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In Oslo kommt es zu einer rätselhaften Serie von Brandanschlägen, eine junge Frau verbrennt. Kommissar Horvath und sein Freund, der Journalist Dan-Levi, jagen den wahnsinnigen Pyromanen – den Feuermann, der an die reinigende Kraft der Flammen zu glauben scheint. Während die Brände wüten, verliebt sich der 18-jährige Karsten in seine pakistanische Mitschülerin Jasmeen, doch die älteren Brüder der streng muslimischen Familie versuchen, ihr die Beziehung zu verbieten. Plötzlich verschwindet Karsten spurlos, und der Feuermann ist immer noch auf freiem Fuß ... Mit äußerster Präzision stellt Damhaug die psychologischen Abgründe der norwegischen Gesellschaft dar und versteht es meisterhaft, den Leser immer wieder auf falsche Fährten zu locken.
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Seitenzahl: 739
Veröffentlichungsjahr: 2014
Torkil Damhaug
Feuermann
Roman
Aus dem Norwegischen von Knut Krüger
Knaur e-books
Ich betrachte ein Schwarzweißfoto. Wochenlang hat es vor mir auf dem Tisch gelegen, doch erst jetzt nehme ich es in die Hand und sehe es genauer an. Zwei Jungen und ein Wasserbüffel. Die Jungen tragen Gewänder und weiße Hosen und Sandalen. Hinter ihnen steht ein Mann, er ist zwischen vierzig und fünfzig. Sein Bart reicht ihm bis auf die Brust. Der Kragen seines weißen Gewands ist mit einer Inschrift bestickt. Er trägt einen Turban in einer dunkleren Farbe. Er schaut nicht in die Kamera, sondern auf die Jungen hinab. Sein Blick ist streng, doch vielleicht liegt auch ein wenig Kummer darin. Der eine Junge hat fast denselben Gesichtsausdruck, während der andere, der größer und dünner ist, seine Arme mit breitem Lächeln um den Hals des Büffels geschlungen hat.
Das Foto ist an dem Tag entstanden, als die Familie in ein neues Haus gezogen ist. Die früheren Einwohner waren Sikhs und schon vor Jahren nach Osten abgewandert, fort aus dem Flachland, das sich zwischen den Flüssen Jhelum, Chenab und Ravi erstreckt. Es war eine der größten Völkerwanderungen der Menschheitsgeschichte, ein Exodus infolge der Entscheidung weniger Männer, einen neuen Staat zu gründen. Das verlassene Haus der Sikhs war größer und heller als das vorige Haus der Familie und entsprach eher ihrem sozialen Rang. Der Vater war Vorsitzender des Dorfrats, und seine Stimme hatte Gewicht. Bei festlichen Anlässen in anderen Regionen vertrat er oft sein Dorf und war mit vier Söhnen gesegnet. Zahir, der Junge links auf dem Foto, war der stärkste und konnte sein Recht zur Not mittels eines Faustkampfs durchsetzen. Der Junge zur Rechten, mit dem breiten Grinsen, ist Khalid. Er war ein Jahr jünger als sein Bruder, ihm im Reiten jedoch überlegen. Außerdem war er ein helles Köpfchen und derjenige, der die Schule abschließen durfte.
Die Familie besaß fast hundert Dekar Land, drei Wasserbüffel, zwei Pferde und eben vier Söhne, die, als sie heranwuchsen, bei der Feldarbeit halfen. Doch vor allem gehörte ein Brunnen des Dorfes zum Familienbesitz. So hatten sie ungehindert Zugang zum Wasser und ließen andere, die es ebenso dringend benötigten, dafür bezahlen. Als einer der Ersten erwarb der Vater ein Radio, und viele Jahre später, in der winterlichen Dunkelheit eines Landes, dessen Name ihm damals unbekannt war, erinnerte sich Khalid besonders gut daran, wie die Grundbesitzer des Dorfes in ihrem Wohnzimmer zusammenkamen und sich mit qualmenden Opiumpfeifen um das Radio scharten, um der Übertragung eines Kricketmatches oder einer Präsidentenansprache zu lauschen oder um Musik zu hören.
Die Mutter fehlt auf dem Foto, und vielleicht war das Bild, das sich Khalid in seinem Inneren von ihr bewahren sollte, deshalb umso klarer. Die rötlichen Haare, nur teilweise von einem Tuch verdeckt, und das Gesicht mit den lächelnden Augen. Wahrscheinlich versuchte sie stets, ihre Söhne gleich zu behandeln, doch konnte sie nie verbergen, dass sie eine besondere Schwäche für ihn hatte. Sie nannte ihn ihren Prinzen und bezeichnete es als ihre spezielle Aufgabe im Leben, dafür zu sorgen, dass er glücklich werde. Nach seinem achtzehnten Geburtstag wurde Khalid mit einer Cousine aus Kanak Pind, einem nahe gelegenen Dorf, verheiratet. Im nächsten Frühjahr sollten sie Eltern werden, doch Kismet, das Schicksal, wollte es anders. Das Kind klammerte sich fest, und auch der Arzt, der nach zwei Tagen gerufen wurde, konnte nichts anderes tun, als zu ziehen und zu drücken. Als das Kind schließlich ans Tageslicht befördert wurde, war es zu spät. Und mit in den Tod nahm es diejenige, die es hätte gebären sollen.
Die Erde gab Khalids Familie mehr, als sie zum Leben brauchte, doch der Vater dachte über den nächsten Sonnenuntergang hinaus. Der Überschuss konnte in Tiere investiert werden, er konnte größere Ackerflächen pachten, um die Ernte zu vergrößern, doch neues Land zu erwerben war praktisch unmöglich. Und wenn seine Söhne, nachdem seine Zeit um war, dereinst den Grundbesitz unter sich aufteilten, hätte jeder von ihnen große Schwierigkeiten, die zahlreichen Nachkommen satt zu bekommen. Es gab nur eine Lösung: Ein oder zwei seiner Söhne mussten einen Job in einem anderen Land annehmen.
Vieles sprach für Khalid. Seine Frau war gestorben, er war der klügste der Brüder und zehn Jahre lang zur Schule gegangen. Außerdem stand er auf eigenen Beinen, und niemand zweifelte daran, dass er überall in der Welt zurechtkam. Nur seine Mutter ertrug den Gedanken nicht, ihn entbehren zu müssen. Doch vielleicht trug gerade dies zum Entschluss des Vaters bei.
Khalid Chadar kam spät an einem Tag im Dezember des Jahres 1974 in Oslo an. Von der Kälte, dem Schnee, der Dunkelheit hatte er schon gehört. Vor seiner Abreise hatte er alles, was er in die Finger kriegen konnte, über das so unfassbar weit im Norden liegende Land gelesen. Er glaubte, er sei vorbereitet. Doch als er frierend wie nie zuvor in seinem Leben durch die dunklen Straßen stapfte, schwere Eiszapfen hingen von den Dächern, spürte er zum ersten Mal eine abgrundtiefe Verzweiflung in sich aufsteigen. Mit Kälte und Dunkelheit kam er schon zurecht. Doch er verstand die Einheimischen nicht, was nicht nur an ihrer Sprache lag, sondern vor allem an der Art, wie sie ihm begegneten – freundlich und distanziert zugleich. Und wenn er versuchte, diese seltsame Freundlichkeit zu imitieren, wichen sie ihm aus und verschwanden.
In einer städtischen Brauerei bekam er einen Job. Wohnte mit vier anderen Männern aus dem Pandschab in einer kleinen Mietwohnung. Sie waren alle niederer Herkunft als er. Der Name Chadar ließ sich bis zu König Pandu aus dem Mahabharata zurückführen.
Er lernte einen anderen Landsmann in der Brauerei kennen. Kammi gehörte einer niederen Schicht an, woran er in jeder Situation erinnert wurde. Dieser Kammi wohnte auf einem nördlich von Oslo gelegenen Bauernhof. Eines Tages, der Winter ging langsam zur Neige, lud er Khalid zu sich auf den Hof ein. Trotz Kälte war es inzwischen heller geworden. Am schlimmsten war die Dunkelheit tagsüber. Manchmal hatte Khalid die Sonne wochenlang nicht zu Gesicht bekommen. Und von dem Tag auf dem Gut Stornes sollte er am besten das Licht im Gedächtnis behalten, das vom Schnee auf den Feldern reflektiert wurde, von oben und unten zugleich kam und so grell war, dass er unwillkürlich die Augen zusammenkneifen musste.
Die Leute auf dem Hof waren anders als die in der Stadt. Sie sprachen mit ihm ohne diese distanzierte Freundlichkeit, die er im Lauf der Zeit als eine Form der Verachtung durchschaut hatte. Er wurde ins Wohnzimmer zu Kaffee und Kuchen eingeladen, und sie fragten ihn nach dem Land, aus dem er kam, nach Familie und Kindern. Als sie hörten, dass er bereits verwitwet war, bekamen die Frau und eine ihrer Töchter traurige Augen.
