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In Oslo verschwindet die junge Psychologin Mailin spurlos. Liss glaubt zu wissen, wer ihre Schwester entführt hat und warum. Voller Schuldgefühle und blind für jede Gefahr macht sie sich auf die Suche. In Mailins Praxis fehlt die vertrauliche Patientenakte eines Gewalttäters. Als eine verstümmelte Frauenleiche gefunden wird, kreuzen sich die Wege von Liss und den Ermittlern. Doch Liss kann ihnen auf keinen Fall von ihrem ungeheuerlichen Verdacht erzählen.
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Seitenzahl: 658
Veröffentlichungsjahr: 2010
Torkil Damhaug
Die Netzhaut
Thriller
Aus dem Norwegischen von Knut Krüger
Knaur e-books
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Mittlere Gefahrenstufe. Die gelbe Flagge ist gehisst. Die Brandung schlägt hoch an den Strand, obwohl es erst zwölf ist. Er wirft das Handtuch in den Sand und läuft ins Wasser, behält das gelbe T-Shirt an. Das Wasser reicht ihm bis zum Nabel. Er macht ein paar Schwimmzüge, wirft sich in die sich brechenden Wellen, krault zu den Bojen und zieht an ihnen vorbei. Er spürt ein unheilvolles Kribbeln und Brausen in der Brust, doch selbst wenn sie die rote Flagge gehisst hätten, wäre er ins Wasser gegangen. Rote Flagge bedeutet höchste Gefahr.
Niemand schwimmt heute so weit hinaus wie er. Er dreht sich zum Strand um. Wie ihm aufgetragen worden ist, hält Truls Nini an der Hand. Hier, jenseits der Bojen, kann er gerade noch hören, wie sie jedes Mal quiekt, wenn die Ausläufer einer Welle über ihre Füße schwappen.
Weiter draußen werden die Wellentäler tiefer. Plötzlich öffnen sie sich, und er fällt nach unten, wird emporgehoben und stürzt über den nächsten Wellenkamm wieder hinab. Er muss sich anstrengen, um sich an der Oberfläche zu halten und nicht nach unten gezogen zu werden. Er prustet und schnaubt, wird hinaufgetragen und nach unten gedrückt. Die Wellen folgen dicht aufeinander, und wenn er sich auf der Krone befindet, kann er die Linie am Horizont erkennen, an der sich Himmel und graublaues Wasser berühren. Er weiß, dass sich das Wasser hinter dieser Linie bis nach Afrika erstreckt. Wie weit würde er kommen, wenn er auf diese unsichtbare Küste zuschwimmen würde? Jede Welle, die ihn hinabzieht und emporträgt, beantwortet er mit einer Bewegung seines Oberkörpers, die ihm das Gefühl gibt, der Stärkere zu sein. Wie lange wird er durchhalten, ehe er aufgeben und sich dem Willen der Wellen beugen muss?
Nicht einmal heute Vormittag, als sie bei bestem Wetter zur Landung ansetzten, hatte er das Land auf der anderen Seite erkennen können. Er hatte sich zu seiner Mutter umgedreht, die in der Mitte saß, um sie zu fragen, wie viele Kilometer ihrer Meinung nach zwischen den beiden Küsten lagen. Doch er sah ihren Augen an, dass sie nicht mehr in der Lage war, solche Fragen zu beantworten. Hatte es bereits am frühen Morgen gemerkt, bevor sie das Flugzeug bestiegen. Direkt neben Gate 1 hatten sie im Café gesessen. Um drei Uhr nachts waren sie aufgestanden, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Nini lag in ihrem Buggy und schlief. Truls hatte sich auf seinem Stuhl zusammengerollt und war ebenfalls eingeschlafen. Er selbst starrte auf das Rollfeld.
»Willst du was zu trinken, Jo?«, fragte Arne und zwinkerte ihm kumpelhaft zu, was bedeutete, dass Jo eine Cola haben konnte. Er wusste, dass hinter dieser Frage etwas anderes steckte. Und richtig: Kurz darauf kam Arne mit einer Cola, Kartoffelchips und einem Stück Kuchen zurück. Auch gut. Dass er sich selbst ein Bier gekauft hatte, war Jo egal. Arne konnte trinken, was er wollte. Aber der Mutter Rotwein mitzubringen war definitiv eine schlechte Idee. Es ist Viertel vor sechs am Morgen, und deine Mutter trinkt Wein. Kein normaler Erwachsener tut das. Sie hatte seit Tagen keinen Tropfen mehr angerührt, und Jo hatte gedacht, dass sie es auf dieser Reise – mit Sonne, Strand und all dem, wonach sie sich immer gesehnt hatte – vielleicht nicht nötig haben würde zu trinken. Doch noch bevor sie an Bord gingen, hatte sie drei Gläser geleert. Sie wollte Jo gar nicht mehr loslassen, fuhr ihm ständig durch die Haare und sagte nicht mehr »Flugzeug«, sondern »Flugseuch«, und auf einmal waren sogar Arnes Witze so wahnsinnig komisch, dass sie den Kopf zurückwarf und hickste.
Als sie dann im »Flugseuch« saßen und die Flugbegleiterinnen mit ihren blau-weißen Uniformen ihre Servierwagen hinter sich herzogen, bestellte Arne einen Cognac für sie, obwohl er wusste, wie das enden würde. Vielleicht tat er es deshalb. Jo lehnte sich gegen die Scheibe und tat so, als schliefe er. Er hätte am liebsten einen Fallschirm gehabt und den Notausgang geöffnet, um über Deutschland oder Polen oder wo auch immer abzuspringen und in einem fremden Land zu landen, wo ihn niemand kannte und niemand etwas von Mutter oder Arne, dem Wichser, wusste.
Ein paar Stunden später lagen sie mit einem Drink in ihren Liegestühlen am Pool, und seine Mutter ließ ihr Glas fallen, das auf den Steinfliesen zersprang. Da hielt es Jo nicht länger aus, stand auf und lief zum Strand hinunter.
»Nimm Truls und Nini mit!«, befahl Arne.
Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder trottete Jo den steilen, steinigen Abhang hinunter. Seine kleine Schwester lag in ihrem Buggy. Eine kleine Familie. Wenn er nun einfach mit Truls und Nini abhaute und wieder nach Hause fuhr? Nein, nicht nach Hause. Lieber an einen anderen Ort, an dem er sich einen Job beschaffen und für ihren Unterhalt sorgen konnte. Dann mussten sie Arne nicht mehr sehen und bekamen nicht mehr mit, wie sich die Mutter um den Verstand soff, Gläser zerbrach und sich vor fremden Menschen danebenbenahm.
Aber das war noch lange nicht das Schlimmste, was an ihrem ersten Ferientag geschah. Das geschah am Abend. Jo bringt Nini ins Bett, nachdem er ihr die Allergiemedizin und das Schlafmittel gegeben hat. Flößt es ihr mit sanfter Gewalt ein, obwohl sie protestiert. Die Mutter hat ihm ein ums andere Mal gesagt, dass er nicht vergessen darf, ihr alle vier Tabletten zu geben, bevor er sie ins Bett bringt. Und dann erzählt Truls ihm plötzlich, dass ihre Mutter Nini die Tabletten schon gegeben hat, bevor sie hinausging. Sie hat vergessen, es Jo zu sagen. Also hat Nini heute die doppelte Dosis bekommen. Kein Wunder, dass sie jetzt schläft wie ein Stein. Liegt da, ohne sich zu rühren.
Jo bleibt eine Zeitlang bei ihnen sitzen. Truls hat einen Stapel Phantom-Comics neben sich, die er von Arne bekommen hat. Truls sagt, Arne sei cool, weil er ihm seine alten Comics überlasse. Das geht nur die beiden etwas an. Arne hat die Comics seit seiner Kindheit gesammelt. Er war Mitglied des Phantom-Klubs und besaß den berühmten Siegelring des Helden. Auch den hat Truls übernommen. Jo nimmt von Arne schon lange nichts mehr an. Und wenn, dann stopft er es tief in seinen Kleiderschrank und kümmert sich nicht mehr darum. Ob es nun ein ManU-Trikot ist oder die Eintrittskarte zu einem Fußballspiel.
Ein weiteres Mal beugt er sich zu Nini hinab, um sich zu vergewissern, dass sie atmet. Ihre Atemzüge sind langsam und tief, also haben ihr die zusätzlichen Pillen offenbar keinen Schaden zugefügt. Dennoch nimmt er sich vor, ins Restaurant zu gehen und seine Mutter zu fragen. Sicherheitshalber. Obwohl ihm allein der Gedanke, ihr in ihrem jetzigen Zustand gegenüberzutreten, Übelkeit bereitet.
Aus den Lautsprechern, die sich auf der Bühne befinden, dröhnt ihm Musik entgegen. Irgend so ein Discozeugs. Weder die Mutter noch Arne ertragen es, wenn er zu Hause die Musik aufdreht, doch hier gelten andere Regeln. So ist das eben in den Ferien. Regeln werden geändert oder fallengelassen.
