vor, du bist woanders, sage ich. Du sitzt zu Hause auf dem Sofa und redest mit Mama. Sie hat eine Kerze angezündet, auf dem Tisch steht ein Becher mit Kakao.
Ich laufe weiter. Auf einmal höre ich hinter mir ein Geräusch. Als würde jemand im Dunkeln über das Tor klettern.
Zwischen den Bäumen erkenne ich den beleuchteten Weg. Die Laternen tragen graue Mützen aus Dunst, die in der Mitte orange schimmern. Jetzt brauchst du nicht mehr zu laufen, sage ich mit meiner gewohnten Stimme. Wenn die Stimme so klingt, bin ich im Ann-Raum.
Ist das ein Ort, an dem du ganz du selbst bist?
Ich nenne ihn Ann-Raum.
Ich laufe weiter.
»Hey, hast du etwa Schiss?«
Die Stimme kommt mir bekannt vor, aber ich brauche ein paar Sekunden, um sie zuzuordnen. Ich bleibe stehen und drehe mich um. Vor Streuner muss man jedenfalls keine Angst haben. Eigentlich ist es gut, dass er auftaucht, denn mit einem Mal hat mein Atem sich beruhigt. Das, was mir die Luft abgedrückt hat, verschwindet.
»Ich hab keinen Schiss.«
Er grinst, ist aber genauso kurzatmig wie ich. »Warum rennst du dann, wenn du keine Angst hast?«
»Ich trainiere.«
Aus irgendeinem Grund will mich Streuner in ein Gespräch verwickeln. In der Schule sagt er nie ein Wort zu mir – wenn er denn mal auftaucht.
Auf der Straße nähert sich ein Auto. Die Scheinwerfer gleiten durch die Kurve. Sie sind grell und blenden mich. Streuner steht dicht neben mir.
»Läufst du mir etwa nach?«
Er schüttelt den Kopf. »Muss nach Hause.«
Was vermutlich stimmt. Seine Pflegefamilie wohnt auch am Trollfaret, nicht weit von uns entfernt. Aber deswegen muss ich noch lange nicht mit ihm reden.
»Hast du auch den Trampelpfad genommen?«, frage ich und ärgere mich sofort darüber, dass ich ein Gespräch beginne.
»Welchen Trampelpfad?«
»Den am Fluss entlang.«
Er hat seinen Kapuzenpullover tief in die Stirn gezogen und antwortet nicht.
»Bist du auf der Brücke zur Fabrik gewesen?«
»Was interessiert dich das?«
Soll ich Streuner fragen, ob er den Schrei auch gehört hat? Es gibt niemanden, mit dem ich jetzt weniger Lust hätte zu reden. Ich weiche ein paar Schritte zurück. Er ist kleiner als ich, hat einen krummen Rücken und trägt einen Rucksack, der ihn noch kleiner macht. Sein Körper sieht aus, als hätte man ein paar dünne Zweige notdürftig miteinander verbunden. Als er klein war, ist seine Mutter getötet worden. Sein Vater hat das getan. Als Streuner in unsere Klasse kam, wurde er schräg hinter mich gesetzt. Die ganze Zeit spüre ich seinen Blick in meinem Nacken. Wenn ich mich umwende, dreht er sich weg.
»Warst du mit Helene zusammen?«
Eigentlich geht ihn das nichts an, aber er tut mir auch leid, also nicke ich zur Antwort. Ich weiß, dass er die ganze Zeit an Helene denkt. Worum ich sie nicht gerade beneide.
»Wollt ihr am Wochenende was zusammen machen?«
Jetzt geht er echt zu weit. Schon mal was von Privatleben gehört?
»Vergiss es«, sage ich, aber nicht so, dass es fies klingt. Er tut mir wirklich leid, und das ist ganz schön anstrengend. Ich jogge hinüber zu den Häusern auf der Kuppe des Hügels, als würde ich tatsächlich trainieren, obwohl ich Jeans und eine Hollister-Jacke anhabe.
Würde meine Mutter zu denen gehören, die merken, dass ihre Tochter zu spät nach Hause kommt, würde ich sagen: »Ja, ich war bei Helene, und ja, der Akku entlädt sich ständig, ich brauche ein neues iPhone, und ja, ich weiß, wie spät es ist, und ja, ich hab schon Hausaufgaben gemacht – es ist Freitag, da kriegen wir sowieso keine auf –, und ja, ich hab bei Helene gegessen.«
Doch Mama sitzt stumm am Küchentisch und tippt auf ihrem Laptop rum. Sie schaut kaum auf, als ich reinkomme.
»Willst du nicht wissen, wo ich gewesen bin?«, frage ich und höre mich vielleicht ein bisschen frech an.
Sie merkt es nicht. »Warst du nicht bei Helene?«
»Wir waren auf dem Spielplatz.«
»Schön.« Sie tippt weiter.
»Du und Helene?«, fragt sie zerstreut.
»Und Nicolai.«
»Welcher Nicolai?«
»Nicolai Meyer.«
Auf einmal hebt Mama den Kopf und hört auf zu tippen. Sie reißt die Augen auf. »Nicolai Meyer? Sind er und Helene …?«
Sie hat also gehört, was ich gesagt habe, hat es irgendwie mitbekommen, obwohl sie hundert Kilometer weit entfernt scheint.
»Stell dir vor, er wäre an mir interessiert.«
»An dir? Das meinst du doch nicht im Ernst.«
»Ich meine gar nichts. Hör endlich auf, so viele Fragen zu stellen. Ich hab doch wohl das Recht auf ein wenig Privatleben.«
Ich höre mich furchtbar zickig an.
»Ich bin einfach neugierig.«
Das stimmt. Dass Nicolai Meyer mit uns auf dem Spielplatz war, sorgt dafür, dass sie den Deckel ihres Laptops zuklappt, das Fenster öffnet und sich eine Zigarette anzündet. Und deswegen habe ich ihr es wohl auch erzählt. Mama hat sich immer für Nicolai interessiert, seit wir zusammen in der Grundschule waren. Und dann stellt sie mehrere Fragen über ihn und bildet sich ein, dass er und Helene ein Paar sind. Mama ist mit seinem Vater zur Schule gegangen, oder mit dem Onkel oder mit beiden. Und war sicher mit einem von ihnen zusammen. Ich glaube, mit dem Vater, aber darüber will sie nicht reden. Jeden Herbst checkt sie die öffentlichen Steuerlisten, um sich zu vergewissern, dass sie immer noch die Reichsten in Hammerdal sind.