Sie hatten einen besonderen Grund, ihn einzuladen, weil er sich dem Vernehmen nach mit Pferden auskannte und sie jemand suchten, der sie im Stall mit den zwanzig Stuten und den zwei Hengsten unterstützte. Khalid glaubte, sich verhört zu haben, als die Frau sagte, sie führe ihn herum. Allein mit einer fremden Frau in einem Stall? Das war ihm unbegreiflich. Aber der Mann auf dem Hof hatte in der nächsten Stadt etwas zu erledigen, und so überließ er die Angelegenheit ohne zu zögern seiner Frau. Und sie war weiß Gott nicht hässlich, obwohl Khalid sich Mühe gab, sie nicht anzusehen.
In kürzester Zeit wurde deutlich, dass er einen Draht zu den Tieren hatte. Er spürte sofort, welchen Pferden er nahe kommen durfte und zu welchen er lieber ein wenig Abstand hielt. Und selbst im Halbdunkel erkannte er rasch, welches der angebundenen Pferde die Vorherrschaft beanspruchte. Mit dem Hengst nahm er sich besonders viel Zeit.
Eine Woche später zog er auf das Gut Stornes. Im kleinsten Haus bekam er ein eigenes Zimmer. Die Küche teilte er sich mit Kammi aus dem Pandschab. Außerdem durfte er ein Bad im Wohnhaus der Familie benutzen. Die Arbeit mit den Pferden und der Job in der Brauerei ließen sich gut vereinbaren. Jetzt hatte er zwei Einkünfte, die um ein Vielfaches höher waren als die bestbezahlten Jobs in seinem Heimatdorf. Jeden Monat schickte er zwei Drittel seines Verdienstes nach Hause. Sein Vater revanchierte sich mit Dankesbriefen, aus denen mehr als deutlich hervorging, dass Khalid, sollte er je wieder heiraten wollen, freie Auswahl unter den vornehmsten Familien in Gujrat hatte.
Auf dem Bauernhof Stornes wohnten zwei Töchter. Die ältere hieß Gunnhild. Sie war zweiundzwanzig und hatte, was man einen Freund nannte. Er war ein paar Jahre älter als sie und gab damit an, Offizier bei der Armee zu sein. Khalid Chadar war zutiefst schockiert, als er eines Tages beobachtete, wie die junge Frau – mit kurzer Lederjacke, einer eng sitzenden Hose und offenen Haaren – zu diesem Freund ins Auto stieg. Und als er einmal am frühen Abend aus dem Stall kam, erblickte er sie weit zurückgelehnt auf dem Vordersitz, den Freund über sich. Er hatte eine Hand unter ihren Pullover gesteckt.
Khalid sprach mit Kammi über diesen Vorfall. Der wohnte bereits seit mehreren Jahren in Norwegen und erzählte, er habe im Sommer in den Parks noch ganz andere Dinge gesehen. Da lägen überall Frauen in winzigen Tangas und mit nackten Brüsten. Khalid glaubte ihm nicht. Kammi entgegnete grinsend, er solle nur abwarten, bis der Schnee geschmolzen sei.
Dass Gunnhild sich von ihrem Freund in aller Öffentlichkeit entkleiden ließ, bedeutete nicht, dass sie ihn heiraten wollte.
»Vielleicht, vielleicht nicht«, antwortete sie geheimnisvoll, als Khalid sie danach fragte. Dann fügte sie lachend hinzu: »Tord ist ein bisschen träge. Vielleicht kommst du ihm ja zuvor.«
Wollte sie ihn zum Narren halten?
Etwas in ihrer Stimme und in ihrem Blick gab ihm das Gefühl, dass sie es wirklich ernst meinte. Und in schwachen Augenblicken spielte er mit dem Gedanken, mit einer norwegischen Frau nach Pandschab zurückzukehren. Sie würde darauf bestehen, zwei Schritte vor ihm die Straße entlangzugehen, breit lächelnd, mit blonden Haaren, ohne Kopftuch. Manchmal musste er nachts das Licht anschalten und das Foto von der Kommode nehmen, das Foto von ihm und Zahir mit dem Wasserbüffel. Dann versuchte er, Blickkontakt mit seinem Vater zu bekommen, der im Hintergrund stand. Erst danach fand er wirklich Ruhe.
Doch nicht nur Gunnhild setzte ihm diesen Floh ins Ohr. Ihre Mutter, eine stets freundlich lächelnde Frau, die schon über fünfzig sein musste, fragte ihn geradeheraus, ob er sich in Norwegen eine neue Frau suchen wolle. Er hatte sich angewöhnt, in ihr Lachen einzustimmen, wenn Mutter und Tochter am Küchentisch saßen und Wein tranken, obwohl er nie verstand, was an ihren Bemerkungen so komisch war. Sie waren respektlos, und so empfand er manchmal einen unbändigen Zorn, wenn er vom Küchentisch aufstand und ging.
Die jüngere Tochter war sechzehn Jahre alt. Sie hieß Elsa und war das krasse Gegenteil ihrer Schwester. Dunkle Haare und dunkelblaue ernste Augen. Sie sprach weniger, lachte weniger, doch wenn sie etwas sagte, gefiel es ihm. Sie war sehr nachdenklich, worin er sich wiedererkannte. Tief im Inneren des Prinzen, als den sie ihn zu Hause im Pandschab behandelt hatten, des von Gott gesegneten, dem alles glückte, hatte er stets etwas empfunden, das ihn still werden ließ, und in sich versunken war er über die Senffelder gestreift, zwischen den Bäumen hindurch, um am heiligen Grab niederzuknien und zu beten.
Manchmal blieb er mit Elsa am Küchentisch sitzen. Sie sprach gut Englisch, besser als ihre große Schwester, und hatte sich in den Kopf gesetzt, ihm Norwegisch beizubringen. Sie legte ein anderes Interesse als Gunnhild an den Tag, fragte ihn, wo er herkam, wie es dort aussah, wie die Leute dort lebten und was sie dachten. Wenn er erzählte, hörte sie ihm aufmerksam zu, als wären all diese Dinge ihr besonders wichtig. Als sie ihn nach seinem Gott fragte, antwortete er, dass Allah der Gott aller Menschen sei, auch ihrer. Sein Mitbewohner Kammi hatte ihn vor solchen Diskussionen gewarnt, und Khalid hatte bislang auch nie das Bedürfnis verspürt, mit jemand über seinen Glauben zu reden. Er betete zwar, doch nicht fünf Mal am Tag. Er befolgte die Vorschriften des Korans nicht in jeder Kleinigkeit und hatte im Winter mehrmals Bier aus der Brauerei getrunken. Mit der Fastenzeit hielt er es so lala, und die Pilgerreise nach Mekka stand auch nicht gerade auf der Tagesordnung. Doch wenn dieses Mädchen mit den großen dunkelblauen Augen sich nach Gott erkundigte, konnte er mit größter Selbstverständlichkeit über ihn Auskunft geben. Ohne Allah gebe es keine Menschen, keine Tiere, keine Welt. Sie nickte langsam, als teile sie diesen Gedanken mit ihm.
In diesem bekehrten Land, in dem nichts haram, ungesetzlich, und auch nichts heilig war – an einem Tag glaubten die Menschen an Gott, am nächsten leugneten sie ihn –, schickte man ein sechzehnjähriges Mädchen mit einem fremden Mann in den Stall. Das war noch schockierender als beim letzten Mal, als die Frau des Hauses mit ihm in den Stall gegangen war. Eines Nachmittags begleitete der Freund der Schwester Elsa dorthin. Vielleicht wollte dieser Tord, wie er hieß, etwas aus dem Stall holen, denn er trug eine Kiste. Er hielt sich von den Pferden fern, als hätte er Angst vor ihnen. Von seinem Zimmerfenster aus sah Khalid, wie sie den Hofplatz überquerten. Nach fünf Minuten waren sie immer noch nicht zurückgekehrt. Er wartete noch eine Minute, zwei Minuten. Dann zog er sich hastig seine Jacke an und marschierte hinüber. Sie waren nicht im Stall. Plötzlich hörte er Tords Stimme vom Heuboden, sie brummte irgendetwas, darauf Elsas Stimme und ein kurzer Schrei. Zweifellos ein Hilferuf. Khalid griff zu einem Spaten und riss die Tür sperrangelweit auf. Im Halbdunkel sah er Elsa im Heu liegen, Tord war über ihr. Er machte einen Satz und schlug ihm den Spaten auf den Rücken. Tord brüllte vor Schmerz auf und warf sich zur Seite. Er rappelte sich auf und kam auf Khalid zu. Sie waren gleich groß. Khalid hob den Spaten, um ein zweites Mal zuzuschlagen.
Doch Elsa stand mit einem Mal zwischen ihnen.
»Lass ihn!«
Er hatte keine Ahnung, wen sie meinte.
»Scheiß Paki«, fauchte Tord.
Khalid trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wenn du sie noch einmal anrührst, töte ich dich«, sagte er mit ruhiger Stimme.
Tord spuckte auf den Boden, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte davon.
»Erzähl das deinem Vater!«, rief Khalid. »Er muss wissen, was der Freund deiner Schwester für ein Kerl ist.«
Elsa schüttelte den Kopf.