Er sieht nur fremde Gesichter, als er sich im Restaurant umsieht. Hofft, dass seine Mutter und Arne nicht da sind. Dass sie vielleicht spazieren oder woanders hingegangen sind, oder vielleicht sind sie schon wieder zurück in der Wohnung … Da entdeckt er seine Mutter an einem Tisch im hintersten Winkel des Raumes. Ihr Kopf lehnt an der Schulter eines Mannes, den Jo noch nie gesehen hat. Arne vergnügt sich auf der Tanzfläche. Er und der Typ, an dem die Mutter klebt, haben offenbar die Frauen getauscht. Und Arne knutscht jetzt mit einer Schmalen, Dunkelhaarigen auf der Tanzfläche herum. Er steht auf schlanke Frauen und grinst immer, wenn er Mutter am Bauch packt und ihre Speckrollen über den Hosenbund zieht.
Jo bleibt an der Terrassentür stehen. Er spürt immer noch das Meer in seinem Körper. Er könnte hinunterschleichen, ehe die Erwachsenen ihn entdecken, und sich erneut in die Brandung werfen, ohne die Wellen zu sehen, die im Dunkeln heranrollen. Einfach spüren, wie sie ihn hinabziehen und hin und her schleudern. Doch wenn er nicht in der Bar bleibt, könnte der Mutter etwas zustoßen. Sie könnte die Treppe runterfallen, vergewaltigt werden oder im Swimmingpool ertrinken. Arne kümmert sich sowieso nicht.
Plötzlich steht die Mutter schwankend auf und fällt nach vorne. Der fremde Mann fängt sie auf, ehe sie den Tisch umreißen kann. Zwei, drei Gläser kippen über die Kante. Alle drehen sich um und glotzen in ihre Richtung. Die Frau, mit der Arne tanzt, eilt an den Tisch. Sie schlingt die Arme um Mutters Taille und ruft ihr etwas zu. Sie und der Fremde helfen ihr den Absatz hinauf, der zur Theke führt. Sie gehen direkt an Jo vorbei. Die Mutter ist leichenblass und scheint ihn nicht zu erkennen. Ihr Rock ist nach oben gerutscht und gibt ihren Slip frei. Sie torkelt weiter, gestützt von der schmalen Frau. Als sie auf die Toilette verschwinden, folgt ihnen Jo und wartet vor der Tür. Er hört merkwürdige Geräusche, dann einen Schrei seiner Mutter. Er hat sie schon früher betrunken erlebt, aber noch nie so schreien gehört. Als sei sie dem Tode nahe. Er fasst um die Türklinke. Da spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
»Geh da nicht rein.«
Jo windet sich, er will die Hand abschütteln. Zuerst hat er geglaubt, es sei der Mann von Mutters Tisch, aber es ist ein Fremder.
»Jemand ist bei deiner Mutter. Du brauchst nicht auf sie aufzupassen.«
Irgendetwas veranlasst Jo, die Türklinke loszulassen. Vielleicht ist es die Stimme, die ihm bekannt vorkommt. Er blickt zu dem Fremden auf. Es ist ein Mann in Arnes Alter. Er ist unrasiert und hat die Sonnenbrille auf den Kopf geschoben.
»Das geht Sie nichts an«, brummt Jo, aber er ist nicht böse.
»Kann schon sein«, entgegnet der Mann.
Und trotzdem hat er sich eingemischt.
»Komm mit«, sagt er. »Ich spendiere dir eine Cola.«
Er geht auf die Terrasse voraus, ohne sich umzudrehen. Er trägt eine Shorts und ein schwarzes kurzärmliges Hemd. Sein halblanges Haar ist nach hinten gestrichen und reicht ihm über den Hemdkragen. Jo hört seine Mutter nicht mehr schreien, steht zögerlich da. Dann trottet er dem Mann hinterher.
Sie setzen sich an einen Tisch am Ende der Terrasse. Tief unter ihnen schlägt das Meer an die Felsen. Die Brandung scheint stärker geworden zu sein, und Jo denkt immer noch daran, wie es wäre, nach unten zu laufen und sich in die Fluten zu stürzen. Die Dunkelheit färbt das Wasser schwarz, es ist sicher noch warm.
Auch der fremde Mann trinkt eine Cola. Und jetzt fällt Jo ein, woher er seine Stimme kennt. Aus dem Fernsehen. Vor kurzem war er auch auf der Titelseite der Aftenposten.
»Ich hab Sie in der Zeitung gesehen«, sagt er. »Und im Fernsehen.«
»Das ist gut möglich.«
»Werden Sie von vielen Leuten erkannt?«
»Ja, von ziemlich vielen. Die meisten Leute glotzen einen an, als könnten sie nicht fassen, dass ich, obwohl ich schon mal im Fernsehen war, ein Mensch aus Fleisch und Blut bin, der zu Mittag isst und aufs Klo muss.« Der fremde Mann lächelt. »Aber Norweger sind höfliche Leute. Wenn sie dich genug angeglotzt haben, lassen sie dich in der Regel in Ruhe. Eigentlich sind alle befangen und haben Angst, sich zu blamieren, genau wie du und ich.«
Jo trinkt einen Schluck von seiner Cola und wirft einen Blick ins Restaurant.
»Nicht meine Mutter. Die benimmt sich ständig daneben.«
Der Mann lehnt sich zurück.
»Sie ist betrunken«, stellt er fest. »Alle verändern sich, wenn sie trinken.«
Jo versucht, von seiner Mutter abzulenken.
»Trinken Sie denn gar nicht?« Er zeigt auf das Colaglas. »Ich meine, Wein oder Schnaps oder so was?«
»Nur wenn ich muss. Du heißt Jo, stimmt’s?«
»Woher wissen Sie das?«
»Ich habe gehört, wie dein Vater nach dir gerufen hat, als wir aus dem Flugzeug stiegen.«
»Arne ist nicht mein Vater.«
»Verstehe. Du weißt nicht, wie ich heiße?«
»Hab den Namen bestimmt schon gehört. Aber ich kann mich nicht erinnern.«
Der Mann klopft sich auf die Brusttaschen und zieht eine flach gedrückte Zigarettenschachtel hervor.
»Kannst mich übrigens duzen. Sag einfach Jakka zu mir.«
»Jakka? Komischer Name …«
Der Mann steckt sich die Zigarette an.
»So wurde ich genannt, als ich in deinem Alter war. Wie alt bist du? Dreizehn, vierzehn?«
»Zwölf«, antwortet Jo und ist ein bisschen stolz.
»Ein paar Freunde nennen mich immer noch so, wenn wir uns treffen«, erklärt der Mann.
»Gefällt dir das?«, fragt Jo lächelnd. »Dass sie dich Jakka nennen?«
Jakka streicht sich über sein unrasiertes Kinn.
»Da, wo ich herkomme, haben alle einen Spitznamen, der hat oft was mit dem Beruf des Vaters zu tun. Mein Vater hatte einen Klamottenladen beziehungsweise einen Konfektionshandel, wie das damals hieß, und Jakka fand ich vollkommen okay. Heute gefällt mir der Name eigentlich noch besser. War in jedem Fall cooler als Hobel oder Locke. Ganz zu schweigen von Schnitzel.«
Er lacht, und Jo muss auch lachen.
»Ich heiße auch nicht wirklich Jo, das sind nur die Anfangsbuchstaben von meinem Namen.«
»Ach so?«
»Wenn jemand meinen vollständigen Namen ausspricht, dann erwürge ich ihn!«
»Ups, also dann bleibe ich auch lieber bei Jo.«
»Das ist kein Witz. In der Schule haben mal Leute versucht, mir einen Spitznamen zu verpassen. Die bereuen das noch heute.«
Jakka zieht an seiner Zigarette.
»Ganz deiner Meinung, Jo. Man muss sich Respekt verschaffen.«
Arne ist aufgestanden. Er ist mürrisch, das ist gut, denn dann sagt er nicht viel, und Jo hat seine Ruhe. Und seine Mutter wird er für einige Zeit, vielleicht den ganzen Tag, nicht zu Gesicht bekommen. Er hört sie leise wimmern, als er sich an der Schlafzimmertür vorbeischleicht. Noch in der Küche nimmt er den säuerlichen Geruch wahr.
Draußen glüht die weiße Sonne. Die Steinfliesen brennen unter den Fußsohlen. Soll er umkehren und seine Sandalen holen? Dann müsste er anklopfen. Er geht auf dem schmalen Schattenstreifen direkt an der Hauswand entlang. Das sieht bestimmt blödsinnig aus. Vielleicht hält man ihn sogar für einen Einbrecher. Das letzte Stück läuft er, vorbei an der Bar, die Treppe hinauf bis zum Pool. Die meisten Liegestühle sind schon besetzt. Er spürt, dass die Leute ihn anstarren. Fast kann er sie flüstern hören, als er näher kommt: Das ist doch der Sohn von dieser …
Am Beckenrand sitzen zwei Mädchen. Die eine war Jo schon im Flugzeug aufgefallen. Sie ist nach ihm aufs Klo gegangen. Sie ist schlank, hat eine spitze Nase und braune Haare, die ihr nass auf dem Rücken kleben. Wahrscheinlich ist sie älter als er. Sie hat schon richtige Brüste. Kein einziges Mädchen in seiner Klasse hat so große Brüste. Sie trägt einen weißen Bikini mit dunkelroten Herzen. Als er an ihr vorbeigeht, schaut er woandershin. Ohne sein gelbes T-Shirt auszuziehen, springt er von der langen Seite des Beckens aus kopfüber ins Wasser, obwohl auf einem Schild »Springen verboten« steht. Kopfsprünge sind seine Spezialität. Er hat schon mal einen vom Fünfmeterbrett gemacht.