Als sie keine Fragen mehr hat, bläst sie weiterhin Rauch aus dem Fenster und sieht zu, wie die Schwaden sich auflösen. Ich hebe im Vorbeigehen den Tetrapak mit Wein an. Ein bisschen leichter als heute Morgen, aber nicht sehr. Auch die Küche ist sauber und aufgeräumt, nur auf dem Herd sind noch die Spuren vom gestrigen Essen.
»Hast du eine Zigarette für mich?«
Mit schläfrigem Blick dreht sie sich um, will mir zeigen, dass sie meine Frage nicht ernst nimmt.
»Träum weiter, meine Kleine.«
»Warum denn nicht?«
Sie nimmt die Schachtel vom Tisch und zeigt auf den fetten schwarzen Warnhinweis. »Deshalb.«
»Na und?«
Sie klappt ihren PC wieder auf. »Du bist fünfzehn Jahre alt und musst lernen, Verantwortung für dich selbst zu übernehmen. Es ist dein Leben, Ann-Spatz.«
Sie späht provozierend über ihren Brillenrand hinweg. Sie weiß, dass ich es hasse, so genannt zu werden. Auf so einen blöden Namen kann auch nur sie kommen.
Ich nehme die Frühstücksflocken aus dem Küchenschrank und fülle eine Schale bis zur Hälfte. Habe plötzlich unheimlich Lust, ihr Dinge zu erzählen, die sie hätte wissen sollen. Mama hat keine Ahnung, dass es Victor gibt, und ahnt nicht, dass Helene und ich schon auf seinem Motorrad mitgefahren sind, sogar in einem Höllentempo. Ich überlege mir wirklich, ihr alles zu erzählen. Dass wir mit einem älteren Jungen von einer anderen Schule die Zeit verbringen. Mit jemandem, der alles Mögliche vertickt und konsumiert. Die Zigaretten sind noch das Ungefährlichste.
So sieht mein Leben aus.
Ich liege im Bett und sehe durch die dünne Gardine. Das orangefarbene Licht der Straßenlaternen macht mich ein bisschen traurig. Oh-my-God-Dagny hat ein Foto auf Instagram von sich und Helene gepostet. Sie will unbedingt zeigen, dass sie beste Freundinnen sind. Dabei hat sie keine Ahnung, dass Helene enger mit mir ist. Ich eigentlich auch nicht.
Zwei Freundschaftsanfragen auf Facebook. Die eine stammt von Streuner und versetzt mich nicht gerade in Ekstase. Die andere kommt von jemandem, der sich Roman Warzinsky nennt. Ich klicke das Profil an. Fotograf. Auf dem Profilbild guckt er direkt in die Kamera. Keine weiteren Informationen. In diesem Moment kommt eine Meldung von Helene. Wach? Ruf mich an.
Bestimmt will sie über Victor reden. Sie denkt die ganze Zeit an ihn. Spricht von nichts anderem mehr. Und sie will, dass ich zuhöre. Ich bin gut darin, ein Geheimnis zu bewahren. Neulich hat sie gesagt, sie hätte noch nie eine so gute Freundin gehabt. Und in dem Moment, als ich sie anrufe, ist meine Traurigkeit verflogen.
»Meine Mutter ist total ausgeflippt«, stöhnt sie, »wollte wissen, ob ich irgendwas genommen habe. Ich musste was erfinden.«
»Und was hast du gesagt?«
»Ich hab von dir und Nicolai erzählt. Dass ihr ein Paar seid und Unsinn gemacht habt und ich mich einschalten musste.«
Jetzt bin ich es, die stöhnt. »Musste das sein?«
»Etwas anderes ist mir nicht eingefallen.«
»Hat sie dir geglaubt?«
»Sie wollte deine Mutter anrufen.«
Ich muss lachen. »Und ich hab ihr erzählt, dass du mit Nico zusammen bist.«
»Echt?« Sie lacht auch. »Du hast doch nichts von ihm erzählt?«
»Warum sollte ich?«
»Ich dachte, du erzählst deiner Mutter alles.«
»Sie glaubt, dass ich ihr alles erzähle. Deshalb stellt sie auch keine Fragen mehr.«
Was nicht ganz der Wahrheit entspricht, aber das muss Helene nicht wissen.
»Clever.«
Wir reden noch eine Weile miteinander. Vereinbaren, was genau wir sagen werden, damit keine Mutter auf der Welt uns nachweisen kann, dass unsere Versionen nicht übereinstimmen.
Dann geht es um Victor. Vielleicht bin ich es, die sie zum Erzählen bringt. Sie fantasiert davon, dass Victor kommt und sie abholt. Sie nimmt nichts mit, steigt einfach auf sein Motorrad. Sie fahren die ganze Nacht. Richtung Süden, über die schwedische Grenze. Sie kann Victor nichts abschlagen, ganz gleich, worum er sie bittet.
Hört sich ziemlich cool an, finde ich. Und ich lache nicht, obwohl der Gedanke, dass Helene abhaut, etwas Lächerliches hat. Kein Mathe mehr. Doch zum nächsten Schwimmtraining müsste sie natürlich wieder da sein.
Übrigens hat sie tatsächlich am Mittwoch die Schule geschwänzt. Ich dachte, sie sei krank gewesen.
»War Victor bei dir zu Hause?«
Sie antwortet nicht. Will, dass ich ihr alles aus der Nase ziehe.
»Die Zwillinge hatten einen langen Tag. Wir hatten das ganze Haus für uns.«
»Und dann?«
»Victor hat gefragt, ob wir es im Wohnzimmer tun.«
»Echt?«
»Aber das wollte ich nicht. Meine Geschwister hätten doch jederzeit nach Hause kommen können.«
»Was habt ihr dann gemacht?«
»Wir sind rauf in mein Zimmer gegangen.«
Ich warte und warte. Endlich redet sie weiter.
»Ich hab die Vorhänge vorgezogen.«
»Klar.«
Wieder verstummt sie.
»Du hast also die Vorhänge vorgezogen. Und Victor …«
Schweigen. Eigentlich total unnötig.
»Er hat sich aufs Bett gelegt. Und ich stand am Fenster und hab ihn angesehen.«
Ich sehe die beiden vor mir. Aber nicht ganz. Höre an ihrem Atem, dass sie wieder alles vor sich sieht.