In den nächsten Tagen ließ Khalid Elsa im Stall nicht allein, und Tord war klug genug, ihm aus dem Weg zu gehen. Elsa sagte, dass er sich ihr nicht noch einmal nähern werde, doch Khalid wollte auf der sicheren Seite sein. Und Elsa versorgte offenbar gern zusammen mit ihm die Pferde. Sie hatten dieselbe Art, mit ihnen umzugehen. Sie war mit allen Pferden vertraut, sprach lange mit ihnen und merkte schnell, wenn etwas nicht stimmte.
Als Khalid die Pferde eines Morgens fütterte, ging hinter ihm die Tür auf. Er zuckte zusammen, ließ alles fallen, und machte sich bereit, Tord zu begegnen. Doch es war Elsa, die mit Zaumzeug und Bürste zu ihm in den Stall kam.
»Bist du nicht in der Schule?«, fragte er erstaunt.
Sie zuckte die Schultern. »Heute bin ich krank.«
»Was fehlt dir denn?«
Ohne zu antworten, striegelte sie eine Stute. Sie war trächtig und konnte jeden Tag fohlen.
Er machte sich fertig und wollte gehen. Er war schon zuvor mit ihr allein gewesen, aber da hatte immer einer ihrer Eltern Bescheid gewusst. Nun, glaubte er, waren sie nicht einmal zu Hause.
»Komm her, Khalid«, sagte sie, als sei es das Natürlichste auf der Welt, dass ein Mädchen, das fast zehn Jahre jünger war als er, ihn in einem Stall mit Arbeitsaufträgen versorgte.
Er ging langsam zu der trächtigen Stute und strich ihr über den Nacken.
»Fühl mal.«
Elsa nahm seine Hand und führte sie unter den Bauch.
»Spürst du was?«
Es bewegte sich etwas im Bauch.
»Wie viele sind es wohl?«
Er ließ seine Hand langsam vor- und zurückgleiten, während er den Kopf der Stute im Auge behielt.
»Zwei«, antwortete er. »Ich glaube, es sind zwei.«
»Ich auch«, sagte sie und stand direkt neben ihm. »So viele Kinder, wie diese Stute zur Welt bringt, werde ich auch mal haben.«
Er musste lächeln. So eine Aussage war typisch für sie. Manchmal nahm sie einen Traum als Zeichen, dass bald etwas passieren würde. Sie hatte ihm anvertraut, dass sie übersinnliche Fähigkeiten habe. Sie könne Dinge sehen, die für andere unsichtbar seien. In seiner Heimat waren solche Fähigkeiten weit verbreitet. In seinem Dorf lebte ein hellsichtiger Mann, der den Leuten, die mit ihren Sorgen zu ihm kamen, ihr Kismet, Schicksal, vorhersagte. Und warum sollte diese junge Frau, wenn es Gottes Wille war, nicht auch solche Kräfte besitzen? Leicht berührte er eine Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war, und strich sie zurück. Was dann geschah, war Kismet. Daran musste er denken, als er im dunklen Stall stand. Sein Schicksal hatte ihn in dieses Land im Norden geführt, zu diesem Bauernhof, wo man ihn mit einer nie zuvor gekannten Herzlichkeit aufgenommen hatte.
Das sagte er zu ihr. Das Schicksal habe es so bestimmt, dass sie jetzt so nahe bei ihm stehe und er ihren Atem an seinem Hals spüre. Und als sie nickte, übernahm das Schicksal die Regie und führte ihn.
In diesem Frühjahr ritten sie oft gemeinsam aus. Sie ließen die Pferde im Schritt an Bachläufen entlanggehen, an denen das Wasser über die Ufer getreten war, und galoppierten drauflos, wenn sie auf einen grasbewachsenen Pfad stießen. An einem Weiher im Wald hielten sie an. Sie hatte eine Decke dabei, die sie auf der Erde ausbreitete. Und während er dalag und sie betrachtete, stellte sie sich ins grelle Sonnenlicht und zog sich aus.
»Wir können in das Land ziehen, aus dem du kommst«, schlug sie eines Tages vor, als sie neben ihm lag.
»Das wäre schön«, erwiderte er lächelnd und erwähnte mit keinem Wort die unüberwindlichen Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen würden.
»Ich würde so gern auf deinem Hof wohnen und auf den Pferden reiten. Ich könnte auch bei der Feldarbeit helfen. Oder vielleicht als Lehrerin an der Dorfschule arbeiten.«
»Ja, das würde gut zu dir passen«, sagte er und nickte. »Aber du müsstest zum Islam übertreten, hast du daran schon gedacht?«
»Das kann ja wohl nicht so schwierig sein.«
»Nein, schwierig ist es nicht. Aber dann brauchst du auch einen neuen Namen.«
»Kann ich mir den selbst aussuchen?«
Er dachte nach. »Es müsste ein muslimischer Name sein, aus Pakistan.«
»Ich würde mich Jasmin nennen«, sagte sie. »Ich liebe den Geruch. Ginge das?«
Er kannte niemand, der so hieß. »Das weiß ich nicht.«
Der Frühling in diesem Land war noch unbegreiflicher als der Winter. Nun verschwand die Sonne fast gar nicht mehr, und so wachte er nachts manchmal auf und wälzte sich im Bett hin und her, weil graues Licht durch die Gardinen drang. Kammi erzählte ihm, dass dieses Licht allmählich immer stärker werde, bis die ganze Nacht erleuchtet sei.
In einer solchen Nacht, es war Ende Mai, wurde er geweckt, weil sie plötzlich neben seinem Bett stand. Zunächst glaubte er, sie sei ein Dschinn, ein Geist, der ihm etwas erzählen wollte. Er hatte Angst, ohne es zu wissen. Erst als sie ihn berührte, beruhigte er sich.
»Habe ich dich erschreckt?«
Er schüttelte entschieden den Kopf, wollte nicht, dass sie noch näher kam, doch es war zu spät.
»Ich muss mit dir reden«, flüsterte sie und setzte sich auf die Bettkante.
Dieses Mal war es anders als bei den gemeinsamen Reitausflügen, als sie sich auf dem Heuboden hinter dem Stall umarmt oder ihre Hände sich im Schutz der Pferdekörper unter fremde Kleider gestohlen hatten. Dies war sein Schlafzimmer, sie hatte hier nichts zu suchen, denn niemand durfte wissen, was zwischen ihnen geschah. Weder Tord, der ihn abgrundtief hasste und jedes Mal ausspuckte, wenn er ihn sah, noch Gunnhild, noch seine Eltern, oder Kammi, mit dem er zusammenwohnte. Vor allem nicht Kammi, denn falls er etwas erfuhr, würden sich die Gerüchte binnen weniger Stunden unter seinen Landsleuten aus dem Pandschab ausbreiten und unaufhaltsam auch Khalids Heimatdorf erreichen.
»Du darfst hier nicht sein«, sagte er leise.
Sie blieb sitzen. »Ich geh schon«, murmelte sie schließlich. »Aber zuerst muss ich dir etwas sagen.«
Er blieb an diesem Morgen im Bett liegen. Er konnte nicht aufstehen. Als hätte sich eine riesige Hand auf seinen Brustkorb gelegt, die ihn nach unten drückte. Der Hofbesitzer kam zu ihm, fragte, ob er einen Arzt brauche. Er lehnte dankend ab und schaffte es nicht, den Kopf vom Kissen zu heben. Er sei fix und fertig, erklärte er, diesen Ausdruck hatte er in dem neuen Land gelernt.
Er lag in dem grauen, alles durchdringenden Licht und dachte an das, was Elsa gesagt hatte. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass sie bis ans Ende ihrer Tage zusammenblieben. Ihre Eltern würden es sicher irgendwann akzeptieren. Natürlich würden sie erst einmal ein Heidenspektakel veranstalten, Zeter und Mordio schreien, mit ihr schimpfen und ihr drohen, doch am Ende gäben sie Ruhe und fänden sich damit ab. Und selbst wenn nicht, sei sie bereit, mit ihm in sein Heimatland zu ziehen. Sie habe viel an die Geschichten gedacht, die er ihr von dort erzählt habe, sagte sie. Manche handelten davon, wie Gottes Liebe zu den Menschen sich in der Liebe zwischen Mann und Frau widerspiegele, und diese Liebe sei in der Lage, alles zu überwinden, auch den Tod. Sie war sechzehn und galt in diesem Land fast noch als Kind. Und sie dachte immer noch wie ein Kind. Sogar ihren muslimischen Namen hatte sie sich bereits ausgesucht. Jasmin kam eigentlich aus dem Persischen, hatte er herausgefunden, also müsste es möglich sein.
Den ganzen Tag drehte er sich in seinem Bett hin und her, voller Angst und in Schweiß gebadet. Im Laufe des Nachmittags wurde er ernstlich krank.
Vieles andere könnte man von Khalid Chadar berichten, wäre dies seine Geschichte. Er selbst sagt, sie hätten ihn geschlagen, mit Gefängnis und Landesverweis gedroht, damit, sein Leben zu zerstören. Doch die Familie auf Stornes konnte nichts gegen ihn ausrichten, er hatte gegen kein Gesetz ihres Landes verstoßen. Und letzten Endes wollten sie ebenso wie er alles dafür tun, dass darüber nichts an die Öffentlichkeit gelangte. Er hatte einige der Gesetze gebrochen, die sein eigenes Leben bestimmten, darum wandte er sich seinem Gott zu und überließ IHM das Urteil. Er betete jetzt öfter, hielt die Gebetszeiten ein und versprach, eines Tages die Reise zum heiligsten aller Orte anzutreten. Und seine Gebete müssen erhört worden sein, denn nach wenigen Monaten begriff er, dass niemand etwas erfahren würde, niemand außer denen, die allen Grund hatten, es für sich zu behalten.