Jo krault ein paar Bahnen hin und her. Dann taucht er und gleitet unter Wasser an den beiden Mädchen vorbei. Tauchen kann er besser als alle anderen Jungs seiner Schule. Er spürt, wie sie ihn beobachten. Sie fragen sich bestimmt erstaunt, ob er nicht bald auftauchen muss. Er kommt erst an die Oberfläche, nachdem er auf der anderen Seite des Beckens angeschlagen hat.
Er hievt sich auf den Beckenrand, bleibt ein Stück von den Mädchen entfernt sitzen und lässt das Wasser abtropfen. Sieht sie nicht an und ist sich sicher, dass die eine von ihnen mindestens zweimal zu ihm herübergeschaut hat. Nicht die kleine Stämmige, sondern die Dunkelhaarige mit den Brüsten. Die Hitze ist drückend und verursacht ein dumpfes Pochen in seinem Kopf. Wenn er länger sitzen bleibt, wird das Pochen noch stärker werden, und er weiß nicht, was dann geschieht. Im Nu ist er auf den Beinen. Seine Fußsohlen sind wund. Sie fühlen sich an, als seien sie voller Blasen. Er geht an den Mädchen vorbei, die vielleicht gemerkt haben, dass etwas mit ihm nicht stimmt, biegt um die Ecke und geht hastig die Stufen hinunter. Als er außer Sichtweite ist, beginnt er zu laufen und bleibt erst stehen, als er den kleinen Spielplatz mit dem Schaukelgerüst und der Rutsche erreicht hat. Er ist außer Atem, es brennt in seiner Kehle, und dennoch spürt er immer noch dieses Pochen, als stehe jemand im Dunkeln und schwinge einen Vorschlaghammer. Er lässt sich auf die Schaukel fallen. Überall sind Katzen. Er zählt sechs Stück, die zwischen den Büschen umherlaufen. Er zählt sie erneut. Katzen hat er noch nie gemocht. Sie schleichen herum und tauchen lautlos irgendwo auf, und man weiß nie, woran man bei ihnen ist.
Eine der kleinsten, ein Katzenjunges, hat ein Auge verloren. Er hatte es bereits gestern gesehen, am Tag ihrer Ankunft. Es saß vor ihrer Tür und maunzte. Graubraun und so dünn wie ein Regenwurm. Dort, wo das Auge war, hängt nur noch ein schmaler Lidfetzen. Als er das Tor öffnet, folgt ihm das Kätzchen zur Wohnung. Ihre Vormieter haben es sicher gefüttert. Das ausgehungerte Tier mit dem einen Auge hätte ohne fremde Hilfe bestimmt nicht lange überlebt. Haben denn alle Kreaturen ein Recht zu leben? Jo dreht sich rasch um und stößt einen schrillen Laut aus. Das Tier zuckt zusammen und flüchtet ins Gebüsch.
Natürlich ist es Arne, der die Tür öffnet. Er blickt ihn missmutig an und verschwindet aufs Klo. Bevor Jo seine Sandalen angezogen hat, streckt Arne sein mit Rasierschaum eingeseiftes Gesicht aus dem Badezimmer und schimpft:
»Wenn du das nächste Mal weggehst, nimmst du gefälligst die Kinder mit.«
»Die haben doch noch gar nichts gegessen«, protestiert Jo. Aber Truls klammert sich bereits an ihn. Jo hat nicht die geringste Lust, ihn mitzuschleppen, aber besser Truls ist nicht in der Wohnung, wenn seine Mutter aufwacht. Dann muss er nicht miterleben, wie sie sich ins Bad schleppt und erneut übergibt. Das hat sie schon die ganze Nacht gemacht, doch Truls hat tief und fest geschlafen. Nini natürlich auch, nach ihrer doppelten Dosis Schlafmittel.
Es dauert eine halbe Stunde, bis die kleine Schwester ihre Cheerios und einen Joghurt gegessen hat. Arne stapft missmutig umher, sagt aber nichts, solange sich Jo um die Kleinen kümmert. Dann stopft er Schwimmflügel, einen Badeball und Truls’ Taucherbrille in eine Plastiktüte, drückt sie Jo in die Hand und scheucht sie aus der Wohnung.
»Heiß!«, schreit Nini und trippelt hin und her, als stünde sie auf einer Kochplatte. Jo muss sie in den Buggy verfrachten, noch mal hineingehen und ihre Sandalen holen.
Am Pool stellt er den Buggy neben einem freien Liegestuhl ab und zieht Nini die Schwimmflügel über die kreideweißen Arme. Sonnencreme!, fällt ihm ein, aber er hat keine Lust, noch mal zur Wohnung zurückzugehen.
»Jetzt musst du gut aufpassen!«, ermahnt er Truls.
»Wo willst du hin?«
»Kurz runter an den Strand.«
»Ich komm mit!«
»Auf keinen Fall! Du bleibst hier und passt auf Nini auf. Glaubst du etwa, du bist hier im Urlaub?«
Truls bekommt den traurigen Dackelblick, den Jo nicht ausstehen kann.
»Komm schon, Kleiner. Wirst doch wohl einen Spaß vertragen. Ich bleib auch nicht lange. Pass auf, dass sie die Schwimmflügel ordentlich anhat.«
Er schnappt sich sein Handtuch und setzt sich in Bewegung, dann dreht er sich noch einmal um:
»Blas die Schwimmflügel gut auf. Wenn sie ertrinkt, ist es deine Schuld!«
Er läuft die Treppe hinunter. Die Sonne sticht wie verrückt. Er hasst die Hitze. Hockt sich am Ende des Strands in den Schatten eines Felsens. Aber selbst dort brennt der Sand unter den Füßen. Er will einfach so dasitzen, bis er überkocht. Bis er es nicht mehr aushält und sich ins Meer stürzt. Heute ist grün geflaggt. Das Meer liegt unbeweglich da.
Jungen in seinem Alter spielen Volleyball. Er sieht, dass sie ziemlich gut sind, vor allem ein großgewachsener Junge mit blonden Locken. Er schaut ihnen zu. Der große Junge bemerkt ihn und winkt. Jo versteht nicht gleich, dass er gemeint ist. Er schiebt sich aus dem Schatten und macht ein paar Schritte im glühenden Sand.
»Willst du mitspielen?«, ruft der Junge auf Norwegisch.
Jo weiß nicht recht. Er spielt nicht besonders gut Volleyball. Fußball spielen kann er viel besser.
»Hast du keine Kappe oder so was?«, fragt der Junge. »Da wird dir gleich das Gehirn kochen!«
»Hab mein Basecap vergessen.«
Der andere sieht sich um.
»Warte mal.«
Er spurtet bis zur ersten Reihe der Strohschirme, spricht mit ein paar Erwachsenen, die dort liegen, und kommt mit einem weißen Kopftuch mit Goldrand zurück.
»Hier! Dann hältst du’s länger aus.«
Jo blickt dem anderen ins Gesicht. Er kann sich nicht erinnern, ihn im Flugzeug oder im Restaurant gesehen zu haben. Aber er hat bestimmt mitbekommen, dass Jos Mutter sich besoffen und am Pool ein Glas kaputt gemacht und auf dem Klo in der Bar gekotzt hat. Dennoch sieht er weder spöttisch noch mitfühlend aus. Jo weiß nicht, was er mehr hasst.
»Du spielst in unserer Mannschaft. Ich heiße Daniel.«
Er sagt auch die Namen der anderen. Zwei schwedische Jungen und einer, dessen Name finnisch klingt.
Sie gewinnen drei Sätze. Vor allem, weil Daniel an die schwierigsten Bälle herankommt und einen wahnsinnig harten Schmetterschlag hat.
»Spielst du im Verein?«, fragt Jo.
Daniel rümpft die Nase. Offenbar ist das kein Thema, über das er gern spricht. Er wirft T-Shirt und Schuhe von sich und rennt ins Meer hinein, dass es nur so spritzt. Die anderen folgen ihm, Jo auch. Alle Jungen scheinen schon länger hier zu sein. Sie sind ziemlich braun. Jos Körper hat seit Monaten keine Sonne mehr abbekommen. Er behält das gelbe T-Shirt an.
»Zu den Bojen!«, ruft Daniel.
Jo reagiert blitzschnell, wirft sich ins Wasser und krault, was das Zeug hält. Auf halbem Weg sieht er neben sich einen Schatten wie von einem Delphin oder einem Hai. Der Schatten zieht an ihm vorbei und ist verschwunden.