»›Zieh dich aus‹, hat er gesagt.«
»Sonst nichts?«
»Nein, sonst nichts. Es klang gar nicht fordernd, aber irgendwie war es unmöglich, ihm zu widerstehen.«
»Und dann hast du …«
»Ich glaube, ich muss jetzt schlafen.«
Nein, warte, hätte ich fast gerufen. Nahm mich im letzten Moment zusammen und sagte: »Auf dem Heimweg ist was Unheimliches passiert.«
»Was denn?«
Jetzt habe ich Helenes volle Aufmerksamkeit und genieße es. Laut Helene bin ich eine gute Geschichtenerzählerin. Ich erzähle ihr von dem Schrei auf dem Fabrikgelände, vom Lichtblitz, den Schritten auf dem Kies. Von Streuner, der plötzlich vor mir stand.
Helene liebt alles Unheimliche. Sie lacht und gruselt sich gleichzeitig. Und als sie lacht, stelle ich mir vor, sie läge neben mir im Bett, so nah, dass ich nur meine Hand auszustrecken bräuchte, um ihre Haut zu berühren. Sie ist weich und sehr glatt, nicht ein einziger Pickel, alles makellos und perfekt.
Ich schlafe. Ich träume, dass ich schlafe. Wenn ich träume, bin ich im Ann-Raum. Höre, wie draußen jemand schreit. Eine Katze, die schreit und schreit. Im Traum werde ich wach und stehe auf. Der Tag ist angebrochen, doch richtig hell ist es noch nicht. Graues Licht dringt überall ein, auch in mich. Ich betrachte meinen Arm. Er ist durchsichtig. Doch ich habe keine Angst. Ich gehe raus, um die Katze zu suchen, eile die Straße hinunter. Mama ruft mich, aber ich darf mich auf keinen Fall umdrehen. Ich gehe am Fluss entlang bis zum verriegelten Tor, und plötzlich stehe ich auf dem Vorplatz des Fabrikgebäudes. Mama ruft immer noch. Geh nicht dorthin, Ann. Du musst bei uns bleiben. Ich versuche, ihr zu antworten: Ich komme wieder. Eines Tages werde ich wiederkommen. Doch die Wörter stecken in meiner Kehle fest, und plötzlich spüre ich einen Schmerz, der immer mehr anwächst, bis er mich in Stücke zu reißen droht. So ist es also, zu sterben.
Dass Mama allen Ernstes glaubt, dass Helene mit Nicolai Meyer zusammen ist, zeigt nur, wie realitätsfremd sie geworden ist. Helene! Das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Ihre dichten braunen Haare glänzen so wie die von Vivian Carter auf dem Cover der aktuellen Vogue – und das ohne Photoshop. Helenes Beine sind ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter länger als meine, jedenfalls zusammen, und ihre Beine unheimlich schlank. Mama will mich immer damit trösten, dass ich ihre Oberschenkel geerbt hätte. Hallo? Soll das etwa ein Trost sein? So streut man Salz in die Wunde. Helene hat Hüften und Brüste, über denen jedes Kleidungsstück perfekt sitzt. Mit ihr zusammen in der Umkleide zu sein, löst Depressionen hoch zehn aus. Andererseits ist das der Beweis, dass sie das mit bester Freundin ernst meint. Alle Mädchen auf der Schule wollen ihre beste Freundin sein. Aber es sind wir beide, die zusammen abhängen, seit sie hierhergezogen ist. Doch ich weigere mich, dieselben Klamotten anzuprobieren.
Nachher sind wir im Einkaufszentrum und kaufen bei Smutthullet einen Frappé. Mit fettarmer Milch für Helene. Ich pfeif auf so was, zähle keine Kalorien, obwohl ich es tun sollte. Helene zeigt mir die Fotos. Sie und Victor. Bei ihr zu Hause. Sie sind nackt und stehen in ihrem Zimmer am Fenster. Er hat seinen Arm um ihre Taille gelegt und mit der freien Hand das Selfie gemacht. Ich versuche, nicht so genau hinzugucken. Als wären solche Fotos das Normalste der Welt. Als könnte genauso gut ich diejenige sein, die Nacktbilder mit ihrem Freund rumschickt. In diesem Moment taucht Nicolai auf, und wir tun so, als müssten wir dringend weiter. Er setzt sich zu uns und zieht seine Ohrstöpsel raus, aus denen die Musik dröhnt, damit wir mitkriegen, dass er Lethal Oxügen oder so was hört.
»Bist du allein?«, fragt Helene, tippt weiter auf ihrem Handy rum und benimmt sich, als wäre ihr das alles total gleichgültig. Dabei hat sie den ganzen Tag auf diesen Augenblick gewartet. Dass wir im Smutthullet sitzen, wenn er auftaucht. Dass er von hinten die Arme um sie legt und sie in den Nacken küsst, wie gestern Abend auf dem Spielplatz. Aber er ist nicht Nicolai Meyer. Nico ist nur irgendwie sein Kumpel, der sie miteinander verkuppelt hat, wenn man das so sagen kann.
»Wieso?«, fragt Nicolai und schaut auf seine TAG-Heuer-Uhr. Er hält eine nicht angezündete Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger und will so gerne cool aussehen in seiner brandneuen schwarzen Parajumper-Jacke. Auf seinen Schultern sind lauter Härchen, er kommt direkt vom Friseur, Undercut, schwarz gefärbter Scheitel. Das ganze Jahr lang ist er als Emo rumgelaufen, Vampirschminke, nur schwarze Klamotten. Jetzt ist er halb Emo, halb irgendwas anderes, aber eigentlich stinkt er nur so vor Geld. Und natürlich könnten wir etwas Anerkennendes sagen, lassen es aber bleiben.
»Er kommt schon noch«, fügt Nicolai mit einem Grinsen in Helenes Richtung hinzu. Er ist seit Anfang an bis über beide Ohren in sie verknallt.
»Von wem redest du?«, fragt Helene und trinkt aus dem leeren Frappé-Glas.
»Alles smooth«, antwortet Nicolai, dessen Grinsen breiter wird. Seit zwei Wochen ist er seine Zahnspange los, und ich muss zugeben, dass sie geholfen hat. Vielleicht sollte ich mir auch eine zulegen. Mama behauptet, schiefe Zähne hätten einen gewissen Charme, gäben einem eine besondere Note. Dass ja nicht alle gleich aussehen müssten und so weiter. Manche müssen eben wie Hexen aussehen, oder wie?