Das Folgende soll von Ereignissen handeln, die viele Menschen das Leben kostete. Manche von ihnen habe ich persönlich gekannt. Auch diese Geschichte hat keinen Anfang, doch lasse ich sie mit Khalid beginnen, mit dem Schwarzweißfoto, auf dem sein Bruder und er zu sehen sind und er seine Arme um den Hals des Wasserbüffels geschlungen hat, während ihr Vater auf sie herabsieht. Ich bin auf das Foto gestoßen, nachdem ich Klarheit darüber gewonnen hatte, was wirklich geschah. Damals versuchte ich noch immer, den Sinn des Ganzen zu begreifen.
April 2003
Eine Glut kann glimmen und erlöschen. Sie kann glimmen und sich entzünden. Am spannendsten ist der Zeitraum, wo noch alles möglich ist. Du hast die Vorbereitungen abgeschlossen und dich zurückgezogen. Lässt den Dingen, die du nicht mehr kontrollieren kannst, ihren Lauf: die Entzündbarkeit des Materials, Feuchtigkeit und Sauerstoffzufuhr.
Die Glut, die sich zu einem Feuer entwickeln kann, findet man in einer halb aufgerauchten Zigarette. Sie glimmt eine Minute, vielleicht länger. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht erlischt, sondern sich zum anderen Ende der filterlosen Zigarette hin ausbreitet, lässt sich berechnen. Dort wird sie mindestens eines der drei Streichhölzer entzünden, die von einem Gummiband zusammengehalten werden.
Das ist der zweite kritische Punkt: Hat die Glut genug Energie, um sich bis zu den aus Papier bestehenden Streichhölzern vorzuarbeiten? Ist dies der Fall, wird aus der Glut eine winzige Flamme, die auf die Streichholzköpfe wie ein blinder Regenwurm zukriecht. Dies wird weniger als zwanzig Sekunden in Anspruch nehmen, dann folgt eine kleine zischende Explosion. Die Flamme befindet sich nun an der Schwelle vom Möglichen zum Unausweichlichen. Neigt sie sich nach vorne, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, entzündet sich ein Feuer und frisst sich durch einen Streifen Baumwolle, der zuvor mit einer entzündlichen Flüssigkeit getränkt wurde, die man im Sommer zum Grillen von Fleisch und Fisch verwendet.
Aber der Sommer ist noch fern, es ist die Nacht zum zweiten April. Die Pferde wissen längst, dass etwas passieren wird. Sie sind aufgestanden, ihre Köpfe streichen über den Boden, manche werfen ihn zur Seite, um die anderen zu warnen. Wir müssen jetzt zusammenhalten, heißt das vielleicht, niemand darf aus der Herde ausbrechen.
Manche Menschen reagieren ähnlich, wenn Gefahr im Verzug ist. Sie drängen sich an andere Menschen, suchen Schutz, indem sie größtmögliche Nähe herstellen. Andere hingegen wollen ausbrechen und weglaufen, und einige wenige drehen sich um und stellen sich der Gefahr.
Das interessiert ihn. Wie Tiere auf eine Bedrohung reagieren und wie eine gefährliche Situation Menschen dazu bringt, sich wie Tiere zu verhalten. Pferde können nicht denken, glaubt er zu wissen, und dieses Leben in Gedankenlosigkeit erfüllt ihn mit einem Erstaunen, das an Zorn grenzt. Dieses Tier, das viele so schön finden und dem absurde Eigenschaften zugeschrieben werden, ist in Wahrheit ein unglaublich primitives Geschöpf mit einem verblüffend einfach strukturierten Gehirn.
Irgendwo hatte er gelesen, dass Pferde mehr zur Panik neigen als andere Tiere. Das erklärte vielleicht die Brutalität, die sie in manchen, ja in uns allen zu wecken vermögen. Kein anderes Tier verleitet den Menschen zu mehr Grausamkeit, denkt er, als er zwischen den Tannen auf einen Stein klettert. Von hier aus kann er zwischen den Bäumen hindurch den Hof betrachten. Es sind vier Minuten vergangen, seit er den Stall verlassen, die Tür mit dem kaputten Schloss zugezogen hat und um die Ecke verschwunden ist.
Vor ein paar Monaten ist er ein paar Mal auf dem Hof gewesen. Nicht, um reiten zu lernen. Auch fühlte er sich nicht zu diesen gedankenlosen Tieren hingezogen, zu ihren großen muskulösen Leibern, den Hengsten mit ihren mächtigen Geschlechtsorganen, die aus der Hülle unter den Bäuchen herausdrängten, den schaukelnden Bewegungen ihrer Flanken. Er interessierte sich nicht für die weiblichen Wesen, die ständig um die Pferde herumschwirrten, zwölf-, dreizehnjährige Mädchen, junge und ältere Frauen, deren Verhältnis zu den Pferden nicht mehr ungetrübt sein konnte. Die Mädchen blieben stundenlang im Stall, misteten aus, streichelten die Pferde und striegelten sie, genossen ihre Nähe. Als ob auch sie Schutz suchten. Wie konnten diese gedankenlosen, von Panik gesteuerten Geschöpfe nur solche Gefühle auslösen? Erst beim dritten Mal merkte er, dass ihre Faszination ihn wütend machte. Einmal hatte er die Beherrschung verloren und einer Stute auf das Maul geschlagen, nur leicht, dennoch hatte sich die Stute aufgebäumt, und das Weiße in ihren Augen war zu sehen gewesen. Er hatte geglaubt, allein im Stall zu sein, doch eines der Mädchen war unbemerkt hereingekommen, und als er sich umdrehte und ihren Blick sah, wusste er, dass sie es weitererzählen würde. Er trat einen Schritt auf sie zu, worauf sie sich an der Mähne des Pferdes festklammerte, das sie striegeln wollte. Doch er nahm sich zusammen und verließ den Stall.
Erst letzte Woche war er wieder dorthin gefahren. Es war Tag der offenen Tür gewesen, und er hatte sich einer Gruppe angeschlossen, die meisten von ihnen Eltern mit kleinen Kindern. Sie hielten die Knirpse vor den Pferdegesichtern in die Höhe. Ihm wurde übel, fast musste er sich übergeben, doch er riss sich zusammen, hörte den ewig plappernden Müttern zu und sah, wie sich Kinderfinger nach feuchten Mäulern ausstreckten. In diesem Moment nahmen die Gedanken, die er lange mit sich herumgetragen hatte, Gestalt an und führten zu einer Entscheidung.
Er sah auf die Uhr. Sechs Minuten. Die Sache war entschieden. Schon als er mit vorsichtigen Schritten durch den schummrigen Stall tappte, waren die Pferde unruhig geworden, erste Anzeichen der bald ausbrechenden Panik. Während er wartete, wurde ihm leichter ums Herz. Alles war ungewiss. Vielleicht würde nichts passieren. Die Pferde konnten sich wieder beruhigen, und die Menschen wurden nicht aus ihrem Nachtschlaf gerissen.
Sieben Minuten. Weiterhin war nichts entschieden. Oder doch? Nahm nicht im mehr als hundert Meter entfernten Stall die Unruhe zu? Hörte er nicht aufstampfende Hufe, sogar ein Wiehern? Er konnte seine eigene Unruhe nicht länger verbergen. Das Warten, die Ungewissheit. Ob die Nadel in die eine oder die andere Richtung ausschlug, die alles verändern und ihn für immer zu einem Ausgestoßenen machen würde.
Erneut war ein Wiehern zu hören. Da wusste er Bescheid. Der Zündmechanismus funktionierte. Nicht die Wahrscheinlichkeit ist das Entscheidende, sondern das, was nicht gemessen werden kann, Kräfte, die aufeinander einwirken, unsichtbar, unhörbar. So hätte Elsa das gesagt. Widerstreitende Kräfte, die man nicht wahrnimmt, weil sie alles durchdringen. Er hatte nichts anderes getan, als eine Frage gestellt, um eine Antwort zu erzwingen. Hatte ein wenig Heu an der Wand ebenfalls mit Spiritus übergossen. Er merkte, dass er mit dem Fuß aufstampfte, und das darauf folgende Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht ebenso aus wie das Feuer und wurde zu einem schallenden Lachen. Er musste pinkeln, sprang vom Stein hinunter und entleerte seine Blase auf das gefrorene Moos. Es dampfte, und als er erneut auf den Stein kletterte, sah er eine dünne Rauchsäule vom Dach in den klaren Nachthimmel steigen. Er zog sein Handy aus der Tasche und filmte. Immer noch konnte jemand im Haus rechtzeitig erwachen. Schläfrig nach draußen wanken, um nach dem Rechten zu sehen. Auch Elsa war der Meinung, dass Menschen, die Pferde hatten, für die geringsten Signale empfänglich waren. Sie sagte, der Umgang mit diesen Tieren bringe verborgene Fähigkeiten ans Tageslicht. Er war sich nicht sicher, ob er an so etwas glaubte, doch merkte er sich alles, was sie sagte.