Jo erreicht die Bojen eine Weile vor den anderen Jungen.
»Du schwimmst gut!«, lobt Daniel, der sich entspannt an einer Boje festhält und überhaupt nicht erschöpft wirkt.
»Bin unter Wasser am besten«, keucht Jo irritiert. Er hängt sich an dieselbe Boje wie Daniel, sodass sich ihre Gesichter fast berühren.
»Okay, dann tauchen wir zurück«, schlägt Daniel vor.
Jo spuckt aus.
»Nein, weiter raus, nicht zurück.« Daniel späht zum Horizont, dann lacht er.
»Sag Bescheid, wenn du so weit bist.«
Jo spürt seinen Atem und wartet, bis er sich beruhigt hat. Dann holt er ein paarmal tief Luft und gibt ein Handzeichen. Sie tauchen.
Er lässt Daniel vorausschwimmen und hat das Gefühl, durch einen Raum aus geschmolzenem Glas zu gleiten. Das flirrende türkisfarbene Licht wird gebündelt und verschwindet im Dunkel. Er schwimmt mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen. Will nicht zu viel Kraft vergeuden. In der Schule haben sie die Zeit gestoppt, um herauszubekommen, wer am längsten die Luft anhalten kann. Niemand kam nur annähernd an seinen Rekord heran. Über zwei Minuten. Einer, der an seiner Zeit zweifelte, hielt ihm die Hand vor Mund und Nase, um zu überprüfen, ob er schummelte. Aber er schummelte nicht. Er hörte ganz einfach auf zu atmen. Könnte für immer aufhören, wenn es sein müsste … Daniel liegt ein Stück vor ihm. Zwischen Säulen aus Licht sieht Jo seine Füße schlagen. Er gleitet durch kalte Strömungen, stößt noch tiefer hinab, sieht einen Schwarm winziger schwarzer Fische und spürt das Blut in seinem Schädel pochen. Dabei kann eine Ader im Gehirn platzen, hatte seine Mutter einst gerufen, als er wieder an die Oberfläche kam, und jetzt denkt er an dieses Blut, das aus seinem Gehirn herausschießt und es wie ein warmer Lappen umhüllt. Ihn schwindelt. Ich brauche Luft, durchzuckt es ihn, doch er taucht einfach weiter, und dieser Wille hat nichts mit ihm zu tun, kommt von woandersher und drängt in ihm an die Oberfläche … in weiter Ferne: Daniels Füße. Sie zeigen direkt nach unten, also muss er aufgegeben haben. Du musst hochkommen, sonst platzt dein Gehirn, hört er seine Mutter schreien, aber er kommt nicht hoch. Er erreicht Daniels Füße und taucht einfach weiter, immer weiter, bis die Lichtsäulen um ihn her verlöschen. Erst da schießt er nach oben und wirft seinen Kopf über die Wasseroberfläche.
»Du bist ja total verrückt!«, ruft Daniel ihm zu. Seine Stimme klingt fern, als befinde er sich auf der anderen Seite einer Wand. Jo ist nicht in der Lage zu antworten. Kleine schwarze Fische schwimmen immer noch im hellen Licht, und ihm wird schlecht. Er lässt sich in Daniels Richtung treiben und kann kaum die Arme bewegen. Zwingt sich zu einem Lächeln, als wolle er ihm recht geben: Stimmt, ich bin total verrückt.
Seine Mutter und Arne sind nicht da, als er in die Wohnung zurückkehrt. Sie müssen Nini und Truls mitgenommen haben, denn am Pool waren sie auch nicht, als Jo dort vorbeilief. Sie sind gerade erst weg, stellt Jo fest, denn auf der Toilette hängt immer noch ein säuerlicher Geruch in der Luft. Er zieht sich rasch um und geht ins Wohnzimmer, das ihm, Truls und Nini auch als Schlafzimmer dient. Das Sofa ist nicht gemacht, die Matratzen liegen auf dem Boden. Er stellt die Klimaanlage an und schaltet den Fernseher ein. Griechische Nachrichten. Ein Busunfall. Leute, die aus einem geborstenen Fenster krabbeln, manche mit blutigen Gesichtern. Er wirft das Bettzeug zur Seite und legt sich aufs Sofa. Sein ganzer Körper schmerzt, weil er Daniel im Wetttauchen geschlagen hat. Im nächsten Moment ist er eingeschlafen und wird durch ein Geräusch wieder wach. Eine Zeichentrickserie im Fernsehen. Er schaltet den Fernseher aus und stakst auf den Balkon. Backofenhitze. Die Sonne steht direkt über dem Dach. Er findet die dünne, graue Linie, die Himmel und Meer trennt. Wenn er immer weiter in diese Richtung schwimmt, kommt er nach Afrika. Wird von Kriegern auf Kamelen in Empfang genommen und in weiße Kleider gehüllt, damit er gegen den Sandsturm geschützt ist.
Er beugt sich vor und blickt auf den Nachbarbalkon, der genau wie ihrer aussieht. Ein Plastiktisch und vier Stühle. Nur die zum Trocknen aufgehängten Kleider sehen anders aus. Ein Hemd, ein grünes Handtuch und ein Bikinihöschen. Das muss ihr gehören. Weiß mit dunkelroten Herzen. Es tropft. Das Mädchen vom Beckenrand wohnt nebenan.
Die Balkontür ist angelehnt. Vielleicht ist sie auch allein in der Wohnung. Was sie wohl anhat, wenn der Bikini hier draußen hängt? Vielleicht steht sie auch unter der Dusche … Er horcht angestrengt, ob er rauschendes Wasser hört. Fehlanzeige. Vielleicht sollte er einfach rübergehen, klopfen und sich irgendwas ausleihen. Streichhölzer zum Beispiel. Was soll er mitten am Tag mit Streichhölzern? Seiner Mutter Zigaretten klauen. Auf dem Nachttisch liegen die zwei Stangen Zigaretten, die sie sich vor dem Abflug im Tax-Free-Shop gekauft hat. Sie wird nicht merken, wenn eine Schachtel fehlt. Er könnte das Nachbarmädchen fragen, ob sie eine haben will.
Auf der anderen Seite schlägt eine Tür. Er hastet durchs Zimmer, öffnet die Wohnungstür und streckt den Kopf hinaus.
Da ist sie, auf dem Weg zum Pool. Sie trägt einen kurzen Rock und ein Top. Wäre er nur ein bisschen schneller gewesen …
Der Speisesaal ist brechend voll. Er muss lange suchen, ehe er den Tisch findet. Sie sitzen nahe der Bühne. Auf dem Tisch eine Flasche Rotwein, halb voll. Arne trinkt Bier, also hat seine Mutter die halbe Flasche auf dem Gewissen. Obwohl er nur ihren Rücken sieht, erkennt er, dass sie schon beschwipst ist. Ihr Kopf hängt ein wenig schräg und neigt sich immer mehr zur Seite, je mehr sie trinkt. Nini ist auf ihrem Kinderstuhl eingeschlafen, und Truls kaut an einem Würstchen. Sein Gesicht leuchtet auf, als er seinen großen Bruder sieht. In diesem Augenblick erblickt Jo zwei Tische weiter das Mädchen aus der Nachbarwohnung. So wie sich seine Mutter und Arne benehmen, möchte Jo nicht zusammen mit ihnen gesehen werden und bleibt ein paar Meter von ihnen entfernt stehen. Glücklicherweise hat ihn das Mädchen noch nicht bemerkt.
»Willsu dir nichs nehmen?«, fragt die Mutter, sie ist schon betrunkener, als er gedacht hat.
»Bin nicht hungrig. Hab vorhin ein Würstchen gegessen.«
Was der Wahrheit entspricht. Außer das mit dem Würstchen. Sein Bauch, der Kopf, der ganze Körper schmerzen immer noch, als sei er halb bis nach Afrika getaucht.
»So ein Unsinn«, sagt Arne.
»Lassin doch selbs bestimmen«, verteidigt ihn die Mutter, als ob das helfen würde.
»Ich treff mich mit ein paar Freunden.«
»Okay«, sagt die Mutter und winkt.
»Du kommst aber bald wieder und nimmst Truls und Nini mit!«, sagt Arne in einem Befehlston.
Die Mutter bemüht sich um ein Lächeln.
»Pass einfach ’n bisschen auf sie auf, damit Arne un ich mal freihaben. Is doch schließlich unser Urlaub.«
»Frei, um sich volllaufen zu lassen«, murmelt Jo.
»Hast du was gesagt?«, knurrt Arne.
Jo blickt verstohlen zum Tisch mit dem Mädchen hinüber. Die stämmige Blonde sitzt auch mit am Tisch, zusammen mit zwei Erwachsenen. Sie sind mit ihrem Essen beschäftigt. Im Saal ist es viel zu warm. Jo hat die Wärme noch nie gemocht. Er spürt, dass irgendwas in der Luft liegt. Schließt er die Augen, wird es stockdunkel. Wenn er sie wieder öffnet, tauchen Schatten auf. Sie tragen etwas, das wie ein Vorschlaghammer aussieht … Er dreht sich um und geht, ehe andere dies bemerken.