»Tja, auf wen warten wir wohl?«, sagt Nicolai mit überlegenem Lächeln und steckt sich die Zigarette zwischen die Lippen. »Vielleicht auf Obama? Oder auf Justin Bieber?«
Helene verdreht die Augen. Bereits vor mindestens vier Jahren hat sie alle Justin-Bieber-Plakate in ihrem Zimmer abgehängt, aber Nicolai reitet immer noch darauf herum. Wahrscheinlich will er uns weismachen, dass er schon im Kindergarten Indie-Rock gehört hat.
Und plötzlich taucht Victor auf. Ich sehe ihn zuerst, Helene muss sich umdrehen. Sie zuckt zusammen und wirft das Glas um, es rollt über die Tischkante. Victor fängt es in der Luft auf und stellt es zurück.
»Etwas früh für einen Whisky, deine Hand fängt schon an zu zittern«, sagt er und wirft einen besorgten Blick auf die Wanduhr.
»Doch nicht Helene«, sagt Nicolai und schaltet seine Musik aus. »Die kann echt was wegstecken.«
Sie wirft ihm einen tödlichen Blick zu, öffnet den Mund, um etwas zu sagen, tötet ihn noch einmal. Sie kann eine ziemliche Bitch sein, wenn sie es auf jemanden abgesehen hat. Dann funkeln ihre Augen wie dunkelblaue Edelsteine, und sie sieht noch schöner aus – wie die Eisprinzessin in Die Chroniken von Narnia. Zu gern würde ich ihre Wangen und ihren langen Hals berühren.
»Was geht ab?«, fragt Victor. »Oder hängt ihr hier nur rum?«
»Ann doch nicht«, versichert Helene und versucht, ihren Zorn runterzuschlucken. »Die erlebt immer spannende Sachen, vor allem, wenn sie alleine ist.«
Und dann plaudert sie alles aus, was ich ihr gestern Abend am Telefon erzählt habe. Mir gefällt die Art nicht, wie sie redet. Sie will mich zwar nicht lächerlich machen, aber sie muss die Jungs mit meiner Geschichte ja auch nicht zum Lachen bringen. Mit dem Schrei in der Fabrik, dem Lichtblitz, den Schritten auf dem Kies und dem verriegelten Tor. Aus ihrem Mund hört sich das total kindisch an, und ich lächle, als wäre alles, was ich ihr gestern erzählt habe, nur ein Spaß gewesen.
»Wie klang dieser Schrei noch mal?«
Ich lache mich krumm und schief, doch Victor wiederholt seine Frage und scheint es wirklich wissen zu wollen. Ich weiß nicht, ob ich ihm eine ernste Antwort geben und riskieren soll, mich noch lächerlicher zu machen.
»Gequält«, antworte ich in einem Ton, der halb ernst, halb ironisch ist. Ich glaube, das funktioniert. »So, als würde jemand gefoltert.«
»Gefoltert?«
»Wer weiß.«
Das Nicolai-Grinsen auf der anderen Seite des Tisches. »Da werden nachts Gefangene verhört, Bro. Echt unheimlich!« Ein gurgelnder Laut dringt aus seiner Kehle, und er verdreht die Augen, sodass man nur das Weiße sieht. »Wahrscheinlich die Russen-Mafia.«
Er gibt sein dämliches Lachen von sich, doch Helene bleibt ernst, weil sie merkt, dass Victor wirklich an der Sache interessiert ist. »Die Fabrik hat Nicos Familie gehört, ehe sie stillgelegt wurde«, erklärt sie.
»Ich weiß.« Er wendet sich wieder an mich. »Ein Mann hat also geschrien. Oder eine Frau?«
Ich bemühe mich, mir den Schrei ins Gedächtnis zu rufen.
»Bin mir nicht sicher, hörte sich mehr wie ein Tier an.«
Wie der Schrei einer Katze. Aber das behalte ich für mich.
»Vielleicht ein Werwolf«, schlägt Nicolai vor, legt den Kopf in den Nacken und stößt ein Heulen aus. Doch Victor schlägt ihm mit der Faust ziemlich hart gegen die Schulter.
»Los, wir fahren dorthin.«
Helene beugt sich zu Victor. »Können wir auch mitkommen?«
»Meinetwegen«, antwortet Nicolai und hustet, um zu überspielen, dass er eigentlich dagegen ist. Er hat dafür gesorgt, dass Victor und Helene sich kennengelernt haben. Das hat er nun davon.
»Ich muss bald nach Hause«, sagt Helene. »Meine Ma ist gestern total ausgerastet.«
Victor zieht sie an sich. »Wir bleiben nicht lange. Sehen uns nur ein bisschen um. Danach fahre ich dich nach Hause.«
Helene errötet leicht und fühlt sich zu einer Erklärung genötigt. Heute Morgen Schwimmtraining, am Sonntag um sieben Uhr aufgestanden. Als ob wir das nicht alles wüssten. Helene trainiert acht Mal in der Woche. Zwei Mal, ehe die Schule beginnt. Brauche ich noch zu sagen, dass sie die Beste ist?
Am alten Sägewerk überqueren wir den Riksveien. Victor auf dem Motorrad, Helene schmiegt sich an ihn. Langsam fahren sie neben uns her. Victor parkt auf dem Gelände des Sägewerks. Wir entdecken einen Pfad, der durch den Wald zum Fluss führt. Nicolai faselt immer noch von Mafia und Folter. Unbeeindruckt sagt Victor zu ihm, er solle die Klappe halten. Von diesen Dingen verstehe er nichts.
»Aber du natürlich!«, provoziert ihn Nicolai.
»Wovon redest du, verdammt?«
»Du hast natürlich Ahnung von so was.«
Victor sieht ihn schweigend an, sein Pony fällt ihm über die Augen. Seine schulterlangen Haare sind rabenschwarz. Gestern, als er auf der Schaukel saß und Helene und ich ihn gemeinsam angeschubst haben, kam ich mit ihnen in Berührung. Sie waren so weich wie das Fell einer Katze oder wie die Federn eines Vogels.
»Da, wo meine Familie herkommt, herrschen andere Regeln«, sagt er schließlich. Er zieht eine platt gedrückte Zigarettenschachtel aus der Tasche und reicht sie herum. Alle nehmen sich eine. Auch Helene.