Acht Minuten. Die Laute aus dem Stall klangen immer erregter. Seltsam, dass die Hofbesitzer nicht wach wurden. Vielleicht nahmen sie ja Schlafmittel. So viel zur übernatürlichen Empfindsamkeit. Es begann auch zu riechen, nach verbranntem Teer, der über den Boden kroch. Er musste vom Stein hinunterspringen und ein paar Mal zwischen den Tannen im Kreis laufen. Dabei schlug er immer wieder die Arme um sich, obwohl er nicht fror, so sehr musste er über alles lachen, über sich selbst, über das, was gerade geschah.
Als er wieder auf dem Stein stand, sah er durch eine der kleinen Öffnungen in der Mitte der Stallwand einen hellen Schein. Nun waren neun Minuten vergangen, und die Sache war entschieden. Es gab kein Zurück mehr, selbst wenn er die Leute vom Hof augenblicklich aus den Betten klingelte. Aus den Öffnungen quoll dicker schwarzer Rauch, das Wiehern von mehr als dreißig Pferden drang hinaus ins Dunkel und erfüllte die kalte Luft. Er sah die Pferde vor sich, wie sie ihre mächtigen Leiber aneinanderdrückten. Während seines Besuchs hatte er auch ein paar Fohlen gesehen, die sich jetzt an den Bauch der Mutter drängten und kläglich wieherten. Er glaubte, ihre Laute herauszuhören, und plötzlich packte ihn die Wut auf die Hofbesitzer, die immer noch in ihren Betten lagen.
»Steht auf, verdammt, ihr Schwachköpfe!«, rief er, und schon ging in einem Zimmer das Licht an. Danach hörte er eine Tür schlagen und eine Frauenstimme kreischen.
Zur Abwechslung hatte Karsten verschlafen. Zwar bloß um eine knappe Viertelstunde, aber das reichte aus, um die allmorgendlichen Abläufe über den Haufen zu werfen. Zum einen musste er warten, bis Synne im oberen Bad fertig war. Zum anderen würde er nicht mehr dazu kommen, die Zeitung zu lesen, allenfalls den Sportteil. Er konnte die verlorene Zeit vielleicht aufholen, wenn er mit dem Auto zur Schule fuhr, doch wenn er fragte, ob er sich den Volvo ausleihen dürfe, folgte nur ein langer Vortrag über Klimaemissionen. In Wahrheit hatte sein Vater so große Angst, einen Kratzer im Lack zu riskieren oder sonst wie seinen XC90 zu beschädigen, dass er sich kaum selbst hinters Steuer setzte. Seine Mutter konnte er nicht fragen, die war bereits aus dem Haus und hatte den Golf genommen. Das hatte ihn geweckt, das Geräusch der schlagenden Haustür im Erdgeschoss.
Er schleppte sich auf den Flur, wie ein alter Mann, dachte er und schwankte übertrieben, der Körper steif und schief. Als er mit geballter Faust an die Badezimmertür schlug und von Synne, die eine halbe Stunde später begann als er, verlangte, sie solle ihn hereinlassen, klang auch seine Stimme alt und gebrechlich – dieses Spiel half ihm, sich nicht so stressen zu lassen. Auf der anderen Seite der verriegelten Tür gab seine Schwester irgendeine spitze Antwort. Er gab auf, stapfte nach unten in die Küche und ließ sein Müsli quellen.
Als er das zweite Mal klopfte, achtete er darauf, möglichst verärgert zu klingen, vielleicht war er auch verärgert, jedenfalls empfand Synne es so. Sie schloss auf und kam heraus, sie hatte ein gelbes Handtuch um sich geschlungen und ein rosa Handtuch wie einen Turban um den Kopf drapiert. Synne machte Karsten darauf aufmerksam, dass sie sich aus reiner Gutmütigkeit im eiskalten Schlafzimmer anziehe und er ihr etwas schuldig sei. Er gab ihr recht, er tue ihr gern einen Gefallen und könne sie beispielsweise zum Stall fahren.
Als er elf Minuten später in die Küche eilte, stand sie beim Radio und starrte ins Leere, während der Nachrichtensprecher irgendeine Meldung verlas. Die Brotscheibe mit Salami auf dem Teller hatte sie nicht angerührt. Zwei Mal zuvor hatte er sie in einem geistesabwesenden, apathischen Zustand erlebt, das letzte Mal vor über einem Jahr. Er berührte sie an der Schulter, atmete erleichtert aus, als sie die Augen bewegte.
Der Nachrichtensprecher berichtete von einem Brand.
»Worum geht’s?«
»Stornes«, stotterte sie.
Die nächste Nachricht betraf den Norwegischen Rechnungshof. Er drehte die Lautstärke leiser. »Der Bauernhof? Hat’s da gebrannt?«
Sie antwortete nicht.
»Ist jemand umgekommen?«
»Die Pferde«, flüsterte sie. »Fast dreißig Pferde sind bei dem Brand ums Leben gekommen.«
Er sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Synne war mehrere Jahre auf Stornes geritten, ehe sie ihren ersten Anfall erlitten hatte. Danach waren die Ärzte zu dem Ergebnis gekommen, dass Reiten für sie zu gefährlich sei. Denn was würde geschehen, wenn sie mitten im vollen Galopp in Ohnmacht fiel?
Ihre wütenden Proteste nutzten nichts, also pflegte sie fortan die Pferde, die sie nicht mehr reiten durfte. Da neue Tests doch gegen Epilepsie sprachen, versicherte man ihr, dass sie sich demnächst wieder auf den Rücken eines Pferdes setzen durfte.
Sie zitterte schluchzend am ganzen Körper, und er streichelte ihre Schulter. Sie war fünf Jahre jünger als er. Nachdem die Anfälle eingesetzt hatten, musste sie vieles meiden, und sie zog sich immer mehr zurück. Es gefiel ihm nicht, dass sie so viel allein war. Seine eigenen sozialen Kontakte hielten sich zwar ebenfalls in Grenzen, aber das war etwas anderes.
»Das ist ja furchtbar«, sagte er mitfühlend und schaute auf die Uhr. »Aber sie konnten doch bestimmt einige Tiere retten?«
»Nur sieben«, jammerte sie.
»Das ist doch immerhin etwas.«
»Die Pferde wollten unbedingt zusammenbleiben.«
»Wollten?«
»Wenn es brennt oder so was, dann drängen sie sich zusammen, um aufeinander aufzupassen.« Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. »Manche Pferde, die schon entkommen sind, laufen in den brennenden Stall zurück, um bei ihrer Herde zu sein.«
In diesem Moment tauchte der Vater auf. »Ihr braucht gar nicht erst zu versuchen, mich in den April zu schicken«, sagte er. »Ich hab schon aufs Datum geschaut.«
Seine Brauen hoben sich, als er bemerkte, dass Synne weinte.
»Gestern Nacht hat’s auf Stornes gebrannt«, erklärte Karsten. »Anscheinend sind viele Pferde umgekommen.«
»Ach so«, antwortete der Vater und nahm seinen Kaffeebecher vom Regal. Er war hellblau mit roter Schrift, wenngleich Der beste Papa der Welt inzwischen sehr verblasst war. »Aber keine Menschen?«
»Ist das alles, woran du denkst?«, schluchzte Synne.
Der Vater schenkte sich Kaffee ein und warf ihr einen Blick zu. »Ich finde es schon ausschlaggebend, ob Menschen zu Schaden gekommen sind.«
Synne stieß einen Laut aus, eine Mischung aus Heulen und Knurren, und sprang auf. Sie rannte die Treppe hinauf und schlug die Tür ihres Zimmers hinter sich zu.
»So, so …«, sagte der Vater, während er zwei Scheiben Brot in den Toaster steckte. Er nahm die Zeitung und seinen Becher und ließ sich auf seinen angestammten Platz am Fenster sinken.
Karsten war sicher, dass es nicht nur mit den Pferden zu tun hatte. Seine Schwester hatte in den letzten Tagen mehrere Wutausbrüche gehabt und sich geweigert, zur Schule zu gehen. Und wenn sie erst einmal in dieser Stimmung war, kam man nicht mehr an sie heran, weil sie sich völlig abkapselte, physisch und mental. Das machte ihm Sorgen, nicht erst seit heute.
»Ich hab verschlafen«, warf er ein. »Kann ich das Auto nehmen?«
Der Vater schaute über den Brillenrand zu ihm hinüber. »Findest du das angesichts der Welt, in der wir leben, nicht unverantwortlich?«
»Doch«, versicherte Karsten rasch. »Es ist unverantwortlich, aber ich will die erste Stunde nicht verpassen. Außerdem brauche ich ein bisschen mehr Fahrpraxis. Und zum anderen sollte das Auto hin und wieder bewegt werden.«
Vor einem knappen Jahr hatte der Vater vollkommen überraschend und scheinbar einer spontanen Eingebung folgend diesen Volvo mit dem 2,5-Liter-Motor gekauft. Es war die einzige Investition, die er je getätigt hatte, obwohl sie nicht zwingend notwendig gewesen wäre. Er behauptete, er brauche einen Wagen mit Vierradantrieb, um im Winter bis zur Hütte durchzukommen.