»Hey, Joe.«
Jo bleibt am Beckenrand stehen und sieht sich um. In einem der Liegestühle an der Mauer entdeckt er den Mann, mit dem er gestern Abend gesprochen hat. Er, der wollte, dass Jo ihn Jakka nennt. Auf dem Tisch neben ihm brennt eine Kerze. Er liest ein Buch.
»Hei«, sagt Jo und spürt, dass sein Atem hier draußen in der Dunkelheit zur Ruhe kommt.
»Busy?«, fragt der Mann, der offenbar auch heute mit ihm reden will.
Jo macht ein paar Schritte auf ihn zu. Jakka trägt immer noch eine kurze Hose und ein schwarzes kurzärmliges Hemd.
»Und, hat sich alles geregelt? Ich meine, mit deiner Mutter und so?«
Jo antwortet nicht.
»Willst du dich für ein paar Minuten zu mir setzen?« Jakka macht eine einladende Geste in Richtung Nachbarliege. Jo setzt sich auf die Kante.
»Was liest du da?«, fragt er, um irgendwas zu sagen.
Jakka hält ein dünnes Buch hoch.
»Ein langes Gedicht.«
»Ein Gedicht?«
»Eigentlich ist es eine Geschichte. Eine Wanderung durch eine tote Welt. Oder eine Welt von Toten.«
»Eine Spukgeschichte«?
»Ganz genau!«, sagt Jakka. »Hab sie schon oft gelesen. Trotzdem verstehe ich sie immer noch nicht richtig.«
Jo fragt sich, was er damit meint.
»Der Teil, den ich gerade lese, heißt ›Death by water‹.«
»Handelt die vom Ertrinken?«, fragt Jo vorsichtig.
»Ja, ein junger Mann, ein Phönizier.«
»Phönizier?«, unterbricht ihn Jo. »Meinst du die Leute, die vor mehreren tausend Jahren in dieser Gegend lebten?«
Jakkas Augenbrauen ziehen sich nach oben und bilden zwei hohe Bögen.
»Respekt, Jo, du scheinst ja gut aufzupassen in der Schule.«
Das tut er, wenngleich sich sein Ehrgeiz in Grenzen hält.
»Dieser Phönizier ertrinkt also«, stellt Jo fest und gibt seiner Stimme einen gleichgültigen Klang. »Vielleicht ein Soldat?«
»Wohl eher ein Handelsreisender. Er treibt schon seit vierzehn Tagen im Meer. Ist nicht mehr viel übrig von ihm außer den Knochen. Haut und Muskeln sind größtenteils verschwunden. Er war ziemlich reich, aber was hat er jetzt davon? Jetzt befindet er sich in einer anderen Welt und hört nicht mal mehr das Schreien der Möwen.«
Plötzlich ist Jo leichter ums Herz. Anscheinend redet Jakka wirklich gerne mit ihm und tut nicht nur so.
»Gute Art zu sterben«, versucht er sich und wirft dem Mann im flackernden Kerzenlicht einen verstohlenen Blick zu.
Jakka sitzt da und studiert sein Gesicht.
»Ich habe über das Gespräch von gestern Abend nachgedacht«, sagt er schließlich.
Dieser Mann war schon mehrmals im Fernsehen, und jetzt sitzt er leibhaftig einen Meter von Jo entfernt und denkt über etwas nach, das ein Zwölfjähriger zu ihm gesagt hat. Plötzlich ist Jo auf der Hut.
»Gab es da … so viel nachzudenken?«
Jakka zündet sich eine Zigarette an.
»Hast du auch eine für mich?«
»Was glaubst du, was deine Mutter dazu sagt, wenn ein fremder Mann dich zum Rauchen verführt?«
Jo schnaubt verächtlich.
»Damit hat sie nichts zu tun. Wird sie sowieso nicht rauskriegen. Und wenn sie’s rauskriegt, ist es ihr scheißegal. Außerdem hab ich schon oft geraucht.«
Jakka gibt ihm seine Zigarette.
»Du musst dich mit einem Zug begnügen. Wenn du was erzählst, kriege ich Ärger. Es muss nicht viel passieren, und ich lande auf der Titelseite von VG, Dagbladet, Se og Hør und so weiter.«
Jo grinst.
»Da würde ich wohl ziemlich viel Geld für die Story kriegen.«
»Stimmt«, sagt Jakka. »›Prominenter verführt Jungen im Urlaub mit Zigaretten‹.«
Jetzt muss Jo lachen. Er zieht lange und intensiv an der Zigarette und spürt sofort, wie der herrliche Schwindel einsetzt.
»Ich sehe dich immer alleine hier«, sagt er, nachdem er einen weiteren Zug genommen hat.
»Ich bin alleine.«
»Fährst du alleine in Urlaub? Hast du keine Familie oder so was?«
Erneut wirft ihm Jakka einen langen Blick zu.
»Ich musste einfach weg von zu Hause«, antwortet er und lehnt sich zurück. »Hab mich spontan entschieden, bin in das nächstbeste Flugzeug gestiegen und zufällig hier gelandet. Überraschend schöner Ort. Vielleicht werde ich hier ein Haus kaufen.«
Es gibt nicht viele Erwachsene, die ein solches Leben führen. Die sich von heute auf morgen ins Flugzeug setzen und ein Haus auf Kreta kaufen, wenn sie Lust dazu haben.
»Die Sache mit deiner Mutter hat sich also nicht geklärt?«
Aus irgendeinem Grund kehrt Jakka zu dem Thema zurück, über das Jo am allerwenigsten reden will. Er antwortet nicht, und Jakka scheint endlich zu verstehen. Jedenfalls lässt er das Thema auf sich beruhen. Stattdessen beginnt Jo von dem Mädchen in der Nachbarwohnung zu erzählen. Sie hat lange Beine und richtige Brüste, sieht einfach gut aus. Ein bisschen hochnäsig vielleicht, eine Prinzessin eben.
»Und was willst du jetzt tun?«, will Jakka wissen und reicht ihm erneut seine Zigarette.
»Tun?«
»Na, um Kontakt zu ihr aufzunehmen. Du willst doch wohl nicht weiter einfach nur rumsitzen und von ihr fantasieren.«
Jo hat keine bestimmten Pläne, nimmt aber gern Tipps von jemand entgegen, der in dieser Hinsicht bestimmt sehr erfahren ist.
»Wie heißt sie?«
Jo zuckt die Schultern.
»Das solltest du erst mal rausfinden«, sagt Jakka. »Wenn du ihren Namen kennst, verschafft dir das einen Vorteil. In welchem Appartement wohnst du?«
»1206.«
»Na also, warte mal kurz.«
Jakka steht auf und verschwindet im Inneren des Hotels. Hier zu sitzen, nachdem er fort ist, tut Jo gut. Auf der anderen Seite der Mauer, weit unterhalb der Terrasse, hört er die Wellen schlagen. Ein blinkendes Licht in der Dunkelheit, ein Schiff auf dem Weg durch die Nacht. Und legt Jo den Kopf in den Nacken, sieht er Sternbilder, die er nicht kennt, sowie einen Satelliten, der sich dazwischen hin und her bewegt.
Vier, fünf Minuten später ist Jakka zurück. Er hat zwei Cola in der Hand, gibt Jo eine und lässt sich wieder auf dem Liegestuhl nieder.
»Sie heißt Ylva.«
»Wer?«
Jakka grinst.
»Das Mädchen, von dem du mir erzählt hast. Sie heißt Ylva Richter. Hat mich nur eine Frage an der Rezeption gekostet.«
Jos Augen werden zu schmalen Strichen.
»Dachte, ich könnte dir ein bisschen Starthilfe geben«, sagt Jakka in verändertem Tonfall. Vielleicht hat er Jos Unruhe bemerkt. »Ein gesundes Interesse an Mädchen zu haben ist allemal besser, als Pfadfinder zu werden, Sport zu treiben oder Hausaufgaben zu machen.«
Jo amüsiert sich. Jakka ist echt ein cooler Typ. Kaum zu glauben, dass er sich mit ihm abgibt, Lust hat, mit einem Zwölfjährigen zu reden, und zwar nicht nur über belangloses Zeug, sondern über wirklich wichtige Dinge. Jo braucht nicht mehr daran zu denken, dass seine Mutter und Arne dort drin im Restaurant sind, die Sau rauslassen und sich lächerlich machen. Die können machen, was sie wollen. Mit denen ist er fertig.
Er geht durch den Sand. Er brennt, aber er spürt es nicht. Das weiße Licht durchdringt alles. Ylva Richter geht neben ihm. Sie trägt ihren Bikini mit den roten Herzen. Ich kenne einen Ort, wo uns niemand sieht, sagt sie. Eine Höhle, in der wir ganz allein sein können. Sie gehen bis ans Ende des Strands. Um sie herum wachsen Blumen direkt aus dem Sand. »Wie kann nur etwas an solch einem Ort wachsen?«, fragt Ylva. Darauf hat Jo keine Antwort, also fragt sie vielleicht doch nicht, sondern schmiegt sich einfach an ihn, während er seinen Arm um ihre nackten Schultern legt.