»Ich wurde nach jemandem genannt, dem die Finger abgeschnitten wurden«, fährt er fort und gibt uns Feuer.
»Von der Mafia?«
»Von Soldaten.«
Er bläst den Rauch nach oben zwischen die Zweige. Ich behalte ihn im Mund. Er fühlt sich an wie glühende Wolle. Aber ich huste nicht.
»Die haben mehrere Tausend Leute in einem Fußballstadion gefangen gehalten«, sagt Victor mit ruhiger Stimme, doch hinter dieser Ruhe verbergen sich schreckliche Dinge. Das erinnert mich an meinen Vater, wenn er ausnahmsweise von seinem Job erzählt. »Der, dessen Namen ich trage, hat den anderen Gefangenen was vorgesungen. Die Soldaten haben ihm gesagt, dass er die Schnauze halten soll, aber er hat einfach weitergesungen. Da haben sie ihn gepackt und ihm die Finger abgeschnitten, einen nach dem anderen.«
»Das ist doch nicht wahr …?«
»Mein Großvater war dabei. Er hat versucht, die Soldaten davon abzuhalten, aber sie haben ihn niedergeschlagen.«
Victor legt den Kopf in den Nacken und beobachtet, wie sich der Rauch zwischen den Zweigen auflöst. Er hat Helene erzählt, dass durch seine Adern Indianerblut fließt.
»Nachdem sie ihm alle Finger abgeschnitten und alle Zähne eingeschlagen hatten, spuckte der Oberst ihm ins Gesicht und sagte: ›Jetzt kannst du singen, du Dreckskerl.‹«
»Oh nein«, stöhnt Helene und legt ihm den Arm um die Hüften.
»Und das hat er wirklich getan. Er ist aufgestanden und hat weitergesungen. Der Oberst wurde fuchsteufelswild und hat ihn in den Kopf geschossen. Drei Mal.« Victor hält sich den Zeigefinger an die Schläfe und drückt drei Mal ab.
»Und dein Opa hat das gesehen?«
»Vier, fünf Soldatenschweine haben ihn zu Boden gedrückt, er konnte nichts machen.«
»Er konnte dir nur den Namen des singenden Mannes geben«, sage ich. Victor dreht sich zu mir um und sieht mir tief in die Augen. Er hat rabenschwarze, unglaublich lange Wimpern und im Weißen seines einen Auges etwas, das wie eine Narbe aussieht.
»Du hast es verstanden«, entgegnet er. Ich kann nicht anders und wende mich von ihm ab und gehe weiter den Pfad entlang.
Die anderen folgen mir. Wir gehen am Fluss entlang bis zur Fußgängerbrücke.
»Hier hast du gestanden?« Victor legt seine Hände an das Tor. »Wie lange braucht man von hier bis zum Haupteingang?«
»Dazu müssen wir über die neue Brücke auf der anderen Seite«, antwortet Nicolai. »Das dauert bestimmt zehn, fünfzehn Minuten.«
»Dann nehmen wir diesen Weg«, entscheidet Victor. Er klettert das Tor hinauf, setzt den Fuß zwischen die spitzen Enden des Stacheldrahts und springt auf die andere Seite.
»Ich muss nach Hause«, sagt Helene, aber ich höre ihrer Stimme an, dass sie mitkommen wird. Schließlich ist sie Victors Freundin. Glaubt sie zumindest.
Die Dämmerung hat eingesetzt. Victor richtet die Taschenlampe seines Handys auf uns.
»Traut sich sonst keiner? Nico, du sagst doch immer, dass die Fabrik heute dir gehören könnte.«
Nicolai spuckt seinen Snus auf die Böschung, die zum Fluss hinunterführt, und klettert ebenfalls über den Zaun.
»Ich muss nach Hause«, wiederholt Helene, doch ich habe mich entschieden und nehme das Tor in Angriff, reiße mir am Stacheldraht die Haut auf. Aber ich sage nichts, schwinge meine Beine auf die andere Seite und lasse los. Victor fängt mich auf und hält mich lange fest, und ich denke, dass Helene vielleicht doch nach Hause geht, aber ein paar Sekunden später steht sie neben uns.
Victor überquert zuerst die Brücke, Nicolai ist direkt hinter ihm, danach folgen Helene und ich. Ich weiß nicht, wie oft ich schon auf der anderen Seite des Flusses hier vorbeigegangen bin, doch auf dem Fabrikgelände war ich noch nie. Die dunklen Backsteinmauern scheinen uns entgegenzukommen, vor einer bleiben wir stehen. Hoch oben sind mehrere, teils kaputte Fenster.
»Jetzt erzähle ich euch, warum wir hier sind«, sagt Victor.
»Na, um ein bisschen Spaß zu haben«, erwidert Nicolai grinsend.
»Spaß? Mit dir?« Victor stößt ihn leicht vor die Brust. Nicolai lacht, versucht es jedenfalls, und schiebt sich ein Stück Snus unter die Lippe.
»Mein Großvater hat hier gearbeitet, bevor die Fabrik geschlossen wurde.«
Nicolai verzieht das Gesicht. »Fängst du schon wieder mit deinem Großvater an?«
»Halt die Klappe und hör mir zu«, knurrt Victor. »Oder soll ich lieber von deinem Großvater erzählen, dem die Fabrik gehört hat? Das würde dich bestimmt sehr stolz machen.«
»Ich will es hören«, sagt Helene, »wenn die Geschichte nicht zu schlimm ist.«
»Ist sie aber. Soll Nico dich lieber nach Hause bringen?«
»Haha.«
Sicher will er das nicht, doch ich stelle mir vor, wie das wäre. Nicolai und Helene auf dem Heimweg, Victor und ich hier allein.
»Jetzt erzähl schon«, drängt Helene, die allmählich die Geduld verliert. Ihre Stimme klingt hoch und gepresst. Victor legt nicht den Arm um sie, wie er es sonst oft tut, wenn wir alle zusammen sind.