Jetzt zuckte er auf eine Weise die Schultern, die deutlich machte, dass er sich erweichen ließ. Nachdem Karsten ihm versichert hatte, dass er weder neben ungehobelten Kerlen noch unbedachten Mädchen parken würde, die beim Öffnen des Wagens die Tür des Nachbarfahrzeugs demolieren könnten, vorzugsweise seines XC90, gab er nach und genehmigte die ebenso überflüssige wie umweltschädliche Fahrt.
Dan-Levi Jakobsen fuhr am Ausstellungszentrum Exporama vorbei und nahm gerade die Ausfahrt in Richtung Gjelleråsen, als sein Telefon vibrierte. Er sah, dass die Nachricht von Sara war. Bei Mortens Wirtshaus hielt er an, schaltete den Motor ab und rief sie zurück. Die Stimme war schwach, aber er hörte, dass sie lachte.
»Ist dir immer noch übel?«, fragte er vorsichtig. »Schaffst du es nicht, Rakel abzuliefern?«
»Nein«, stöhnte sie.
Auch während ihrer vorigen Schwangerschaft hatte Sara in den ersten Monaten eine ständige Übelkeit verspürt, doch nicht so stark wie jetzt. Den ganzen Morgen blieb sie im Bett liegen und jammerte vor sich hin, so dass er es kaum wagte, sie allein zu lassen.
»Ich melde mich krank«, sagte er, obwohl er sicher war, dass es Ärger geben würde.
»Nein«, hauchte sie, »tu das nicht. Aber komm zwischendurch vorbei und bring Rakel zu Mama … wenn du es irgendwie einrichten kannst.«
Sie war tapfer. Als er ihre Stimme hörte, wurde er von einem unendlichen Glücksgefühl erfüllt. Mehr noch, er wusste um sein unendliches Glück. Und dann hatte er auch noch eine Tochter. Grund Nummer drei. Und jetzt erwarteten sie ihr zweites Kind. Grund Nummer vier. Er faltete die Hände, ich bin dir so dankbar, Herr. Vor allem, dass ich Dankbarkeit empfinden darf, deine Stimme in mir.
Erneut erwog er, die Zeitung anzurufen und seine Situation zu erklären. Doch er wusste im Voraus, was Stranger dazu sagen würde. Dan-Levi hatte schon jetzt mehr Tagesschichten als die anderen in der Bereitschaftsgruppe, woran ihn der Nachrichtenredakteur bei jeder Gelegenheit erinnerte.
Er legte das Handy weg und startete den Motor. Sofort sprangen auch die Springsteen-CD und die Scheibenwischer an, die den Schneeregen zur Seite schoben. Mister state trooper, please don’t stop me.
Der Weg nach Stornes war für den Autoverkehr gesperrt worden. Er parkte beim alten Sanatorium und ging gut einen Kilometer zu Fuß. Zwei Feuerwehrautos fuhren an ihm vorbei. Auch an der Einfahrt zum Hof waren Straßensperren errichtet worden.
Dan-Levi wandte sich an den Polizisten, der dort stand, bekam aber nicht viel aus ihm heraus. Er ging zum Waldrand, machte ein paar Fotos von der Brandruine und sah sofort, dass sie sich gut für den Artikel verwenden ließen. Als er auf einen großen Stein kletterte, hatte er einen noch besseren Blick auf die übrig gebliebene schwarze Rückwand und auf die Wasserstrahlen, die sich von drei Seiten auf die Ruine richteten.
Nicht zum ersten Mal wunderte er sich, wie die Suche nach der richtigen Perspektive und den optimalen Lichtverhältnissen ihn vergessen ließen, dass er gerade Zeuge einer menschlichen Tragödie wurde. Diese Erkenntnis quälte ihn nach wie vor, doch weniger als in seiner Anfangszeit bei der Zeitung.
Als er das Absperrband erreichte, bog ein weiteres Polizeiauto auf das Gelände ein. Zwei Männer stiegen aus, einer von ihnen in Uniform. Es war Roar Horvath, Dan-Levis bester Freund, mit dem er schon zusammen zur Schule gegangen war.
»Ah, die Boulevardpresse ist schon vor Ort, wie ich sehe«, begrüßte er ihn.
»Immer im Dienst«, entgegnete Dan-Levi, der sich eine saftige Retourkutsche verkniff. Am Schauplatz einer Tiertragödie wollte er seine Zunge im Zaum halten.
Der Kollege in Zivil hob das Absperrband an und bückte sich darunter hindurch. Roar Horvath blieb stehen. »Na, die ganze Woche nur Fisch gegessen?«
Es war eine karge Woche gewesen, seit sie den Sonntag auf Roars Hütte in Nes verbracht hatten. Sie hatten das brüchige Eis aufgehackt und Sara und Roars neuer Freundin ein paar Flussbarsche zum Essen mitgebracht. Zwischen den beiden Frauen hatte von Anfang an eine gespannte Stimmung geherrscht. Roars Freundin hieß Monica und war eine Immobilienmaklerin, die andauernd ihre Umgebung kontrollieren musste. Außerdem konnte sie unmöglich begreifen, dass sich im einundzwanzigsten Jahrhundert Menschen noch mit Zungenreden abgaben, und offenbar konnte sie nicht anders und musste ständig darauf herumreiten. Sara hatte rasch genug von der neuen Bekanntschaft und zog sich zurück, aber Dan-Levi ließ Monica gewähren. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass sein Freund, der mindestens ein Mal pro Jahr die Partnerin wechselte, es länger bei Monica aushielt als bei ihrer Vorgängerin. Während ihrer Gymnasialzeit war Roar eine Zeitlang mit Sara zusammen gewesen, und noch immer störte sie sich daran, dass er nicht endlich eine Frau fand, bei der er zur Ruhe kam. Dan-Levi hielt sich in dieser Beziehung zurück. Roar und er hatten die stillschweigende Übereinkunft getroffen, niemals über Fragen des Glaubens oder der persönlichen Moral zu diskutieren.
»Weißt du schon, was passiert ist?«, fragte Dan-Levi und zeigte auf die rauchende Ruine.
»Die Brandtechniker waren noch nicht da«, antwortete Roar und wischte sich den Schneeregen aus dem rötlichen Schnurrbart, den er sich letztes Jahr auf der Polizeihochschule zugelegt hatte. In letzter Zeit hatte er sich angewöhnt, die Bartspitzen mit Wachs einzureiben und aufzuzwirbeln, doch heute war er offenbar nicht dazu gekommen. Die Enden hingen schlaff herunter.
»Und was hältst du für die Brandursache, Mr. Eggman?«
Roar warf Dan-Levi einen fragenden Blick zu.
»Eggman?«
»I’m the eggman.«
Roar kapierte nicht, worauf er anspielte, obwohl alte Pop- und Rocksongs ein gemeinsames Hobby von ihnen waren. Dan-Levi musste erklären, dass er seinen Trauerbart meinte.
Der Freund verdrehte die Augen.
»Aufdringlichen Journalisten Rede und Antwort zu stehen gehört eigentlich nicht zu meinem Job«, brummte er.
»Muss ich mich etwa ans Polizeipräsidium wenden, um an Infos zu kommen?«
»Wir müssen erst mal die ganze Liste der möglichen Ursachen durchgehen, technische Mängel, menschliches Versagen und so weiter.«
»Und so weiter?«
»Weißt du was, Dan-Levi, es passt gar nicht zu dir, dass du hier den Enthüllungsjournalisten spielst. Wie bist du nur bei diesen Schnüfflern gelandet?«
Das hatte sich Dan-Levi auch schon gefragt und nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit ins Kulturressort überzuwechseln. »Also keine Anzeichen für Brandstiftung?«, fuhr er unverdrossen fort.
Roar zog eine Dose Kautabak aus der Tasche und klappte den Deckel auf. »Was veranlasst dich eigentlich zu der Vermutung, dass ich meine geheimsten Gedanken mit deinen Lesern teilen will?«
»Immer mit der Ruhe, Horvath«, lenkte Dan-Levi ein, dessen Brillengläser sich beschlagen hatten. Er nahm die Brille ab und trocknete sie mit dem Zipfel seines Hemds. »Nicht mal eine Flasche Abflussfrei bringt mich dazu, etwas durchsickern zu lassen, wenn ich beschlossen habe dichtzuhalten«, versicherte er.
Roar klemmte sich grinsend einen Streifen der lakritzartigen Substanz unter die Oberlippe. »Apropos Abflussfrei. Ich wollte mir heute Abend mal eure Küche angucken.«
Dan-Levi zögerte. Seit einem guten Jahr wohnten sie jetzt in ihrem Haus, das sie von seinen Schwiegereltern übernommen hatten. Nicht nur die Küche, sondern auch das Wohnzimmer mussten gründlich renoviert werden. Und Roar war der geborene Handwerker, das exakte Gegenteil von ihm.