In diesem Moment hört er das Klappern von Schlüsseln vor der Tür. Er schnappt sich ein Handtuch und bedeckt sich damit.
Vor ihm steht seine Mutter. Sie stützt sich am Türrahmen ab.
»Hallo, mein Schatz«, sagt sie lächelnd und blinzelt in seine Richtung. Etwas Rotes ist über die Träger ihres Kleids gelaufen. »Sitzt du hier im Dunkeln?«
Als Antwort verzieht er nur das Gesicht.
»Ich glaube, ich bin ein bisschen müde«, erklärt sie und zerrt sich die hochhackigen Schuhe von den Füßen.
Sie nimmt eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, füllt ein Glas und trinkt. Das Wasser läuft aus ihren Mundwinkeln in den sonnenverbrannten Spalt zwischen ihren Brüsten.
Danach kommt sie ins Wohnzimmer, streicht ihm im Vorbeigehen über die Haare, beugt sich zu Nini hinunter und lauscht auf ihren Atem. Sie dreht sich wieder um und steht jetzt dicht vor ihm.
»Schön, so einen tollen großen Bruder zu haben.«
Ihre Stimme ist ein bisschen wackelig und unsicher, doch sie ist nicht betrunken. Sie umarmt ihn und küsst ihn auf die Wange. Ihr Atem riecht nach Wein, ihr Parfüm erinnert an Flieder. Er windet sich, dreht den Kopf jedoch nicht weg.
Sie geht aufs Klo, pinkelt lange, spült und wäscht sich die Hände. Dann taucht sie im Türrahmen auf.
»Willst du etwa den ganzen Abend im Dunkeln sitzen?«
Er zuckt die Schultern.
»Gibt ja nicht mehr Zimmer hier.«
»Komm mal rüber zu mir. Ab und zu müssen wir doch miteinander reden.«
Er folgt ihr. Sie räumt die Kleider vom Doppelbett, Slips, Unterhemden und einen nassen Bikini, hängt sie über den Deckel des Koffers, der in der Ecke steht, und legt sich auf die Bettdecke. Jo lehnt sich an die Wand.
»Setz dich zu mir«, sagt sie und klopft auf den Rand der Matratze.
Er tut, was sie sagt. Will ihr nicht erzählen, was er davon hält, dass sie so viel trinkt und sich vor allen Leuten zum Gespött macht.
»Du bist ein guter Junge, Jo«, sagt sie. Am liebsten würde er sie bitten, die Schnauze zu halten oder genau zu erklären, was sie damit meint. »Du weißt ja, dass es in letzter Zeit nicht so einfach war«, fährt sie fort. Das weiß er nur zu genau. Und versteht es trotzdem nicht. Will es auch gar nicht verstehen. Er hat Angst, was geschieht, wenn sie darüber zu sprechen beginnt. »Ich hab’s auch nicht immer leicht«, murmelt sie, und Jo will am liebsten aufstehen und gehen. Er hört ihrer Stimme an, dass sie den Tränen nahe ist. »Es gibt vieles, was du nicht weißt, Jo.« Sie streicht ihm über den Hinterkopf. »Ich brauche jemand, der mich mal richtig in den Arm nimmt.« Der Gedanke, sich über sie zu beugen, ist unerträglich. Jetzt hört er, dass sie still in sich hineinweint. Er versucht aufzustehen. Sie glaubt, dass er sich zu ihr umdreht, und zieht ihn zu sich heran. Sein eines Bein bleibt auf dem Boden, das andere liegt auf dem Bett. »Du warst doch immer mein lieber Junge. Ich werde auf dich aufpassen.« Sie lügt, denkt er. Der Fliedergeruch ist jetzt so stark, dass ihm speiübel wird. Und dahinter nimmt er den Geruch ihrer Haut wahr, nach Schweiß und Zwiebeln und etwas, das ihn an den Küchenlappen denken lässt, wenn er seit Tagen nicht ausgewrungen wurde und er ihn unter den Tellern in der Spüle findet. Sein eines Bein tut weh, sodass er es auch aufs Bett ziehen muss. Nun liegt er der Länge nach neben ihr. Sie hat einen Arm um ihn gelegt. Der andere Arm liegt an seinem Oberschenkel. Er spürt, dass dort unten etwas geschieht, etwas, das sie nicht merken darf, aber er schafft es nicht, sich von ihr wegzudrehen, weil sie ihn immer enger an sich drückt. »Du bist ein lieber Junge, Jo. Du bist so lieb … so lieb.«
Die Mutter winselt im Schlafzimmer, übertönt von Arnes Schnarchen. Jo hat im Fernsehen einen Bericht darüber gesehen. Wer schnarcht, stirbt früher oder bekommt Herzprobleme.
»Ich hab Hunger!«, quengelt Nini.
»Ich finde was für dich.«
»Nein, ich will Mama.«
»Die schläft.«
»Mama!«
»Dann mach’s halt selber«, faucht Jo. »Im Kühlschrank ist Joghurt.«
Sie hat Tränen in den Augen.
»Mag keinen Joghurt.«
Er hat Lust, ihr eine zu scheuern, der plärrenden Göre. Oder die Schlafzimmertür aufzureißen und seine Mutter an den Haaren aus dem Bett zu zerren. Nini hat Hunger, kapierst du das nicht, du alte Schlampe? Sie ist drei Jahre alt und hat Hunger! Wenn Arne aufsteht und den dicken Macker markiert, wird er eine Bierdose aus dem Kühlschrank nehmen und sie in seine verdammte verschlafene Fresse schleudern.
»Wir gehen einfach frühstücken«, schlägt Truls vor und zieht seine Shorts an. »Dann nehmen wir Nini hinterher mit zum Strand.«
Jo fährt herum und hebt die Hand, um ihm eine zu knallen. Truls springt zurück, und Jo lässt ihn in Ruhe. Sein kleiner Bruder kommt ständig mit Vorschlägen. Das nervt, aber er meint es ja nicht böse.
»Okay.« Jos Zorn lässt nach. »Hilf Nini aufs Klo. Ich geh schon vor und halte einen Tisch frei.«
Es ist halb neun. Der Speisesaal ist wie immer voller Leute. Er bleibt am Eingang stehen und sondiert die Lage. Zum Glück sind alle mit sich selbst beschäftigt. Nur ein paar Alte, die der Tür am nächsten sitzen, starren ihn an. Eine Frau, die ein weißes Stirnband um die grauen Haare trägt, flüstert ihrem Nebenmann etwas zu. Jo ist sicher, dass es um ihn geht. Um Mutter und Arne. Er dreht sich wieder um und will gehen, als jemand seinen Namen ruft. Daniel steht von seinem Stuhl auf der Terrasse auf und winkt ihm zu. Als Jo nicht reagiert, kommt er zu ihm.
»Möchtest du nicht bei uns sitzen?«
Daniel trägt ein Metallica-T-Shirt, dunkelrote Shorts und eine Sonnenbrille, die ziemlich cool und teuer aussieht. »Bei uns ist noch Platz.«
Jo wirft einen Blick hinüber. Mit dem Rücken zu ihm sitzt eine Frau in einem dünnen Kleid, deren Haare dunkler als Motoröl sind. Neben ihr ein kräftiger Mann, und am Tischende ein Junge in Ninis Alter. Eine Familie, die gemeinsam am Frühstückstisch sitzt. Sie haben noch einen freien Platz auf der glühend heißen Terrasse. Jemand könnte zu ihnen an den Tisch gehen und alles mit einem riesigen Hammer kurz und klein schlagen.
»Die anderen kommen gleich«, sagt Jo. »Ich muss einen Platz für uns alle finden.«
»Bist du nachher beim Strandfußball dabei?«
Daniel gibt nicht auf, wartet auf eine Antwort. Es darf jetzt nichts geschehen, durchzuckt es ihn. Nicht vor Daniel, seiner Familie und all den anderen Leuten. Er erblickt einen freien Tisch und geht dorthin. Er ist noch nicht abgeräumt worden. Teller, an denen noch Reste von Rührei und gebratenem Speck kleben. Ein paar Traubenkerne in einer Serviette, Kaffeepfützen in den Tassen. Truls taucht auf und zieht Nini hinter sich her. Jo sagt ihm, er soll den Tisch abräumen. Für Nini holt er eine große Schale mit Cornflakes.
»Ich will Honni-Korn!«, protestiert sie.
»Du isst das, was da ist!«, knurrt er, und dieses eine Mal versteht sie, dass es keinen Zweck hat, länger zu quengeln. »Schau her, vier Löffel Zucker, das wird dir schmecken.«
Truls lacht laut. Er hat sich selbst mit Bratwürstchen, gebratenem Speck und jeder Menge Ketchup versorgt.
»Super hier!«, kräht er.