»Das war sein erster Job hier in Norwegen«, sagt er und schaut mich an. Ich bin es, der er die Geschichte erzählt. »Damals wurde hier Teerpappe hergestellt, oder, Nico?«
»Ja, glaub schon.«
»Die langen Pappbahnen wurden in riesige Behälter mit kochendem Teer getaucht, um sie wasserdicht zu machen. Mein Großvater war dafür verantwortlich, dass nichts festklebte, weil dann die ganze Produktion gestoppt werden musste. Die Maschinen bediente er nur, wenn andere eine Pause machten oder eine rauchen wollten oder so. Es war nämlich lebensgefährlich, da drinnen zu rauchen. Eines Abends hat er einen Mann abgelöst, der aufs Klo musste. Der Mann trug Holzschuhe und lief an der Wanne mit dem kochenden Teer entlang.«
Er macht eine Pause, ohne den Blick von mir abzuwenden.
»Ist das so wichtig, was für Schuhe er anhatte?«, will Nicolai wissen.
»Ist doch wohl klar«, antwortet Helene. »Aber du brauchst nicht weiterzuerzählen.« Sie zupft Victor hinten an seiner Jacke.
»Ich will aber den Rest hören«, sage ich.
Victor lächelt im Zwielicht. Seine Augen unter dem Pony sind nur noch zwei dunkle Schatten.
»Der Mann ist gestolpert.«
Das haben sich schon alle gedacht. »Und ist in die Wanne mit dem kochenden Teer gefallen«, fahre ich fort.
Victor nickt. »Mein Großvater lief zu ihm und packte ihn an der Jacke, aber es war zu spät.«
Plötzlich sehe ich alles vor mir. Ein Mann im Arbeitsanzug, vielleicht dunkelblau, er rudert mit den Armen und versinkt in der kochenden zähen Flüssigkeit.
»Ach du Scheiße«, sagt Nicolai. »Er ist echt in der Ölwanne gelandet?«
»Teer«, verbessert Victor ihn. »Kochender Teer.«
»Aber das kann nicht sein. Davon hätte ich bestimmt schon mal gehört. Mein Vater hat mir alles über die Fabrik erzählt. Mein Urgroßvater hat sie gegründet.«
Victor spuckt auf den Kies. »Dein Urgroßvater war nicht dabei. Mit Eisenstangen mussten sie den armen Kerl wieder herausfischen, besser gesagt, das, was von ihm noch übrig war. Die Haut war völlig weg, man sah nur noch Muskeln und Eingeweide.«
»Ach du Scheiße«, wiederholt Nico.
»Kein schöner Anblick.«
»Ist er gestorben?«
Erst jetzt legt Victor den Arm um Helene. »Was glaubst du wohl?«
»So ein Bad in kochendem Öl kann man nicht überleben.«
»Teer.«
»Da ist man sofort tot. Garantiert.«
»Schon möglich.«
»Wie meinst du das?«
Victor lässt Helene los, überquert den Platz und geht zu einer Treppe an der Mauer.
»Wer kommt mit rein?«
»Lass gut sein, Vic«, sagt Nicolai mit belegter Stimme.
»Hast du etwa Angst?«
Nicolai holt tief Luft. »Wovor sollte ich Angst haben?«
»Genau das ist die Frage. Gibt es irgendetwas, vor dem du Angst haben musst?«
»Vor einer stillgelegten Fabrik jedenfalls nicht.«
»Die Geschichte ist noch nicht zu Ende«, fügt Victor mit dramatischer Stimme hinzu, als wir zu ihm gehen. Er bückt sich unter einer Kette hindurch und steigt die Stufen hinauf.
»Meinst du damit, dass der Mann überlebt hat?«
»Ich sage nur, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist. Ein paar Wochen nach dem Unglück hat mein Großvater immer noch hier gearbeitet. Und eines Nachts, als er die Tür zum Umkleideraum abgeschlossen hat, hörte er einen Schrei, der aus dem Fabrikgebäude kam.«
»Echt?«
»Er hat diesen Schrei an mehreren Abenden nacheinander gehört, nachdem alle anderen schon nach Hause gegangen waren.«
»Gruselig!« Nicolai legt den Kopf in den Nacken und heult wie ein Wolf.
Victor zuckt mit den Schultern. »Wer will einen kostenlosen Rundgang mitmachen?«
Ich folge ihm die Stufen hinauf. Die anderen auch. Am Ende der Treppe hängt eine Tür lose an einem Scharnier. Victor hebt sie an und schwenkt sie zur Seite.
Wir betreten einen Gang. Im Lichtschein der Handys blitzen Glasscherben auf dem Boden. Es riecht nach Schimmel und altem Lack oder so was.
Victor drückt die Klinke einer Tür herunter. Abgeschlossen. Bei der nächsten hat er mehr Glück. Wir drängen uns auf einem Treppenabsatz zusammen und blicken in eine große Halle. Hoch oben an einer Wand ein paar Fenster, ein schwaches dunkelgelbes Licht vom Himmel draußen.
»Okay, jetzt haben wir’s ja gesehen«, sagt Helene und will wieder gehen. Doch Victor geht die Stufen der Wendeltreppe nach unten. Am Geländer blättert der Rost ab, und das Metall quietscht, als protestiere es dagegen, nach so langer Zeit berührt zu werden.
»Verdammt dunkel hier.« Nicolai lässt das Licht seines Handys umherwandern. Plötzlich trifft es auf etwas Großes, Schwarzes. »Mann!« Mit einem Schrei springt er zurück und hätte mich fast umgeworfen. Helene schreit auch.
»Was ist?« Victors Stimme von weiter unten.
»Weiß nicht. Sieht aus wie ein Kopf oder so.«
Victor kommt wieder zu uns nach oben. »Was redest du da?«
Nicolai zeigt es ihm mit der Lampe seines Handys. Victor leuchtet in dieselbe Richtung und geht näher heran. Fängt an zu lachen. »Davor hast du Angst? Eine Papprolle und ein Müllsack.«
Jetzt erkennen wir es auch. Jemand hat den Müllsack über die Rolle gestreift. Im Dunkeln sieht es so aus, als würde uns ein kräftiger Mann mit schwarzem Kopf auflauern. Victor zerrt an dem Sack und schiebt ihn über das Geländer. Wie ein riesiger Vogel schwebt er nach unten.
In der Halle übernimmt Nicolai die Führung. Will zeigen, dass er sich nicht ins Bockshorn jagen lässt. Plötzlich dreht er sich um, das Handy beleuchtet von unten sein Gesicht, aus seiner Kehle dringen gurgelnde Laute.
»Du solltest in der Geisterbahn arbeiten«, sagt Helene lässig. Ich mache übertriebene Geräusche, als würde ich mich gruseln, und Victor nimmt mich mit großer Beschützergeste in die Arme.