»Ich glaube, wir müssen die Renovierung noch ein bisschen verschieben.«
»Hab ich mir schon gedacht«, entgegnete Roar grinsend. »Geht’s Sara immer noch nicht besser?«
Seit dem gemeinsamen Sonntag auf der Hütte quälte sie diese Übelkeit, aber Dan-Levi hatte keine Lust, den wahren Grund auszuplaudern.
Es war zu früh, die Sache bekanntzugeben. Zu vieles konnte noch passieren. Doch vor allem wollten sie die Neuigkeit noch ein bisschen für sich behalten und die kostbare Zeit genießen, in der sie die Einzigen auf der Welt waren, die Bescheid wussten.
»Ihr ist immer noch ein bisschen schlecht«, konstatierte er. »Du würdest Brandstiftung also nicht ausschließen?«
»Es gibt ein paar Zeugenaussagen, die wir überprüfen müssen. Schwanger?«
Roar warf ihm einen forschenden Ermittlerblick zu, und Dan-Levi enthielt sich einer Antwort. Von klein auf war ihm vor allem eines eingetrichtert worden: Die Lüge ist die schlimmste aller Sünden, denn sie birgt alle anderen in sich. Nicht nur zu Hause, sondern auch in der Öffentlichkeit hatte sich Pastor Jakobsen immer wieder über dieses Thema ausgelassen. Und je älter Dan-Levi wurde, desto mehr sah er ein, wie recht der Vater hatte, auch damit.
»Wollt ihr denn gar nichts gegen den Bevölkerungsrückgang unternehmen?«, tadelte ihn Roar. »Du bist doch Mitglied der Pfingstgemeinde. Ich dachte, nur die Katholiken dürfen kein Gummi benutzen.«
Dan-Levi versuchte, die Bemerkung wegzulächeln. Mit Roar konnte er über die meisten Dinge scherzen, aber dieses Thema war tabu. Es gehörte Sara und ihm allein.
»Die Sache ist noch nicht entschieden.«
»Was soll das denn heißen?« Roar wirkte überraschend interessiert. »Entweder Sara ist schwanger oder nicht.«
Dan-Levi gab auf. »Vergiss es einfach.«
Roar schob den Kautabakklumpen mit der Zunge an seinen Platz. Braun gefärbter Speichel lief ihm in den Bart. Er zwinkerte Dan-Levi zu. »Also ich denke, da gibt es keinen Zweifel.«
Er warf die Zeitung und einen Stoß mit Reklamebroschüren auf den Tisch. Seit vierundzwanzig Stunden hatte er kein Auge zugemacht, und noch immer fühlte er sich nicht müde. Er schaltete seinen Computer an und öffnete die Online-Ausgabe von VG. Der Artikel über den Brand war korrigiert worden. Inzwischen war nicht mehr von sechsundzwanzig, sondern von neunundzwanzig toten Pferden die Rede. Er wechselte zum Dagbladet, das ebenfalls von neunundzwanzig toten Tieren sprach. Neunundzwanzig bedeutete, dass sechs Pferde sich gerettet hatten. Vielleicht waren sie in den Wald geflüchtet und streiften nun dort durch den nassen Schnee.
Auf der VG-Seite war ein Videoclip vom Brand zu sehen, der offensichtlich mit einer einfachen Kamera, dafür aber aus der Nähe aufgenommen worden war. Die Qualität war weitaus besser als die seiner eigenen Aufnahmen, die er aus gut hundert Metern Entfernung vom Waldrand aus mit dem Handy gemacht hatte. Er sah sich den Clip noch einmal von vorne an. Der Stall brannte lichterloh, nur das Gerüst war durch die blendenden, weißgelben Flammen hindurch zu erkennen. Grauer Rauch trieb durch die Nacht und vermischte sich mit dem schwarzen eines Schuppens, der ebenfalls Feuer gefangen hatte. Nackte Birkenzweige zitterten im zuckenden Licht. Die Mitglieder der Löschmannschaft sprachen mit ruhiger Stimme, als erörterten sie ein Alltagsproblem. Die Aufnahmen mussten also entstanden sein, nachdem die Pferde verstummt waren. Bei seinem Film waren ihre panischen Schreie so deutlich zu hören, dass man es kaum ertragen konnte, und dieser Schmerz beschwor ein Gefühl herauf, etwas ins Werk gesetzt zu haben, das größer war als er selbst. Und als niemand mehr schrie, weder Pferde noch Menschen, und die Löschmannschaft sich zerstreut hatte, hörte er mit einem Mal, wie der Brand selbst klang. Sein Knistern erinnerte an die Geräusche gefräßiger kleiner Tiere, unterlegt von der beständig flüsternden Stimme des Windes. Diese Stimme hatte er schon früher gehört. Ein ums andere Mal spielte er die Aufnahme ab. Rauchschwaden trieben durch die Nacht, irgendetwas rührte sich in dem flackernden Licht. Doch nicht der Anblick ergriff ihn. Es war dieses eindringliche Flüstern, des Feuers eigene, kaum hörbare Stimme.
Er ging ins Badezimmer und brach die drei Ampullen auf, die er bereitgelegt hatte. Jagte sich zwei Milliliter Trenbo in den einen und eine Mischung aus Testo und Primo in den anderen Arm. Er befand sich in der Aufbauphase, hatte jedoch gelernt, sich genug Zeit zu lassen, wollte nicht wieder die Kontrolle verlieren. Im Schlafzimmer zog er sich aus, machte Push-ups und Sit-ups, je über hundert Stück, und hätte für den Rest des Tages so weitermachen können, ohne zu ermüden. Danach blieb er liegen und starrte an die Decke. Und plötzlich war ihm klar, wo es das nächste Mal brennen würde. In Gedanken sah er die Stelle vor sich, obwohl er seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen war. Wenn er sich konzentrierte, konnte er die Geräusche im Haus hören. Die Stimmen der Erwachsenen. Dazu die Gerüche, das Linoleum, die Ölfarben, ab und zu Schokolade und frisch gebackenes Brot.
Er stand auf, öffnete den Garderobenschrank, griff mit einer Hand zwischen Socken und Boxershorts und zog einen BH hervor. Gestern Abend hatte er sich bei Elsa eingeschlossen, ehe er zum Stall gefahren war. Das Bad war immer noch vom Duft ihres Parfüms erfüllt gewesen, das sie benutzt hatte, ehe sie aufgebrochen war. An einem Haken hing der BH zusammen mit zwei dunkelroten Handtüchern. Er hatte ihn in die Jackentasche gesteckt. Jetzt hielt er ihn in der Hand und stand nackt vor dem Garderobenspiegel. Erst jetzt spürte er, wie erschöpft er war, legte sich auf die Bettdecke und spürte einen kühlen Zug vom Fenster her. Er trocknete den Schweiß, der ihm über den Rücken rann. Er steckte sich den BH zwischen die Beine. Ein Vogel sang vor dem Fenster, ein anderer antwortete in der Ferne. Die Bettwäsche war frisch, die Kleider, die er in der Nacht getragen hatte, lagen im Müllcontainer. Am Morgen hatte er geduscht und jeden Zentimeter seines Körpers gereinigt. Dennoch nahm er einen schwachen Duft nach Teer wahr, wenn er sein Handgelenk unter der Nase hin und her rieb. Der Geruch brachte den Anblick des brennenden Stalls zurück. Doch war es jetzt anders, wenn er an die Pferde dachte. Es machte ihn nicht mehr wütend. Er schloss die Augen und dachte an das Knistern des Feuers. An das vage Flüstern einer mächtigen Stimme.
Die Abiturienten von Lillestrøm galten als die größten Waschlappen in ganz Romerike, und Presten, der Pfarrer, hatte sich entschlossen, das auszunutzen. Am Küchentisch wurden irgendwelche Bösartigkeiten geplant, zum Beispiel die Abiturienten aus Lørenskog mit Hilfe des Feuerlöschers zu »taufen«. Manche Leute von dort behaupteten sogar, sie hätten mehr Interesse am Büffeln als am Feiern. Presten behauptete, er sei ein Naturtalent, wenn es um riskante Aufträge gehe, und hatte die Leitung des Angriffs auf die nächste Abiturientenkneipe übernommen. Nicht um seinen Heldenstatus zu bekräftigen, erst im Dezember hatte er sich frischen Ruhm erworben, als er die Nacht nach der ersten Abiturientenfeier in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte.
Jetzt wollte er von Lam, dem Buddhisten, wissen, was er von den Plänen hielt. Lam hatte schon einige Biere getrunken und lachte über Prestens Einfälle. Doch als der ihn fragte, wurde er plötzlich ernst. Von den Feuerlöschern mussten sie die Finger lassen. Denn wenn sie die Inneneinrichtung der Kneipe beschädigten, würde das unweigerlich eine polizeiliche Anzeige und Schadensersatzforderungen nach sich ziehen. Außerdem könnten Leute zu Schaden kommen, wenn sie den Schaum in die Augen bekamen. Presten erhob sich und pries Lam als Stimme der Vernunft in einer chaotischen Welt. Es wurde auf ihn angestoßen, chia, wie es auf Vietnamesisch hieß.
Karsten stand an der Tür und aß ein Stück Pizza. Auch er hob sein Glas, trank jedoch nicht. Es war kein Geheimnis, dass er keinen Alkohol anrührte. Dennoch hatte Presten es mit Wodka gefüllt, unter dem Vorwand, es sei das Abendmahl. Außerdem habe ihn der Vater – nicht der himmlische, aber sein leiblicher Vater, der Gemeindepfarrer war – ermächtigt, dem Abendmahl vorzustehen.