Jo isst lustlos ein Brot mit Marmelade, während er den Tisch beobachtet, an dem Daniels Familie sitzt. Die Mutter steht auf und geht zum Ausgang. Sie ist schlank und ihr schwarzes Kleid eng geschnitten. Auch der Vater hat sein Frühstück beendet, bleibt jedoch sitzen und hört Daniel zu, der ihm irgendwas erzählt. Seine Haare kräuseln sich im Nacken, und er sieht aus, als hätte er viel Krafttraining gemacht.
Sie, auf die er gewartet hat, betritt den Raum, gefolgt von dem dicken, blonden Mädchen. An einem Tisch, unweit von Daniel direkt hinter der Schiebetür, legen sie ihre Badehandtücher ab. Weniger als zwei Meter von ihm entfernt gehen sie an ihm vorbei zum Büfett. Jo sieht sie nicht an, ist aber sicher, dass sie ihn anschaut. Jakka hat ihm geraten, nicht allzu viel Interesse zu zeigen – um plötzlich zuzuschlagen. Jo ist heilfroh, dass er allein mit Truls und Nini ist. Vielleicht hat ihn dieses Mädchen noch nie zusammen mit Mutter und Arne gesehen. Vielleicht muss sie überhaupt nicht von ihnen erfahren.
Weniger als drei Minuten später kommt sie mit einem Tablett zurück. Sie hat gerade gebadet, denn der Bikini zeichnet sich feucht über ihrem Po ab. Durch den dünnen, gelben Rock hindurch sieht Jo, dass es der mit den Herzen ist, der gestern auf dem Balkon zum Trocknen hing. Ylva heißt sie. Ylva Richter. Ob er Jakka vertrauen kann? Warum sollte er ihm nicht vertrauen? Er ist nicht nur prominent, sondern auch unterhaltsam. Und aus irgendeinem Grund interessiert er sich dafür, was Jo gerade beschäftigt. Jo blickt sich um, ob Jakka in der Nähe ist. Doch Jakka ist nicht der Typ, der so früh schon auf den Beinen ist, denkt er. Eher der Typ, der die ganze Nacht aufbleibt, raucht und Gedichte über ertrunkene Phönizier liest.
Bevor Jo mit dem Frühstück fertig ist, steht Ylva auf. Zwischen dem gelben Rock und dem noch kürzeren Oberteil sieht man ihren Bauch. Sie trägt einen Ring im Nabel. So was hat Jo noch nie gesehen. Er kann es nicht lassen, ihn anzustarren. Wenn sie geht, wippen ihre Brüste unter dem Oberteil. Er zwingt sich wegzuschauen. Mädchen mögen es nicht, so angeglotzt zu werden, würde Jakka vielleicht sagen.
Während sie um die Ecke verschwindet, steht Jo auf. »Bleib hier mit Nini.«
»Wo willst du hin?«
»Aufs Klo. Ihr geht nirgendwohin, verstanden?«
Truls kaut auf einem Würstchenstummel herum und scheint es überhaupt nicht eilig zu haben.
»Bin in ein paar Minuten wieder da«, ruft Jo über die Schulter.
Er beugt sich vor und wirft einen Blick auf den Nachbarbalkon. Die Tür ist geschlossen und die Gardine vorgezogen. Doch er zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sie dort drin ist. Im Schlafzimmer ist es still. Nicht mal Arnes Schnarchen ist zu hören. Vielleicht ist sein Herz stehengeblieben, und er liegt mit blau angelaufenem Gesicht im Bett, während ihm die schwarze Zunge aus dem Mund hängt. Oder er hat sich im Suff auf die Mutter gewälzt und sie erstickt, sodass sie beide nicht mehr am Leben sind. Dann wird er einfach mit Truls und Nina abhauen. Im Flugzeug neben Ylva sitzen. Du kannst bei mir wohnen, sagt sie. Was ist mit Truls und Nini?, fragt er. Ich muss mich um sie kümmern. Sie haben doch nur mich. Sie beugt sich zu ihm vor. Meine Eltern können sie adoptieren. Sie werden es gut bei uns haben.
Er tut es, ohne weiter darüber nachzudenken. Schleicht sich nach draußen, zur Tür der Nachbarn und klopft an. Keine Reaktion. Ging es nicht darum, sie endlich kennenzulernen? Er klopft noch einmal. Plötzlich schlurfende Schritte von innen.
»Wer ist da?«
Ylvas Stimme. Jetzt wird ihm etwas klar, das er bereits gestern am Pool bemerkt hat. Sie hat eine Aussprache wie die Leute in Südnorwegen oder in Bergen. Er hat Lust, ihren Namen auszusprechen, reißt sich aber zusammen.
»Ich bin’s … ich wohne nebenan.«
Sie öffnet die Tür. Sie trägt Unterhemd und Shorts. Um den Kopf hat sie ein Handtuch wie einen Turban geschlungen.
»Hei«, sagt Jo.
»Hei.«
»Ich wohne nebenan«, wiederholt er.
»Ah …«
Sie spricht dieses Ah aus, als hätte sie ihn noch nie gesehen. Ich wohne nebenan, hätte er fast zum dritten Mal gesagt. Darf ich reinkommen?
Auf ihrem Sofa sitzen. Ihre Hand halten. Doch ihr Blick verheißt nichts dergleichen.
»Könnt ihr mir einen Dosenöffner leihen?«, rettet er sich aus der Situation, erleichtert darüber, wie natürlich er klingt. Einen Dosenöffner kann jeder einmal brauchen. Völlig normal, sich so etwas von seinem Nachbarn auszuleihen.
»Einen Dosenöffner?« Sie wirft einen Blick in die Küche. »Mal sehen, ob wir so was haben.«
Sie schließt die Tür von innen. Bittet ihn nicht herein. Kein Wunder, er hat sie ja auch überrumpelt.
Kurz darauf ist sie zurück und hält ihm einen Metallgegenstand hin. Flaschenöffner, Dosenöffner und ausklappbarer Korkenzieher in einem. Genau den gleichen hat er in ihrer Küchenschublade entdeckt, als sie ankamen, und nun liegt er auf dem Nachttisch seiner Mutter.
Plötzlich fühlt er sich mutig. Sieht ihr lange in die Augen. Sie sind braun, mit ein paar schwarzen Einsprengseln.
»Bin gleich wieder da«, sagt er und dreht sich um.
»Kein Problem«, entgegnet Ylva. »Kannst ihn ruhig später zurückbringen.«
Er bleibt in der schummrigen Küche stehen und schließt die Hand um den Öffner. Er drückt seine Handfläche so hart gegen die kleine Spitze, dass sie durch die Haut dringt und er den Schmerz bis in die Finger spürt.
Da hört er die Stimme seiner Mutter im Schlafzimmer. Belegt und verschlafen. Im nächsten Moment kommt sie splitternackt aus der Tür und geht aufs Klo. Er schleicht sich wieder hinaus ins Licht. Das kleine Badezimmerfenster steht offen. Vielleicht steht Ylva vor dem Spiegel und kämmt ihre langen, feuchten Haare. Er klopft erneut. Diesmal öffnet sie sofort, ohne zu fragen, wer da ist.
»Schon fertig?«, fragt sie und lächelt verhalten.
»Thunfisch«, erklärt er, etwas anderes fällt ihm nicht ein. »Schön hier«, fügt er rasch hinzu, denn es sieht so aus, als wolle sie die Tür wieder schließen.
»Ja«, sagt sie.
»Schöner Strand«, sagt er.
Sie nickt.
»Ich geh gleich hin. Muss mich nur erst fertig machen.«
Es prickelt in seinem Gesicht. Was sie sagt, klingt so wie: Wollen wir uns am Strand treffen? Er hebt die Hand, um sie zu berühren, traut sich nicht und streicht sich stattdessen über die Lippen.
»Dann sehen wir uns später«, sagt er.
Sie hebt die Brauen, die rechte ein wenig höher, wie er bemerkt.
»Äh, ja …«, sagt sie und schließt die Tür.
Er steht unbeweglich da und bemerkt, dass er vergessen hat, ihr den Dosenöffner zurückzugeben. Sie hat es offenbar auch vergessen. War anscheinend zu sehr in das Gespräch mit ihm vertieft. Aber noch mal zu klopfen wäre ein Fehler. Jakka hätte ihn davor gewarnt, da ist Jo sicher. Stattdessen steckt er den Öffner in die Tasche. Das gibt ihm Gelegenheit, später noch einmal vorbeizuschauen. Er läuft hinauf in den kleinen Park mit den Spielgeräten, wo immer so viele Katzen sind. Einige streichen umher, andere klettern in den Bäumen. Auch das einäugige Kätzchen ist da, dort drüben am Zaun. Jo macht die Pforte auf. Das Kätzchen erkennt ihn wieder, kommt langsam auf ihn zu und streicht um seine nackten Beine. Obwohl sein Fell zerzaust ist, fühlt es sich weich an. Das kleine Tier schaut mit dem einen Auge zu ihm auf und gibt einen klagenden Laut von sich. Vielleicht will es etwas von ihm. Er weiß es nicht. Vielleicht sollte er es hochheben und das Fell an die Wange drücken. Mit den Fingern die leere Augenhöhle ertasten. Das Kätzchen so lange zusammenquetschen, bis es aufhört zu jammern.