Überall türmt sich Gerümpel, ein Haufen mit Autoreifen und Plastikschläuchen, die Victor und Nicolai hin und her schwenken. An manchen Stellen liegen die Scherben zersplitterter Flaschen.
»Hier hat jemand Feuer gemacht.« Victor leuchtet zur hintersten Wand hinüber, wo ein paar halb verkohlte Holzscheite liegen, die Reste einer Zeitung, eine Decke, eine Kiste mit Limonade und zahlreiche Zigarettenkippen. Außerdem zwei Spritzennadeln und eine leere Flasche. Victor hebt sie auf und riecht daran.
Nicolai lässt sein Feuerzeug aufflammen. »Los, wir zünden es an. Dann wird’s echt romantisch hier.«
»Vielleicht kommen die Leute zurück, die hier waren«, protestiert Helene.
»Na und? Denen gehört dieser Ort ja nicht. Wir haben genauso das Recht, hier zu sein. Schließlich hat die Fabrik mal Nicos Großvater gehört. Stimmt’s, Nico? Also gehört sie jetzt fast dir.«
»Hör jetzt auf damit, Victor.«
Victor hebt die Reste der Zeitung auf. »10. März 2003.« Im Licht des Handys studiert er die Überschrift. »Könnte sich um den Irakkrieg drehen.«
Plötzlich höre ich nur wenige Meter entfernt ein Geräusch. »Was ist das?«
»Wo?«
»Da drüben raschelt was.«
Alle drehen den Kopf.
»Vielleicht eine Ratte«, sagt Nicolai.
»Könnte sein«, stimmt Victor zu. »Hier ist sowieso jede Menge Rattendreck.«
»Eigentlich haben wir jetzt genug gesehen«, meint Helene.
»Wir machen jetzt Feuer«, sagt Nico, der das Kommando übernommen hat. »Wir bleiben ein bisschen hier und wärmen uns auf. Dann gehen wir zu mir nach Hause.«
Er nimmt ein langes Holzbrett, lehnt es gegen die Wand und springt mit Anlauf darauf, sodass es in der Mitte entzweibricht.
»Das ist doch nicht dein Ernst?« Helenes Stimme klingt ziemlich dünn.
»Und ob das mein Ernst ist. War schließlich anstrengend genug, hierherzukommen. Was meinst du, Vic?«
»Frag die Mädchen.«
»Ich sollte längst zu Hause sein«, jammert Helene.
»Ann?«
Ich lasse meinen Blick durch den dunklen Raum schweifen. Spüre keine Angst. Oder es gefällt mir eben, Angst zu haben. »Ist schon okay für mich.«
»Dann ist die Sache entschieden«, erwidert Victor, und ich mag die Art, wie er das sagt. Wie er mir die Entscheidung überlässt.
Er tritt das Brett in kleine Teile und reißt die Zeitung auseinander. »Wie bei den Pfadfindern.« Er zündet das Papier an. Sein Lachen im Dunkeln bringt mich zum Schmunzeln.
Das Holz will kein Feuer fangen. Eine schwache zitternde Flamme, die jeden Moment ausgehen kann, doch Nicolai kniet sich hin, bläst in die Flamme, und sie wird größer.
»Alles klar zum Grillen«, sagt er. »Holt die Würstchen und Marshmallows raus.«
Helene setzt sich auf die Getränkekiste und streckt ihre Hände zum Feuer hin.
»Ist es hier passiert?«, frage ich plötzlich. »Mit dem Mann, der in den Teerbehälter gefallen ist?« Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn fast vor mir. Der Mann im Arbeitsanzug kommt im Dunkeln auf mich zu. Wo das Gesicht war, ist nur noch ein schwarzes Loch.
»Nein«, antwortet Victor. Er hilft Helene auf die Beine, setzt sich auf die Kiste und zieht sie auf seinen Schoß. Sie legt ihre Arme um seinen Hals. Nicolai zieht seine Parajumper-Jacke aus, breitet sie auf dem Boden aus und schaut zu mir herüber. »Setz dich da drauf, dann frierst du nicht so.«
So eine Jacke kostet über zehntausend Kronen, vielleicht zwölftausend. Ich setze mich darauf.
Victor zieht etwas aus der Innentasche seiner Jacke, ein kleines Tütchen, und wirft es zu uns rüber. »Aber jeder nur eine.« Es folgt eine Dose mit etwas zu trinken.
Nicolai nimmt eine Pille, steckt sie sich in den Mund, öffnet die Dose und trinkt. »Du weißt ja wohl, dass Anns Vater Drogenbulle ist«, sagt er und wirft das Tütchen über das Feuer zurück.
»Willst du mich verarschen?«, fragt Victor. »Stimmt das, Ann?«
»Das war er früher mal, vor seiner Beförderung.«
»Der hat damals Vorträge über Drogen an Schulen gehalten«, sagt Nicolai. »Dass das Teufelszeug ist und alle in die Hölle kommen, die so was nehmen.«
»Cool«, meint Victor. »Willst du auch eine, Ann?«
Helenes Blick ruht auf mir. Wir waren uns einig, dass wir niemals Drogen nehmen. Ich strecke ihm meine geöffnete Hand entgegen. Er legt eine kleine Pille hinein. Ich spüle sie mit Cola runter. Nichts passiert.
Nicolai lässt sich neben mich auf den Boden sinken, sitzt dicht neben mir. Sein Deo hat einen scheußlichen Geruch. Rhabarber und Rippchenfett.
»Der Behälter stand im Keller unter uns«, sagt Victor und steckt sich eine Zigarette an. »Dort haben sie die Pappen durch den flüssigen Teer gezogen. Hier oben wurden sie gerollt und gelagert.«
»Woher weißt du das?«
»Die Schreie, die mein Großvater hörte, kamen jedenfalls aus dem Keller. Als er das Licht in der Halle ausmachen und den Umkleideraum abschließen wollte.«
»Müssen wir schon wieder darüber reden?«, fragt Helene und steckt ihre Nase unter Victors Jackenkragen. Seine Haut ist bestimmt so weich wie ihre.