Karsten öffnete die Tür zum Wohnzimmer, um dieser Diskussion zu entgehen, worauf ihm sogleich Musik entgegenschlug. Auf dem Sofa saß Tonje, und Karsten fiel ein, dass sie auf der letzten Party bei ihr zu Hause genauso dagesessen hatte. Damals hatte er sich neben sie fallen lassen, und sie hatte plötzlich ihren Kopf an seine Schulter gelehnt.
Es sollte ein Wörterbuch geben, in dem stand, was so etwas zu bedeuten hatte. Wenn ein Mädchen dich umarmt, bedeutet das, dass sie dich mag. Wenn sie ihren Kopf an deine Schulter lehnt, bedeutet das ebenfalls, dass sie dich mag, doch es kann auch bedeuten, dass sie mit dir knutschen will. Aber nicht unter allen Umständen. Zum Beispiel, falls du nur einen Hoden hast. Wenn du schlechte Karten hast und deine Gene unbrauchbar sind und du in einer evolutionären Sackgasse gelandet bist. Karsten hatte versucht, etwas über die Samenproduktion herauszufinden. Bei einer normalen Ejakulation wurden zwei- bis dreihundert Millionen Samenzellen herausgeschleudert und strömten auf die wartende Eizelle zu. Wurde diese Zahl bei nur einem Hoden nicht zwangsläufig halbiert? Oder kompensierte der eine das Fehlen des anderen, indem er mehr Samenzellen produzierte? Darauf hatte er noch keine Antwort gefunden.
Tonje blickte zu ihm auf und rief ihm über die Musik hinweg etwas zu. Vielleicht Geht’s dir gut?. Er nickte. Tonje wollte immer, dass es allen gutging. Der Platz neben ihr war leer. Und als Karsten dies bemerkte, musste er unwillkürlich wieder an die Frage denken, die man ihm früher in der Schule bestimmt zwanzig Mal am Tag gestellt hatte. Wer ist der armseligste Mann der Welt? Weiß nicht, hatte er stets gesagt, obwohl gerade diese Reaktion immer dieselbe Antwort auslöste: Karstens Pimmel, denn der hat nur einen Stein im Beutel.
Die chaotische Phase der Party hatte begonnen. Er zog sich wieder aus dem Wohnzimmer zurück, schlurfte auf den Gang hinaus, es war jetzt fast halb eins, um diese Zeit wollte er die Party eigentlich verlassen.
Lam entdeckte ihn und kam zu ihm.
»Wir können zusammen gehen.«
Er war einer der wenigen in der Klasse, mit dem Karsten auf einer Wellenlänge lag. In der Regel lösten sie die Mathe- und Physikaufgaben zusammen. Sie hatten dieselbe Denkweise, obwohl Lam Buddhist und Karsten Agnostiker war, die einzige Haltung, die ihm aus rationalen Gründen möglich erschien. Doch Lam war viel zu klug, um rechthaberisch zu sein, und Karsten fand es der Mühe nicht wert, sich lange mit religiösen Fragen aufzuhalten.
Als er seine Jacke anzog, tauchte Inga hinter ihm auf. Sie legte einen Arm um ihn, der Rauch ihrer Zigarette brannte ihm sofort in den Augen.
»Wo willst du denn hin?«, fragte sie ihn.
Er drehte sich halb zu ihr um. Ihre weiße Bluse war aufgeknöpft und der spitzenbesetzte Rand ihres BHs deutlich sichtbar.
»Muss morgen früh raus«, antwortete er, bereute jedoch sofort, dass ihm nicht anderes einfiel.
»So, so, und die Mami muss dich ins Bett bringen und dir noch ein Gutenachtlied vorsingen.«
Sie streckte sich, küsste ihn auf die Wange und tätschelte ihm den Kopf wie einem kleinen Kind. Er hatte keine Ahnung, ob sie ihn nur aufzog oder etwas anderes von ihm wollte. Wahrscheinlich war es eine Mutprobe, die ihr die anderen Abiturienten abverlangt hatten – mit einem Nerd rumzuknutschen. Vor ein paar Wochen in einer Kneipe hatte sie schon einmal dasselbe getan und war anschließend zur »schärfsten Abiturientin des Jahres« gekürt worden, während er selbst die Auszeichnung »Nordeuropas langweiligster Abiturient« erhalten hatte.
Lam kam zu ihnen auf den Flur und wartete mit einem Lächeln auf den Lippen, während Karsten versuchte, sich loszueisen. Schließlich wurde Inga ziemlich laut, weil Karsten nicht wollte, dass sie wie eine Klette an ihm hing. Sie bezeichnete ihn als arrogant und warf ihm vor, er halte sich für etwas Besseres, nur weil er in Mathe mehr Durchblick habe als andere.
In diesem Moment erschien Presten auf der Bildfläche. »Brauchst du Hilfe, Kumpel?« Dann raunte er ihm zu: »Kann dir eine Packung Viagra besorgen, 1-a-Ware, aus Litauen.«
Inga schob ihn weg. »Glaubst du etwa, Karsten braucht so was?«
»Wer braucht so was nicht bei dir?«
»Der kann bestimmt länger als du.«
»Dass ich nicht lache. Ich rammle schneller als ein Hase.«
Inga blies ihm Rauch ins Gesicht, drehte sich zu Karsten um, schlang ihre Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich hinunter und küsste ihn. Er spürte, wie eine Hand über seinen Hintern strich.
»Bleib doch noch ein bisschen«, flüsterte sie, und die übertriebene Geilheit in ihrer Stimme überzeugte ihn abermals, dass es eine Mutprobe war, ein Abiturientenstreich. Dass sie nach Wodka und Rauch stank und ihr Lippenstift in einem Mundwinkel verschmiert war, machte die Sache auch nicht besser.
Das Läuten der Türklingel war seine Rettung. Drei langgezogene Töne. Karsten machte sich los und wollte die Tür öffnen. Presten hielt ihn zurück.
»Ohne Tonjes Erlaubnis darf hier niemand rein. Da draußen laufen zu viele Psychos rum.«
Tonje erschien auf dem Flur.
»Schau mal nach, wer das ist«, bat sie ihn.
Er schloss die Tür auf. Auf der obersten Stufe stand ein Typ mit schwarzer Jacke und hochgeschlagenem Kragen.
»Lam«, sagte er nur.
Karsten sah, dass der Typ Pakistani oder so was war. Presten drehte sich um und fragte: »War nicht Lam eben noch da?« Dann zu dem Kerl vor der Tür: »Was willst du von Lam?«
»Mit ihm reden.«
Am Fuß der Außentreppe erschienen vier weitere Gestalten. Presten warf einen fragenden Blick über die Schulter. Tonje schüttelte energisch den Kopf und flüsterte. »Lass sie nicht rein.«
»Wer seid ihr?«, fragte Presten.
Der draußen schüttelte den Kopf. »Das ist dir doch scheißegal, oder?«
Presten wollte die Tür zuziehen, doch der andere setzte blitzschnell seinen Fuß dazwischen und riss die Tür weit auf. Im nächsten Moment waren die vier anderen oben. Der Erste drückte Presten gegen den Spiegel im Flur.
»Mir gefällt deine Mädchenfresse nicht.«
Er schlug ihm die Faust auf die Nase. Sie brach wie ein Bündel trockener Zweige. Presten stieß einen dumpfen Laut aus und sank zusammen. Inga und Tonje waren den Flur hinuntergeflüchtet und hatten schreiend die Tür hinter sich zugeschlagen. In Karstens Kopf nahm ein Gedanke Gestalt an. Er musste sich vor die Tür stellen und sie mit seinem Körper schützen. Er machte eine Armbewegung. Der Kerl, der Presten niedergeschlagen hatte, drehte sich zu ihm um.
»Versuch’s gar nicht erst«, zischte er, dessen Blick noch bedrohlicher war als seine Stimme.
Karsten schüttelte den Kopf. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass der andere kein Recht hatte, ihm zu diktieren, was er zu tun und zu lassen habe. Aber dann begriff er, dass diese Geste wohl genau das Gegenteil signalisierte.
Einer riss den Feuerlöscher von der Wand und schlug die Glasscheibe der Eingangstür ein. Für einen Augenblick verstummten die panischen Schreie der Mädchen, dann setzten sie wieder ein. Die Tür wurde aufgetreten, der Scherbenregen vermischte sich mit dem Schaum des Feuerlöschers. Der Kerl, der Presten niedergeschlagen hatte, rief: »Wir kümmern uns um Lam, ihr macht hier die Probleme.«
Karsten war wie angewurzelt stehen geblieben, während sein Gehirn fieberhaft die Zusammenhänge zu begreifen versuchte. Die Lia-Gang wohnte im selben Stadtteil wie Lam. Die Vietnamesen hatten sich lange mit einer Pakistanergang bekriegt. Doch Lam hatte mit ihnen nichts zu tun. Er war ein kluger Kopf, der auf die Architekturhochschule gehen und Häuser bauen wollte.