Doch er begnügt sich mit einem Fußtritt, damit es ihm nicht folgt, wenn er durch die Pforte geht.
Unterhalb des Kiosks bleibt er stehen und lässt seinen Blick über den Strand schweifen. Er schleicht sich zu dem großen Baum. Irgendwo an diesem Strand muss sie sein, Ylva, denn am anderen Strand, der ein paar hundert Meter entfernt liegt, ist er schon gewesen.
In diesem Moment erblickt er sie. In ihrem Bikini mit den dunkelroten Herzen kommt sie aus dem Wasser. Sie bündelt ihre Haare, dreht sie ein paarmal und wirft sie sich auf den Rücken. Die kleine Blonde watschelt hinter ihr her wie ein pummeliges Haustier, denkt Jo grinsend und folgt Ylva mit dem Blick. Sie geht zu einem Sonnenschirm in der zweiten Reihe, nimmt ein Handtuch, trocknet Gesicht und Oberschenkel ab, hängt es wieder auf und legt sich in die Sonne.
Geh zu ihr, Jo, hört er Jakka sagen. Warte, bis sie wieder baden geht, folge ihr ins Wasser und verwickele sie in ein Gespräch. Kein Problem, ein Gesprächsthema zu finden, wenn die Wellen sich vor ihr auftürmen und sie umzuwerfen drohen.
Er hält sich an den ersten Vorschlag, will nicht länger warten. Schleicht sich näher an sie am Ende des Strands heran. Er erkennt die Erwachsenen wieder, mit denen sie auch im Speisesaal saß. Der Mann, bestimmt ihr Vater, hat graue Haare. Und die Mutter sieht Ylva überhaupt nicht ähnlich. Sie ist klein und hat einen dickeren Bauch als Jos Mutter.
Zwei Sonnenschirme weiter sitzt Arne.
Jo bleibt abrupt stehen. Seine Mutter ist natürlich auch da. Und die beiden, mit denen sie am ersten Abend getanzt und rumgemacht haben. Seine Mutter hat ihren rosa Bikini an und liegt flach auf dem Liegestuhl, den Strohhut über dem Gesicht. Neben ihr im Sand stehen zwei große grüne Bierflaschen. Arne hat ihr den Rücken zugekehrt und spricht mit den beiden anderen. Er hat ihn noch nicht entdeckt. Jo dreht sich um und flüchtet sich unter einen Baum. Ohne sich noch einmal umzuwenden, rennt er den Hügel hinauf, an den Appartements vorbei und hinunter zum anderen Strand.
Dort sind weniger Menschen. Inmitten einer Gruppe von Jungs sieht er Daniel und läuft auf ihn zu.
»Klar zum Fußball?«
»Wo?«, fragt Jo.
»Im Schatten natürlich. Wenn du dir nicht die Beine verbrennen willst.«
Daniel ist anscheinend immer von einem Haufen Freunde umgeben. Ist ja auch ein cooler Typ, muss Jo zugeben. Und er sieht gut aus. Gestern Abend saß er am Pool und quatschte mit ein paar Mädchen, die mehrere Jahre älter aussahen als er.
Weitere Jungen schließen sich ihnen an, während sie das Spielfeld markieren und Handtücher als Pfosten hinlegen. Sie sind zu siebt, einschließlich der beiden Schweden, die sie gestern im Volleyball geschlagen haben, und drei anderen, mit denen Daniel englisch spricht.
»Ich frag Papa, ob er mitspielt«, sagt er, »dann wären wir vier in jeder Mannschaft.«
Jo muss insgeheim darüber lächeln, dass Daniel »Papa« sagt. Daniel sprintet zu einem Sonnenschirm an der Steintreppe. Jo sieht, dass sein Vater die Zeitung hinlegt, aufsteht und langsam zu ihnen herüberkommt. Als er sie erreicht, streckt er die Hand aus und begrüßt sie der Reihe nach.
»Ich muss ja schließlich wissen, mit wem ich zusammenspiele«, sagt er mit breitem Grinsen. Er ist sehr groß und muskulös und sieht mit seinen halblangen Haaren wie Obi-Wan aus Star Wars aus.
Sie bekommen einen der Schweden in ihre Mannschaft. Er heißt Pontus. Er ist klein, dünn und schnell. Ein typischer Flügelstürmer. Jo spielt am liebsten zentral. Er hat einen guten Schuss, und sein Trainer lobt ihn ständig dafür, dass er beim Spiel den Überblick behält. Ist ihm recht, wenn Daniel in die Spitze geht. Sein Vater bleibt hinten und erklärt sich selbst zum spielenden Keeper.
Daniel ist natürlich gut, erschreckend gut. Eine rasche Finte und einen erbarmungslosen Schuss. Einmal nimmt er den Ball volley. Unhaltbar. Erinnert an Marco van Basten. Aber er konzentriert sich beim Spielen nicht auf sich, sondern hat stets einen Blick für den Nebenmann. Bietet sich ständig an und will Doppelpass spielen.
»Guter Ball!«, ruft er Jo nach einer weiten Flanke zu. Und nachdem Daniel durch eine geschickte Körpertäuschung einen Verteidiger und den gegnerischen Torwart hat ins Leere laufen und den Ball lässig über die Linie rollen lassen, bedankt er sich bei Jo mit erhobenem Daumen für seinen tollen Pass.
Auch sein Vater gehört zu den Typen, die ihre Mitspieler ständig aufmuntern und anfeuern.
»Super, Jo!«, ruft er, als Jo einen Diagonalpass abfängt. »Der hätte mich ganz schön in Schwierigkeiten gebracht.«
Nach dem Match sagt Daniel:
»Komm mit rüber zu uns. Wir haben eine Kühltasche mit Saft. Allerdings keine Cola. Meine Mutter ist eine Gesundheitsfanatikerin. Viel schlimmer als Papa, obwohl der Arzt ist.«
Jo zögert. Warum wird er ständig eingeladen? Es muss etwas dahinterstecken, aber er weiß nicht, was. Die ganze Zeit wartet er darauf, dass Daniel eine verräterische Bemerkung macht, zu erkennen gibt, dass er über ihn lacht. Aber nichts dergleichen geschieht. Gibt es tatsächlich Leute, die seine Mutter noch nicht stockbesoffen auf der Tanzfläche gesehen haben?
»Wir brauchen mindestens zehn Liter Saft, so viel haben wir geschwitzt«, sagt Daniel zu seiner Mutter. »Und Jo ist bestimmt doppelt so viel gelaufen wie ich.«
Seine Mutter liegt auf dem Bauch und liest ein Buch. Sie trägt nur ein weißes Bikinihöschen, auf der einen Seite ist ein großes Blatt zu sehen. Sie wirft ihnen einen Blick zu.
»Hallo, Jo«, sagt sie mit ziemlich tiefer Stimme und liest weiter.
Erst jetzt sieht Jo sie aus der Nähe. Sie hat fast gar keine Falten und sieht viel jünger aus als seine eigene Mutter.
»Nehmt euch selbst«, sagt sie gähnend. »Die Tasche steht da drüben.«
Daniels Vater hat sich ein großes Handtuch um die Hüften geschlungen und Badeshorts angezogen. Jo kann sich nicht beherrschen und wirft einen kurzen Blick auf seinen Schritt, doch glücklicherweise sind die Shorts genauso groß und weit wie seine eigenen und die von Daniel.
Mit Brustzügen schwimmen sie hinaus. Jo behält sein gelbes T-Shirt an. Ihm wird klar, dass er sich auch für den Rest der Ferien nicht mehr mit nacktem Oberkörper zeigen wird. Er hätte das Hemd am ersten Tag ausziehen können. Jetzt ist es zu spät. Aber Daniel sagt nichts dazu.
»Lass dich ja nicht auf ein Wettschwimmen mit dem da ein«, warnt er seinen Vater und macht eine Kopfbewegung in Jos Richtung. »Vor allem nicht unter Wasser.«
»Ach so?«
»Der ist gestern bestimmt fünfzig Meter weit getaucht. Gegen die Strömung. Total verrückt.«
Diese Worte hatte er auch gestern benutzt, obgleich er sie heute betont, als wolle er ihn aufziehen. Doch Jo scheint sich wirklich Respekt verschafft zu haben.
»Ist das wahr, Jo?«
»So ziemlich.«
»Da musst du wirklich ein riesiges Lungenvolumen haben«, sagt der Vater beeindruckt. »Das habe ich übrigens auch beim Fußball gemerkt. Du hast die anderen schier in Grund und Boden gerannt.«
»Wo kommt man hin, wenn man einfach immer weiterschwimmt?«, fragt Jo, um das Thema zu wechseln.
»Immer weiter?« Daniels Vater blickt zum Horizont. »Also irgendwann kommt man nach Afrika.«
»Ich meine, wo in Afrika?«
»Vielleicht Ägypten oder Libyen. Kommt drauf an, ob du direkten Kurs halten kannst. Ich schlage vor, wir begnügen uns damit, zu den Bojen zu schwimmen.«