»Das muss die Tür da drüben sein«, fährt Victor fort und richtet sein Licht auf die gegenüberliegende Wand. »Hat jemand Lust auf eine kleine Kellerbesichtigung?«
»Nein danke«, murmelt Helene, »mir geht’s gut hier.« Sie schlingt auch den anderen Arm um Victor. »Sehr gut sogar.«
Und plötzlich liegt Nicolais Hand auf meiner. Ich wusste längst, dass er so was vorhatte, erschrecke aber trotzdem. Ich bin der Ersatz für Helene, die er nicht haben kann. Bringe es nicht fertig, die Hand wegzuschieben. Vor hundert Jahren hätte ich ihm einen Brief geschrieben. Lieber Nicolai Meyer. Ich bedauere außerordentlich, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich die Gefühle, die Sie für mich hegen mögen (denn ich bin nicht eingebildet), nicht vollständig erwidern kann. Vollständig sollte ich lieber streichen, damit er sich keine falschen Hoffnungen macht. Bitte versuchen Sie, mich zu verstehen. Hochachtungsvoll, Ihre (nicht in diesem Sinne, denn ich liebe einen anderen) Ann. Den Brief schicke ich mit der Postkutsche, die von zwei Schimmeln gezogen wird. Die Antwort erhalte ich einen Monat später. Liebste, verehrteste Ann! Ich bin tief unglücklich und werde Sie immer lieben, doch natürlich respektiere ich Ihren Wunsch, mich nicht wiedersehen zu wollen. Pflanzen Sie eine Rose auf mein Grab. Ach nein, den letzten Satz lassen wir weg. Er wird schon eine andere finden, für die er jedoch nie dasselbe empfinden wird wie für die erste und einzige Frau, die er je geliebt hat.
Victor und Helene küssen sich. Ich sehe zwar ihre Münder nicht, doch Helene dreht ihren Kopf hin und her, um ihre Leidenschaft zu demonstrieren.
Auf einmal höre ich ein Geräusch.
Anders als das Rascheln vorhin, das vielleicht von einer Ratte stammte. Als käme jemand die Wendeltreppe hinunter.
»Hörst du das?«, flüstere ich Nicolai zu und nutze die Gelegenheit, um meine Hand wegzuziehen. Doch plötzlich geschieht etwas in mir, mein Herz beginnt zu rasen. Ich springe auf.
»Wo willst du hin?«
Abrupt wende ich mich um und sehe zur Wendeltreppe. Auch Victor steht auf und blickt zur Treppe, weil er anscheinend dasselbe gehört hat wie ich. Er macht ein paar Schritte zur Seite, wird fast von der Dunkelheit verschluckt. Ich erahne seine Umrisse, als er zur Treppe geht. Plötzlich richtet er die Lampe seines Handys auf jemanden. Eine Gestalt dreht sich um und will die Stufen wieder hinaufrennen. Victor läuft ihr nach, packt sie und zerrt sie zu uns nach unten.
»Verdammter Spanner!«, ruft er.
Nicolai ist sofort bei ihnen. »Ist doch nur Streuner«, stellt er erleichtert fest.
Victor zieht Streuner zum Feuer.
»Lass los!«, fleht Streuner, doch Victor drückt den schmächtigen Körper zu Boden.
»Was tust du hier?«, knurrt er.
»Weiß nicht.«
»Was soll das heißen? Dass wir total verblödet sind? Ein Haufen Mongos?«
Streuner hat einen Rucksack auf dem Rücken. Victor reißt ihn herunter.
»Lass mich los, du Arschloch!«
Doch Victor setzt ihm einen Fuß auf den Nacken und wirft Nicolai den Rucksack zu. »Check mal, was da drin ist.«
»Der wird ja wohl kaum hierherkommen, um seine Hausaufgaben zu machen«, gibt Nicolai zurück und steckt seine Hand hinein. »Leer.«
Victor nimmt den Fuß weg, Streuner dreht sich herum, wird jetzt aber von Nicolai auf den Boden gedrückt. Auf einmal blickt Streuner zu mir hoch. So wie manchmal in der Schule, wenn er ausnahmsweise anwesend ist. Als wollte er irgendetwas von mir. Seine Augen sind weit aufgerissen, Schnodder hängt ihm aus der Nase.
»Bist du allein hier?«, will Victor wissen.
Streuner nickt.
»Natürlich ist er allein«, ätzt Nicolai. »Wer will schon mit so einem Tier etwas zu tun haben?«
Streuner versucht, aufzustehen.
»Verdammte Ratte!« Nicolai drückt ihn wieder zu Boden. »Du kannst froh sein, wenn wir dich nicht umbringen.«
Plötzlich ist Helene zur Stelle und zieht Nicolai weg. »Lass ihn gehen. Er hat nichts Schlimmes getan.«
»Nichts getan?«
»Auf jeden Fall nichts Schlimmeres als wir.«
»Ach nein? Er hat uns verfolgt und belauscht. Du hast keine Ahnung, wozu solche Typen fähig sind.«
Nicolai dreht immer mehr auf, was wahrscheinlich an den Pillen liegt. Auch ich spüre, dass ich immer wütender werde. Gar nicht unbedingt auf Streuner, doch habe ich große Lust, ihn heftig zu treten.
Victor beobachtet uns schweigend. Lässt uns gewähren, ohne sich einzumischen. Doch plötzlich wendet er sich an mich.
»Was meinst du, Ann? Sollen wir ihn gehen lassen?«
Als sollte ich alles entscheiden. Streuner ist ein Schwachkopf, aber er kann einem leidtun. Er kommt und geht, wann es ihm passt und ohne dass sich jemand darum kümmert. Im Klassenzimmer starrt er die anderen an. Vor allem Helene. Ich hasse es, wenn er so dasitzt. Alle wissen, dass sein Vater seine Mutter getötet hat. Manche sagen, Streuner hat zugesehen.
Tut er dir wirklich leid?
Sollte er das? Im Ann-Raum vielleicht. Ich glaub schon. Falls ich in diesem Raum wäre und Anns Gefühlen auf den Grund gehen könnte.
Ich schaue Helene an. Sie hat ihre Arme um Victor geschlungen, als gehörten sie beide zusammen und als wolle sie ihn nie wieder loslassen.
»Nein«, antworte ich.
»Wie nein?«
»Wir können ihn nicht einfach gehen lassen. So leicht darf er nicht davonkommen.«
Ich merke, dass Helene mich ansieht.
»Wir sperren ihn in den Keller«, sage ich. Sicher lachen die anderen über meinen Vorschlag.
»Gute Idee.« Victor nickt.
